Nnterhaltungsblait dcs vorwärts Nr. 50. Donnerstag, den 12. März. 1903 (Rachdriuk ecvDotcn.) i2) Das Geld. Noman von Emile Zola. Visher hatte Frau Karoline keine Gelegenheit gehabt, mit der Gräfin und ilirer Tochter zu sprechen. Sie kannte schließlich die gehciinstcn Einzelheiten ihres täglichen Lebens und gerade die, welche sie vor der galten Welt zu verbergen glaubten. Bis jetzt war es erst zum Wechseln von Blicken gekommen, von jenen Blicken, in denen man hinterher eine rasche Aufwallung von Mitgefühl empfindet. Die Fürstin Qrviedo sollte die Frauen zusammenbringen. Sie hatte den Gedanken gehabt, für ihr Kinderheim eine Art Aufsichtskominission zu schaffen, aus zehn Damen bestehend, die zweimal monatlich sich per- sammelten, das Haus gründlich besichtigten und alle. Dienst- zweige einer Prüfung unterzogen. Da sich die Fürstin die Auswahl der Damen vorbehalten hatte, so hatte sie in erster Reihe auch die Gräfin Beauvilliers bezeichnet, eine ihrer guten Freundinnen von ehemals, die, seitdem sie völlig zurückgezogen lebte, einfach eine Nachbarin geworden war. Bald darauf hatte diese Aufsichtskommission ihren Schriftführer unerwartet verloren. Saccard, der noch in der Verwaltung der Anstalt die oberste Leitung inne hatte, lvar auf den Einfall gekommen, Frau Karoliue als einen musterhaften Schriftführer zu empfehlen, wie man nirgends einen finden könnte. Die Arbeit war in der That ziemlich mühevoll: es gab viele Schreibereien, sogar hauswirtschastliche Sorgen, welche den übrigen Damen etwas zuwider waren. Schon in den ersten Tagen sollte sich Frau Karoline als eine wunderbare Hausmutter entpuppen, die vermöge ihres ungestillten Durstes nach Mutterfreuden und ihrer ver- zweiflungsvollen viebe zur Kindertoelt alsbald in werkthätiger Zärtlichkeit für alle jene armen Wesen entflainnit war, die man aus der Pariser Gosse zu retten sich beiniihte. Bei der lebten Ansschuszsilzung war sie demnach mit der Gräfin Beau- villiers zusammengetroffen: diese aber hatte nur einen kühlen Grtlß an sie gerichtet, hin ihre heimliche Verlegenheit zn ver- bergen, in der Empfindung, sie habe in Frau Karoline einen Zeugen ihres Elends vor sich. Seitdem grüßten sich beide Damen, so oft ihre Augen sich trafen und es ohne gar zu große llnhöflichkeit nicht anging, einander nicht zu kennen. Eines Tages, während Hamelin einen Plan nach neuen Berechnungen berichtigte und Saccard iibcr seine Schullern hinweg in die Arbeit sab, stand Frau Karoliue wie gewöhnlich im großen Zeichenzimmer am Fenster und sab der Gräfin und ihrer Tochter zu. die im Garten ihren gewohnten Spaziergang machten. An diesem Morgen hatten beide Damen so erbärm- liche Schuhe an den Füßen, daß sie von einer Lumpen- sammlerin in einem Kehrichthaufen nicht aufgelesen worden wären. „O, diese armen Frauen!" murmelte sie.„Wie schrecklich und herzzerreißend muß diese Komödie von Luxus sein, zu welcher sie sich verpflichtet glauben!" Dann trat sie hinter den Fenstervorhang zurück, damit die Mutter sie nicht wahrnehine und noch schmerzlicher darunter litte, sich so belauscht zu wissen. Sie selbst war in den lebten drei Wochen ruhiger geworden, seitdem sie jeden Morgen an diesem Fenster sich vergaß. Der große Schmerz über ihre Ver- emsainung schlummerte ein: es war, als ob sie angesichts des fremden Ungemachs das eigne mutiger auf sich nehme, jenen Zusanlniensturz ihres ganzen Lebens,— wie sie geglaubt hatte. Hin und wieder merkte sie verwundert, daß sie wieder lachen konnte. Noch einen Augenblick schaute sie in tiefes Träumen ver- lorcn den beiden Frauen in dein von Moos überwucherten Garten nach: dann drehte sie sich nach Saccard um. „Sagen Sie mir doch," begann sie lebhaft,„warum ich nicht traurig sein kann?... Nein, es hält nie an, es hat nie angehalten, ich kann nicht traurig sein, was mir auch zustoßen inag! Ist das Selbstsucht? Fürwahr, ich glaube c* nicht. Das wäre zu unschön, und zudem, wenn ich auch fröhlich bin, bricht mir immer das Herz beim Anblick des geringsten fremden Leides. Reimen Sie sich das zusammen! Ich bin luftig und könnte dabei über alle Unglücklichen weinen, die vorbeigehen, wenn ich mich nicht zurückhielte, wohl wissend, daß das kleinste Stückchen Brot ihnen viel lieber wäre als meine nutzlosen Thränen." Bei diesen Worten brach sie in ihr herzliches, muterfülltes Lachen aus, ein tapferes Weib, welches thätiges Handeln ge- schwätzigem Mitleid vorzieht! „Gott weiß trotzdem," fuhr sie fort,„daß ich Ursache gehabt habe, an allem zu verzweifeln. O, bis jetzt hat mich das Glück nicht verhätschelt. Nach meiner Heirat habe ich in jener Hölle, in welche ich geraten war, beschimpft und miß- handelt wurde, eine Zeitlang geglaubt, es bliebe mir nichts mehr übrig, als ins Wasser zu springen. Ich bin nicht hinein- gesprungen! Vierzehn Tage später jubelte mein Herz auf, von unermeßlicher Hoffnung geschwellt, als ich mit meinem Bruder nach dem Orient abreiste... Nach unsrer Rückkehr nach Paris habe ich in der höchsten Not schreckliche Nächte zugebracht, in denen ich uns beide über nnsren schönen Plänen verhungern sah. Wir sind nicht verhungert, und ich habe wieder an- gefangen, von großen Dingen zu träumen, von glückbringenden Tingen, iiber die ich manchmal selber lachen mußte... Letzt- hin, als jener schreckliche Schlag über mich kam, von dem ich noch nicht zu sprechen wage, war mein Herz wie entwurzelt. Ja, ich habe thatsächlich gefühlt, daß es nicht mehr schlug, und glaubte da, es sei gänzlich aus und vorbei mit mir. Aber, im Gegenteil, da faßt mich die Lebenslust aufs neue: heute scherze ich. morgen werde ich hoffen, und ich werde wieder leben wollen, immerdar leben. Wie merkwürdig, daß man nicht längere Zeit traurig sein kann!" Saccard zuckte lachend die Achseln. „Ach was! Sie sind wie alle Leute, so ist eben das Leben." „Glauben Sie?" rief sie erstaunt aus:„mir kommt es vor, als gäbe eS traurige, niemals, fröhliche Menschen, die sich vor lauter Schwarzseherei das Leben unmöglich machen. Ich gebe mich zwar keiner Täuschung hin über das Liebliche und Schöne, was mir da-? Leben bietet. Es ist zu hart für mich gewesen, ich habe es schon aus zu großer Nähe gesehen, überall und unverhüllt: es ist fluchwürdig, das Leben, wenn es nicht gemein ist. Aber was ist dagegen zu thun? Ich habe eS einmal lieb, olmc zu wissen warum. Mag um mich her alles in Gefahr schweben und krachend zusamnieustürzen, ich stehe trotz- dem schon am folgenden Tag voll froher Zuversicht auf den Ruinen... Oftmals habe ich gedacht, mein Fall sei im Kleinen derjenige der Menschheit, die allerdings in grauen- haftcm Elend lebt, aber durch jedes junge Geschlecht wieder kräftig aufgefrischt wird. Auf jedeS Leid, da? mich nieder- drückt, folgt gleichsam eine neue Jugend, ein verheißungsvoller Frühling, der mich erwärmt und mir den Mut hebt. Dies ist so sebr wahr, daß, wenn ich nach schwerem Leid auf die Straße, ins Tageslicht hinaustrete, ich sofort wieder zu leben beginne, zu hoffen, glücklich zu sein. Das Alter hat auch keine Macht über mich, ich bin naiv genug, alt zu werden, ohne es zu merken. Sehen Sie, ich habe viel zu viel gelesen für eine Iran und weiß nicht mehr, wohin ich gehe,— ebenso wenig übrigen?, wie die ganze weite Welt es weiß. Indessen kommt eS mir unwillkürlich vor, al? ob ich, als ob wir alle etwas sehr Schönem und ungetrübt Heiterem entgegen gingen." Am Schlüsse der Rede hatte sie einen scherzenden Ton angeschlagen, um ihre Rührung und Hoffnung zu verbergen. während ihr Bruder voll dankbarer Verehrung zu ihr aufblickte. „O Du!" erklärte er.„Du bist den Katastrophen ge- wachsen, Du bist die verkörperte Liebe zum Leben!" In diese täglichen Morgenplaudereien war allmählich eine fieberhafte Erregung hineingekommen. Wenn sich Frau Karoline dieser natürlichen und mit ihrer Gesundheit innig verknüpften Fröhlichkeit wieder zuwandte, so rührte dies von dem Blute her. welchen Saccard ins Haus brachte mit seiner feurigen Rührigkeit in großen Geschäften. Die Sache war fest beschlossen, man wollte die vielbesprochene Mappe ausbeuten. Unter den grellen Lauten seiner Stimme kam in alles neues Leben und übertriebene Thätigkeit hinein. Zuerst wollte mau sich deS mittelländischen Meeres bemächtigen, man eroberte eS vermittelst der„Compagnie Gcknörale der vereinigten Dampf- böte": dann zählte er die Häfen aller Küstenländer auf, in denen man Dampferstationcn errichten wollte, und mischte unklare klassische Erinnerungen in seine Spekulanten- begeisterung hinein. Er pries jenes Meer, das einzige, welches die alte Welt kannte, jenes blaue Meer, an dessen Gestaden die Kultur blühte, dessen Fluten die Städte des Altertums bespült haben, Athen, Rom. Tyrus, Alexandria, Karthago, Marseille, alle Städte, aus denen Europa entstand. Hierauf, nachdem man sich dieses großartigen WegeS nach dem Orient bemächtigt hatte, machte man drüben in Syrien den Anfang mit einem kleinen Geschäfte, mit der„Gesellschaft der Silberminen des Karmel", nur ein paar Millionen im Vorbeigehen zu der- dienen, aber ein ganz vorzüglicher Anfang-, denn dieser Ge- danke an eine Silbermine, an Silber, das man im Boden fand und mit der Schaufel zusammenlas, erregte immerhin die Leidenschaft des Publikums, zumal man den wunderbaren und weithinschallenden Namen des Karmel als Aushängeschild uehmcil konnte. Dort gab es auch Kohlenbergwerke, Kohlen in ganz geringer Bodentiefe, und diese würden Gold wert sein, wenn sich das Land mit Fabriken bedeckte. Man rechnete dabei die andren kleinen Unternehmungen nicht mit, die als Zwischen- akt dienten, wie zuni Beispiel die Gründung von Banken und Konsortien für die aufblühenden Industriezweige, die Ausbeutung der niächtigen Wälder auf dem Libanon, deren Riesen- dämne an Ort und Stelle verfaulen, weil es keine Wege giebt. Schließlich gelangte Saccard zum Hauptstück, zu einer„Gesell- schaft der Eisenbahnen des Orients". Tn redete er förmlich irre. Denn dieses von einem Ende zum andren über ganz Kleinasien geworfene Eisenbahnnetz,— das war für ihn die wahre Spekulation, das in Leben umgesetzte Geld, welches mit einein Schlage dieses uralten Weltteils sich beinächtigte wie einer neuen, noch unberührten Beute von unschätzbarem Werte, die unter der Unwissenheit und unter Jahrhunderte altem Schutte verborgen liegt. Er witterte förmlich diesen Schatz und wieherte auf wie ein Streitroß beim Geruch des Schlachten- dampfes. „Schauen Sie," rief Saccard,„diese Schlucht des Kar- mels, die Sic da gezeichnet haben! Nur Steine und Pistazien- bäume wachsen darauf! nun, sobald die Silbermine in Betrieb ist, wird zuerst ein Dorf drauf wachsen, dann eine Stadt. Alle diese versandeten Häfen werden wir reinigen und mit starben Dämmen schützen. Hochbordige Schiffe werden da ankern, wo heutzutage Bote nicht zu bleiben wagen.... Und in diesen verödeten Ebenen, in diesen einsamen Gebirgspässen, über welche unsre Eisenbahnen fahren sollen, werden Sic eine gewaltige Auferstehung erleben; ja, die Brachfelder werden wieder angebaut werden, Straßen und Kanäle entstehen, neue Städte aus dem Boden sprießen, kurz, das Leben wird zurückkehren wie in einem kranken Körper, wenn man durch die blutleeren Adern den Kreislauf eines neuen Geblütes be- schlcunigt... Ja, das Geld wird diese Wunder wirken." Ter Klang dieser durchdringenden Stinime rief bei Frau Karoline das Bild der vorausgesagten Kultur leibhaftig her- vor: die dürren Pläne, die geometrischen Zeichnungen belebten und bevölkerten sich. So hatte sie zuweilen von einem Oriente geträumt, der, von seinem Schmutz gereinigt, aus seiner Un- wissenheit geriittelt, den fruchtbaren Boden und das vortresf- liche Klima mit allen Verfeinerungen moderner Wissenschaft genießen könnte. Schon einmal hatte sie ein derartiges Wunder erlebt, bei jenem Port-Said, das in ganz wenigen Jahren neuerdings aus einer nackten Küste emporgesprossen war, zuerst Hütten als Obdach für die paar Arbeiter der ersten Stunden, dann eine Stadt von zweitausend Seelen, dann eine Stadt von zehntausend Seelen mit Wohnhäusern und un- geheureu Warenhallen, mit einem riesigen Damm, Leben und Wohlstand als Frucht der hartnäckig rastlosen Arbeit mensch- licher Ameisen. Alles dies sah Frau Karoline von neuem vor Augen, das unwiderstehliche Vorwärtsstreben, das Drängen und Schieben nach der größtmöglichen Wohlfahrt, das dunkle Bedürfnis nach Thätigkeit und Vorwärtskommen, das ohne genaues Ziel danach strebt, leichter als unter bisherigen Bedingungen weiter zu kommen. Sie sah auch die Erdkugel durch den rührigen Ameisenhaufen durchwühlt und neugestaltet, der seine Wohnung neu aufbaut, sie sah das fort- währende Weiterarbeiten und die Eroberung neuer Genüsse, die Macht des Menschen verzehnfacht und die Erde Tag für Tag mehr sein Besitz geworden. Das Geld als Stütze der Wissenschaft schuf den Fortschritt. Da warf Hamelin, der immer noch lächelnd zuhörte, ein besonnenes Wort ein: „Alles dies ist die Poesie der Ergebnisse, und wir sind noch nicht einmal bei der Prosa der begonnenen Arbeit an- gelangt." Bis jetzt hatte sich Saccard nur an seinen üüermämgen Phantasiebildern erhitzt. Es wurde schlimmer mit dem Tag, da er beim Lesen von Büchern über den Orient eine Geschichte I Napoleons ägyptischem Feldzuge in die Hand bekam. Schon vorher verfolgte ihn unablässig die Erinnerung an die Krcnz. züge, jene Rückkehr des Abendlandes zu seiner Wiege im Morgenlande, jene großen Völkerwanderungen, durch welche die äußersten Länder Europas zu den noch in voller Blüte stehenden Ursprungsländern zurückgeführt wurden, von denen sie vieles zu lernen hatten. Noch mächtigeren Eindruck machte auf ihn die Gestalt Napoleons, der zu einem großartigen, noch rätselhaften Zweck dorthin in den Krieg zog. Wenn er davon sprach, Aegypten zu erobern, daselbst eine französische Nieder- lassung zu errichten und so den Handel der Levante Frankreich zu übergeben, so sagte Napoleon sicherlich nicht alles. In der unaufgeklärt und rätselhaft gebliebenen Seite jenes Feldzuges wollte Saccard irgend einen unbestiminten Entwurf eines riesengroßen Ehrgeizes erblicken, den Wiederausbau eines unermeßlichen Reiches: Napoleon, in Konstantinopel zum Kaiser des Orients und von Indien gekrönt, verwirklichte Alexanders Traum und ward größer als Cäsar und Karl der Große. Sagte er nicht auf Sankt Helena, wenn er von Sidnsy- Smith sprach, jenem englischen Feldherrn, der vor Saint- Jean-d'Acre ihm Halt geboten:„Dieser Mensch ist schuld, daß ich mein Glück verfehlt habe"? Was die Kreuzzügc versucht, was Napoleon nicht hatte vollbringen können,— dieser groß- artige Gedanke einer Eroberung des Orients war es, welcher nunmehr Saccard entflammte, aber eine wohl überlegte Er- obcnmg, welche durch die Doppeltraft der Wissenschaft und des Geldes sich vollzog. Da die Kultur von Osten nach Westen gewandert war, warum sollte sie nicht wieder nach dem Osten zurückkehren, z« jenem ersten Garten der Urmenschheft, jenem Eden der hindostanischen Halbinsel, welches in der Ermattung der Jahrhunderte schlief? Das wäre eine Verjüngung: auf diesent Wege wollte er das irdische Paradies zu neuem Leben galvanisieren und vermittelst des Dampfes und der Elektricität wieder bewohnbar machen; dann setzte er Kleinasien als Mittel- Punkt der alten Welt wieder ein. als Kreuzungspunkt der großen natürlichen Straßen, durch welche Erdteile unter einander verbunden sind. Nicht Millionen waren zu gewinnen, sondern Milliarden und wieder Milliarden� (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbolln.) Gevpmnbeteiligung. Von Emil N o s e n o iv. Oer Gießcrcibesiher kam über den Fabrikhof. Er r-a-'c die .Hände in den Taschen, die Joppe weit aufstehend, daß sein dicker Bauch protzig hervorsah. Auf dem Kopfe trug er eine Hausmütze, etwas schief aufs Ohr gewippt, und aus dem vollen dartloser Gesicht lugten die Reuglein vergnügt und Pfiffig umher. Eben fuhr ein mit vier schweren Pferden bespannter Transportivagcn zum Hofthor hinaus. Er transportierte fertige Gußstücke in die große Maschinen- fabrik der Stadt, die selbst nicht alles herstellen koimie und der Gießerei deshalb laufend Austräge gab. Ter Gießerdbcfiher schmunzelte. Verdammt noch'mal, das gab wieder Geld! Die monatlichen Abrechnungen wurden immer größer. Dazu seine eignen Abschlüsse. Er war für's ganze Jahre gedeckt, während die Konkurrenz beständig in Verlegenheiten steckte. Aber seine. Kundschaft kannte nun auch aus langer Erfahrung seinen zuverlässigen Betrieb. Auf die Stunde wurde abgeliefert. Kam ein Auftrag, er wurde gemacht und wenn Tag und Nacht gearbeitet werden mußte, die Arbeiter mußten eben'ran. Und billig war er. Niemand konnte mir seinen Guß- preisen konkurrieren. Während in der ganzen Stadt die Gießerei- arbeitcr mehr verlangten, bei ihm blieben die Löhne auf dem alten Stand. Ja, ja, ihm konnte man nichts weiß machen und deshalb lag Segen auf dem Betrieb. Dieses Jahr wollte er sich noch so durch- helfen, aber nächstes Frühjahr wurde gebaut. Die gesteigerten Auf- träge verlangten einen größeren Betrieb. Er blickte über den Hof. Da lagen die Gußstücke umher. Ein paar Arbeiter hantierten im Tchtvcißc ihres Angesichts, die schweren Eisenstücke zurechtzulegen. Als er vorbeikam, zogen sie deinütig die Mützen.„Tag, Herr Braunskamp." „Tag, Ihr Leute. Tag," sagte der Gießcrciüesitzcr lächelnd und zog die Mutze vor seinen Arbeitern.„Immer tüchtig arbeitend IS' recht, is' recht!" Nur immer die Mütze ziehen. DaZ war leichte Mühe, aber die Arbeitcr machten sich viel daraus. Sie fühlten sich geachtet, jawohl, Und dann ab und zu darauf verweisen, daß man früher selbst nicht viel mehr wie'n Arbeiter war. So'n ganz kleiner Gicßermcister, der sich allmählich durch Fleiß und Tüchtigkeit'rausgearbeitct hatte, Das verschaffte Respekt,'n ganz schlichter Mann, sagten dann die Arbeiter und ließe» sich manches gefallen. Und dann lächelnd über gewisse Sachen hinwegsehen. Einfach nichts merken. Zum Beispiel, daß auf dem Hofe für die schwersten Gußstücke ein Hebckrahn not thäte. Man sah nicht hin. Mochten die Arbeiter die Lasten schleppen; es waren ihrer ja genug da. Braunskamp blickte zurück durch das Thor der Gießerei. Er sah die rote Glut aus dem Ofen herauslodern, den dunst- und rauch- erfüllten Raum und darinnen, von der Glut beleuchtet, die Gestalten der Arbeiter, die halbnackt, nur mit einer Hose bekleidet und mit Holzschuhen an den Füßen. Mit klobigen Schöpfen an langen Stangen holten sie die flüssige Eisenmasse und goßen sie in die Sandformen, wo sich der Guß abkühlte. Das machte ihm immer Spaß, so auS der Entfernung zuzugucken und dann das schöne Ge- fühl zu haben: jeder Handgriff bringt Geld. Wie er sich umlvandte, um ins Comptoir zu gehen, warf er einen Blick zum ersten Stock empor. Da lag, dem Hofe zu. das Spe>sezinlmer. Durch daS Fenster sah er das mächlige vlämische Bufsct, die massive Messingkrone über dem weißen Linncntuch des Tisches. Er freute sich dieser Harmonie. Unten die Arbeit, oben der Segen. Seine Frau, behäbig und rundlich wie er, saß eben am Tische. Sie niachtc einen langen Hals und winkte ihm ungeduldig. Ja doch. ja doch; er wird schon kommen. Aber erst die Arbeit und dann daS Vergnügen Wie er durch die Hinterthürc in das Comptoir trat, kam gleich- zeitig durch den Haupteingang ein Herr herein. „'n Abend. Herr Braunskamp zu sprechen?" Aha. Das war sein Konkurrent, Gießereibcsitzer und Maschinenfabrikant Zöllner. Was mochte der schon wieder wollen? „'n Abend, Herr Zöllner. Wenn ich bitten darf..." Er komplimentierte den Besuch in das kleine Privatcomptoir, schloß die Glasihüre und klappte das Schiebefenster für die Schreib- fachen herab. Man konnte nie vorsichtig genug sei». Herr Zöllner war von hagerer Gestalt; er hatte sich in einen Sessel zurückgelehnt, wischte sich der Schweiß von der Stirn und toarf dem dicken Gießerewentzer einen sörmlich flehenden Blick zu. „Herr Braunskamp, ich bitt' Sie um alles in der Welt... Sie müssen mir wieder'mal aus der Verlegenheit helfen l" „Ranu, was giebrs denn wieder... hä?" „Meine Leute haben mir den Kram hingeschmissen. Sie wollen keine Ueberstunden mehr machen. Denken Sie sich die Frechheit. Sic kriegen sie doch bezahlt. Aber sie wollen einfach nich'." Herr Braunskamp zog die Brauen hoch: dann lächelte er über- legen.„Schon wieder mal Streik? Bei mir wird Ileberschicht gemacht, so oft's nötig is', und keiner sagt'lvas. Meine Leute sind gut und willig."- «Ja, Ihre Leute. Musterarbeiter! Aber die Meinen! Oh. ich weiß schon. Da ha'm sie sich dem verdammten Verband ange- schlössen und nü wird so lange an ihnen'rumgchetzt, bis sc eben nich' mehr mitmachen. Und fügt man sich dann der Anmaßung nich... bums, da liegt die Arbeit." „Jaja... Heute ha'm se niedergelegt?" „Eben, nach dem Vesper. Ach. ich bin ja'n ruinierter Mann!" Herr Zöllner hielt sich den Kopf und rannte durch den Raum. Alle? jtontraltarveit, alles Lieferung auf Zeit. Wenn ich meine Zeit nich' einhalte, muß ich Koiwenlionalstrafe zahlen, daß ich kapult gehe... I Herr Braunskamp. Sic müssen mir helfen, Sie müsse» für mich gießen!" „Thut mir leid, geht nich'." «Um Gottes willen!" „Geht nich', wenn ich's Ihnen sage, mein lieber Herr Zöllner. Sireilguß? Brrrl Darin sind die Leute empfindlich und am Ende schmeißen Sie mir auch die Arbeit hin." Herr Zöllner verlegte sich aufs Bitten. Er müsse doch ein Einsehen haben. Aber der Gießcrcibesitzer ließ den Konkurrenten zappeln. Er lvar sich bereits klar, daß er den Guß machen werde. Er wußte, niemand anders in der Stadt konnte die Arbeit über- nehmen, und deshalb wollte er wenigstens gehörig verdienen. Er sträubte sich und sträubte sich wieder. Da sprach Herr Zöllner von hoher Entschädigung. Er wollte nichts mehr verdienen, wenn er bloß nicht Konvemionalstrasc zahlen, nicht die Kundschaft einbüßen, und wenn er bloß nicht vor den streikenden Arbeitern zu Kreuze iricchcn brauchte. „Hm," fragte da Herr Braunskamp gleichgültig,«Was wollen Sc's denn kosten lagen?" Ter Gcängstigte nannte eine hohe Summe. Herr Braunskamp zuckte zusammen.„Nu," meinte er dann,„wenn man eins ins andre rechnet und wenn man denkt, daß einem doch andre Arbeit liegen bleibt, mag's grade hingeh'n... Ich wer' Ihnen'was sagen, Herr Zöllner, ich mach's... bloß um Ihnen'neu Gefallen zu thun, versteh'» Se. Aber das sag' ich gleich, es is''s letzte Mal, daß ich Ihnen aus der Not helfe." Herr Zöllner atmete auf. Ihn ärgerte das Geld, welches er dem Konkurrenten in den Hals Wersen mußte, aber was wollte er machen? Besser, daß Braunskamp ihn bewucherte, als daß die Ar- dciter ihn niederzwangen. So wurden sie handelseinig. „Ich laß' die Gußformen noch heute schicken," sagte Herr- Zöllner. „Pischt, pischt!" Braunskamp hob abwehrend die Hände. „Wcr'n Se wohl nich' so dumm sein! Das alles verraten wird, wie? Nee, ich schick' heute Nacht zwei Gießermcistcr mit'nein Handwagen. Blci'm Se auf, bis die Leute da waren. Dann schmeißen wir die Formen bei uns auf den Boden unter's alte Zeug, und morgen oder übermorgen sag ich meinen Leuten: wir ha'm plöylich'ne Nachlieferung, holt'mal die alten Formen vom Boden'runter. Tann denken se.'s find alte Formen von uns. die se nich' kennen, und machen die Sache, ohne sich'was Böses zu denken." Zöllner kniff die Augen zusammen. So ein alter Spitzbube! Aber bewundern mußte er ihn doch. Er verstand es. seine Leute zu behandeln. Und Braunskamp schien seine Gedanken zu erraten. Er lächelte vergnügt und meinte: .Ja. ja. Ich Hab' meine Leute an der Leine. Ich versteh' mit ihnen umzngeh'n Bei mir is' noch nich' gestreikt worden. keiner is' organisiert, und Widerworte gicbt's nich'!" Zöllner sah ihn bewundernd an.„Ja, sagen Sie, wie machen Sie's bloß?" Braunskamp erhob sich, ging auf den Zehenspitzen zur Thür, horchte, ob ihn niemand belausche, und tuschelte: „Das macht, ich Hab''ne Gewinnbeteiligung eingeführt." „Wie?" „Ich beteilige meine Arbeiter am Eeschäftsgewinn." Herr Zöllner war einen Augenblick starr.„Was, das is' ja der reinste Zukunftsstaat." „Nee. das is' cS nich'," erwiderte Braunskamp trocken,„aber eS is' sehr vorteilhaft für mich." «He? Wenn Sie Ihren GeschäftSgcwiiin mit den Arbeitern teilen... das is' vorteilhaft für Sic?" „Ich teil' ihn ja gar nich'." „Nich'? Ja, wie machen Sie's denn?" Der Gießereibesitzer setzte sich nieder, nahm ein;» Bleistift spitz zwischen Daumen und Zeigefinger und während er seinem Gegen- über taktmähig damit auf die Weskeiiknöpfe tippte, dozierte er be- dächtig und niit einem gewissen stolze, wie wenn er eine gewichtige Erfindung gemacht hätte: „Ich wcr's Ihnen'mal auseinandersetzen. Also... in der ganzen Stadt gingen in den Gießereien die Löhne hoch und auch meine Arbeiter kamen. Da sagt' ich: Ihr sollt' noch oiel mehr haben, als 'a paar Psennige Stundenlohn mehr. Ihr sollt' am Geschäftsgcwinn» beteiligt werden. Verstanden? Ihr werdet Geschäftstcilhabcr. Also... Die Gießerei, die ganze Einrichtung, der erworbene Kunden- kreis is' mein. Mir'S abzukaufen habt Ihr kein Geld. Also bleib' ich Geschäftsinhaber und beanspruche die Hälfte des Geschäfts- gewinns." „Und die andre Hälste, die geben Sie den Arbeitern?" Herr BraunSkamp lächelte.„Die andre Hälste wird pro- zentual verteilt. Ich lass' meinen Betrieb arbeiten, also bekomm' ich den größten Anteil, SO Prozcnr. Die übrigen 1v Prozent be» kommen die Arbeiter." Herr Zöllner brach in ein schallendes Gelächter auS, aber Braunskamp ließ sich nicht irreticren, sondern fuhr gleichmütig fort: „Durchschnittlich entfallen auf den Mann zwanzig Mark. Da» wird nu verteilt. Wer erst ein Jahr da iL', kriegt natürlich nischt. Im zweiten Jahr'ne Kleinigkeit, dann steigt'S mit den Arbeitsjahren im Betriebe." „So. so. Und der Vorteil?" „Der Vorteil? Erstens: ich behalt''neu Stamm Arbeiter, denn je länger einer im Betrieb is', desto mehr kriegt'r. JS'n halbes Jahr vorbei, da wechselt keiner, den» jeder denkt an den Geschäfts- gewinn. Und ich kann mir'mal erlauben, auszutreten, ocnn keiner büßt gern die Arbeit ein im Hinblick aus den Geschäftsgcwinn." „Und wie steht's mit den Löhnen?" „Hä. Kamen Lohnforderungen, so stellt' ich mich auf den Stand- Punkt: werden den jungen Leuten, die bald wechseln, die Löhne er- höht, so ha'm die alten den Schaden davon, denn der Geschäftsgewir.r, wird verringert. Werden keine Ueberstunden gemacht, verringert sich der Geschäftsgewinn; werden neue Einrichtungen geschaffen, vcr> ringert es den Geschäftsgewinn. Also seid ruhig und zufrieden, beim Jahresschluß wird sich alles finden." Er erhob sich und reichte seinem Konkurrenten zum Abschied die Hand. „Mir scheint," sagte der spöttisch,„diese Gewinnbeteiligung is' sehr vorteilhaft— für Sie." Herr Braunskamp nickte.„Wenn ich bedenke, wie während der Jahre die Löhne hochgegangen sind... hähäl Müßt ich se bezahlen. meine Einbuße wäre jährlich zehnmal größer, als die Summe des Gewinnanteils."—— Herr Braunskamp stand am Fenster, die Cigarre im Munde, die Mütze auf dem Kopse. Die Former und Gießer verließen den Betrieb, müde, abgerackerte Gestalten. Demütig nahmen sie die Mützen ab. Und Herr Braunskamp erwiderte den Gruß mit breitem, gemütlichem Lächeln, so recht leutselig wie ein wohlwollender Menschen- freund.—_ Kleines feuilleton. c. Schulen sür schwachbegabte Kinder. Ein neues System der Erziehungsmethoden sür schwachbegabte Kinder versucht man in England zu entwickeln. Für derartige Kinder� ist die gewöhnliche Schule nicht passend; es handelt sich im Durchschnitt um zwei von tausend Kindern, die anders erzogen werden müssen; von diesen kann der dritte Teil durch eine besondere wissenschaftlich durchgebildete Erziehungsmethode zu nützlichen Bürgern gemacht werden. Die Londoner Schulbehörde hat daher seit einiger Zeit mehrere Schulen geschaffen, wo die Kinder nach ärztlicher Prüfung ausgewählt und Lehrern übergeben werden, die eine Kindcrgarten-Ausbildung ge- nassen haben. Dieser Beruf wendet sich besonders an die Sym- vaihicn der Frauen. Eine unendliche Geduld und. ein tiefes Mitlcrd mit den armen Geschöpfen sind wesentlich für den Erfolg der Arbeit. Die geistig schwachen Kinder führen ein elendes Leben, wenn sie die gewöhnliche Sclmle besuchen. Die meisten werden das Gespött ihrer Kameraden, andre sind ungctvöhi'.lich schüchtern und wieder andre sind sehr boshaft. Alle anormalen Krndcr haben auch einen körperlichen Defekt. Bei einem groszen Teil von ihnen ist eine Körperseite gröher als die andre, oder ein andrer Körperteil unter- öder überentwickelt. Viele leiden an Berstopfung der Aase und Kehle, z. B. an drüsen- artigen Gewächsen, die eine ständige Reizung verursachen und eine fortgesetzte geistige Konzentration unmöglich machen. Viele haben Augen- und Ohrenlciden und noch andre einen unzureichenden Blut- Vorrat im Gehirn. Ei» wesentlicher Teil dcS neuen Erziehungs- fystems ist es nun, den körperlichen Defekt zu behandeln, der eine Begleiterscheinung des geistigen ist. Wenn Sinnesorgane angegriffen sind, müssen sie, falls sie heilbar sind, geheilt werden. Eine passende Brille kann die schlechte Laune heilen, und die beste Kur für daö Lügen kann eine Verbesserung der Verdauung sein. Ein bedeutender Pathologe schreibt:„Tie Lehrer sollten Ivgreifen, das; der Widerwille gegen das Lernen und eine entschiedene Vorliebe für Bosheiten nicht notwendigerweise bedeutet, das; das Kind die Verkörperung ursprünglicher Sünde oder vom Teufel besessen ist. Wenn das Ge- Hirn nicht genügende Nahrung hat, kann es sich nicht entwickeln. Das Fleisch ist welk, der Blutdruck niedrig, daS Blut nicht normal und das Herz pumpt nicht genügend. Wenn man bei Verrückten den Blutlaus anregen kann, wird die Geisteskraft manchmal ohne tveitercs erhöht." Bei dem entartetsten Tbpus des anormalen Kindes müssen die sonst fast unbewußten Bewegungen gelehrt werden, z. B. Armbeugen, Gehen, Spreizen und Schließen der Finger usw. Gut gewählte und geleitete Spiele, besonders im Freien, sind eines der besten Mittel, mangelhaft entwickelte Kinder zu erwecken und zu er- ziehen, und sie sind auch besser als formale Hebungen. Ein Kind, dessen Geist nicht im Gleichgelvicht ist. muß jeden Tag kurze Zeit auf einem Kreidcstrich gehen. Ein Kind, das die Füße auf dem Erd- bodcn entlang schiebt, muh über erhöhte Holzstücke gehen, die in regel- mäßigen Zwischenräumen auf dem Boden liegen. Bei besonderen Schwierigkeiten in der Herrschaft über die Muskeln hat man bestimmte Ilebungen, wie auf einem Brett gehen oder eine Leiter ent- lang schreiten, lvährend man auf dem Boden bleibt, entivcder die Sprossen entlang oder in den Oeffmingen zwischen den Sprossen. und verschiedene andre Ilebungen, die durch die schwedische Gymnastik enttvickelt worden sind. Der Wert dieser liebungen wird immer mehr erkannt. Zum weiteren Unterricht des Kindes bedient man sich aitzichender Gegenstände, die möglichst stark gefärbt sind. Ilm einem zurückgebliebenen Kinde die Buchstaben beizubringen, braucht man große Blöcke, die auf allen Seiten einen Bucbstaben des Alphabets tragen. Das Elementarrechnen lernen sie durch Zählen von Stroh- Halmen, Bällen oder Murmeln. Geographie tvird durch große Karten oder durch Modelle von Gegenständen, die typisch für ein Volk sind, illustriert, z. B. durch Pagoden oder merkwürdige chiucsische Tempel. Alles tvird durch bestimmte Beispiele wirksanier eingeprägt. So wird beim Begriff des Occaus die Hand deS Schülers ins Wasser gelegt, und er verbindet dann Oeean mit Wasser. Auch die Musik ist vo» großem Wert bei der Erziehung zurückgebliebener Kinder; sie empfange» von ihr glückliche Eindrücke, ihr Geist tvird dadurch an- geregt und sie erhalte» cir gewisses Gefühl für Zeitmaß und Rhythmus. Natürlich wird jeder Lehrer, der sich für seine Aufgabe intercssiect. nußer den allgemeinen Regeln bald auch die individuellen Bedürfnisse jedes Schülers leimen zn lernen und ihnen zu entsprechen suchen.— Medizinisches. io. Die Erschöpfung der Krankheit. Es tvird der arzUichm Wissenschaft zum Vorwurf gemacht, daß sie für manche Krankhcitszuslände gewohnheitsmäßig Benemnmgen gebraucht, die nicht viel besser als Phrasen sind. Dieser Mangel wird auch von elnftchtige» Vertretern der Medizin zugegeben und eben einfach darauf zurückgeführt, daß auf den fraglichen Gebieten die Forschung noch nicht weit genug gediehen ist, um solche ungenügenden Begriffe zu klären und auszulösen. Zu derartigen Bezeichnungen gehört, >vie allbekannt, das Wort Erkältmig. Aber mich der Rheumatismus z B. ist ein unter diesem Gesichtspunkt bedenklich erscheinendes Ding, denn unter diesem Namen sind ganz sicher viele Störunaen des Gesundheitszustandes versteckt, die untereinander sehr verschieden .und zum Teil noch recht unbekannt sind. Es würde vorschnell sein, »venn jemand eine Abgrenzung für den Begriff des MuskelrheiimatiS- nuiS oder der rheumatischen Gcleukentzünduiig geben wollte; man bezweifelt ihre ansteckende Natur nicht, kann aber doch keine Beweise für einen derartigen Ursprung liefern. Eine besonders gehcimniS- volle, weil scheinbar mit psychologischen Einflüssen zusammenhängende Erscheinung ist die Erkrankung, die man gewöhnlich kurz mit dein Ausdruck Erschöpfung oder Ucberarbeiluiig bezeichnet. ES ist damit der. Vorgang gemeint. daß ein thätigcr Mensch plötzlich geistig und körperlich eine Art von Zusammenbruch erleidet, von dem er sich erst mühsam wieder erholen muß, wenn ihm das überhaupt gelingt. Als Kennzeichen dafür nimnit man eine allgemeine Herab- setzung in der Lebensfähigkeit des Organismus an, ohne jedoch den anatomischen� Sitz oder die pathologische Natur der eigentlichen Krankheitsursache zu keimen. Vielleicht können die in letzter Zeit häufiger vorgenmnmenen Versuche und Beobachtungen über die Er- müdung bei Schulkindern einigen Ausschluß nach dieser Richtung gewähren, immerhin ist auch die Erfabruug von dem Wesen der Vcraiitivvrtltchcr Stedakteur: Earl Leid in Vcrlin.— Drucklinv Verlag:" Ermüdung überhaupt sehr unzulänglich. Man hat eine gewisse Summe von Kenntnissen über die chemischen und physiologischen Vorgänge der MnSkelcnnüdung. bezüglich der GeistcSthättgkeit so lvie der verschiedenen Organe für Verdaiuing, Säste-AuSscheidung usw. weiß man jedoch noch sehr wenig. Bei jenem Zustand der Er- schöpstmg sind eben die höher entivickeltcn Teile des Gehirns in ihrer Bethätigung herabgesetzt, desgleichen alle Fähigkeiten der Nahruugsaustiahme und Nahrungsverarbcitllug, so daß damit so« wohl eine ungenügende Ernährung als eine unzulängliche Muskelkraft in Zusammenhang steht. Die unvollkommene Blutbilduug ivirkt wieder auf daS Nervensystem zurück, be« einträchttgt dessen Ernährung, und so ist der oirculus vitiosus geschlossen. Der„ Lance t" macht in einem Leitarttkel ans eine der wahrscheinlichen Ursachen solcher Erkrankungen aufmerksam, die er in der Eintönigkeit des täglichen Lebens findet. Eine solche Art des Z»llamine»bruchs kommt ivohl am häufigsten bei solche» Leuten vor, deren Arbeit sich Tag für Tag in den gleich- mäßigsten Bahnen abwickelt, also bei Beamten und Kaufleuten, die des Morgens in ihr Bureau gehen, von dort zu Mittag, vom Mittag wieder in? Bureau und dann nach Hause oder an einen dritten Orr, und die sich auch in den Arbeitspausen an ganz bestimmte Gewohn- heiten der örtlichen»md sonstigen Umgebung halten. In jeder Großstadt giebt eS sicher Tansende' von Beschäftigten, die immer dieselbe» Wege gehen, immer am gleichen Ort speisen, immer dieselben Gesichter sehen usw. Es hat nun aber den Anschein, als ab der menschliche Organismus dafür nicht geschaffen ist und daS berübmte Wort:..der Mensch eine Maschine" nicht zutrifft. Die Ab- ivechselung ist ein Lebenselement, und es kann vielbeschäftigten Leuten nicht oft genug geraten werden, iiamentlicb wenn sie in der Arbeit keine Abwechselung finden können, eine solche wenigstens in den Erholungöstunden absichtlich aufzusuchen. DaS, was man im all- gemeinen als Anregung bezeichnet, giebt dem ganzen Wesen de? Menschen einen Impuls, dessen Fehlen sich mit der Zeit, und zwar innerhalb gar nicht langer Zeit, durch den Eintritt körperlichen und geistigen Zusammenbruchs rächt.— Notizen. —„ E d e l f ä u l e", eine vieraktige Komödie von'O t t o Fuchs» T a l a b, hatte in einem„Utterarffcheu Abend" des Joseph» städter Theaters in Wien Erfolg.— — Die War schauer Phil harmonischeGesellschaft bat einen Preis von üvtzv Rubel für eine drei- oder vier- aktige abeiidfülleude Oper ausgeschrieben. Bei der Partitur sollen möglichst polnische Volksmotive verwendet werden. Letzter Eiulieferungsterntin ist der 1. Juli ltzvl.— — Otto G r e i n e r S Koloffalgemälde„OdysscuS bei den Sirenen" ist um A> OOO M. für das Leipziger Städtische Museum angekauft worden.— — Der Zoologe Professor Julius Victor E a r u S ist. achtzig Jahre alt, in Leipzig gestorben. CaruS hat sich um die Verbreitung von Darivins Lehren in Deutschland, durcki die llebersetzung der meisten Schriften des englischen Forschers große Verdienste er- worden.— — 1000 M. schreibt die S e n ck e n b c r g i s ch e Natur» forschende Gesellschaft in Frankfurt a. M. für die beste Arbeil aus, die einen Teil der Geologie deS Gebietes zivisclien Aschaffenburg. Heppenheim. Alzey, Kreuznach, Koblenz, EmS, Gießen und Büdingen behandelt. Die Arbeiten sind bis zum 1. Oktober 1003 einzureichen.— — In der Vereinigung„Die Kunst im Leben d c S Kindes" spricht am 18. März, abends 0 llhr(im Rathause), Rektor H. S ck> in i d t über„ B l u in e n p f l c g e Eintritt für Nicht- Mitglieder 50 Pf.— — Parka in entarische Rcdeblüte. Im elsaß-lothrin» gischen LaudeSansschusie bemerkte kürzlich ein Volksvertreter: Im Vorjahre ist mir eine Petition über die Zuchtsticre zugegangen. Darin heißt cS, der Sticrhaltcr nincbt seine Sache sehr schlecht. (Große Heilerkeit.) Unser Zuchtsticr versteht seine S a ch e v i e l b e s s e r als u n s c r B ü r g e r m e i st e r!(Große, andaucrnde Heiterkeit.)— Büchereinlauf. — Maxim Schmidbauer:„Die galante Henity." Gesellschafts-Satire. München. August Sckmpp.— — Franz Ada m B c v c r l ei n: ,.J c n a oder S c d n n?" Roman. Berlin.„Vita". Deutsches Verlagshaus. 2 Bde.— — Hann? Fuchs:„C l a i r e". ein masochistischcr Roman. Berlin. H. Barsdorf.— — Fr a n z Xaver:„E i n Schauspiel"« Drama. Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag.— — Emile Zola:„M a l e r e i". Erster Band der Bibliothek hervorragender Kunstschriftsteller. Berlin. Bruno Eassirer.—__ torwärts Buchdruckerei und Vertagsanstalt Paul Singer U Co., Berlin SWi