Mnterhattmlgsblatt des vorwärts Nr. 41. Freitag, den 27. Februar. (Nachdruck verboten.) »i Das Geld* Roman von Emile Zola. Seit jenem Sturz hatte Saccard nicht wieder aewagt, die Börse zu betreten, und auch heute hielt ihn ein Gefühl krank- hafter Eitelkeit, die Gewißheit, als Besiegter einpfangen zu tverden, davon ab, die Stufen hinaufzusteigen. Wie die aus dem Schlafgemach der Geliebten verstoßenen Liebhaber die- selbe zu hassen glauben und doch verstärkte Sehnsucht empfindeir, so kam er vom Schicksal getrieben hierher, um- schritt die Kolonnade unter leeren Vorlvänden, trat in den Garten ein und erging sich wie ein Lustivandler unter�dem Schatte»» der Kastanienbäume. In dieser staubigen Anlage ohne Rasen und ohne Blumen, auf deren Bänken zwischen Bedürfnisanstalten ui»d Zeitungskiosken ein bunter Misch- »nasch niederer Spekulanten sich heruintricb, ivußte er den An- schein eines harmlosen Spaziergängers anzunehmen; er blickte aber lauernd zur Börse hinüber mit dem wuterfüllten Gedanken, daß er das Gebäude belagerte, daß er es mit einem engen Ring umschloß, um eines Tages als Sieger»vicder einzuziehen. Durch die Ecke rechts kain er heran, unter den Bäumen gegenüber der Ruc de la Bangue, und sogleich geriet er»nitten in die kleine Börse der ausgeschiedenen Werte, unter die so- genannten„Feuchten Füße". So nennt man nämlich init ironischer Verachtung jene Börsentrödler, die in» Freien, i'n dem Straßenkote der Regentage init den Papieren unter- gegangener Gesellschaften spekulieren. Da stand in lärmender Gruppe eine unreinliche Judcngesellschaft init fcttglänzenden Gesichtern oder abgemagerten Raubvogelprofilcn beisammen, eine ungewöhnliche Versammlung miffallcnder Nasen, wie über einer Beute dicht aneinander gedrängt, sich unter lautem Rufen crciferild und nahe darai», einander aufzufressen. Saccard»vollte Vorbeigehen, als er etwas abseits einen dicken Mann sah, der in der Sonne einen Rubin besichtigte, indem er ihn zärtlich Mischen seinen großen, schmutzigen Händen ans Tageslicht hielt. „Ei, Busch!... Da fällt mir ein, daß ich zu Ihnen herauf wollte." Busch, der eine Geschäftsagentur in der Rue Feydeau, an der Ecke der Ruc Viviemce innc hatte und zu wiederholten Malen Saccard unter schwierigen Umstände»» von großem Nutzen gewesen war, blieb iinmer noch in Verzückung vor dem herrlichen Wasser des Edelsteins, sein breites, flaches Gesicht nach obei» gekehrt, seine dicken, grauen Auge»» vom grellen Licht geblendet. Man sah seine zu einem Strick ge- »vi»»dene»veiße Halsbinde unter dem Gehrock hervorscheinen, der, einstinals prächtig, jetzt aber im höchsten Grade schäbig »»»»d mit Flecke»» gesprenkelt, bis zu de»» bleichen Haaren hmaufreichtc, die in dünnen, struppigen Strähnen vom kghlen Schädel herabfiele»». Von der Sonne gerötet, von Regen- giissei» verwaschen, hatte sein H»lt kein bestimmbares Alter mehr. Endlich stieg Busch»nieder zum Diesseits herab. „Ah, Herr Saccard! Sie kommen ein weiüg hier vorbei?" „Ja, e? ist»vcgei» eines russischen Briefes von einen» russischen Bankier in Konstantinopel. Da habe ich an Ihren Bruder gedacht»vcgen der Uebersetzung." Busch, der iinmer noch mit unbewußter Zärtlichkeit den Rubin ii» seiner Rechten hin und her rollte, streckte die Linke vor»»nd sagte, es solle noch am gleichen Abend die Ueber- sctzung ihm zugehen. Aber Saccard erklärte, es handle sich bloß um ein paar Zeilen. „Ich gehe selbst hinauf. Ihr Bruder wird mir das gleich vorlesen." Da»vurde er durch die Ailkunft einer ungeheuer dicken Frau unterbrochen, der bei den Stammgästen der Börse»vohl- bekannten Frau M6chain, emcr von jenen hartnäckigen, arin- seligen Spielerinnen, deren fette Häl»de in allerhand ver- dächtigen Geschäften hemmwühlen. Ihr rotgedunsenes Voll- mondsgesicht mit den gekniffenen blauen Augen, in»velchem das kleine Naschen verschwand, mit dem kleinen Mund, aiis »velchem ein dünnes Fistelstimmchen ertönte, schien aus dem alten, malvenfarbigen Hut, der mit knallroten Bändern auf der Seite gebunden war, hervorzuquellen; ihre riesige Brust und ihr Bauch spannten das gelblich schimmernde Grü»i- popclinekleid bis zum Bersten. Im Arm hielt sie eine»in- geheuer große, reisesackähnliche, altmodische Schwarzledertasche, die sie niemals losließ. All jenem Tage»var die Tasche hoch- geschwollen und bis zu»n Platzen gefüllt, so daß ihr Gelvicht die M6chain nach rechts herunterzog,»vie eii»en schief- gewachsenen Baum. „Kommen Sie jetzt erst?" rief Busch, der»vohl auf sie wartete. „Ja, und ich habe die Papiere aus Vendöme erhalten; ich bringe sie gleich mit." „Gut, fort! Zu mir!... Heute ist hier nichts zu holen." Saccard hatte einen flackernden Blick auf die geräumige Ledertasche geworfen. Er wußte, daß die entwerteten Papiere »mausbleiblich da hinein gerieten, die Aktien bankrotter Ge- sellschaften, mit denen die„Feuchten Füße" immer noch zu spekulieren pflegen, Aktien zu fünfhundert Franken,»»m welche diese sich für zlvaiizig Sous, für zehn Solls streiten, in der unbestimmten Hoffnung auf ein unwahrscheinliches Steigen dieser Papiere, oder als eine praktische Gaunerware, die mau mit Gewinn an Bankrotteure abgiebt, die ihre Passiva zu verdecken wünschen. In den mörderischen Schlachte der Finanz»var die MÄhain der Rabe hinter den marschiereildcn Heerscharen. Keine Gesellschaft, kein großes Bankhalls ging aus dem Leim, ohne daß sie mit ihrer Tasche auftauchte, in Erwartung der Leichname schnüffelte sie ii» der Luft»imher, selbst an den glücklichen Tagen ersolgreicher Emissionen. Dei»n sie»vußte schoi», daß der Krach unausbleiblich war, daß der Tag des Gemetzels kommen würde, au den» es in Kot und Blut Tote auszurauben, Werte umsonst alifzulesen giebt. Und Saccard, der sein großes Projekt einer Bankgründung in» Kopfe wälzte, bekam einen leichten Schauer-; es»vandeltc ihn eii»e Vorahnung m» beim Anblick dieser Tasche, dieses Schind- angers der entlvertetci» Papiere, der alles zur Börse hinaus- gefegte schmutzige Papier in sich aufnahm. Als Busch die alte Frau mitnehmen wollte, hielt ihn Saccard zurück. „Ich kann also hinauf? Ich treffe Ihren Brrider sicher?" Die Augen des Juden blickten sanfter und drückten eine sorgenvolle lleberraschung m»s.„Mein Bruder? Ja, gewiß! Wo sollte er denn sonst sein?" „Gai»z recht!... Bis nachher!" Saccard ließ beide»veiterlaufen und setzte seine»» Weg »»ach der Rue Notre-Dame-des-Bictoires langsam längs der Bäume fort. Diese Seite des Börsenplatzes ist eine der begangensten, mit Geschäftshäusern ui»d Pariser Hausindustrien dicht besetzt, deren vergoldete Firmenschilder in der Soni»e flammen. An den Altanen klapperten die Jalousien,»»»»d eine ganze Farnilie Proviiizbcivohner schaute mit offenen» Mui»de zum Fenster eines Hotel garni heraus. Unwillkürlich hatte er empor zu diesen Leuten geblickt, über deren Verblüfftheit er lächeln mußte; dieser Anblick stärkte ihn durch den Gedanken, daß es draußen in den Departements iinmer noch Aktionäre geben »vürde. Hinter seinem Rücken tobte der Börscnlärm»veiter, »vie das iinmerwährende Rauschen der fernen Meeresflut, und es verfolgte ihn»vie eine stete Drohung, ihn zu verschlinge». Da zwang ihn eine neue Begegnung zum Stehen- bleiben...' „Wie, Jordan, Sie»vollen zur Börse?" r»es er ui»d drückte einem großen, dunkelhaarigen junge»» Mamte mit kleinem Schnurrbärtchen u,»d entschlossener, eigenwilliger Miene die Hand. Jordan, Sohn eines Marseille»- Bankiers, der sich nach heillosem Spekuliere»» erschossen hatte, irrte seit zehn Jahren auf dem Pariser Pflaster umher. a»if Schriftstellerei erpicht, in wackerem Kampf geqci» das tiefste Elend. Ein in Plassans seßhafter Vetter, der dort die Familie Saccard kannte, hatte ihn an diesen empfohlen zu jener Zeit, da er in seinem Hotel ain Park Monceaur ganz Paris empfing.. „O, zur Börse? Niemals!" entgegenete der i»li»ge Mann mit heftig abwehrender Bewegung, als wollte er die tragische Erinnerung an seinen Vater verscheuchen. Dann lächelte er wieder. „Sie wissen schon, ich habe mich verheiratet... Ja wohl, mit einer Jugendfreundin. Man Hatto uns zu den Zeiten verlobt, da ich reich war, und sie hat sich in den Kopf gesetzt, unter allen Umständen den armen Teufel zu nehmen, der ich inzwischen geworden bin." „Ganz recht, ich habe den Verlobungsbrief erhalten," sagte Saccard,„und, denken Sie, ich habe ehedem mit Ihrem Schwiegervater, Herrn Maugendre, Beziehungen gehabt, als er noch in La Vilette seine Zelttuchfabrik hatte. Er muß da ein schönes Vermögen verdient haben." Dieses Gespräch fand neben einer Bank statt. Jordan unterbrach dasselbe, um einen kurzen, dicken Herrn von militärischem Aussehen vorzustellen, der auf der Bank fast und mit dem er bei der Begegnung mit Saccard sich unterhielt. „Herr Hauptmann Chave, ein Onkel meiner Frau!... Frau Magendre, meine Schwiegermutter, ist eine geborene Ehave aus Marseille." Ter Hauptmann hatte sich erhoben, und Saccard grüßte. Er kannte vom Sehen dieses apoplektische Gesicht mit dein durch den Uniformkragen steif gewordenen Hals. Es war ein Typus jener allergeringsten Spieler gegen Bar, die man von ein bis drei Uhr bestimmt hier trifft. Der Hauptmann trieb ein wahres Scherenschleiferspiel mit einem fast sicheren täglichen Gewinn von fünfzehn bis zwanzig Frank, die an demselben Börsentag noch flüssig zu machon sind. Jordan hatte mit seinem gutmütigen Lachen hinzugefügt, um seine Anwesenheit z» erklären: „Ein schneidiger Börsenmann, mein Onkel! Hie und da drücke ich ihm so im Vorbeigehen die Hand." „Ei," erwiderte der Hauptmann,„man niuß Wohl spielen, da die Regierung mit dem Ruhegehalt mich ver- hungern läßt!" Saccard nahm Interesse an dem jungen Mann und an seiner Tapferkeit im Kampfe ums Dasein. Er fragte ihn, ob es mit der Schriftstellerei voran ginge. Und immer früh- sicher erzählte ihm Jordan, wie er seine armselige Haus- Haltung in einem fünften Stock der Avenue de Clichy ein- gerichtet habe, denn Vater und Mutter Maugendre, die einem Dichter nicht recht trauten, glaubten schon genug gethan zu haben, weil sie überhaupt in die Heirat gewilligt hatten. So hatten sie gar nichts mitgegeben, unter dem Vorwando, ihre Tochter würde später einmal ihr Vermögen unversehrt er- halten, noch um ihre Ersparnisse vermehrt. Nein, die Litteratur ernährte ihren Mann nicht; er plante zur Zeit einen Roman, fand aber keine Zeit zum Niederschreiben, denn er war unter die Journalisten gegangen und Pfuschlte in allem, was dazu gehört, von den Chroniken an bis zu den Berichten aus dem Gerichtssaale und zur Rubrik„Tages- Neuigkeiten". „Nun," sagte Saccard,„wenn ich mein großes- Aeschäst in Gang bringe, werde ich Sie vielleicht brauchen. Kommen Sie gelegentlich zu mir." Er verabschiedete sich und ging hinter der Börse herum. Hier endlich verstummte das ferne Geschrei; das Gebell des Spieles hinter seinem Rücken war nur noch ein wirres Ge- murmel, das sich im Gedröhn des Platzes verlor. Auch auf dieser Seite waren die Stufen dicht mit Menschen besetzt; aber das Maklerzimmer, dessen rote Tapeten man durch die hohen Fenster sah, trennte die Säulenhalle vom Spektakel des großen Saales. Hier saßen Spekulanten, die feinen, die reichen, ge- mächlich im Schatten, einige allein, andre in kleinen Gruppen, und machten dieses gewaltige, offene Peristyl zu einem förm- lichen Klub. Die hintere Ansicht des Börsengebäudes glich ungefähr der Rückseite eines Theaters mit dem Eingange für die Künstler. Die Straße Notre-Dame-des-Victoires, eine verdächtige und verhälttlismäßig ruhige Straße, war mit Weinkneipen, Kaffeehäusern, Bierwirtschaften und Schenken besetzt, in denen ein sonderbar gemischtes Publikum umherwimmelte. Auch die Firmenschilder wiesen auf die ungesunden Pflanzen hin, die am Rande der Kloake in der Nähe wuchsen: ubelberüchtigte Versicherungsgesellschaften, Revolverblätter, Banken, Agen- turen, Börsencomptoirs. bescheidene Räuberhöhlen in Läden oder Entresols, die kaum handbreit waren. Auf den Geh- wegen und mitten auf der Fahrstraße, überall schlichen Menschen lauernd wie am Waldrand umber. Saccard' war innerhalb der Gitter stehen geblieben und schaute nach der Thiire hinauf, die zum Maklcrzimmcr führte. Mit dem scharfen Blick eines Heerführers besichtigte er San allen Seiten her den Platz, auf den er Sturm wagen wollte« als ein langer Bursche aus einer Kneipe über die Straße ge» schritten kam und sich sehr tief vor ihm verneigte. „Herr Saccard, haben Sie nichts für mich? Ich habe die Bodenkreditbank endgültig aufgegeben und suche nun eine Stellung." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Zwei gnccbilcbc dtopMen. Sokrates größter Schüler, der Philosoph Plato, wird gewöhn- lich als der antike Vertreter kommunistischer Ideen namhaft gemacht, Seine Schrift vom Staate ist in der That die einzige systematische Verteidigung des Kommunismus, die wir aus alttlassischer Zeit de- sitzen. Es wäre aber sehr unrichtig, deshalb in Plato den einzigen Kommunisten zu erblicke», den die griechisch-römische Civilisation hervorgebracht hat. Das Gegenteil würde allein schon daraus erhellen, daß im Frühjahr 392 v. Chr., einige zwanzig Jahre, bevor Plato seinen„Staat" veröffentlichte, in Athen eine Komödie aufgeführt ward, die gegen kommunistische Projekte die Pfeile ihres Spottes richtete. In der„Wciber-Volksversmnmlung" des Aristophanes bc- mächtigen sich die Frauen von Athen unter Führung der Praxagora durch List der Herrschaft und führen die Gütergemeinschaft in Verbindung mit der Wcibcrgcmcinschaft ein; die letztere wird dann vom Dichter mit einer derartig derben Komik ausgemalt, daß zimperlichen Lesern von heutzutage die Augen übergehen müssen. Ten einen oder andern Wortführer unter den Anhängern des Kominunismus, die es also damals schon auf griechischem Boden gegeben haben muß, kennen wir beim Namen. So wird über den Philosophen ProtagoraS, der um die Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christi blühte, die Thatsache berichtet, daß er in einer besondern Schrift ein kommunistisches Programm entwickelt habe: Plato soll dies abgeschrieben haben, was gewiß Uebertrcibung ist. Dagegen läßt sich gar nicht bezweifeln, daß Plato keineswegs allein stand als Vor- kämpfer kommunistischer Ideale. Sie wurden sogar von andern in viel weitergehender Form verfochten. Denn während Plato im„Staat" den Kommunismus nur für die regierende Schicht der„Wächter" fordert, wollten andre griechische Schriftsteller die ganze Gesellschaft aus dem Boden des Gemeineigentums neubauen. Die Zeit hat uns leider von den meisten antiken Kommunisten nichts als den Namen gegönnt. Von Platos Zeitgenossen Diogenes, dem philosophischen Sonderling, haben wir wenigstens etliche beißende Sätze, die mehr oder weniger authentisch sind. Dagegen wissen wir von dem Ge- schichtschreiber Theopomp, der etwas jünger als Plato war, weiter nichts, als daß er auch einen kommunistischen Staatsroman schrieb. Das gleiche wird von dem jüngeren Hekataeus erzählt, einem Sohne des sonst als Schilbürgersradt verschrieenen Abdera, und über den älteren PhalcaS von Chalcedon ist bloß bekannt, daß er den Vor- schlag gemacht hat, die Besitzungen aller Bürger müßten gleich sein. Je mehr die wirtschaftliche Zersetzung in eine kleine Anzahl von Neichen und eine große Menge von freien Lumpcnproletariern, denen eine noch größere Menge rechtloser Sklaven gegenüberstand. Fort- schritte machte und in immer zunehmendem Maße die Verarmung und Entvölkerung Griechenlands nach sich zog, um so häufiger traten ideal gerichtete Naturen auf, die sich aus der traurigen Wirklichkeit in das Phantasicreich kommunistischer Utopien flüchteten. Zwei solcher Staatsromane, der des Jambulos und der de» Euhcmeros. sind uns wenigstens auszugsweise erhalten. Die Inhaltsangabe der Utopie des Jambulos. die der sicilische Wcltgeschichtsschreiber Tiodor seiner„Historischen Bibliothek" cinvcr- leibt hat, läßt freilich den Verlust des Originalwcrkcs um so mehr be- dauern. Der Auszug Diodors ist nämlich nicht eben mir besonderer Geschicklichkeit und Klarheit angefertigt, sondern giebt vor allem die romanhafte Entkleidung und die phantastischen Ein- streuungen wieder, während von dem eigentlichen Angelpunkt des Ganzen, der kommunistischen Gesellschaftsordnung des Jdealstaatcs nur zwischendurch ein paar Brocken planlos mitgeteilt werden, so daß der Zusammenhang mühsam rekonstruiert werden muß. Aber auch in dieser verstümmelten Gestalt ist das von Jambulos' Schrift Gerettete von nicht geringem Interesse. Er giebt sich für einen Kaufmannssohn aus, der sich von Jugend auf der freien Künste bcflisicn, nach dem Tode des Vaters aber dessen Handelsgeschäfte fortgeführt habe. Als er einmal durch Arabien in die Gegend zog, woher der Weihrauch kommt, fiel er mit feiner Karawane in die Hände von räuberischen Beduinen und ward zu- sammen mit einem Reisegefährten als Hirte verwandt. Da ward er nochmals samt seinem Genossen von Acthiopiern geraubt und nach den Küstenstrichen Aethiopicns verschleppt, um als Sühncopfcr zu dienen, wie dies Volk alle 600 Jahre eins aufs Meer entsandte. Mit genügendem Mundvorrat für ein halbes Jahr versehen, steuerten die beiden auf einem kleinen Schiff in die hohe See hinein, wo sie nach Angabe der Aethiopier fern im Süden eine glückliche Insel finden würden, unter deren menschenfreundlichen Bewohnern ihnen ein herrliches Leben bevor- stehe. Nach viermonatlichem Kampf mit den Wogen erreichten sie — irgendwo im indischen Occan— das bezeichnete Ziel, eine kreis- förmige Insel von ungefähr 125 Meilen Umfang und Kurden von Ven merkwürdigen Eingeborenen gastlich ausgenommen. Sieben Jahre war es ihnen vergönnt, unter dem glücklichen Volke zu leben. Daun wurden sie als unverbesserliche Menschen von schlechten Sitten aus der Gemeinschaft ausgestoßen und gezwungen, auf einem Nachen widerwillig das herrliche Eiland zu verlassen. Nach vicrmonatlicher Irrfahrt litten sie an den Sandbänken der indischen Küste Schiffbruch, wobei der Gefährte des Jambulos sein Leben einbüßte, während er selber in ein Dorf und von da nach der weit entfernten Stadt Palibothra am Ganges gelangte, deren griechenfreundlicher König ihn mit großer Gunst aufnahm. Ueber Persien kehrte er schließlich in die Heimat zurück und konnte seinen Lcmdsleuten die nachahmens- werten Zustände schildern, die er auf jener glücklichen Insel kennen gelernt. Um diesen Hauptteil seiner Schrift abwechslungsreicher zu ge- stalten, fügte Jambulos zahlreiche ganz phantastische Züge hinein: da erscheinen allerhand Fabeltiere, und z. B. haben die Einwohner zwei Zungen, so daß sie sich gleichzeitig mit zwei Personen unter- halten können; außerdem sind sie so zungenfertig, daß sie das Zwitschern der Vögel vollkommen naturgetreu nachzuahmen ver- mögen. Während Diodor bei diesen Märchen mit vielem Wohl- behagen verweilt, widmet er unter den socialen Einrichtungen der Insel eigentlich nur der Regelung der Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern und einigen andern Einzelheiten, die ihm merk- würdig erschienen, ein paar Sätze. Wir hören, daß die Insulaner nicht heiraten, sondern die Weiber gemeinsam haben und die von ihnen Geborenen als allen gemeinsam, mit gleicher Liebe umfassen und nähren. Von den Ammen iverden die Kinder häufig vertauscht, damit nicht einmal die Mütter die ihrigen erkennen können.„Daher verbringen sie," heißt es bei Diodor,„weil kein Ehrgeiz unter ihnen existiert, ohne Entzweiung in der größten Eintracht ihr Leben." Die Weibergemeinschaft allein ist dafür natürlich keine genügende Moti- Vierung: die Gütergemeinschaft als notwendige Ergänzung hat Diodor in seinem Auszüge zu erwähnen unterlassen. Daß sie bei Jambulos im Mittelpunkte des Ganzen stand, geht einmal aus der angeführten Stelle über die Kindcrerziehung hervor und dann aus den dürftigen Sätzen, die Diodor weiter dem Gescllschaftsorganismus dieses Utopicns widmet. Seine Einwohner leben nämlich nach der Verwandtschaft in Abteilungen, worin nicht mehr als 400 Menschen unter Führung des ältesten von ihnen zusammengefaßt sind; stirbt der bisherige Führer, so folgt der nächstältcste nach. Diese Abteilungen sind als regelrechte Phalansteres im Fourierschen Sinne zu denken. Denn wir hören, daß ihr ganzes Leben eine fortgesetzte Ordnung hatte. Eine Scheidung nach Berufsklassen ist unbekannt. Umschichtig fischen die einen, die andern sind gewerblich thätig, wieder andre leisten den übrigen die persönlichen Dienste bei Tisch usw. oder verwalteten öffentliche Aemtcr. Und entsprechend ist es mit allen Arten nützlicher Thätigkcit: jeder bcthätigt sich in regelmäßigem Wcchfcl bald in diesem, bald in jenem Zweige, außer den Greisen, die arbeitsfrei sind. So treten denn doch die Grundzüge des Kommunismus nach dem Systeme des Jambulos deutlich hervor. Bon den persönlichen Lebensumständen dieses antiken Utopisten ist gar nichts bekannt, nicht einmal Geburtsort und Geburtszeit. Auf die letztere läßt sich nur daraus schließen, daß er am Ganges in Palibothra beim heutigen Patna einen griechenfrcundlichcn König herrschen läßt. Eine griechenfreundliche Dynastie hat da nämlich zwischen 315 und 203 regiert. Man wird also nicht erheblich fehlgehen, wenn man Jambulos für den Zeitgenossen eines andern griechischen Kommunisten, des Euhemeros, hält, dessen Gestalt nicht ganz so nebelhaft ist. Er war gebürtig aus der Stadt Messene im Peloponnes und befreundet mit Kassandros(gest. 290 v. Chr.). einem der Nach- folgcr Alexander des Großen. Im Auftrage dieses Diadochen- fürsten hat er ausgedehnte Reisen nach dem indischen Ocean, seinen Küstenländern und seiner Inselwelt unternommen. Euhemeros schrieb ein Buch, das sich„Heilige Urkunde" betitelte. Es ist im Altertum viel citiert worden wegen der eigentümlichen Ausfassung vom Ursprung der griechischen Götterlehre, die sich darin nieder- gelegt findet und nach ihrem geistigen Vater noch heute Euhemerismus genannt wird. Ihm zufolge waren die Götter ursprünglich nichts als berühmte Menschen gewesen, die nur um ihrer Verdienste willen nach dem Tode vergöttert worden seien. Daß diese ratjpnalistischc Auffassung der Mythologie durchaus unrichtig ist, braucht kaum ge- sagt zu werden. Euhemeros war nicht bloß Atheist, sondern gleich- zeitig Kommunist, die„Heilige Urkunde" ein Staatsroman, der zwar auch die Gedanken des Verfassers über den Glauben der Väter zinn Ausdruck brachte, in erster Linie aber sein Gesellschaftsidcal dar- stellte. Von dem utopischen Inhalt der Schrift wissen wir leider viel weniger, als von dem rcligionsphilosophifchcn, aber doch genug, um die kommunistischen Grundgedanken des Euhemeros erkennen zu lassen. Auf einer seiner Reisen wollte er im sogenannten glücklichen Arabien(Demen) zu Schiffe gegangen, und in den südlichen Ocean verschlagen worden sein. Da haben ihn denn Wind und Wellen zu den drei Inseln der Panchäer geführt, wovon eine, die heilige, von einem König beherrscht war, die andre Gräberinsel hieß, die dritte, dem indischen Festland zunächst gelegene, zur Hauptstadt Panara hatte: dieses dritte sehr fruchtbare Eiland beschrieb Euhemeros dann ausführlich. Da war denn einmal von dem die Rede, was er an unwiderleglichem Wissen über die griechischen Götter durch eine In- schrift auf goldener Säule beim Volk der Panchäer erfahren haben wollte. Vor allem aber schilderte er ausführlich das Glück, dessen diese Leute sich unter der Herrschaft des Kommunismus erfreuten. Das Volk von Panara regiert sich selbst. Jedes Jahr wählt es als oberste Behörde drei Archonten. Neben diesen haben aber die Priester große chiewalt� als angejehnster unter den drei Teilen des Volkes« Die erste Klasse bilden die Priester zusammen mit den Handwerkern, die zweite die Bauern, die dritte die Hirten mit den Soldaten zu- sammcn. Es ist nicht erlaubt, daß jemand etwas sein Eigen nannte, außer Haus und Garten. Vor allem ist also das Land Gemeingut. Seine Erzeugnisse werden von den Bauern an die Archonten ab- geliefert. Ilm ihren Fleiß anzuspornen, erhält, wer sich als der tüchtigste Landwirt erwiesen hat, bei der Verteilung der Erträge ein besonderes Ehrengeschenk, ebenso die nächstbesten bis zum zehnten« Wie die Bauern, so liefern auch die Hirten die Produkte der Vieh- Wirtschaft an die Behörde ab. Das Gleiche gefchieht mit allen andern Wirtschaftsprodukten. Die Verteilung erfolgt dann durchaus gleich- mäßig mit peinlicher Gerechtigkeit; nur erhalten die Priester einen doppelten Anteil. Sklaven giebt es in Panara so wenig, wie auf der glücklichen Insel des Jambulos. Beide Utopien waren bloß schöne Träume. Die antike Civili- sation mußte, ohne den Ausweg zum Socialismus finden zu können, in sich selber verfaulen, weil sie auf der Sklaverei beruhte und den maschinellen Großbetrieb noch nicht kannte. Daß er die Voraus- setzung schaffe, die gegeben sein müsse, damit die Befreiung der Müh- seligen und Bcladenen erfolgen könne, hat schon Aristoteles, neben Plato der größte Denker des Altertums, geahnt. Diese Voraussetzung für die Erlösung der Menschheit ist aber im Altertum bekanntlich nicht geschaffen worden.— Dr. A Conrad h. kleines feuilleton. kc. Ei» altes steinernes Bilderbuch. AuS London wird berichtet: Eine interessante Publikation ist auf Verlassung des„Aegypt Exploration Fund" unter dem Titel:„Die Felsengräber von Deir el Gebrawi" von N. de G. Davies foeben erschienen. Ueber 150 Gräber, die in die Felsen eingehanen und deren Wände mit Bildern bedeckt sind, sind erforscht worden; die Abbildungen sind zumeist von den Gräbern des Würdenträgers Aba und seines Sohnes Zau genommen, die bei weitem die reichsten sind. Es sind zwei Bände mit zahlreichen Abbildungen, einige darunter in ihren Originalfarben, die ein lebensvolles Bild von dem täglichen Leben und den socialen Verhältnissen der altägyptischen Kultur entrollen. Die Bilder sind auf feinen weißen Mörtel, der so fest an dem Stein haftet, daß noch jetzt, nach Jahrtausenden, nur wemg ab- gefallen ist, gemalt. Sie werden auch durch Inschriften in dem alten Vildcralphabet der Aegypter erklärt. Obgleich Abas Grab schon sieben Jahrhunderte v. Chr. Gegenstand des antiquarischen Studiums mar, und obgleich dieses Grab und die Gräber in der Nähe des- selben in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung von Mönchen und Eremiten bewohnt wurden, die koptische Inschriften auf den Wänden hinterließen, verblieben die gemalten Archive aus der Zeit des alten Nomarchen doch an dem Begräbnisort und sind nun sorgfältig übertragen. Als die altägyptische Civilisation auf ihrem Höhepunkt stand, war der Nomarch des fruchtbaren zwölften Nomos Aba, ein großer Fürst und Schutzherr der Künste und Ge- iverbe. Abas Stolz war es, auch Oberhaupt deS achten Nomos zu sein, der Abydos, den Mittelpunkt der Osirisanbetung und die wunder- bare Hauptstadt This umschloß. Von den vierzig Titeln des alten Aegypters feien einige erwähnt: Erbprinz, Sem- Priester, Oberhaupt des Nomos This, Oberansseher deS Südens, der beiden Kornkammern, der beiden Geslügelteiche, der beiden Schatzkammern, der Mann der großen Residenz, Ve- günstigter der Hand, Leiter der beiden Throns, Schreiber der Rolle Gottes, Obcrnufteher der Verteilung der göttlichen Opfer, ztociter Priester der Mcnankh-Pyramide, königlicher Kanzler, Herr des Himmels, Er, der über den Geheimnissen ist. usw. Daraus ist ersichtlich, daß Aba ein großer Würdenträger war, der dem König Nächstfolgende, lvie an andrer Stelle deutlich gesagt ist, der geist- liche und weltliche Aemtcr mit einander verband. Auch die Titel und Tugenden von Abas Familie werden aufgezählt. Die Malereien auf den Wänden des Grabes zeigen die Bodenbestellung, die Pflege der Vögel und Haustiere, das Fangen von Wild, Fisch und Geflügel, die Verwalttmg des Besitzes und die Beaufsichtigung der Hand- tvcrker. Aba selbst erscheint in einer führenden Rolle, von feiner Familie umgeben, und damit kein Irrtum entsteht, sind ihre Namen und Beschäftigungen aufgeschrieben. Auf der füdlichen Wand wird Aba jagend und nach der Feld- arbeit sehend gezeigt. Er erscheint in einer kurzen Tunika mit einer Kopfbinde in einem großen Papyruskanoe stehend, das durch das dichte Laubwerk roter und grüner Wassergewächse gestoßen lvird. Er hält einen Speer, mit den, er eben ein paar Fische gefangen hat, und vor ihm steht Zau mit zwei andren Fischen auf dem Speer. Seine Frau Rahenem sitzt im Boot und ihre Tochter Tckhyt steht und riecht an einer Lotosblume. Unten in, Wasser sieht man zwischen Lotosblumen und Blättern Flußpferdc. Krokodile und mehrere Arten Fische, wie man sie noch jetzt im Nil findet. Hinten stehen die vier jüngeren Söhne, jeder mit erjagtem Wasser- geflügel; an einer Seite ziehen eine Anzahl Leute ein Netz mit Fischen herauf, zwischen denen Lotosblüten und Blätter künstlerisch an- gebracht find. Darüber ist Aba sitzend dargestellt, während«jhm die Msche gebracht werden. Zwei Leute schneiden die Fische auf, reinigen sie und breiten sie in der Sonne zum Trocknen aus. Auf'einem freien Raum des Bildes prügeln sich Bootsleute in zwei Booten mit Stangen. Ein andre? Bild zeigt Aba, ivie er eine Schlcuderwaffe unter Vögel, die aus einem Papyrusdickicht aufsteigen, wirft. Die Halme sind so gerade wie ein Gitter, oben ist eine Borte vier symmetrischer Blumenreihen. In der Mitte sind Nester mit Eiern und Junge, die eine Ginsterkatze verschlingen will, während die erschreckte Vogel- mutter ihr nach den Augen hackt. Die Frau imd Familie begleiten Aba auf seiner Jagd: einige seiner Angehörigen halten die gefangenen Vögel an den Schwingend Ruiidherum bringen die Leute Erzeugnisse aus den Sümpfen. Andre Scenen zeigen Aba Hof haltend oder mit der Geißel der Justiz, Tuchwalker bei ihrer Veschäftiguug, Musiker, Tänzer, Aufzüge zu Wasser und zu Lande, und Bestrafung der Auf- scher, deren Abteilungen nicht genügend Nutzen abgeworfen haben, durch Stockschläge. Die Inschrift des Stvafbildes lautet:„Schlagen ist sein Name; es erzeugt Herzensfteude." Ein Sckstächter schneidet einen Ochsen ans, während ein Mann eine Schale für das Blut hält und ein andrer das Herz nimmt, das als„großer und zarter Teil" bezeichnet wird. Weiter sieht man in diesem steinernen Bilderbuch das Hüten der Tiere, die Verheerungen des Löwen, Melken, Pflügen, Mähen, Anfertigen von Steinvasen,"Putzen der Schmucksachen, Holz- schnitzen und Opfern.— — Zur Geschichte des Wortes„Trabant". Das Wort Trabant kommt in den meisten europäischen Sprachen vor. Man findet eS im Rumänischen, im Ungarischen, in slavischen Dialekten, im Deutschen Und Schwedischen, und auch für das Englische und Frau- zösische ist es zu belegen. ES läge nahe, das Wort von traben ab- zuleiten, und man hat es auch früher gethan, bis der Slavist Miklosich nachwies, daß es aus dem Persifchen ckerMii, Thürhüter, stamme. Von hier ist es in das Türkische, von da ins Rumänische, Magyarische. Slavische und Deutsche übergegangen. Nun versucht A. Klnyver im neuesten Hefte der„Zeitschrift für deutsche Wortforschung" eine andre Ableitung. Einerseits sei nicht zu erklären, wieso die persische Grundbedeutung Wächter, Hof- Würdenträger allgemein zu einer militärischen Bezeichnung, lvie es im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert der Fall war, geworden ist, anderseits lassen anck die ungarischen Laut- regeln es nicht wahrscheinlich erscheinen, daß ein Fremd- wort ckorkuu unverändert aufgenommen und weitergegeben worden ist. Dagegen findet sich im Czechischen ein Wort vräb, polnisdb ilräb, das in seiner Bedeutung dem Aus- druck Trabant, Fußsoldat, Söldner, vollständig entspricht. Aus diesem czechischen Ausdruck mag dann das deutsche Wort entstanden sein. Man darf nicht vergessen, daß Trabant und Leibwächter im 16. und 17. Jahrhundert gar nichts miteinander zu thun haben. Erst die im 18. Jahrhundert vom Wiener Hofe ausgegangene Benennung der Leibgarden mit Leibtrabanten hat die beiden Vorstellungen wieder näher gebracht und damit der persischen Deutung Wahrscheinlichkeit verliehen.— Theater. Neues Theater.„Die Lokalb ah n". Komödie in drei Akten von Ludwig T h o m a.— Max Reinhardt, unter dessen Leitung das Kleine Theater in diesem Winter sich so glückverheißend entwickelt, hat nunmehr auch die Bühne am Schifsbauerdamm über- uomnien. Hoffentlich ist die Verbreiterung des Unternehmens zu- gleich ein Zuwachs seiner künstlerischen Kraft. Einstweilen sollen lster die früher accepticrtcn Stücke, für die bei dem ciiorinen Er- folg von Gorkis einzigartigem„Nachtasyl" im Repertoire des Kleinen Theaters der Raum fehlt, zur Aufführung gelangen. Von Thomas'„Lokalbahn", die die Reihe eröffnete, läßt sich leider nicht viel des Guten berichten. Mit der„Medaille", deren urwüchsig behaglicher Humor ans einer der besten Lcssing-Thcater-Vorstelluugcu des Vorjahres den Mitgliedern der Freien Volksbühne in dankbarer Erinnerung ist, darf sich das neue Lustspiel schon gar nicht vergleichen. Das Ziel war hoch gesteckt. Jenes feige deutsche Philistcrium, das Thoma in seinen Simplicissimus- Gedichten so oft'und mit so keckem, sicherem Hieb ge- züchtigt, sollte leibhaft auf der Bühne aufmarschieren. Kein bloß vergniigsames Genrebild, eine social- und, soweit das unter dem reaktionären Censurrcgime irgend möglich, eine politisch- satirische Komödie galt es zu schaffen. Und die Idee. daß die hiedercu, königstreuen Mittelstandshelden, da sie die Lokalbahn anders als das Ministerium haben wollen, in gärende Empörung ge- raten, daß sie, hingerissen von der Spannkraft un- gclvohirten Mannesmutes in der Brust, in: revolutionären Rausche einer Stunde einen Umzug mit Fackeln und Musik, sozusagen als Demonstration gegen die hohe Regierung, veranstalten und dann am nächsten Tage entsetzt, Ivohin sie die Verwegenheit getrieben, das fremde Löwenfell weit von sich iverfcn, ist ganz gewiß kein übler satirischer Einfall. Die Sache ließe sich in einer politischen Humoreske allerliebst erzählen. Aber ebenso gewiß reicht die Komik dieser Situation zu einer Komödie von drei Akten nicht hin, es sei denn eine Fülle drollig charakteristischer überraschender Einfälle aus diesem Allgemeinen herauSgesponnen. Daran fehlt eS hier leider so gut wie ganz. Außer einer ziemlich khölzerlltzn Liebesgeschichte, der man es auf zehn Schritte ansieht, daß sveruillivortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: sie als'Jllustration der Karrierestreberei in dem Beamtentum mühsam absichtlich in den gegebenen Rahmen eingeflochten wurde, trägt sich sonst schlechterdings auch nichts, was einer Nebenhandlung ähnlich sähe, in der Komödie zu. Die Magerkeit macht Langeweile und über dem Warten verliert man die Stimmung, um sich an dem, was da und dort an treffender Beobachtung und witziger Ironie auftaucht, unbefangen zu fteuen. Im ersten Akt erzählt der Bürgerineister, aus der Hauptstadt zurückgekehrt, seinen guten Dornsteinern, wie er dem Minister, der sich in der Lokalbahn-Frage nicht ertveichen ließ, einnial ordentlich die Wahrheit gesagt. So lag ich und so führt ich meine Klinge. Man weiß sofort, er schwindelt, aber von Dornsteins er- leuchteten Köpfen kommt keiner auf die Vermutung. Das Heldentum wirkt ansteckend. Musik, Fackelzug, Demonstration. Die Lieder- tafelgarde im Hintergrund, die dicke, selig schluchzende Bürgermeisterin am Halse ihres Mannes, der Gut und Blut für Dornstein und das klare Recht zu opfern schwört— es ist die wirluugs- vollste Scene des Stücks, ganz im Geist von Thomas Theodor Heines Bildern ans dem deutschen Familienleben. Darauf im zweiten und im dritten Akt, breit ausgemalt, die Katerstimmung in der Stadt. Eine heiß- blütige Phantasie hat den Redakteur der„Dornsteiner Anzeigen" getrieben, den Bürgermeister mit Brutus zu vergleichen und im Kampf für die Lokalbahn den Tyrannen grimme Feindschaft anzusagen. Eine liebe Verwandte eröffnet den Reigen der lluzuftiedencn. Der Amtsrichter löst schleunigst die Verlobung mit des Bürgermeisters Töchterlein und schließlich rückt eine Deputation auf den Plan. Der Bürgermeister verspricht, den Herrn Minister, den er nie beleidigt hat, um Verzeihung zu bitten. Der Amtsrichter nimmt das nun- mehr von dem Verdacht umstürzlerischer Abstammung gereinigte Fräulein wieder in Gnaden an. Und unter den Fricdensklängcn der Liedertafel:„Still ruht der See" fällt über all dem Glück der Vorhang. Es wurde munter gespielt. Ganz hervorragend war Marie Conrad-Ramlo aus München als boshaft zungenfertige Schwägerin, und Leopold Thür n er in der Rolle des b'e- schaulich gemütlichen Brauereibesitzers Schweigel. Sehr niedlich gab Lucie Höflich das sanft beschränkte Bräuichen. Frau Grimm- Einödshofer sowie die Herren Giampietro, Storm, Julius Sachs und Arnold thaten für ihre Rollen das Mög- lichste. Trotz alledem und trotz der anheimelnden Jnscenieruug: die Stimmung blieb kalt. Der Beifall am Schlüsse stieß auf starke Opposition.——ckt. Humoristisches. — Kurzsichtig. Der Metzgermeister Wamperl ist trotz seines brutalen Gewerbes ein seelenguter Kerl. Sein einziger Fehler sind seine enorm großen Hände, die seinen Freunden einen steten Anlaß pu mehr oder minder gewählten Anspielungen geben. Das Aergste ist ihm aber jüngst am Centralbahnhof pafsiert, als er zu einem Nachmittagsausflug seine Spezl erwartete. Wie ein Fels stand er da, mit seinen mächtigen Fäusten, die in eigens fabrizierten hell- gelben Glacös staken. Ein alter Dienstmann, wohl etwas kurzsichtig, näherte sich ihm, zog die Mütze und meinte, auf die„Hellgelben" werfend:„Derf i Eahna vielleicht d' Handkofferln trag'»?"—(„Jugend".) Notizen. —„Handbuch der mittelalterlichen und neuen Geschichte" nennt sich ein neues historisches S a m m c l lo e r k in 28 Bünden, das vom Verlag R. Oldenbourg in München an- gekündigt wird. Die Redaktion besorgen G. v. Bclow fiir das Riittelaltcr und Fr. Mcynccke für die neuere Zeit.— —„Der Teufelskerl" von B e r n h a r.d S h a Iv fand bei seiner Erstaufführung im Wiener R a i in u iffd- T h e a t e r nur schwachen Beifall.— c. Enie Schule für F o r s ch u n g s r e i s e n d c bietet die Geographische Gesellschaft in London, die regelmäßige Kurse zur Ausbildung von Forschern abhält. Dort werden die künftigen Forscher gelehrt, Höhen durch die Temperatur des kochenden Wassers zu beslinuncn, Beobachtungen über das Wetter anzustellen usw. Auch für den Geologen giebt es Ausbildungskurse in der Forscher- „Akademie" der Gesellschaft. Weiter lvird z. B. gelehrt, wie man Denkmäler in Papier modelliert und Abdrücke von allen Inschriften nimmt. Man taucht eine besondere Art Papier in Wasser und be- deckt das Bildwerk damit Blatt für Blatt, indem man es mit einer Bürste hineindrückt. Diesen Abdruck läßt man auf dem Bildwerk gründlich trocknen nnd zieht ihn dann ab.— — Den neuesten statistischen Angaben über den B rannt« wein- Verbrauch in Rußland zufolge kommt in Mttel- rnßland im Jahre durchschnittlich 0,5 Wedro gleich 6,1 Liter auf den Kopf der Bevölkerung. In einzelnen Gegenden steigt der Verbrauch auf 0,7 Wedro für den Kopf der Bevölkerung. � Die nächste Nummer des Unterhalwngsblattes erscheint am Sonntag, den 1. März. jorwärts Buchdruckerci und Verlogsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,