Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 46. Freitag, den 6. März. 1903 (Nachdruck verboten� «Z Vas Selä. Roman von Emile Zola. Bis zum Börsenschluß blieb Saccard hartnäckig und drohend auf seinem Beobachtungsposten stehen. Er sah, wie die Säulenhalle sich leerte, wie die Stufen mit der langsam weggehenden, abgehetzten und ermatteten Schar sich allmählich dedeckten. Um ihn herum dauerte das Gcwoge auf dem Pflaster und den Gehwegen fort; ununterbrochen fluteten die Menschen hin und her, die ewig auszubeutende Menge, die Aktionäre von morgen, die an diesem großen Hazardspiel der Spekulation nicht vorübergehen konnten, ohne umzublicken, in sehnsuchtsvoller Scheu vor dem. was hier vorging, vordem Geheimwesen der Finanzoperationen, das für französische Köpfe um so verlockender ist, als nur wenige in dasselbe ein- dringen. II. Als nach seiner letzten heillosen Affairc mit den Vau- Plänen Saccard sein Hotel am Park Monceaux verlassen und seinen Gläubigern preisgeben mußte, um eine noch größere .Katastrophe abzuwenden, da war sein erster Gedanke gewesen, sich zu seinem Sohne Maxime zu flüchten. Seit dem Tode seiner Frau, die in einem kleinen Kirchhof der Lonibardei ruhte, bewohnte Maxime allein ein Haus in der Avenue der Kaiserin und hatte daselbst sein Leben mit wohlüberlegter und hartherziger Celbstsucht�eingerichtet. Dort verzehrte er ohne jede Ausschreitung das Vermögen der Toten. Rundweg schlug er seinem Vater die Bitte ab. ihn bei sich aufzunchnien, damit zwischen beiden das gute Einvernehmen nicht gestört werde, wie er mit seiner lächelnden und verständigen Miene erklärte. Seitdem dachte Saccard an einen andren Zufluchtsort. Schon wollte er sich in Passy ein Häuschen mieten, ein biirger- liche? Ruheplätzchen wie für einen früheren Kaufmann, als er sich erinnerte, daß im Hotel Orvicdo in der Straße Saint- Lazare Erdgeschoß und erster Stock immer noch unvermietet wären, wie aus den geschlossenen Thürcn und Fenstern zu schließen war. Die Fürstin von Orviedo bewohnte seit dem Tode ihres Gemahls drei Zimmer im zweiten Stock und hatte nicht einmal ein Täfelchen über das Hauptthor hängen lassen, an dem das Gras schon emporwuchs. Eine niedrige Thür führte am andren Ende der Fassade durch eine Seitentreppe zum zweiten Stock hinauf. Oft hatte er bei seinen geschäftlichen Besuchen im Hause der Fürstin sich verwundert über die Lässigkeit ausgesprochen, mit welcher diese das Haus gc- hörig auszunützen verabsäumte. Sie aber schüttelte den Kops: in Geldsachen hatte sie eigne Ansichten. Indessen, als er sich selbst als Mieter anbot, schlug sie sofort ein und überließ ihm zum Spottpreis von zehntausend Frank jährlich die fürstlich eingerichteten beiden Stockwerke, die sicherlich das Doppelte wert waren. Man erinnerte sich noch in Paris des unerhörten Auf- wandes des Fürsten von Orviedo. In der ersten.Fieber- aufregung über sein unermeßliches, durch Börsenspiel er- worbenes Vermögen war er ans Spanien inmitten eines Regens von Millionen in Paris eingetroffen: dann hatte er dieses Haus angekauft und herrichten lasse», in Erw,rtnng des erträumten Palastes von Gold und Marmor, mit dem er die Welt in Erstaunen setzen wollte. Das Anwesen war eines jener Luslhäuser, wie sie im vorigen Jahrhundert von adligen Lebemännern inmitten weit ausgedehnter Gärten errichtet wurden: inzwischen zum Teil niedergerissen und in ernsteren Rauinverhältnisscn wieder aufgebaut, hatte es vom ehemaligen Park nichts als einen breiten, von Ställen und Remisen um- gcbenen Hof behalten, der infolge der geplanten Kardinal- Fesch-Sträße sicherem Untergänge geweiht war. Der Fürst hatte das Haus auS der Erbschaft eines Fräuleins von. Saint- Germain erworben, dessen Anwesen ehemals bis zur Rue des Trois-Freres sich ausdehnte, der früheren Verlängerung der Rue Taitbout. Der Eingang von der Rue Saiut-Lazare war geblieben, neben einem langen Bau aus gleicher Zeit, der früheren Folie-Beauvilliers, die infolge eines langsamen Vermögensverfalles noch von der Familie Bcauvilliers be- wohnt war. Diese besaß noch ein Stückchen prachtvollen Gartens mit altehrwnrdigcn Bäumen, die ebenfalls beim be- vorstehenden Umbau des ganzen Stadtviertels verschwinden sollten. Trotz des erlittenen Krachs zog Saccard einen ganzen Schwärm von Dienerschaft nach sich, die Trümmer seines allzu zahlreichen Dienstpersonals, einen Kammerdiener, einen Küchenchef mit seiner Frau, die als Weißzeugbeschließerin diente, eine andre Frau, die ohne bestimmten Zweck da- geblieben war, einen Kutscher und zwei Stallknechte. Ställe und Remisen füllte er an. steckte zwei Pferde und drei Wagen hinein und richtete im Erdgeschoß ein Eßzimmer für die Dienerschaft ein. Dieser Mann hatte thatsächlich keine fünf- hundert Franken in der Kasse, lebte aber auf dem Fuße von jährlich zwei- bis dreimalhunderttausend. So brachte er es denn auch fertig, die großen Gemächer des ersten Stocks mit seiner Person auszufüllen, drei Salons, fünf Schlafzimmer, dazu noch den ungeheuren Speisesaal, in dem eine Tafel mit fünfzig Gedecken Platz hatte. Von hier ging früher eine Thüre auf die innere Treppe und führte zum zweiten Stockwerk in einen andern kleineren Speisesaal. Die Fürstin, die unlängst diesen zweiten Teil des Stocks an einen ledigen Ingenieur Namens Hamelin vermietet hatte, der mit seiner Schwester lebte, hatte einfach diese Thüre mit zwei starken Schrauben versperrt. So teilte sie mit diesem Mieter die frühere Dienerschaftstreppe,'während Saccard die alleinige Benützung der großen Treppe hatte. Einige Zimmer stattete dieser teilweise mit den Trümmern der Part Monceaux-Wohnung aus: die andren ließ er leersichen. Trotzdem gelang es ihm, diese lauge Reihe trauriger und nackter Mauern neu zu beleben, von denen eine eigensinnige Hand bereits am Tage nach dem Tode des Fürsten die allerletzten Tapetenstücke gerissen zu haben schien. Hier begann er nun aufs neue seinen Traum von einem großen Vermögen. Die Fiirstin von Orviedo tvar damals eine der merk- würdigsten Persönlichkeiten in Paris. Vor fünfzehn Iahren hatte sie sich dazu verstanden, den Fürsten, den sie nicht liebte, zu heiraten, um einen ausdrücklichen Befehl ihrer Mutter, der Herzogin von Eombeville zu gehorchen. Damals besaß das zwanzigjährige Mädchen einen großen Ruf von Schönheit und Tugend: obwohl sehr fromm und etwas zu ernst, liebte sie das gesellschaftliche Leben mit Leidenschaft. Sie wußte nichts von den merkwürdigen Geschichten, die über den Fürsten umliefe», vom Ursprung seines auf dreihundert Millionen geschätzten Vermöge»?, noch von seinem Leben voll schauder» hafter Räubereien. Nicht am Waldrand und mit bewaffnetem Arme, wie die alten Raubritter alter Zeiten, hatte der Fürst seine Diebereien verübt, sondern als korrekter Dieb der Neu- zeit, in der hellen Mittagssonne der Börse die Taschen armer, leichtgläubiger Menschen unter Zusammensturz und Mord ausgeraubt. Drüben in Spanien und hier in Frankreich hatte der Fürst bei allen großen, sprichwörtlich gewordenen Gaunereien sich den Löwenanteil geholt. 'Obgleich die Fiirstin nichts davon ahnte, daß diese vielen Millionen in Kot und Blut aufgelesen waren, hatte sie von vorn herein einen Widerwillen für ihn empfunden, gegen welchen ihre Frömmigkeit ohnmächtig bleiben sollte: bald hakte sich zu dieser Abneigung ein dumpfer Groll gesellt, weil sie aus dieser aufgezwungenen Heirat kein Kind bekam. Mütjer- liche Liebe hätte ihr genügt, denn sie schwärmte für Kinder. So aber gelangte sie zu förmlichen! Haß gegen diesen Mann, der, nachdem er die Liebende entmutigt, nicht einmal die Mutter in ihr befriedigen konnte. Um diese Zeit hatte sich die Fürstin in eine» unerhörten Luxus gestürzt, Paris mit dein Glanz ihrer Festlichkeiten ge- blendet und einen Prunk entfaltet, auf welchen die Tuilcrien neidisch waren. Plötzlich, am Tage nach dem Tode des Fürsten, der von einem Schlaganfall niedergestreckt ward, war das Hotel der Rue Saint-Lazare in tiefe Stille und völlige Nacht versunken. Kein Licht, kein Geräusch mehr: Thürcn und Fenster blieben geschlossen, und es verbreitete sich das Ge- rücht, die Fürstin habe init heftiger Raschheit Erdgeschoß und ersten Stock verlassen und sich wie eine Einsiedlerin in drei kleine Gemächer des zweiten Stockes mit einer früheren Kammerfrau ihrer Mutter zurückgezogen, der alten Sophie. von welcher sie aufgezogen worden war. Als sie wieder zum Borschein fam, trug die Fürstin ein schlichtes, schwarzes Weit- kleid und hatte das Haar durch ein SpitzenfAhu verdeckt. Sie war inimer noch nett und rundlich mit ihrer schwarzen Stirn und ihrem hübschen, vollen Gesicht, mit den Perlzähnen zwischen den sestgeschlossciien Lippen� aber ihre Gesichtsfarbe war bereits gelb und ihr Gesicht stumm und verschlossen, wie durch lange Klostereinjamkeit erstarrt. Erst dreißig Jahre alt, hatte sie seitdem nur siir Werke der Mildthätigkeit gelebt. Groß war die Ueberraschung in Paris, und es gingen allerlei merkwürdige Geschichten um. Die Fürstin hatte das gesamte Vermögen geerbt, die berühmten dreihundert Millionen, mit denen selbst die Zeitungen sich beschäftigten. Tie Lesart, die sich schließlich einbürgerte, war eine romantische. Ein Mann, ein schwarz gekleideter Unbekannter — so erzählte man— war eines Abends, als die Fürstin zn Vett wollte, mit einem Male in ihrem Zimmer aufgetaucht, ohne daß sie jemals begriffen hätte, durch welche geheime Thür er Eingang gefunden hatte. Was dieser Mann zn ihr gesagt hatte, das wußte niemand ans der Welt; aber er hatte ihr wahrscheinlich den slnchwiirdigcn Ursprung der dreihundert Millionen enthüllt und vielleicht von ihr den Schwur gefordert, das viele Ungemach wieder gut zu machen, wenn sie schreck- lichen Unglücksschlägcn entgehen wollte. Tann war der Mann verschwunden. Seit fünf Jahren war sie nun Witwe, und— geschah es wirklich, um einem Befehl ans dem Jenseits zu gehorchen, oder hatte sich vielmehr ihr redlicher Sinn empört, als sie die Akten über ihr Vermögen in Händen hatte?— That- sache blieb, daß sie mir»och in einer Fieberglnt von Entsagung und Vergeltung lehte. Bei dieser Frau, die niemals geliebt hatte und die nicht hatte Mutter sein können, entsaltete sich der ganze Schal; zurückgedrängter Liebe, vor allen» die vergebliche Liebe z» einem Kind, zn üppigen Blüten, zu einer wahren Leidenschaft für die Armen, die Schwachen, die Enterbten. die Leidenden, deren gestohlene Millionen sie in Verwahr zu haben glaubte und denen sie dieselben in königlicher Frei- gebigkeit. in einem Regen von Almosen zurückzuerstatten schwur. Von nun ab bemächtigte sich ihrer eine fixe Idee und bohrte sich tief in ihren Geist ein. Sie betrachtete sich nur noch als einen Bankier, bei welchem die Armen dreihundert Millionen niedergelegt hätten, damit sie zn ihrem Besten möglichst vorteilhaft verwendet würden: sie war von da ab nur noch ein Buchhalter, ein Geschäftsführer, und lebte in Zahlen, inmitten einer Zahl von Anwälten, Baumeistern und Arbeitern. Außerhalb hatte die Fürstin große Geschästsrmune mit etwa zwanzig Angestellten eingerichtet. Bei ihr zu Hause, in ihre» drei engen Zimmer», empfing sie nur vier oder fünf Vermittler, ihre Adjutanten. Tort brachte sie ihre Tage am Schreibtijch zu, wie der Leiter großer Unternehmungen, m klösterlicher Abgeschiedenheit, fern von den Zudringlichen, unter einem hoch angeschwollenen Hausen von Papieren. Ihr Traum ging dahin, jegliches Weh zu mildern, von dem Kinde an, das über sein Tafein Schmerz enipsindet, bis zum Greise, der nicht ohne Schmerzen sterben kann. Während der letzten fünf Jahre hatte sie das Geld mit vollen Händen hinaus- geworfen. In La Villetts hatte sie die„Marien-Krippe"'He- gründet, mit weiße» Wiegen für die Kleinen, mit blauen Bettchen für die Größeren, eine großartige, lustige Anstalt, die schon von dreihundert Kindern besucht war; ferner im Vorort Saint-MandS eine Waisenanstnlt»Zum heiligen Joseph", in welcher hundert Knaben und hundert Mädchen eine Erziehung und Ausbildung erhielten, wie man sie in Bürgerfamilien bekommt: schließlich in Chlltillon ein Pfründnerhaus für Greise, in welchem fünfzig Männer und fünfzig Frauen Aufnahme finden konnten, sowie ein Spital mit zweihundert Betten in der Vorstadt Saint-Marceau. Letztere Anstalt war eben erst eröffnet worden. Aber ihr Lieblings werk, dasjenige, welches in diesem Augenblick ihr ganzes Herz in Anspruch nahm, das ivar ein„Heim der Arbeit", ihre ureigne Schöpfung, ein Heim, welches die Zwangserziehnngs-Anstalt ersetzen sollte, und in welchem dreihundert.gmder, je hundertundsünfzig Mädchen und hunoertilndfünfzig Knaben, die auf dein Pariser Pflaster von der Liederlichkeit, vom Verbrechen hinweg aufgelesen waren, durch libcvolle Pflege und Erlernen eines Handwerks zu guten Menschen heranwachsen sollten. Außer diesen verschiedenen Gründungen hatten bedeutende Geldspenden, eine tolle Verschwendung im Wohlthun binnen fünf Jahren fast hundert Millionen aufgezehrt; noch einige Jahre so weiter, dann war die Fürstin ganz verarmt, ohne sich selbst die kleine Reute gesichert zn haben, die für Brot und Milch, ihre jetzige Nahrung, notwendig lvar. Wenn ihre alte Magd Sophie ans ihrem beständigen Schweigen heraus- trat und mit rauhen Worten scheltend weissagte, sie werde noch als Bettlerin sterben, dann antwortete die Fürstin mit einem schmerzlichen Lächeln, dem einzigen, welches hinfort aus ihren farblosen Lippen erschien, einen» Lächeln voll gott» seliger Hoffnung. (Zortsctzluig folgt.) von Cbarpentier. In der Geschichte des musikalischen Dramas bat die sogetiamite Emanzipation der Masse» vielleicht noch mehr Bedeutmu, gewomcen als in der Geschichte des Sprechdramas. Aubers.Stumme von Portici" loird hier an erster Stelle genannt; ihre Aussiihrung zn Brüssel ISg» wirkte geradezu als ein Haupttricb deS Llusstandcs. der zur Unabhängigkeit Belgiens führte. Seither hat die Oper vieles in ihr Bereich gezogen und an nnisikalischcr Durchbildung der Chöre nichts fehlen lassen, ist auch tiefer ins wirkliche Leben gestiegen als bloß zn verliebten und vcrschäferte» Fürsten. Allein türme r noct» bleibt doch das Solo, die Aussprache der einzelnen Person, mag dies« noch so typisch gefaßt sein, ihre Hauptsache. Namentlich in Deutsch- land: hier hat Richard Wagner nicht nur durch ein Zurückgehen auf ideale Fernen, sonder» auch erst recht durch eine Konzentration auf den Sologesang gewirtt.£b für eine Emanzipation dessen, was da noch zn emanzipieren ist, Tciitschlaud den richtigen Boden bildet? Man mag es bezweifeln nicht nur wegen der uns eignen llnrnündig keit weiter Kreise, sondern auch noch ans einem andren Grunde. Bei uns hat der Künstler wenig Fühlung mir dem Bolisganzen. und dieses wenig Fühlung mit der Kunst. Eine Hauptschuld daran trägt die unleidliche Betrachtung der Kunst von» sittlichen Staudpunkt«us. dem sie ja niemals widersprechen kann, so tvcnig wie etwa die rote Farbe und ein Viereck einander widersprechen können. Man erlaubt uns nicht das Schallen um des Schärens, das Pherntasicrcn um des Phan- tasiereus willen; immer muß gleich die Moral oder die Polizei dabei seil,. Damit mag es auch zusainmenhängen. daß wir, zumal in» Norden, keine rechte Boheme haben und mit dem künstlichen Züchteir ihrer Aeußerungsweisen, mit dem lleberbrcttl. uns nur lächerlich geinacht Häven. In Paris hat nicht nur, wie wir hören, die Boheme den Pariser dazu erzogen, Kunst als Kunst zu nehmen, sondern sie war eben auch möglich, lveil ihr ein allheimisches artistisches Fuhlen entgegenkam. Den Ausdruck, den ihr der Dichter Murgcr mit seinem „Zigeunerleben" gegeben, hat Pueemi in seiner.Boheme" neu gc- faßt. Wir hatten ja mit dieser Oper bereits im Borjahre zn thiit, gehabt. Auch hier mehr die einzelnen Figuren, als Masse und Straße I Ein musikalisches Bühnciiwerl aber, das nicht blas; Bilder und Einzelfigiiren ans dem Bohemelcben bringt, das ganz und gar deu Gesamlcharakter dieses Lebens vorführt, seine Loialfärbiing, sein Atmen und Rufen, sein Zusammenhalten und Auseinandergehen, das kann, wenn gut gemacht, ein Lieblingöstück des Volkes werden. Das wird wahrscheinlich C Harpentiers neue Oper„Paris" werden, lind das ist vorläufig mit Ziecht und Unrecht der„Musikroman"' ,.L o ii i s e". Dichtung und Musik von Gustav Eharpentier» geworden. Seit der Premiere in der Opern comique zu Paris. 2. Februar 1900, die einer der gewaltigsten Opcrncrfolge überhaupt war, ist der Dichterinnsiker ein Liebling des großen und zumal d«S kleine!» Paris, aber auch des Auslandes geworden, in so hohem Maße. daß den„Louise"- Aufführtmgen ans verschiedenen deutschen Opern- bühncn unser Opernhaus schon vor Jahresfrist nachfolge,» wollte und mertwürdigertveife sein Versprechen bereits jetzt eingelöst hat. Vorgestern(Mittwoch) fand hier die erste Berliner Ausführung statt. mit dem in solchen Fällen üblichen Erfolg, d. h. einem, der vor andren» kaum viel anders gewesen wäre, nur daß ein Bemühen um noch mehr Erfolg deutlich zu merkei» war. Die Handlung deS Stückes? Es mutz nicht immer gehandelt sei». Weltgescknchte und Dramenstoff, zumal Romanstoff, könne,» nicht mir aiis Begebenheiten, sondern mich aus Zuständen und Dis- Positionen bestehen. Daß Louise, die Arbeitertochter. ihrer zanlendei» Mutter und ihrem entgegenlommenderep Vater ciitslicht, um sich mit dem Künstler Julien zu vereinigen; daß sie von der begeistertet» Bohöme-Menge zur Muse des Montmartre, des Stadtviertels der Künstler, gekrönt wird; daß die Mutter sie zum kranken Vater nach Hause ruft, und daß sie schließlich doch Ivicdcr zur Freiheit zurück- kehrt: das ist zusammengenommen lange nicht so wichtig und wert» voll, wie die berühmten„Rufe von Paris", die recitativischen An- preisungen der Straßenhändler, nicht so ivichtig und wertvoll wie die reich verstreuten und noch reiche» wiederholten Begcisterungs- und Behaglichlellsihcmei, der Bohümiens. und ist— offen gesagt— recht sehr sentimental. Ja, überhaupt: Charpentiers Stück ist ein Meister- werk, und die Boheme hat er als Dichter und als Komponist von Einzelheiten wirklich in leuchtender Anschaulichkeit vor uns gezaubert. Nur das Ganze kam» uns weder durch seinen dichterische»» Kern noch durch die Grundzüge seiner Musik als ein wirkliches Dar- stellen der Boheme, ja selbst nur überhaupt einer eigenartigen Welt. erscheinen. Nein: das ist ein herrliches Geschenk für sie, aber nicht von ihr; das ist ci>» Liedtverk, das nicht schwer zn etwas von Zigcnnertum weit, weit.Entferntem umgewandelt werden und in irgend einem philharmonischen Konzert eLensallö zur Geltung kommen könnte. Ilm der kunstvollen Motivarbeit tvillen würde Charpentier nicht der Liebling seines Hdmatbodcns. des Montmartre, geworden sein. Er ist es vielmehr deshalb geworden, weil er eine gute Musik geschrieben und diesem Boden gewidmet hat, als weil er diesen Boden hat erklingen lassen. Massenaufzüge aus der Bühne thun's an sich noch nicht; und was Louise und Julien einander vorsingen, ist fein komponierter Schmachtgesang des internationalen Cpernbodcns. Als sentimentalen Komponisten von Slimmungseindrücken hat man ihn ja bereits vor seinem Weltruhm gekmmt. Nun aber geht er fast ganze Akte lang sogar ins Lauientable und Larmohante und Lang- weilige. lieber vier Stunden zieht sich, einschliesslich der langen Pausen, die Oper hin; immer und immer wieder schmacliten sich die �jloeie an. und jede Gelegenheit wird benützt, um Rhetorik loszulassen. Paris wird mehr migehimmclt. als wir eigentlich von ihm erfahren. Doch sobald die Massevfiguren auftauchen, steigert sich die Kunst des Komponisten zu seiner eigentümlichen Höhe. Das Ineinander- arbeiten der Pariser Rufe und Ttimmungsäutzcrungen, zum Teil hineingeflochten in die Liebeslyrik, ist ganz einzig gemacht, das Auf- ziehen der Jestteilnchmcr zur Krönung sogar so. wie wir es von Wagner nicht besser denken können. Und dabei immer die vornehme. bescheidene Faktur im Orchester, meist mit einer wohlerwogenen Aus- lese der Instrumente, nur manchmal wie im Schrecken auffahrend. Wäre Eharpentier ein berechnender Effektmacher, so würde er wahr- scheinlich nicht der Versuchung erlegen fein, im dritten Alt in den tollen Festjubel eine grellen Bruch hineinzubringen. Wie in ober- bayerischen Volksstücken dann, wann der Schuhplattler am lustigsten tollt, der Intriguant hineinschicsst, so steht hier plötzlich inmitten der Festesfreude die dunkle Gestalt der Mutter Louiscns. Meine Nachbarn haben mir hoffentlich mein„Pfui Teufel!" nicht übel- genommen. Charpeickier hat das anscheinend ganz naiv gemeint. nicht raffiniert, wie Ponchielli ähnliches in der„Gioconda" gethan hat. Selbst Mcyerbeer würde vielleicht diesen Effekt milder aus- geglichen haben. Allein der bescheidene, so gar nicht posierende Mann, der sich uns da nach den letzten Altschlüssen wiederholt zeigen muhte, hat wahrscheinlich keine Ahnung vmi Unnatur und fällt darum desto unbedenklicher hinein. Und dass er des tiefsten und echtesten künst- kerischen Wirkens fähig ist. das zeigt der ganz einzige Schluß deS Ganzen, der uns mit allem Bisherigen, mit den unsäglichen Breiten und den manchmal recht sehr verschwimmenden Themen versöhnt. Dazu trug denn auch die Darstellung, war sie gleich nichts Eigenartiges und kaum tiefer vorbereitet, viel Gutes bei. In erster Reihe möchten wir Herrn Hoffmann und Frau G o c tz e als die Eltern Louisens nennen: so schön und zugleich sprechend hört man nicht bald wieder singen. Fräulein D e st i n n hatte in der langen Titelrolle eine um so schwierigere Ricscnausgabe zu bewältigen, als ihre Stimme nicht ebenso blühend an Schönheit wie gewaltig an dramatischer Kraft ist, und als sie sich erst allmählich„frei singen" muhte. Im übrigen mühten wir beinahe die ganze Personalliste des Opernhauses abschreiben und charalterisiercn. da die meisten ersten Kräfte auf die kleineren Massengestalten verteilt Ware». Die Regie D r o c s ch c r s glänzte wieder stark im Grossen und schwächer im Kleinen, und die Dirigicrung Tr. Mucks fand ihre verdiente Ertra- Anerkennung. So haben wir dem, auch den gefühlvollen Laivisen-Roman aus Paris und seine, alles in allem wirklich kunstvolle Rettung durch die Musik glücklich hinter uns und wünschen ihm daS Beste. Vielleicht trägt er dazu bei, auch in uns etwas von dem Pariser Weltgut des rein artistischen Fuhlens und der Achtung auf die heimische Pro- duktion keimen zu lassen.—' sz. Kleines feuületon, c. Ter Sprachschatz des Kindes. Jedes Elternpaar, das die Entivicklung seiner Kinder beobachtet, nimint mit besonderem Inter- esse die ersten mühsamen Sprechversuche wahr. So einfach diese ersten Versuche des KindeS, Worte zu bilden, den meisten erscheinen mögen, so erheben sich doch für den Psychologen eine ganze Reihe schwieriger Fragen, die schon zahlreiche Forscher beschäftigt haben. Eine zusammenhängende Darstellung der Sprachentwicklung deS Kindes gicbt der Züricher Professor E. M c u m a n n in einer kleinen Schrift, die er unter dem Titel„Die Sprache des Kindes" in den Abhandlungen der Gesellschaft für deutsche Sprache in Zürich soeben veröffentlicht hat. In einein besondere!, Abschnitt stellt er den eigentlichen Werdegang des Sprechens in Sätzen in den Hauptstadici, der Entwicklung dar. Die Satzbildung beginnt beim Kinde, wie jetzt übereinstimmend angenommen wird, mit den sogenannten„Satz- Wörtern", d. h. mit einzelnen Wörtern, welche für das Kind die Bc- dcutung von ganzen Sätzen haben. Die ersten Worte des Kindes bezeichnen nach Meumann nicht einen einzelne!, Gegenstand oder Vorgang, sondern sie drücken in der Regel einen Wunsch, ein Be- gehren oder eine GernütsstiMmung aus, also etwas, was der Er- wachscne mit einem Satze bezeichnen würde. Der Physiologe Prclier, der an seinen, Knaben Axel zahlreiche Beobachtungen angestellt hat, führt an, dass das Wort„tul" bei seinem Kinde heißen konnte: N. mein Stuhl fehlt; 2. mein Stuhl ist zerbrochen; 3. ich möchte auf den Stuhl gehoben werden; 4, hier ist mein Stuhl usw. Ein andres .Kind sagt„Garten" und meint damit,„ich möchte in den Garten gehen"; ein Kind sagt„bellt", wenn es sagen wollte:„der Hund bellt";„bav" sollte heißen:„meine Kindcrwärterin ist brav";„mid" bedeutete:„ich will mitgehen;„ball" wird gesagt statt:„ick, will mir dem Ball spielen". Diese Satzwörter Ivcrdcn sehr bald ver- drängt durch die ersten Anfänge einer wirtlichen Satzbildnng. Zunächst werden immer zwei oder mehrere Hauptwörter einfach au- einander gereiht ohne jede Verbindung und ohne jede grammatische Flexion. Ein Kind rief im zwölften Monat:„pnpa. rnama"; das sollte eine Erzählung sein und ausdrücken:„Papa brachte mich zur Mama". Die meisten Ansänge zur Satzvildung treten jedoch erst viel später hervor. Nur in einzelnen Fällen verursachen leb hast« Affekte des Kindes ein Hervorstotzen kurzer Sätze, wie üverhaupv die Affcktsprache der normalen Entwicklung bielfach weit voraus-- greift. Daher find auch die ersten Sätze vielfach Wunschsätze. Das Kind Steinthals sprach als einen seiner ersten Sätze:„papa Hut'* lder Papa hat den Hut ausgesetzt). Preyer berichtet als ersten Satz seine- Kindes:„heim mimi"(ich möchte heim gehen und Milch trinken) und bald daraus:„papa mimi"(Papa hat die Milch ver- fchüttet). Im weiteren Forrschritt werden längere Sätze durch An- einouderreihen von Worten aufgebaut und steigern sich zuweilen zu ganzen Erzählungen, ohne dass eine Konsugaiion hervortritt. En* Kind erzählte im 23. Monat:„fallen tul dein Anna ans"(Hans ist an das Bein des Stuhles gefallen, ans dem die Anna sass). Oder? „arten besne tittcn backt eine puff anna"(Wir Ivaren im Garten, haben Beeren und Kirschen gegessen, in den Bach Steine geworfer» und sind der Anna bcgegnei). PreyerS Arcl bildete folgenden merk- würdiget, Satz:„mimi atta teppa papa vi"(Tie Milch wurde auf den Teppich geschüttet. Papa sagte psnil). Ilm die Ausbildimg der einzelnen grammatischen Formen festzustellen, habe» sich amerikanische Psiichologcii bemüht, Vokabularien voi, Kindern anzulegen- in denen die einzelnen Worte nach Kategorien eingetragen ivurdcn. Harlow ttzalc überivachte in Gemeinschast mit seiner Frau seine drer Kinder ii'/j Jahre lang täglich und führte genau über ihre Gespräch« Protokoll, so dass er die Statistik der vorhandenen Worte durch eine Statistit über die Häufigkeit ihres Gebrauchs ergänzen konnte. Im allgemeine!, ergiebt sich für das erste und zweite Lebensjahr des Kindes ein beträchtliches Ileberwicgen der Hauptwörter und Zeit- ivörter, lvährend die Eigenfchaftswöricr stark zurücktreten. � Die Kinder beobachten zuerst das Ganze, nicht die Teile. Nach Ioht» Dewcy hatte ein neunzehn Monate alter Knabe im ganzen IIS Wörter. Von diesen waren t!b Proz. Hauptwörter, 2l> Proz. Zeil- Ivörter, aber nur 11 Proz. Eigenschaftswörter: daneben besass er vier Umstandswörter und sechs AuSruf ungswörter. Die Binde- Wörter, Verhältniswörter und Fürwörter fehlten gänzlich. Auch die andern Statistiken lieferten ähnliche Ergebnisse. Ueberrasck�n» erscheint es. dass die Zeitwörter nicht in einer relativ grösseren Zahl vorkommen, da Borgänge, Ereignisse und Handlungen die Kinder weit mehr interessieren als ruhende Gegenstände und deren Eigen- schaftcn. Das Rätsel löst sich, wenn man die Häusiglcit des Gc- brauchs der einzelnen Wortklassen mit in Betracht zieht. Aach der Gebrauchsstatistik von Gale find in den, Ivirllichen Sprechen des Kindes die Zeitwörter über alle andern Wörter ganz ausserordentlich überwiegend; eines seiner Kinder sprach an einem Tage 372 Haupt- Wörter, während es sich 1322 mal mittels der ihm vcrsügbaren Zeit- Wörter ausdrückte. Dagegen gebraucht nach einer Statistik der gc- bildete Amerikaner CH Proz. Hauptwörter, also genau so viel wie das Kind, aber nur 11 Proz. Zeuwöricr. nur halb so viel wie das Kind, dagegen 22 Proz. Eigenschaftswörter gegenüber 9 Proz. bei», Linde. Im Interesse de- KindeS herrsche!, Borgänge und Thaiig- ketten bor, lvährend der Erwachsene eine weit größere Fülle von Eigenschaften benennt als das Kind.— Kulturgeschichtliches. y. Bilder ans dem Familienleben in der guten. alten Zeit. DaS goldene Zeitalter unsrer Schwarzen hat be- kaimtlich in Wirklichkeit erheblich anders ailsgesehen, als es sich in den poetischen Phantasien romantisch angehauchter Gemüter aus- nimmt. Das gepriesene Mittelalter entspricht, mit nüchternem Auge betrachtet, den vorgefassten Meinungen der Leute, deren Ideal in der Vergangenheit liegt, nicht im mindesten: ebensowenig, wie aus andren Gebieten, ans dem der Sittlichkeit. Wenn nian den Maßstab unsrer Sittlichkeitsapostel von der Cciitrumspartci an die fromme Glaubenszcit anlegen wollte, so käme sie sehr schlecht weg. Welche weitherzigen Begriffe der christliche Adel deutscher Nation in der Blütezeit des Rittertum- hatte, geht zur Genüge aus der allbekannten Thatsache herbor, dass der ganze Minnesang sich um Liebesverhältnisse mit verheirateten Frauen dreht. Und tief blicken läßt auch ein Vers, der sich bereits bei Gotlftied von Strassbnrg findet: „Minne, aller herzen küni�in diu ist urnb kouf gemeine." Zwei Jahrhunderte später(1438) bemerkt die Reformation Kaiser Sigismunds, das erste revolutionäre Manifest in deutscher Sprache. lakonisch:„niemand haltet die ee, als recht lvär". Ein niederdeutscher Dichter stellt die Behauptung auf. unter den erwachsenen Mädchen finde man kaum eine Jungfrau. Ans dem Gebiete der allgemeinen Redensarten führt zu konkreten Fällen hinüber eine merkwürdige Sammlung von gerichtlichen Verhandlungen, die gegen Ende des Mittelalters der Nürnberger Rechtsgelehrte Albrecht v. Eyb anlegte. Davon beziehen sich neunzehn auf Ehesachen, die zwischen 1450 uild 70 in den fränkischen Städten Bamberg, Eichstätt und Nürnberg vor den Richter gebracht wurden. In zwei Fällen handelt es sich um Bigamie, in drei um Ehebruch. Da klagt z. B. die Nürnberger 184- Ehefrau Klara Gruber gegen ihren Mann auf Scheidung: als Be- lasiuugSzeugcn erscheinen die„Stadtlnechte". die gelegentlich einer Visitation der städtischen Bordelle den Ehemann Grnber in SilM-anti ertappt hatten. Die ineisten Affairen in Ehbs Gutachtensammlung drehen sich um Eheversprechen. zu deren Einhaltung der eine Teil den andern auf dein Klagclvcge zwingen will. Weitaus der interessanteste unter diesen Fällen dreht sich um ein galantes Abenteuer der Nüniberger Patriziertochter Barbara Löffelholz und eröffnet einen erbaulichen Einblick in das Familienleben der regierenden Kreise in der freien Reichsstadt. Im Herbst des Jahres 1405, klagte der junge Riirnverger Patrizier Sigismund Stromer beim DckanatSgericht zu Bamberg gegen die schöne Barbara ans Einhaltung eines ihm gegebenen Eheversprechens. Durch einen zahlreichen fZengenapparat wurde folgender Thatbestand fest- gestellt: Stromer hatte sich feurig um Barbaras Liebe beworben und durch kostbare Geschenke seine eigne Liebe zu erweisen gesucht. Seine Neigung war nicht rmcrloidert geblieben. Bor Gericht»uiffte Barbara, die sonst von nichts wissen wollte, u. a. zugeben, das: sie zu Stromer gesagt habe:„Liebe mich als ich dich, nit inere liege r ich". Noch ganz andre Liebesbcweise Von ihrer Seile Warden aber bor allem durch die Zeugenaussage ihrer Base ltrsnia festgestellt, die als Hanptbelastungszeugin auftrat und ganz»mbefangen Sachen bekundete, wodurch sie nach heutigen Begriffen sich selber aufs schwerste belastete: wegen Klippelei. Die gute Base Ursula gehörte zu der vornehmen Familie der Holzschuber, bei der die Verivaisie Barbara Löffelholz viel verkehrte, und war die Bnsenfreundin der Beklagten. Daher wußte sie auch um daS zarte WerhältniS zu Sigismund Stromer Sie ivutzte auch, daß Barbara ihren Liebhaber aufgefordert hatte, sich größere Freiheiten herauszunehmen. Die Gelegenheit dazu beeilte sich Ursula Holzschicher zu biete». Sie war nämlich in derlei Sachen für ihren jungfräulichen Stand merkwürdig gerieben. DaS kam aber daher, weil sie mit dem Patrizier Paul Jmhoff verlobt lvar und von ihrem Bräntigan, nächtliche Visite im Hause ihrer Eltern an- «ahn!._Dn sollten denn auch die Barbara Löffelholz und Sigis- mund Stronier ein nächtliches Stelldichein unter vier Augen haben. Das erste derartige Tete-a-tete arrangierte Ursula in der Fasten- zeit 1465. Die Liebenden wurden in einer.Kammer des Holzschnhcrschcn.Hanfes allein gelassen. Horcher vor der Thüre vernahmen aus Barbaras Munde dreimal die Worte: „Do seh got vor, daß ich keinen andern neme dann euch." Bezeugt von der Tochter dcS Hauses und von Johannes Berlin aus Dinkelsbühl. Was in aller Welt dieser Mensch » litten in der Nacht unter solch delikaten Umstünden ini Holz- f huherschen Hause zu suchen hatte, mögen die Götter wissen. ES 1 nnmt aber noch besser. In derselben Nacht war Jungfer Ursula in i wer.Kammer mit ihrem Liebsten Paul Jmhoff beisammen. Beide bezeugen nun in Ucbereinsttmmung mit SttomerS Behauptungen, daß dieser mitten in der Nacht zu ihnen hereingekommen sei, sich auf ihr Bett gesetzt und gesagt habe:„Die barb hat mir die Ee gelobt." Dann erschien auch Jungfer Barbara und nahm an Stromers Seite auf dem Bett ihrer Freundin Platz. Als»im Stromer auf Barbara lind sich selber deutend meinte:„Do sitzen zlvey eelewt," hatten sie nichts dagegen einzureden.' sondern scherzte, indem sie ihn leicht auf die Schulter schlug:„Jr seht ein rechter speyer, ir kunt nichtz verschwcygcn und müßt alle Dinck swatzen." Derartige Zusammenkünfte fanden dann noch sechs im Holzschuherschen HauS unter Ursulas Protektion statt. Nachher aber wurde Barbara ihres Getreuen überdrüssig. Im Herbst bandelte sie mit dem gerade ans Italien zurückgekehrten Dr. Johannes Pirckheimer an und ehelichte ihn. Wie in Stromers Sache das Urteil gelautet hat, ist nicht bekannt. Daraus aber, daß Barbara noch 1430 Pirckheimers Gattin war, läßt sich schließen, daß nicht Stromers Verlangen gemäß ihre Ehe für nichtig erklärt worden ist. Sie hatte bereits am Lt. März 1466 ihrem Gatten ein Töchterchen beschert, die nachmals als Gelehrte so berühmt gewordene Charitas Pirckheimer. Die Latcrfrende wird nicht groß gewesen sein.— Physikalisches. — Messung hoher Wärmegrade. Lmnmer und PringS- heim ist eS gelungen, durch die ausstrahlende Hitze cincS hohlen Kohleci'linderS Tempcrattirmeffungcn bis zu 2300 Grad Celsius an- zustellen und damit den bisherigen MessungSbercich um etwa 1000 Grad Celsius zu erweitern. Bis vor kurzem war eine einwandfreie, genaue Messung hoher Temperaturen nicht über 1100 bis 1200 Grad Celsius möglich, da bei höheren Wärmegraden das zur Messung dienende GaSthermomcter infolge WeichwerdcnS und Formvcrändernng seines Porzellan- oder PlatinvehältcrS nicht mehr richtig zeigte. Man hat zwar auch früher, und zwar fast ausschließlich mit dem Thermo-Elcmcnt, höhere Temperaturen als 1200 Grad EelsiuS gemessen, aber die bei allen genau meßbaren Temperaturen überraschend regelmäßige Beziehung zwischen Temperatur und elektromotorischer Kraft dcS Thcrmo-ElcmcnteS entbehrt doch der theoretischen Grundlage, die uns die aufgestellten Gcjctze mit Sicherheit als richtig erscheinen ließe. Noch weit lveniger einwandfrei ist die Methode, die Bcrthelot zur Messung hoher Temperaturen anwandte. Er bestimmte nämlich die Temperatur des elektrischen FlammenbogenS, indem er von den weißglühenden Kohlenenden abgeschlagene Stückchen in ein Wasser- kalonmeter hineinfallen ließ und aus der Temperaturerhöhung des Kalorimeters unter einer sehr zweifelhasten Annahme der specifischen BeranUvortlicher Redakleiw: Carl Leid in Berlin,— Druck und Bering: Wärme der Kohle bei hohen Wärmegraden auf die Temperatur de» FlammenbogenS schloß. Eine genaue Messung von Temperaturen, die über 1200 Grad liegen, ist erst möglich geworden, nachdem eme Methode angewandt werden konnte, die durch Arbeiten von Boltz- mann, Kohlrausch, Rüben, Stefan, Wien u. a. physikalisch und mathemattscb festgelegte Sätze anwendet und auf der Ausstrahlung „absolut schwarzer Körper" beruht. Ein von Stefan aus Versuchen und von Boltznrann mathematisch abgeleitetes Gesetz besagt, daß die Strahlung eines absolut schwarzen, d. h. eines Körpers, der sämtliche Strahlen jeder Welleulage absorbiert oder verschluckt. proporttnal der vierten Potenz der absoluten Temperatur des Körpers ist. Aehnliche Gesetze sind von Wien abgeleitet worden. Um daher irgend eine beliebig hohe Temperatur zu messen, braucht man nur ein Bolometer oder ein andres StrahllmgSinstrument einem schwarzen Körper, der diese Temperatur hat, auszusetzen und die von diesem ausgehende Strahlungsenergie zu messen. Der absolut schlvarze Körper" besteht dabei einfach aus einer Oeffnung in einem hohlen Chlinder, dessen Wandungen die zu messende Temperatur be- sitzen. Lummer und Pringsheirn benutzten einen hohlen Kohle- chlinder und führten genaue Messimgen bis zu einer Temperatur von 2300 Grad Celsius aus, bei der ihr Chlinder durch den Sanerltoff der Luft verbrannt wurde. Sie hätten indessen durch Umgeben des- selben mit einer Stickstoffatmosphäre jedenfalls noch höher kommen können.—(„Technische Rundschau".) Technisches. u. �lebc mittel für Photographien. Die kleinen Neben- und Hilfsarbeitcn inachen dem Amateurphotographen häufig fast so viel Beschwerde, wie ihm die eigentlich photographische Thätig- keit Freude bereitet— aber schließlich müssen auch diese Reben- arbeiten ausgeführt werden. Zu ihnen gehört das Auftleben der Photographien auf Kartoupapicr um so mehr, als sehr viele der häufig angewandten Klebemittel nicht die gehörige Bindesähigkeit be- sitzen. Ersahrene Praktiker empfehlen nun zur Herstellungeines guten Klebemittels für Photographien folgendes Rezept: 40 Teile guten Körnerleims lasse man in 100 Teilen Wasser quellen und schmelzen. Hierauf fügt man 4V Teile Stärke, die mit 40 Teilen Wasser verrührt wurden, hinzu. Diese Flüssigkeit wird nunmehr, am besten auf einem Wajjerbadc. um sie vor zu jäher Erhitzung zu bewahren, so lange erwärmt, bis das ganze Gemisch völlig durch- kleistert ist: dann werden noch fünf bis zehn Teile Terpentinöl dazu gefügt. Dies Klebemittel muß lauwarm verwendet werden, d. h. es braucht nicht etwa jedesmal, wenn man es braucht, neu her- gestellt zu lverden, sondern man kann es aufheben und jedesmal vor der Verwendung erwärmen.— Notizen. c. Ein neuer Roman von I. K. H u y S m ans, ,. L'O blat", ist soeben in Paris erschienen. Dieser Band, der eine Fortsetzung von„En Route" und„La Cathödrale" ist, enthält eine genaue Studie aus dem Leben der Benediktiner.— — Autor und Kritiker. Dem Kritiker der„Times". Mr. W a l k l e y, wurde am Dienstag der Eintritt in das Garrick- Theater auf Veranlassung des Autors der Premiere H. A. JoneS verwehrt. Jones verlangte, die„Times" solle einen andern Krittler senden, da Walklcy ihn ungerecht behandle.— — Am Mittwoch gab Richard Strauß mit dem Ton- k n n st l e r- O r ch e st e r im großen Mlisikvereinssaal zu Wien ein Konzert. Der Beifall war ungeheuer. Auf dem Programm standen: Richard Strauß„Aus Italien", Liszt„Tasso", Tschaitowsky„Der Wojwode", Richard Strauß„Tod lind Verklärung".— — Eine neue Operette von Charles Lecocq. Aetta". gelangt in dieser Woche im TWätre des Galeries in B r ü f f e l zur ersten Aufführung. In Paris will Lecocq seine Operetten nicht mehr aufführen lassen, da man dort„keine Ahnung mehr habe, wie ein sokches Werk in Scene zu setzen sei".— — Zur Erforschung Mittel- und O st a s i c n S in geschichtlicher, sprachlicher, nrgeschichtlichcr und völkerkundlicher Hinsicht ist beim russischen Ministerium dcS Aellßern ein Ausschuß errichtet tvorden, der Gelehrten ohne Unterschied der Staats- a n g e h ö r i g k c i t die Teilnahme an seinen Arbeiten gewährt.— cc. Schneedecke und Temperatur. Das eine Schnee- decke die junge Saat vor dein Erfrieren schützt, ist eine Erfahrungsthat- fache, die jeder Landmann kennt: der lockere Schnee ist bekanntlich ein schlechter Wärmeleiter, da er stark mit Luft durchmischt ist, er verhindert daS Eindringen der Kälte in den Erdboden, lieber die Stärke dieses Schutzes hat Mihrcr in Basclland genauere Unter- suchungen gemacht und hat herausgefunden, daß eine Schneedecke von 1 Eentiiner Tiefe cinigen Schutz gewährt, da es unter ihr 2— 2Vz Grad wärmer ist, als an' der Oberfläche. Ein wirksamer Schutz' d. h, eine Erhöhung der Temperatur um fast 4 Grad tritt aber erst ein, wenn der Schnee niindestenS 5 Centimeter hoch liegt. Das Maximum der Temperatursteigerung lvird erreicht, wem: die Schnecschicht 25 Centimeter hoch ist: es ist für die Temperatur der Erdoberfläche völlig bedeutungslos, ob die Tiefe der Schneedecke über dieses Maß hinausgeht oder nicht.— Die nächste Nummer des Uliterhalttmgsblattes erscheint am Sonntag, den 8. März. Vorwärts Buchdruckcrei und Berlagsanslalt Paul Singer /Sc Co., Berlin öW.