Ilnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 43. Dienstag, den 3. März. 1903 (Nachdruck verboten.) ei Das Geld Roman von Emile Zola. Saccard erkannte plötzlich den Kommissär Massias, der eiligst die Stufen heruntergerannt kam und in seineil Wagen sprang, worauf der Kutscher das Pferd antrieb. Nun fühlte er seine Fäuste sich ballen. Heftig riß er sich los und schritt über die Rue Vivienne der Ecke der Rue Feydeau zu, wo Büschs Wohnung sich befand. Der russische Brief war ihm mittlerweile wieder eingefallen. Als er hineingehen wollte, grüßte ihn ein junger Mann, der vor dem Papierladen im Erdgeschoß aufgepflanzt war. Er erkannte Gustav Sädille, den Sohn eines Seidenfabrikanten der Rue des Jeüneurs, der von seinem Vater bei Mazaud untergebracht worden war, um das Triebwerk des Finanz- Wesens zu studieren. Er lächelte dem eleganten großen Jungen väterlich zu, denn er dachte sich Wohl, weshalb er hier Posten stand. Die Papeterie Conm nämlich versah die ganze Börse mit Notizbüchern, seitdem die kleine Frau Conin im Geschäft mithalf. Ter dicke Coniil� ihr Mann, kam nie aus dem Nebenzimmer hervor, wo er mit der Fabrikation sich abgab, während sie immerfort ab und zu ging, die Kundschaft be- diente und die Ausgänge besorgte. Rundlich, blond, rosen- wangig, ein wahres Lockenläminchen mit Seidenhaar, war sie sehr liebenswürdig, sehr einschmeichelnd und allzeit fröh- lich gcstinimt. Sie liebte ihren Gatten, sagte man, was sie indes nicht abhielt, mitunter gegen einen Kunden aus der Börsenwelt zärtlich zu sein, wenn er ihr zusagte. Jedenfalls mußten die Glücklichen dankbar und verschwiegen sein, denn sie blieb umschwärmt und gefeiert, ohne das geringste böse Gerücht über sie. Das Papiergeschäft blühte glücklich weiter und war eine förmliche Goldgrube. Beim Vorübergehen sah Saccard, wie Frau Conin durchs Ladcnfenster Gustav zulächelte. Welch nettes Lämmchen! Er empfand ein wonniges Rieseln. Schließlich ging er hinauf zu Busch. Seit fünfzehn Jahren hatte Busch ganz oben im fünften Stock eine enge Wohnung von zwei Zimmern mit Küche hine. Aus Nancy gebürtig, von deutschen Eltern stammend, war er aus seiner Vaterstadt hierher gezogen. Obwohl er nach und nach seinen Geschäftskreis zu einer ungewöhnlichen Mannigfaltigkeit erweitert hatte, hatte Busch noch nie das Bedürfnis nach größeren Räumlichkeiten empfunden� sondern vielmehr seinem Bruder Sigismund das Zimmer auf die Straße überlassen. Er begnügte sich mit dem Zimmerchen nach dem Hof, in ivelchem Papiere, Aktenbündel und allerlei Pakete sich dermaßen aufstapelten, daß dem Schreibtisch gegenüber gerade für einen einzigen Stuhl Platz übrig blieb. Wohl eines seiner bedeutendsten Geschäfte war der Schacher mit entwerteten Papieren-, hierfür war er der geschäftliche Mittelpunkt, der Vermittler zwischen der kleinen Börse der „Feuchten Füße" und den Bankrotticrcrn, die in ihrer Bilanz Löcher auszustopfen haben. Deshalb verfolgte er eifrig die Kurse, kaufte manchmal direkt ein und vermehrte vor allem fein Lager durch die Vorräte, die man ihm ins Haus brachte. Aber abgesehen vom Wucher und einem ausgedehnten ge- Heimen Handel mit Goldwaren und Edelsteinen gab Busch sich besonders mit dem Ankauf von Ausständen ab. Diese füllten sein Zimmer, daß die Mauern schier aus den Fugen gingen, und dieses Geschäft jagte ihn durch die vier Ecken von Paris. Immerfort lauernd und spähend, unterhielt er heimliche Beziehungen in allen Geschäftskreisen. Sobald er von einem Konkurs hörte, eilte er flugs herbei, schlich um den Massenverwalter und kaufte schließlich alles, was nicht umnittelbar zu verwerten war. Stets hatte er ein Auge in 'den Geschäftsstuben der Notare, wartete ans Eröffnung »schwieriger Erbschaften und wohnte den Versteigerungen vcr- zweifelhafter Außenstände bei. Er ließ selbst Anzeigen drucken und lockte so ungeduldige Gläubiger herbei, die lieber einige Groschen sofort einnehmen, als sich der Mühe und Gefahr aussetzen wollen, ihre Schuldner gerichtlich zu verfolgen. Aus diesen vielfältigen Quellen kamen Papiere herbei- geströmt, ganze Körbe voll, so daß der Haufe dieses Lumpen- sanimlers der Schuldenwelt fort und fort wuchs: unbezahlte Wechsel, nicht erfüllte Verträge, verfallene Schuldscheine, nicht eingehaltene Verpflichtungen. Hierauf ging es ans Sortieren,, begannen die Glücksgriffe in diese übelriechenden Küchen- abfülle, was eine besonders feine Spürnase erforderte. Aus diesem Ocean von verschollenen oder nicht zahlungsfähigen Gläubigern und Schuldnern mußte man eine Wahl treffen, um seine Mühe nicht zu verzetteln. Im allgemeinen nahm er den Grundsatz zur Richtschnur, daß jeder Ausstand, selbst der gefährdetste, einmal wieder gut werden kann, und Hatto daher eine Reihe vorzüglich geordneter Aktcnbündel, denen ein Namensverzeichnis entsprach, das er von Zeit zu Zeit zur Auffrischung des Gedächtnisses wieder durchlas. Unter den Zahlungsunfähigen aber ging er natürlich denen am eifrigsten nach, die nahe Aussichten auf Vermögenszuwachs besaßen. Seine Nachforschungen legten alle Verhältnifse bloß, drängten sich in die Familiengeheimnisse ein; er notierte sich reiche Ver- wandtschaften, etwaige Existenzmittel, vor allem Neu- anstellungen, welche die Beschlagnahme von Gehältern ge- statteten. Oft ließ er jahrelang einen Mann reif werden, um ihm beim ersten Erfolg den Hals abzuschneiden. Ver- schollene Schuldner stachelten seinen Eifer bis zur Leiden- fchaft, warfen ihn in unausgesetzte fieberhafte Nachforschungen: nach den Schildern, nach den in Zeitungen gedruckten Namen spähte er und spürte Adressen aus, wie ein Huird das Wild. Hatte er die Verschollenen und Zahlungsunfähigen einmal, dann wurde er zum Raubtier, fraß sie auf mit lauter Un- kosten, saugte sie bis aufs Blut aus, zog Hundert Frank aus dem, wofür er zehn Sous bezahlt hatte, und begründete dies unumwunden mit seinen Spielverlusten, mit der Not- wendigkeit, an denen, die er packen konnte, zu verdienen, was er angeblich an denen verlor, die ihm wie eitler Rauch zwischen den Fingern verflogen. In dieser Jagd nach den Schuldnern war die M6chain eine von Büschs brauchbarsten Stiitzen. Wenn er nämlich eine kleine Schar von Treibern in seinem Dienst haben mußte, lebte er in stetem Mißtrauen gegen dieses übelberüchtigte und ausgehungerte Personal: die Mckchain dagegen hatte Haus und Hof, sie besaß hinter der Butte Montmartre ein ganzes Viertel, die Cit6 de Staples, einen gewaltig großen Baugrund mit wackeligen Hütten, die sie monatweise ver- niietete, eine Ecte des Elends, wo ein Haufe ausgehungerter Menschen im Schmutze hauste, in wahren Schweinshöhlen, um die man sich riß, und auS denen sie ohne Erbarmen die Mieter nebst ihrem Plunder hinausfegte, sobald sie nicht mehr zahlten. Was ihre Einnahmen auffraß, ihren Gewinn aus diesen Mietskasernen aufzehrte, das war die unselige Leidenschaft fürs Spiel. Auch sie fand Geschmack an den Wunden, die das Geld geschlagen, an den Ruinen und Feuers- brllnsten, bei denen man vom Feuer halbgcschmolzene Kost- barkeitcn stehlen kann. War sie von Busch mit Einziehen einer Auskunft, mit dem Ausspüren eines Schuldners be- traut, dann legte sie manchmal eignes Geld darauf und ver- schwendete ihre Zeit, um der bloßen Lust willen. Sie gab sich als Witwe aus, aber niemand hatte ihren Mann gekannt. Woher sie kam, wußte man nicht: immer hatte sie ausgesehen wie eine Fünfzigjährige, mit ihrcin strotzenden Fett und, ihrem dünnen Stimmchen. Sobald die M6cham auf dem einzigen Stuhle saß, war Büschs Zimmer ausgefüllt, gleichsam versperrt durch diesen hierher verschlagenen Fleischklumpen. Vor seinem Schreib- tisch saß Busch wie gefangen und begraben, nur sein eckiger Schädel tauchte aus dem Aktenmeer hervor. „Hier!" sagte er und entledigte ihre alte Lcdertasche des unmäßig großen Papierhaufens, der sie anschwellte.„Hier ist, was mir Fayeur aus Vendüme schickt... Er hat alles für Sie angekauft bei dem Bankrott Charpier, die Sie ihm durch mich bezeichnet hatten... Es macht hundertundzehn Frank." Fayeux, den sie ihren Vetter nannte, hatte neuerdings ein Rentenauszahlungs-Geschäft dort in Vendüme gegründet. Sein vorgebliches Geschäft war die Auszahlung der Coupons. und Gelder der kleinen Rentner der Umgegend. Mit diesen anvertrauten Coupons spielte er aber leidenschaftlich an der Börse. „Es ist nicht viel los mit der Provinz," murmelte Busch« «aber hie und da macht man doch einen Fund." Er beschnüffelte die Papiere, sortierte sie schon mit kundiger Hand und ordnete sie oberflächlich nach der ersten Schätzung, nach dem Geruch. Dabei umwölkte sich sein breites Gesicht, und enttäuscht spitzte er den Mund. „Hm, nicht viel Fett dabei, nichts zu beigen I Zum Glück hat das nicht viel gekostet... Da sind Wechsel, wieder Wechsel... Wenn sie von jungen Leuten stammen und diese nach Paris gekommen sind, dann erwischen wir sie viel- leicht noch..." Jetzt unterdrückte er einen leisen Ausruf des Erstaunens. „Ei, was ist denn das?" Er hatte soeben unter einem Stcmpelbogen die Unter- schrift des Grafen Beanvillicrs gelesen; das Blatt enthielt nur folgende drei Zeilen in plumper, zitternder Schrift:„Ich verpflichte mich, an Fräulein L6onie Cron am Tage ihrer Volljährigkeit die Summe von zehntausend Frank aus- zuzahlen." „Graf Bcauviüicrs?" wiederholte er langsam, indem er laut dachte;„ja, einst hat er Güter gehabt, eine ganze Domäne in der Nähe von Vendome, ist dann bei der Jagd verunglückt und hat eine Frau und zwei Kinder in Geldnot hinterlassen. Früher habe ich Wechsel von ihm gehabt, die nur mit Schwierigkeiten bezahlt wurden... Ein Schwindler, nicht viel wert!" Plötzlich lachte er laut auf: er hatte sich die Geschichte zurechtgelegt. „O, der alte Gauner, er hat die Kleine bcthört!... Sie mochte ihn nicht, und er wird sie mit diesem gesetzlich ganz wertlosen Papier überredet haben. Alsdann ist er gc- storben... Lagt sehen: von 1854 datiert. cS find also zehn Jahre her. Das Mädchen muß jetzt volljährig sein, zum Teufel! Wie mag dieser Schuldschein in Charpiers Hände kommen?... Ein Fruchthändler, dieser Charpier, der gegen wöchentliche Zinsen wucherte. Sicherlich hat ihn: das Mädchen dies als Pfand für etliche Thaler dagelassen; vielleicht hat er auch die Beitreibung übernommen..." „Aber," unterbrach die Mächain,„das ist ja sehr gut, ein wahrer Eoup!" Busch zuckte verächtlich die Achseln. „Ach nein, rechtlich ist das gar nichts wert, sage ich Ihnen... Lege ich es den Erben vor, so können sie mich fortjagen, denn man müßte den Beweis erbringen, daß der Graf das Geld wirklich schuldig war... Allein, wenn Wiedas Mädchen wieder auffinden, so hoffe ich, sie kirre zu machen und zu einem Vergleich zu bringen, um unangenehmes Auf- sehen zu vermeiden... Verstehen Sie? Forschen Sie nun nach dieser Lckonie Cron, schreiben Sie an Fayeux, er solle ausfindig machen, wo sie jetzt nistet. Tann wollen wir unfrei: Spaß erleben." Er hatte die Papiere in zwei Haufen gesondert, die er- sich gründlich zu prüfen vornahm, wem: er allein wäre, und blieb regungslos stehen, die Hände flach auf die Papiere gelegt. Nach einer Pause begann die Mächain wieder: „Ich habe mich mit den Wechseln Jordan beschäftigt; mir war's, als hätte ich unsren Mann gefunden. Er hat irgendwo eine Anstellung gehabt und schreibt jetzt für Zeitungen, man verweigert einem die Adressen, und: dann glaube ich, daß er seine Artikel nicht mit seinem wahren Namen unterzeichnet." Ohne ein Wort zu reden, hatte Busch den Arm nach den Akten Jordan ausgestreckt und sie von ihrem alphabcti- scheu_ Platz genommen. Es waren sechs Wechsel von je fünfzig Frank, schon fünf Jahre alt und von Monat zu Monat ausgestellt, eine Gesamtsumme von dreihundert Frank, die der junge Mann in den Tagen des Elends seinem Schneider unterschrieben hatte. Bei Vorzeigung nicht bezahlt, waren die Wechsel durch ungeheure Kosten angewachsen und die Akten furchtbar angeschwollen, so daß zur Stunde die Schuld auf sicbcnhundertdreißig Frank und fünfzehn Centimes ge- stiegen war. „Wenn der Mensch eine Zukunft hat," murmelte Busch, „dann erwischen wir ihn immer noch." Tann brach sich wohl eine Gedankenverbindung bei ihm Bahn, und er rief:„Sagen Sie'mal, und die Affaire Sicardot, geben wir die auf?" Trauernd hob die Mchain ihre dicken Arme Himmel- wärts, daß die Verzweiflung ihren ganzen kolossalen Körper erschütterte. „Ach, gütiger Herrgott," jammerte sie mit ihrer Fistel- stimnie,„ich gehe noch daran zu Grunde!" Die Affaire Sicardot war nämlich eine ganz romantische Geschichte, die sie gern erzählte. Ein Väschen von ihr, Octavia Ehavaille, spät geborene Tochter einer Vatersschwefter, war als Sechzehnjährige eines Abends auf den Treppenstufen in einem Hanse der Rue de la Harpe überfallen worden, wo sie mit ihrer Mutter im sechsten Stockwerk ein kleines Logis bewohnte. Das schlimmste war, daß der betreffende Herr, ein verheirateter Mann, der, seit kaum acht Tagen mit seiner Fra« eingetroffen, im zweiten Stockwerk ein Zimmer in After- miete bewohnte, so leidenschaftlich gewesen war, daß die arme Octavia, mit allzu rascher Hand gegen die Ecke einer Treppen- stufe geworfen, sich die Schulter verrenkt hatte. Daher ge- rechter Zorn der Mutter, die beinahe einen scheußlichen Skandal angefangen hätte, trotz der Thränen der Kleinen, die eingestand, daß sie sich's gerne hatte gefallen lassen, daß es nur ein Unfall war, und es ihr gar zu leid thäte, wenn man den Herrn-ins Gefängnis brächte. Da hatte die Mutter geschwiegen und sich begnügt, eine Summe von sechshundert Frank zu fordern, auf zwölf monatliche Wechsel von fünfzig Frank verteilt. Das war ja kein häßlicher Handel, das war sogar bescheiden: denn die Tochter, die gerade als Nälsterin ausgelernt hatte, konnte nichts mehr verdienen, lag krank zu Bett, kostete schwer Geld und wurde zudenr so schlecht ge- pslegt, daß sie infolge einer Retraktion der ArmmuskFln ein Krüppel blieb. Vor Ablauf deS ersten Monats war der Herr verschwunden, ohne seine Adresse zu hinterlassen. Nun schritt das Unglück rasch weiter und prasselte hageldicht herab. Octavia gebar einen Jungen, verlor ihre Mutter und verfiel in ein liederliches Leben und in tiefes Elend. In der Cit6 de Naples bei ihrer Vase M6chain gestrandet, war sie bis zu ihrem sechsundzwanzigsten Jahre auf den Straßen herum- gezogen. Sie konnte nüt dem Arn: nicht arbeiten, verkaufte hier und da Citronen auf dem Hauptmarkt, verschwand dann auf ganze Wochen mit Männern, von denen sie betrunken und mit blauen Malen am Körper heimgeschickt wurde. End- lich war sie zu Grunde gegangen. Frau Mächain aber hatte den Knaben Victor behalten müssen, so daß von diesem ganzen Abenteuer nur die zwölf unbezahlten Wechsel mit der Unter- schrift„Sicardot" übrig blieben. Mehr hatte man nicht er- fahren können alS: der Herr hieß Sicardot. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Verwandte. Von Wladimir K i r j a k o w. „Unser Georg muß Nachhilfestunden bekommen..." „So? Weshalb den»? Hat er wieder eine schlechte Ccnsur nach Hanse gebracht? Ter Junge ist doch zu fanll" „Faul nicht! Es wird ihm nur so schwer, Wassil... Jetzt noch gar mit der Algebra... Schließlich bekommen doch alle 5rinder ans besserem Hause Nachhilfestunden. Tas ist schon mal so Herkommen." „Wieder llic neue Ausgabe. Ich lvciß gar nicht mehr, Ivo mir der Kopf steht. Tie Wohnung allein kostet löllll... Im Sommer waren wir im Auslande, im Winter mußtest Tu durchaus Deinen sour fixe haben... Wo soll ich all' das Geld herschaffen?" „Tcin Neffe, der Student Petja Mogin, kann ja die Nachhilfe- stunden geben, dann kostet uns das nichts. Er kommt so häufig in unser Hans. Wir sind immer freundlich zu ihm. Er tanzt bei nnS, ißt Abendbrot... Auf irgend eine Weise muß er sich doch dafür er- kenntlich zeigen! Andre Leute sind nicht so liebenswürdig gegen arme Berwaudte. Und es kostet ihn doch nichts, wenn er täglich zwei Stunden mit Georg arbeitet. Nach den Stunden kann ich ja mit ihm auf die Eisbahn gehen. Ich möchte so gerne Schlittschuhlaufen lernen, weiß aber thatsächlich nicht, mit wem..." „Nein, umsonst... das ist und bleibt unanständig, was Tu auch sagen magst!" „Na, dann kannst Tu ihm ja meinetwegen versprechen, Tu wirst ihn, nach Beendigung seiner Studien eine Anstellung besorgen. Das verpflichtet einstweilen doch zu nichts..." „Du. Manjal Ich habe mir neue Visitenkarten drucken lasten. Wie gefallen sie Dir?" „Laß' mal sehen!„Nikolai Pawlowitsch Gruschin, Agent und Kommissionär, Verwandter des bekannten Millionärs Gruschin." Warum hast Tu denn auf der Visitenkarte die Verwandtschaft mit diesem Gruschin erwähnt? So etwas thut man doch nicht." „Ob man's thut oder nicht, ist mir ganz gleichgültig! Tie Haupt- fache ist, eS kann mir sehr förderlich sein. Größeren Kredit, verstehst Tu?... Zum Teufel! Irgend einen Nutzen mutz ich doch davon haben, daß ich mit diesem Herrn Gruschin oerwandt bin. Von seinem ganzen Geld haben wir ja bisher noch nicht eine Kopeke gesehen. Der Hallunkel Erinnerst Tu Dich? Ich hatte ihn als Brautvater zu nnsrer Hochzeit geladen. Der Herr sagte natürlich ab! Solch' eine Geringschätzung gegen Verwandte!" „ZIber sag' mal, Kölsa, wie ist er denn eigentlich mit uns vcr- wandt? Doch nur ganz wcitlänsig?" „selbstverständlich mir ganz weitläufig. Aber trotzdem... Nicht jeder hat solch' einen reichen Verwandten! Ta macht man ihn sich, wenn nicht anders, wenigstens auf der Visitenkarte zu Nutzen." „Sehr freundlich von Ihnen, Olga Andrejcwna, daß Sie ge- kommen sind." „Aber ich bitte Sie, Klawdja Wassiljcwna, wie dürste ich es wagen, Ihrer Einladung nicht Folge zu leisten! Das wäre ja gar nicht verwandtschaftlich." „Schön, schön! Also um was es sich handelt... Heute findet ein kleines Tiner bei uns statt... ein paar Leute, mit denen mein Mann geschäftlich zu thun hat..." „Aber ich bin ja gar nicht danach angezogen!" „Thut nichts: ich gebe Ihnen nachher eins meiner Kleider. Wir haben 12 Personen eingeladen. Mit meinem Mann und mir werden wir also gerade Ii zu Tisch sein. Aber wenn nun irgend einer der Herren nicht kommt, sind wir bloß 13... Und das ist sehr unan- genehm, verdirbt manchen Leuten sogar den Appetit. Da habe ich mich Ihrer erinnert. Gehen Sic einstweilen in mein Schlafzimmer, ziehen Sie sich um und warben Sie. Wenn alle Gäste kommen, schicke ich Ihnen das Essen hinein. Wenn jedoch bis'AT nur 11 Personen da sind und wir zu Tisch gehen muffen, rufe ich Sie. Aber bitte: mischen Sie sich nicht in die Unterhaltung und begießen Sie mein Kleid nicht mit Sauce. Und dann noch eins: effcn Sic um Gottes- willen nicht so viel. Ich gebe Ihnen lieber später noch etwas zu essen." -» „Ich wollte Dich schon lange mal fragen, Andrei Andreitsch: Warum wirfst Du diesen Herrn Mothlkow nicht hinaus?" „Ach! Also Dir ist es auch aufgefallen, dag er meiner Frau etwas... hm... den Hof macht?"... „Wem ist da-Z wohl nicht aufgefallen? Das fühlt ja ein Blinder mit dem Stock. Ich rate Dir als alter Freund: mach' ein Ende, je schneller, desto besser. Tu kannst Dich auf meine langjährige Er- fahrung verlassen." „Ja. weißt Du, ich befinde mich da in einer peinlichen Lage. Tiefer Mensch spielt sich nämlich als Verwandter meiner Frau auf. Sie duzen sich sogar. Nun frage ich Dich: Kann man mit einem Ver- andten so ssns fagon umspringen? Nein. Denn gleich würde das Gerede losgehen:„Natürlich, arme Verwandte kann man beleidigen." Womöglich kommt's noch in die Zeitungen..." „Hm ja... in der That eine peinliche Lage." „Bezüglich meiner Frau, siehst Tu, bin ich vollständig ruhig. Ihre ganze Sympathie für diesen Motylkow kann man sehr gut aus An vcrivandtschaftlichen Beziehungen erklären. Biel unangenehmer t mir. daß der Kerl mich beständig nnpunipt, als Verwandter natür- ch— ohne jemals eine Kopeke zurückzugeben. Nein sagen— das > auch unmöglich! Wie kann man einem armen Verwandten eine utie abschlagen, wenn er sich womöglich in Not befindet? Das wäre unpassend, sogar direkt unzeitgemäß." „Vielleicht verheiratest Du ihn... Du wirst doch irgendwo eine arme Verwandte haben, die ihn mit Freuden nimmt. Gieb ihr meinetwegen 2000 oder 3000 Rubel als Mitgift. Dann bist Tu ihn wenigstens auf einmal los. Wenn Du alles beim alten läßt, -stet Dich der Spaß mit der Zeit leicht noch mehr. Am Ende hat gar Schulden, die Du auch bezahlen mußt? So etwas kann man iemals wissen. Wenn Tu ihn aber verheiratest, bist Du ihn los, die arme Verwandte ebenfalls und hast außerdem noch Wohlthaten erwiesen." „Sie haben mich rufen lassen. Onkelchen. Was steht zu Diensten?" „Also, Vcroschka, ich wollte Dich bitten:... ändere Deinen Familiennamen!"... „Warum?" „Weil es mir bei meiner gesellschaftlichen Stellung im höchsten Grade peinlich ist, denselben Familiennamen wie Tu zu führen. Du omprimittierst mich auf Schritt und Tritt. Bald nimmst Du an einer Ballonfahrt teil, bald wirst Du wegen irgendivelcher faulen Geschichte vor den Friedensrichter geladen, bald schreibst Du ein Stück, das durchfällt, bald versinkst Du sogar in lethargischen Schlaf... Kurz: Dein Name steht fast täglich in den Zeitungen und jedesmal fragt man mich: ein Verwandter von Ihnen? Urteile selbst: weshalb soll ich unter Deinen dummen Streichen mitleiden? Ich bitte Dich also, ändere Deinen Familiennamen. Zu dem Zweck mußt Du ein Gesuch beim Senat einreichen. Schließlich kostet es Dich doch nichts und mir thätcst Du damit einen großen Gefallen." „Meinetwegen, Lnkelchcn. Jedoch unter einer Bedingung: machen Sie ein Testament und setzen Sie mich zu Ihrem Universal- erben ein. Das kostet Sie doch auch nichts und mir thun Sie damit einen großen Gefallen..." kleines fcullkton. — Dorschfischerei au der.Küste von Norwegen. Im„Globus" bringt Dr. W. K o b e l t einige Auszüge aus den Abhairdlungen des Deutschen Scefischcrci-Vereins. Im 0. Bande wird die Seefischerei Norwegens behandelt. Was über die Fischerei auf den Dorsch gesagt wird, möge hier Platz finden: Die Dorschfischerei an den L o f o t e n hat zu allen Zeiten bei der norwegischen Seefischerei in erster Linie gestanden, sowohl was den Reichtum des Fanges als | was feine Sicherheit betrifft. In letzterer Hinsicht haben freilich die Jahre 1809 und 1900 den alten Glauben bedenklich er- schüttert: gegenüber 3S.S bis 46,5 Millionen Fischen in den vorhergegangenen Jahren ergab 1899 nur noch 15 Millionen. 1900 gar nur 8>/z Millionen Stück, ohne daß man eine be- stimmte Ursache dafür angeben könnte. Die Dorschfischerei an den Lofoten ist bekanntlich im wesentlichen Winterfischcrei; sie beginnt schon im Dezember, erreicht ihren Höhepunkt im Januar und Februar und nimmt im März langsam ab. Früher galt der 14. April als Endtermin und gleichzeitig als Anfang der Fischerei an Fiimmrken; jetzt bleiben viele Fischer im Westfjord— der Meer- enge zwischen den Lofoten und Norwegen—, bis der Telegraph ihnen die Ankunft der Fischschwärme auf den nördlicheren Fisch- gründen meldet. Der Telegraph ist für die norwegische Fischerei überhaupt ein ganz unentbehrliches Hilfsnnttel geworden, und die Regierung hat ihr Bestes gethan, um alle den Fischfang betreffenden Nachrichten so rasch wie irgend möglich zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. Die Vogte und Amtmänner der verschiedenen Bezirke sammeln alle aus die Fischerei bezüglichen Nachrichten und übermitteln sie mindestens einmal wöchentlich— in der Saison auch öfter— an bestimmte Ccntralstellen, von denen sie umgehend an alle Telegraphcnämter weiter gegeben werden und zwar zur sofortigen Veröffentlichung.' Am wichtigsten ist das natürlich für den„Sild", den Hering, dessen Schwänne bald hier, bald dort in besonders großer Menge austreten; aber auch beim Dorschfang kann viel Geld gespart werden, wenn die Fischer nicht eher auszulaufen brauchen, als bis sichere Nachrichten über das Eintreffen der Fische da sind. Im Westfjord wurden am 16. März 1898 beinahe 30 000 Fischer gezählt, deren Heimat sich längs der norlvegischen Küste über acht volle Breitegrade erstreckt. Zu ihrer Beaufsichtigung entsendet die Regierung neun Beamte mit 27 Unterbcamten, außerdem sieben Aerzte, die bei der angestrengten, gefahrvollen Thätigkeit mehr wie genug zu thun finden. Die Fischer wohnen nur zum Teil auf ihren Schiffen; die meisten suchen Unterkunft am Strande, wo die Landbesitzer eigne Holzhäuschen sRorbodcr) zum Ver- mieten an sie errichtet haben. Das kleine Dörfchen HcmiingSvacr mit 66 Einwohnern hat z. V. Unterkunstsräume für etwa 4000 Fischer, und diese reichen nicht immer aus. Zu den Fischern kommen die nötigen Handwerker, auch allerhand fahrendes Volk, und hauptsächlich die Fischkäufer, die Handelsherren aus Bergen, aus Kristianfund, aber auch aus Dronthcim und Aaleborg, im Jahre 1898 mit 554 Fahr- zeugen, die eine Besatzung von 2549 Mann hatten. Gefischt wird mit Netzen, Langlcinen und Handangeln; als Köder für die Angeln dienen Heringe, Tintenfische und Miesmuscheln. Um die Mitte des April beginnen die Scharen der Fischer sich zn lichten: sie gehen nordwärts zum Fang des L o d d e d o r s ch e s. Um diese Zeit konimt nämlich die Lodde, der nordische Stint, in Scharen zum Laichen an die Küste und mit ihm sein grimmigster Verfolger, der Dorsch, den hier also nicht der Fort- pflanzungstricb, sondern die leicht zu erlangende Nahrung in den Bereich des Menschen führt. Der Norweger läßt es sich freilich nicht ausreden, daß es die Walfische sind, welche die beiden Fisch- arten an die Küste treiben. Die Fischerei ist hier wesentlich Angel- fischerci, die in Netzen gefangene Lodde mutz den Köder liefern; die Zahl der Fischer beläuft sich manchmal auf 20 000, der Fang dauert vis Ende Mai oder Anfang Juni. Gleichzeitig mit dem Lofotenfang findet eine nicht unwichtige Dorschfischerei Wetter südlich bei Storeggen statt, wo der Festlandssockel Norwegens ebenfalls weit nach Westen vorspringt, aber ohne Inseln zu tragen, wie an den Lofoten. Diese Bänke werden hauptsächlich von einer an der benachbarten Küste ansässigen Fischercibcvölkcruiig ausgebeutet, welche auch im Sommer einen sehr einträglichen Fischfang betreibt. Kristiansund und Aalesimd� sind die Hauptorte; sie verwenden auch Dampfer und größere Fischerfahr- zeuge. Vom Klima mehr begünstigt, haben sie in den letzten Jahren einen erheblichen Aufschwung genommen und z. B. in 1898 etwa O'/a Millionen Dorsche gefangen. Von den Dörfchen wird vor allen Dingen die Leber auf Lebcrthran verarbeitet; in 1898 waren dazu 119 Dampf- apparate im Gang; aber ein guter Teil, und zwar gerade die feinsten Sorten, wird gewonnen, indem man die Lebern in Fässer schichtet und dort sich selbst überläßt. Das Fleisch wird noch in alter Weise zu Klippfisch und Stockfisch verarbeitet. Die Köpfe geben, getrocknet und gemahlen, einen geschätzten Guano, der Rogen wird in großen Quantitäten(40 000 bis 60 000 Hektoliterj gesalzen nach den Mittelmecrländcrn ausgeführt, wo er als Köder beim Sardinenfang dient, die Schwimmblasen werden teils zu Fisch- leim verarbeitet, teils gehen sie als Gelatine nach den Mittclinecr- ländern, nacki Wcstindicn und selbst nach China. Unbenutzt bleibt fast nichts vom Dorsch.— ac. Die erste deutsche Nordpol-Expcdition. Für die Erforschung der arktischen Gebiete ist im Mittelalter das meiste von Norwegen aus geschehen. Mißvergnügte Söhne dieses Landes haben im 9. Jahrhundert Island besiedelt, von da ward im folgenden Jahr- hundert Grönland entdeckt, und um das Jahr 1000 gelangten bekanntlich kühne Seefahrer norwegischer Abstammung sogar bis nach dcni nördlichen Amerika, das sie Winland nannten. Einen kleinen Anteil aber haben auch deutsche Abenteurer an den früheren Fahrten ins nördliche Eismeer gehabt. Zur Zeit, als Begelin Erz- bischof von Hamburg und Bremen war(1035—1045), verbanden sich etliche friesische Edelinge zur Lösung der Frage, ob man thatsächlich, von der Weserinündung immer weiter nordwärts fahrend, kein Land erreiche, sondern den unbegrenzten Ocean vor sich habe. Zu dem Zwecke verliehen sie auf mehreren Schnell- seglern die friesische Küste und steuerten nordwärts zwischen England und Dänemark durch zu den Orkney- Inseln an Island vorbei und unter Anrufung des heiligen Friesenbekehrers Willehad innner lveiter ins Polarmeer hinein. Bald umfing sie auf der eisstarrenden Meeresfläche die andauernde Winternacht. Aber größere Schrecknisse waren ihnen noch vorbehalten. Sie gerieten in so eine Art von riesigster Charybdis, die alle Meeresfluten in sich einsaugte, um sie nachher wieder auszuspeien, wovon denn die Er- scheinung der Flut ihre Erklärung empfangen soll, lieber diesen sonderbaren Malstrom wird man schon stutzig und fragt sich, ob hier irgend eine Naturerscheinung von der erschreckten Phantasie der deutschen Nordpolfahrer verzerrt wiedergegeben ist, oder ob sie gar ein Garn gesponnen haben, um leichtgläubige Landratten das Gruseln zu lehren. Wie dem auch sei, die Strömung riß ein paar Schiffe mit Mann und Maus auf Nimmerwiedersehen hinweg. Die übrigen entfernte der zurückkehrende Wasserstrom vom Orte der Gefahr. Unverhofft gelangten sie an eine klippenreiche Insel, landeten und fanden Menschen,- die in unterirdischen Höhlen zur Mittagszeit verborgen lagen. Diese Leute könnten zur Not als Eskimos passieren, loenn sie nicht gleich unter die Fabelwesen zu zählen wären, weil ihnen der Besitz von unermeßlich viel Gold und andern Schätzen zugeschrieben wird, die vor den Thüren ihrer Behausungen lagen. Die erfreuten Entdeckungsreisenden langten natürlich wacker zu und machten sich mit ihrem Raube eiligst auf den Rückweg zu den Schiffen. Aber nun kommt es noch besser. Ungeheure Riclen, den Cyclopen zu vergleichen, erscheinen auf ein- mal auf der Bildfläche, begleitet von Hunden entsprechender Dimension. Einen von den Deutschen ereilten die verfolgenden Ungetüme und zerrissen ihn. Die andern entkamen und gelangten schließlich glück- iich nach Bremen zurück, Ivo sie dem Erzbischof all ihre Abenteuer getreulich erzählten und zum Dank für ihre wunderbare liettung aus den Gefahren des Eismeeres Christo und dem hl. Willehad Opfer darbrachten. Es liegt nahe, diese ganze deutsche Nordpol- fahrt des 11. Jahrhunderts ins Reich der Sagen zu verweisen. Das wird aber dadurch verwehrt, daß sie von einem unanfechtbaren Zeit- genossen, dein nachmaligen Bremer Erzbischof Adalbert, dem Vor- mund König Heinrichs IV., bezeugt ist. Adalbert erzählte die erstaunliche Sache dem Bremer Domherrn Adam, der seiner Harn- burgischen Kirchengeschichte einen Bericht darüber einverleibt hat. Deshalb sind natürlich verschiedene Umstände deS Reiseberichts nicht weniger unwahr, woraus denn die betrübliche Thaffache folgt, daß die biederen Friesen mit dem langen Messer aufgeschnitten haben und zwar nicht zu wenig. Aber der Ruhm, die erste deutsche Nordpolexpeditioii unternommen zu haben, bleibt ihiicn trotz ihrer Münchhausiadcn.— Theater. Lessing-Theater.(Nachmittags- Vorstellung.)„Die Aebtissin'von Jviiarra", Drania von Ernst Rena n.— „Auf der Fährte", drei Sccnen von Charles van Lerberghe.— Ein Unstern waltete über der Vorstellung. DaS Theater war schlecht besucht, der materielle Ertrag, der für das Säuglingsheim bestimmt war. so mager wie der künstlerische. Der Name Renan hatte die Hoffnungen hoch gespannt. Von dem gläubig-ungläubigen Verfasser des„Leben Jesu", dem gelehrten philosophischen Äirchenhistorikcr und glänzenden Essayisten, dessen Denkart so seltsam zwischen hochfliegcndcrn Enthusiasmus und skep- tischcr Ironie schwankt, mochte man kein Werk dramatischer Kraft erwarten, wohl aber ein eigenartig geprägtes. nüanceiircicheS,»ach-� denksames, mit stimmungsvollen, halbverhülltcn Tönen. Indessen die„Aebtissiu" ist weder stark noch sein. Was Brandes in seiner interessanten Renanskizze berichtet, dies Stück, das letzte RenaNS, habe bei seinem Erscheinen im Jahre 1880 sensationelles Aufsehen in Paris gemacht und sei, von einem Teil der Presse aufs leidenschaftlichste angegriffen, schon binnen Jahresfrist in einigen zwanzigtausend Exemplaren abgesetzt, ist schwer begreiflich. Zwei Liebende hat uns der Dichter zeigen wollen, die durch die Satzungen der Kirche im Leben geschieden, in der Todesstunde ihren Liebcsbuud feiern. Aber weder die Schauer deS Todes, noch in ihnen die Glitten der Liebe läßt er uns wahrhaft spüren. Wir glauben nicht an diese Brautnacht im Augesichte des Schafotts: und ebensowenig an den Liebestaumel einer todgeweihten Menschheit, von dem Renan spricht.„Ich denke mir oft, sagt er im Vorwort zu dem Drama, wenn die Menschheit die sichere Gewähr dafür erhielte, daß die Welt in zivei, drei Tagen zu Grunde gehen ivcrde, so würde die Liebe von allen Seiten mit einer Art von Raserei losbrechen. Alles wäre dann gestattet. Nichts hätte Folgen. Da ivollte die Welt einen Licbestrank trinken, daß sie stürbe in einem Wonnerausch." So mögen sich die Frommen wohl die Menschheit, ivenn ihr die Furcht eines vergeltenden Gottes einmal genommen wäre, denken. Das Stück spielt in einem Gefängnisse des revolutionären Paris von 17ö3. Man sieht die Gruppen der zur Guillotine Verurteilten im Vorhofe des Kerkers. Der junge Marquis dÄrcy ist einer von denen, die mit völlig gefaßtem Sinn der Hinrichtung harren. Er ist ein Freund der Freiheit, ein begeistert an den Fortschritt Verantwortlicher Nedalreur: Carl Leid in Berlin.— | Glaubender. Die Idee des erhabenen. einzig den eignen not- lvendigen Gesetzen gehorchenden Weltalls, die feste Ueberzeugung, daß der Tod nur Rückkehr in den Schoß der ewig neues Leben aus sich gebärenden mütterlichen Erde sei, gießt seinem Geiste die Ruhe heiterer Zuversicht. Nur daß er scheiden soll, ohne die, die er geliebt hat, und die er nicht besitzen durfte, noch einmal gesehen zu haben, wirft in seine Seele einen Schatten. Da öffnen sich die Thore und als Gefangene wird die, von der er träumt, herbeigeführt. Es ist die Aebtissin, ganz so edel und furchtlos wie der Jüngling, gottgläubig. aber der Enge kirchlicher Dogmattk tveit entwachsen. In einem langen, langen Monologe redet sie, einsam in ihrer Zelle, zu uns. Nur noch wenige Stunden der Nacht und der Karren, der sie und den Marquis zur Richtstätte bringen soll, wird durch die Straßen humpeln. Plötzlich tritt der Jüngling ein und es entspinnt sich einer der wundersamsten Dialoge. Wenn in den letzten Augenblicken, aus den Tiefen des Unbewußten aufsteigend, die Angst des Todes ihn gefaßt hätte, wenn er, das Schreckbild des scharfgeschliffenen Beils vor Augen, Trost, Rausch, Betäubung suchend, mit stammelnden Worten sie anflehen würde, sich ihm hinzugeben— eS wäre wenig edel, doch verständlich. Aber so, gestiefelt und gespornt mit allem Heroismus deS ersten Aktes anzurücken, und doch von dieser Frau, die ein Gelübde bindet, dasselbe fordern, es sozusagen programmatisch fordern, mit logischer Präcision und wohlgesetzten Argumenten, weil nämlich jetzt doch kein Grund mehr vorläge, Rücksicht auf irgend welche Menschennorm zu nehmen, das ist bei aller klingenden Rhetorik—„jetzt beginnt meine Seligkeit", sagt die endlich bekehrte Aebtissin— Iveder„edel", noch verständlich. Die Scciie, die entscheidende des Stückes, wirkte auf der Bühne, wenigstens für mein Empfinden, unnatürlich bis zum Abstoßenden. Die Logik des Marquis hat übrigens, wie sich im dritten Akte herausstellt, mit falschen Voraussetzungen gearbeitet. Er muß auf das Schafott, sie wird, aus irgend einem Zufall, be- guadigt. Wenn sie nun in dieser Nacht empfangen hätte, ivenn das Weiterleben ihre Schande vor der Welt offenbar machen würde! Die Stolze geht hinter die Coulisien, um sich an ihrem Schleier aufzuhängen, und kehrt dann, rechtzeitig abgeschnitten, aus die Bühne zurück, wo sie einem Abb« beichtet. Sie will sühnen. Die Mutterschaft, die sie gefürchtet, wird ihrem Leben einen neuen, tieferen Inhalt geben.— Die Darstellung milderte nicht die dekla- matorischen Gebrechen des Stückes, im Gegenteil. Luise Dumont, die ausgezeichnete Schauspielerin des Deutschen Theaters-, die die Hauptrolle übernommen, stand unter dem Drucke einer starken Indisposition. Der Einakter von Charles v. Lerberghse— eine Sterbesccne mit rätselhaften Poltergeistern vor der Kanvnerthür— hatte keine Spur von Bühnenwirksamkeit. Stimmungsvoll war BermannZ Musik dazu, höchst natürlich da-s Spiel von Frau Eysoldt.— — dt. Humoristisches. — Kathederblüte. Vortragender Professor: „Der Kuckuck legt seine Eier in die Vögel fremder Nester— nein: seine Vögel in die Eier fremder Nester— nein: seine Nester in die Eier fremder Vögel— nein: seine Vögel in die Nester fremder Eier— nein, aber wenn er selber brütete, wie andre vernünftige Vögel, käme man auch nicht dazu, innner mit seinen Eiern und Nestern durcheinander zu geraten."— — Moderne Forscher. Sven H e d i n:„... lind dann marschierte ich wochenlang in Tibet durch eine bau m- lose W ü st e." Karl Peters:„Baumlos? Ja, woran haben Sie denn da Ihre Boys aufgehängt?"— („Lustige Blätter".) Notizen. — Rudolf Lothars neues Drama„Die Königin von E y p e r n" wird noch in dieser Saison ini Hamburger deutschen S ch a u s p i e l h a u s e in Scene gehen.— —„Der Heilige", ein neues Drama von Pank Heyse, erlebt im April im Hamburger S t a d t t h e a t e r die Erst- aufführung.— — Roda-RodaS Schauspiel„Dana P e t r o w i t s ch" erzielte bei der Erstaufführung in Prag einen starken Erfolg.— — Der 8. Sinfonie-Abend der k g l. Kapelle findet am l>. März statt. Weingartner dirigiert. Zur Ausführung gelangt: Sinfonie A-moll von Saint-Saens, zwei Stücke aus „Fausis Verdammnis" von Berlioz, Violinkonzert von Mendelssohn (Professor Halir) und Jupiter-Sinfonie von Mozart.— — Eine Ludwig v. H o f in a n n- A u s st e l l u n g hat der Salon 5keller u. Reiner veranstaltet.— — Bei Cas sirer wird Mittwoch eine Kollektiv- a u S st e l l u n g von Werken Claude M o n e t s eröffnet.— — ZolaS Nachlaß. Am tt. März beginnt im Hotel Druet in Paris die Versteigerung der Bibliothek, der Kunstsammlungen uns Möbel Emil ZolaS. Seine Witwe trennt sich von diesem Besitz, da das Barvermögcn geringer ist, als augeuommeu wurde, und da sie die Zukunft der beiden außerehelichen Kinder des Verstorbenen sicher zu stellen wünscht.—______ Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.