Hlnterhaltungsvlatt des vorwärts Nr. 33. Dienstag, den 17. Februar. 1903 (Nachdruck verboten.) � Der JVIiiUerbaiineö, Roma» aus der Eifel vou Clara Viebig. Der Kuckuck an der Wand schrie, da richtete sich endlich der Versunkene ans und ivarf einen schier scheuen Blick nach der alten Uhr— ivas, schon sechs schrie der? Da kam bald die Nacht— die letzte Nacht. Vieh verdammtes, schrei nicht immerfort, halt an Dich, daß die Stunden nicht so laitfen I Jetzt noch 12 Stunden I Zwölf Stunden, bis früh um sechs der Karren geladen wtlrde mit dem, Ivas man mitnehmen durfte— das bißchen Plunder. Nur noch zwölf Stunden— es war Zeit, den Rundgang anzutreten, noch einmal alles anzuschauen in dem Reich, das man dann nie mehr sah. Wankend verließ der Mann die Stube.— Tie Franz, jbic bei der Nacht aus dem Stroh des Stalles allerhand kleine Schätze hervorholte, die sie so lang darin ver- borgen gehalten, wurde von einem fast abergläubischen Ent- setzen gepackt, als sie plötzlich das Mühlrad gehen hörte. „Iesses!" Sie schlug rasch ein Kreuz. Aber dann faßte sie sich— ei was, sie hatte sich wohl getäuscht— das Klatschen und Schlagen des Rades hatte sie gar so lang nicht mehr ver- nommen, wohl möglich, daß sie's jetzt verkannte. Aber gucken niußte sie doch einmal! Neugierig schlich sie hinters Haus— richtig, da schäunlte und brauste das Wasser im Mühlgraben und das große Rad drehte sich im Schwung. ES war dunkel, aber so viel Licht gab der Mond doch her, daß man den silbernen Pcrlenstrahl blinken sehen konnte, der über die Rad- schaufeln schoß. Sic unterdrückte einen Aufschrei höchster Verwunderung — wer, wer hatte das gethan?!— Da sah sie unweit von sich, auf dem schmalen Mühlsteg, über den das erregte, quirlende Wasser schlug, eine große Gestalt stehen. Das war der Vater! Sie erschrak: der stand da auf gefährlichem Platz, wie ein Nachtwandler, der von Schwindel nichts weiß. Die Hände streckte er aus, als wollte er daS schwingende Mühlrad greifen, den Kopf hielt er lauschend zur Seite. Sie traute sich nicht, ihn anzurufen, leise schlich sie sich fort.— Es war eine zwiespältige Nacht. Draußen in der Natur war der große Friede, innen aber in der Mühle wanderte ein unruhiger Geist. Ter fand nicht Ruh': bald zog er das Rad auf, bald stellte er's wieder still. Bald stand er außen aus dem schwankenden Steg, bald eilte er innen in der Mahlstube, in der ein einsames Lämpchen zitterte, geschäftig hin und her, nahm die Wann' auf die Schulter und schleppte sie, als ob er die Gänge fleißig mit Korn bediene. Das Läutewerk über den leeren Trichtern läutete unablässig, die ausgehungerten Gänge klapperten laut, die Welle drehte sich schwindelnd rasch, durch die zerfressene Müllergaze des Cylinders hüpften quietschende Mäuse, es war ein Leben mitten in der Nacht, als könne die Mühle am Tag allein die Arbeit nicht schaffen. Keuchend vor Emsigkeit rastete Miillerhannes dann end- lich oben an der Galerie, sah aufs eilig sich rührende Werk und wischte sich hochatmend den Schweiß ab. Eine lehnte neben ihm und blickte neugierig großen Auges mit ihm hinunter aufs Getriebe; sie hatte ein junges, weichwangiges Gesicht, lächelnd und sanft zärtlich schmiegte sie sich an ihn-- „Tina—!" Er schrie's plötzlich und breitete die Arme aus— da erlosch des Lämpchens mühselig flackernder Schein, er war im Dunkeln. Tic Jugend war fort. Die Finger, die er ins buschige Haar krallte, fühlten, wie starr und grau das war. Und aus der Mahlstube ging's in den Flur, und aus dem Flur zur Treppe. Das Lämpchen, das er in Hast wieder entzündet, vermochte seine zitternde Hand kaum zu halten. Schwerfällig die Stufen hinauf— tapp, tapp— nicht so laut, pst, pst!— hinter der Thür der Giebelstube lag die Frau und wimmerte—„Rühr mich net an!"— er traute sich nicht weiter. Auf die oberste Stufe der Treppe kauerte er sich, stellte das Lämpchen hin, zog die Beine dicht unter sich und wartete, wartete. Auf was—?! Unten schrie der Kuckuck:„Kuckuck?" Eins! Was, schon eine Stunde nach Mitternacht?!---< Und jetzt:„Kuckuck, Kuckuck!" Zwei! lind nun schon:„Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck!" Drei! Drei— drei Uhr schon?! Wo war die Nacht ge- blieben, die war doch sonst so lang?! Wie ein Trunkener taumelte Hannes auf. Nicht rasch genug kam er die Stiege hinunter, seine Beine waren ein- geschlafen, hunderttausend Ameisen kribbelten darin heruin. Er strauchelte, er stürzte, er stolperte weiter. Noch drei Stunden und er sollte hinaus aus der Mühl? Aus dieser Mühl? Aus seiner Mühl? Nein, nein! Er gab sie nicht— er gab sie nicht her— heute Nacht war sie erst sein ge- worden— in Arbeit und Schweiß und Müh'. In fieberhafter Inbrunst packte er die Wände an und streichelte sie, er küßte sie— sie waren sein, sein— niemand konnte sie ihm nehmen— drei Stunden noch' n, lange drei Stunden— eine Ewigkeit--- „Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck!" Vier Uhr! „Luder vermaledeites!" Mit einem furchtbaren Fluch stürzte der Wirre in die Stube zurück, vor der Uhr pflanzte er sich auf und stierte sie an mit blutunterlaufenen Augen:„He, schreiste schon wieder, du Unglllcksvieh?! Olau, du treibst mich net! Sie treiben mich alle net! Ich lassen mich net treiben! Ich han noch Zeit, noch en lang Zeit, noch en Ewig- keit— ich sein der Herr hei, ich sein den Müllerhannes, ich bleiben den Müllerhannes." Cr keuchte, er lallte—„Kuckuck —• willste schon wieder schreien? Halt— dein Maul— da— haste wat!" Der Wütende holte aus: mit einer Faust griff er ins Kettengehänge, mit der andren traf er die alte Uhr, gerad gegen das Thürchen— der Kuckuck sprang noch einmal heraus. Krach,— Staub und Trümmer flogen, der ganze Kasten lag am Boden, und der Herr dabei---- Der ausgesperrte Nero, der draußen die Runde um die Mühle machen mußte, heulte laut. Davon erwachte die über- müdete Fränz. Oder war's der dumpfe Knall unten im Haus, der sie weckte? Die Großmutter, die mit ihr den Stroh- sack auf der nackten Diele der Giebelstube teilte— das Bett war schon verpackt— hatte zwar nichts gehört. Die Sonne lugte eben morgenrotvcrschämt durchs un- verhängte Fenster. Wieviel Uhr war's?! Noch zögerte Fränz ein wenig, reckte sich, gähnte, schob die nackten?lrme unter den Kopf und druselte noch ein Paar Minuten wohlig mit halbgeschlossenen Lidern. Was für ein Tag heut', war ihr noch nicht klar zum Bewußtsein gekommen; aber nun fuhr sie plötzlich auf, mit beiden Füßen zugleich stand sie auf der Diele. Was sie der traumlos tiefe Schlaf vergessen gemacht, war auf einmal wieder da: heut' war der Auszugstag, heut' mußten sie fort. Mit vor Eile bebenden Händen kleidete sie sich an—• warum nur der Kuckuck unten gar nicht rief? Sonst hatte der sie inimer aus dem Bett getrieben. Rasch, rasch! Eh die Sonne prall überm Thal stand, mußten sie fort sein mit ihren vaar Siebensachen; die Neugierigen sollten's Nest leer finden! Sie biß die Zähne zusammen, jetzt nur keine Wehleidigkeit, zum Heulen war nachher Zeit. Die jammernde Großmutter mit einer gewissen Rauheit zur Eile antreibend, rannte sie hurtig die Stiege hinunter. Wenn auch die Bewohner der Mühle Tag und Stunde ihres Auszuges verschwiegen hatten, irgendwie mußten die Maarfeldener doch Wind davon bekommen haben. Wenn sie sich auch genierten, in hellen Haufen dazustehen und zu gaffen, allerorts in der Nähe der Mühle hatten sich doch verstohlen kleine Truppchcn eingefunden: jenseits der Straße am grünen Rain knieten ein paar Weiber, anscheinend Kräuter schneidend hatten im Wiesenland des Bachs Posta gefaßt, über den Felsen hatten im Wiesenland deS Bachs Posta gefaßt, über den Felsen von der Höhe des Ackerlandes herab guckten die Pflüger. und Knaben und Mädchen, mit Schiefertafel und Fibel, steckten im Gebiisch nah den alten Weidenbäumen. Aller Äugen hatten den einen Zielpunkt— die Mühle. Klappte nicht eine Thür, klirrte nicht ein Fenster? Horte man nicht den Mann fluchen. die Weiber weinen?! Nein, alles still. Die Ungeduld wurde auf die härteste Probe gestellt. Tci der Nero mit seiner dampfenden Zunge und seinem kauten Bellen nicht außen war. wagten sich die Mider näher, immer näher: bald auch die Erwachsenen. Warum kam denn noch immer kern Mensch heraus? Ter Karren stand doch schon halb geladen vor der Thür— des Dhein Pferd, das der hergeliehen, war schart vorgespannt. Des Dhein Knecht, der �akob. mußte wenigstens heraus- kommen, man hatte ihn doch vor einer langen Weile hinein- gehen sehen? Wollte der Müller am End' nicht gutwillig 'raus? Möglich wär's! Tie Wartenden rückleil ui einander— allerhand Meinungen wurden erwogen, fertig mußten die drin doch längst sein— was hatten die denn groß auf- zupacken?? Ter Gaul vorm Karren scharrte ungeduldig— ja, dem wurde auch die Zeit laug!— noch immer rührte sich im Haus nichts. War ern Unglück geschehen? Tas konnte wohl mög- lich sein! Wenn der Müller, der jähzornige Kerl, den Zakob vielleicht verprügelte?! Nein, da konnte mau nicht so ruhig zusehen— nein, da mußte man dazwischentreten. „5Uopp Tu ehs an. Peter!" „Ne, klopp Tu doch, Nikla." „Willem. Tu bis den Aeltstcn, klopp Tu au und kuck ehs. wat se drin machen!" Ja, ja anklopfen und dann gleich hereingehen, dafür waren auch die Weiber, aber sie selber zogen sich wohlweislich ein wenig zurück. Ter Theißen Willem, ein kräftiger Mann, machte sich heran. Eben wollte er mit der linken Faust klopseu und mit der rechten Hand zugleich die Klinke niederdrücken, als die Thür ausging. sFortsetzang folgt.). (Nachdruck otrbizte».) Die Gefchichte einer Südfee-jfnfel Den Jnselvölkern des Stillen Occans, die zuerst durch die Welt- »mfegelnngen des englischen Entdeckers Cool im 18. ijahrlsundert iluen europäischen Antipoden näher gebracht worden find, hat die Berührung mit der christlichen Cioilisation durchweg nickst zum Vor- teil gereicht. Von den Maoeis aus Neuseeland im Süden bis zu den Kanälen auf den Sandwich- Inseln im Norden stehen die Ein- geborenenstämme heule auf dem Aussterbe-Tteck: iin Bereiche des eigentlichen Polynesiens sprechen alle Anzeichen dafür, daß es deit Samoanern unter deutscher Flagge nicht anders ergehen wird, als es den Insulanern von Tahiti unter französischer ergange» ist. Dies Völkchen, dessen tropische Heimat einst Cooks großer Begleiter aus der Fahrt von 1772, Georg Förster in seiner„Reise um die Welt" als ein ParadicS Rousseausclien Naturzustandes in glühenden Farben gcmalr hat. ist seitdem, durch den blindwütigen Konkurrenz- »eid von katholischen und protestainischen Predigern der christlichen Liebe in den Bürgerkrieg hineingehetzt, durch die Ländergier der französischen Bourgeoisie brutal vergewaltigt, durch den Verkehr mit den Europäern demoralisiert, auf einen kläglichen und entarteten Rest zusammengeschmolzen. Nur an einer Stelle des polynesischen Jnsclgewirrs, auf dein kleinen Eiland Pttrairn, sind der Berührung von Eingeborenen und Europäern bessere Früchte entsprungen. Da war es allerdings kein civilisiertcr Staat, der das Gute gesät hat, sondern ein einfacher ungebildeter Seemann, der von der Kultur- gesellschaft als Verbrecher ausgestoßen, und mit dem Galgen bedroht war. So stellt die Vergangenheit des Eilandes Pitcairn und die Vorgeschichte seiner Besiedclung eines der merkwürdigsten Kapitel in der Geschichte der Südsec und ihrer Inselwelt dar. Im Jahre 1787 entsandte die britische Regierung das Kriegs- schiss..Bounty" unter dem Befehl des Kapitäns William Bligh nach dem Stillen Occan, um auf Tahiti Schößlinge des daselbst einheimischen Brorbaumes au Bord zu nehmen und von dort nach West- indien zu schaffen-!vo man diese tropische Pflanze zu akklimatisieren gedachte. Während eines ungefähr sechsrnonatlichen Aufemhalts in dem paradiesischen Lande erfreute sich die Mannschaft der„Bounty" ziemlich ungebundener Freiheit im Umgang mit den gastfreundlichen und herzensguten Eingeborenen. Als dann das Kriegsschiff in den ersten Monaten des Jahres 178l) die Weiterfahrt nach Wcstindien antrat, lastete der Zwang der militärischen Disciplin um so schwerer aus ihnen, da Kapitän Bligh ein regulärer lleincr Tyrann war. der seinen Untergebenen den Ausenthalt an Bord ans alle Weise zur Hölle zu machen verstand. Es gärte unter den Leuten. Am auf- gebrachtcstcn war der erste Offizier der„Bounty", Flctchcr Christian, den Kapitän Bligh besonders gerne niit allen möglichen Brutalitäten verfolgte. Am Nachmittag des 27. April 1789 ivar Christian wieder so gemeinen Beschimpfungen ausgesetzt gewesen, daß er den Per- zweifelten Entschluß faßte, während der nächsten Nacht das Schiff heimlich auf einem kleinen Floß zu verlassen, in der Hoffnung, irgendwo au Land getrieben zu werden. Da sich der Plan aber nicht ins Werk setzen ließ, kam er in der Nacht auf den Gedanken, lieber den Kapitän dem Spiel der Wogen zu überlassen. Tie lvenigen Leute, mit denen Christian am andern Morgen ein paar Worte über diese Idee wechselte, halten alle unter der Tyrannei BügHs zu leiden gehabt und waren damit einverstanden, daß man sich seiner cnt- lcdigte. Am 28. April brach also bei der ersten besten Earambolage mit dem Kapitän die Meuterei los. Die Mehrzahl der Matrosen ergriff Christians Partei. Bligh ward samt den wenigen Leuten. die mit ihm hielten, überwältigt und in einem Boot ausgesetzt. Während die„Bounty" mir den Meuterern entschwand, trieb Blighs kleine Mannschaft in dem Borte drei Monate umher, gelangte aber schließlich nach der holländischen Insel Timor und von da nach Eng- land, Ivo selbstverständlich der Kapitän alle Verantwortung für den Verlust des Schiffes von sich abwälzte, den Meuterern die ganze Schuld zuschob. Tie Nachforschungen nach dem Verbleib der„Bounty". die daraufhin die britische Regierung anstellen ließ, blieben ergebnislos. Dagegen gelang eö 1701, einiger Leute aus der Besatzung habhaft zu werden, und zwar auf Tahiti. Dahin waren die Meuterer nach der Katastrophe zunächst gesteuert, hatten den gastlichen Hafen aber bald— 1790— wieder verlassen, um anderswo ein verborgenes Plätzchen zur Besiedelimg zu suchen, weil Tahiti der Mehrzahl nicht sicher genug vor der zn gewärtigenden Verfolgung erschien. Wie begründet diese Furcht gewesen war, mußten nun die wenigen Leute erfahren, die lieber bei den freundlichen Insulanern geblieben waren, als auss neue in die unbekannte Welt hinauszuscgeln: sie wurden gefangen nach Englaitd geschleppt, lriegsgcrichilich prozessiert und drei von ihnen 1792 mit dem Strang hingerichtet. Die übrigen mitsamt dein Schiff galten lange Jahre für verschollen: so welt- entlegen war die Insel, wohin sie ihre Znflncht genommen hatten. Es war die Pitcairn- Insel, 139 Grad 6 Min. westlich von Ferro. 25 Grad 3 Min. südlich vom Acqnator, ein damals unbewohntes Fleckchen Erde von 3,5 Kilometer Länge, 1.6 Kilometer Breite, das zwar zur Gruppe der Paumotu oder Niedrigen Inseln gerechnet wird, aber im Unterschied von deren sonstigem Charakter nicht ein nur wenige Meter über den Meeresspiegel emporsteigendes Korallenriff darstellt, sondern vulkanischen Ursprungs und voll von bewaldeten Hügeln bis zu 329 Meter Höhe ist. Das anbaufähige Land von Pitcairn beträgt etwa 89 Hektar. Außerdem aber bot die tropische Vegetation der Insel Kokosnüsse, Banane». Orangen, Aains usw. Für die Fleischnahrung kamen hauptsächlich Tauben, Hühner. Schlvcinc und Ziegen in Betracht, und der Fischfang konnte ergiebig sei», wenn er auch durch die steilen Küsten und die heftige Brandung erschwert war. Nimmt man dazu ein zwar heißes, aber gesundes Klima, dem es nicht an Regen fehlte, so waren die äußeren Vor- bcdingniigen wohl gegeben, um den Ankömmlingen ans der„Bounty" ein angenehmes Leben zu ermöglichen, wenn sie nur in sich das Zeug dazu hatten. Es war eine buntgeknischtc Gesellschaft, die sich 1799, nachdem sie die„Bounch" auf den Strand hatte auslaufen lassen, alles Ver- wcndbare hcrangeschafst und schließlich das Schiss selber zur Ver- uichtung aller Spuren des Geschehenen verbrannt hatte, aus Pitcairn häuslich einrichtete. Sie bestand nämlich nicht allein aus den eng- lischen Seeleuten, im ganzen neun an der Zahl, sondern anßerdcm aus achtzehn Eingeborenen, wovon sechs Männer und zwölf Frauen. die teils von Tahiti, teils von dem weiter südlich gelegenen Tnbuai mitgekommen waren. Int Zusammenleben mit diesen Polynesiern mußte es sich nun erproben, ob die Engländer, die sich gegen die Tyrannei ihres Kapitäns empört hatten, selber int stände waren, die Rechte andrer zn achten. Sie begannen sogleich damit. Herrenrechte gegen die Eingeborenen geltend zn machen. Das anbaufähige Land ward unter die Engländer aufgeteilt. Die Polyneficr betamcu nichts. sondern sollten für die Europäer arbeiten. Mit der wirtschaftlichen Ausbeutung nicht genug, nahmen die neun Abenteurer den Polynesiern auch»och ihre Frauen weg und vcriciltcii sie unter sich, außer dreien. die den Polynesiern belassen wurden. Tie Folgen in Gestalt von Neid, Eifersucht und Haß blieben nicht aus; bald kehrte auch die Trunksucht unter den Ansiedlern ein, als es einem von ihnen gelang. einer Pflanze ein berauschendes Getränk abzugewinnen.. Da auct, die Engländer unter sich nicht im besten Einvernehmen lebten, glich die Kolonie bald einer lleincn Hölle, in der eine Blutthat die andre jagte. Erst wurden zwei Eingeborene gemordet. Die übrigen Insulaner töteten ihrerseits bei nächrlichcr Weile Fletcher Christian und vier andre Weiße. Tann brachte ein Polynesier einen andren seines eignen Stammes ums Leben, zwei Eingeborene fanden von der Hand der übrig gebliebenen Weißen den Tod, der letzte durch die Frauen, die mit den Engländern hielten. Vier weiße Männer waren nun noch am Leben. Davon stürzte einer in der Trunkeicheit von einem Felsen und kam um. einen zweiten töteten die beiden andren. und nachdem auch von diesen im Jahre 1899 einer gestorben war. lebte nur noch einer von den Meuterern der„Bounty". Alerander Smith, oder wie er sich in späteren Jahren nannte, John Adams. Außer ihm bestand die Bevölkerung von Piteairn ans acht tahitischen Frauen und neunzehn halbblüligcn Kindern. Mit dein Jahre 1899 begann auf Pitcairn ein neues Leben. Mochte Adams auch früher unter üblen Einflüssen nicht der beste Bruder gewesen sein, der schweren Verantwortung, die auf ihm als dem uatürlichen Führer und Beschützer der Schar von eingeborenen Frauen und Kindern lastete, ward cr sich vollkommen beimißt und er richtete sein Handeln entsprechend ein. Die ersten Engländer, die im letzten Jahrhundert Pitcairn anliefen, Sir Thomas Staines und Kapitän Pipou im Jahre 1311, waren überrascht, hier eine englisch- sprechende Bevölkerung zu finden, die trotz ihres Mischlingscharatters vollständig civilisicrt war. Staines urteilt über Adams:„Sein exemplarisches Betragen und seine väterliche Fürsorge für die ganze kleine Ansiedelung nnchien Bewunderung erregen." Alle Besucher der Insel in den nächsten Jahrzehnten sind des Loves voll für die Ord- mmg, die unter Adams Leitung hier herrschte. Seine einzige Rieht- schnür war die Bibel geworden. Aber er hatte seine Schutzbefohlenen nicht blech zu dem Buclistabcnbekenntniö frommer Christen erzogen, sondern ihr ganzes Leben war nach den Borschriften des Evangeliums eingerichtet, die hier im Sinne der Freiheit, Gleichheit und Brüder- lichkeit aufgefaßt wurden. Die ganze Kolonie bildete eine große Familie, die das Inselchen als ihr gemeinsames Erbteil betrachtete und behandelte: sie war. wie verschiedene Beobachter es genannt ihabeu, eine Art von kommunistischer Dorfgemeinde. Das System der Ausbeutung, womit es anfangs versucht worden war, existierte nicht mehr. An seine Stelle war eine Arbeitsorganisation getreten, wo einer sür alle und alle für einen thätig waren: bei der Nahrungs- beschaffung, wobei es sich hauptsächlich um die Kultur von Dains und um den Fischfang handelte, ebenso wie bei der Herstellung der europäisch zugeschnittenen Kleidungsstücke, die aus den Fasern des Maulbeerbaumes verfertigt wurden und viel Mühe machten. Tie Pitcairn- Insulaner erschienen ihren Besuchern als Muster aller socialen Tugenden; ihre Gastlichkeit und Hilfsbcreiischast war grenzen- los: Schiffbrüchige bcivirtetcn und beherbergten sie monatelang, ohne ein Entgelt zu fordern oder zu nehmen. Trunksucht und Verbrechen waren unbekannt. Auf der von John Adams gelegten Grundlage hat sich die Kolonie weiter entwickelt, auch nachdem er 1829 in hohem Alter verstorben lvar. Die Bevölkerung wuchs stark an; gleichen Schritt damit hielt ihre materielle und geistige Entwicklung, die gefördert ward durch Sendungen von Büchern, Geräten usw. aus England, wo sich längere Ieit die öffentliche Meinung sür das cwilisierte Insulancrvölkchen lebhaft interessierte. Indes vertief die Entwicklung von Pitcairn nicht ohne wiederholte Unterbrechungen. 1830 verließ die ganze Kolonie aus Furcht vor Trockenheit die Insel und zog nach Tahiti, dessen unerquickliche Verhältnisse die weltfremden Pitcairncr aber schon 1831 wieder nach ihrer friedlichen Heimat zurücktrieben. Hier vermehrten sie sich bis ans 191 Personen im Jahre 18ö6: da zogen sie aus Furcht vor llcbervölkerung von neuem aus. diesmal nach der Norfollinsel. Ein Teil der Verpflanzten empfand aber so heftiges Heimweh nach den Hügeln und Wäldern von Pitcairn. das cr 1828 dahin zurück- tehrte. Im Jahre 1894 hausten im ganzen 43 Menschen auf der Insel, die bis 1893 sich ohne Zuzug von außen auf 142 vermehrten: hiervon trugen allein 21 den Namen Christians, des Führers bei der Meuterei von 1789. Ter letzte offizielle Bericht über die Lage der Pitcairn-Insulaner stammt aus dem Jahre 1991 und ist von dem Kapitän Kuowling verfaßt, der auf dem englischen Kriegsschiff„Fcanis" das Eiland besuchte und alles dein: alten fand., llnmeit der Bounty- Bucht liegt, etioa 139 Meter über dem Meeresspiegel, die Niederlassung, Adamstown genannt, eine Anzahl hübscher Wohnhäuser mit einer Kirche. Ringsum erheben sich amphitheatrnlisch die bewaldeten Höhen zu einem prächtige!? Panorama. Die beiden Schulhäuscr, eins für das männliche, eins für das weibliche Geschlecht, dienen gleichzeitig den noch unverheirateten Erwachsenen beiderlei Geschlechts als gc- ineinsamc Wohnung mit gemeinsamem Epeiscrauni.. Tie Insel be- jindct sich. Kuowling zufolge, in einem zustande mannigfaltiger und sorgfältiger Bebauung. Tie Wege werden gut in Stand geHallen. Ein Walboot befand sich gerade im Bau. Beide Geschlechter arbeiten fleißig und tvaren dabei heiter und liebenswürdig. Die Regierung, aus sieben Personen bestehend, die einen Vorsitzenden ernennen, wird alljährlich am 1. Januar neugewählt, und zwar von Männern und Frauen. To haben es die Pitcairn-Insulaner zu einem hohen Grade von Civilisation gebracht trotz des polynejischen Blutes, das in ihren Adern rollt. Hiervon ist übrigens in ihrer äußeren Erscheinung nichts zu merken: von weißer Körperfarbe, blauäugig und blond- haarig, zeigen sie ganz den Typus des Angelsachsen, dessen Sprache sie auch sprechen, obschon so stark dialektisch gefärbt, daß es nicht leicht ist. sich mit ihnen zu verständigen. Knowlingö Bericht gipfelt in dem Satze:„Wenn man aus den gegenwärtigen blühenden Zustand der Insel und ihrer Bewohner sieht, so ist es schwierig zu verstehen, wie so nachteilig lautende Be- richte in die Welt gegangen sein können." Solche Berichte hatten in den letzten Jahrzehnte» etliche englische Seefahrer erstattet, die allerlei Anzeichen der Entartung und des Verfalls an den Pitcairnern entdeckt haben wollten; das darf nach Knowlings Bericht als erledigt gelten. Tas einzige Thatsächliche in dieser Richtung ist, daß sich im Jahre 1397 eine Mordthat auf der Insel zugetragen hat. die erste seit der Zeit vor 1899. Möglich, daß sich im Laufe der Zeit wirtlich üble Folgen der unter den Pitcairnern herrschenden Inzucht und des Mangels an Verkehr mit der Außenwelt einstellen. Soviel aber be- iveist die Vergangenheit der Insel unter alle» Ilmstäuden, daß die Südsee-Jnsulancr nicht ohne weiteres für uncivilisicrbar gelten können. Darum bildet die Geschichte"von Pitcairn eine schwere An- llage gegen die üblichen Methoden der europäischen Kolonialpolitik. Dr. A. E o n r a d y. kleines feuilleton. st. Eine„Blüte" edlen Menschentums. Ein wahres Pracht- Exemplar von einem„Snob" ist der reiche französische Graf Robert de Montesguioll-Fezensae, ein Dichter der symbolistischen Schule, der nach Amerika hinübergegangen ist, mn Vorträge zu hallen, aber nicht für schnöde» Mammon, sondern als„Missionar für Litteratur und Kunst". Er will im Lande der Tollars zu den neuen„699", die es allerdings sehr nötig haben, über Kunst. Litteratur, Geschmack und Schönheit sprechen. Seine Ankunft erregte Sensation. Ten Interviewern gab der edle Graf sich rückhaltlos in all seiner Schön- heit zu erkennen; wir geben hier nur die Haupizüge des hehren Bildes loieder: Der Graf ist ein„melancholischer Apostel der Schönheit". Er verehrt Pfauen und Fledermäuse und die blaßblane Hortensie. Er schreibt Verse zu einer Begleitung von Parfüms und verändert den Schauplatz seiner Ilingebung je nach seiner Empfindung. Ter Graf ist ein direkter Abkömmling des berühmten d'Artagnan und ist unter anderm Besitzer des „Musenpavillons" in Neuilly. Aach Amerika hat er 32 Koffer mit- gebracht. Zu einem Interviewer sagte er:„Ich stehe allein— die Fledermaus ist mein Symbol— das Sinnbild der Melancholie und Einsamkeit. Ich stamme aus einer inerkwürdigeu Familie. Ich konnte nicht gewöhnlich sein. Die betretenen Pfade sind nicht- für mich. Die Herdeil fallen von mir ab. Ich bin hier als Missionar der Litteratur und Kunst. Ich habe eine Leidenschast für das Schöne und eine» Abschen vor der Gelvöhnlichkeit. Ich bin ein alter Philo- soph. Ich habe mich mit der Notwendigkeit abgefunden, immer unter dem Schönen zu sein. Man gebe mir fünf Minuten und meine paar Koffer.. Er hat sie inir 32 Wundern vollgestopft," fiel hier Gabriel de Murri, sein ständiger Begleiter ein, der gleichfalls seine Vorzüge hat. Er wurde von Verlaine „Engel Gabriel" genannt.„Er ist sein Belvnnderer, sein Freund und sein Mitreisender, im übrigen ein Südamerikaner. der mutig eine erdbeerfarbene Weste trägt„Der Gras kann unmöglich in Zimmern leben, die von irgend einem andern möbliert find. Sie sollten ihn in seiner eignen Umgebung scheu, mit ihm den Musenpavillon in Neuilly betreten. Da ist der Drücker." Damit zeigte er auf die Uhrtasche seines Meisters. Ter Drücker lvar aus Gold, auf einer Seite mit Nephrit, ans der andern Seite mit einen» großen Amethysten geschmückt, daS Geschenk eines Verehrers.„Ich liebe Nephrit, die Farbe der Augen der HerodinS," sagte der Graf,„und den Amethyst, die Farbe der Augen Johannes des Täufers."„Sie sollten in seine Koffer blicken," tronrpetetc der Engel weiter.„Persische Kleider, prächtige Juwelen, kostbares Leine». Er könnte nicht ertragen, daß etwas in seinen» Anz»lg»nlharmonisch ist. Alles paffend, alles eine Schattierung, von den Strümpfen bis zur Krmvatte. Jetzt violett, die Farbe der Melancholie, dam» rosa, die Farbe der Hoffimng, dann blau, die Treue. Damals sprach er wenig und schrieb die Anweisimgen für seine»» Diener ans die Wand, bezeichnete so die Kleider, die seine Bluse ihn» diktierte, die Farbe, die sein Gefühl verlangte. Das waren die ruhmreichen Tage der niit Juwclci» besetzten Schildkröten, als die schönen Gedichte zun» Lobe der blauen Hortensie, die der Graf liebt, geschrieben wurden.... Aus seinem Pult, zu seinen Füßen waren Hortensie»» gestreut. Damals schrieb der Dichter, von ihrem Dust entzückt, rnit verschiedenfarbiger Tinte aus verschiedenfarbigem Papier. Er suchte ein bcstimintcs Zimmer sür einen besiiimnten Gedanken, eine bestimmte Farbe für cm bestümntcs Gefühl, cine bestimmte Zeit für eine bestimmte En»pfind»»ng. Jedes Zimmer in dein Pavillon spricht von Geschmack und Jndividualirät. Wem» cr Verlaine besiichte, so ging ich erst hin lrnd sah, daß Verlaine zu seinem Einpfang schön gemacht»vnrdc. dam» folgte er und sprach mit ihn» von den Dichtern. Ans seinein Besitzt»»»» in Neuilly hat der Graf ei« Feld mit Gänseblümchen, die bei«»„Orakel" iminer antloorten;„Ueber alle Maßen." Dieses Feld soll nach der Bestimmung des Grafen alle Liebenden glücklich machen, und die Gärtner müssen alles ver- suchen, daß diese Gänscblüinchenart erzeilgt wird. Als wir Pari? verließen, folgte ein Zug Frauen ihm zm»» Schiff»md schmückten sein Zimmer mit weißen Orchideen und Rosen." Während dieses Sermons war der Graf hinausgegangen, jeden- falls um de»»,„Engel" fteien Lauf zu lassen; jetzt lehrte er zurück »lnd sagte:„Eines Tages werde ich ein Buch über Kleidung schreibe». das alle Frauen lese»» sollten. Eine Frau, eure schöne Frau, eine der klügsten Frauen, die ich kenne, geht jedes Jahr ii» Paris zu einen» Schneider, einen» Künstler. Sic läßt sich das schönste zeigen und dann bestellt sie, was niemand bestellt. Tss ist die Jndivi- dnalität der Kleidung, die jede Frau suchen n»uß. Ich verehre das Schöne. Ja, ich bin Saininler. Die Mission cilieS Sammlers ist, zu entdecken. Ihre Sammler sollten keine fabelhasten Sunmren für etwas ans- geben, das von andren aesimden worden ist. Das ist gewöhnlich." Der Graf ist stolz ans die kostbaren Kimstgegenständc. die cr gesammelt Hai. In Neuilly hat er berühmte Tapisscrieil iuld Basen. Ein Zimmer ist dort den Neliquien der Gräfin von Eastiglione ge- widmet. Er befitzt ihre Briefe, Juwelen, kosmelischcn Mtt.l, Haar- nadeln. In einem Fach bewahrt er den berühintcn, mit Türkisen besetzten Stock Ludwigs XV. Zwar geht von diesem das böse Gerücht, daß er sich just mit ihm bei dem Brand des Wohlthätigkeits- bazars in Paris den Weg gebahnt habe; aber um dieses für immer vcrstuinmen zu lassen, hatte der Gras eii» Duell mit einein seiner Ankläger. In Neuilly befindet sich auch die wunderbare Badewanne die Ludwig XIV. für die Marquise von Pompadour aus kostbarem Marmor hatte aushancn lassen.... Theater. Matinee der„Modernen Bühne" in,„Bunten Theater".„Im Frühling" von Sigbjörn Obstfelder; „ K a i i» und A bei" von Helge Rode;„Traum eines — Vi Herbstabends", tragisches Gedicht von Gabriele d' A n n u n z i o>— Im„Frühling" ist die Liebe als das leise Säuseln schöngeistiger Schwärmerei, im„Herbstabcnd" als das Rasen wahnsinniger Eifersucht, in„Kain und Abel" als das naive Ratiirverlangen zweier junger Menschenkinder geschildert. In allen drei Stücken Musik und Malerei— die Dekorationen waren wirklich künstlerisch— als Reizmittel, die Stimmung zu erregen, angewandt. Aber nur von Rodes Drama, dem einfachsten. das seine Lyrik noch am ehesten aus einem menschlich klaren, dramatisch bewegten Vorgang schöpft, ging eine Art lebendiger Wirkung aus. Ganz körperlos verschwebend ist S i g b j ö r n Ob st felderS FrühlingSgeschichte. In die weiße Blütenpracht eines Gartens fluten leise von dem Landhause die gedämpften Klänge eines Flügels. Herr Winge und Frau Ring reden von de» hellen Rächten, den Wiesen, deren Blumen sich im Lufthauch beugen und von den lilicnhaftcn Gefühlen ihres Herzens. Vor zwölf Jahren haben sie miteinander getanzt und gerudert. Er liebte sie, sie ihn und sie hat dann, weiß Gott lvarum, einen andren geheiratet, der nun gestorben ist. Er erzählt ihr, welchen Gürtel sie damals trug, sie pflückt ihm Blumen und stammelt von der großen Freude, die ihr in diesen Frühlingstagen, gleich einer roten Blume, aus den Tiefen der Seele plötzlich erblüht ist. Man weiß im ersten Augenblick, wie es um die Beiden steht, aber Herr Winge, der nächst Beteiligte, hat Iveniger Eile als die Zuschauer. Erst nach langem, zierlichem Wortmennett, das von Seelen- reinheit und einem Gangesliede handelt, erfolgt der Kniefall. Die strahlende, feierliche Erwartung des GlückeS kam in dem Spiel Alwine W i e ck e S zu vollem Ausdruck, manche der Wendungen sprachen zur Phantasie, aber in, ganzen ließ der fatale Parfüingeruch und der Mangel aller Entwicklung keine Stimmung aufkommen. Noch geringer und init Zischen vermischt war der Beifall bei dem„tragischen Gedicht" d' A n n u n z i o S. In dem Vorhof eines Schlosses, hinter dessen Gitten, toeit die herbstliche Landschaft sich austhut, harrt in quälender Angst die Witwe des Dogen auf Nachricht von den, Geliebten. Sieben Kundschasterinnen— das ist echter dÄnnunzio— hat sie ausgesandt. Sie sollen den Ungetreuen, der mit Panthca, der schönsten Dirne Venedigs, ans festlichen, Schiff dahinfährt, verfolgen und die slavonische Zauberin, die aus der Ferne töten kann, herbeirufen. Sie kennt das Weib von früher, als sie um des Geliebten willen den Tod des alten Dogen wünschte. Vor ihren Augen steigt die Vergangenheit herauf. Aber rasch zerfließt das bleiche Bild des Ge- mordeten in dem glühenden Feuer, das der Gedanke an die Küsse des Geliebten entzündet. Die Slavonierin erscheint und bald nach ihr stürmt eine der Kundschasterinnen, mit Locken vom Haupte Panthcas geraubt, herbei. Etwas vom Körper der Feindin und eine Hostie machen erst den Zauber wirksam. Von den, Schiff, in dem das Volk Pantheas nackte Schönheit bejubelt, weht, immerfort anftcgend, ncrvenpeitschend Musik zun, Schloß hinüber. In das Wachsbild PantheaS, das die Zauberin geforint hat. stößt die Dogareffe mit gierigem Haß die lange Nadel hinein. Fackel» leuchten auf, den Himmel färbt glutroter Feuerschein, in Ivilder Eraltatioi, laufen die Kundschafterinnen durcheinander und schreien vom Fenster her der Herrin eine Botschaft zu. Welche— ivar in dem Lärm kaum zu verstehen. Vermutlich ist die Feindin auf den, Schiff verbrannt. Rosa Bertens war in der Hauptrolle von packender Gewalt, aber das Open, haste. Gekünstelte der Hvndlung, ganz besonder? der Schluß verdarb den Gesamieindruck. Die schlichten Töne, die Helge Rode in„Kain und Abel" anschlägt, berührten im Gegensatz zu dem Outrierte» der beiden andern Einakter doppelt angenehm. Der kolossale Beifall, wenn er der Dichtung und nicht vorwiegend dem lebensprühend- an- inutsvollen Spiele Marie Mendts als Hagar gelten sollte, schoß wohl beträchtlich übers Ziel. Immerhin: es ist ein Stück, das wohl die Aufführung verdient hat. So ivenig die Kostüme, so lvenig können selbstverständlich auch die Gefühle, die der Dichter in die Fabel kleidet, urweltlich echt sein. Was Rode schildert, ist Raivetät, wie der Kulturmensch in idyllischer Stimmung sie er- träumen mag. Raivetät, die darum aber, so unhistorisch das Gewand, nicht reizlos sein muß. Was Kain in diesem Stück zum Brudermorde rreibt, ist ein dumpfer, eifersüchtiger Instinkt. Stolz erzählt er dem jüngeren Bruder, der außer der Mutter noch kein Weib gesehen, daß er ein Mädchen aus fremdem Stamm mit Keulenschlag betäuben und entführen werde. Lachend über die Steine der Felsschlucht springend, eilt die frische, blonde Evastochter auf ihn zu. Sie mochte Main, den Starken, aber wie sie den lichten Abel neben dem Bruder erblickt, weiß sie sofort, wen sie noch lieber hat. Listig packt sie Kam beim Ehrgeiz seiner Stärke. Er soll zeigen, wie schnell er laufen kann: sie will mit Abel zusehen. Doch rasch ist das vergessen. Sein Flötenspiel bezaubert sic.� ZarteS und Drolliges ist in dieser LiebeSscene, die den Erfolg entschied, aufS glücklichste gemischt. Wie der Betrogene zurückkehrt, faßt ihn der Zorn bei», Anblick der Verliebten, er wirft Hagar zu Boden und schleudert Abel von, Rand des Felsens in die Tiefe. Und das Mädchen, vor dem Finsteren fliehend, springt dem Geliebten nach. Reben M a r i e W e n d t, die eine große Ueberraschung bot, war auch Emil B i r r o n wirkungsvoll in der Rolle des' Kain.— clt., Bunte? Theater.„LorenzodiMediei* Schwank in vier Akten von Rudolf R i t t n e r.— Es ist etwas Drollig- Berantoortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: >2— Rührendes in dem Eigensinn, mit dem Hochbegabte so oft gerade das, was ihren, Talent versagt ist, am eifrigsten begehren. Wer kann wissen, vielleicht hat Rudolf Rittner, der prächtige Schauspieler des Deutschen Theaters, beim Niederschreiben des Lorenzo stolzere Vatcrfreudcn gefühlt als in den Stunden, in denen er das Bild eines Oswald, eines Meister Anton, eines Fuhrmann Henschel mit wundervoller, leiblich- lebendig»rächender Kraft nacherschuf. Daß ihm auch später, als die ersten Auftegungen der Empfängnis sich gelegt haben»rußten, kein Licht aufging über die traurig kompromitticrlichen Züge der kleinen Mißgeburt, ist freilich be- denklicher, doch Liebe macht blind. Aber die Direktion, die sich erbot, den ungeratenen Sprößling vor versammeltem Theater- Volk aus der Taufe zu heben, hat keine solche Entschuldi- gung. Wenn nicht um des Publikums, so um des Vaters willen hätte sie den Dienst verweigern müssen.— Rentier Laurenz Hampel, Karl Bnnike, Maler Lohengrin Purre, Schriftsteller Leonor Meier-Rirdorf, was diese malerischen Namen des Theater- Zettels ahnen lassen, da? geht im schlimmsten Sinne in Erfüllung. Die an sich gewiß nicht üble Idee, ein paar Typen aus der untersten Künstlcrboheme satirisch zu verwerten, wird init dem Rüstzeug, mit den Eharakterisicrungs- und Situationsmitteln ältester Possen- traditio,, ausgeführt und so gründlichst verpftlscht. Hampel ist der Hampelmann in den Händen der Purre, Bumke usw. Er liefert ihnen den Cognac, er kauft ihre Bilder, er über- nimmt ein Theater, in dem die Dramen der alkoholischen Krastgcnies gegeben werden sollen. Daher sein stolzer Mäcenaten- Name Lorenzo di Medici. Der zweite Akt, in dem man den ersten Durchfall dieser neuen Bühne hinter den Coulissen miterlebt, ist jedenfalls der handlungsreichste. Der Buckel rutscht dem verwachsenen Helden, sobald er auf die Bühne stürmen will, abseits, den weniger edlen Körperteilen zu. Perrücken werden vertauscht, ein verrückter Sternendichter— es war die relativ beste von Schwaiger höchst natürlich gespielte Rolle— bemächtigt sich des Mondlichts; wenn der Vorhang fallen soll, kracht die Donner- Maschinerie usw. usw. Hier und dort so etwas wie ein lustiger Einfall, der aber in dem Schwall trivialer Turbulenz rettungslos untersinkt. Im Schlußakt reuige Rückkehr des Medicäers zu den heimischen Penaten. Die Prügel, die die Frau ihm zugedacht, sind ihm vom Publikum bereits in dem Theater appliziert.— Geklatscht wurde heftig, Rittner mußte mehrmals erscheinen.——dt. Humoristisches. — Stehende Redensart. Der gutmütige Herr begegnet einer Dame feines Bekanntenkreises, welche in tiefer Trauer ist. „Aber wer ist Ihnen gestorben. Gnädige?" „Mein Mann. Wußten Sie das nicht?" „Nein, Ivahrhaftig! Keine Ahnung! Aber wie leid mir das thut! Herzliche Kondolation! Und was fehlte ihm?" „Er hat sich eine sehr heftige Lungenentzündung zugezogen!" „Ach Gott, hn,! hm! hm! Na, liebe, gute Frau Birkmann, ganz so schlimm wird es nicht gewesen sein."— — Nach dem Wohlthätigkeitsfest. A.:„Heut Nacht Hab' ich einen betrunkenen Herrn im Schnee gefunden und heimgeschafft." B.„WaS hat er Dir denn geschentt?" A.„Einen Scktpfropfen."—(„ S implicisiimus".) Notizen. — Ein T o l st o i- A l b u m wird demnächst die russische Zeit» sckirijt„Die neue Welt" veröffentlichen. Das Album wird neben allen Bilder», die sich auf Tolstoi beziehen, auch alle Karikaturen bringen, die je über ihn publiziert wurden.— — Die Direktion des Kleinen Theaters hat das Neue Theater gepachtet, um den Autoren gerecht zu»verde,,, deren Stücke, laut kontraktlicher Verpflichtung, noch in dieser Saison auf- geführt»verde,, sollen.— — Das Wiener Operetten-Ensemble eröffnet am 111. Februar sein Gastspiel im Ceutral-Theater mit der amerikanischen Operette„DaS Mädchen von der Heils- arme e".— — Zwei altägyptische Standbilder, die aus den Jahren 2590 v. Chr. und 1809 v. Chr. stammen, sind für die ägyptische Abteilung des Berliner Museums angekauft »vordcn.— — Eine silberne Platte von 43 Ecntimeter Durchmesser nnt reich verzierten, Rand, auf den, in flachen, Relief Masken und Ticrkänchfe angebracht sind,.ist für das Antiquarium des Berliner M u s e n m s erworben»vorden. In der Mitte der Platte ist ein kleines rundes Relief mit der Darstellung eines von einem Löivcn verfolgten Reiters. Die Platte ist gegossen i der Fund soll aus Karnak stammen.— — Die Zahl der Slaven berechnet der Statistiker Professor Nicdcrle in Prag gegentvärtig auf 138 591 899 und zwar 95 399 999 Russen und Rnthenen, 19 125 999 Polen. 9 599 999 Czecho» slaven, 8 219 999 Serben und Kroaten, 4 859 999 Vulgarem 1459 999 Slotvcnen und 159 809 Wenden.— — In der Grotte von Stalden bei Schivyz wurde eia großer unterirdischer Wasserfall entdeckt.—__ Vorwärts Buchdruckerei und Berlagsa», stall Paul Singer& Co., Berlin SW