Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 34. Mittwoch, den 18. Februar. 1908 (Nachdruck verboten.) 34) Der IVliUlerKannes. Nomnil cmS der Eifel von Clara Viebig. Tie Franz kam heraus. Sie ging gebückt, auf dem Buckel trug sie eine Last zusammengebundener Betten. Un- willkürlich fuhr der Theijzeu Willem zurück vor dem Blick, der ihn von unten her aus den schwarzen Augen des bleichen Gesichts traf. Etwas verlegen bot er seine Hilfe an; ohne Wort, mir mit einer trotzigen Gebärde, wies sie ihn ab. Aber ihr blasses Gesicht wurde blutrot, als sie all die neugierigen Gaffer sah. Rasch zog sie das Brett heraus, das hinten den Karren verschloß, warf die Betten hinauf und ging ins Haus zurück. Noch ein paarmal eilte sie schwer beladen hin mid her, aber sie sah immer starr ins Leere, als sei da niemand: keiner mehr bot sich an, ihr zu helfen. Die hochmütige Packasch, mochteil sie sehen, wie sie allein fertig wurden! Jetzt kam die Alte; den Kopf ganz verinummelt, wankte sie, ein Bimdel unterm Arm. Bei diesem Anblick erhoben die Weiber ein lautes Lamento: „Dat arm' alt Tier!— Jesses, Maria, so en Unglück auf die alten Tag."—„Adjes, Großmutter, adjes!" Viele Hände streckten sich aus, die Frauen weinten. Die Alte war ganz wie blöd; sie hatte nur acht auf ihr Bündel, und Thränen, wie sie die ganz Alten weinen, Thränen, die so dahin rinnen, ohne daß sich eine Muskel des Gesichts dabei verzieht, näßten ihre Wangen. Ohne Laut, ohne Wort, ließ sie sich auf den Karren heben, duckte sich da ganz eng neben die paar Hühner, die mit zusammengebundenen Beineil mif einem Häufchen lagen. Wieder dauerte es eine Weile, die Erwartung wurde immer größer. Konnte sich der Müller denn gar liicht trennen? Jetzt— man hörte schwere Tritte im Flur— jetzt, aha! Aber das neugierig erregte Gemurmel erstarb— es wurde totenstill; selbst der Morgenwind, der im verstreuten Stroh raschelte und um die Büsche säuselte, schien anzuhalten. Der Knecht des Dhein und die Fränz, die jetzt heraustraten, schleppten eine schwere Last. Bei Kopf und Beinen trugen sie einen leblosen Körper; kaum schafften sie's, man sah es, dein Jakob knickteil die Knie, und an des Mädchens Hals und Armen strafften sich die Muskeln zum Zerreißen. „Jeflis Maria, der Müllerhannes! Ter war nicht be- trunken— was war geschehen?!" „Js hän tot?"—„Js hän schwach gefall'?"�)—„Holt *) Ohnmächtig geworden. den Noldes!"—„Och, Dummheit, den!"—„Ne, bei den Herr Doktor!"—„Jakob, wat is passiert, sag doch, wat?"— Der Knecht zuckte nur die Achseln, keuchend unter der Last. „Platz!" sagte die Fränz hart lind puffte gegen die Nächst- stehenden. Mit verzweifelter.Entschlossenheit lupfte sie den Kopf des Vaters auf den Wagen und legte ihn der Groß- mutter iil den Schoß. Die Beine schob der 5inecht nach. Er hätte geril noch den Fragendeil Antwort gestanden, aber die Fränz drängte:„Voran, mach!" Und griff selber nach der Peitsche:„Hott, Hahr!" Der schwcrgeladene Karren schwankte langsam davon. Der Knecht führte das Pferd am Zügel. Tie Tochter schritt nebenher. XIX. S o war der Müllerhannes aus seiner Mühle gezogen. Der arme Kerl! Man sah's recht an dem:„viel verthun un nix erwerben— ist der Weg zum Verderben"! Aber daß es ihm so schlecht erging, wie jetzt, das hatte er doch nicht ver- dient! Da waren manche, die iin ersten Sommer fleißig hinaus wanderten»ach dem entlegenen Abbau und limS Häuschen vigilierten— wie mochte es dein Hannes gehn?! Die Kinder belagerten förmlich den kleinen Hang mit dem grauen Ziest, aber mich sie kriegten kaum jemand zu sehen; selten, daß sich die finstere Fränz blicken ließ, um an der Ouelle Wasser zu schöpfen. Wovon das arme Volk nur leben mochte?! Der Acker trug doch noch nichts. Der Rauch, der ab und zu aus dem balisälligen Schornsteinchen aufstieg, sah nicht aus nach vollen Töpfen, ganz dünn und mager war er und verflüchtigte sich gleich, wie ein leichtes, bläuliches Nebelsäulchen in der starken Luft. Tie Ziege, die angepflockt am Hang graste, hatte kein strotzendes Euter, und die wenigen Hühner, die beim Brunnen scharrten, fanden da wohl auch keine Haferkörner. Dem dicken Fresser, der früher mir Gutes geschleckt und sogar„Schani- bannijer" getrunken, mochten die Happen, die es jetzt gab, wohl nicht schmecken! Die Gutherzigkeit der Dörfler regte sich zugleich mit der Neugier. In Maarfelden und Meckhausen, den beiden nächst- benachbarten Gemeinden, fanden sich barmherzige Seelen, die nur um einen Gotteslohn hinunterstiegen in die Schlucht, dort den einsamen, nackten Hügelkegel hinaufkletterten und auf der notdürftig zurccht gezimmerten Bank am Häuschen ihre Wohl- thaten niederlegten: Brot, Mehl, Speck— und sonst auch noch allerlei, was sie selber nicht mehr gebrauchen konnten. Gingen sie dann in den nahen Busch und rasteten ein wenig im Schatten, waren derweil gewiß die Gaben weg. Der Winter machte solchen Liebesthaten ein Ende; dunkle Regenwolken hingen dräuend über der Schlucht. Bald schneite der Abbau ein bis zum Dach, der Weg dorthin war fast un- möglich. In die dunkelste Versunkenheit dunkler Tage, dunkler Nächte fiel das dunkle Schicksal der Einsamen; beinahe vergessen hätte man sie, wäre nicht eines Mittags, blau- gefroren, fast erstarrt und erschöpft zum Ilmsinken ein Mädchen oben vorm Dorfwirtshaus am Eingang von Bleckhausen er- schienen, hätte dort angepocht und mit zuckenden Lippen und niedergeschlagenem Blick ein Gabe geheischt. Herrje, war das nicht die Miillcrfränz aus dem Abbau?! Der mußte es aber schlecht gehen, daß die bettelte! Die Müllcrfränz bettelte! Ja, ja, der Hunger treibt den Fuchs aus der Höhl'! Die mitleidige Wirtin gab einen Topf Suppe und Broi Etliche, die im Wirtshaus saßen, rannten geschwind heim und holten auch etwas— es thut so wohl, den„danke" sagen zu hören, der sich vormals nie dazu geschickt. Kein andrer Bettler hätte so viel bekommen: beladen trat des Hannes Tochter den Heimweg an. Einige folgten ihr ver- stöhlen von ferne und sahen, wie sie lief und dabei im Laufen schon sich vom Brot in den Mund stopfte, und dann immer schneller, schneller rannte, als sei der tiefe Schnee zu über- winden ein leichtes, weil daheim noch viel tiefere Not. Die Bleckhauscncr gewöhnten sich daran, daß dann und wann das Mädchen aus dem Abbau erschien und sich etwas holte. Aber als einst ein Bursche, dem sie gefiel, ihr nach- schlich, sie von hinten her umfaßte und ihr einen Kuß auf- preßte, stieß sie einen kurzen, zornigen Schrei aus, schlug ihn mit aller Kraft ins Gesicht und kam nicht mehr wieder.— Ter Frühling war erschienen. Der Abbau sah nicht ganz so traurig mehr aus, wie vor einem Jahr. Die zwei Pflaumenbäume hatten heuer viel Blüten, und die Henne hatte gekluckt; zwölf goldgelbe Hühnchen piepten in der Sonne vor der Schwelle und die Mutter lief mit gespreizten Flügeln drum herum und schrie ängstlich, sobald ein Falke hoch in der Luft über dem Hügel stand. Dann machte der Mann, der, einen Haselflecken zwischen den Knien, auf der Bank an der Hauswand saß, ein scheuchendes:„Kß. kß!" fuchtelte mit dem Stock und drehte den Kopf, den Gegenstand der Gefahr suchend, nach, allen Züchtungen. t. Des Müllerhannes Haar war weiß geworden �vor der Zeit. Den ganzen vergangenen Sommer, von jenem Tage an, da er die Mühle verlassen, bis zum Herbst, hatte er auf dem Bett gelegen— in einer Dumpfheit, die ihm niederzwang. Im Winter war's nicht viel besser mit ihm geworden; aber jetzt hatte ihn der schöne Tag herausgelockt— er suchte die Sonne.. Warm schien sie ihm ins Gesicht,— er blickte hinein, ohne zii zwinkern. Was, was war doch eigentlich mit ihm vorgegangen?! Wie er sich auch zuweileii besonnen hatte, es war ihm nie etwas klar geworden. Aber jetzt, so mit der Zeit, seit die Sonne so freundlich schien, heut' war es ihm, als wolle sich etwas— hier— hier, in seinein Schädel, etwas lüfteil. Er hatte etwas verloren— ja, verloren, das wußte er nun mit einem Mal, aber was?! Was?! Mit einem Seufzen stemmte er den Stock fester ins Gras, umfaßte ihn mit beiden Händen und stützte so das Kinn darauf. Mit weit offenen Augen stierte er vor sich hin— was war weg, was?! Viel, das wußte er,— er fühlte es an der ungeheuren Last, die er hier auf der Brust trug, hier, gerad' wo das Herz sitzt. Es fing an, schmerzlich in seinem Gesicht zu zucken, wie bei einem, der weinen will, aber trocken blieben die Augen in ihrer seltsam glasigen Starrheit. Nein, nein, denken half nichts, allein brachte er's nicht heraus— ja, wenn doch sein Alter ihm gegenübersäße! Mit dem zusammen würde er's schon herauskriegen, so viel Ver- stand hatte er all sein Lebtag nicht gehabt, wie der! Aber war der nicht tot? „Ja, den is eweil rips,"*) sagte er laut vor sich hin mit tiefer, feierlicher Stimme. Aber die Mutter lebte ja noch, die konnte er einmal fragen!„Mudder!" schrie er, und dann noch einmal im- geduldig:„Mudder!" „Ich sein ja schon hei," antwortete die zittrige Stimme der Alten. Sie kam nicht völlig heraus aus der Hütte, die freie Luft war ihr längst nicht mehr angenehm, immer hockte sie innen. Auch heut' früh bei all der Sonne streckte sie nur den Kopf in der festanliegenden Wollenhaube vorsichtig heraus. „Mudder," sagte er, legte den Ltopf ganz hintenüber und suchte sie so,„sag' ehs, kanns Tu Dich nct besinnen, wat ich verloren hau? Ich han cbbes verloren, ich han ebbes ver- loren, ich finden et net." Das alte Weiblein nickte eifrig:„Du hast ebbes verloren — ja, ja— diesen Morgen— dat Dingen war et, die die Schwefelholzbüchs— für Feuer anzufänkcn— O Jeßmarie- jusep— wo haste se nur hingestochen, wo Hammer se dann eweil?" Suchend trippelte sie wieder hinein. Der Sohn schüttelte den Kopf— nein, die Schwefelholz- büchse war es nicht, die hatte er nicht verloren, die stand aus dem Fensterbrett in der rechten Ecke! Was jetzt war, das wußte er ja alles ganz genau— aber waS vordem war— damals— damals— was hatte er doch gethan— wo war er doch gewesen— damals als— als---- Hier verwirrte sich sein Denken. Und immer ging's ihn: so, immer, wenn er etwas recht zu Ende denken wollte, wenn er zurückgehen wollte in die Vergangenheit, kam die unsicht- bare Hand und schob einen Riegel vor eine Thür. Wie die Henne erschrocken gluckte! Der Grübelnde fuhr auf. Da war gewiß wieder ein Hühnervogel in Sicht und be- drohte die Kleinen. Hatte die Franz nicht gesagt, bevor sie auf den Acker ging:„Vadder, gieb Obacht, dat den Hnweih**) keins von unfern Hüukelcher kriegt." „Ksch, Ksch, schcerste dich. Ha, hätten ich eweil nur mein Gewehr, ich wollten dat Luderzeug schon erunter knallen!" Oder, wenn er nur seinen Nero hätte! Aber den hatten sie ihm niedergeschossen vergangenen Winter, als das hungrige Tier auf verbotener Jagd pürschte. Er drohte mit dem Stock wieder nach oben, jedoch den Habicht, der beutegierig in der Luft stand, störte das Fuchteln nicht. Schon ließ der sich ein Stück niederfallen— jetzt beschrieb er tiefere und tiefere Kreise. Die geänstigte Henne, die Flügel spreizend, die nicht all ihre Kinder zu decken vermochten, riß den Schnabel auf und drängte sich dicht an den Menschen. (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) Allerlei vom Mriugsfaug. In Deutschland werde» jedes Jahr über fünfhundert Millionen Häringe verzehrt, und mehr noch konsumieren die Vereinigten Staaten von Nordamerika, England, Skandinavien und so fort. So ist denn von allen Seefischen der Höring bei weitem der bekannteste und populärste geworden. Seine Biologie ist, besonders durch die Arbeiten des Professors Hcinken-Helgoland, wissenschaftlich erforscht und bietet wenig Unbekanntes. Nur eine Frage von enormer Bc- deutung ist bis jetzt noch ohne sichere Antwort geblieben, die über den Zug der Höringe. Was dem Winzer ein gutes oder ein schlechtes Weinjahr, das ist dem Fischer ein günstiges oder ungünstiges Häringjahr. Wie jener hängt er hier von Umständen ab, die sich sowohl seiner Berechnung, als auch jeder Beeinflussung entziehen. ■*) Tot= R. I, P. S.= requieseat in pace sancta. ••) Habist. Der Höring durchioandert in Scharen von vielen hundert Millionen das Meer, aber nicht jedes Jahr in derselben Richtung. Ob Sturm, ob Feinde— und deren hat er eben so viel wie der Hase— oder ob Nahrungsdrang ihn hierhin oder dorthin ver- schlagen, weiß man nicht. Sicher ist aber, daß eine Regelmäßigkeit in seinen Wanderungen nicht besteht, und so folgen denn auf Jahre, in denen die Fischer nicht wußten, was sie mit dem überreichen Fang machen sollten— wo der Höring als Dünger und Viehfutter benutzt wurde— Jahre, in denen der Fischer kaum den eigenen Bedarf gedeckt sieht. Der Fang deS Hörings wird an den verschiedenen Küsten nicht in gleicher Weise betrieben. Der Norweger setzt das Netz flacher als der Engländer und Deutsche. Die großartigsten und praktischsten Fangfahrzeuge sind die Häringslogger mit Dampfbetrieb, wie sie jetzt in Deutschland gebaut werden. Die Dimensionen der Logger sind recht bedeutende. Ter Logger „Weser", ein ganz neues Fahrzeug, ist über Teck 24 Meter, am Kiel 21 Meter lang. Er faßt 232,8 Kubikmeter— 82,10 Register-Tons und netto 183,7 Kubikmeter— 64,85 Register-Tons; das heißt er faßt bequem 6 bis 7 Doppelwaggonladungen. Sein Tiefgang be- trägt hinten 2 Meter, vorn 1,86 Meter; über Wasser liegt er vorn 12, in der Mitte 16 und hinten—„achter"— 14 Fuß. Seine größte Breite beträgt 6 Meter. Die Logger tragen durchweg Kutter- takclage mit ganz geringfügigen Abweichungen. Neben einem Groß- mast von etwa 66 Fuß, einem Besahnmast von 46 Fuß Höhe haben sie einen Klüverbaum von 36 Fuß Länge. An Segelgut führen sie Großsegel mit loser Schoote(ohne Großbaum), hierüber ein Gaffel- topsegcl, ferner Besahnsegel ebenfalls mit Top und als Vorsegel einen Klüver und eine Stagfock. An Sturmsegeln führen sie ein Spitzsegcl für den Großmast und einen Sturmklüver, das Besahn- segel wird bei schwerem Wetter gerafft. Die beiden Anker von je 406 Pfund können a» den Ketten 75 Faden, das ist etwa 136 Meter, ausgelassen werden. Bemannt ist ein Logger mit 15 Mann, inklusive Kapitän und Steuermann. Die Einteilung der Logger ist mit peinlichster Jkaumausnutzung berechnet. Vor dem Großmast ist das Kabelgatt zur Aufnahme der Ankerketten und Taue, die Logis für die Mannschaft und die Kom- büse(Küche); vor dem Besahnmast befinden sich die Kajüten für Kapitän und Steuermann. Der ganze mittlere Raum des Schiffes ist zellenartig eingeteilt, und zwar ist jede Zelle so breit, daß gerade ein Häringssaß, seiner Längsachse nach zur Fahrtrichtung gelagert, darin Platz hat. Diese Zellen sind nicht einfache Abteilungen. sondern haben wieder Unterzellcn, jede so groß, daß nur einige Fässer darin Platz haben. So können die Fässer nicht im Raum hin- und herkollern und dem Schiff die Stabilität nehmen, und außerdem wird bei dieser Einteilung die größte Raumausnutzung. verbunden mit bequemster Lade- und Löschgclcgenheit, gewonnen. Der wichtigste Ansrüstnngsgegenstand des Loggers aber ist das Netz. Das hat ganz kolossale Dimensionen. Flach hineingelegt würde es einen Raum von annähernd sechstausend Quadratmetern bedecken, sein Hauptseil wiegt an tausend Pfund und ist über zwei Kilometer lang. Natürlich besteht das Netz nicht aus einem Stück. Es setzt sich zusammen aus vier oder fünf„Quarts", die wieder aus je achtzehn kleinen Netzen, von denen jedes 168 Fuß lang und 60 Fuß tief ist, bestehen. Das Ganze heißt eine„Fleet" und ent- hält also, je nachdem vier oder fünf Quarts genommen werden, 72 bis 96 Netze. Das Hauptstück, gewissermaßen daS Gerüst der„Fleet", ist das„Flcetrcep", eine dicke Trosse(Seil), die, wie gesagt, über 2666 Meter lang ist und an 566 Kilogramm wiegt. Ferner ge- hören noch dazu eine Anzahl Schwimmbojcn und Holztonnen („brails") und eine Signalboje, letztere wird während der Fahrt an den Pardunen angebracht. Die Anordnung der„Fleet" ist nun die folgende: Auf der Oberfläche schwimmen in Abständen von je 36 Fuß Schwimmbojen. Von jeder Boje hängt ein 36 Fuß langes Tau herunter(Bojrceps). Am unteren Ende tragen diese Bojreeps das Flcetrcep, das große Seil. An dem Hauptscil hängen dann, wieder an Tauen, die man„Zeisinge" nennt, und die je 34 Fuß lang sind, erst die einzelnen Netze, senkrecht herab. So hängt also das eigentliche Netz 36 ft- 34 Fuß= 18 Meter unter der Meeres- oberfläche. Soll nun gefischt werden, so wird als erste die Signalboje ausgelassen, sie zeigt fremden Fahrzeugen, daß Netze auslicgen, und orientiert zugleich den Fischer, wohin sein Netz steht. Dann wird nach und nach Netz an Netz gefügt und„ausgeschoorcn". Ist die ganze Fleet ausgcschooren, so wird der Logger mit dem Kopf an den Wind gedreht und treibt langsam mit dem Netz rückwärts. Das Aussetzen der Netze geschieht abends, das Einziehen Nachts. Man glaubt, daß die Fische bei Tage dem Netze ausweichen. Die Fleet muß sorgfältig auSgcschoorcn werden, damit die Netze gerade nach unten sinken und nicht„unklar" werden. Die Fleet soll wie eine lange Wand stehen, deshalb heißt es auch in der friesischen Fischersprachc: liet wand Staat«it. Der Höring wird gefangen, indem er in die offenen Maschen mit dem spitzen Kopfe hineinschwimmt und an den Kiemen daran hängen bleibt. Stößt nun ein Zug des gewaltigen Heeres auf eine Netzwand, so können in einer Nacht 166— 126 Tonnen= 76 bis 80 666 Stück gefangen werden. Die Netze werden mit einem Dampf- svill(Donkeh) eingezogen und sofort an Ort und Stelle gebracht. Die Häringe fallen beim llcbcrnchmen des Netzes in große Buchten und werden dann an Bord„gekaakt" oder„gekehlt", damit sie aus- bluten, darauf eingcsalzcn und in Fässer gepackt. Es ist daS natürlich von äußerst vorteilhaftem Einfluß auf die Güte des Fisches. An Land wird dann jedes Faß sorgfältig revidiert und nach- gefüllt, da der Höring inzwischen bedeutend eingeschrumpft ist. Man unterscheidet folgende Härjngssorten: Matjcs-, Voll- und Jhlen- Häring. Matjcs ist der in die geschlechtliche EntWickelung ein- tretende Häring, der bei Beginn der Saison in geringen Mengen gefangen und scharf cingesalzen wird, weil er schnell abgesetzt zu werden Pflegt. Der Vollhäring ist der geschlechtlich voll entwickelte Fisch, groß, fett und schmackhaft, er kommt in einer größeren und in einer kleineren Sorte in den Handel. Der Ihlenhäring hat Rogen und Milch abgegeben, ist rein von Geschmack, aber mager und trocken.— Max W. Karstense u. Gleims fcuUlcton. w. Der Schlaucrc. Ter Fleischer Lobel in Grünkau im Erz- gebirge hatte einen Pracht-Schlachtochsen erstanden. Bei der Fleischnot kam das neuerdings selten genug vor. WaS die Bauern jetzt vcr- kauften, das war entweder alt und zäh oder zu jung und zu wenig gemästet. Hier aber war's ihm'mal geglückt. Ein famoses Stück. Er war stolz darauf und wie er den Ochsen sauber ausgeschlachtet hatte, hing er das ganze Stück vor die Thürs. So, Ihr Leute, da könnt Ihr' mal seh'n, loas Fleisch ist! Die Mütze im Nacken, die Cigarre im Munde, die roten Arme gekreuzt, stand er breitbeinig in der Ladenthüre und schmunzelte, wenn die Ortslcute vorbeikamen und bewundernd vor dem Riesen- ochsen stehen blieben. Nur eins ärgerte den Meister Löbcl. Das war die englische Dogge des Advokaten Mittag. Das Bich war immer hungrig, denn hier oben waren die Prozesse knapp und die Streitobjekte klein. Der Verdienst des Advokaten Mittag war nicht groß; wie er immer hungrig nach Prozessen ausschaute, so lief seine Dogge mit knurrendem Magen nach Futter. Jetzt strich das Vieh um den Fleischerladen. Meister Lobet hatte ihm schon mehrfach Steine nachgeworfen, aber die Dogge kam immer wieder und glotzte mit gierigen Augen den Riesen- ochsen an. „Viech!" schrie der Fleischer wütend,„wann de dich unterstehst un' labberst an meinen Ochsen...1 Ich zerhack' dich ze Bluut- Wurscht!" Da kam die alte Seifert'n Wurst kaufen. Der Meister ging in den Laden, schnitt für'nen Fünfer ab, packte sie ein, wartete, bis die Alte ihre Pfennige hervorgenestelt hatte und... da...! „Himmelkreizdunnerwcdder I" Der Meister schoß hinter der Laden- tafcl vor und zur Thüre hinaus. Aber es lvar zu spät. Bereits hatte die Dogge einen mächttgcn Fetzen von der Lende herunter- gerissen und zagte, die Beute zwischen den Zähnen, in langen Sätzen davon. Meister Löbel tobte und fluchte, daß sich vor der Thüre ein großer Auflauf von Frauen und Kindern bildete, die alle ihre Meinung kundgaben. So'nc Schande! Das schöne Stück I Gab'S denn keine Hilfe gegen daS Hundcvich, welches im ganzen Ort herumjagte? „Daß laß' ich mix nich' gcfall'n l" schrie der Meister.„Den Advekat'n init seinem verdammten Hundcviech wärd's itze cmol be- wiesen I Ich fahr' nach Dräsd'nl Die Sach' muß e' Justizrat in die Hand nemm'n l" Während er noch schimpfte, sah er den Rechtsanwalt Mittag die Straße herunterkommen, im schäbigen Röckchcn, den Kopf sorgenvoll zu Boden gesenkt. Und da hatte der Meister einen wahrhaft teuf- tischen Einfall. Halt! Den Mittag selbst wird er um Rat fragen. Der soll sich selbst'reinlegen! „Dag, Herr Mittag," sagte der Meister und lüftete freundlich die Mütze.„Sie wer'» entschuld'gcn. Miß ich mir deß g'fall'n lass'n, wenn m'r e' Hund zwee Pfund Flcesch von mein' Ochsen weg- frißt?" Herr Mittag stutzt. Dann funkelten seine Aeuglein. Ein Prozeß! DaS hatte er sofort begriffen. Wieder'mal'n Prozeß! „Nu, Herr Löbel, das brauchen Sie sich nich' gefallen lassen. Wie werden Sie sich so'was gefallen lassen I Zwei Pfund Ochsen- fleisch macht'nen Schaden von'ner Mark un' vierzig, Herr Löbel." „Also ich brauch's mir nich' gefall'n lassen?" „Auf keinen Fall. Seien Se nich' so dumm. Mann I" „Gutt." Der Fleischer strahlte.„Also nu' wer''ch uff die Poll'zei gieh'n..." „Hähähä!" lachte Herr Mittag.„Auf die Poll'zei! Was geht die Poll'zei der Hund an. Die macht'n Protokoll, weil'r kein' Maulkorb hatte, un' damit is se fertig. Nee, klagen müssen Sc, Herr Löbel. Schicken Se dem Hundbesitzcr'ne Rechnung über'ne Mark vierzig ftir die zwei Pfund Ochscufleisch. Wenn er nich' zahlt, denn komm' Se zu mir. Der Mami wird verklagt un' kostenpflichtig verurteilt." Der Meister konnte kaum sein Lachen zurückhalten.„Ich danl' schecne, Herr Advekat," sagte er und tro; in den Laden zurück. Advokat Mittag aber trippelte weiter und dachte bei sich: Wenn der Schuldner doch blas nich' zahlt, damit'n Prozeß wird. Er lvar aber kauni vor seiner Hausthüre angelangt, als der Lehrjunge von Meister Löbel angeschloßt kam und ihm eine Rech- uung überreichte:„Für zwei Pfund Ochsenfleisch, die mir Ihr Hund vom Stück gerissen, 1,40 Mark." „Himmeldonner..." Doch er besann sich und ging seelenruhig in seine Schreibstube. Schon noch einer Viertelstunde trat der bucklige Anwalffchreibcr in den Fleischerladen, warf einen sehnsüchttgcn Blick über die Wurstherrlichkeit und überreichte einen Brief von Rechts- anwalt Mttag: „An zwei Pfund geliefertem Ochsenfleisch für meinen Hund 1,40 M.— Air einer juristischen Ratserteilung, erteilt auf der Straße. 3,— M.— Bleibt Rest 1,60 M., die ich Ueberbringer auszuhändigen ersuche, da sonst sofort einklagen werde. Mttag, Rechtsanwalt." Der Meister lourde krebsrot.„J, dli Hinimeldoiincr..." Doch auch er besann sich. Dann griff er in die Schublade uiid schleuderte daS Geld auf den Tisch.— lc. Die Rettinig eines Meisterwerkes der Antike. Ueber die Wiederherstellung der Bronzcstatuc des Hernres, die unter den Schätzen vom Meeresgrunde aus der bei Cythera versunkenen äntiken Trireme aufgefunden wurde, liegen jetzt genauere Mitteilungen von dem französischen Restaurator Andre selbst vor, die erkennen lassen. daß es sich hier um ein Meisterwerk handelt, das von einigen Archäologen für das s ch ö n st e erhaltene Originalwerk aus B r o ii z e der griechischen Kunst überhaupt gehalten wird. Als die Ueberbleibscl deS Hermes gefunden wurden, waren sie eine fast formlose Masse; jetzt sind sie aber so geschickt zusamincngcftellt. daß die Statue vollständig ist. Dem ursprünglichen Material ist dabei nichts Wesentliches hinzugefügt worden. Die Restauration war das schwierigste Werk dieser Art, das je versucht worden ist. Die Statue ist aus Bronze und muß, auch als sie neu war, sehr leicht gewesen sein. Die alten griechischen Gießer brauchten dieses Metall wegen seines Wertes sehr sparsam. Als die Statue von den Tauchern auf dem Meeresgrunde gefunden wurde, war die formlose Masse mehrere Zoll mit Seemuscheln. Entenmuscheln und kalkigen Niederschlägen bedeckt. Unter diesem Gelvicht lvar nur wenig von der ursprünglichen Bronze, und diese zerbrach, als sie unvorsichtig bc- handelt wurde. Kopf und Gesicht, die aus etwas dickerem Materia! als die andern Körperteile wäre», blieben zum Glück intakt, ebenso zum größeren Teil Schultern, Arme und Füße. Einem griechischen Chemiker gelang es nach Monaten geduldigster Arbeit, den dünnen Rest des alten Materials von den anhängenden Substanzen zu trennen. Die Restauration der Statue wurde dann M. Andre aus Paris übertragen, der sich durch seine Restauration des Schatzes von Bcscorcale und der gallisch-römischen Statue von Colignh einen Ruf gemacht hat. Er ist seit 4ö Jahre» Restaurator; sein Sohn hilft ihm, und in seinen großen Werkstätten beschäftigt er geschulte Leute, die zum Teil schon über 30 Jahre bei ihm arbeiten und von ihm selbst angelernt sind. Er ging, da er sich die Schwierigkeit der Aufgabe nicht verhehlte, erst nach vielen Bitten mit seinen drei besten Ar- bcitern nach Athen, nachdem ihm die griechische Regierung alle mög- liche Hilfe zugesagt hatte. Er beschreibt nun sein so erfolgreiches Verfahren folgendermaßen:„Da die ganze Statue in Stücken lvar, fing ich an, eS von den Füßen aufwärts auf ein Skelett zu setzen. Dieses bestand auS einer starten Centraimetallstütze, die von der Basis des linken Fußes bis zum Scheitel lief; eine ähnliche, türzera Stütze wurde in den rechten Fuß gesetzt und verband sich mit der ersten etwas unterhalb der Mitte. Von den Hüften bis zu den Schultern wurden zwei Scitenstützen montiert, so daß ich nachhec nach Belieben kreisrunde Bänder für die Taille hinzufügen konnte. Der linke Fuß lvar im schlimmsten Zustande; nachdem die zerbröckelten Stückchen sorgfältig an die inneren Bänder der Stütze befestigt ivorden waren, mußte ein Gemisch von Zink und Blei als feste Basis hinein- gegossen werden. Die zerbrochenen Teile um die Taille, auf den Schenkeln und am Rücken wurden sorgfältig an inneren Stützbändern angeschraubt und nachher durch eine Schicht Metall verstärkt. Kopf, Brust und Arme wurden von oben durch Stricke gehalten, bis sie an die an der Skclcttform befestigten Metallrahmen angeschraubt wurden, klebcr dem Leib und am Rücken fehlten eine Anzahl Stücke, die durch neuen Guß ersetzt werden mutzten. Zu diesem Zwecke wurden Wachsabdrücke genommen und nach ihnen Stücke in einem sehr weichen Metall geformt, das möglichst der Originalkoniposition glich. Sie wurden nachher wie die echten Stücke innen angeschraubt und die Ränder sorgfältig in die ursprünglichen Stücke hinein- gehämmert, so daß der Saum fast unmerklich ist. Wo es nötig war. lvurdc nachher auch noch der größeren Ticke und Festigkeit loegeiH geschmolzenes Metall auf die Innenseite gegossen. Zum Glück zeigten einige Teile noch die ursprüngliche Patina, die ich genau nachahmen konnte und dem Ganzen zum Schluß gab, so daß sie. nun wohl so aussah, wie damals, als sie aus den Händen des griechischen Künstlers hervorging. Cavvadias, der Leiter deS athenischen Nationalmuseums, stellte mir alle Instrumente und alles Material, das er liefern konnte, zur Verfügung. Vor der Restauration entstand unter den Archäologen die Frage, wen die Statue darstellen sollte. Die Thatsache. daß die rechte Hand in erhobener Stellung ausgestreckt ist und angcnscheinlich etwas Rundes hielt, führte zu zahlreichen Vermutungen. Einige nehmen an, es wäre ein PerscuS, der das Medusenhaupt hält, andre halte» es für einen Paris oder einen Ball werfenden Ephebos. Aber die ruhige Stellung und der sanfte Blick sprechen gegen die letztere Annahme. Ich halte die Statue für einen Hermes, der etwas Rundes in der Hand hielt. Die griechische Regierung will alle möglichen Anstrengungen machen, um den Gegenstand, den die Stattie in der Hand hielt, wiederzufinden. Dabei können sich auf dem Meeresboden noch andre wichtige Ueber- bleibsel finden. Man hat Teile von lvenigstenZ dreiszig bis vierzig Statuen gefunden. Ein halbes Dutzend ist schon restauriert, obgleich sie aus Marmor sind und es zuerst fast unmöglich war, eine bestimmte Form zu erkennen. Auch eine große Gruppe aus Pferden und Wagen über Lebensgröße ist heraufgebracht wordene Der ctztherische Hermes ist sicherlich allen antiken Bronzen überlegen, die in der Neuzeit gefunden wurden, und er wird unter ihnen die Stelle einnehmen, die der Hermes des Praxiteles unter den Marn-orstatuen einnimmt. Die Statue ist etwas über Lebensgröße und mißt 1,vl> Meter. Der Gesichtsausdrnck, die Haltung und Stellung des Körpers und der Glieder sind besonders anmutig und bezaubernd." Profesior Charles Waldstein, der Direktor der amerikanischen archäologischen Schule in Athen, sagte:„Ich halte die leoensgroße Wronzcfigur des Hermes für die schönste alte Bronze, vielleicht sogar für die schönste griechische Statue überhaupt. Sie fordert sofort dcu Vergleich mit dem Hermes des Praxiteles heraus. Die Aehnlichkeit im allgemeinen und m allen Einzelheiten ist so groß, daß ich beide demselben Meister zuschreibe. Die Figur ruht aus dem linken Bein, das rechte ist zurückgezogen. Die rechte Schulter ist vorgeschoben, der rechte Arm erhoben und die Hand ausgestreckt, während der linke Arm und die Schulter zurückgezogen sind. Durch dieses Gegenspiel in der Bewegung der Gliedmatzen erhält die Komposition einen wundervollen Rhythmus. Zu der Bewegung des Körpers kommt das leichte Vorwärts- und Abwärtsbeugen des Ltopfcs, der so schön auf dein prächtig modellierten Hals ruht. Der Gesichtsausdruck ist nachdenklich, eifrig und doch nicht aufgeregt. Die Lippen sind halb geöffnet, die Nasenflügel sehen aus. als ob sie jeden Augenblick vor Erregung beben könnten, die Augen sind klar und aufmerksam nach vorn gerichtet. Ich glaube nicht, daß der Jüngling etwas in der Hand hält; die Geste der Hand ist eine zarre Bewegung, segnend, lobend oder um Aufmerksamkeit bittend."— Jahveh und Jchovah. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: Einen merkwürdigen Beweis dafür, wie selbst ganz harmlose Lese- fehler im Laufe der Jahrhundertc zu religiösen Imponderabilien werden können, deren notwendige Beseitigung den gläubigen Gc- mütern nur unter Schmerzen möglich ist, bietet der Name des ihcbräischcn Natiouälgottcs, uns in der Lesart Jehovah von Jugend an vertraut. Kein frommer Israelit hat den Gott seines Volkes jemals so ausgesprochen, Jahveh ist vielmehr die einzig richtige Be- Zeichnung. Woher kommt nun die Lesart Jehovah? Aus der Un- kenntnis unsrer Vorfahren, die nicht lvußten, daß in der Theokratie der nachprophetischcn Zeit der Eigenname des Nationalgottcs gar nicht mehr ausgcsvrochen, sondern nur der allgemeine Gattungsname Gott, hebräisch elohim oder cloha, gebraucht werden durfte. Wo daher in den heiligen Texten der Name Jahveh vorkam, las der Jude immer eloha au seiner Stelle. Nun ist die hebräische Schrift eine reine Konsonantenschrift, deren Vokale nicht mitgeschrieben wurden. Erst das talmudische Judentum erfand zur Erleichterung für den Leser besondere Vokälzeichcn, die als sogenannte Puktation unter die zugehörigen Konsonanten gesetzt wurden. Und natürlich setzten die Punktatoren unter die Konsonanten J h v h de? Gotteonamens Jahveh jetzt die Vokale des Wortes eloüa, das sie ja allein an dieser Stelle aussprechen durften. So stand für den, der ohne Kenntnis der geschichtlichen Vergangenheit und der Gebräuche der jüdischen Gemeinde an den Text herantrat, allerdings das sonderbare, nie vorhanden gewesene Wort Jehovah da. Dieses Wort ist dann be- sonders durch Luthers Bibelübersetzung bei uns eingebürgert worden und sitzt in vielen Kreisen heute so fest, daß mancher Geistliche allein durch seine wissenschaftliche Aussprache Jahveh schon in den Verdacht liberaler Gesinnung geraten ist.— Technisches. — Mexikanische Gerbstoffe. In der technischen Beilage der Wiener„Zeit" schreibt Heinrich Lemckc(Mexiko); Unter dem Namen„C a S c a l o t e" wird seit vielen Jahren ein mexikanischer Gerbstoff in stetig zunehmenden Quantitäten nach Europa, speciell nach Deutschland exportiert, welcher seiner hervorragenden Eigen- schasten halber zum Gerben von Lcder sich einer allgemeinen Be- licbtheit erfreut. Dieser Cascalote ist nichts andres als die getrocknete Fruchthlllse der Cascalpina coriaria, einer einheimischen Hülsenfrucht- artigen Pflanze, welche in den Tropen Mexikos in einer Höhenlage bis zu 2500 Fuß wächst. Die Fruchthülsen dieser Pflanze enthalten einen großen Prozentsatz Tannin, welcher, wenn mit andren tannin- haltigen Substanzen vermischt, einen vorzüglichen Ersatz für die bei der Gerberei angewendete Nußgalle gießt. Cascalote macht überdies das mit ihm gegerbte Leder Iveich und biegsam und gießt ihm eine schöne dunkelrote Färbung. Die Pflanze wird aus Samen ge- zogen, und giebt im sechsten respektive siebenten Jahre zuerst Früchte. Der Fruchtertrag steigert sich dann von Jahr zu Jahr, bis die Pflanze ein Älter von 23 Jahren erreicht und dann abstirbt. Das Einernten der Früchte ist sehr einfach. Sobald die Früchte eine graudunkle Färbung angenommen haben, werden sie abgepflückt, an der Sonne getrocknet, dann in Säcke gepackt und sind darauf als Gerbstoff für den Export fertig. Der Preis für Cascalote ist sehr veränderlich. Vor einigen Monaten betrug er IOV2 Centavos, gegenwärtig 14—10 Centavos pro Kilo franco Bord Vera Cruz.(1 Silber-Peso gleich 100 Centavos hat augenblicklich einen Wert von 1,33 M.) Die Fracht, See-Assekuranz, Kommissions- gebühren usw. von Vera Cruz nach Hamburg kann man mit cirka 33 Prozent des Preises der Cascalote veranschlagen. Die Aus- Verantwortlicher Nedakteur:(5arl Leid in Berlin.— Druck und Verlag! fuhr von CaScalote-Gerbstoff' belief sich im letzten Jahre auf über 1 Million Pesos. Außer Cascalote ist in letzterer Zeit ein andrer Gerbstoff in Mexiko entdeckt worden, ivelcher„C a n a g r i a" genannt wird. Letzteres ist eine Pflanze, welche in großen Ouan- titäten in den sandigen Hochebenen der nördlichen Staaten Mexikos wild wächst. Dieser Canagria-Gerbstoff besitzt einen sehr kräftigen Tanningchalt und giebt außerdem dem Lcder eine ganz eigenartige prächtige Färbung. Dieser letztere Gerbstoff ist bislang noch nicht exportiert worden, wird aber jedenfalls, wenn seine hervorragenden Eigenschaften mehr bekannt werden, ein hervorragendes Ausfuhr- Produkt Mexikos werden.— Hnmoristischcs. — Boshaft. Arzt(zum Kollegen, der durch sein großes M und st ü ck bekannt ist):„Du willst fortgehen, hör' ich. Wohin denn?" „Werde mich als B a d e- A r z t niederlassen." „S ch>v e f e t bad?"— — A u s d e r S ch u l e. In der untersten Mädchcnklasse will der Lehrer den ersten Gesangsunterricht erteilen und stimmt dazu seine Geige; da erhebt sich eine Kleine und ruft:„Ach bitte, bitte, Herr Lehrer,— au Walzer!"— — Hilfe in der Not. Besitzer eines Zauber- theaters(auf der Festtviese):„Treten Sie näher, meine Herr- schasten! Sie werden sprachlos sein über die Dinge, die Sie hier zu sehen bekommen." Ehemann(der eben eine lange Strafpredigt bekommt):„Do muaßt nei gehu, Alte, dös is tvas für Dil"— („Meggendorfcr Blätter.") Notizen. —„ Solon in Lydien", ein Lustspiel von Theodor Herz l", ist vom Schauspielhaus zur Aufführung erworben worden.— — Paula L e v e r m a n n ist vom September d. Is. ab für das Berliner Theater verpflichtet worden.— — Im Neuen Theater soll, unter der Direktion Reinhardt, ein Anzengruber-Cyklus veranstaltet lverden; den Anfang werden„Die Kreutzelschreiber" machen.— — Zu dem Wettbewerb(50 000 Lire), das der Mailänder Mnsikverleger Souzogno für die beste lyrische Oper aus- geschrieben hat, sind 234 Tonwerke eingelaufen.— — Eine Energie- U ebertrag un g auf große Entfernung ist, wie die„Kölnische Zeitung" berichtet, unlängst in Kanada fertiggestellt worden. Sie leitet die Wasserkraft des Shawinigan- Falles als elektrische Strömung in die Stadt Montreal. Diese Leitung hat eine Länge von nicht Iveniger als 140 Kilometer, überschreitet den Fluß Bout de l'Jle und gelangt auf die Insel, auf der Montreal liegt, mit Hilfe eines Drahtkabels, das zwischen zwei hohen Stahltürmen 340 Meter lang ftei über den Strom ausgespannt ist. Die Leitung besteht aus drei Aluminium- strängen, von denen jeder sechs Aluminiumdrähte besitzt. Sie wird von 4300 Säulen aus Ccderuholz getragen, und die Stützen bestehen aus eigentümlich geformten Porzellan-Jsolatoreu. Der elektrische Strom besitzt 30 000 Volt Spannung und wird auf 2000 Volt trans- formiert. Es werden mittels desselben 8000 elektrische Pferdckräste nach Montreal übergefiihrt, die dort zu Erleuchtungs- und Kraft- zwecken dienen.— — Herr, gieß ihm die ewige Ruh'. In einer Schule in den bayerischen Vorbergen fand außerordentliche Prüfung statt. Dem Herkommen gemäß wird dort der eintretende Lehrer oder Katechet von den Kindern mit dem Gruß:„Gelobt sei Jesus Christus — guten Morgen, Herr Lehrer— Herr Pfarrer!" empfangen. Als nun der Herr Inspektor in Begleitung des Pfarrherrn unvermutet die Schule betritt, tönt ihm der Gruß entgegen:„Gelobt fei Jesus Christus— guten Morgen..." Da aber stockt der jugendliche Chor: der Name„Herr Inspektor" mochte ihnen nicht so geläufig sein. Der begleitende Pfarrherr will seine Schäflein ermutigen, den Gruß zu vollenden, winkt ihnen zu und giebt das Stichwort: „Herr... Herr— Und schon fällt der Chorus ein:„Herr, gieb ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm. Amen!"— Büchereinlanf. — L e 0 n i d A n d r e j e lv:„Der Gedanke." Novellen. München. Albert Langen.— — El Correi:„Reinhard Hofer. Die Geschichte eines Idealisten." Roman. Leipzig. Lotus-Verlag. — Friedrich G e r st ä ck e r S„Gesammelte Schriften." 1. Lieferung. Berlin. Richard Eckstein Nachf.(H. Krüger. Separat- Conto.) Pr. 20 Pf.— — M. G 0 r k y:„N a ch t a s y l." Drama. München. Dr. I. Marchlewski u. Co.— —<3 a lad i«:„V 0 m b 0 d en l 0 s e n H ö l l en s ch lu n d." Deutsch von Wolfgang Schaumburg. Selbstverlag des Ueber- setzers.—_'____ Zorwärts Buchdruckerci und Berlagsanstalt Paul Singer&. Co., Berlin SW