Anterhaltungsblatt des Worivärts Nr. 31. Freitag, den 13. Februar. 1903 (Nachdruck verboten.) 31] Der JVlüllerbanncs. Roman aus der Eifel von Clara Viebig. Eine Mahre Gier ergriff den Hannes— warum hatte der Noldes auch gesagt: es geschehen Wunder. Log der alte Mann in seinem schneeiveiffcn Haar? Nein,'s war ihm nicht wie eine Lnge Über die Lippen gegangen. Es war schon wahr— Wunder— hier mußte ein Wunder geschehen! llnd wie ein Erkrankender, der nach dem Strohhalm greift, faßte der Begehrende in die dunkle Luft mit beiden Händen und schloß die Fäuste, als gälte es schon einen Zipfel vom abgeschabten Röcklein seines Alten zu fassen. Nichts— leer die Hände— feilt Wunder! An ohnmächtiger Wut begann der Ungeduldige zu flitchen, aber dann fiel ihm ein: beten— hatte der Noldes nicht ge- sagt, beten muß man dabei? Ah beten, bitten, betteln— das war nicht nach seiner Art, nein! Unmutig warf der Trotzige den Kopf zurück; aber erhörte immer wieder den Noldes sprechen:„nur beten muß man!" Der Noldes war ein Esel, was der sagte l Ueberhaupt, wer hatte denn Respekt vor dem? l Die Bauern im Dorf V Noch lang nicht! Kaum die Weiber und die Schulkinder, lind des Noldes Oberen sahen schon lange scheel— olau, wie kann mau sich nur von dem verkindeteu, armseligen Pastörchen so ein Märchen aufbinden lassen?! Wunder?! Es geschehen keine Wunder mehr! Und doch faltete Hannes jetzt plötzlich die Hände— seinen Alten würde er doch gar zu gern wiedersehen. Es war ein wunderliches Gebet, daß der Müllerhannes zusammenstöppelte; er ächzte dabei und große Tropfen Schweiß raunen ihn: in Hast und Drang überS Gesicht.-- Am Morgen schien die Soinie hell, die am Abend vorher zum erstenmal gezeigt, daß sie überhaupt noch da sei. Ganz oben am Schnee der Hänge leckte sie, leckte mit scharfer Zunge die Aeckcrleiu blank, daß die ihre dunkle Krume zeigten. Die bäuerlichen Köpfe, die eingeduselt waren im laugen. Frost und Schnee, fingen auf einmal an zu denken: Im März nimmt der Bauer den Pflug beim Sterz— in ganz Maarfelden rührte sich's. Auch Fränz stand am Mühlengiebel, das Kleid hoch ge- schürzt, die Füße auf einem Stein und bedachte eben, wie sie hinüberkonimen sollte durch das Wasser, das statt all des Schnees den Pfad jetzt übergoß. Zwischen den Weiden lag noch Schnee, aber nicht mehr viel, hier und da guckte schon die Erde durch— Fränz schirmte mit der Hand die Augen gegen die blendende Sonne: ob sie da zwischen den Weiden neben dem Pfad vielleicht trockenen Fußes durchkam? Sie guckte und guckte— plötzlich wurde ihr Gesicht laug, ganz blaß. Sie reckte sich auf den Zehen, die Augen riß sie auf, schreckhaft weit— einen zitternden Atemzug that sie, ein paar Schritt watete sie näher— noch ein paar Schritt— und jetzt ließ sie de» Korb, darin sie im Dorf Salz und Kaffee zu kaufen gedacht, fallen, stieß einen lauten Schrei aus und sprang,' gejagt, mit ein paar wilden Sätzen zur Hausthüre zurück, daß das nasse Schuecwasser, in das sie achtlas patschte, ihr bis an die Ohren spritzte. Drinnen saß der Müllerhannes allein, die Ellenbogen aufgestützt. Sein Gesicht war finsterer denit je. Die Sonne ärgerte ihn. die tanzende Kringel vor ihn atts den Tisch warf. Wie durfte die lachen, ivenn er wartete? Er hatte gebetet— gebettelt wie ein Lumpenkerl— und nun— he, wo blieb nun dem Noldes sein Wunder?! Psiff nicht der Thauwiud ihn draußen aus? I Da wurde die Stubenthür aufgerissen, Franz stürmte herein. Beide Arme vorgestreckt, stürzte sie gegen den Vater; ihre Lippen zitterten, ihre Zähne klapperten, kaum daß sie's herausbrachte im plötzlichen Schrecken, halb lachend, halb weinend: „Den Großvadder— den Großvaddcr— unter den Weidcnbäum'— Ladder, da is hau l" XVIII. Die Maarfeldener wunderten sich darüber, daß der Müller- Sannes alles so ruhig hinnahm, als man seinen Alten begrub. Sie hatten doch erwartet, er würde wenigstens tüchtig weinen; verdient hatte sich das wahrlich der gute alte Mann um den Sohn. Die alte Kirchweilern weinte desto mehr: nun da der Matthcs für tot int Kirchenbuch eingetragen stand, erlosch auch die Rente, die der Bonifacius-Berein so lange noch immer gezahlt. Sie jammerte und rang die schwachen Hände— nun war das größte Unglück über sie hereingebrochen, sie mußte aus ihrem Haus. Das wollte der Bonifacius-Verein der- kaufen. Und wo kriegte sie denn nun ihren Kaffee her, und wo ihren Wecken? Oh, daß ihr Mann auch so schlecht für sie gesorgt! Die Thaler für ihrer beider Begräbnis hatte er wohl beiseite gelegt, aber an seine Wittib bei ihren Lebzeiten hatte er nicht gedacht. Sie klagte den Toten mit Bitterkeit an. Der konnte ja nicht sprechen:„Exküs', ich han gemeint, ich ttn Du sein eins!" Der Sohn sprach rasch:„Mutter, Du kömmst bei mich!" Aber davon wollte sie nichts wissen: in die Mühl', die nicht mehr die Mühle von früher war, in die Mühl' mit dem kapitten Dach, das dem Vater immer so geärgert, das man so wie so nicht laug mehr überm Kopf haben würde—, nein, nein, dann lieber gleich in's Armenhaus! Sie wider- stand eigensinnig. Mit Geivalt fast mußten sie die Großmutter holen. Sonst wäre Hannes aufgebraust, jetzt ertrug er das Ge- jammcr mit leidlicher Gedttld. Nur ans den Vater litt er kein böses Wort. Wie der da gelegen hatte, im grünbraunen Flauschrock, mit den abgeschabten Ellenbogen, das Tuch um dett Hals, die Pelzmütze über den Ohren— gefroren war die Leiche unterm Schnee gewesen all die Zeit— keine Runzel hatte sich geändert in dem alten, vertrauten Gesicht! Und friedlich sah's aus, freundlich--, Hannes, wat machste, mein Hannes, wat denkste dann cweil?"-- Noch einmal, leibhaftig, hatte er sich dem Sohn gezeigt— nun war er dem heilig.— Oben auf dem Kirchhof am Berghang, neben die Tina war der Alte zu liegen gekommen. Drum herum ging das Leben weiter seinen Gang. Ans den Acckerchen wurden Kartoffeln gelegt und Runkelrüben gepflanzt; trafen sich wo zwei, so ging gelviß die Rede:„No, wie stchn eweil Dein' Grnin- bieren"), mein Rummeln�) sein äwer schons groß!" Auf den grünen Rasenstückchen zwischen den hängenden, goldgelben Ginsterstanden kletterten die Weißen und grau- scheckigen Ziegen von Maarfelden und ihre Hüter, die schmutz- nasigcn Schulbuben und Mädchen äfften init ihren jungen Kehlen das znfrieden-satte Gemecker nach. Der Buchenbusch hatte sich saftgrün gefärbt, die Brombeer- ranken trieben, die Haselnußstaudcn blühten. Pfarrer Noldes hatte jetzt gute Zeit, denn am Maar hatten die Weiden tausend junge biegsame Schößlinge und neue Binsen standen dicht im Kranz. Der Bittgang unt die Gemarkung war schon abgehalten — voran der Küster tnit der Fahne, dann der greise Pfarrer ntit den zwei weihrauchschwingcnden Knäbchen, hinterher die ganze Gemeinde, Männer und Weiber; so ivaren sie in- brünstig betend und singend gezogen, hoffte doch ein jeder für sein Stückchen Acker einen besonderen Segen. Es war ein herrlicher Mai. Anstatt des Frostes, den er sonst noch oft gespendet, gab er Heuer Sonne mit vollen Händen. und als der Juni kam, wogte selbst auf der Höhe der felsigen Bergkuppen der Roggen wie ein grünes Meer. Ganz Maarfelden jubelte. Nur in der Maarfeldener Mühle war's still. Das Dach drippte immer noch; es war nicht geflickt worden, wozu auch? Damit andre trocken saßen? Nein, mochte nur alles verfallen, jetzt, wo man doch heraus mußte! Die Sparbank hatte ihre Hypotheken gekündigt— kein Wunder, wie kam sie dazu. ihre Zinsen wegzuschmeißen? Der Kirchweiler kam ja doch zu nichts mehr, dem war nicht zu helfen, er war ein notorischer Lump— wenigstens sagten so die Gewährsmänner. Stoch einmal ließen die Müller oben am Bach anfragen, *) Kartoffeln. *) Runkelrüben. ob der Maarfeldcner Müller ihr venümftiges Angebot ans seine Mühle vielleicht jetzt annehme, sie würden sich dann schon mit der Sparbank arrangieren und ihm noch was heraus- bezahlen; bei Zwangsverkauf fiele doch so gut wie gar nichts niehr für ihn ab— aber da erboste sich Hannes so gewaltig, daß er den harmlosen Mittelsmann zum Hause hinauswarf. Nun war's aus— ha! Er empfand's fast wie eine Er- lösung. Von den Rivalen eine Gnade annehmen, und sei's auch nur eine Gefälligkeit— nein I Dann lieber nnt Pauken und Trompeten kaput gegangen! Der Bank alles in den Rachen geschmissen, aber auch alles! (Fortsetzung folgt.)I (Nachdruck vcrvotc».) Die fabrik. [((©cenc ans einer Sitzung des Grundbesitzervcrcins zu Waldsrieden.) Bon Ernst P r e c z a ir g. TaS Vereinszimmer ist überfüllt, die Mitglieder befinden sich in einer erregten Unterhaltung. Präses(läutet): Ich bitte um Ruhe.(Es wird manschen- still.) Meine Herren! Wir kommen nun zu dem wichtigsten Punkt unsrer heutigen Tagesordnung(mit erhobener Stimme):„Wie stellen sich die Grundbesitzer der Villenrolonie Waldfricdcn zu der beabsichtigten Errichtung einer Fabrik?" Meine Herren! Ans Ihrem so zahlreichen Erscheinen ersehe ich zu meiner Freude, ein wie lebhaftes Interesse Sie alle an dem unerhörten Projekt nehmen, das uns bedroht. Ich kann wohl sagen, dag die erste Mitteilung von diesem Plan in unsre kleine, weltabgeschiedene Gemeinde Ivie eine Bombe cigeschlagen hat!(Lebhafte Zustimmung.) Wie eine Bombe. die von ruchloser Hand in das stille Heim friedliebender Menschen geschleudert wird! Denn dieses unglaubliche Projekt bedeutet in der That die Zerstörung unsrer Ruhe, die Vernichtung unsres mit Mühe und Opfern errichteten Heims, die vollständige Umlvälzung! Wenn dieser Plan, was Gott verhüten möge, zur Ausführung komnit, so ist der Name Waldfricden ein Hohn auf die Wirklichkeil I(Bravo! — Der Redner wischt sich den Schweis; von der Stirn). Ich ver- lese Ihnen zunächst die bezügliche Notiz aus der letzten Nummer des Kreisblattes. Sic lautet:„Unsrer benachbarten, so idhllisch ge- legenen Villenkolonie Waldfriedcn steht eine Veränderung bevor, die den anheimelnden Charakter des kleinen Häuserkomplexes in sein Gegenteil verkehren dürfte. Herr Heinrich Müntz, langjähriger Villenbesitzer in Waldfriedcn, bekannt durch seine umfassenden Land- ankaufe in hiesiger Gegend, beabsichtigt, seine Berliner Fabrik mit einem Personal von ca. 500 Köpfen nach Waldfricdcn zu verlegen. Mit den notwendigen Bauten soll sofort nach behördlicher Genehmigung der Pläne begonnen werden."(Große Unruhe.) Meine Herren! Herr Müntz ist anwesend. Bevor wir in unsre Verhandlungen ein- treten, richte ich die Fage an den Genannten, ob diese Mitteilung der Wahrheit entspricht. Müntz(lächelnd): Thatsache.(Empörung.) Präses: Nun! Es ist mir besonders schmerzlich, daß ein angesehenes Mitglied unsres Vereins es unternimmt, unsre Be- strebungen in einer so frappanten Weise zu ignorieren und geradezu illusorisch zu machen! Auch Herrn Müntz dürfte es doch wohl bekannt sein, daß der Hauptzweck unsrer Vereinigung darin besteht, den in gewisser Beziehung exklusiven Chraktcr unsrer Kolonie zu wahren. Wir wollen nicht Hinz und Kunz in unsrer Mitte haben! Die Er- richtung der Fabrik aber bedeutet eine Ueberschwemmung unsrer Gegend mit Elementen, die nicht hierher gehören— Leuten, welche die Herrlichkeit und den Frieden unsrer Naturumgebung nicht zu schätzen wissen. Es wird also unsre Aufgabe sein müssen, Mittel und Wege zu suchen, um die Realisierung der Muntzschen Pläne zu ver- hindern.(Allseitige Zustimmung.) Kaufmann Müller: Ich schicke voraus, daß ich auch kein Freund von ungewaschenen Gesichtern bin. Aber ich möchte doch darauf hinweisen, daß für die wenigen hier ansässigen Geschäftsleute eine kleine Vermehrung der Einwohnerzahl höchst wünschenswert sein muß. Vielleicht könnten auch wir darauf verzichten, wenn die hier bereits wohnenden Herrschaften nicht den grüßten Teil aller Waren aus Berlin beziehen würden. So, wie die Dinge jetzt liegen, können wir Geschäftsleute nicht leben und nicht sterben.(Ver- einzcltcs Bravo!) Rentier Hackmesser: Was die Jcschäsie anbelangt, so seht meine unmaßjebliche Meinung dahin, daß man erst Feld verdienen muß und dann in de Filla ziehn. Hier is natürlich nischt zu holen. Wer zu uns kommt, muß Asche mitbringen. Ick habe mir meine Moneten ooch erst uff'n Ccntralvichhofs jeholt, eh' ich mir mein Häuseken jebaut habe. Hungerleider Ivoll'n wir in unsre bessere Je- sellschaft nich haben und unjcbildtc Ellemente schon jarnich. Meine Meinung jeht also dahin, dct ick jcjen dct Perfekt bin. Präses: Ich möchte die Aufmerksamkeit der Anwesenden namentlich auf die gesundheitliche Seite der Frage lenken. Es ist zweifellos, daß der Oualm, welcher Tag und Nacht aus den Fabrik- schornstcincn strömt, nicht nur die Vegetation hemmen und den Wald verräuchern wird, sondern eine allgemeine Luftverschlechterung wird die Folge sein. Da ist es wohl angebracht, einmal die Frage auf- zuwerfen: Warum haben wir uns hier ansässig gemacht? Ich glaube, von Ihnen allen mit wenigen Ausnahmen würde ich die Ant- wort erhalten: weil wir das enge, gedrängte Zusammenwohnen der Menschen als gesundheitsschädigend erkannt haben! Weil wir unsre Familie vor Krankheit und Siechtum bewahren, weil wir ihr den Ernährer auf eine möglichst lange Zeit erhalten wollen!(Stürmische Zustimmung.) Ja, meine Herren! D a r u m handelt es sich! Wir können nicht dulden, daß der Krankheitskeim in unsre Häuser getragen wird! Wer die Veranlassung dazu giebt, stiehlt uns von nnserm Leben! Er handelt im höchsten Grade unsocial und inhuman, indem er die pflichtmäßige Rücksicht auf seine Mitmenschen außer acht läßt! (Händeklatschen.> Müntz(lächelt). Hackmesser: Der Mann lacht noch! Ick möchte jerne die Jründc wissen, wie der Mann dazu kommt, uns die Luft zu ver- stänkern, die wir mit schweren Kies berappt haben! Wozu läßt er seine Fabrike nich da, wo se is? Er braucht ja nich rin zu jehn, wenn er kecne Lust hat. Er kann ja hierbleiben! M u n tz: Sehr gütig. Ich habe natürlich keine Veranlassung, Herrn Hackmesser über meine Gründe, die geschäftlicher und technischer Natur sind, Auskunft zu geben. Wenn es aber zur Beruhigung der Anwesenden dient, so will ich bemerken, daß die Fabrikgebäude an die äußerste Ostgrenze meiner Ländereien placiert werden sollen, das heißt: eine gute Viertelstunde entfernt von der nächstgelegenen Villa. Der gefürchtetc gesundheitschädigendc Einfluß dürfte mithin gleich Null sein. Es wird doch niemand geglaubt haben, daß ich mir die riesigen Strecken Land gekauft habe, um Schafe darauf zu weiden? Dr. med. K a r st: Ich kann mich dem Protest gegen das Projekt nicht anschließen. Und zwar hindern mich daran gerade all- gemeine Rücksichten humaner Natur. Wenn cS auch wahr sein mag, daß eine minimale Lnstverschlechtcrung die Folge der Jnbetricb- setznng jener Fabrik sein würde, so müssen wir doch daran denken, welche wesentliche Verbesserung ihrer gesundheitlichen Verhältnisse für die in der Fabrik beschäftigten 500 Personen eintreten müßte! In unsrer reinen Athmospäre würden die schädigenden Einflüsse der Fabrikarbeit sich uni ein Bedeutendes reduciercu; gesunde Arbeiter- Wohnungen, vielleicht Ein- und Zweifamilienhäuser, würden ein übriges in dieser Hinsicht thun, und die Arbeiterjugend könnte unter wesentlich günstigeren Bedingungen als sonst heranwachsen. Die hohen Mortalitätsziffern der Industriestädte beweisen aufs Hand- grciflichste, daß eine Verbesserung der hygienischen Arbeits- und Lebensbedingungen gerade für die breiten Volksmassen zu einer Not- wendigkeit geworden ist. Darum müssen wir wünschen— ja, ich gehe noch weiter: wir müssen mit allen Mitteln es zu fördern suchen, daß die großen Fabriken in den gesündesten Gegenden unsres Vater- landes isoliert werden, allen Hindernissen zum Trotz. Ich begrüße deshalb das Projekt deS Herrn Müntz aus allgemciucn socialen Gründen mit großer Freude.(Murren und Gelächter.) Hackmesser: Ter Doktor is'n janz netter Kerl, aber wat zn viel is, iS zu viel. Am Ende schicken wir die Rasselbande noch 'ne höfliche Einladung, was? Die Arbeiter soll'n man jesund leben, denn werden se ooch jesund sein! Ick habe zwanzig Jahre in Berlin jehaust und nun seh'n Se mir an: sehe ick aus wie Ecner, der ins Jrab sinkt? Ick sage, die Luft hat mit die Jesundheit jarnischt zu dhunl Ob ick in Berlin in'n Keller wohne oder hier in meine Filla, det is i m m e r jesund, wenn man die richtige Lebensart da is!(Beifall.) So viel Lust, wie der Mensch braucht, kriegt er überall umsonst! Präses: Es wünscht niemand das Wort mehr. Ich be- antrage, dem Vorstand unsres Vereins aufzugeben, einen gehar- nischten Protest auszuarbeiten und diesen in unsrer Kolonie cirtüliercn zu lassen. Derselbe wird dann mit den Namensunterschriftcn an die zuständige Behörde abgehen. Die gemachten Einwände haben mich nicht überzeugt. Ich hoffe im Gegenteil, daß die Optimisten unter uns sich eines Besseren besinnen und sich dem Protest anschließen werden. Sic sind es, wie gesagt, sich selber und ihrer Familie schuldig. Wer also nicht will, daß unser herrliches, friedliches Waldfriedcn ein schmutziger Prolctenort wird, stimme für meinen Antrag!(Stürmischer Beifall. Ter Antrag wird mit 47 gegen 5 Stimmen angenommen.)— Kleines femlleton* oe. Die Verwandten.„Hier ist ein Brief gekommen," meldete das Mädchen. Sie brachte ihn auf einem Teller herein und prä- sentierte ihn der Hausfrau. Die»ahm ihn und drehte ihn hin und her.„Aus Berlin dl.? Nanu, von wem kaim denn der sein?" Auch die beiden Töchter kamen und betrachteten ihn neugierig. „Die Schrift kenne ich gar nicht," sagte Olga; aber Hedwig wider- sprach:„Doch daS große„A" Hab' ich schon wo gesehen, es ist eine Damenhand." „Ich habe aber gar keine Bekannte in Berlin dl." Die Mutter überlegte. „Na aber, potz Kuckuck! Macht den Brief doch auf!" rief der Vater von seinem Schreibtisch her. Er schüttelte den Kopf:„Jesses, ist mir sowas vorgekommen! Ueberlegen'ne Stunde, von wem der Brief sein kann, statt einfach aufzumachen." „Ja das ist eigentlich auch wahr," nickte die Mutter und löste das Couvert. Sie überflog das Briefblatt und stieß einen Ruf der ttebcrraschnng aus:„Ach wißt Ihr von wem? Von Lcnc." »Von...?" Die andern sahen verständnislos brenn »Na von Lene Meinhard, von Deiner Cousine", sie nickte ihrem Mann zu.„Von Onkel Adolfs ältester Tochter. Sie ist aber jetzt verheiratet und heißt Frau Burg." „Ach ja, sie heiratete ja wohl damals", sagte Hedwig,„heiratete sie nicht'n Möbelfabrikanten in Erkner?" „Möbelfabrikant?" spottete Olga. „'n Möbeltischler war er." ..Ja. Meinhards hatten immer so waZ Ordinäres", pflichtete ihr die Mutter bei.„Nci ja, solche kleinen Beamten." „Und dann bist Du immerzu hingerannt?" fragte der Mann etwas ironisch.„Das ging ja fast jeden Tag zu Meinhards, und ohne Meinhards Kinder konnten unsre nicht sein." „Na erlaub' mal, Du bist auch hingegangen und hast Dich nach- her drüber lustig gemacht, lind wie wir damals dastanden... Du keine Stelle und alles im Geschäft verloren... Da konnte man noch grade froh sein, daß man mal'n paar Menschen zum Aussprechen fand. Es tvarcn doch auch Deine Verlvandte." „Deine Verwandte... spitz' nur nicht so... durch'n Scheffel Erbsen gemessen." Seine Stimme klang etwas gereizt. „Ach und es war auch immer ganz nett bei Meinhards," sagte Hedwig,„laßt nur gut sein. Und wie Tante Emniy immer getröstet hat, wenn wir vor Kummer nicht aus noch ein wußten, das hast Du doch auch oft gesagt, Mama." „Ich weiß ganz allein, lvaS ich gesagt habe, Du brauchst es mir nicht vorzuhalten," die Mutter erhob ihre Stimme. „Ja man hat ganz nette Stunden bei ihnen verlebt," sagte der Vater. „Daun hättest Du doch nicht mit ihnen brechen sollen." „Erlaube mal, das hast Du gethan." Er gab seinem Sessel einen hörbaren Ruck. „ES kam so durch die Entfernung," fiel Hedwig ein. Sie hatte entschieden das Bestreben zu vernntteln.„Wir in Halensee, Meinhards in der Ackerstraste... da kommt man so ganz von selbst aus- einander..." „Es war auch ein wahrer Segen, dast es so kam," sagte Olga. „Ja das war es," nickte die Mutter.„Bei unsren besseren Verhältnissen hätten Meinhards nicht mehr zu uns gepaht und jetzt will Lene wieder anfangen." „Ach... was schreibt sie denn?" Die drei andren fragten es beinah gleichzeitig. „Gott, nichts lveiter. Sie schreibt, sie wäre wieder nach Berlin gezogen und ihr Mann hätte hier'nc Anstellung in'ner Fabrik und sie hätte so viel an uns gedacht und freut sich sehr, dast es uns wieder gut geht. Und dast„Onkel" die gute Stelle bei der Bank gefunden hat... die Mutter knitterte mit dem Briefe...„und nun möchte sie uns mal besuchen, oder ob wir nicht zu ihr kommen Ivollten, sie wohnt natürlich wieder in der Ackerstraste." Es entstand eine Pause. Der Vater zog die Stirn kraus:„Es ist so gar nicht unsre Sphäre." „Ra also, nun sagst Du es selbst." Die Mutter Ivarf den Brief auf den Nähtisch:„und ich werde angefahren". „Ich Hab' Dich gar nicht angefahren, aber immer spitzst Du auf meine Verwandten. Antworte ihr gar nicht, das ist schon das beste." „Wir können ja hingehen," höhnte Olga,„am Ende macht sie's auch wie ihre Mutter und bringt die Stullen gleich belegt und noch dazu als Klappstnllen auf den Tisch. Und's Bier für alle Mann in einem Glas." „Aber schöne Schinkenstullen gab's immer", Hedwig schwelgte offenbar noch in der Rückerinnerung,„Und ich glaube, für uns hat Tante Einmy immer noch extra dick belegt, weil sie wustte, dast wir zu Hause nichts hatten." „Ja, gut waren sie alle miteinander." Der Vater nickte nach- denklich, die Frau fiel ihm jedoch rasch ins Wort:„Gut? Ja wohl, inimer so, als wären wir dasselbe wie sie. In den Fingern hat es mir manchmal gekribbelt, dast ich mir all' ihr Mitleid gefallen lassen musttc. Ach wißt Ihr, ich lasse die Lene mal herkommen, sie kann mal sehen, wie es uns jetzt geht. Ich möchte ihr mal zeigen wie wir es gewohnt sind.— Ich lade sie zum Sonntagnachmittag ein." »Au ja. Mama!" Olga schlug in die Hände. „Und dann decken wir den Kaffeetisch recht fein mit den, rosa Damastgedcck und mit dem Meistener Service. Die soll mal gar nicht wissen, wie ihr wird." „Und abends erleuchten wir alle Zimmer und ziehen uns unsre seidnen Blusen an." Auch in Hedwig erwachte die Lust am Prahlen. „Ja, behaltet sie nur zum Abend hier." sagte der Vater,„ich werde uns Wein besorgen. Wenn es geht, macht was Warmes, vielleicht'n Hasenbraten." „Wir machen es furchtbar fein, Papachen I" Olga klatschte wieder in die Hände:„Oh die soll der ganzen Verwandtschaft er- zählen, was wir wieder für vornehme Leute sind!" „Du, ich dächte, das wären wir immer." Die Mutter sah sie verweisend an:„Ja dann schreib' ich ihr also, sie soll uns Sonntag besuchen. Ach Kinder, das ist mir ja solch ein Triumph, dast ich» der ganzen Meinhardschen Gesellschaft doch noch einmal zeigen kann, seht Ihr, wenn es uns auch mal schlecht ging, wir sind doch was Besseres als Jhr l"— — Ein Wiener Fiaker. Aus Wien vom 7. d. M. berichtet das dortige„Extrablatt": Der Fiaker Georg Benzer wurde wegen Nichtbeaussichtigung seines Fuhrwerks zu drei Tagen Arrest ver- urteilt, wogegen er Einspruch erhob. Gestern fand daher beim Bezirksgericht Josefstadt die Verhandlung start: Richter:„Womit begründen Sic Ihren Einspruch?" A n g e k l.:„Drei Tag' sau m'r z'viel." Richter:„Sic sind schon IlSmal vorbestraft, darunter lömal wegen aufsichtslosen Fuhrwerks." Angekl.:„Meistens unschuldig... i leid' so mit'm Magen." Richter:„Sic haben schon wegen llebertretung desselben Paragraphen einmal fünf Tage bekommen." Angekl.:„Das waren in e h r e r e Geschichten, da san uo a paar andre Paragraphen wie der-tZOer dabei g'west." Richter:„Jedesnial ist Ihr Zeug in der Teinfaltstraßc auf derselben Stelle bcanstandcl worden und jedesmal sind Sie im Kaffeehanse." Angekl.:„Na ja... mein schlechter Magen." Richter:„Wachmann Maurer behauptet, daß Sie die ganze Zeit über geschnapst haben." s„Schnapsen" ist ein Kartenspiel.) Angekl.:„Schnapsen därf ma do gar nöt." Richter:„Man darf so manches nicht, auch nicht den Wagen allein lassen." Angekl.:»Segn's Euer Gnaden, vor dem Eafs geht der Wachmann eh alliweil hin und her... da kann ja nix g'scheg'n." Richter:„Ist denn die Wache zur Beaufsichtigung Ihres Wagens da? Geben Sie jetzt Acht! Es liegt noch eine Anzeige vor... Da haben Sie das Zeug schon wieder allein gelassen." Angekl.:„Stinimt!" Richter:„Austerdem haben Sic noch von früher einmal 24; Stunden und einmal 48 Stunden abzusitzen?" A n g e k l.:„Nichtig! An dös Hütt' i beinah' vergessen! Geben's mir dafür, Herr kaiserlicher Rat, jetzt a mildere Straf, sunst sitz' i ja mehr im Arrest, als auf'in Bock!"(Heiterkeit.) Richter:„Das wird schwer gehen! Sind Sic verheiratet?" Angekl.:„Gott sei Dank n a! Bei dem Elend sollt Auer heiraten?" Das Urteil lautete auf vier Tage Arrest mit einmaligem harten Lager für beide letzte Factcn. Richter:„Nehmen Sie die Sttafe an?" Angekl.:„I bitt' dös„harte Lager" thun wir auslassen." Richter:„Hier wird nichts auSgetasscn, aber Sie können da- gegen ans LandeSgericht berufen." Angekl.(rasch):„Na, na! Beini LandeSgericht war i amol nur, aber nie mehr wieder I Packen m'r alles z'samm, wann'S sein muß." Richter:„Sie haben also 4 Tage, 24 und 48 Stunden!" Angekl.:„Macht z'samm akkurar a Wochen... I kumnr am Montag! B'hüt Gott!"— Musik. K o m p o n i st i n n e n. In den Erörterungen über Fraucnart und Fraucnrecht loird regelmässig selbst von denen, die sich zu bcidem günstig stellen, behauptet oder angedcu.et, dah die Frauen immerhin dort zu vielem befähigt seien, wo es mehr auf ein Wiedergeben an- komme, dort aber sicher im Stich lassen, wo es das eigentliche Schaffen, eine wirklich schöpferische Jeugnngskraft gelte. Nun beachte man folgende zwei einander ähnliche Erscheinungen. Erstens ist dieser Gegensatz zwar nicht etwa richtig, wohl aber sehr elastisch. In den sogenannten reproduktiven Künsten läßt sich originell schaffen. und in der eigentlichen Produltion lätzt sich wie mit einer Schraube ohne Ende ein fortwährendes Surrogat für Schöpferkraft aufgicssen: und ob der augeblich produktivste Stand, der Bauernstand, mehr Schaffenskraft entfaltet, als eS etwa im Stande der Verniittelungs- agenten geschehen mag, bezweifeln wir. Setzt man an die Stelle des Gegensätze» von Schaffen und Wiedergeben etwa den von Attivem und Passivem oder von Positivem und Negativem, so kommt man erst recht nicht weiter, sondern rennt sich nur immer noch mehr ins Nebelhafte hinein. Zweitens: wenn man auf irgend einem Ge-. biet menschlicher Acutzcrungen, sei es die Rede, oder die Handschrift. oder die Littcratur, oder die Wissenschaft, oder die Politik, Leistungen daraufhin bestimmen soll, ob sie von Männern oder von Frauen her- rühren, so versagt das Urteil allermeistcns, ausgenommen die. welche unmittelbare Äeustcrungcn der sogenannten primären und etwa noch der„sekundären" Geschlcchtscharaktcre sind(also Fortpflanzung, Stimmklang und Achnlichcs). Wohl aber pflegen die in jenen Ur- teilen Erfahrenen zu unterscheiden zwischen männlichen und weiblichen Charakteren, von denen jedoch dieser auch bei Männern, jener auch bei Frauen vorkommen soll. Nur datz es mit einer näheren Bc- stimmuug dieser Verschiedenheit abcrnials hapert und nebelt: über die blassen Gegensätze von Aktiv und Passiv oder dergleichen kommt man da wieder nicht gut hinaus. Gewichtiger und klarer schon ist die Untcrscheidnug zwischen dem reisen Männlichen und dem Gesamt- charakter des Kindlichen und Weiblichen. Und verfolgt man dann die Sache näher, so charakterisiert sich alles, auch reifer Weibliche, als das deni reifer Männlichen gegenüber weniger Entwickelte. Weib- liche Leistungen auf irgend einem Gebiet sind eben durchschnittlich die unreiferen: der„Blaustrumpf" ist lediglich der Mensch, der sich in Littcratur oder andrem ohne das wohlerworbene Können zu thun macht. Kehren lvir nun wieder zu den seelischen Folgeeigcntümlich- leiten der Geschlechter zurück, so ist die Durchführung aller Unter- scheidungsversuche auch deswegen so schwer, weil wir immer in der Gefahr sind, Eigentümlichkeiten, die rein auf augenblickliche Ber- Hältnisse der Bildung, des Verkehrs usw. zurückgehen, für beständige Geschlechtscharaktere zu halten. Am günstigsten liegt die Sache dort, wo Frauen sich üblicherweise viel bethätigen. am ungünstigsten dort, wo sie noch nicht recht zu Wort gekommen sind. Die Bewährung der Frauen ans mathematischem, politischem, geschäftlichem, mimischem Gebiete ist anerkannt genug. Auf dem des JustrumentalspieleS und des Gesanges bethätigen sie sich massenhaft, und hier möchte mqn, namentlich im Jnstrumentalspiel, wirklich ein Weiberfeind, ein An- Hänger der Theorie von originärer weiblicher Besonderheit werden. Sie spielen im Durchschnitt einfach unleidlich, so„ohne Mark und Kraft". Aber sieht man wiederum näher Zu, so ist's abermals die alte Geschichte des lluentwickclten, der Mangel a» größerer Ge- staltnng— ganz wie„bei uns", nur das; bei uns der Durchschnitt um einiges höher liegt. Was dem Spiel der Frauen fehlt, läßt sich ganz rein als ein musikalisches Deficit analysieren, ohne daß man Spekulationen über Seruclles anzustellen braucht, und läßt sich in sjcdcm Augenblick an einem männlichen Schüler experimentell nach- bilden. Weit zurück sind die Frauen von jeher in der Komposition. Da hätten loir also de» Mangel der Schaffenskraft! Allein die Sache ist schlechthin noch nicht so spruchreif. Alan„glaubt" es ihnen nicht recht; und lvir dürfen es ihnen nicht verargen, daß sie ihre Kräfte nicht um die Anerkennung verbrauchen, daß sie zurückhaltend sind— eine noch der am ehesten wirklich sexuell-weiblichcn Eigenschaften! In den Adressen der Musikerkalcnder und dergleichen wagen es die wenigsten, sich„Komponisrin" zu nennen, und von weiblichen Kom- positions-, ja auch nur Theoriclehrern hört man fast niemals etwas, obwohl hier das Geschlecht selber doch wahrlich nicht viel in Bc- kracht kommen kann. Ruir sind am letzten Sonntag in einem»n- scheinbaren Konzert Berliner Komponistinnen zum Wort zugelassen worden. Herr A. N. Harzen-Müller, der seine„S ch ö u e- beiger B o l k s u n t e r h a l t u n g s- A b e n d e" unter den primitivsten Verhältnissen tapfer und trotz aller Mittelmäßigkeiten anerkennenswert weiterführt, hat uns mit acht komponierenden Frauen bekannt gemacht, zum Teil unter ihrer eignen Mitwirkung. Zuerst möchten wir, ohne jedoch einen Tadel zu erheben und Haupt- sächlich, um die Zahl 8 nicht für die Grenze dcS hier Vorhandenen halten zu lassen, feststellen, daß folgende Namen von Komponistinnen aus Berlin fehlten, die uns aber nur eben zufällig, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, unterkommen: E. Brciderhoff, T. Carreüo, M. Danziger, V. Lyon, A. aus der Ohe, C. v. Osterzee, E. Streit. Was lvir nun hörten— Lieder, Violinstücke, Klavierstücke—, war rechte Weibermusik, will sagen: recht uncutlvickelt. Nicht einmal der Ehrgeiz, spccifisch modern zu komponieren, trat in bemerkenswerten! Grad hervor. Die bei Nachfolgern Mendelssohns übliche Satzweise. die heute die Männer sozusagen am gründlichsten zu verschmähen trachten, lebte wieder auf..Keine rechten scharfen, plastischen Züge; doch trat dies noch mehr bei dem Jnstrumentalspiel einiger dieser .Komponistinnen hervor und kennzeichnet sich hier noch klarer als dort einfach als ein Minus in der Ausreifung. Gehen lvir kurz daS durch, was wir gehört haben, wobei freilich der Mangel an Liedcrtexten störend wirkte! 1. Frl. Hermine Schwarz spielt(mit unklarem und so recht unterschiedslosem Vortrag) drei Klavierstücke von sich, richtige Proben der Schule, zum Teil kindisch; daß wir statt dessen„kindlich" sagen dürften, dazu müßte die Durcharbeitung vollkommener, nicht an so einförmige Bässe gebunden sein. 2. Miß M. D. N o r r i s ist schon respektabler; macht Mendelssohn: spricht ein wenig aus dem Jauern; schadet sich durch Breite; spielt gewandt und mit einer matten, langweiligen Vornehmheit Violine. Ihre Kompositionen gehen einem wenigstens sozusagen ein und haben manches Feine; leiden an einer aus alten Klaviermoden stammenden Begleitung. 3. Frau Hedwig Levin-Stoclpiug: ihre Sängerin Frl. Elisabeth O h l h o f f spricht undeutlich aus, was daS Beurteilen sehr er- schwcrt; einen tändelnden, ziemlich reizlosen Charakter ihrer Kam- Positionen glauben lvir immerhin herausgefunden zu haben; mancher rechte frische Zug wird wieder durch ciue pluinpere Begleitung be- einträchtigt. 4. Frl. S e l m a Berliner: höchste Senti- Mentalität, und im eignen Spiel wenig metrische und sonstige Ge- staltung.— Angenehm konnte es auffallen, daß kaum eine der vor- geführten Kompositionen so lärmend war, wie eS sonst üblich ist— was nun freilich zu dem lvcuigcn„Weiblichen" gerechnet Iverden kann. Die Nummer 4 bedeutete die Grenze der Leistungsfähigkeit unsrcs Hörens, lim die folgenden Nummern cluigciÄnaßen für unsrc Flucht aus dem Konzert zu entschädigen, wollen lvir sie auf- zählen: S. Frau Mary Clement, 6. Frl. M. v. Witt ich, 7. Frl. Anna v. M o s e n g e i l(Pseudonym A. d i N o r d o- Lick), 8. Frl. Emma Wooge. Alle diese hatten Lieder, die Letztgenannte auch Violinstücke und Frauenterzctte auf dem Pro- gramm. Nennen wir noch u. a. Herrn M a r H e i n c ck e als Klavier- Helfer, so ist wenigstens auch das äußere Bild deS Konzerts ettvas vollständiger gemacht. Zählen wir recht, so waren unter den 40 an- gekündigten Stücken 24 noch Manuskript. Auf das entschiedenste können wir zur Fortsetzung solcher Ver- suche raten. Es handelt sich hier nicht um die höchsten Anforde- rungen. sondern um eine Revue des Vorhandenen, um einen Ein- blick in dessen durchschnittliche Höhe, und um eine Gelegenheit für die Künstlerinnen sonne für ihre Berater und Helfer, zu eignen Urteilen über das Erreichte und über das nächst Erreichbare zu ge- langen.—__ sz. Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Humoristisches. — Die Kunst in der Schule. Der Schuliuspektor inspiciert in einem entlegenen Schwarzivalddors die Knabenabteilung. An der Wand erblickt er sofort ein Bild der Rafaelschen Madonna und giebt seiner Verwunderung dein jungen tlnterlehrer gegenüber sofort leb- haften Ausdruck: es freue ihn, daß der Lehrer durch Anbringen des ÄiideL bereits in den jungen Gemütern der Knaben Sinn und Ver- ständnis für das Schone wecke und fortbilde, er gratuliere von ganzem Herzen zu solcher Methode. Etwas beschämt zwar, aber doch Pfiffig schmunzelnd, entgegnet darauf der Unterlehrer:„Eigentlich hat die Sache doch einen andern Grund, Herr Schulrat, die ganze Zeit lümmelte» mir die Buben mit den Ellvogen auf den Schul- tischen herum und stützten die Köpfe auf die Arme, und da wollte ich ihnen oben au den Engeln nur immer vor Augen halten, lv i e miserabel so etwas aussieht."— — Neues von S e r e n i s s i in u s. Serenissimus besucht auf der Reise incognito ein Nachtcafe. Plötzlich sagt er zu seinem Be- gleiter:„Aeh. mein Lieber, haben mich aber in. äh. recht zlveifel- Haftes Lokal geführt, Damen sind ja hier dekolletiert, wie auf ii n s r e m H o f b a l l. In einer, äh, a n st ä n d i g e n W i r t s ch a f t, kann doch so was, äh nicht vorkommen."— — Auf der Schmiere! Pfeifen und Zischen: faule Aepfel und Eier find bereits auf die Bühne geflogen. Umsonst. Der Mime, der gerade mitten in einem endlosen Monologe hält. deklamiert weiter. Endlich schleudert ein Zuschauer mit der Kraft der Verzweiflung einen Stiefel auf die Bühne und der Schauspieler will die Flucht ergreifen. „Spiel' weiter," schreit der Direktor aus den Eoiilissen,„spiel weiter, bis mir den zweiten Stiefel kriegen!"— („Jugend.") Notizen. — Theaterkonflikt in Köln. An den vereinigten städtischen Theatern in Köln haben 14 Angehörige des Schauspiel- Hanfes und 13 des Openihauses, mitsamt dem Ballett, von dem iieiieii Direktor Otto Purschian ihren Vertrag gekündigt erhalten. Herr Purschian will sparen. Die Gekündigte» und Geschndigteu schieben in einer Erklärnng die Hauptschuld auf die Theaterkomniission, die den früheren Direktor Hofinmiii von seinem Vertrage entband, dem neuen Direktor Purschian aber keinerlei Verpflichtimg auferlegte, die laufenden Verträge zn übernehmen.— — DaS Wiesbadener Residenz-Theater hat eine vieraktige Komödie„ N e u k u n st" von Georg W i l h e l m i zur Aufführung angenommen. Das Stück soll die neukünstlerischcn Beftrebimgen der Darmstädter Küiistlerkolonie zum Hintergrund haben.— — Richard Strauß bringt im nächsten m o d e r u e n Konzert des Berliner Tonkünstler-OrchesterS. das am 16. Februar bei Kroll stattfindet, S m e t a u a s symphonische Dichtung„ T a b v r" zur Aufführung.— — Karl p. Kastel ö VolkSoper„Der Dusle und das B a b e l i", Text von Schrieser und Kolloden, hakte bei der Erst- aufführimg au der M ü n ch euer H o f o p e r einen starken Erfolg.— t. Die mexikanische Quecke. Ein bei uns so verHatztes Unkraut Ivie das QucckeugraS erfährt in einigen Ländern und namentlich in Mexiko eine ausgiebige Verwertung, iudem mau ihm die schlechten Läudereieu überläßt. Aus seiueu Wurzeln wird vor- nehmlich ein Stoff für die Herstellung von Bürsten und Besen ge- woiiiien. die den Vorzug einer großen Widerstandsfähigkeit aucki gegen Nüsse besitzen. Die Ausfuhr der mexikanischen Quecke, die vor etwa drei Jahrzehuteu erst 33 666 M. brachte, erzielt heute die Summe von über 6 Millionen Mark. An Ort und Stelle wird der Metercenter mit 36 bis 33 M. bewertet, auf den europäischen Märkten natürlich höher, und zwar mit 166 bis 176 M.— — E i n sonderbares Malheur ist dem Kunstkritiker der Wiener„Neuen Freien Presse", Franz S e r v a e s. passiert. Karl Kraus erzählt in seiner„Fackel":„Von einer Dämonie, die bis aus Groteske geht," schrieb er(Servaes) am 6. Januar in der Be- sprechimg der' vom Hagenbund vcraiistaltetcu Böcklin-Aiisstellung. „ist BöcklinS„Judith". Miau kann das Bild für einen Witz halten. wenn auch für einen unheimlichen, ja ungeheuerlichen. Die Judity wird nämlich als strenge, sittsame Magd gemalt, die das vergossene Blut des von ihr gemordeten Feindes höchst korrekt auf einem Tablett in einer Karaffe trägt, nebeii der noch zum Ueberflnß ein paar Weingläser stehen. Dabei ist in das starre, verschlossene Antlitz des Weibes mit den schwergesenkten Augenlidern und in der absichtlicki steifen Haltung des Halses, sowie der ausgespreizten, das Tablett tragenden Finger etwas ivie ein Nachklang von d e r g r a n s e n That hineingelegt." Was Herr ServaeS nicht alles steht! Und Bvcktin hat doch bloß die Judith ans dein„Laudvogt von Greifensee"(Gottfried Keller.„Züricher Novellen") gemalt, die nach der Fechtstimde bei ihrem Vater, dem Kapitän, den erhitzten jungen Herren einen Labetrunk kredenzt.— Die nächste Stummer des Uuterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 13. Februar._________ vorwärts Buchdruckerei und Veriagsansialt Paul Singer& Co., Berlin SW