Unterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 44._ Mittwoch, den 4. März. 1903 (Nachdruck verboten.) «i Das Geld* Roman von Emile Zola. Mit einer abermaligen Armbewegung griff Busch nach den Akten Sieardot, einem dünnen Heftchen mit grauer Decke. Noch waren keine Kosten aufgelaufen, nur die zwölf Avck)fel waren darin. „Ja, wenn wenigstens Victor artig wäre!" jammerte die Alte weiter.„Aber, denken Sie sich, ein schrecklicher Bube!... Es ist doch hart, solche Erbschaften machen zu müssen: eineil Buben, der noch auf dem Schafott enden wird, und diese Papierfelzen, aus denen ich nie etwas ziehen kann!" Busch hielt seine dicken, blassen Augen hartnäckig auf die Wechsel geheftet. Wie oft hatte er sie so beschaut, in der Hoffnung, aus einer unmerklichen Kleinigkeit, aus der„Gestalt der Buchstaben, ja aus dem Korn des Stcmpelpapiers irgend ein Anzeichen zli entdecken. Er behmiptete, diese.spitzige, dünne Handschrift müsse ihm bekannt sein. „Sonderbar!" sagte er wieder.„Sicherlich habe ich schon ähnliche a und o gesehen, so spitzig, dast sie wie j aussehen!" Im selben Augenblick klopfte es. Er bat die M6chain, die Hand auszustrecken, um die Thüre antzuschliesten, denn das Zimmer ging unmittelbar auf die Treppe. Man mutzte durch dasselbe schreiten, weim man ins andre wollte, welches auf die Stratze führte. Die Küche, ein dunkles Loch ohne Luft, befand sich auf der andren Seite des Ganges. „Treten Sie ein, mein Herr!" lind Saccard trat ein. Er lächelte, innerlich durch das Messingschild an der Thür belustigt, auf dem in grotzen, schwarzen Lettern zu lesen stand:„Rechtsagentur". „Ah so, Herr Saccard! Sie konimen wegen der Uebcr- setzung. Mein Bruder ist dort im andren Zimmer. Treten Sie doch ein!" Aber die Möchain versperrte den Durchgang ganz und gar und schaute in Gedanken vertieft mit wachsendein Er- staunen dem Ankömmling ins Gesicht. Nunmehr wurde ein förmliches Manövrieren erforderlich. Saccard trat auf die Treppe zurück, und sie ging hinaus, machte sich ans dem Gange dünner, so das; jener wieder ein- treten konnte. Während dieser vielseitigen Bewegungen hatte sie ihn nicht ans den Augen gelasscil. „O," keuchte sie.„nie hatte ich ihn so genau gesehen... Victor ist ja sein Ebenbild!" Busch, der zuerst nicht begriff, blickte sie fragend an, dann ging ihm Plötzlich ein Licht auf, und mit halblautem Fluch:- „Himmeldonnerwetter! Ich hab's, wutzte ich doch, das; ich die Schrift irgendwo gesehen hatte!" Diesmal stand er auf, wühlte in den Akten und fand schlietzlich einen Brief, den Saccard im Jahre zuvor an ihn geschrieben hatte, um für eine nicht zahlungsfähige Dame um eine Frist zu bitten. Rasch verglich er die Schriftzüge ans den Wechseln mit denjenigen auf diesem Brief. Es waren allerdings die gleichen a und die gleichen o, nur mit der Zeit noch spitziger geworden: auch war in den Anfangsbuchstaben eine anffallende Uebcreinstimmung. „Er ist's, er ist's!" wiederholte er.„Aber latzt sehen, weshalb Sicardot und Saccard?" In seiner Erinnerung erwachte eine dunkle Geschichte. Saccards Vergangenheit, die ihm einst ein Agent Namens Larsonneau, der Millionär geworden war, erzählt hatte: wie Saccard am Tage nach dem Staatsstreich nach Paris kam, um die aufgehende Macht seines Bruders Rougon aus- znbeuten: zuerst sein Elend in den dunklen Gassen des alten Quartier Latin, dann sein rasch erworbener Reichtum nach einer verdächtigen Heirat, da er das Glück hatte, seine Frau bald zu begraben. Zur Zeit jener schwierigen Anfänge hatte er seinen Namen Rougon gegen Saccard vertauscht, durch einfache Umgestaltung des Namens seiner ersten Frau, die Sicardot hietz. „Ja, ja, Sicardot, ich entsinne mich ganz gut!" murmelte Busch.„Er hat die Stirn gehabt, die Wechsel mit dem Namen seiner Frau zu unterschreiben. Jedenfalls hat das Ehepaar diesen Namen angegeben, als sie miteinander in der Rue de la Harpe abstiegen. Und dann nahm der Schuft alle möglichen Vorsichtsmatzregcln, er war ans dem Sprung, um beini geringsten Alarm auszuziehen... O> dainals lauerte er nicht blotz ans Geld, er siel auch junge Mädchen auf der Treppe an! Das ist eine Dummheit, das wird ihm schlietzlich »och einen bösen Streich spielen!" „Pst, pst!" versetzte die Mschain.„Wir haben itm, und man darf wohl sage», datz es einen Herrgott giebt. Endlich werde ich also für alles belohnt werden, was ich für den armen kleinen Victor gethan habe! Trotz allem habe ich ihn nämlich sehr gern, ja sehr gern, obwohl er unverbesserlich ist!" Sie strahlte, ihre gekniffenen Augen blitzten in dem schlaffen Fett ihres Gesichts. Nach der Erregtheit dieser lange gesuchten Lösung, die ihm nun der Zufall brachte, wurde Busch beim längeren Denken kühler. Er schüttelte den Kopf. Wohl war Saccard, obgleich augenblicklich niittcllos, noch gut zu scheren. Man hätte ans einen minder vorteilhaften Vato versallen können. Aber e r würde sich nicht lange plagen lassen, denn er hatte immer noch scharfe Zähne. Und dann, was weiter? Sicher- lich war ihni unbekannt, das; er einen Sohn habe: er konnte trotz der antzerordentlichen Achnlichkeit, welche die Möchain verblüffte, sich aufs Leugnen verlegen. Ueberdies war er zum zweitenmal Witwer und frei, und daher niemand Rechen- schaft schuldig für seine Vergangenheit, so das;, selbst wenn er den Kleinen anerkannte, keine Einschüchterung, keine Drohung sich gegen ihn ausbeuten Uetz. Wollte man ans seiner Baterschaft nur die sechshundert Frank der Wechsel ziehen, dann war dies wahrlich gar zu jämmerlich und nicht der wunderbaren Hilfe wert, die man vom Schicksal erhalten hatte. Nein, nein, man niutzte die Sache reiflich überlegen lind ein Mittel finden, die Ernte in voller Reife einzuheimsen. „Nur keine Eile!" schlotz Busch.„Uebrigens liegt er jetzt am Boden, wir wollen ihm Zeit lassen, sich zu erholen." Ehe er die Möchain verabschiedete, beendete er die ge- meinsame Prüfung der kleinen Geschäftchen, die sie über- nominen hatte. Da war eine junge Frau, die um ihres Lieb- Habers willen ihre Juwelen verpfändet hatte: ein Schwieger- söhn, dessen Schulden die Schwiegerinuttcr, die seine Geliebte war, zahlen würde, wenn man es richtig anpackte,— kurz, die feinsten Mannigfaltigkeiten des so vielgestaltigen und überaus schwierigen Inkassos. Beim Eintritt ins Nebenzirnnier blieb Saccard einen Augenblick geblendet vom grelleil Licht des vorhanglosen Fensters mit den sonneiibegelänzten Scheiben. Das Ziinnier mit seinen blassen, blaugeblümten Tapeten war fast nackt: in einer Ecke stand eine eiserne Bettstelle, in der Mitte ein tannener Tisch mit zwei Strohstühlen. An der Bretterwand links waren rohgehobelte Bretter als Büchergestell mit Büchern. Zeitschriften, Zeitungen und allerlei Papieren überladen. Aber das in solcher Höhe grelle Soiinenlicht verlieh dem arviseligen Raum in seiner Nacktheit eine jugendliche Fröhlichkeit, ein frisches, unschuldvolles Aussehen. Hier satz Büschs Bruder Sigismund, ein bartloser Mensch von fünfunddreitzig Jahren, mit langen, dünnen, braunen Haaren, vor dem Tisch, die mächtig gewölbte Stirn in die ab- gcmagerte Hand gestützt. Er war im Lesen so vertieft, datz er nicht einmal aufschaute. Er hatte die Thüre nicht gehen hören. Dieser Sigismund war ein hervorragender Mann. Auf deutschen Hochschulen aufgewachsen, sprach er außer dem Französischen, seiner Muttersprache, Deutsch, Englisch und Russisch. Im Jahre 1849 hatte er in Köln Karl Marx kennen gelernt und war der beliebteste Mitarbeiter an dessen„Neuer Rheinischen Zeitung" geworden. Seitdem stand sein Glaube fest, er bekannte sich mit glühender Ueberzeugung zum Socialismus und hatte seine ganze persönliche Kraft dem Gedanken einer gesellschaftlichen Umgestaltung gewidmet, welche die Wohlfahrt der Armen und Niedrigen begründen sollte. Seitdenr sein Herr und Meister, aus Deutschland geächtet, wegen der bekannten Junitage ans Paris verbannt, in London lebte und durch seine Schriften die Partei zu organisieren bemüht war, lebte auch er seinen Träumen und kümmerte sich so wenig um das äußere Leben, das; er sicherlich verhungert wäre, wenn ihn nicht sein Bruder in seiner Wohnung Rue Feydcan in der Nähe der Börse aufgenommen und ihm den Gedanken eingegeben hätte, als Uebersetzec seine«Prach- kenntnisse zu verwerten. Dieser ältere Bruder schwärmte für den jüngeren mit wahrhaft mütterlicher Leidenschaft� Dieser raubgierige Wolf, der fähig war, im Blute eines Schuldners zehn Sons auf- zulesen, war sofort zu Thränen gerührt und von einer leiden- schaftlichen, ja woibisch-kleinlichen Zärtlichkeit erfüllt, sobald es sich um diesen zerstreuten großen Jungen mit dem Kinder- gemiit handelte. Ihm hatte er das große Zimmer nach der Straße eingeräumt, er bediente ihn wie eine Magd, führte den sonderbaren Haushalt, fegte die Zimmer, machte die Betten und besorgte die Kost, die man zweimal täglich von einem Speisehause der Nachbarschaft herausbrachte. Er, der rastlos thätige Mann, dessen Kops mit tausenderlei Geschäften angefüllt war, duldete ihn als Müßiggänger; mit den lieber- scßungen nämlich ging es wegen der Privatarbciten nicht vom Fleck. Ja, er verbot ihm sogar jede Arbeit, geängstigt durch einen bösartigen trockenen Husten. Troß seiner hartherzigen Geldgier, seiner blutigen Habsucht, die im Gelderwerb de» einzigen Grund zum Leben fand, lächelte Busch über die Lehren des Weltverbesserers und gab ihm das Kapital preis, wie man einem Knaben ein Spielzeug überläßt, das er zer- brechen mnß. Andrerseits hatte Sigismund keine Ahnung von allein dem, was sein Bruder iin Nebenzimmer trieb. Er wußte nichts von diesem scheußlichen Handel mit entwerteten Papieren und Außenständen; er lebte in höheren Regionen, in einem erhabenen Traum von Gerechtigkeit. Der Gedanke an Mild- thätigkeit verletzte ihn und brachte ihn in Harnisch: Mild- thätigkeit, das war ja ein Almosen, also die durch die Herzens- güte geweihte Ungleichheit; er aber erkannte nur das Recht an und wollte die zurückeroberten Rechte eines jeden als un- peräußerliche Grundsätze der neuen Gesellschaftsordnung auf- gestellt wissen. Deshalb erschöpfte er seine Tage mit deni Forschen und Grübeln nach dieser Neuordnung; ohne Unterlaß veränderte und verbesserte er auf dem Papier die Gesellschaft von morgen, bedeckte riesig große Bogen mit Zahlen und baute auf wissenschaftlicher Grundlage das ganze vielfältige Gerüst der all- gemeinen Wohlfahrt auf. Dem einen nahm er das Kapital, um es unter alle andren zu verteilen; er wühlte in Milliarden, verschob mit einem Federstrich das Vermögen der ganzen Welt,— und dies alles in einem nackten Zimmer, ohne die geringste Genußsucht. So groß war seine Mäßigkeit, daß sein Bruder schelten mußte, damit er nur Wein trank und Fleisch aß. Dieser Schwärmer wollte, daß die Arbeit eines jeden Menschen, nach seineil Kräften bemessen, auch ihm die Befriedigung seiner Bedürfnisse sicherte, während er selbst an der Arbeit zu Gninde ging und von nichts lebte. Er war ein echter Weiser, im Studium begeistert, losgelöst voni materiellen Leben, sanftmütig inid tadellos rein. Seit dein letzten Herbst hustete er inehr und mehr, und es bemächtigte sich die Schwind- sticht seiner, ohne daß er es nur merken und sich pflegen wollte. Bei einer Bewegung Saccards blickte Sigismund mit seinen großen Träumeraugen endlich auf und sah erstaiint drei», obwohl er den Bestich erkannte. „Ich komme wegen einer llebersetzung," sprach jener. Das Staunen des jungen Mannes wuchs, denn er hatte die Kundschaft entmutigt, die Bankiers, die Spekulanten, die Wechselmakler, diese ganze Börsenwelt, die besonders aus Endland und Deutschland einen zahlreichen Briefwechsel, allerlei Rundschreiben und Gesellschaftsstatnten erhielt. „Ja, ein russischer Brief. O, nur zehn Zeilen!" Jetzt streckte Sigismund die Hand vor, denn das Russische war seine Specialität geblieben. Er allein übersetzte es ge- läufig inmitten der übrigen Dolmetscher des Stadtviertels, die vom Deutschen und Englischen lebten. Das seltene Bor- kommen russischer Urkunden auf dem Pariser Markt erklärte eben seine andauernde Arbeitslosigkeit. Laut las er den Brief auf Französisch vor. Er enthielt in drei Sätzen die günstige Antwort eines Bankiers aus Konstantinopel, eine einfache geschäftliche Zusage. „O, danke sehr!" rief Saccard, der hocherfreut drein- blickte. Und er bat Sigismund, die wenigen Zeilen der Uebcr- setzung ans die Rückseite des Briefes zu schreiben. Dieser aber wurde vlötzlich von einem schrecklichen Hustenanfall befallen, den er in seincin Taschentuch zu ersticken suchte, um seinen Bnider nicht zu stören, da dieser herbeizulaufen pflegte, sobald er ih» laut husten hörte. Als der Anfall vorüber, stand er auf, that das Feilster weit auf. halberstickt, um frische Luft zu atmen. Saccard, der ihm nachgegangen war, warf einen Blick hinunter auf die Straße und unterdrückte einen Ausruf. „Ei, Sic haben Aussicht auf die Börse! O, wie sonderbar ist sie von hier aus!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Zur Kulturcfcfchichtc des Schweins» Das Schwein gehört zu den allerältcst'en Haustieren, welche schon in vorhistorischer Zeit bestimmt in Europa nachweisbar sind. Sehr frühe wird seiner bei den Griechen Erwähnung gcthan. Bei LdyfscuS war die Stelle eines �auhirtcn, welche der göttliche Eumäus bekleidete, verhältnismäßig gleichbedeutend mit einem Minister- Posten; sein Träger genoß das volle Vertrauen des Herrschers von Jthaka. LdhssenS und Telemach zogen ihn zu Rate und machten ihn zun: Mitwisser ihrer Pläne. Bei allen freudigen Ereignissen. die zu Schmauscreien Veranlassung gaben, spielte bei Homer das „wcitzzahnigc Schwein, bedeckt mit der Blüte des Fettes", eine große. Rolle. Die Schweine wurden stets gesengt; Ferkel, die bei uiis als Spanferkel eine begehrte Delikatesse bilden, waren nur eine Speise der Armen: „Ter Hirt Ging in die Kosen hinaus, wo zahlreich lagen die Ferkel/ Holte sich zwei, und trug sie davon und schlachtete beide, Sengte, zerschnitt sie sodann und bohrte das Fleisch an die«picße. Nahm das Gebratene alles, und trug's noch heiß an den Spießen Bor den Odysseus hin und streute geschrotcncs Mehl auf. ... Nimm Dir und iß mm, Fremdling, so gut wir Hirten es haben» Ferkel; die Schweine verzehren ja dort im Palaste die Freier." Auch bei den Römern bildete der Schweinebraten das Haupt- stück der Tafel. Seit dem 2. Jahrhundert kamen Schweine ganz und unzerlcgt auf die Tafel; mit allerlei kleinem Geflügel gestillt, heißen sie nach dem trojanischen Pferde porci Troiani. Nichr weniger als 50 Gerichte wußten die Römer aus Schweinefleisch zu bereiten. Das köstlichste aber war das Euter besonders von solchen Tieren, welche den Schwanz rechts, nicht links geringelt trugen. In einem Gespräch, welches Timarion mit dem Philosophen Theodorus in der Unterwelt führt, weiß dieser seinen wieder zur Oberwelt cnt- lasscuen Freund um nichts Köstlicheres zu bitten, als um ein Fcrkclchen von drei Monaten und um ein Schwcinscuter, so fett es irgend zu bekommen sei. Berühmt waren damals wie noch heute mit Recht die Schinken Westfalens. Ein Pfund Schinken aus den Rauch- sängen der Menapier und Marser kostete in Rom etwa 8 Mark und galt als große Delikatesse. Es gab in Rom ein eignes Kollegium der Suaricr, welches die Versorgung der Sradt mit Schweiuesleisch betrieb. Eine hervorragende Rolle hat das Schwein überall im Kultus gespielt; es war vielleicht das älteste Opferticr und kommt als solches in Verbindung mit Stier und Schaf, wie in den späteren römischen Suovetaurilien, schon in der Odyssee vor; es war die bevorzugte Gabe der Ceres und wurde vor Einbringung der Ernte dieser Göttin geschlachtet. Fiel ein Baum in dem vor der Stadt gelegenen Heine der via vea um, oder mutzte d»scr gelichtet werden, so wurde ein Schweinsopfcr gebracht; ein gleiches geschah im Ottober. Besonders hervorzuheben ist die sühnende Wirkung, loelche man dem Blute des Schweines zuschrieb. Ein neugeborenes Kind wurde durch Schweiueblut gegen den Einfluß dämonischer Mächte geschützt; in Athen besprengte man die Bänke der Volksversammlung damit, um jedes Unheil abzuwenden. Apollo reinigte mit Schwcincblut den Mutterinörder Orestes und Circe den Jason als Mörder dcS Abshrtns. Das aus der Wunde fließende Blut wurde über die Hände des zu Entsühnenden hingcspritzt. Bei manchen römischen Festen bildeten die Lusrrattonen einen Hanpttcil der Feier. Die von Servius Tnllius eingesetzte Sühnung des römischen Volkes wurde alle fünf Jahre durch die schon erwähnten Suovetaurilien vor- genommen; dieser Zeitpunkt von fünf Jahren hieß daher lustnim. Bei Abicgung jcierlicher Eidschwürc und beim Abschluß von Verträgen fehlten auch in späterer Zeit bei Griechen und Römern Schwcincopfer nicht. Xcnophon und seine Griechen brachten sie beim Abschluß des Uebercinkommens mit Ariäus; die Kämpfer in Olympia schwuren bei einem Schiveincopfer. sich gesetzlich verhalten zu wollen. Bei dem Vertrage der Horaticr und Euratier rief der Priester Jupiter an, daß er denjenigen, der das Bündnis brechen werde, erschlagen möge, lvie er jetzt das Schwein töte, und erschlug es dann xaxc» silice, womit wahrscheinlich eine römische Steinaxt gemeint ist. Daß Freund Schwarzkittel auch im Altertum zu den mit Vorliebe gejagten Tieren gehörte, ist um so erklärlicher, als der Schwarz- wildstand sowohl in Griechenland und Maccdonien, als auch be- sonders in Italien, ein äußerst günstiger war. In ausgedehnten Waldungen und sumpfigen Gegenden fand dort das Schwarzwild die seinem Aufenthalte zusagenden Verhältnisse in genügendem Wage; in Italien mar es besonders das waldige Lukanicn, das Gebiet der Marser in den Abruzzen. die» Gegend von Laurcntum, Umbrien, Tuscicn und das Land der Sabellcr. Die Jagd auf Wild- schweine erforderte Mut und jtrast; denn sie war wegen der Bösartigkeit dieser Tiere mit vielen Gefahren verbunden. .lienophon und Appian erzählen sogar, dah das Wildschwein in seinem Gewehre eine sengende Hitze habe. Die Hauer des gereizten Ebers seien glühend, was daraus ersichtlich sei, daß den Hunden bei einem Fehlschlagen gegen ihren Liörper die Spitzen der Haare versengt würden. Haare, auf den Hauer» eines eben ver- endeten Ebers gelegt, kräuselten sich noch. Bei den Macedonicrn durfte niemand an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen, wenn er nicht cincit Eber aus freiem Felde erlegt hatte. Die berühmtesten Helden der Vorzeit haben sich dann auch im Mampfe mit diesen gefährlichen Tieren hcrvorgethan und sich dadurch Ruhm und Ver- dicnsre um die Nachloelt erworben. Herkules bezioang den Tryinun- thischen Eber; Atalanta lehrte die Erlegung des Ebers mit dem Pfcite. Berühmt ist die kalhdonischc Jagd, an welcher die ersten Helden der damaligen Zeit teilnahmen, um den von Diana in die Gefilde des Linens gesendeten Eber zu erlegen. Meleagcr, der Hauptheld der kalhdonischcn Jagd, war so glücklich, den von Atalanta zuerst am Rücken und vom Amphiaraus am Auge verwundeten Eber durch einen Speerwurf in die Weichen zu töten. Luid schildert diese Jagd in de» lebhaftesten Bildern. Homer behandelt in seinen Gleich- nisten den Eber, nächst dem Lölve», mit besonderer Vorliebe. Er stellt ihn dar, wie er durch gelegentliche Wendung die verfolgenden Jäger und Hunde zurückschcucht, aus dein Dickicht hervorbricht, das Gesträuch zerknackend, die Hauer wetzend, gleich dem Getön des an- prallenden Erzes, oder mit funkelnden Augen und gesträubten Borsten dem Jäger entgegentretend. An andrer Stelle wird der»och junge LdyfseuS von den Söhnen des Autolykus zur Jagd geladen und erlegt einen starten Eber, nachdem er von ihm zuvor am Mnie gehauen wurde. Tiomedcs und Odysteus werden dargestellt wie Eber unter den Hunden; Jdomcneus bricht gegen Aencas vor, wie der Eber mit gesträubten Borsten und funkelnden Augen gegen die Jäger und Hunde, und Ajas zerstreut die Troer, wie der Eber die Hunde. Daß auch unsre Altvordcrcn große Freunde der Eberjagd waren, ist zur Genüge bekannt und geht auch aus der Thatsache hervor, daß sie ihn vielfach als Wappentier wählten. So führten die Angelsachsen, Sachsen und andre deutsche Stämme auf der Spitze ihrer Helme ein Eberbild, den bildisevin(Kampfeber) der nordischen Heldensage, oder, wie es im Berwulflicde heißt:„Das Schwein allgülden, der Eber eisenhart". Mehrere Städte, wie Trier, führten den Eber auf ihre» Münzen. Wie bei Griechen und Römern durfte auch bei Germanen der Ebcrbraten bei Hochzeiten nicht fehlen. Noch heute wird in manchen hessischen Dörfern bei derartigen Festen ein mit Rosmarin bekränzter«Lchweinekopf auf einer Schüssel in feierlichem Umzüge entweder durchs ganze Dorf oder wenigstens im Hochzeitshaiise umhergctragen. Dieser>-chweinekopf hat einen Apfel oder eine Citrone im Manlc, beide Früchte werden als Lebens- und Frucht- barkeits-Sttmbolc angesehen. In England kommt noch jetzt der Eberkopf als Schaugcricht auf die Tafel. In der Sage von Ärthnr heißt es, daß dreimal mit einer Rute drüber geschlagen wurde und daß dann nur die Messer tugendhafter Männer ihn anschneiden konnten. In Oxford stellte man um die Weihnachtszeit ein Eber- Haupt aus und trug es unter Gesang feierlich umher. Daß man in den Zwölften einen Schweinskopf und Grünkohl essen soll, ist eine in Pommern noch jetzt geübte Vorschrift. Bei den alte» Germanen und Norwegern war der goldvorstige Eber das heilige Tier des Frcyr oder Fro, des eigentlichen Sonnen- gottes. Notkar besang ihn so:„Seine Borsten waren hoch wie der Wald, seine Hauer sind zwölf Ellen lang." Da nun Frcyr über Sonne, Regen und Fruchlbartcit gebot, so galt auch der Eber selbst als Bild der Fruchtbarkeit, der Ernte, deL Kindersegens und des Friedens. Aber auch die schwarze Wetterwolke sah man als Eber an, die leuchtenden Blitze als seine tvcißcn Hauer. Wenn das Korn im Sommer im Winde hin- und hcrlvogt, so sagt man, der Eber geht hindurch. Das ist der Eber Fros, des Gottes der Fruchtbarkeit. Der Eber gehörte zu den Korndämonen. Auf der andern Seite>var er ebenso das Sinnbild der alles zerstörenden Sonncnglut; schon in den indischen Märchen tritt uns diese doppelte Eigenschaft entgegen, wclckic der wohlthätigen und zerstörenden Wirkung der Sonne cnt- spricht und sich im Mythus aller Völker wiederfindet. Wie im Sommer dein Odin oder Wuotan, so wurde am Julfeste zur Zeit des Wintersolstitinms dem Frcyr der Sühne-Ebcr geopfert. Ein drei- wöchentlicher Julfriede leitete das Fest ein, auf das feierliche Opfer im Tempel vor Freyrs Bilde folgten Gastereien und Spiele; zum Nachtmahle wurde der dem Freyr und der Freya geweihte Sühne- Eber auf den Tisch gesetzt und man legte bor ihm das Gelübde ab, im nächsten Jahre große und kühne Thatcn zu verrichten. Zahllos find die Beziehungen des Schweines zum Aberglauben, wofür noch eine Menge Sprichwörter Zeugnis ablegen; bei Städte- gründungen, in der Medizin, in Spielen der Völker, der Botanik spielt der Name des Borstentieres eine große Rolle. Sogar als Mime ist das Schwein aufgetreten. Als nämlich Ludwig XI. zu Llessis les Tours krank lag, gab es kein Mittel mehr, das man nicht hervor- gesucht hätte, um die schwarzen Gedanken, die ihn Tag und Nacht beherrschten, zu zerstreuen. Ein erfinderischer Kopf verfiel daraus, Ferkel nach den Tönen cincS Dudelsacks zun, Tanzen und Springen abzurichten; er bekleidete diese Tiere vom Fuß bis zum Scheitel mit schön gallonniertcn Lcibröcken, Hosen, Hut, Degen, rotwürfeligcn Schärpen nnd schönen Manschetten. Sie waren zu allen möglichen Bewegungen sehr gut abgerichtet, sprangen nach Kommando, ranzten allerlei lustige Tänze und machten ihm Komplimente. Das einzige, ivas ihnen Mühe kostete, tvar der aufrechte Gang. Sowie sie auf zwei Pfoten sich ausgerichtet hatten, fielen sie geschwind unter Grunzen wieder nieder. Im Chorus ging eS dann: koi, koi, koil auf eine so komische Art, daß der König, seines ihn verzehrenden Uebcls un- geachtet, sich des Lachens nicht enthalten konnte. Einem andern französischen König bekam freilich die nähere Bc- kanntschaft mit den Schweinen sehr übel. Im Mirtelalter ließ man sie in größeren Städten einfach ans den Straßen umherlaufen. So geschah es auch in Paris, bis Philipp, der, Sohn König Ludwigs des Dicken, im Jahre 1131 dadurch das Leben verlor, daß sein Pferd durch ein ihm unter die Füße geratenes Schwein scheu gemacht, ihn abivarf. Jetzt wurde verboten. Schweine auf der Straße umher- laufen zu lassen. Dagegen erhoben aber die Mönche vo>t St. Anton Einsprüche, locil der heilige Antonius der Schutzpatron der Schweine sei und durch solche Beeinträchtigung seiner Schutzbefohlenen beleidigt würde. Sie setzten es durch, daß die Schweine des Klosters, durch eine um den Hals gehängte Glocke kenntlich gemacht, auch ferner auf der Straße umherlaufen durften.— Dr. I. Wiese. kleines femUetou. rs. Ein Proletarier-Junge. In dem freundliche» Kranken- zimmer für Unfallverletzte Kinder sahen die kleinen Patienten in freudiger Erwartung dem Besuche ihrer Angehörigen entgegen. Neben meinem Jungen saß ein hübscher, etiva zwölfjähriger Knabe. Gleich- gültig schweifte» seine Augen in dem Zimmer umher. Er schien keinen Besuch zu erwarten. Tie Art, wie er seine Umgebung musterte, das für fein jugendliches Alter überaus gesetzte Wesen sagten mir, daß dieses Kind eines von den vielen bedauernswerten Geschöpfen sei, die schon im zartesten Alter zur Erhaltung der Familie beitragen müssen. Auf meine Frage, weshalb er keinen Besuch erhalte, erzählte mir der Kleine, daß sein Vater Bauarbeiter sei und nach langer Arbeitslosigkeit seit einigen Tagen wieder Be- schäftigung gesunden habe. Nun dürfe er in der Woche keine Stunde versäumen. Die Mutter liege krank zu Hause und seine vier Ge- schwister wären jünger als er. Seit zwei Jahren trage er Frühstück aus; da sei es ihm vor kurzem passiert, daß er auf einer Treppe ge- stolpert nnd einen Armbruch erlitten habe.„Sonntag kommt Vater aber ganz gewiß!" I» dieser Hoffnung reichte mir der Kleine fröh- lichcn Herzens zum Abschiede die Hand. Ter Sonntag kam heran. Neben meinem kleinen Freunde saß ein ärmlich, aber sauber gekleideter Mann, sei» Vater. Mit be- kümmertem Gesicht betrachtete er seinen Aeltesten. Doch erhellte sich dasselbe, als der Junge zu ihm sagte:„Jetzt werde ich bald herauskommen, Vater, dann verdiene ich wieder Geld und wir bc- zahlen das Krankenhaus." Als die Sprechstunde zu Ende ging, reichte ihm der Junge ein Pakctchcn mit den Worten:„Hier, Vater. sind die Semmeln, die loir immer bekommen, ich habe sie aufgespart, damit die Mutter sie essen könne."— — Tie babylonisch- assyrischen SchSpfungssagen. Im vergangenen Jahre erschien in London ein Wert„The Seyen Tablets of Creation", in dem der Herausgeber, L. W. King vom Britischen Museum, das Ergebnis seiner Studien über eine Reihe von Keil- schrifttexten niedergelegt hat. Er hat die schon von Henry Rawlinson gefundenen, noch unvollständigen Keilschriftbcrichte über die Schöpfung durch eine sehr große Zahl andrer Texte hierüber ergänzt und damit ein abgeschlossenes, einheitliches Ganzes geschaffen. Texte. und llebcrsctzungen sind übersichtlich zusammengestellt. Es crgiebt sich daraus, daß das große babylonische Schöpfungsgedicht in sieben Sektionen oder Tafeln mit zusammen 991 Zeilen geteilt war, wobei offenbar jede Tafel die Ergebnisse eines Schöpfnngstages beschreiben follte. Diese Einteilung ist jedenfalls verhältnismäßig späten Datums(die ältesten Kopien, die wir besitzen, stammen aus der Zeit AffurbanipalS, tiöö bis 026 v. Chr.), die originale Form aber der babylonischen und assyrischen Schöpfungsgeschichte ist zweifellos viele Tausend Jahre alt. Ob sie bei den Akkadiern oder bei einem andern nicht semitischen Volke entstanden ist, läßt sich heute noch nicht sagen. es ist indessen sehr wahrscheinlich, daß die semitischen Babhlonier sie nicht erfunden, sondern nur entlehnt haben. Die erste» vier Tafeln enthalten die erste Wcltschöpfung, sie beginnen mit dem Anfang aller Dinge, als Apsn und Tiamat Wasscrgortheiten und das typische Chaos waren, und führen bis auf Marduk, der Tiamat bekämpft nnd ihm den Garaus macht. Dann kommen wir zur Weltschöpfung Marduks; es wird dort am Schluß der vierten Tafel erzählt, daß die eine Körpcrhälfte Tiamats eine Decke für den Himmel bildete, nnd daß Marduk die große Drcihcit Anu, Bcl und Ea schuf, die darin wohnen sollte. Auf der fünften Tafel höre» wir von der Befestigung der Konstellationen des Tierkreises, von der Gründung des Jahres, und anscheinend enthält dieser Teil auch den Bericht über die Schöpsung der Pflanzenwelt. Die sechste Tascl erzählt die Geschichte von der Erschaffung des Menschen, den Marduk wahrscheinlich in die Welt ge- setzt hat, sowohl um die Götter zu strafen, als auch um eine Kreatur zu haben, die ihn jederzeit verehren würde. Marduk— oder auch Bel— wies Ea an. ihm das Haupt abznschlagen, und aus dem Blut, das aus seinem Körper floh, ivurde der Mensch gebildct� Er gc- braucht dazu auch„Knochen", die er sich schaffen will. Von Bedeutung ist dabei, daß daS assprische Wort für Knochen„issimtu' Hecht und datz es das genaue Acquivalent des hebräischen„esem"— Knochen — ist, das Genesis II, 23 in Verbindung mit dem Bericht über die Erschaffung des Menschen vorkommt. Die Erschaffung des Menschen war der Schlußakt der Schöpfung, und als der erledigt war. ver- sammelten sich die Götter mit Marduk(der die Enthauptung also überlebt hatte!) an der Spitze in Upschukkinaku und sangen ihm Lobhpmnen: diese mit fünfzig Anreden an den Gott bilden den In- halt der letzten, der siebenten Tafel, Die Parallelen Zwischen Teilen dieser Schöpfungssage und der Genesis beweisen über jefcen Zweifel, daß die Juden eine große Menge ihrer religiösen Litteratur von ihren Verwandten, den Babnlonicrn, entlehnt haben und daß die Vorstellung von den sieben Schöpfuiigstagen lange vor den Tagen Abrahams entstanden ist,— („Globus,") — Stürme in der Atmosphäre und Schlagwetter in Kohlengruben. Wir lesen in der„Kölnischen Zeitung": Die Thatsache, daß bei stark fallendem Barometer die Entwicklung explosiver Gase, sogenannter böser Wetter, iir den Kohlenbergwerken häufiger und lebhafter vor sich geht als zu andren Zeiten, ist zuerst 1833 von John Buddle nachgewiesen worden. Später haben Scott und Gallowah 1809 von Unglücksfällen begleitete Erplosionen mit den Witterungszuständcn verglichen und gefunden, daß, wenn das Barometer fällt und daS Thermometer steigt, die Entwicklung explosiver Gase in Kohlengruben besonders sorgfältig beachtet werden>nnß, um Unglücksfälle zu ver- hüten. Je größer der Unterschied im Luftdruck zwischen zwei Stationen ist, oder wissenschaftlich ausgedrückt, je größer die Lustdruck- gradienten sind, um so schneller vollzieht sich die Ansammlung von Grubengasen in der Tiefe, Sehr große Gradienten bedingen aber auch starke Lnftbelvegungen und deshalb sind die Zeiten stürmischer Aufregung der Atmosphäre der Eickwicklung von Schlagwettern am günstigsten. Vor allem gilt dies, wenn vorher geraume Zeit hindurch der Luftdruck sehr hoch war. Nach den Beobachtungen von Nasse kann man als Regel annehmen, daß in einer bestimmten, zur Entwicklung schlagender Wetter neigenden Kohlengrube bei jedem anhaltenden Sinken des Barometers unr eine bestimmte Höhe böse Wetter an den Punkten, wo sie sich überhaupt zuerst zeigen, zu vermuten sürd, Diese Vermutung findet um so gewisser eine Bestätigung, ivenn lange Zeit hindurch hoher Luftdruck geherrscht hat, Der Luftdruck ist allerdings nicht die alleinige Ursache der Gas- entwicklung in den Gruben, diese kann durch recht verschiedenartige Ursachen befördert werden, allein anhaltendes Sinken des Barometer- standes befördert diese Entwicklung in erheblichem Grade, Aus den Untersuchungen zu Karwin ergab sich, daß. wenn innerhalb sechs Stunden der Luftdruck unr 4 Millimeter sinkt, große Gefahr eintritt, Die schon vor Jahren auf zwei Gruben in der Nähe von Aachen angestellten Unterluchungen führten zu dem Ergebnis, daß der Einfluß des Barometerstandes auf die in den Hohl- räumen der Gruben vorhandenen Schlagwetterinasscn ganz unbestreitbar ist, daß er sich aber nicht merklich auf das in der festen Kohle noch vorhandene Gas erstreckt. Öberbcrgrat Hahlachcr machte schon 1887 darauf aufmerksam, daß in den alten Bauten des Saarbrücken Kohlenreviers wohl eine Million Knbik- mcter Hohlräume vorhanden sind, in welchen im Verlaus der Zeit große Massen von Gas sich ansammeln können, die bei rasch sinkendem Barometer zum Teil austreten und in den gangbaren Bauten große Gefahren hervorrufen könnten. Natürlich ist das Vor- handensein und die Entzündung schlagender Wetter zweierlei: letztere Ivird nicht durch den Barometerstand veranlaßt, sondern durch offene Grubenlampen oder Schießarbcit, Die Zeiten plötzlicher Barometer- stürze nach anhaltend hohem Luftdruck und gleichzeitiger Stürme in der Atmosphäre erheischen vorzugsweise Aufmerksamkeit in Bezug auf die Ansammlung von Grubengasen,— Technisches. gr. Der Einfluß der Eisenbahnschwellen auf d a S B e t t u n g s m a t e r i a l. Durch das Befahren der Eisenbahn- gclcise werden im Laufe der Zeit gewisse Veränderungen im Bahn- dämm hervorgerufen, die man dann durch Aufbesserungsarbeiten („Stopfen") zu beseitigen sucht. Die Veränderungen des Eisen- bahndammcs treten erklärlicherweise in der Nähe der Schwellen, ans denen die Geleise ruhen, besonders stark auf. Da ist es nun sehr interessant, daß man durch die Wahl geeigneten Bettungsmatcrials derartige Veränderungen wesentlich herabzusetzen vermag. Mit der Frage des besten Bettungsmatcrials für Eisenbahnschwellen hat sich in letzter Zeit besonders eingehend Baurat Schubert beschäftigt und ist dabei zu recht beachtenswerten Resultaten gekommen. So hat sich z, B, herausgestellt, daß ein aus Thon hergestellter Auftrag selbst bei geringer Benutzung der Geleise bald derartige Aufquellungen auf- weist, daß der Thon zwischen den Schwellen die Schiencniinterkantc erreicht. Dafür bilden sich unter den Schwellen Vertiefungen, in denen sich natürlich Regen usw. ansammelt, so daß derartig ver- legte Geleise im Laufe eines Jahres nicht selten bis zu viermal unter- stopft werden müssen. Bei einem andren aus Thon geschütteten Bahndamm wurde durch Hochwasser die Sandbcttung fortgespült, und trotzdem man dann daS Geleise mit neuem Bettungsmatcrial unter- stopfte, übertrug sich der auf die Schwellen ausgeübte Druck so auf den Damm, daß unter den Schwellen Eindrücke in dem Thonboden Verantwortlicher Redatteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und V»lag: entstanden, die fast so lang und so breit wie die Schwellen selbst wurden und sich bei Regenwetter mit Wasser anfüllten, so daß dadurch die Befestigung der Gekeife-Anlage sehr beeinträchtigt wurde, Sand- schüttung auf Thondämmen vermag nach den Untersuchungen eine bessere Festlegung der Schwellen nicht herbeizuführen, es werden also die Wanderungen und Verschiebungen der Schienen auf derartigen Dämmen durch dieses Mittel nicht beseitigt. Man machte nun Versuche mit Schüttungcn auf minderwertigem Basaltgrus und mit Basaltkleinschlag, Bei dem Kleinschlag aus Basalt genügte schon eine 15 Centimeter hohe Bettung, um das Ge- leise zur Ruhe zu bringen, während man bei dem Basaltgrus bis 25 Centimeter hoch anschütten mutzte, um den Stillstand der Schienen zu erzielen. Die Erfahrungen haben nun ergeben, daß man durch Bettung der Geleise in Steinkleinschlag die 5iosten der Unterhaltung auf etwa ein Drittel derjenigen bei 5ckesbettung zu reducieren vcr-> mag. Es ist aber die Wahl des Steinklcinschlags nicht gleichgültig. indem minderivertiges Material durch die Schläge bei den Stopfungen schneller zerkleinert wird und dann weniger Halt gewährt als Hart- gestern von großer Zähigkeit. In dieser Hinsicht hat sich Kleinsckilag aus Grauwacke oder Basalt sehr gut bewährt, da erst durch etwa 1100 Stopsschlägc zwei Liter dieses Materials zu Staub verwandelt werden, während bei Meißener Granit diese Zerstörung schon bei circa 375 Schlägen beobachtet wurde. Das beste Material für derartige Zwecke ist New S)orkcr Diabas, da hier erst nach ungefähr 1780 Stopf- schlügen zwei Liter Staub entstehen; bei Quarzit sind rund 800 Schläge und bei wenig gutem Porphlir- Kleinschlag sogar nur 080 Stopfschläge erforderlich, um je zwei Liter des Schüttungs- Materials zu Staub zu zerkleinern. Da es für die Sicherheit de? Eisenbahnbetriebes von größter Wichtigkeit ist. möglichst festliegende Gclcise zu haben und da diese Notwendigkeit natürlich mit der Steigerung des Verkehrs und mit der zunehmenden Fahrgcschwindig- keit der Züge an Wichtigkeit gewinnt, so dürfte man in Zukunft die höheren Anlagekosten der Bahndämme mit gutem Kleinschlaganftrag gern in Kauf nehmen, da man ja dadurch nicht nur eine wesentliche Erhöhung der Verkehrssicherheit erzielt, sondern auch bedeutende Er- sparnisse an den Unterhaltungskosten der Strecken zu erwarten hat, so daß sich die höheren Anlagekosten bald bezahlt machen,— Humoristisches. — Nette Aussichten. Braut:„Also meine Mutter wird uns ans der Hochzeitsreise begleiten!" Bräutigam:„WaaaS?... Das gebe ich auf keinen Fall zu!" Braut:„Aber, Liebster, sei doch froh, daß Du überhaupt mitkommen darfst!"— — Charakteristisch, In einer Spiritistenversammlung wird der Geist eines Theaterdirektors citiert. Als dieser den Saal dicht gefüllt sieht, geht ein Schmunzeln über sein Gesicht und händereibend sagt er:„ F a m o s! D a s H a u s i st a u s v e r k a u f t I" — Erster Gedanke. Junge:„Vata, der Nero war« Kaiser!" Vater(VersichcrungSbeamter):„Ja!" Junge:„Vata, woaßt, der hat sei' ganze Stadt an- Z U II d' N!" Vater(aufhorchend):„So, wo war er denn versichert?" („Meggendorfer Blätter".) Büchereinlauf. — ZKorris R o s e n f e l d:„Lieder des Ghetto". AnS dem Jüdischen übertragen von Berthold Feiwel, mit Zeich- nungcn von E, M, Lilien, Berlin. S. Calvary u, Co.— — S, Altenberg:„A u s L i e b e", Novellen, Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag. Pr. 1,50 M,— — G, As müssen:„Eine Idee". Erzählung, Basel- Friedrich Reinhardt.— — Emil Vitrus:„Kampf". Roman. Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag. Pr. 2 M.— — Walter Denk:„Sein S e l b st in o r d". Roman. Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag. Pr. 2 M.— — C. F. S ch a m a n n:„U e b e r w i n d e r", Drama. Leipzig. Julius Werner E. G.— — Fritz Rasiow:„Die Sünderin ohne Schuld". Drama. Berlin. G. A. v. Halem.— — Otto Kunz:„Mama". Drama. Wien und Leipzig. Verlag der k. u. k. Hof-Buchdruckerei und Hof-Verlagsbuchhandlung Karl Fromme.— — C. A r l d t:„Die Funkentclegraphie". Mit einer Einleitung über Wert der Funkentelegraphie für die moderne Schiff- fahrt von Professor Oswald Flamm. Mit 75 Abbildungen. Leipzig. Theod. Thomas.—__ Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstail Paul Singer& Co., Berlin 8W.