Mnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 30. Donnerstag, den 12. Februar. 1903 (Nachdruck verboten.) so] Der JVIUllerhannes. Roman aus der Eifel von Clara Viebig. Da lächelte Herr Noldcs— ein drippendes Dach! K ja, so was kannte er auch! Mit freundlichem Gruß setzte er sich an den Tisch,— ah, da stand ja dicht dabei auch das ltlavierchen! Er betrachtete es nachdenklich, unwillkürlich schweiften seine Gedanken zurück gu jenem goldenen Sonnentag, an dem sie ihn einst hier herein- gmifm— die große Franz da, war dazumal noch ein junges Kind und der Miillerhannes hatte viel und laut und herzlich gelacht, auch die Frau war noch bei Wege gewesen, und der Alte. Gerade war das Klavierchen angekommen, ei, was waren sie dazumal alle so froh gewesen! Jetzt lag Staub darauf. Und jetzt nickte der Müllerhannes nur stumm. „Hannes," sagte der Noldes, und dann nach einer Pause noch einmal:„Hannes, wie geht et dann eweil?" Es klang sehr freundlich, aber als keine Antwort kain, nur ein abweisendes Stöhnen, schwieg der GreiS rücksichtsvoll. Der Hannes wollte nicht sprechen, dessen Seele war gefüllt mit Leid, ganz dick voll, da konnte kein Wörtchen daran vorbei- passieren— er hatte gelernt, zu warten. Vielleicht, daß es später besser ging, daß sich das Leid senkte und ein Wörtchen durchkonnte— also fein gewartet! Und Herr Noldes verhielt sich geduldig still. Seinen Ziegenschirm zwischen den Knien, faltete er die Hände und sah mit betrübten Blicken in seines Gegenüber verstörtes Ge- ficht. Das hatte noch immer seine Röte, eine fast violette Färbung, aber die Wangen waren nicht mehr prall, nicht mehr gut gestopft, wie die Federkissen in den allerbesten Bauern- betten, in schlappen Wülsten hingen sie, und das Doppelkinn hing anch unter den schmerzlich heruntergezogenen Mund- winkeln. Lieber Herrgott in Deinem Leiden, wie hatte der Mann hier gealtert, der grämte sich aber arg! Pfarrer Noldes konnte vor Mitgefühl nicht mehr an sich halten, seine ohnehin schon schwach gewordene Stimme noch schwächer dämpfend, sogte er noch einmal, ein wenig zischend durch die Lücken der Zahnreihen: „Hannes, wie geht et Euch eweil?" Und dann so recht bethulich:„Hannes, wat machstc, wat denkste denn eweil?" Da fuhr der Hannes mit einem Ruck auf— wer— wer hatte doch immer so gesprochen— wer?! Die blaue Brille abschleudernd, richtete er groß und suchend den Blick seiner halberloschcncn Augen auf den Greis gegenüber— er stammelte was, er streckte die Hände aus. Horch, sagte er was?„Was, wie?!" Herr Noldes legte die Hand hinters Ohr, er hörte nicht mehr recht gut— aber nun kam noch einmal der jammervoll rufende Laut. Es dünkte ihn schier, daß der Hannes rufe:„Vadder!" Und gerührt, ganz sacht, streckte der Geistliche seine schrumplige Hand aus und legte sie kühl auf die heißen, blau- roten Fäuste, die sich da wie im Krampf auf dem Tisch in- einander wanden. Er sprach kein Wort dazu, er hätte keins herausgebracht, hatte er doch das Gefühl: hier müsse man auf Zehen gehen. Stumm verharrte er und ließ nur die Blicke wandern von dem Verzweifelten am Tisch zu den Papier- scheiden des Fensters und durch die hindurch. Er suchte den Himmel, aber der war hier nicht zu sehen, heut' überhaupt vor Regendunst und Wolkenschleiern. Von den Weiden gegen- über troff's: der Schnee, der so lange hochgeschichtet gelegen, war mürb und bröckelig geworden. Vom Dache der Mühle gab's alle paar Minuten einen dumpfen Schneerutsch und von den Berghängen hörte man's zu Thal donnern. Ein stetes Rieseln und Rauschen war draußen, als wollte alles zerfließen in Schmutz und Thränen. Alles grau, ein trübseliger Nachmittag, ein Tag ganz ohne Hoffnung. Gern hätte der alte Pfarrer seine Hände gefaltet, aber er traute sich nicht seine Rechte zurückzuziehen, der Müller- Hannes hielt sie jetzt mit beiden Fäusten umschlossen. Er. um- klammerte sie, er hielt sich dran. So verging Wohl eine Stunde. Die Fränz hatte schon ein paarmal leise den Kopf zur Thür hercingesteckt und dem geistlichen Herrn dringende Zeichen gemacht, er möge doch dem Vater gut zureden. Aber der Vater fand noch immer keine Worte. Was sollte er dem hier noch Tröstliches sagen? „Du wirst Deinen Vater wieder finden?!"— Das war doch das einzige, Ivonach den verlangte. Der Maarfelder Noldes schüttelte seinen Kopf: Auf das Wiederfinden da droben läßt sich so einer, wie der hier, nicht vertrösten— nein, nein! Der ivill gleich erhört sein. Aber es geschehen ja noch Wunder— warum nicht?!— wenn der hier nur beten möchte, so recht von Herzen, wie die Kinder vertrauend ihren Vater bitten. Und seine Hand sanft aus den Fäusten des Hannes' ziehend, Hub er an:„Hm, hm!" Und räusperte sich wieder und machte abermals eine Pause. Hannes kam ihm zu Hilfe— ihn starr ansehend, stieß er rauh heraus: „Was wollt Ihr hei?" Und dann, als ob er jetzt erst den geistlichen Herrn erkannte:„E so, den Noldes? l Geht nur heim— ja, ja, ich weiß'— Ihr seid an guter Herr— aber"— er machte eine abwehrende Handbewegung—„ich hau niemand nötig." Und als der andre nicht gleich auf- stand und ging, rief er heftig:„Ich brauchen niemand— hört Ihr, niemand— die Mühl' ist noch mein— hei sein ich noch Herr— ich— ich— im ich will niemand!" Arnoldus Cremer blieb beharrlich sitzen, er nahm's schon als ein gutes Zeichen, daß der andre wenigstens den Mund aufthat; und so zwinkerte er ihn vertraulich mit seinen unter den vielen Hautfalten und den vorspringenden Stirnknochen fast verschwundenen Aeuglein an. „Hannes," sagte er ruhig,„mein Sohn,„Du kommst gar- selten zur Beicht', Du gehst auch gar wenig in die Kirch', aber, hni hm"— es wollte ihm was in die Kehle kommen, aber er räusperte es energisch weg—„aber dat thut nix zur Sach'— nein, nein. Du bist doch en Kind Gottes, denn Du hast Deinen Vater sehr lieb gehabt und hoch in Ehren ge- halten. War dat nct e so? Sag doch, Hannes!" Der Müller zuckte zusammen, die widcrwillige Haltung, in der er des PfarrerZ Worte über sich hatte.ergehen lassen, veränderte sich. Er sank zusamnicn, als wollte er sich am liebsten verkriechen. „Js et net e so?" wiederholte der alte Herr noch ein- mal—„is et net e so? Hoch in Ehren haste hän ge- halten?!" Da stotterte der Sohn, niedergeschlagenen Blickes, mit zitternden Lippen: „Net immer, net immer!" „Aber lieb haste hän gehatt, den Mühlenmattcs?" Der Sohn nickte, und dann brach es ihm plötzlich mit einem Schrei aus der Brust: „Wann ich hän nur finden thät— wo— wo is hän eweil? l Liegt hän im Maar? Js hän wo erunncr- gesttirzt un hat Pein gelitten, sich zu Tode gequält— allein!— hat auf mich gewart', wie ich auf ihn, wie ich auf ihn— vielleicht Täg un Täg? Et läßt mer kein Ruh, ich werd' verrückt drüber. Wann mer hän nur finden thät! O Herr Noldes, hän hat schlohweißes Haar— Haar, wie Ihr." Er streckte den bebenden Zeigefinger aus und berührte scheu des Geistlichen lange, wie Silber glänzende Strähnen.„Wann ich dat nur ein einzig Mal noch stteichcln könnt— ich han ihm noch ebbes zu sagen, ich— ich han et gries*) gemacht vor der Zeit-- 1 Haha— hohoho"— er schlug eine Lache auf, daß der andre zusammenschrak.—„Herr Noldes, Ihr sagt dat so: en Kind Gottes— olau— olau— wo es dann Gott?! Den Teufel auch— ich sein kein Kind mehr — un Gott, den schläft!" „Den schläft nct, man muß nur zu ihm beten!" „Beten? Olau— ich zweifele, dat hän't hört. Ich sitzen in Schulden bis über de Ohren, ich sitzen im Dreck— un eweil is den Alten, den e so gut war, krepiert wie'n Hund — wo is Gott, he? I" „Da," sagte der Greis, hob den Finger und deutete durchs papierverklebte Fenster auf ein Stückchen Blau, das, kaum größer wie ein Sacktuch, aber schon frühlingsfarben und intensiv *) grau. leuchtend gefärbt, durch den grauen Wolkcnwust des Himmels dahersegelte.„Kuckt dahin, Müllerhannes", er nahm den nur schwach Widerstrebenden beim Acrmel und zog ihn ans Fenster,„kuckt da oben I Heut' bei dem grauen Tag— wen Hütt' bat gedacht, kein Mensch— auf einmal Himmelsblau I Kuckt, wie schön, wie schön I" Der alte Mann geriet ganz in Entzücken. Ein plötzlicher Wind hatte sich aufgemacht, die Wolken auseinandergetrieben, dag sie in jäher Flucht nach rechts und links wichen; das Stückchen Blau ward größer. Noch regnete es, aber ein abendlicher Sonnenstrahl brach jetzt Plötzlich hervor und suchte vorerst noch wie ein verirrtes Kind scheu den richtigen Weg. „No, Müllcrhanncs," der Herr Noldcs reckte sich und schlug ganz triumphierend auf des großen Mannes Schulter— „wie is et ewcil, schläft unscn Herrgott? He? Wen läßt die Sonne scheinen, e so früh im Jahr, wie kaum je? Dat is sein Zeichen. Ich sagen et ja, ich weiß et genau, den lebt un thut Wunder alle Tag, man muß se nur sehen!" „Meint Ihr?" In einem bittern Ton ward's gesprochen. Einen einzigen Blick nur warf Müllcrhanncs auf den Heller und Heller werdenden Himmel, dann kehrte er sich verdrossen ab, schlorrendcn Schrittes wankte er wieder zum Tisch, ließ sich schwer auf den Stuhl fallen und verbarg das Gesicht in den Händen. Abgeschlagen! Der alte Herr schaute ganz betrübt hinaus. Jnimer schöner färbte sich draußen der Himmel, aber er gönnte sich die Freude daran gar nicht allein, dem Hannes da müßten auch die blöden Augen aufgcthan werden, daß sie Gottes Wunder erkannten, trotz allem Leid. Aber was konnte er dazu thun? Wie— wie sollte er das nur beginnen?! Er rieb sich die Nase, fuhr sich durch's weiße Haar und ließ die Augen ratlos schweifen. Da fiel sein Blick auf das verstaubte Klavierchen—, ei, hatte nicht David dereinst vor König Saul gespielt und den Finstern auf freundlichere Gedanken gebracht? Finsterer konnte der auch nicht dagesessen haben wie dort der Müllerhannes. Und war er selber auch kein David und war's hier auch kein Harfen- spiel mit süßem Schall, ein Klavierchcn konnte es auch schon thun. Er wußte ja noch, wie das damals den Hannes erfreut. Leise schlich Arnoldus Crcmcr zun! Klavierchen hin und klappte den verstaubten Deckel auf. Einen Augenblick zögerte er doch— wie würde der Müllcrhanncs es aufnehmen?! Der rührte sich nicht. Aber da brach ein zweiter Sonnenstrahl durch, zitterte durchs verklebte Fenster und schien hell auf die gelben Tasten, und Herr Noldes kriegte Mut— Spatz hatte er selber ja auch dran— mit Bravour spielte er herunter, was ihm gerade in den Sinn und in die Finger kam. Es>var eine Melodie, die er liebte. Sic hieß: „Freut euch des Lebens—" * Als wollte es schon Frühling werden, so Harste der Wind die ganze Nacht im blätterlosen Buchengebüsch der Schluchten, auch an der Mühle Giebel Harste er in den alten Weiden. Der Müllerhannes hörte es. Das war kein Sturm mehr, lvie in den bösen Winternächten, das war ein Schlummerlied. Seine Seele ward ruhiger dabei. Sollte der Noldcs wirklich recht haben mit seineiü:„Unser Herrgott schläft nicht, es geschehen noch Wunder alle Tag I"? I Das wär' noch ein Wunder, das sich sehen lassen könnte— ein größeres Wunder, als die Mutter Gottes, die sich jüngst zu Marpingen beim Brunnen gezeigt oder den Kindern im Busch— wenn der Alte jetzt hier in die Stube träte I Leibhaftig I Ach, der Alte! Mit einem tiefen Aufatmen setzte sich der Sohn aufrecht im Bett und schaute, die Arme uni die hoch- gezogenen Kniee geschlungen, sehnsüchtig ins Dunkel. Ach, er wollte sich ja schon bescheiden,»venu er seinen Alten überhaupt nur wieder zu sehen kriegte I Aber nicht dermaleinst mit verklärtem Leib, wie sie verhießen, als ein Engel mit der goldenen Palme— nein, so nicht, den kannte er nicht l Den braungrünen Flauschrock, der so abgeschabt an den Ellenbogen war, den mußte er anhaben, den Wollenschawl um den Hals, die Pelzmütze über die Ohren gezogen accurat so, wie er immer hierhingekommcn an den langen Herbst- abenden, an denen es schon fröstelte. So, so wollte er ihn wiedersehen! Mußte er ihn wiedersehn I (Fortsetzung folgt.) (SJndj&ir.ik vOQoäcit) Gin Fjcxcnprozcas am Dresdener Dofe, Durch das 17. und bis in das 18. Jahrhundert hinein wurde Deutschland heimgesucht durch die Hcr�nvcrfolgungcn und Hexen- Prozesse. Sticht bloß Männer und Frauen aus den breiten Volks- schichten haben in denselben eine Rolle gespielt; auS allen socialen Schichten holten sich vielmehr Aberglaube, Fanatismus und Nieder- tracht ihre Opfer. Mit den Begriffen„Hexe" und„bösen Künsten" wurde meist nur die Dummheit oder Niedertracht andrer gedeckt; die Greuel der Folterkammer und der lodernde Scheiterhaufen dienten nur dazu, die menschlichen Thorheiten andrer vergessen zu machen. Zu den Hexenprozessen, die das größte Aufsehen erregt haben, gehörte auch der gegen die Gräfin Rochlitz, die lange Zeit am Dresdener Hose eine hervorragende Rolle gespielt hatte. Auf Be- fehl Augusts des Starken wurde dieser Prozeß 1604 begonnen; vielleicht weniger, weil die hohen Räte, die ihn befürworteten, an Hexen und Zauberkünste glaubten, als vielmehr, um in dem Aber- glauben der Zeit das arg schimpfiertc Ansehen des verstorbenen sächsischen Kurfürsten Johann Georg IV. reinzuwaschen. Die als„Hexe" gefangen gesetzte Frau Generallieutenant Rochlitz war eine Tochter des Hofobristcn v. Neitschütz, Amts- Hauptmann zu Pirna und Hohenstein und Kammerhcrr unter dem dritten Georg. Diese Frau war nicht bloß eine intrigante, sondern auch eine dem Zuge der damaligen Zeit folgende abergläubische Person. Ihre 1673 geborene Tochter Sibylle erzog sie durchaus in den von dem sächsischen Hofadel gierig aufgesogenen französischen Sitten. Die Schönheit des Mädchens erweckte die Aufmerksamkeit des Prinzen Johann Georg. Er war zwanzig, sie vierzehn Jahre alt. Zwar mühten sich bereits einige Hosjunker um die Gunst des Mädchens, aber die erwachte Begier des Prinzen drängte sie alle zurück. Dazu wußte die pfiffige Mutter sehr wohl die Vorteile ab- zuschätzcn, die sich aus der prinzlichcn Neigung herausschlagen ließen und so brachte sie die beiden mit allen Mitteln einer abgefeimten Kuppelkunst zusammen.„Sie überließ dem Prinzen ihre Tochter, sie diktierte die Antioorten auf die Zuschriften, die sie von dem Prinzen empfing, ihr in die Feder und führte sie nachher selbst dem Kurfürsten aufs Schloß zu." Der Hofadel, der damals mehr als je von fürstlicher Gnade lebte, erachtete es nämlich, unter der Einwirkung der französischen Maitresscnwirtschaft, als eine ganz bc- sondere Ehre, wenn fürstliche Augen sich lüstern auf die körperlichen Reize seiner Frauen senkten. Der von der Mutter überkommene Aberglaube vcranlaßte die junge Neitschütz, alle möglichen Mittel anzuwenden, sich des Prinzen Liebe zu sichern. Kam er zu ihr, so hatte sie heimlich unter ihren Stuhl ein Fledcrmausherz genagelt und beständig lag sie bei alten „Zauberweibcrn", der„Burmeisterin", der„Hexe aus dem Spree- Wald". Sogar vor dem Dresdener Henker Meister Bogel scheute sie sich nicht und alle diese Personen machten ein einträgliches Gc- fchäft daraus, dem Prinzcnliebchen„untrügliche Zaubcrmittel" zu verkaufen, wodurch sie ihren sürstlichen Buhlen zeitlebens an sich fesseln könne. Das dauerhafteste Mittel war aber eben doch des jungen Mädchens Schönheit. Die schlug Johann Georg, als er Kurfürst ge- worden war, dauernd in Fesseln. Und was dann noch fehlte, that der Eifer der Mutter. Wie diese selbst in dem Dresdener Prozesse zu den Akten ausgesagt hat, begleitete sie ihre Tochter nicht bloß abends zu dem Kurfürsten ins Schloß, sondern setzte sich sogar vor das Bett, wenn der Kurfürst mit ihrer Tochter darin lag,„und segnete dasselbe beim Abschied mit gemachten Kreuzen ein". Auch sonst war sie eifrig bemüht, ihrer Tochter in Dresden die gleiche Stellung zu verschaffen, welche die Maitressen am französischen Hofe innehatten. „Der Kurfürst inuß Dich vor seine Frau halten," instruierte sie einmal ihr gelehriges Töchtcrlein,„Tu mußt es ihm sagen, er muß alles thun, was Du willst; es ist nur um einen Sturm zu thun, sonst werden Dich die Leute für seine Hure halten." Wirklich that denn auch der Kurfürst alles, und selbst als er nach Berlin gereist war, um seine Verlobung mit einer branden- burgischen Prinzessin zu feiern, entflammte sein Herz bald wieder zu der jugcndschöncn Reitschütz, die er kurz zuvor, in einem Augen- blick des llebcrdrusses, eine Canaille genannt hatte. Als zur Öfter- messe 1602 die brandenburgische Prinzessin in Leipzig ihren Einzug hielt, empfing ihr Bräutigam sie zu ihrem nicht geringen Schrecken mit der Neitschütz am Arme. Es wurde eine sehr unglückliche Ehe. Die preußische Prinzessin scheint nicht über allzu großen körperlichen Reiz verfügt zu haben. Der Kurfürst hielt es deshalb auch nicht lange bei ihr aus und weilte um so öfter und um so länger in der Gesellschaft der schönen Sybille. Diese und ihre Mutter wiederum, in der lebhaften Sorge, der wetterwendiscke Sinn des Kurfürsten könne sich eines Tages von Sybille ab und der Brandenbnrgcrin oder einem andren Weibe zuwenden, griffen neben Sybillens Reizen zu allerlei„Zaubermittcln", die ihnen ihre abergläubische Furcht eingab. Sybille mußte ihre und des Kurfürsten Haare zusammengeflochten bei sich tragen. Sie siegelte Stücke von ihrem und seinem Hemde in eine Schachtel, trug fie am Karfreitag in die Dresdener Bartholomäuskirche, setzte sie, während man die Passion sang, heimlich auf den Altar und ließ so „den Segen darüber sprechen". Sie trug Adlerwurzel und Zauber- kraut bei sich, um den Fürsten zu fesseln.- Das alles wäre aber unnütz gewesen, denn der Kurfürst ent- brannte, je mehr das Kind Sybilla zum Weibe erblühte, in desto größerer Liebe zu ihr. Ein Jahr nach seiner Heirat, 1693, ließ er sie durch den Kaiser zu einer Reichsgräfil« v. Rochlitz erheben, schenkte ihr daS Schloß Pillnitz und lieh sie das frühere Dresdener Finanzministeriums- Gebäude bewohnen, welches durch einen unter- irdischen Gang mit seinem Schlosse verbunden war. Die Pfiffigkeit der Mutter Sybillens drängte darauf hin, ihrer Tochter den gleichen Rang bei Hofe wie der Kurfürstin zu verschaffe», und so wurde denn auf ihr Betreiben eine förmliche Urkunde ausgestellt: ein schriftliches Eheversprechen an Eidesstatt, im Datum zurückgehend bis vor die Heirat mit der brandenburgischen Prinzessin. In diesem Dokument bekannte sich Johann Georg IV. als Bigamist. Es heißt darin: „Kund und zu wissen, daß ich solches für eine rechte Ehe halte und erkenne, indem jenes nur eine zugesetzte Sache von der Kirche, dieses aber eben so viel ist; sollte also Gott, uns in solchem diesem Ehestand segnen, so bekenne frei vor männiglich, daß solche vor meine rechte und nicht unrechte Kinder zu halten sein; um aber keine Zerrüttung und Streitigkeiten in dem Kurhause anzufangen, sollen diese meine rechte Kinder keinen Teil an diesen Landen und Kurwürdcn haben und allein diese meine Ehefrau Gräfin und sie Grafen genannt werden..... Ferner auch will ich mir aus- genommen haben, frei zu sein, noch eine Frau zu nehmen und zwar von gleichem Geblüt mit mir, welche den Namen vom Kurfürst führen und ihre durch Gottes Gnade von mir zeugende Kinder die recht- mäßigen Erben dieser Kur und Lande sein sollen— indem keineswegs in der heil. Schrift zwei Weiber zu haben verboten, sondern Exempla anzuführen wären, worinnen es selber von unsrcr Kirche zugelassen— ferner habe auch gebeten, solche Schrift niemanden zu weisen, es sei denn höchst nötig" usw. Es ist offenbar die Sorge um die Kinder gewesen, welche die Ncitschütz', Mutter und Tochter, veranlaßt hat, dem Kurfürsten so lange zuzusetzen, bis er dieses sonderbare Schriftstück unterschrieb. Dazu aber bedurften sie keiner„Zaubermittel", da der Kurfürst offenbar geistig höchst beschränkt geiocsen ist. Er war einstmals bei einem Ausritt, hinter seinem kleinen Türken,„so ihm ctwaS zuwider gcthan", ungestüm hergalloppiert, war dabei aber mit der Stirn so heftig gegen einen unversehens zufallenden Thorflügcl geprallt, daß er rücklings vom Pferde fiel und für tot aufgehoben wurde. Bon diesem Unfall hätte er eine Gehirncrfchüternng davongetragen,„daß er von der Zeit an nichts als ungestüme und unordentliche Regungen empfunden und mit ihm sowohl in gemeinen als in wichtigen Tingen schwer umzugchen gewesen". Die Bevölkerung Dresdens war über das Verhältnis höchst auf- gebracht. Der damaligen kleinen Lakaien- und Spietzerstadt, die ganz vom Hose abhängig war und auch die Hofvorgänge aus nächster Nähe beobachtete, war die Maitresscnwirtschaft noch etwas Fremdes. Unter dem folgenden Kurfürsten, August dem Starken, sollte sie jedoch von ihrer Prüderie gründlich kuriert werden. Vorläufig murrte sie heimlich und öffentlich über den Maitrefsenslandal, zumal die Neitschützschen Damen mit großer Prätension öffentlich auftraten. Die Mutter sprach vom Kurfürsten stets als von ihrem„lieben Herrn Sohn", die Tochter aber nützte das Verhältnis diplomatisch und politisch aus. 1693 ließ sie sich vom englischen Hofe mit-19 000 Thalern bestechen, um den Kurfürsten an des Kaisers Seite gegen Frankreich zu erhalten. Im selben Jahre veranlaßtc sie den Kur- fürstcn dem Kaiser, zum Tank für ihre Erhebung zu einer Gräfin v. Rochlitz, 12 000 Mann Kriegsvolk zur Unterstützung gegen Frank- reich an den Rhein zu senden. Der Wiener Hof wollte sie dafür, nach beendetem Feldzuge, zur Fürstin erheben, da traf sie das Unglück, die Kinderblattern zu bekommen an denen sie am 4. April 1694 starb. Die Neitschütz wurde mit einem ungewöhnlichen Pomp beerdigt und in der Sophienkirche, hinter dem Altar, beigesetzt. Aus dem Umstände, daß Johann Georg der Tod Sybillens sehr nahe ging, wollte man wieder auf Zauberei und Hexerei schließen, und im Volke kursierten viele Geschichten, wie ängstlich der Kurfürst an der Leiche gcthan habe. Jedoch Sybillens Mutter faßte die Sache praktischer an. Sie führte dem Kurfürsten das Gesellschaftsfräulcin der Ver- storbcncn Agnes v. Kühlau zu und nach den Worten, die das Urteil aufbewahrt" hat, sagte sie dabei:„Euer kurfürstliche Durchlaucht werden doch um meiner Tochter willen die ganze Welt nicht meiden! Es ist Ihnen so viel gesünder!" Der Kurfürst konnte sich aber nicht lange mehr mit Gedanken um eine neue Liebste plagen. Die Leiche übertrug ihm bei zu zart- lichcr Berührung, ihre Krankheit und fünfzehn Tage nach dem Be- gräbnis, am 27. April 1694, starb er plötzlich. Er wurde zu Freiberg, der alten Bcrgstadt, begraben. Der ungeheure Skandal, der nicht bloß den, Kurfürsten persönlich anhing, sondern auch das Ansehen der Krone schwer schädigte, mußte in der einen oder andern Weise getilgt werden, und der Dresdener Hof unternahm dies, indem der neue Kurfürst, der Bruder des Wer- storbcncn, August der Starke, die im Volle ausgesprengten Gerüchte aufgriff: die alte Ncitschütz sei eine Hexe, sie und ihre Tochter hätten den Kurfürsten Johann Georg behext, so daß er nur ihr willenloscsLpfer gewesen sei. Ans solche Weise konnte man alsdann den verstorbenen Kurfürsten als Unschuldigen und Gequälten hinstellen, alle Schuld aber auf die beiden Ncitschütz abwälzen. Solche Lösung der schlimmen Affaire hatte um so mehr für sich, als sie durchaus im Geiste der Zeit war. Ucbcrall wurden Hexen verbrannt, und bei allem, wofür das Volk keine plausible Erklärung fand, sprang der Aberglaube helfend ein, So kam die Mutter der Ncitschütz auf das Dresdener Rathaus als Gefangene und das Verhältnis ihrer Tochter mit dem verstorbenen Kurfürsten wurde zur Grundlage des Hexenprozesscs. Tie alte Neitschütz saß anderthalb Jahre in dem sogenannten Duatcmberstübchcn des Rathauses unter scharfer Bewachung. Die Anklage erhob zwei Beschuldigungen: die v. Neitschütz sollte den Kurfürsten Johann Georg III. durch Zauberei ermordet haben, um den Kurfürsten Johann Georg IV. zur Regierung zu bringen. Tann sollte sie auch diesen durch Zauberei verliebt gemacht haben. Auch gegen die bereits verstorbene Tochter wurde der Prozeß geführt. Drei Tage nach dem Tode des Kurfürsten wurde ihr Leichnam wieder aus der Hofgruft in der Sophienkirche hervorgeholt und aufs neue, aber nicht auf einem Friedhofe, sondern auf dem freien Platz außerhalb der Sophienkirche eingescharrt. In dem Prozeß wurden vierundvierzig Personen, teils auS der Umgebung der Neitschütz, teils vom Dresdener Hofe als Zeugen ver- nommen. Die Untersuchng führte der Dresdener Amtmann in Ver- bindung mit dem Dresdener Stadtrate. Neben den beiden Neitschütz war eine Anzahl„niederer Helfershelfer" angeklagt. Am 23. Januar 1695 mußte„die Tranmmarie", die man auf die Tortur gespannt hatte, die Kammerfrau der Neitschütz, Elisabeth Nitsche nebst ihrem Manne am Dresdener Pranger stehen. Die„Hexe aus dem Spree- wald" hatte man derart auf der Tortur gepeinigt, daß sie im Ge- fängnis starb; dasselbe Ende fand der Dresdener Scharfrichter. Die alte Gräfin Ncitschütz wurde mit Daumenschrauben gequält; als dann später die Affaire unter dem Volke vergessen war, schlug man den Prozeß nieder und entließ die Frau aus dem Gefängnis. Sie ging auf das Gut Gaussig bei Bautzen, welches ihrem Sohne Rudolf v. Ncitschütz gehörte. Dort starb sie 1713, ini Alter von 63 Jahren. Die frühere Kuppelmutter wurde eine Wackcrc Matrone. Die Spuren der Daumenschrauben verbarg sie, indem sie beständig Handschuhe trug. Auf dem Schlosse Gaussig befand sich lange ein Gemälde, welches sie am Spinnrad darstellte. Ihr Fleiß soll so groß gewesen sein, daß sie während des Schlohbaues auf dem Gerüste saß und spinnend die Bauleute beaufsichtigte. Diese Arbeiter zu drangsalieren, reichte also ihre Tugend noch immer auS. Die Liebe des Fürsten zu Sybille war von der Familie Neitschütz praktisch klug benutzt worden, um sich zu bereichern. Hand in Hand mit ihnen hatte der Kammerdirektor und Gcheimrat v. Hoym gearbeitet. Er hatte das Land in unerhörter Weise bedrückt und aus- geplündert, derweilen die Neitschütz den Kurfürsten in Liebcsbanden hielt. Als ihn August der Starke 1694 auf den Königstein schickte, fand man unter den Papieren dieses Mannes ein Buch mit dem Titel: „Verzeichnis derer, so wir haben ducke» müssen". Auch der Kur- fürst selbst stand im Verzeichnis der Duckenden. Hoym zahlte nicht weniger als 200 600 Thaler, worauf sein Prozeß niedergeschlagen wurde und er selbst die Freiheit wiedergewann.— _ Emil 91 o i e u o!v. Kleines f euilleton» — Mißbrauch der Flaschenposten. Gegenwärtig läuft eine kleine Notiz„Oceanfahrt einer Flasche" durch die Zeitungen, in der erzählt wird, Ivic ein Amerikaner in einer Flasche eine Karte mit Grützen ins Meer geworfen habe, wie diese dann in England auf- gefundeu und heantwortct worden sei. Der kleine Vorfall kanir dem Publikum nach der Schilderung leicht als ein liebenswürdiger kleiner Scherz erscheinen, der Nachahmung verdiene. Das soll er aber ganz und gar nicht. Die Flaschenposten auf See sind eine bitter- ernste Sache, und bei näherem Nachdenken wird jeder die statt- gehahte Verwendung als einen tadelnswerten Mißbrauch ansehen müssen. Die Flaschenpost ist ein altes, primitives, aber auch heut noch nicht ersetzbares Verständigungsmittel der Seeleute. In der Flasche senden verunglückte Seeleute ihren Angehörigen vielleicht die letzten Abschicdsgrüße und Weisungen, ihren Reedern den letzten Bericht. Mit Flaschenposten versucht ein in der Nähe der Küste steucrlos treibendes Schiff Hilfe herbeizurufen oder machen Schiff- brüchige einen letzten Versuch, mit vorübersegelndcn Schiffen in! Verbindung zu treten. Diesen ernsten Aufgaben entsprechend werden Flaschenposten auch auf das gewissenhafteste beachtet, und es liegt im allgemeinen Interesse der Seeschiffahrt, daß der Flaschenpost ihr ernsthafter Charakter unangetastet erhalten bleibt. Wenn nun aber ein großer Dmnpfer seine Fahrt unterbricht, um eine Flasche aufzufischen, oder wenn Fischer an der Küste mit Dransetzung ihres Lebens und ihres Bootes eine Flasche aus der Brandung holen und dann darin die Meldung finden, daß Mr. Smith dies« Flasche in guter Gesundheit geleert hat, wenn ihnen beim zweiten Male Frau Müller die gleiche wichtige Nachricht gicbt, da wird ihre Neigung zur achtsamen Beobachtung der Flaschenposten sicher nicht erhöhte Und das ist noch der günstigste Fall, daß der Finder den Inhalt gleich richtig verstehen kann. Oftmals werden Flaschen an Küsten angespült, wo kein Mensch die Sprache ihres Inhalts versteht, und das giebt dann leicht böse Weiterungen und Mißverständnisse. Es ist noch nicht lange her. da gaben auf einem Dampfer der Hamburg— Amerika-Linie die Fahrgäste ihrem Wohlbehagen durch eine Art von Ricscnbicrkarte Ausdruck, die sie alle unterschrieben und in eine Flasche steckten. Die Flasche trieb bemerkenswert rasch an einen Ort der brasilianischen Küste, wo kein Mensch Deutsch verstand und wo man kombinierte, das Schiff müsse untergegangen sein und die lieber- lebenden wollten der Außenwelt durch den von ihnen unterschriebenen Brief noch ein letztes Lebcnszeichc» geben. Ter Untergang und die Liste der„Verunglückten" wurde dem nächsten Vertreter der Reederei gesandt; der kabelte sie pflichtschuldig nach Hainburg, und wenn dort nicht zufällig gleichzeitig die Meldung des Dampfers aus seinem Bestimmungshafen angekommen wäre, so würden die Angehörigen auf das äußerste erschreckt worden sein, nach den Schiffbrüchigen zu suchen usw. usw. Medizinisches. ic. D a s W e s e n d e s F i e b c r s ist trotz oielcr berdicnstvoller Untersuchungen noch immer nicht aufgeklärt. Professor Biedl, der kürzlich die jetzt über das Fieber herrschenden Anschauungen zu- sammenzufassen dersuchte, kam zu dem Schluß, das Fieber wäre eine Art von Vergiftung, die eine Reihe von hauptsächlichen Vorgängen im Körper nachhaltig beeinflußt. Zu diesen durch das Fieber krank- Haft veränderten Verrichtungen des Körpers gehören: eine starke Aenderung des Stoffivechscls, eine Abzehrung, der Zerfall der Eiweis- stoffc unter Erzeugung von Giften, die gestörte Wärmeerzeugung usw. Man fühlt aus diesen Angaben das Unbestimmte und Unbefriedigte heraus. Es ist da die Rede von einem Fiebergift, und man hat ein solches doch noch nie unter den Händen gehabt. Man muß zu- geben, daß nicht jedes Ansteigen der Körpertemperatur mit dem Ein- tritt vom Fieber gleichbedeutend ist. Man ist sogar schon bis zu dem Vorschlag gekommen, die Bezeichnung Fieber überhaupt ganz auf- zugeben, wie man vergleichsweise auch den Begriff der Erkältung nicht mehr als etwas Bestimmtes gelten lassen will. Dennoch wird es nicht angehen, an die Stelle des Fiebers etwas anderes zu setzen, sondern man wird eben an der Aufklärung weiter arbeiten müssen, und mit Recht hat Professor Biedl darauf hingewiesen, daß sich die Behandlung des Fiebers, wie die Geschichte der Medizin lehrt, immer nach den zeitweilig herrschenden Anschauungen über das Wesen des Fiebers gerichtet habe, so daß es durchaus nicht gleichgültig ist, welche Theorie über das Fieber angenommen wird. Dr. Fischer glaubt nun in einem Aufsatz der„Allg. Wiener Medizinischen Zeitung" die Ursache des Mißerfolges in der Er- forschnng dieser verbcitetsten aller Krankheitserscheinungen darauf zu- rückführen zu sollen, daß die Beobachter nicht mit dem Rüstzeug physiologischer Wissenschaft bis zu den Stellen des Körpers hinab- steigen, wo das wärmespendende Feuer angefacht und genährt wird. Er vergleicht den menschlichen Organismus mit einem sehr verwickelt gebauten Ofen, in dem ein dauernder Verbrennungsvorgang statt- findet und die Körperwärme erzeugt wird. Dieser Heizapparat muß sich durch das Anpassungsvermögen gleichsam durch eine Fülle von Klappen und Schiebern auf einer zuträglichen Temperatur fort- gesetzt erhalten. Bei dieser Regulierung spielt sowohl die Haut wie der Blutkreislauf und das Nervensystem eine große Nolle. Zahlreiche Forscher haben den Einfluß untersucht, den eine künstliche Störung dieser Regulatoren auf die Körpertemperatur ausübt. Dr. Fischer beschäftigt sich ausschließlich mit der Tempcraturstcigcrung im Ge- folge von Krankheiten, die er einzig und allein Fieber nennt. Er verweist auf die Lehren der Physiologie, nach denen die erzeugte Wärmemenge von dem Maß der sich umsetzenden Spannkräfte oder dem Grad des Stoffwechsels abhängt. Der Stoffwechsel ist nun wiederum von der Lebcnsthätigkeit der Zellen des Gewebes ab- hängig, so daß jeder Reiz auf die Thätigkeit der Zellen auch eine Steigerung des Stoffwechsels zur Folge haben muß, und damit muß auch eine erhöhte Wärmeerzeugung Hand in Hand gehen. Dr. Fischer erklärt somit die erhöhte Temperatur oder daS Fieber als Folge einer gesteigerten Lebensthätigkeit des Gewebes, oder er nennt auch kurz das Fieber eine durch gewisse Reize entstandene stärkere Lebensthätigkeit. Solche Reize können natürlich sehr vcr- schicdene sein, ebensowohl nützliche wie schädliche. Nützlich sind eine vorübergehende bedeutendere Nahrungsaufnahme oder kurze Zeit wirkende sehr verdünnte Gifte, schädlich die bekannten eigentlichen Gifte. Auch völlig leichgültige Körper können, wenn sie ins Blut ge- bracht werden, ein vorübergehendes Fieber hervorrufen. Die schlimmsten Feinde der normalen Lebcnsthätigkeit der Zellen sind die Giftstoffe, die von den in den Körper eingedrungenen Bakterien er- zeugt werden. Diese Gifte bedrohen das Leben der Zellen aufs äußerste und reizen sie dadurch zur gesteigerten Thätigkeit aus Not- wehr. Dadurch wird nun der gesamte Stoffwechsel des Körpers und mit ihm auch die Wärmeproduttion gesteigert, und so entsteht eben das Fieber, das Dr. Fischer in einfachster Weise vergleicht mit der Erhitzung, in die zlvci mit einander Ringende geraten. Das Fieber an sich ist demnach auch keine Krankheit, sondern nur daS Merkmal einer solchen, und daraus erklärt Fischer auch die Thatsache, daß die sogenannten Fiebermittel gerade im gefährlichsten Augenblick oft versagen.— Bergbau. — Die Rubinenlager in Burma h. Die in Allahabad erscheinende Zeitung„Pioneer Mail" stellt fest, daß man in Burmah und Siam seit undenklichen Zeiten Rubinen gefunden habe, und es ist wahrscheinlich, daß sämtliche in der Geschichte genannten Edel- steine dieser Art aus burmesischen Minen stammen. Die siamesischen Fundorte sind Iveniger bekannt und vielleicht auch noch weniger aus- gebeutet, so daß nach wie vor Bunnah die Hanptbezugsquelle für Rubinen bleiben dürste. Der Hauptplatz an deni diese Steine gefunden werden, liegt in der Nähe des Magokthales in Ober-Burmah, etwa 90 englische Meilen nördlich von Mandclay in einerHügelreihe, von denen einzelne Gipfel sich bis zu 0000 Fuß erheben. Die bedeutendsten Minen, die gegenwärtig bearbeitet werden, befinden sich am Oberläufe der Flüsse Magok und Kyatprin etwa 4000 Fuß über dem Spiegel der See. Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Nachdem England Ober-Burmah in Besitz genommen hatte, be- schäftigte sich eine englische Gesellschaft mit der Ausbeutung dieser Minen, die sie jetzt noch betreibt. Zuerst begann man die Arbeit in dem Kalkspatgebirge am Kyatprin. Man hatte jedoch dort keinen Erfolg. Man wandte sich nun dem Alluvialboden verschiedener Thäler zu, in denen schon die Eingeborenen nach Edelsteinen gesucht hatten. Um die tiefen Lager dieses Alluviums zu erforschen und wasserfrei zu machen, trieb man tiefe Stollen durch den harten Gneißfelsen, der diese Thäler begrenzt. In einem oder zwei Fällen, wo diese Arbeiten unausführbar lvarcn, errichtete man Pumpstationen, die mit starken Dampf- Maschinen betrieben werden, am unteren Ende der Thäler, um auf diese Weise das Wasser zu entfernen. Solvohl der Stollen- bau als auch die letztgenannte Methode erwiesen sich als sehr erfolg- reich und große Strecken rubinhaltigen Grundes wurden für die Bearbeitung erschlossen. Es wird festgestellt, daß Feuerungsmaterial in dein Rubindiswikt knapp zu lverden beginnt und aus immer größeren Entfernungen herbeigeschafft werden muß, und es ist wahr- scheinlich, daß man sich bald der elektrischen Kraft bedienen wird, da es an kräftigen Wasserläufen, die zu ihrer Erzeugung erforderlich sind, in der"Umgegend nirgends fehlt. Außer Rubinen werden auch gelegentlich Saphire geftmden, ebenso, wie andre Edelsteine, die in- dessen keinen hohen Wert haben.— Hnmoristisches. — Das Signalement. A.:„Da bin ich zusammen- gefahren im Eoupe mit'in Herrn, er sagt, Sie kennen ihn. Er heißt Löw." B.:„Low heißt er? Ich glaub', ich kenn' kein' Herrn mit Namen Low. Wie sieht er denn aus?" A.:„Auf dem rechten Bein lahmt er, und auf dem linken Aug' is er blind." B.:„Was für Haar hat er?" A.:„Gar ka Haar hat er. lind Zähn' auch nischt. Bloß e paar große Warzen hat er und e halbe Ras' is weg." B.:„Ach, jetzt weiß ich— Sie meinen den schönen Low,— den kenn' ich l"— — Gemütsmensch.„Ich bin seit einigen Monaten Witwer. Und Sie, Herr Nachbar?" „Noch nicht!"— — Widerspruchsvolle Mahnung. Vater:„Was sitzt Du nur immer über den Büchern?" Sohn:„Ich möchte die tiefften Geheimnisse der Wissenschaft ergründen, Vater!" Vater:„Ach, sei gescheit und bleib' dumm!"— („Lustige Blätter.") Notizen. — Im Trianon- Theater geht„Die Notbrücke", ein dreiaktigeS Lustspiel von Fred Gresac und Francis de C r o i s s e t, am 17. Februar erstmalig in Scene.— — Oskar Wildes«Salome" errang bei der Aufführung im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg nur einen äußeren Erfolg.— — Die Aufführung von Edward Stilgebaners Drama „Der tolle Rittmeister" am Stadt-Theater in Wie» wurde von der dortigen Censur verboten.— — Gabor Steiner eröffnet am 19. Februar mit seiner Wiener Operettengesellschaft im Central-Thcater ein G a st s p i c l.— — Die Abendausstellung imLichthofc des Kunst- g e w e r b e- M u s e u m s ist nicht geschlossen worden. Der Besuch ist zwar kein übermäßig großer, doch auch nicht derart gering, daß man den Versuch als endgültig gescheitert betrachten müßte.— — Naturfarbige Photographien der„Urania". Farbige Photographien als Jlluswationsmaterial lverden demnächst in der„Urania" gezeigt werden. Die Bilder sollen einen Vortrag des Professors Müller illustrieren, der im wissenschaftlichen Theater- saal der„Urania" stattfinden wird; sie sind nach dem Miethe'schen Verfahren aufgenonimcn und werden mittels eines außerordentlich lichtstarken Projektionsapparates von ganz neuer Konstruktion vor- geftihrt werden.— o. Die russische Stadt Kasan, die nicht weit vom Ufer der Wolga liegt, ist das Handelscentrum für Eier von ganz Osteuropa. Seit 1890 exportierte Kasan in die meisten benach- harten Länder gegen 50 Millionen Eier. Es giebt dort sechs ftemde Handelshäuser, die alle Eier aufkaufen, die auf den Markt von Kasan gebracht werden. Sie vermögen kaum der stets wachsenden Nachftage aus Deutschland, Oestreich, der Türkei und England zu genügen. Im Jahre 1902 erhob sich die Ausfuhr auf 185 Millionen Eier, die einen Wert von 2 500 000 Rubel repräsentierten und für den Transport 1230 Waggons brauchten.—_ Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckereiänid Vcrlagsanstalt Paul kluger& Co., Berlin SW