Zlnterhaltungsblatl des Horwärls Nr. 47. Sountaq, den 8. März. 1908 (Nachdruck verdolen.) - Vas Gelä. Nomcm von Emile Zola. Bei Anlaß eben dieser Gründung lernte Saccard die Fürstin Orviedo kennen. Er besaß ein Stück von dem Ge- lande, welches sie für dieses Heim ankaufen mußte, einen alten Garten mit schönen Bäumen, der an den Park von Neuilln angrenzte und längs des Boulevard Bincau sich bin- zog. Durch die schneidige Art, mit der er bei Geschäften verfuhr, hatte er die Fürstin gewonnen; sie wünschte ihn infolge verschiedener Schwierigkeiten mit den Bauunter- nehmen, wieder zu sprechen. Er selbst hatte für jene Ar- beiten Interesse gezeigt; seine Phantasie war von dem groß- artigen Plan entzückt, den die Fürstin ihrem Baumeister vor- schrieb: zwei monumentale Flügel, einer für die Knaben, der andre für die Mädchen� soliten miteinander durch ein Hauptgebäude verbunden sein, worin die Kapelle, die Wohnung der Schwestern, die Berwaltung und alle Diensträume sich befanden; jeder Flügel hatte dann einen ungeheuren Hof für sich, seine eignen Arbeitssäle und allerlei Zubehör. Was vor allem Saccard begeisterte und seinem eignen Geschmack für das Große und Prunkvolle zusagte, das war der ent- faltete Lurus, das gewaltige Bauwerk und das Material, welches den Jahrhunderten Troh bieten konnte, die Per- schwendung von Marmor, die mit Fapenceplättchen aus- gekleidete Küche, in der man einen Ochsen braten konnte; riesengroße Speisesäle mit eichener Täfelung, lichtüberflutete, durch einen hellen Anstrich erheiterte Schlafsäle, ein Weißzeug- saal, ein Baderaum, ein Krankensaal mit verfeinertem Luxus; überall mächtig große Gänge und Treppen, die im Sommer trefflich gelüftet und im Winter geheizt waren, kurz, das ganze Haus in Sonnenlicht gebadet, voll jugendlicher Heiterkeit und wohlhabender Behaglichkeit. Wenn der Baumeister über diese gauz überflüssige Pracht seine Bedenken aussprach und von, Kostenpunkt redete, dann that die Fürstin mit einem Wort Einhalt: sie habe einst den Luxus besessen und wolle ihn jetzt den Armen zu teil werden lassen, damit diese ihrerseits ihn genießen könnten, sie, von denen der Luxus der Reichen herrührt. Ihre fixe Fdee bestand aus diesem einen Traum, die Elenden überglücklich zu machen, sie an der Tafel der Glücklichen dieser Welt Platz nehmen und in ihren Betten schlafen zu lasse». Nichts mehr vom Almosen einer harten Brotkruste oder eines elenden Nachtlagers, sondern ein behagliches Dasein inmitten von Palästen, in denen sie zu Hause wären, in denen sie ihrerseits die Genüsse der Gebieter der Welt kosten könnten!'Bei dieser Verschwendung wurde die Fürstin trotz ungemein großer Voranschläge in abschetilichcr Weise bestohlen: ein Schwärm von Unternehmern lebte von ihr, von den Verlusten infolge mangelhafter Aussicht gar nicht zu reden; ilian vor- schwendete das Gut der Armen. Da öffnete ihr Saccard die Allgen und fügte die Bitte bei, sie inöge ihm die Prüfung der verworrenen Rechnungen überlassen. Er that dies übrigens ohne jede'Nebenabsicht, um der einzigen Lust willen. diesen tollen Tanz der Millionen zu regeln, der ihn zur Bc- geisterung hinriß. Nie hatte er sich so peinlich gewissenhaft gezeigt; in dieser riesengroßen und verwickelten Angelegenheit war er der thätigstc und redlichste Mitarbeiter; er opferte seine Zeit, sein Geld sogar und fand seinen alleinigen Lohn in der Freude an den bedeutcilden Summen, die ihm durch die Hände gingen. Jni Arbeitsheim kannte man fast nur ihn; denn die Fürstin ging nie dahin, ebenso wenig als sie ihre andren Gründungen besuchte. Sie blieb in ihren drei kleinen Zimmerchen verborgen wie die gute, unsichtbare Göttin. Er aber war daselbst hoch verehrt, gesegnet und mit all der Dankbarkeit überhäuft� welche die Fürstin zu per- schmähen schien. Seitdem hegte Saccard einen unbestimmten Plan, der mit einem Male, sobald er als Mieter in das Hotel Orviedo einzog, die scharstunrissene Klarheit eines Verlangens erhielt. Warum sollte er sich nicht gänzlich der Verwaltung der guten Werke der Jürstiit widmen? Ihm, dem Besiegten der Spekulation, der noch nicht wußte, � welcherlei Reichtum er wieder aufbauen könnte, trat in den jetzigen bangen Stunden dieser Plan wie eine neue Menschwerdung entgegen, wie eine plötzliche Auffahrt zu den Gipfeln der Vergötterung. Ja, er wollte diese königliche Mildthätigkeit besser verteilen, diesen über Paris sich ergießenden Goldstroni in richtige Kanäle leiten. Es blieben noch zweihundert Millionen: welche Werke konnten noch geschaffen, welche Wunderdinge aus dem Boden gezaubert»verden! Abgesehen davon würden sie durch ihn Früchte bringen, diese Millionen; er wollte sie verdoppeln und verdreifachen, er würde sie so trefflich anzuwenden wissen, daß er eine ganze Welt aus ihnen gewänne. Dann wuchs bei seiner Leidenschaft alles ins Ungeheure, er lebte nur noch in diesem berauschenden Gedanken, die Millionen in endlosen Almosen auszustreuen, das beglückte Frankreich damit zu überfluten. Und förmliche Rührung ergriff ihn, denn er blieb bei der tadellosen Redlichkeit, und kein Sou blieb ihm an den Fingern kleben. So stieg wie eine Vision in seinem Kopfe allgemach ein riesengroßes Idyll auf, ein harmlos unbewußtes Jdnll ohne jeden Beigeschniack des Wunsches, seine ehemaligen Freibeutereien wieder gut zu machen, um so mehr, da am Ende der Vision dennoch der Traum seines ganzen Lebens stand, nämlich die Eroberung von Paris. König der Mildthätigkeit sein, der angebetete Gott der Menge aller Armen, ein einziger und volkstümlicher Mann werden, die ganze Welt mit seiner Person beschäftigen,— das ging sogar über seinen Ehrgeiz. Welche Wunder könnte er ins Werk setzen, wenn er seine geschäftlichen Fähigkeiten, seine Findigkeit, seine Hartnäckigkeit, seine völlige Vorurteilslosig- teit zum Guten und Edlen verwendete! Dann hätte er die unwiderstehliche Kraft in Händen, welche Schlachten gewinnt: Geld, Geld in vollen Kästen, das Geld, welches oft so viel Leid zufügt und welches so viel Gutes wirken könnte, sobald man in Freigebigkeit seinen Stolz und seilte Lust setzte. Dann schwollen seine Pläne immer höher all. und er gelangte dazu. sich zll fragen, weshalb er nicht die Fürstin voil Orviedo heiraten sollte. Das gegenseitige Verhältnis würde klarer und jede übeltvolletide Deutung verhindert. Einen Monat lang manövrierte er geschickt, setzte Herr- liche Pläne auseinander und glaubte sich unentbehrlich zu. machen, llnd eines schönen Tages brachte er mit ruhiger Stimme ganz harmlos seinen Vorschlag an und entwickelte sein großes Projekt. Es war ein förmlicher Gesellschafts- vertrag, deil er der Fürstin anbot; als Verwalter der vonr Fürsten gestohlenen Summen verpflichtete er sich, dieselben verzehnfacht den Armen zurückzustellen. Mit ihrem ewigeu schwarzen Kleid und ihrem Spitzeiifickm auf dem Kopf hörte ihn die Fürstin aufmerksani an, ohne daß irgend lvelche Auf- regling ihr gelbliches Gesicht belebte. Die Vorteile einer der- artigen Verbindung sprangen ihr in die Augen; die andröir Rücksichten dagegen blieben ihr gleichgültig. Ihren Bescheid verschob sie auf den folgenden Tag und lehnte dann ab; ohne Zweifel hatte sie bei sich überlegt, daß sie sonst über ihren Almosen nicht mehr die einzige-Herrin wäre, während sie als unumschränkte Gebieterin darüber zu verfügen gedachte, selbst in thörichter Weise. Indessen setzte sie Saccard auseinander, daß sie sich glücklich schätzen würde, ihn als Ratgeber beizu- bemalten, und zeigte, für wie wertvoll sie seine Mitwirkung hielt, indem sie ihn bat. weiterhin mit dem neuen Heim sich zu beschäftigen, dessen thatsächlicher Leiter er war. Eine ganze Woche lang empfand Saccard heftigen Kummer wie beim Scheitern einer teuren Idee. Nicht als ob er in den Abgrund der Gaunerei zurückzusinken fürchtete; aber wie ein sentimentales Lied selbst den verkommensten Trunkenbolden Thräncn in die Augen treibt, so hatte jenes Riesenidyll von einer Wohlthätigkeit mit ungemessenen Millionen sein altes Freibentergcmüt erweicht, und nun stürzte er wieder zu Boden und diesmal von sehr bedeutender Höhe. Es war ibm zu Mute, als sei er entthront. Jederzeit hatte er im Besitze des Geldes außer der Befriedigung seiner Ge- lüstc zugleich den Prunk eines fürstlichen Lebens gesucht, und nie hatte er diesen in genügendem Maße besessen. Seine verbissene Hartnäckigkeit stieg mit jedem neuen Sturze, mit jeder Hoffnung, die ihm dahinsank. Als daher sein Plan vor der ruhigen und runden Weigerung der Fürstin zusammen- stürzte, fühlte er sich mitten in die grimmigen Kampfgeliiste zurückgeschleudert. Der Drang zu kämpfen, im herben Krieg der Spekulation der Stärkste zu sein, die andren aufzufressen, um nicht selbst aufgefressen zu werden, das war nächst seinem Durst nach Prunk und Genuß der ganze, der einzige Grund seiner Leidenschast für die Geschäste. Wenn er� auch keine Schätze sammelte, so genoß er doch die andre Freude: der Kanips der großen Ziffern, die wie Armeecorps ins Treffen geworfenen Reichtümer; der Zusammenstoß der feindlichen Millionen mit Niederlagen und Siegen, das war es, was ihm berauschend zu Kopf stieg. Gleichzeitig kam sein Haß gegen Gundermann� sein zügelloser Rachedurst wieder zum Vorschein. Gundermann heruirterzuwerfen, dieser chimärische Wunsch spukte jedesmal in seinem Gehirn, wenn er besiegt zu Boden lag. Wenn er dann das Kindische eines derartigen Versuchs empfand, so fragte er sich, ob er nicht wenigstens in Gunder- manns Stellung Bresche schießen, sich neben ihm einen'Platz erobern, ihn zur Teilung zwingen könnte, wie jene BeHerr- scher benachbarter Länder von gleicher Machtsülle einander -„Herr Vetter" nennen. Gerade jetzt fühlte er sich von neuem durch die Börse unwiderstehlich angelockt; seinen Kopf füllten zwanzig unklare Entwürfe: nach jeder Richtung durch ent- gegengesetzte Pläne hin und her gezerrt, lebte er in einem solchen Fieberwahn, daß er keines Entschlusses fähig war bis zu dem Tage, wo ein letzter, unermeßlich großer Gedanke von dein Wirrwarr der übrigen sich losrang und sich nach und nach feines ganzen Seins bemächtigte. Seitdem er das Hotel Orvicdo bewohnte, sah Saccard von Zeit zu Zeit die Schwester des Zngeiüeurs Hamelin, der die kleine Wohnung im zweiten Stock bewohnte; ein Weib von stolzem Wüchse, diese Frau Karoline, wie sie vertraulich ge- nannt wurde. Bei der ersten Begegnung war ihm vor allem ihr herrliches weißes Haar ausgefallen, eine wahre Krone von weißen Haaren, die sich auf der noch jugendliche» Stirnc der kaum sechsundreißgjährigcn Frau überaus merkwürdig ausnahm. Schon mit fünfundzwanzig Fahren war sie ganz weiß geworden. Ihre Augenbrauen, die schwarz und sehr dicht geblieben waren, bewahrten den hermelinumrahinten Antlitz eine jugendliche Frische und eine ausfallende Lebhaftigkeit. Hübsch war sie nie gewesen, Kinn und Nase waren allzu stark entwickelt, ebenso ihr etwas breiter Mund, dessen dicke Lippen eine seltene Herzensgüte ausdrückten. Aber ihr weißes Ge- lock, dieses schneeige Schimmern ihres feinen Seidenhaares, gab ihrem etwas harten Gesichtsmisdnick unzweifelhaft den lachenden Liebreiz einer Großmutter, welcher von der zur Liebe geschaffenen Frische und Rüstigkeit ihres Körpers selt- sam abstach. Groß und kräftig gewachsen, besaß sie eine freie und sehr edle Haltung. Bei jeder Begegnung blickte der viel kleinere Saccard dem stolzen Wüchse dieses gesunden Francnkörpers mit still verhaltener Begierde nach. Durch die Umgebung erfuhr er Stück für Stück die ganze Geschichte der Familie Hamelin. Karoline und Georg waren die Kinder eines Arztes zu Montpellier, eines bedeutenden Gelehrten und überschwenglichen Katholiken, der vermögenslos starb. Als der Vater tot war, stand die Tochter im achtzehnten Fahre, der Sohn im neunzehnten; dem kürzlich in die polytechnische Schule eingetretenen Bruder folgte Karoline nach Paris, Ivo sie eine Stelle als Erzieherin annahin. Sie war es, die ihm die nötigen Fünffrankenstücke zusteckte und ihn während der beiden Studienjahre mit Taschengeld versorgte. Später, als er wegen seiner schlechten Censnr eine Zeitlang stellenlos blieb, war sie es wieder, die den Wankenden auf- recht erhielt, bis er eine Stellung fand. Die Geschwister per- göttcrkcn einander, ihr Traum war, einander nie zu verlassen. Indessen bot sich bald eine unverhoffte Heirat dar: die Liebenswürdigkeit und der lebhafte Verstand des jungen Mädchens hatten ihr in dem Hanse, wo sie Erzieherin war, einen millionenreichen Bierbrauer erobert. Georg verlangte, daß sie die Werbung annahm. Später mußte er dies grausam bereuen, da nach mehreren Jahren ehelichen Lebens sich Karoline genötigt sah, eine Trennung zu erwirken, um nicht von ihrem Manne totgeschlagen zu werden, der ein Säufer war und sie in seinen Anfällen blödsinniger Eifersucht mit ge- zücktein Messer verfolgte. Damals war sie sechsundzwanzig Fahre alt und wiederum mittellos, da sie hartnäckig dabei blieb, von dem Manne, den sie verließ, kein Fahresgeld zu verlangen._(Fortsetzung folgt.) ScnntagdplaucUreu Die SaiunlllMg der Ordnuirgsparieieil gegen den llinsturz bc- gcgnet in der unverständigen Welt schlimmen Widerständen und Hindernissen. ES fehlt an Führern, an Rednern, an Geld, und vor allem machen einige Leute immer noch Anspruch ans das Bruchstück eincS eignen Kopfes. Noch hat nicht die ganze deutsche bürgerliche Intelligenz die letzten Reste ihres revolmionären Ursprungs, noch nicht gewisse logische Wahnvorstellungen des Widerspruchs und Gegensatzes getilgt, noch hat die Herrschaft der mittleren und mittelsten Linie nicht völlig gesiegt. Erst wenn die gesamte bürgerliche Gesellschaft mir auS republikanischen Monarchisten, hochschutzzöllnerischen Freihändlern, orthodop-kalholisch» ebangelisch-mohamedamschen Atheisten, aus grenzsperrenden Heimat« Politikern der Wafserzukunst, auS abrüstenden HeereSvennchrem, ans klassenkämpferischen Harntoniepropheten, zivergbünerlichen Jnnkern, Großindustriellen dcS Handwerks, kleingewerblichen Warenhäuslern. aus streitbestrafenden Koalitioiisfanatikern. ans gepanzerten Fäusten mit Glacehandschuhen und tansendkerzig strahlenden Dunkelmännern besteht, dann, erst dann ist jene noüvendige Einheit aller bürgcr- lichen Parteien hergestellt, welche die blaue Theorie abstratter Logik in die mittcllinigc Praxis der Wirklichkeit des Unsinns erhebt. Wenn Principien— so hat der Reichskanzler neulich sich tiefsinnig ge- äußert— sich gegeneinander anstürmen, da gicbt eS keinen Ausgleich. Wo aber die Streitenden, der Ilnvollkommenhcit dieses Daseins Rechnung tragend, in dem Nrvrei der einen und allen Hirnerweichimg löffeln, da blüht die vaterländische Blume der Bersöhnmig und der Kunst des Möglichen, d. h. die Politik der mittleren Linie ge- wallig auf. Indessen es giebt auch in der Bourgeoisie wenn auch wenige, so doch immer»och einige Köpfe, die nicht nach der Vollkonmienheit der mittleren Linie gescheitelt sind, und denen es noch Schwierigkeiten bereitet, alle Parteiprogramme in ihre Diagonale aufzulösen und zu vereinigen. Fch habe deshalb unter der Firma„Ter Universal- ordnimgsparteiler in allen Fällen" eine Wahlgesellschaft mit be- schräntter Haftung ins Leben gerufen, die sich'mit der Herstellung und den» Bertrieb auswechselbarer Wahlagitatoren nur solider Ge- finilung beschäftigt. Fch ging von der Idee ans, daß zwar das menschliche Bürgerhirn noch nicht vollkommen den Anstrengungen der OrdnungSsammlimg der mittelsten Linie gewachsen ist. daß aber dafür die P h o n o g r a p h c n lv a k z c die höchste Leistungsfähigkeit auf diesem Gebiete zu erreichen vermag. Ich war mir natürlich von vornherein darüber klar, daß die jetzt ans den Markt kommenden Phonographen den Anfordenmgen nicht genügen. Dieser quäkende Trompetenapparat ans die Rednertribüne gestellt und i» Bewegung gesetzt beitritt noch nicht ausreichend die menschliche Persönlichkeit. Ein solcher Redner aus Wachs und Blech wirst immerhin etwas mechanisch, und trotz aller seiner qualitativen Leistungs- fähigkeit fehlt ihm gewifsermaßen die Individualität— die. In— di— vi— du— a— Ii— tat, ohne die ein Kartell-- kandidat der Ordltiingsparteicn»lui einmal nicht existieren kann. Der von mir konstruierte Phonograph ist kaum größer als ein Taubcnci, die Eindrücke der Walze werden mittels eines winzigen Induktionsapparates in mikroskopischer und nnkrobischcr Kleinheit erzeugt. Es bedarf nur einer leichten, schmerzlosen Operation, um den aus Oiiallciigallcrt gefertigten Apparat unter die Schädeldccke einzuführen und in die graue Gehirnsubstanz festzulöten. Ganz feine unsichtbare Fäden verbinden den Apparat mit einer Trocken- batterie, die in jeder Hosentasche mühelos verborgen werden kann. Wird nun der Strom geschlossen, so greifen die Schallwellen des Apparates unmittelbar in die motorischen Nerven ein, die Stimmbänder der Mundhöhle, der Zunge»slv. werden automalisch in Bewegung gesetzt, n»d der mit dein Phonographen versehene menschliche Redner hält fließend, ohne einmal zu stocken. die auf der Walze befindliche llniversalredc. Ilm den liebelstand zu vermeiden, daß etwa dieselbe Rede in der gleichen Bersammlung zivei- oder dreimal abschnurrt, ohne daß der Redner es merkt, sind die Batterien so eingerichtet, daß der Strom immer nur für eine Rede ausreicht, so daß mit dein Schluß die Walze von selbst stehen bleibt. In der Regel ivird dieselbe Walze für die ganze Wahl- agitation genügen. Indessen können Agitatoren, die auf Abwechselung Weit legen, für jede neue Berstuumlung sich eine andre Walze ohne große Kosten und Mühen einsetze» lassen. Meine Gesellschaft hat auch kleiiicrc DiSkussionölvalzcn angefertigt, die für etwa lv bis Ii> Minuten reichen, und in der Pause zwischen Referat und Diskussion in einem unzugänglichen Jsolierraum unbemerkt unter die Schädeldccke gebracht werden können. Allerdings ist zu beachten. daß diese Walzen, wenn sie auch im allgemeinen für jeden Ein- tvand passen, doch unvermeidlich das Eingehen auf die Besonder- heiten der umstürzlerischen Opposition nicht ganz zu leisten ver- mögen. Es empfiehlt sich deshalb für den OrdiiungSpartcilcr, nur in dringenden Notfällen eine Diskussion zuzulassen. Vorbereitungen»nd Lorbildung irgend welcher Art sind nicht erforderlich. Selbst die Wanderredncr des Bundes der Landwirte beherrschen sofort den Apparat, und keine soeialdcmokratische Ver- kleuterungssucht ivird die Orginalität ihrer Ansprachen in Zweifel zu ziehen wagen. Für bekanntere Agitatoren. Reichstags- Abgeord- ncte usw. empfehlen sich die Walzen nach Maß, die zwar etwas teurer sind, dafür aber den Vorzug haben, daß sie genau der Eigen- art des Redners angepaßt sind. Es ist klar, daß es unnatürlich wirken und Verdruß erregen würde, wenn sich beispielsweise in einem Stöckerschen oder Bachemschen Referat eine wahre Be- hanptung vorfinden würde. Bestellungen bitte ich möglichst frühzeitig aufzugeben, weil später bei dein ungeheuren Andrang rechtzeitige Lieferung nicht garantiert werden kann. Besonders empfehle ich die Walze„Bülowist", die in durchaus vornehmer Fori» die verschiedenen Partci-Aiischanungen sammelt, tmb vo» dem klassischen Geiste energischer und besonnener Bildung erfüllt ist. Tie hat außerdem den Borzug der Kostenersparnis, weil sie den Bedarf der ganzen Wahlagitation deckt: will man seine Rede ändern, so wird die Walze einfach auf Rückdrehung umgestellt. TaS „Bülowist"-Muster läßt sich nämlich von vorn und von hinten ge- brauchen und wirkt jedesmal wie ein andres Original. Der specielle Kartell-Wahlkandidat, der am Schlüsse zu erscheinen hat, findet sich übrigens nicht aus der Walze. Tiefen Namen hat der Redner mit den Mitteln seines natürlichen Gehirns zu nennen: ein leises Klingel- zeiche», das der Phonograph selbsttätig von sich giebt, zeigt dem Redner an, wann der Kandidatcnnaine einzufügen ist. Nachstehend gebe ich eine stark gekürzte Skizze des Bülowist- Musters: Meine Herren! Es ist nicht' zu leugnen, daß der byzantinische Geist verherend um sich greift. Schmeichler und Kriecher umlagern den Thron. Kaum Hort man noch ein offenes und tapferes Wort, da-Z dem Monarchen ins Gesicht zu rufen wagt, daß niemals auf dem Thron ein bedeutenderer Fürst gelebt hat. Meine Herren! Mit Stolz könnet» wir mm sagen, daß alle Völker uns beneiden müssen, und iir diesem Sinne bitte ich Sie. allcruulerthänigst mit dem ehernen Gelübde unentwegter Treue, nie verlöschender Dankbarkeit und jauchzender Bewunderung einzustimmen in den Ruf: Seine Majestät— hock», hoch, hoch! Meine Herren! Wir leben in einer schweren Zeit liessicr Interessengcgcnsäizc. Der Krieg aller gegen alle ist ausgebrochen. Materielle Interessen haben den alten dcuffchcn Idealismus getötet. Darum schlage ich Ihnen vor. den Idealismus, der in der deutschen Landwirtschaft, Ivie auch der Thron und Altar, ivurzelt, wieder her- zristellen und zu kräftigen und für eine»» MiudestzoU von 7l/a Mark einzutreten. Meine Herren! Rur so gelingt es uns, alle gut- gesinnten Bürger zu einigen gegen den gemeinsamen Feind, den Umsturz. In diesem Sinne bitte ich Tie. einzustimmen in den Ruf: Der deutsche Idealismus, die deutsche Landwirtschaft und der 7'/z Mark- Zoll— sie leben hoch! hoch! hoch I Meine Herren! Ich leugne nicht, daß der Konsument durch den Zoll schwer belastet wird. Aver Sie wissen alle, daß der deutsche Konsument die Gniudlage nnsrer nationalen Kraft ist. Darum miisscn wir einen Ausgleich finden und eine mittlere Linie, und das kann nur geschehen, indem wir die Witwen und Waisen des deutschen Konsumenten schützen. Je früher der deutsche Konsument männlichen Geschlechts stirbt, uin so eher werden die Witwe und die Waisen in den Genuß ihrer Rente kommen, und mithin ist die Brot- Verteuerung direkt ein Mittel, um die Witwen und Waisen so schnell wie möglich zu fördern. In diesem Sinuc bitte ich Sie einzu- stimmen in dcl» Ruf: Die Witwe» und Waisen des deutschen Kon- siimenten, sie. leben hoch! hoch! hoch! Meine Herren! Der Panzer der Militär- nnd Flottenlastcn wird immer drückender, die Schulden betragen bereits drei Milliarden. Wir sind an» Ende unsres Lateins. Die Reichskasse ist bankrott. Es gilt also den nationalen Wohlstand zu heben, die Finanzlrast des Volkes zu vermehren. Das kann aber nur geschehen, ivciiu das Reich der Industrie neue große Aufträge erteilt. Somit sind lvcitcre große Heer- und Flotteuvorlagen»»»bedingt notwendig zur Hebung der Industrie, der Arbeiterschaft, der Struerkrast»md infolgedessen auch der ReichSfiiianzci». In diesem Sinne bitre ich Sie, stimme» Sie ein in den Ruf: Unser herrliches Heer nnd nnsrc herrliche Flotte, sie blühe»», loachfen nnd gedeihe»»! Meine Herren! Das deutsche Boll lvill den inncren iliid äußeren Frieden. Keine Nation ist so friedliebend»vic die nnfrige. Dennoch»vagen es die andren Böller und der Feind im eignen Lande lnisre Friedensliebe zu verdächtigen nnd in Zweifel zu stellen. Jene reden von Imperialismus und diese von Klassenkampf. Das ist cii»e»»»erhörte Verdächtigung nnsrcs Reiches nnd nnsrer Rc- giermigei». Dänin» müssen»vir überall, Ivo man nnsre friedliche Gesimning verdächtigt, mit gepanzerter Faust zeigen, das;»vir den Frieden»vollen. Und so aiich nach innen. Der Umsturz nmß mit »»»erbittlicher Gewalt belehrt»verde», daß»vir es nienialS dulden »verde»», niffren Geist der Versöhnlichkeit, des Ausgleichs der Gegensätze verdächtigen zi» lassen. In diesem Sinuc bitte ich Sie, mit mir einzustimmen in den Ruf: Ter innere und äußere Friede lebe hoch! hoch! hoch! Meine Herren! ES ist nicht zi» leugnen, das; die geistige Freiheit Not leidet. Der liberale Gedanle muß lvicdcr zu Ehren kommen. Die römische Sklaverei, die klerikale Knechtschaft inns; ein Ende nehmen. Dieses erhabene Ziel müsse»»»vir endlich erreichen und cS kann nur erreicht werden, indem»vir der katholischen Kirche die voll- konmicne Freiheit gewähre»». Sic muß die Freiheit haben, den Einfluß auf Staat, Schule, Universität auszuüben, der ihr gebührt. Rur dam»»vird die Unfreiheit aushören. Meine Herren! Der Libcralisinus für die Kirche I In diesem Sinne bitte ich Sie einzustimmen in den Ruf: ans zun» Kampf für die GcisteSsreihcit! Immer hat in Deutschland das sociale Königtum geherrscht. Die Arbeiter wurde» mit Wohlthaten überschüttet. Aber ich gestehe offen: Es»»»»»ß noch viel mehr für die Arbeiterschaft geschehen. Die sociale Frage muß in der einen oder andren Weise gelöst»verde»». Bereinigen»vir uns also, im» daS notleidende Proletariat von seiner schlimmsten Bedrängnis zu befreien. Erlösen»vir die Arbeiter von den -Feinden, die an ihnen sangen, in erster Linie vom Wahlrecht, dein Koalitionscccht und der Socialdemokratie. Erst dann wird sich ihre Lage heben. I» diesem Sinne bitte ich Sic einzustimi»»«», in den Ruf: Unsre treue Arbeiterschast, sie lebe hoch, hoch, hoch! Die Hallptsache ist bei den bevorstehende», Wahlen der Kampf gegen die Reaktion. Ich gebe zu, daß auch der Bund der Land- Wirte, das Ccntrum, die Nationalliberalen, und die Freisinnigen nicht frei sind von reaktionären Anwandlungen. Aber was bedeute» diese reaktionären Kleinigkeiten gegenüber der einen, ungeheueren. furchtbaren, kulturverwüstcnden Reaktioi» Wider unsre geheiligte Gesellschaftsordnung, die von der Socialdemokratie erstrebt»vird I In diesem Sinne bitte ich Sie einzustimmen in den Ruf: Nieder mit der Reaklion! Ich bin an» Schluß. Ich lvciß, verschieden sind der Mensche»» Wünsche, und diese Erde ist unvollkommen. Aber ob Sie mm zum Bunde der Landwirte oder der Kailfleute, zu den Juden oder Anti- semiten, zu den Orthodoyci» oder Atheisten, zu den Freihändlern oder Schutzzöllnern gehöre»», die»nittlere Linie versöhnt alles zum Segen des B a t e r l a»» d e s I In diesem Sinne bitte ich Tie einzustimmen in de» Ruf: Es lebe der gemeinsame Wahlkandidat aller OrdmmgSparteien— Eugen Richter Hurra! Hurra! Hurra!— Joe. Kleines feuUleton, — Unterricht. Wen»»vir»nit de», Vater durch den Wald ginge», lhat auf einmal einer de» Mund auf und fragte:„Vater. »vas ist das sür ein Bogel, der singt':" „Eine Drossel." „Vater, die braune oder die schivarzc mit den» schönen rot-- gelben Schnabel?" „Talk! Wem»'s die schivarzc lvär', hält' ich Amsel gesagt. Tie ist zu Hans', im Wartcn. in den Stauden." „Vater, Vater!" meldete sich der andre ans der rechten Seite. „Eine Zipp ist's, die singt. Ter Hütbub' hat mir ihr Nest'zeigt. Inwendig ist's mit nasser Erd' ausg'strichen,»vic ci» kleiner, r'nndee Topf schant s aus." „Ja, und mit den» Stecken könnt' man's erreichen." „Bater, kann nia» die Drossel essen?" Die Augen des Kleinen funkeln. „Gern! In der Stadt thim sie's und meine»», sie häii:» einen Krammetsvogcl, die Hungcrleidcrl Buben, geschossen»vird die Sing- duosscl nicht i Der Wald soll leben und nicht stumm sein»vic ein Totenacker t" Einige Zeit ist's still, auf dem feuchten Waldlvcg hört mm» keinen Tritt. Ta scyießt der Dackel vor,»vittcrt au einer Fährte und führt mit lautem Geläut in die Kiefcrnbüscbe, deren Nadeln in der ein-- fallenden Sonne luic graue Seide erglänzen. Die Buben sind gleich nach dein Dackel au der. Fährtc. „Baker, da war a Has'l" Der ältere schlägt die Hände über den Kops zusammeu. lackit und brüllt loS. Endlich ist er lvicdcr zu Atem gekommen.„Na ja. Bater. der dumme Christojl... Siehst D' es denn»et, daß die Fährt' g'schnürlt ist?.. Ei» Fuchs ist's!.. Ei» Fuchs!.. Ei», Fuchö!" Ter Kleine ist beleidigt und geht aus seinen Widersacher los. So wird denn gerauft. Ei» Vaterunser lang. Ter Förster sieht's. „Na, na!.. Bubcwl" Und als es ernst Ivcrden»vill:„Hans, komm' her!.." Christof fühlt nach seiner Nase, sie steht ihm noch mitten in» Gesicht. Alsdann, da ist er auch wieder gut. Mit lauten» Gekläff fliegt ein Bogel in abgesetzten Stößen hoch über die Lichtung. Tic Buben sind zusatnmcngesährcn. „Ein Specht!" „Baterl Bater!"__ Der wartet ruhig, bis der Bogel aus einer alten Sanieu-Föhre ausbäumt. Tain» meint er:„Na, Haus, willst?" Hans ist schon hinter dem Vater und hat die Hand an» Gewehr- kolbc»� Aber er muß»vicder vor. „Wie»villst Du schießen?.. Die Kicfernbüsche. Haus schaut. Plötzlich ist'S aus mit der Freud'. „Aber das geht ja nicht! Ich seh' nichts von uuteu.»md er sitzt ganz oben in der Kron'l" „Und von hier aus?.. Wie viel ist'S?" „Hundert Schritt!" „Ter Mittclhau ist achthundert Schritt lang und seine Breite ist dreihundert Schritt. Wo sieht der Sameubmim?" „Ganz drüben bei den» Stangenholz." »Trägt's Gclvchr so lvcil?" „Neu», Väter!"... Bald darauf bekamen wir die Schrotbüchs'. War eh» alles Tier, stammte ans Wülschland und hatte einen Streukcgcl schier Ivie eine Tromba. Mit der Büchs' zugleich Schrotbeutcl und Pukverhorn. Ter Vorrat sollte immer auf acht Tage reichen. Aber Buben schießen gern. Und so wurde die Portion immer kleiner, um so öfter„ging s loS." Ta hat mich mein Vater einmal schön ausgelacht. Iii» Herbst war's. Wir gingen durch cii»e Schneise hinab. Stößt mich der Vater an. Auf einer von» Schnccdruck verbogenen: jungen Espe sah ich eine Wäldtaube. Rund und fett war sie,'s war Saatzeit. „Traust D' Tirfi?.. Sind hundert Schritt I. Schon war die Donnerbüchs' herunter, und gleich darauf hat's g'schnallt. Ich seh', und schau und gutz, inein Tauber fliegt davon. Dann wcnd' ich mich zum Vater herum. „Hab's g'sehen." sagt er.„Hin g'halten hast.. Wie viel Pulver' hast g'nommen?" Ich zeig's ihm auf dem linken Handteller. Da lacht er.„Zipfel l hat er g'sagt.„jetzt glaub' ich's schon I Wie soll denn was hinaus- gehen, wennst nir neing'laden hast?" An das Wort Hab' ich oft noch denken müssen. Als ich selbst ein Blatt herausgab— das„Pulver" tvar das tvenigste dabei— und später, da ick sah, ivie es bei andren Zeitungen zugeht. Immer will man am Pulver sparen: Honorar nennt man es in dieser Branche.— ss. Kochen, Braten, Rösten. Die Zubereitung der Speisen und namentlich des Fleisches in unsrer modernen Küche schliefst gar nicht so große Fortschritte in sich, wie man beim Anblick der pompösen Speisekarten großer Hotels oder Restaurants denken möchte. Ein Sachverständiger, d. h. ein solcher, der über den Nähr- wert einer Speise ein Urteil abzugeben berechtigt ist, hat jüngst den Ausspruch gcthan, daß unsre Köche noch heute manches von den sogenannten Wilden lernen könnten. Auch sei die Zubereitung des Fleische? durch Einführung der Sparkochapparatc und der Gaskocher neuerdings erheblich zurückgegangen. Als bestes Verfahren der Fleischzubcreitung ist das Rösten anzusehen, das offen vor dem Feuer geschieht. Der Vorzug des Röstens liegt nicht in einer Einbildung. sondern der Geschmack eines so behandelten Fleisches ist viel besser, sein Gewebe im allgemeinen zarter als bei gebratenem oder gekochtem Fleisch. Nun ist es aber eine unbestreitbare Thatsache, daß der Ge- schmack und die Zartheit des Fleisches in Ivcscntlichcm Zusammen- hange mit der BerdauungSfähigkcit und somit auch mit dem eigcnt- lichen Nährwert stehen. Ohne Eßlusl ist die Verdauung träge, und es ist mehr als eine Redensart, wenn i»an sagt, daß die Verdauung schon vor dem Essen beginne. Ganz gewiß werde« die Vorgänge der Verdauung in unsrcm Körper schon beim bloßen Anblick einer unsre Eßlust reizenden Speise erregt, ebenso durch einen appetitlichen Ge- ruch. Es ist sogar wissenschaftlich nachgelviesen, daß der Anblick gut gubereiteter Gerichte unmittelbar eine Ausscheidung von Magensaft veranlaßt, dcmnacb die Maschinerie der Verdauung in Bewegung setzt. Selbst wenn im übrigen der Nährwert des Fleisches in den vcr schiedencn Arten der Zubereitung derselbe bliebe, so würde demnach das Verfahren doch von ausschlaggebender Bedeutung für die Be- kömmlichkeit der Speise sei». Als das Zdcal eines Bratens schätzen alle, die es kennen, das Ergebnis der bei den Naturvöllern üblichen Art allmählicher Röstung durch heiße Steine. Das Fleisch erhält dadurch eine so köstliche Beschaffenheit, wie sie ihm vielleicht durch den geübtesten Koch und mit den feinsten modernen Mitteln nicht gegeben werden kann. Das Geheimnis liegt dabei in dem langsamen Kochen des Fleische?, und aus demselben Grunde ist das Braten am Rost dem Braten im Ofen weit vorzuziehen. Die langsame Durchhitzung des Fleische? hat einen ganz entschiedenen Vorteil in der Erhaltung de? Nährwertes. Wenn die Thür eines in Benutzung befindlichen Bratofens aufgemacht wird, so strömt ein Dunst daraus hervor, der nicht unähnlich dem eines eben auSgc- blasenen Talglichtes riecht, während der Geruch eines Bratens auf dem Rost stets angenehm ist. Im Bratofen wird das Fleisch abgeschlossen in heißer Luft gekocht, die die Neignug bat, das Fett in scharfe Stoffe zu zersetzen. Beim Rösten wird der Braten durch strahlende Hitze zubereitet, gleichsam durch ein Bombardement von Wärmequellen: tvährend die Luft zwischen dein Braten und dem Feuer verhältnismäßig kalt sein kann, nimmt der Vorgang des Röstens seinen Fortgang. Die Gründe, weshalb das ausgezeichnete Zubercitungsvcrfahrcn, das allerdings bei uns immer Verhältnis- mäßig wenig in Aufnahme gewesen ist,»cucrdingS noch seltener ausgeübt wird, liegen hauptsächlich in der größeren Bequemlichkeit andrer Zubereitungen, bei denen namentlich das fortwährende Begieße» und andre kleine, aber wichtige Aufmerksamkeiten der Bedienung fort- fallen. Mit der Zeit aber wird doch wohl die hygienische Aufklärung auch in der Küche ein Wort mitzureden hahcn, und cS muß darin wohl manches verbesserungsbedürftig sein, wen» ein Hygicniker den Ausspruch thun kann, daß ein Arbeiter, der sein Stück Fleisch am Spaten über ein paar Holzscheiten röstet, eine nahrbafrcre und schmackhaftere Speise gewinnt, als wir sie gewöhnlich von unsrem Kochherd erhalten.— Völkerkunde. — E i n c B a n h a n c n b c st a t t n n g beschreibt die„Deutsch- ostafritaniscbc Zeitung": Vor kurzem hatten wir Gelegenheit, einer Banyancuhestattung beizuwohnen, was ziemlich selten einem Europäer gelingt, da vor allem die Banyanen ihre Sitten möglichst geheim halten. Die Heimat der Banyanen ist Gujarat auf der Halbinsel Kathialvar im westlichen Vorderindien. Sie bilden dort eine angc- scheue KaufmannStaste mit etwa 3'/, Millionen Köpfen und haben HandelSgeschctstc im persischen Meerbusen, Arabien und Ostafrika errichtet. In Dcutsch-Ostafrika sind die Banyanen jedoch ausschlicß- liche Handwerker, Wäscher und Barbiere. Der Gott der Banyanen ist Vishnu, der zweite von den drei indischen großen Göttern. Ihre Toten verbrennen die Banvancn auf einem Holzstoß, Kinder unter fünf Jahren werden jedoch beerdigt, weil sie noch keinen Gott kennen. Nachdem der Leichnam gewaschen worden ist, wird dem Verstorbenen, je nachdem er verheiratet oder lcdig war, ein rotes oder gelbes Tuch Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid m Berlin.— Druck und Verlag: um die Kleider gewunden. In den Mund werden ein kleines Siückche» Gold oder eine Silbcrmünzc und eine wohlriechende Pflanze gesteckt. Stirn. Hände und Füße werden ihm mit roter Farbe bestrichen und zum Schluß wird der Mund mit Watte verschlossen, nni den Leichen- geruch zu vermindern. In einem Trauerzuge wird die Leiche auf einer Bahre an den Sttand getragen. An den vier Enden der Bahre sind Kokosnüsse befestigt, welche bei Ankunft an der Bcstattnngssielle fvrtgeworfen werden. Run beginnt der Bau des Scheiterhaufens. Wenn dieser die Höhe von etwa 70 Centimeter ccteicht hat, wird die Leiche darauf gctcgt und mir Holzkloben zugedeckt. Der nächste An- verwandte zündet an der großen Zehe des rechten Fußes den Holz- stoß an, worauf alle Angehörigen angesichts des Feuers in ein kantes Weinen ausbrechen. Die übrigen Leidtragenden trösten die Ver- wandten. Die Ueberresre werden in das Meer geworfen und an der Vcrbrcnnungsstclle drei Steine mit einem Kruge Wasser aufgebaut. Der nächste Andcrivandte wirft durch die Beine mir einem Steine nach dem Wasserkruge und zertrümmert diesen. Tie übrigen An- wescnden zerschlagen die Scherben in kleine Stücke. Am neunten Tage nach der Bestattung findet eine Bormahlzeit und am elften Tage der eigentliche Totenschinaus statt.— Humoristisches. — Erklärung. Bei der Prüfung nach Schluß eines Kochkurses sollen die Schülerinnen ihre Leistungen und ihre t h c o r c- tischen Kenntnisse in der K o ch k u n sr darthun.„Du, Sepp," sagt während des Festessens ein Gast zum andren,«was ist denn eigentlich theoretisch?" „Wart', bis D's z'frcssa kriagst— no' witscht'S scho' mcrkal"— — Raffiniert. Hausbesitzer:„Kinder, heut' gehen wir alle ins Theater und verhelfen dem Trauerspiel von unserm Mieter zu einem Bombenerfolg— dann können wir ihn steigern!"—> — Kleine U e b e r r a s ch» n g.„Ach, Arthur, bei Euch gefällt's mir so gut, daß ich am liebsten gar nicht wieder nach Hause reifte!" „Hast Du den» kein Rctourbillet, liebe Schwiegerinania?" «Rein... aber ich werde eines«ehmen, wenn ich jetzt abreise l"—(„Fliegende Blätter.") Notizen. — Clara V i e b ig s Roman„Der M ülle r h a»»es" ist soeben bei F. Fontane n. Eo. in Berlin als Buch erschienen.— — Eine neue spanisch-deutsche Wochenschrift„La Corresponcloncia de Espana y ilo La America Latina'" soll fortan in Berlin erscheinen. Herausgeber ist Sanchez y Rosal Hermanos, der deutsche Redakteur Felix Hancl.— c. Ein d r a m a t i s ch e r W c t t b e w c r b. Das Pariser Blatt„ L a P r c s s e" hat soeben einen Wettbewerb für alle jungen Dramatiker eröffnet, die ein Stück von sicb aufgeführt zu sehen wünschen. Es werden Stücke aller Art zugelassen, in Versen oder in Prosa, in einem oder in mehreren Akten. Die?uru wird aus den bedeutendsten Kritikern gebildet, deren Präsident Calnlle Mendes sein wird. Das beste etnakrige Stück, soll bei Antonie aufgeführt werden, eines der großen Versdramen bei Sarah Bernhardt: ancki andre Theater haben versprochen, preisgekrönte Prosaslücke anfzn- führen. Der Wettbewerb wird am LS. Mai geschloffen.— —„Arbeit", ein vicraktigcS Schmisprel von K o r f i z Holm, wird Kkitte April im Berliner Theater als Sonder- Vorstellung erstmalig in Scenc gehen.— Maeterlinks neues Drama ,.J o y z e l l c" wird am 16. Mai in Paris zum erstenmal anfgefiihrt.— cc. A» st ra l i s ch e Zwerg c. Aus den verschiedensten Erd- teilen, besonders auch äuS Europa sind menschliche Ilebcrreste be- tannt. die ans das Vorhandensein einer zwerghasten allgemeinen Ur-Rasse schließen lasten. Es ist darum sehr interessant zu erfahren, daß neuerdings, wie W. Krause berichtet, auch tu Australien von einem Zwcrgstamm die Rede ist, den Mullas, die nur eine Höhe von 1,3— 1,4 Meter erreichten. Die Frauen hatten langes, rotes Haar, von dem inan erst annahm, daß es künstlich gefärbt worden sei, doch scheint diese Ansicht hinfällig, seit H. Johnston unter den Kongo- Negern auch rothaarige Zwerge gefunden.— — lieber die„ Entw ickeluiig der chemischen In- dustrie Deutschlands im vorigen Jahrhundert" spricht Professor Dr. Otto N. Witt am 12. März im Hofmann- hause, SigiSmundstr. 4.— e. Das erste Honora r. Eine Geschichte aus seinen An- fangen erzählt der cngltschc Dramatiker W. S. Gilbert. Er hatte ein kurzes Stück.„Dnlcamara" betitelt, vollendet und brachte es dem Theaterdircktor Mr. Emde» zur Begutachtung.„DaS loird gehen," sagte Emden, nachdem er das Stück durchgesehen hatte.„Wieviel fordern Sie dafür?"„Dreißig Guinecn," meinte der junge Drama- tikcr schüchtern.„Sagen Sic Pfund, und ich will es nehmen," ant- wortctc Emden, und Gilbert gab bereitwilligst seine Zustimmung. Aber nachdem Emden ihm den Check eingehändigt hatte, sagte er: „Nun will ich Ihnen auch noch einen guten Rat geben— verkaufen Sie so guten Stoff nie wieder für 30 Pfund I"„Und," fuhr Gilbert fort, als er die Geschichte erzählte,»ich that es auch nie wieder..."—___ locimuls Buchdruckerei und Bcrlagsaiijlalt Paul Singer& Co., Sellin sW.