Zlnterhaltimgsblatt des Horwärts Nr. 27. -O Sonntag, den 8. Februar. 1903 (Nachdruck verboten.) 2T] Der JVIüUerbannes. Roman ans der Eise! von Clara Viebig. Aufspringend reckte Hannes die Anne zur Decke mit einem furchtbaren Gähner, der seine starken Zähne zeigte, und schüttelte die riesigen Fäuste und streckte dann alle zehn Finger aus, als sollten sie nach was greifen. Noch war er nicht unter die Füße gekommen, wenn auch der Laufeld schon gedachte, auf ihm herumzutrampeln— den Buckel lang rutschen, ja, das konnte ihm der! Und das konnten ihm auch die Müller! Eigentlich waren die zwei in den weißen Mühlen keine bösen Lcut— ein Hallunke würde ihn nicht am Wegrand ausgelesen haben, dazumal, als er aus dem Chaischen gestürzt, und ihn heimgeführt haben, als sei er sein leiblicher Bruder. Und hatte der andre ihm nicht letzthin zu wissen gethan, er wolle ihm seine Mühle abkaufen, so gut, daß er sich mit der Wittlicher Sparbank abfinden könne und noch was übrig behalten— das war ein Vorschlag! Aber nein,— nein— und wieder nein, seine Mühle gab er nicht her. die gehörte ihm von Gott und Rechtswegen, ihm ganz allein, da durfte kein andrer d'ran rühren: kam einer, wahrhaftig, dem schlug er lieber den Schädel ein!— „Ne— ne— ne—!" Plötzlich laut herausschreiend, daß der Alte entsetzt auffuhr, stapfte er mit großen Schritten in der Stube auf und ab. Bös kläffend folgte der auch auf- geschreckte Nero seinen Tritten. Da wagte der Vater endlich ein Wörtchen: „Hannes, wat machste? Hannes, wat denkste denn?" Aber ihm ward keine Antwort, nur herrisch, herrischer noch als er einst die Frau angefahren, fuhr der Sohn ihn jetzt an:„Halt Dein Maul!" Sich mit zitternden Fingern ein stärkendes PrieSchen in die Nase stopfend, verstummte der Greis. Die Thräneu kamen ihm in die Augen:„Hazieh!"— nur vom Niesen! „Geh' häm— laß mich zufrieden," schrie der' Sohn. Da trollte sich der Vater von dannen, um am andren Abend, wenn's dunkelte, gewiß wiederzukommen, llnd ebenso gewiß wartete der Sohn� schon auf ihn. Die Franz war viel allein. Kameradinnen hatte sie nicht — wie. sollte sie noch mit den gewöhnlichen Bailerndirnen ver- kehren? Als Kind, in ihrer Dummheit, war sie freilich mit denen umhergesprungen, aber jetzt?! Die waren alle Mägde geworden oder schufteten hart auf dem elterlichen Acker, nur mit knielangen Zumpelröckchen angethan, die Beine ohne Strümpfe. Da rümpfte sie ihre Nase. Eh' sie sich mit denen gemein machte, blieb sie lieber für sich. Zur Großmutter trieb sie's auch nicht— was sollte sie mit der alten Frau schwätzen?! Die klagte nur, und sie wollte gern lachen: die sprach nur von der Vergangenheit, und sie wollte Zukunft. Oft sah sie sich in den Spiegelscherben, der gleich beim Weihwasscrkcsselchen in ihrer Kammer, hing— ihre Augen waren leuchtend, ihre Haut Milch und Blut, ihr Haar glänzende Wellen. Wie, war sie nicht schön, sollte nicht dereinst einer in der goldenen Kutsch' kommen und sie holen?! Hellt' hatte der Müllerhannes mit ihr gescholten— nein, nicht gescholten, geschimpft, ganz sackgrob. Warum dem:? Ei, das wußte sie ja gar nicht, er war eben unwirsch„knötterig" schon vom frühen Morgen an. Weim er was Unangenehmes zu hören gekriegt hatte, was Aergcrliches, was konnte sie denn dafür?! Aber als sie's ihm gesagt, hatte er mit dem Pantoffel nach ihr geschmissen, ja. geschmissen! O, die arme Mutter, der llatte er's auch so gemacht. Aber sie. nein, sie ließ sich lange nichts gefalleil, was die sich hatte gefallen lasseil. Eher lief sie weg, weit weg! Und in zornige Thräneu ausbrechend, stürzte die Erregte zur Mühle hinaus, warf die Thür unsanft-hinter sich ins ' Schloß und rannte davon wie besessen. Sie mußte rennen,� sich austoben, der Unmut stieß ihr sonst daS Herz ab. War's nicht schon schlimm genüg, daß sie gar keine Freud' hatte? Andre Mädchen aus ihrem Stand hatten Plaisir die Masse, und bunte Bänder, viel neue Kleider und Bräutigams, die sie zu Tanz führten. Bräutigams? Da zuckreu ihre geraden Brauen, und sie zog die Mundwinkel verächtlich herab— Bräutigams konnte sie auch kriegen— Bauerntölpel aus Maarfelden— aber nein, dazu war sie sich doch wahrhaftig zu schad'— ans dem Acker arbeiten, wie ein Pferd, alle Jahre ein greinendes Kind kriegen und noch den Buckel voll Schläge dazu?! Sie schüttelte sich, und dann stampfte sie mit dem Fuße: die Burschen sollten sie in Ruh' lassen— aber wo wären die auch sonst so frech gewesen, hinter ihr drein„Pst!" zu machen! Daran war nur er schuld, an diesem Hebel und an vielen, ja, an allen der Müllerhannes ganz allein! Ein rechter Groll gegen den Vater stieg in ihr ans, sie hätte ihn hassen können, lind wenn's auch Sünde war, ja, hassen! Hatte er sich je um sie gekümmert? Und die Mutter — ach, die Mutter lebte gewiß noch! Mit einem Schlag stand die Gestalt der Mutter, an die sie lange nicht gedacht, vor ihr. Sie sah ihr verhärmtes Gesicht, ihr schwarzes Kleid und sah sie zittern. Sic hörte das Winseln durch die Kammerthür. Thränen des Schmerzes imd der Bitterkeit fingen an, über ihre Wangen zu fließen, und sie schluchzte laut. Immer weiter lief sie in zorniger Hast, tiefe Seufzer stieß sie aus, als sollte ihr das Herz brechen, llnd der— der schimpfte noch zu allem?! Aber wart', sie wollte ihm wohl Bescheid thun.„Du," würde sie sagen,„Hab' Du nur net e so en groß Maul! Wen hat dann alle? e fo weit e runner gebracht— he?! Dat mer tein anständig Kleid mehr hat,— für unter de Leut' zu gehen, kein Chäis' mehr hat, für drin zu fahren? Tat mer—- dat mer—" llnd wenn er dann mächtig schrie, sagte sie ganz patzig: „Spar' Tein Red', ich han et satt in der Mühl'— ich gehn!" Ganz verdutzt würde er gewiß drein seh'n, aber sie— „Ha, ha!" Ein helles Lachen schreckte sie auf. Da war sie schon an dem Brückchen angelangt, das unweit des Engs- loches über die Kleine Kyll führt: die Thalwiesen, von un- zähligen Herbstzeitlosen bestickt, breiteten sich, und am gc- mauerten Einfaß des Brückcheus lehnte ein Bursche, lachte und schwippte mit einer langen Angelgerte in den raschfließenden Bach. DaS war der Josef von Laufeld oben aus Manderscheid — sie kannte den wohl noch— wollte der etwa hier unten fischen in ihres Vaters Bach?! Zornig runzelte sie die Stirn. Schon wollte sie ihm einen Verweis austeilen, aber da besann sie sich: mit dem durfte sie nicht sprechen. Fest kniff sie die Lippen zusammen. „n'Abend. Fränz, wat bis Du c so groß geworden?" sagte der Josef, und dann nach einem musternden Blick:„un en staats Mädchc, c so is kein annerc hei! No, Fränz, wie geht et Der dann cweil?" Was, der wollte gar eine Unterhaltung mit ihr anfangen? Stracks kehrte sie ihm den Rücken. Mit dem Laufeld seinem Sohn sprach sie nicht— nein! Alles Unglück kam von dem alten Duckmäuser oben— das hatte sie oft gehört. Und auf einmal stürzte alles Leid, das sie mit angesehen und das sie täglich mit ansah, unter den musternden Blicken dieses wohl- gekleideten Burschen über sie her. Heiße Röte stieg ihr bis in die Stirn, fest preßte sie die Lippen aufeinander, daß ihr ja kein Wort entschlüpfe, warf den Kopf in den Nacken und schritt davon, nicht zu rasch, nicht zu langsam. Sie that sich Zwang an, gelassen und stolz zu scheinen. Der da sollte es nicht merken, wie sehr sie erregt war— verstohlen wischte sie hastig mit der Schürze, der hatte doch ihre Thränen nicht gesehen? — der sollte nur sehen, daß sie ihn, seinen Vater, die ganze Sippschaft verachtete. Ihr bescheidenes Kleid raffend, stieg sie über eine nasse Stelle des Weges. Es war schon abendlich, ein feuchtes Herbstdämmern breitete sich, ans den Gründen stiegen kalte weiße Nebel und hüllten alles Nagende wie in Ranchsäulen. Als sie an der Felsenecke einmal verstohlen zurückblickte, war von dem Joses nichts mehr zu sehen. Hatte er sich durch's Engs loch davon gemacht? Ah, abgeblitzt! Sie lachte hohnvoll, aller Schmerz ging in diesem Lachen unter. XVI. Dicht bei der Giebelwand, da wo der Mühlenpfad zur Straße hinauf gen Maarfelden führt, standen Weidenbäume. Bis vor wenig Jahren hatten die noch Mark und Saft gehabt, alle Frühjahr neu ihre graugrünen, wehenden Blätterbüschel aufgesteckt-, jetzt Maren die alten Stämme geborsten im tlingcnden freist des fetzivcrgangeiien Winters, der Lenz hatte ihnen kein(Äriiir mehr entlocken können, mir hier und da noch waren aus rissigem Stumpf eiu paar unkräftige Zweige auf- geschossen und standen gen Himmel, wie deutende ängstliche Finger. In diesem Winter hatten ftäuzchen ihre Wohnung ge- nommcn im Bauch der alten Weiden, ftaum dafz es dunkelte, fo Huben sie ihr gräuliches:„Huhnhui!" an; es war, als wollten sie um die Wette schreien mit dem Kuckuck, der drinnen im Haus ans der altem Uhr rief, dazwischen hellte einmal dumpf der alte Nero— das waren aber auch die einzigen Stiminen, die hier laut wurden. (Fortsetzung folgt.) 8onntagsp!aucLerei. Fn Berlin hatte man endlich begriffen, datz eS nicht so weiter gehen könne. Erst neulich hatte man wieder erleben müssen, das; der Ortsdicncr von Labia», obwohl Inhaber dcS'Apfelsincn-Ordcn-Z, inn genau 28 Tage hinter dein Ileberzeugnngen der Central- regiermig zurückgeblieben war, so datz eine bedauerliche Berlvirrung in den Genmtern der dortigen Bevölkerung eingerissen war: die Herzen wnsstcn nicht mehr recht, lvosiir sie begeistert bis zum Tode zn schlagen hätten. Zu solcher Rot trat der Ministerrat zusaimnen und Podbielski fand alsbald das erlösende Heilmittel. CS sollten hinfort jeden ersten und dritten Freitag im Monat J( o n l r o l l- vers a m m langen stattfinden, in denen die Gesimuuigcn der Beamten vom Nachtlvächtcr und Ortsdicncr üjS zum Dbcrprafidentcn geprüft und nötigenfalls auf die Berliner Rormalzcit gebracht werden sollten. Wessen lieber zeugnng nur um eine Sekunde vor- oder nach- ging und die richtige Stellung verweigerte, der miitzte unbarmherzig im Interesse der StaatScmtoruät ausgerottet werden. Ilm das An- sehen der höheren Beamten gegenüber den niederen zu schützen, werden die einzelnen Rangklassen gesondert versammelt. Nach den bisherigen Erfahrungen hat sich die neue Einrichtung vorzüglich bewährt. Ilm meinen Lesern einen Begriff von dcm Ber- fahren zu geben, teile ich nachstehend das Prorololl einer östlichen Bcainten-Kontrollversammliiiig erster Klasse mit. Angetreten waren der Minister als Kontrolleur, der Ober- vräsideut, der RegiennigSpräfident, ein Landrat(70 Fahre), ein Landrat(50 Fahre), ein Landrat(05 Jahre i. **' Nachdem der Minister sich mittels dreier Bürsten das Haupt- haar geglättet, hielt er eine kurze, aber stramme Ansprache. Er de- tonte, das; die Regierung unbedingr darauf bestehen müsse, ihr Ansehen im Lande aufrecht zu erhalten: jeder Beamte sei ver- pflichtet, die Politil der Regierung energisch zn unterstützen, und er, der Minister, werde mit eisernem Besen jeden auskehren, der sich widerspenstig, schlaff oder unwillig zeige. Tie hohen Beamten schrien Hurrah und dmm begann die Prüfung. Der Mini st e r: Ich bitte, welche religiöse klcberzeugmig hat man gegenwärtig? Der Oberpräsident: Wir sind treue Söhne dcS evangelischen Bekenntnisses. Der M i„ i st e r(stirnrunzelnd): Hm! Was meinen Sic, Herr Nkgiermigspräsident? Der RcgiernilgSpräsid cnt: Die Religion mutz dem Bolle erhalten werden. Der Minister: Na ja, aber welche? Dliat is tlie guestion — Das ist die Frage, wie Bülolv zutreffend bemerkte. Der erste Landrat(70 Fahre): So, wie cS uns die Offen- barung der Bibel und der Katechismus lehrt. Luther für immer! Nieder mit Harnack I Der Minister(ärgerlich): Ich bilte sich zu mäßigen, Herr Landrat. Dieser Harnack ist K sehr anständiger Mann. Uebcrhaupt die einseitige Betonung dcS evangelischen Bekcmitniffes ist, durchaus nicht zeitgeinätz. Der z Iv e i t e L a n d r a t(50 Fahre— eilfertig): ES war immer meine Ilcberzeugmig, datz im Katholizismus das Heil liege. Die edlen Herren dieser Kirche— Der Minister(unterbrechend): Die Regierung ist nicht dieser Ansicht, heute nicht. Der dritte L a n d r a t(35 Fahre): Ah, ich hab'S. Ich las es soeben. Wir müssen dein Volke die Metaphysik Schopenhauers, die Religion des impolitischen Pessi- einerseits, des politischen Optimismus andrerseits ciittrichtern. Der Minister: Sie eilen der Zeit voraus, jimgcr Manu! Ich bedauere wirklich, das; Ihre religiösen Ueberzengimgen sich so wenig ans dem Lausenden erhalten. Die Regierung mutz darauf be- stehen, das; dem Volke die b a b y l o n i s ch c Religion erhalten wird. Sache ist_ nämlich, wie aktenmätzig feststeht, das; die verstilchten Faden einfach von Babylon abgeschrieben haben. Babylon ist erst- tlasfig. Autzerdem baut deutsches Kapital in der Gegend'ne Bahn. Ich bitte Sie also, die Schnlinspektoren, Geistlichen, Lehrer deingemätz zu instruieren Die Beamten lim Eyorns): Sehr woyl, E�eelleuz, wir sind jetzt alle Babylonier! »* Die Prüfung wandte sich dann der nationale» Frage zu. Hierbei kam cS zu eine»» peinlichen Zusammenstotz zwischen dem Minister und detn ersten Landrat, der init der Hartnäckigkeit dcS Alters darauf bestand, das; cS seine llcberzeugmig sei, die Polen mütztcn als gleichbcrcchngt anerkaimt, ihre Sprachen und Sitten geschont, ihre begreifliche Erbitterung versöhnt werden. Ter L a n d r at erklärte einschieden, er wüßte ganz genau, das; mm; in Berlin diese Neberzeugung wünsche. ÄoscielSti habe es ihm selbst gesagt. Der Minister erwiderte scharf: Sie scheinen ivirklich noch unter dein seligen Caprivi zn leben. Ädmiralski ist einfach dr Hoch- Verräter. Wir datieren heute, Herr Landrat,„Bülolv". Ich möchte Ihnen dringend ans Herz legen, den polnischen Kaninchen den Zaun anzulegen. Die Regierung versteht in dieser nationalen Lebens- frage keinen Spatz. Darauf entschuldigte nch der erste L a n d r a t und betonte, das; er sich nur versprochen habe: es sei seit jeher seine innerste lieber- zeugimg, das; das Poleiitutii ausgerottet werden müsse. Der M i n i st e r richtere darauf die Frage an die Versamtnelten: Was würden Sie rhim, wenn ein Pole die Anzeige erstattet, das; bei ihm eingebrochen sei und Wertgegriistände gestohlen seiet:, und zlvar von einem Denischen? Der dritte Landrat gab darauf die Antwort: Ich würde den Polen verhaften lassen, weil er durch die Ansbewahruug von Wert- fachen den armen Dcnrschen in gemeiner Weise zum Einbrnchsdiebstahl verleitet hat. Der M i n i st e r lächelte äntzcrst befriedigt und versprach dem jungen Landrat, an ihn zn denken. Schlichlich wurde noch beschlossen, eine Reinemache fran eines LandratSanites zn entlassen, iveil man die Erfahrung gemacht hatte, das; ihres SchwiegerstiestinterS uneheliches Schwesterkind mit einem Polen zusammen ans der Eisenbahn gefahren wäre. ** » Die Verständigung über die S o c i a l p o l i t i k machte einige Schivierigteiten. Während der erste L a» d r a t die Erlasse von 1800 hersagte, forderten Lbcrpräsidcnt und Regieruitgspräfideitt soivie der ziveite Landrat die Zuchihausvorlage. Nur der dritte Landrat kam der richtigen Ueberzengung nahe. Er meinre, man tötme sich durchaus mit der Socialoemokratie verständigen, wentr sie, statt nnsinnlgcn Utopien nachzujagen, sich entschlossen ans den Boden der Monarchie stellte und sich— statt aller übrigen maß- losen Forderungen— mit der allgemeinen Verkürzung der Arbeits- zeit lim zehn Minuten begnügen lvürdcn. Der M i ti i st c r fügte hinzu, es würde»ehr gern gesehen werden, wenn man einigen loyal gesitititenKfflhhirten schwarze, wenn auch beretrs gebrauchte, Anzüge schenken würde und die so Bekleideten dann in das preutzifche Abgeordnetenhaus gewählt würden. Auch fei es empfehlenswert, wen» die Herren gelegentlich einen znverlässtgeii Landarbeiter zu ihrer Mittagstafel heranziehen würden. Das sei ein Gebot der christlich-monarchischen Socialvolitik und geeignet, die bedauerlichen Gegensätze innerhalb der Nation zn überbrücken. Er könne verraten, das; sein Kollege, der Eiscnbahn-Minister, mit dieser Lösung der Magenfrage die grötztcn Erfolge erzielt habe. Natürlich sei es zu- lässig, an solchen Tagen etwas billigere Speisen auf den Tisch zn bringen, llnter allen Umständen seien Scharfmachereicn vor den Wahlen zu unterlassen. Tie gemeinsame Ucberzcilgung wurde endlich dahin festgestellt: „Der Schutz der Schwachen isl die erste Ausgabe des Staates. Der Oberprästdcnt bezw. Regierungspräsident bezw. Landrat ist der Vater bczlv. Helfer bezw. Freund aller Elenden ntid Armen." • Zum Schliff; ging der Minister auf die schwierigste Frage ein: die Zollpolitik. Er schickte folgende Bemerkung voraus: Gc- rade auf diesem Gebiete wird die Regierung init unerbittlicher Energie lind rücksichtsloser Konsequenz ihre Autorität zu wahren wissen. Sic wird keinen Widerspruch, von niemandem, sei er, tvcr er wolle, dulden, und jeden ohne weiteres sciiics Amtes entheben, der eine abweichende Meinung'zu äutzern oder gar zn berhätigen wage. Der Minister: Also, meine Herren, für welchen Zoll sind wir? Der Oberpräsident: 7,50 Mark. Der Regierungspräsident: 7,50 Mark. Der erste Land rat(sehr erregt): Aber wir können doch im- möglich dem Volke daS Brot verteuern. 3,50 Mark ist das Höchste. (Hohngelächtcr, in das auch der Minister einstimmt. Ruf: Caprivi 1) Der zweite L a u d r a t: Unglaubliches Verhaltet: für einen preutzischen Landrat. Der erste Landrat(errötend): Allerdings ich versprach mich. Wir sind ja jetzt auf der mittleren Linie. Daher natürlich: 5 Mark. Das ist aber auch das äutzerste. Die Regierung selbst erklärt, datz sie nicht über 5 Mark hinausgehen kann und sie lehnt mit aller Ent- schiedenhcit die matzlosen und verhetzenden Agitationen des Bundes der Landwirte ab. 5 Mark � daS ist unsre wahre Ueberzciigtmg. Das wird mir der Herr Minister bestätigen. Der M i n i st e r(zögernd): Allerdings... Der zweite und dritte Landrat: 7,50 Mark. Keinen Heller weniger! Die Landwirtschaft darf nicht ruiniert werden. Der Oberprä sident: Sehr richtig. Unter dem machen tvir's nicht, Der erste 2 an b r a t: Aber das ist Auflehmmg gegen bic Regierung, das ist Revolution! iZivischenruf: Verräter l) Der Regierungspräsident: Schmeiht den Kerl raus I Der erste 2 au brat(eigensinnig): Der Minister wirb mir bestärigen, bau bie Regierung die Forbcrung von 7'/, Mark Zoll snr einen Frevel hält. Der Overpräsibent l(schreiend): Die Mi- Der Regierungspräsident: nister können uns Ter zweite und dritte Lau brat j sonst was I Der M i n i st c r(zornig— zuni ersten Saubrat): Ich bitte Sie, einen Augenblick mit mir heraus zu kommen.(Sie gehen heraus. Der L a n brat glänzt vor Freude und Stolz. Endlich wird er besvrdert werden!) Der e r st e L ä u d r a t(bescheiden): O, Herr Minister, es war nur meine einfache Pflicht, die Anschauung der Regierung... Ter Minister(unterbrechend, reicht ihm einen sechslausigcu Revolver): Da, Sie Unglücksmensch! Bitte bedienen Sie sich!(Läßt ihn stehen und geht wieder in das Konferenzzimmer). Der Oberpräsident](immer noch lärmend): Tie Ter Regierungspräsident! Minister können uns sonst Der zweite und dritte Landratj was I Ter Minister: Gestatten Sie. mir, dag ich Ihnen meinen tiefgefühlten Dank ausspreche. Die Regierung bedarf überzeugungs- treuer, charaktervoller Männer, die ihre wohlerwogene Meinung gegen jedermann zn verteidigen den Mut haben. Ich werde an Sie denken.(Draußen fallen schnell hintereinander s e ch S o ch ü s s e.)... ä'o o. kleines feuilleton. -— Tü-j Lädchc». Zuerst gings zwischen zlvki uralten Oleander- Pänmen hindurch, dann drei steinerne Stufen empor, balauzierend stand man vor der gelb-braunen Thür. Ich Hab' noch keine 2adeu- klingel so klagen gehört. Hoffnungslos. So mußten die Harfen geklungen haben unter den Weiden bei Babhlon. Ein kurzer Schritt, und man war am Ladentisch. Aus dem lveißgescheuerte» Brett . snmden die Jahresmale wie Rippen. Da kam der Alte. Schlohivciß: Haar und Augenbrauen und Tokengräberöart. Um den cingesiiukcuen Mund, aus dem schief eine glimmende Eigarre hing, ein spaßiges Gc pde. Die Augen voller Schelmerei.„Hier Fünf-Pfeimigerl... Oder ist etwas Besseres gefällig?... Jlvei zu fünfzehn?... Acht- vfenuiger... Auch für zehn Pfennige.. All' das klang beinahe hochdeutsch, aber ein Eifer Saug war darin, daß ma» sich sagte:„Der war doch einmal ein Sachse?" So war es vor zehn Jahren. Damals ging die Ladeukliiigel noch öfter. ES gab»ock, Leute, die eine Eigarre rauchen wollten, die nach Tabak roch. Und es tauten sehr gern die jungen Burschen aus dem Elsaß, die man einberufen hatte, mn preußische Gewehr- griffe zn lerne». Den Geruch der Heimat fanden sie in dem Lüdchen. Z» der Zeit blühten die Oleander rot, wie die Lippen eines Mädchens. Und Hunderte von Rosen uiuslammtcn die grünen Kugeln. Sie waren mit ihm alt geworden, die Oleander. Als im Sturmjahre 48 der junge Eigarremnacher nach Berlin gekommen war, hatte er die beide» Schößlinge mitgebracht. Sie gediehe» und wuchsen. Seiner jungen Frau, der Wickelmacherin, stellte er sie ans den Tisch, als HochzeitSgeschenk. Und sie zogen in das Läd.hen und arbeiteten. Arbeiteten und hatten ihr Auskommen. Lange, lange Jahre. Bis die Leute, die eine Eigarre rauche» lvoktte», die nach Tabak roch, immer weniger wurde». Das war zn der Zeit, als draußen im Reiche in den Gegenden, wo es billige Arbeitskräfte gab, die Cigarreufabrikeir anfschossen wie Pilze nach cinem Ivarmen Augustregen. Und noch immer blühten die Oleander. Nur ungleich. Kaum jedes dritte Jahr war ein Jahr der Fülle. Bor vier Jahren erschienen sie wie mit Purpur überschüttet. In diesem Jahre kaufte der Alte zm» erstenmal seine Eigarren, die er sonst selbst gemacht hatte, von den Fabriken. Sechs Monate, und es kam keiner mehr, der gern den Geruch deS Tabaks roch. Ter August war naß und kalt, und der Alte band mit Draht Papierrose» an seine Oleander. Zweitindfünfzig Jahre hat der Eigarremnacher im Lüdchen und in der Hinterstube gelebt. Jeden Abend gönnte er sich ein Glas Bier, das er sich selber beim Budiker holte. Zn Neujahr sollte er heraus, weil er die Miete nicht bezahlen konnte. Einige, deren Altvordern unter den Weiden bei Babylon harften, schössen zusammen. Sic werden, wenn der Hanswirt kein Fiskusherz hat, etlvas heraus- bekommen: Ter Alte ist vor einigen Tagen seinem Ladchen, Handwerk und Handel nachgestorbcn.— k. Physiologische Erscheinungen bei Hochfahrten. In einem Buche, das De. F ranz Linke unter dem Titel„Moderne Lust- schisfahrt" soeben veröffentlicht hat, werden in einem Kapitel auch die physiologischen Erscheinungen bei Hochfahrten ausführlich be- sprachen. Der Begriff der„Hochfahrt" ist nicht genau definiert. Ein Luftschifier. der sich nicht mehr als 2000 Meter erhoben hat, wird 4— T>000 als hoch bezeichnen, während wissenschaftliche Ballonfahrer, die es stets ans 3— 0 Kilometer, oft 7 und 8 gebracht habe», auf die eriren 3 Kilometer geringschätzig herabsehen. Linke möchte als Hoch- fahrten solche ansehen, bei denen die physiologische Wirkung der Höhe ans den menschlichen Organismus sich bemerkbar macht. Das scheint nicht allein von der Körperkraft und Widerstandsfähigkeit der Einzelnen abzuhängen, sondern tritt ganz individuell auf. Es giebt gesunde Menschen, die nicht höher als 3000 Meter steigen können. während andre, die als Militär- und kropcnuittauglich befunden wurden, die größten Höhen am besten ertragen haben. Der normalo Mensch, der noch nicht an Hochfahrten teilgenommen hat, fühlt über 4000 Meter, daß sein Herz schneller klopft als sonst, cc kann eine gewisse Schläfrigkcit konstatieren, die Glieder werden ihm schlver; er ist zu träge, einen Gedanken zu fassen und ihn durchzuführen� Wenn man sich etwas ruhig verhält und sich dann mit Gewalt aus der Lethargie herausreißt, lassen die ersten Anzeichen der Höhenkrankheit nach. Bei weiterem Steigen stellt sich ei» leeres Gefühl im Kopfe ein, das zu Schwindel ausartet. Kalter Schweiß bedeckt die Ttirni und man bricht ohnmächtig zusammen, wenn man nicht zu der Sauer- stofs-Atmnng greift. Ei» Stahleylinder enthält mehrere hundert Liter Sauerstoff unter 100— 200 Atmosphären Druck; von ihm ausgehende Schläuche, die in ein Hartgummistnck oder eifi'e Masfa endigen, bindet man vor Mund und Nase. Ein Manometer gestattet den Druck zu kontrollieren, unter dem der Sauerstoff ausströmt. Tie ersten vollen Atemzüge lvirkeu wie ein Wunder. Neues Leben durch- dringt den erschlafften Körper, die Kräfte kehren wieder, man steht jetzt fest ans den Beinen, die vorher zn versagen drohten; auch bis geistigen Funktionen beginnen von neuem und ma» ist wieder Herr seines Willens. Ter unheimliche Mangel an Energie ist das Charakteristische a» der Höhenkrankheit. Auch nnfre höchsten Hoch- sichrer, Tr. Süring und A. Berson, konnten in zehn Kilometer Höhe trotz ununterbrochener Saucrstoffatmung sich nur mit unerhörter Anstrengung dazu anfschwingen, Beobachtungen an den Jnstrumenteir vorzunehmen. Nur durch gegenseitige Ermahnungen, daß die Fahrt unter großem Aufwand von Geldmitteln vorgenommen sei und sieden Auftrag hätten, hier oben baS zu messen, was noch niemand zuvor gemessen habe, konnten sie sich ermannen, baS Psychrometer aufzuziehen mib bie Stäube zu notieren. Der einzige Gebaute ist: Nur ruhig schlafen. Tie Krankheitserscheinungen sinb bie Folge bes Sauerstoffmangels, der mit der Höhe stark zunimmt, jedoch nur selten unter 4000 Meter fühlbar wirb, und bes geringen Lnftbrncks. Sollte es gelingen, luftdicht verschlossene Gondeln zu konstruieren. die burchsichn'g, leicht nnd biegsam sind, so kann nichts mehr hindern, noch größere Höhen zn erreichen, als Person und Süring es 1001 mit Lebensgefahr und Aufbietung aller Kräfte fertig bekommen haben. 10.800 Meter ist bisher Weltrekord. ES scheint fast, als ob bei den Wirkungen der Hohe das Temperament mitspreche, indem lebhafte Menschen größere Höhen vertragen könne». In mittleren Höhen hat man um so weniger Beschwerden, je mehr die Anfmcrk- saMkeit durch allerhand Manipulationen, Beobachtungen und Unter- suchungen in Anspruch genommen ist. Eigentümlich ist auch, daß man sich nach der Landung auf einzelne Vorkommnisse während der Hochfahrt nicht mehr zu entsinnen vermag und nicht angeben kann, was alles vorgenommen worden ist. Wenn nicht baS Beobachnmgs- protokoll vorhanden wäre, würbe man die Zeit, die man in der großen.Höhe verbracht hat, stets unterschätzen.— Theater. Deut ich e s Theater.„Das Thal des Lebe» S". Historischer Schwant von Mar Dreher.— Ei» hübscher junger Bursche, eine hübsche junge Frau; ein häßlicher aller, für seine Gattenrolle schwach becmlagtcr Gemahl, der so zu unverdienten, doch dämm mit nicht minderem Stolz empfmidenen Vaterfreuben gelangt. Hätte der Held, dem die uralte Geschichte passierte, Herr Müller oder Herr Schulze geheißen, so wäre die öffentliche Sittlichkeit wohl nicht bedroht gewesen, sowenig wie durch irgend einen beliebigen Dutzend- schwank des Restdenztheaters. Auch ein„von" vor dem Namen ließe sich Wohl vertragen. Aber einem schon durch die Geburt gekrönten Haupte, einem LanbeSvatcr, und wenn_cr auch mir ein ganz kleines rcichsnmnittelbares Wartgräflein, ein Serenissimus im Jahre 177it wäre, durfte derlei Unbill nicht widerfahren. Vorsorglich hat die Censnr den Frevel, wenigstens auf dem Theater, verboten, und mm ein geladenes Publikum durfte in geschlossener Nachmittagsvorstellung seine Secleiireiiiheit durch den Anblick solcher Verfängtichkeiten ge fährden. Natürlich hatte das Verbot die größte Stimmimg für das Stück gemacht. Mail war von vornherein entschlossen, sich zu amü- sieren, nnd nach dem Gelächter, mit dem jede noch so winzige Pointe aufgenominen wurde, nach dem lauten Applaus zu urteilen, gelangte der Vorsatz auch zur Ausftihrnng, trotzdem der Dichter leider viel, sehe viel, ziemlich alles, schuldig blieb. Dem Stücke fehlt der aus dem quellenden Reichtum der Einflille geborene lustige Ueberiiiut; es überrascht, cö verblüfft nicht, es sei denn durch gelvipe Deutlichkeiten. Das kecke Thema, das einer baS- hast spielenden, fein stichelnde» Satyre so viel Spielraum giebt, wirb in derb trockenem Tone, gleichsam programmatisch abgehandelt. Den Dialog, der einst in Drehers„In Behandlung" so lebendig strömte, schleicht blaß und träge, nur durch lvcit hergeholte Scherze zeitweise aufgestachelt, dahin. Die Charakteristik kommt über schwache Ansätze nicht hinaus. lind wie biet Schminke in. der aufdringliche» Predigt der„ge- svnden Sinnlichkeit".„Das Thal des Lebens" heißt bei Drcyee ei» Fleckchen Land, von Ivo seit altersher die markgräflicheit Damen ihre Aminen holen. Die Leiitc, deren Dorfschaft an die preußische Grenze stößt, sind zu arm, als daß die Mädchen öhue derlei Neben-- «rtvcrb heiraten könnten. Lauter uuehelichc Kinder, aufivachscnd ohne Muttermilch! Und dieS Geschlecht marschiert im Stücke als ein Ge- schlecht der Lebensfreude, der unverdorben kernigen Naturkraft auf! 'In vollem Ernst! Mit einigen munter bewegten Scenen beginnt der erste Akt. Vor dem Wirtshaus ist die Tafel für eine Taufgesellschaft gedeckt. Ein alter fröhlicker Fiedler(Herr Bruno Z i e n e r war ausgezeichnet in der Rolle) erzählt der Wirtin von dem neuesten Schwabenstreich des Markgrafen, der, da der Himmel hartnäckig ein Söhnchen ihm versagt, nun auch den Unterthancn das Minderkricgcn gern verbieten möchte, zum allermindesteit aber strikteste Legitimität von de» Neugeborenen verlangt. Eine hohe 5teusck,hciiSkolnmission fei eingesetzt und auf dem Wege v.ach dem Ammendorf. Mit lautem Juchhe, vom Fiedelbogcnklang begrüstt, kommen die Gäste aus der Kirche, der Pfarrer, selbst ein Ammensohn, vergnügt mitten im Schwann. Es wird getafelt und getrunken, nach alter Sitte dann ein Ammenkönig für die Ammenzunft des Thalcs gewählt und auf ge- tvaltigem Laken von den Mädchen auf und ab geschleudert. Ter Fiedler klettert auf die breite Linde und spielt zum Tanze auf. Da rückt die Keuschheitskommission mit den Soldaten an. Aber die launig vorbereitete Situation verpufft ganz wirkungslos in billigen Tiradcn. In den Pfarrer, der eben noch im Tanze mitgchopst, fährt plötzlich ein hochmütiger Theater- teufel. Man denkt, mit Spott und behaglichem Humor wird er, ein wunderliches Original, den gestrengen Herren entgegnen. Statt dessen tritt er als Marquis Posa der bedrohten Ammenfreiheit auf. Der Menschheit höchste Güter scheinen auf dem Spiel zu stehen. Die Burschen und die Mädchen hier sind höchst vorzügliche Geschöpfe; nicht auf das Aeuhcre, auf das Innere kommt es an, darauf, dag zloei einander lieben und sich treu sind. Und treu sind diese starken, frohen Kinder der Natur! Mit einem Wort: Ehret die Ammen. Ihr neu ernannter König, derselbe, der das Tauffest seines ersten Jungen feiert, beleidigt hitzig die Soldaten und wird als Misscthätcr abge- führt. Der nächste Akt führt uns aufs Schloß.;!luci Kammerherren sitzen da und gähnen. Und wirklich, es ist langweilig. Auch B a ss c r m a n n vermochte diesem Markgrafen nicht etwas Rechtes abzugewinnen. Die Kosten werden aus Allernächstlicgendein be- stritten. Lange Unterhaltungen mit dem Leibarzt, der dem erhabenen Gebieter die Wunderwirkungcn seiner Morgenrot Tropfen anpreist, ein paar Ausbrüche der unausstehlich mißgünstigen Laune, in der sich Allerhöchst zur Zeit befinden, das ist so ziemlich alles. Den Burschen hat der Markgraf zur Strafe in Uniform gesteckt. Und als der Pfarrer und das Mädel kommen, den Jungen loszubittcn, freut es ihn doppelt, wie sauber er die Licbcslcutc getrennt hat. Um ein Desertieren unmöglich zu machen, giebt er die Order, den Burschen zum Dienst im Innern des Schlosses, vor den Gemächern der Frau Markgräfin, zu kommandieren. Natürlich mit dein vorauszusehenden Erfolge I Hätte Irene Driesch nicht so wundervoll fein gespielt, die Scenen des dritten Aktes, so plump in ihren Ucbmrcibnngcn, wären höchst peinlich gewesen. Aber sie brachte solche Anmut, solche selbstsichere Virtuosität in diese Rolle mit, sie wußte das allzu Grelle so zu dämpfen, eS so in lockende Schönhcitsschleicr einzuhüllen, daß man, sie bewundernd, kaum zum Gefühl all' der krassen Unmöglich- leiten kam. An der Seite seiner Durchlauckü in diesem Schloß, aus dem alle Jugend vertrieben ist, nach Liebcshändcln verschmachtend, holt sich das Dämchen die junge Schildwack?« eiligst auf ihr Zimmer. Er muß die Muskete hinstellen, essen und trinken.„Wir sind die beiden einzigen Jungen hier." Der Feldwebel, der den Rekruten reklamieren kommt, wird weggeschickt. Nach neun Monaten vcr- kündet es Kanonendonner dem Ländchen, daß ein Prinz geboren. Der Ammenkönig, der längst ins Ausland desertiert ist, schleicht über die Grenze in das Heimatdorf, um seine LiSbeth, der er nach seiner treuherzigen Beteuerung„beinah imnier" treu geblieben ist, mit- zunehmen, und läuft dabei der Durchlaucht in die Arme. Allgc- meine Versöhnung. Ter hohe Herr, glückstrahlend, findet eine Amme; und den Burschen, der sich hinter den Grenzpfahl geflüchtet hat, ermuntert er leutselig, getrost die paar Schritte„ins Ländle" hinab zu machen; er wolle ihm nichts thun, so wahr cr Vater ge- worden. Freude soll sein bei allen Untcrthanen. Der Scklnß, das Jagen um den Grenzpfahl, ist völlig possenhaft. Frisch wirkten hier nur in dem warmen, herzlichen Spiele Else Lehmanns und R i t t n e r s die Scenen zwischen den beiden Licbeslcutcn: der Jnbel des Wiedersehens, das Liebeseramcn und der rasch geschlichtete Streit. — cit. Thalia-Theater:„Der Camclicnonke l", Posse mit Gesang und Tanz in 3 Akten von Leon Leipziger. Musik von Julius Einödshofer und Fritz Reich in a n n.— Rentier Knipkc, pardon Herr Leipziger hat jich's riesig leicht gemacht. Er verband eine Anzahl seiner Gelegenbeitsverse auf einen nach altem Rezept getauften Rentier Knipke durch etwas mit gangbaren Kalauern, komisch sein sollende» Wortspielen und Konplcts nntcrspickter Prosa — und die Posse war fertig. Wenn man erfährt, daß dieser Knipke als Singspielthcaterman» und Junggeselle ein„Verhältnis" unter- halten hat, dem eine Tochter entsprossen ist, dann bedarf es keines besonderen Scharfsinns mcbr, um die billige Weitcrcntwickclung des Ganzen im voraus zu ersehe». Die Geliebte ist also eines Tages „losgegangen", d. h. sie hat Knipke schnöde verlassen und sich in Monte Carlo festgesetzt. Das war natürlich schon dazumal gewesen, als Knipic»och keinen überschüssigen Mammon hatte. Knipke ist aus Gram und Grimm über diese Untreue Tugendretter aus Passion geworden. Er sucht nämlich jedes Demiinonde-Tämchen ans den Verantivorlltcher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Pfad eines„sittlichen" Lebenswandels zurückzuführen. Mit welchem Erfolg, berrät der Texturheber nicht. Aber da Knipke eine von einem jungen Doktor angeschmachtete Nichte hat, so kommt es zu einigen „Verwickelungen", wenn auch nicht bösartiger Natur. Man beschließt eine Reise nach Monte Carlo. Hier winkt dem Berliner Tugendretter ein geeignetes Feld für seine Thätigkeit. Hier trifft cr aber auch seine ehemalige Geliebte. Sie will ihn wieder versöhnen und an sich fesseln. Diesmal aber geht.Knipke„los". Auf einer Rcdoute in Nizza trifft man sich wieder. Knipkc ahnt natürlich nicht, daß die eigne LUchte benebst seiner Geliebten und ihrem Doktor ihm selbst eine Falle stellen. Knipke, als„ahnungsloser Engel" bekehrt sich hier bei Sckrmarkc„Mumm" und„Pommery" von der Tugendrctterci zum lustig tanzenden, liebelnden, trinkenden Sckiwercnöler. Als die Damen ihr Visier öffnen, erkennt Knipke zu'höchlichstem Acrgcr, daß cr von seiner alten Flamme gcnasführt ivorden ist, vergiebt ihr jedoch ihr Vergehen und geht mit allen zurück nach Berlin. Das ganze Rezept ist also, loie Figura zeigt, ebenso alt, als jeder Handlung ennangelnd. Leipzigers Verse sind dagegen flüssig und gut pointiert. Da? Komponisten-Duo hat dazu die manchmal nette, meistens aber aus früheren Einödshofcrschen und andren„Musiken" zusammen- gestoppelte„Vertonung" geliefert. Hauptsache ist, daß Guido T h i c l s ch c r als Knipke die Lacher auf seine komische Seite bringt, daß Gerda Walde als Kläre Knipkc und Josephine Tora als Geliebte prächtig bei Spiel und Stimme sind und ebenso„trink- bar", wie als männcrvcrführcriscb und als grazile Tanzbein- schloingcrinnen sich erweisen. Das Haus ivar in allen seinen Räumen voll und eine große Claqne arbeitete fleißig für den Erfolg. — c. k. Humoristisches. — Der boshafte Lehrling. W c i n h ä n d l e r(wütend): „Zun: Teufel jag' ich Dich, wenn Du Dick) nochmal unterstehst, ans die Etikette von dein billigen Griincbcrgcr zu schreiben„Aeuster- l i ch", und„' n T o t e n k o p f d' r n b e r zu malen!"— — A ii s der Schule. ,.... Wenn ich Deinem Vater übt) Mark geborgt hätte, unter der Bedingung, daß cr jährlich To Mark davon znrückbezahlen müßte— wieviel würde cr mir dann nach Verlaus von drei Jahren noch schulden „500 Mark!" „Falsch. Junge!" „Aber. Herr Lehrer, ich keim' doch meinen Vater— — D i c gekränkte Gattin. Frau(zum Mann, der Cr; einem Ehezwist unter das Bett gckrockicn ist):.. Was hast D' g'sagt? Lieblos bin ich?!... Hab' ich Dir nicht am Altar ewige Lieb' und Treu' geschworen. Du undankbarer Haderlump!... Na wart' nur, wenn D vorkommst!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Ein Buch von Otto Ernst:„ V o m g c r n h i g e n Leben, humoristische Plaudereien über große und kleine Kinder" ist soeben bei L. Staackmaim in Leipzig erschienen.— — Die Rene Freie Volksbühne bringt heute und an den beiden nächsten Sonntagen im Belle- Alliance- Theater(nach- mittags VzO Uhr) Gerhart Haupt m a n n s Märchcndrama „Die versunkene G l o ck e" zur Auffiihrniig.— —„V c n u s A ii a d y o m c n e", ein dreiaktiges Sckiauspiel von Rudolf Presber, erlebt am 14. Februar im Stadt-Theater zu Frankfurt a. M. die Erstauffiihrniig.— — Im Wiener Raimund-Theater erzielte Heinrich SchrottcnbachS Volksstück»Der Herr Gemein dcrat" einen starten Erfolg.— cc. Das N i c d r i g s ch r a u b e n der Petroleum- l a ni p c n. Eine tveit verbreitete Gewohnheit ist das Niedrig- schrauben der Petroleumlampen, sobald man nicht das volle Licht braucht. Man nimmt dabei den Uebclstand in Kauf, daß maii die Luft de? Raumes, in dem die Petroleumlampe brennt, ganz erheb- lich verschlechtert. Diese Thatsache ist durch Versuche völlig bestätigt worden. Durch das Niedrigschranbcn der Lampe findet eine imvoll- ständige Verbrennung statt und hierdurch steigen, ebenso wie bei den zu hochgestellten Flammen, unverbrannte, unangenehui riechende Gase durch den Ehlinder empor. Durch das Niedrigschranbcn wird aber, wie die technische Zeitschrift„Kraft und Licht" berichtet, nickt einmal eine Ersparnis an Petroleum erzielt. Hiervon kann man sich selbst leicht überzeugen, indem man einmal eine Petroleumlampe mit einer hellen, dann mit einer niedriggeschraiibten Flamme brennen läßt und beide Brennzeitcn vergleicht. Man wird dann finden, daß die iiiedriggeschraubte Flamme mir sehr wenig länger brennt, als die das volle Licht spendende, so daß der Nachteil der verschlechterten Luft durch den Vorteil einer minimalen Petroleum- crsparnis nicht ansgeivogen wird.— — Die Zufuhren von Kautschuk nach den w i ch t i g st e n Märkten der Welt berrngcn 1894 30 435 Tonnen, 1895 32 954 Tonnen, 1896 34 757 Tonnen. 1897 38 422 Tonnen. 1898 44 028 Tonnen, 1899 47 651 Tonnen, 1000 51 001 Tonnen und 1001 53 501 Tonnen.—____________ m Vorwärts Biuhdruckerei und Verlagsanstatt Paul Singer&(So., Verlin 3\V