Anterhaltungsblatt des Forivärts Nr. 51._ Freitag, den 13. März. 1903 (Nachdruck verboten.) Das Geld, Roman von Emile Zola. Von da an Pflegte Saccard init Hamelin jeden Morgen lange Beratungen zu haben. Waren die Hoffnungen weitumfassend. so stellten sich die Schwierigkeiten zahlreich und ungeheuer groß entgegen. Der Ingenieur, der irn Jahr 1862 zufällig dem schauerlichen Oieniehel angewohnt hatte, welches die Drusen unter den christlichen Maroniten anrichteten und wodurch Frankreichs Einmischung nötig wurde, verhehlte die Hindernisse nicht, auf die man bei diesen einander immer bekämpfenden und der Willkür der Ortsbehörden überlieferte» Völkerschaften stoßen mußte. Indessen hatte er in Konstantinopel mächtige Beziehungen: er hatte sich der Beihilfe des Großveziers Fuad Pascha versichert, eines hochverdienten Mannes und ans- gesprochenen Anhängers der Neuerungen. Von ihm hoffte er alle nötigen Konzessionen zu erlange». Andrerseits, obwohl er den unausbleiblichen Bankerott des ottomanischcn Reiches voraussagte, sah er iu seinem schrankenlosen Geldbedürfnis, in diesen Jahr für Jahr auf einander folgenden Anlehen eher einen günstigen Umstand. Eine Regierung in Geldnöten, die keine persönlichen Biirgschaften darbietet,- ist stets bereit, mit Privatunternehmern zu unterhandeln, sovnld sie den geringsten Gewinn dabei findet. War das nicht eine praktische Art, die ewige und lästige orientalische Frage aus dem Wege zu räumen, wenn man die Pforte an großen kulturfördernden Arbeiten beteiligte und nach und nach dem Fortschritt entgegen- führte, damit sie nicht mehr eine ungeheuerliche Schranke zwischen Europa und Asien bilde? Welch herrliche vater- ländische Rolle würden da die französischen Gesellschaften spielen! Eines Morgens nahm Hamelin mit aller Ruhe das ge- Heime Programm in Angriff, auf tvelches er bisweilen an- spielte und das er scherzhaft die Krönung des Gebäudes nannte. „Wenn wir dann die Herren sein werden," sagte er, „dann richten wir das Palästinische Reich wieder ein und sehen den Papst an dessen Spitze... Zuerst wird man sich mit Jerusalem begnügen können, nebst Jaffa als Seehafen. Dann wird Syrien unabhängig erklärt werden und dem Reiche ein- verleibt. Sie wissen, daß die Zeiten nahe sind, an denen das Papsttum nicht mehr in Rom bleiben kann, wegen der empörenden Demiitigungen, die man ihm bereitet. Alls diesen Tag müssen wir bereit sein." Mit offenem Munde hörte Saccard, wie Hamelin diese Tinge mit ruhiger Stiinme aussprach, als Katholik mit tief- eingewurzeltem Glanben. Er scheute zwar auch nicht vor tollen Phantasiebildern zurück, aber so weit hätte er sich nie verstiegen: dieser Mann der Wissenschaft, der so kaltblütig drcinsah, verblüffte ihn. „Das ist ja Tollheit!" rief er,„die Pforte gicbt Jerusalem nimmermehr her!" „O, warum nicht!" erwiderte Hamelin gefaßt,„sie steckt ja in solcher Geldnot! Jerusalem ist ihr lästig, sie wird es gerne preisgeben. Oft weiß sie nicht, wo hinaus zwischen den verschiedenen Konfessionen, die sich um den Besitz der heiligen Orte streiten... Zudem hätte der Papst in Syrien unter den Maroniten eine wirkliche Stütze. Sie wissen ja, daß er in Rom für ihre Priester ein eignes Kollegium errichtet hat... Kurz, ich habe alles wohl überlegt und berechnet: damit wird die neue Aera beginnen, die Aera des siegreichen Katholizismus. Vielleicht wird man sagen, daß ich zu weit gehe und daß so der Papst aus dem Bereiche der europäischen Geschäfte hinaus- gedrängt wäre. Aber in welchen! Glanz und in welcher Mächt- fülle wird er strahlen, wenn er inmitten der heiligen Orte thront und von dem heiligen Lande aus, lvo Christus einst sprach, im Namen Christi sprechen wird. Hier ist sein Patri- monium, hier mutz sein Reich sein... Sie können beruhigt sein, wir werden es mächtig und dauerhaft»lachen, dieses Reich: wir»verde» es vor den politischen Schlvaukungen schützen indem wir seinen Staatshaushalt auf einer großen Bank basieren, um deren Aktien die Katholiken des Weltalls sich reißen werden,»venn wir auf die reichen Hilfsquellen des Landes als Bürgschaft hinweisen." Saccard, der anfangs zu lächeln schien, ließ sich durch die Großartigkeit dieser Pläne hinreißen, ohne überzeugt zu sein; er konnte jetzt nicht umhin, die Bank zu taufen, und verkündete fröhlich seinen neuen Einfall: „Die Bank von» Schatze des heiligen Grabes, nicht»vabr? Prächtig! Darin liegt das Geschäft!" Als aber feine Augen dem ruhigen Blick Frau Karolinens begegneten, die ebenfalls lächelte, von Zweifeln erfüllt und sogar etwas ungehalten, da fchäinte er sich seiner Begeisterung. „Gleichviel, mein lieber Hamelin, die Krönung des Ge- bäudes,»vie Sie dies selbst nennen, werden wir vorläufig geheim halten. Vielleicht»viirde man uns auslachen. Und dann ist linser Programm jhon so fürchterlich überladen, daß es gut sein»vird, die äußersten Schllißfolgerungen, den glor- reichen Abschluß für die Eingeweihten allein aufzusparen." „Selbstverständlich! Dies»var immer incine Absicht," erklärte der Ingenieur,„das ist und bleibt das Geheimnis." Auf dieses Wort hin»vurdc an jenem Tage die Aus- beutung der Mappe mit den Plänen, die Verwirklichung der endlosen Reihe von Entwürfen endgültig beschlossen. Zuerst wollte man eine bescheidene Kreditanstalt gründen, um die ersten Geschäfte in Gang zu bringen. Dann wollte man init Hilfe des Erfolges allmählich den Markt beherrschen und die Welt erobern. Tags darauf,»vie Saccard zur Fürstin Qrvicdo hinauf- kam, um bezüglich des„Heims der Arbeit" eine Weisung zu erbitten, da erinnerte er sich»vieder an den Traum� den er eine Zcitlmig gehegt hatte, der Prinzgemahl dieser Königin des Almosens z» sein, der bloße Verwalter und Verteiler der Millionen der Armen. Und er lächelte, denn jetzt fand er diesen Traum etwas einfältig. Zum Hervorbringen von neuem Leben war er geschaffen, nicht zur Heilung der Wunden, die das Leben geschlagen. Endlich, endlich würde er wieder auf seinem Arbeitsfeld stehen, mitten in dem Handgemenge der Interessen, mitten in jener Jagd nach dem Glück, aus welcher das Vorwärtsschreiten der Älenschheit zu einer von-e>ahr> Hunderten zu Jahrhunderten größeren Freude und größere»! Aufklärung sich ergiebt. �___ 3tn jenem Tnge tccif er Frau Karolme aUcni in dem Zcichenzimmer. Sic stand vor einem der Fenster, festgehalten durch das Erscheinen der Gräfin Beauvilliers und ihrer �ochter zu ungewohnter Stuilde iin Garte». Mit tieftrauriger Miene lasen beide Frauen einen Brief, wahrscheinlich einen Brief des Sohnes Ferdinand, dessen Lage in Rom»vohl nicht glänzend»var. „Schauen Sie dorthin!" sagte Frau Karolinc bei Saccards Eintritt.„Wieder ein Kummer für diese uiigluck- lichcn Frauen. Die Bettlerinnen auf der Straße thun mir »veniger leid." „Ach was!" erwiderte Saccard fröhlich,„Sie müssen sie bitten, mich zu besuchen: auch sie»vollen wir reich»nacheii, da »vir doch alle Welt bereichern werden." llnd im Fieber seines Glücks suchte er ihre Lippen, rnn sie zu küssen. Mit rascher Betvcgung hatte sie aber de» Kopf zurückgezogen, ernst und bleich,»vie von plötzlichem llnwohlsein ergriffen. „Nein, ich bitte Sie darum." Es»var das erste Mal, daß er ihr»vieder näher zu kommen suchte, seitdem sie in einem Augenblick völliger Unzurechnungs- fähigkcit sich ihm hingegeben hatte. Nachdem jetzt die ernsten Geschäfte in Ordnung waren, dachte er auch an das Liebesglück und suchte in dieser Beziehung seine Lage zu klären. Deshalb »var er über die lebhafte,»viderstrebende Bewegung etwas verwuiidert. „Wirklich? Das»väre Ihnen uiiangenehm?" „Ja, sehr unangenehm!" Sie faßte sich und lächelte wieder. � „Uebrigcns geben Sie»nir zii, daß Sie gar kern Gewicht darauf legen." „Ich? Ich verehre Sie ja!" „Nein, sagen Sic das nicht: Sie»verde» binnen kurzein sehr beschäftigt sein. Zudem versichere ich Sie, daß ich bereit bin, Freundschaft für Sie zu empfinden, wenn Sie der thätige Mann sind, den ich in Ihnen verinute, und wenn Sie alles Große vollbringen, was Sie versprechen... Nicht wahr?, Die Freundschaft ist doch viel besser!" Cr hörte ihr lächelnd zu. immer noch verlegen und un- schlüssig. Jetzt wies sie ihn förmlich ab; es war lächerlich, daß er sich nur einmal durch Uebcrrumpelung ihrer bemächtigt hatte. Aber seine Eitelkeit allein litt darunter. „Also nur Freundschaft?" „Ja! Ich will Ihr guter Kamerad sein, ich will Ihnen helfe»... Freunde wollen wir sei»., gute Freunde.. Sie hielt ihm die Wangen hin, und besiegt drückte er zwei herzhafte Küsse darauf. Er fand, daß sie recht hatte. 3. Ter von Sigismund übersetzte Brief des russischen Bankiers in Konstantinopel war der günstige Bescheid gewesen. auf welchen Saccard gewartet hatte, ehe er die Angelegenheit in Paris in Gang setzte. Zwei Tage später kam ihm beim Erwachen die plötzliche Eingebung, es müsse heute noch gehandelt werden, noch vor der Nacht müsse das Konsortimn gebildet sein, bei dem er die fiiufzigtausend Aktien zu fünfhundert Franken feiner mit einem Kapital von fünfundzwanzig Millionen zu gründenden Aktiengesellschaft zum voraus unterbringen wollte. Als er aus dem Bette sprang, hatte er endlich den Namen für diese Gesellschaft, das lange gesuchte Aushängeschild ge- funden. Die Worte„Bunguo Universelle" standen in dem noch dunklen Gemach plötzlich in Flammenzügen vor ihm. „Banque Universelle!" wiederholte er immerfort beim Ankleiden,„Banqne Universelle", das ist einfach und groß- artig! Das umklammert alles, das bedeckt die Welt... Ja, ja, vortrefflich...„Banqne Universelle!" Bis halb zehn Uhr durchmaß er in Gedanken Versieft seine geräumigen Zimmer und fragte sich, wo er nuil in Paris feine Jagd nach den Millionen beginnen sollte. Fünfund- zwanzig Millionen� die findet man am Ende hinter einer Straßenecke! Ja, die Verlegenheit der Auswahl kostete ihn das meiste Nachdenken; denn planmäßig wollte er zu Werke gehen. Er trank eine Tasse Milch und wurde nicht böse, als der Kutscher mit der Meldung heraufkam, das Pferd sei wahr- scheinlich infolge einer Erkältung nicht wohl, und es fei darum vorsichtiger, den Tierarzt kommen zu lassen. „Schon recht... Ich werde eine Droschke nehmen." Draußen auf dem Bürgersteig überraschte ihn der scharfe Wind, der ihm entgegenblies: eine plötzliche Rückkehr des Winters mitten in diesem gestern noch so milden Mai. Trotz- dem regnete es nicht; große gelbe Wolken stiegen am Horizont auf. Er nahm, um sich durch Laufen zu erwärmen, keine Droschke und wollte sich zuerst zu Fuß zu Mazaud, dem Wechselmakler in der Rue de la Banque, begeben, denn es war ihm der Gedanke gekommen, diesen über Daigremont, jenen wohlbekannten Spekulanten und glücklichen Teilnehmer an allen Konsortien, auszuforschen. In der Rue Vivienue aber kam von dem mit bläulichen Wolken überzogenen Himmel ein derartiger, mit Hagel untermischter Regenschauer herunter- geplatzt, daß Saccard sich unter einen Thorweg flüchten mußte. Etwa eine Minute stand er da und schaute in den Platz- regen hinein, als ein helles Klingen von Goldstücken das Rauschen deS Wassers dermaßen übertönte, daß er aufhorchend das Ohr spitzte. Es schien aus dem Schoß der Erde hervor- zudringen, eine anhaltende gedämpfte Musik, wie in einem Märchen aus„Tausend und einer Nacht". Er schaute um sich und erkannte, daß er sich unter dem Thor des Hauses Kolb befand. Kolb war ein Bankier, der sich hauptsächlich mit Gold- arbitrage abgab und das gemünzte Gold in den Staaten auf- kaufte, wo der Kurs niedrig war, um es einzuschmelzen und die Goldbarren anderweitig zu veräußern, in den Ländern, wo der Goldkurs höher stand. Vom Morgen bis zum Abend klang an den Schmelztageu aus dem Kellergeschoß dieses kristallhelle Klirren der Goldstücke herauf, die schaufelweise aus Kisten geschöpft und in den Schmelztiegcl geworfen wurden. Den Vorübergehenden klingen die Ohren jahraus jahrein davon. Wohlgefällig lächelte Saccard bei dieser Musik, welche gleichsam die unterirdische Stimme dieses Börsenviertels war. Hierin erblickte er eine glückliche Vorbedeutung. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört. Er schritt über den Börsenplatz und befand sich sogleich bei Mazaud. Aus- nahmsweise hatte dieser junge Wechselmakler seine Privat- Wohnung im gleichen Hause, dessen ganzen zweiten Stock die Geschäftsräume einnahmen. Er hatte einfach die Vel-Etage feines Oheims übernommen, als er beim Tode desselben mit den Miterben sich verständigt und das Amt käuflich er- »vorben hatte. Es schlug zehn Uhr, als Saccard geradewegs zu den Geschäftsräumen hinaufstieg. Vor der Thür traf er Gustave Sybille. «Ist Herr Mazaud hier?" fragte er. „Ich weiß nicht, mein Herr, ich komme soeben erst." Ter junge Manu lächelte; er kam immer zu spät und nahm seine unbezahlte Stelle leicht. Er hatte sich darein gefügt, ein oder zwei Jahre als Volontär hier zu verbringen, aber nur seinem Vater zu lieb, dem Seidenfabrikanten der Rue des Jeuneurs. Saccard durchschritt das Kassenzimmer, begrüßt vom Bar- kassierer und vom Effektenkassierer am andren Schalter, trat hierauf in das Zimmer der beiden Prokuristen, traf aber nur Berthier an, denjenigen, welchem der persönliche Verkehr mit den Kunden oblag und der den Prinzipal zur Börse be- gleiten mußte. „Ist Herr Mazaud hier?"— „Ich denke wohl, ich komme soeben aus seinem Arbeits- zimmer... Ach nein, er ist nicht mehr da... Tann ist er wohl in der Abteilung für Kassageschäfte." Er stieß die Thür zum Nebenzimmer auf und hielt in dem ziemlich weiten Raum, in welchem fünf Gehilfen unter der Aufsicht eines Abteilungsvorstandes arbeiteten,»ach allen Seiten Umschau. „Nein! Das ist merkwürdig... Sehen Sie doch selbst nebenan in der Abrechnungsstelle für Zeitgeschäfte nach." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vnboicil.) Die dörfliche fabrikation bei den Mlden. Tie Berichte von Missionaren und Reisenden über die Zustände und das Leben wilder Völker wissen häufig absonderliche Dinge zu erzählen, die, zunächst als Ausfluß völliger Regellosigkeit angesehen. sich der späteren Forschung stets als der Ausdruck einer tiefen Ge- sctzmätzigkcit erwiesen haben. Vielen Einrichtungen mancher Natur- Völker stehen wir freilich heute noch als Thatsachen gegenüber, für die uns die volle und innere Erklärung fehlt. Bis zu einem gewissen Grade gilt das selbst für eine der interessantesten Erscheinungen im Wirtschaftsleben zahlreicher llrvöller, die dörfliche Fabrikation. die insbesondere in Centralasrika ihre typische Ausbildung gefunden zu haben scheint. Tie höher stehenden unter den dortigen Völkern kennen nicht' bloß Jagd und Fischerei, sind nicht nur zur Zähmung einzelner Nutztiere wie Huhn, Ziege und Schwein fortgeschritten, sondern haben auch den mit der Hacke betriebenen Ackerbau bis z» einer bestimmten Fruchtfolge entwickelt. Die Grundlage der Pflanzenproduktion bilden naturgemäß in Centralasrika die tropischen Knollengewächse: Maniok. Aam. Tarro, Bataten, Erdnuß, sodann Banane», verschiedene Kürbis- arte», Bohnen, Reis, Turrha und Mais. Am Kongobecken werden nun z. B. uengcrodeie Accker zuerst mit Bohnen besät, diesen folgt die Kolbenhirse, zwischen die man später die Stecklinge des Maniok pflanzt, der erst in zwei Jahren Früchte ergiebt. Das Land pflegt so lange bebaut zu werden, bis die Wurzeln des Maniok zu ver- holzen beginnen; dann schreitet man zu neuen Rodungen. An andren Stellen kennt man eine ähnliche Folge von Früchten. Daneben ver- stehen die entlvickeltcren unter diesen Stämmen, mehr oder minder dauerhafte Hütten zu bauen, allerlei Stoffe zu flechten und zu weben, Geräte und Waffen zu schnitzen. Geschirre am Feuer zu brennen u. a. Sind ihre Werkzeuge auch bloße Naturgegenstände wie Steine. Knochen, geschärfte und gekantete Hölzer, so daß von eigentlichem Handwerkszeug bei ihnen nicht die Rede sein kann, so verstehen sie trotz dieser armseligen Hilfsmittel Produkte von einer Güte und Knnstfertigkeit zu erzengen, die unser höchstes Erstaunen hervor- rufen müssen. Sie erreichen dies dadurch,„daß sie im Anschluß an die örtliche Verbreitung der Rohstoffe bestimmte- Techniken in der einseitigsten und zugleich umfassendsten Weise in Anwendung bringen". So wissen die centralafrikanischen Tropenvölkcr, um nur ein Beispiel anzuführen, aus dem Bast- und Fascrmatcrial, den Gräsern und Binsen der Urwälder die allerverschiedenartigsten Gegen- stände herzustellen, von Rinden-Kleiderstoffen und Matten angefangen. bis herab zu wasserdichten Körben, Schüsseln und Flaschen. Gewerbliche Bcrufsarbciter in unsrem Sinne giebt es dabei. soweit sich dies bis heute beurteilen läßt, bei ihnen wohl nicht. Die einzelnen Familie» produzieren vielmehr ihre Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände selber, und zwar scheint hier ein vollständiger Individualismus an den Produktionsmitteln zu herrschen. Jedes Geschlecht hat wenigstens einen Teil der Nahrnngsgclvinnung für sich; die Frau gewöhnlich alles, was mit den Pflanzenstoffen, der Mann alles, was mit den tierischen Nahrungsmitteln zusammen- hängt. Daneben besteht dann eine gewerbliche Thätigkeit, die man schlechthin als die bevorzugte des ganzen Stanimes bezeichnen kann. die jedes Mitglied der betreffenden Völkerschaft kennt und übt. Diese Thätigkeit schließt sich eng an die örtliche Verteilung der Natur- — 203 gaben an. Wo sich guter Töpferthon im Stammgcbiet findet, zeigen seine Bewohner eine hervorragende Geschicklichkeit in der Töpferei; wo Eisenerz zn Tage liegt, blüht die Schmiedekunst, an andren Orten der Kahnbau, die Bereitung von Salz, Palmwein, Leder oder Fellkleidern, Matten, Körben, Geweben u. s. f. So wird von der Loangoküste über eine ganze Anzahl solcher ProduktionZgebictc berichtet. Loango selbst zeichnet sich durch seine Matten und Ein- satzkörbc aus,„und die Elefantcnzähne werden besonders in Chilungo geschnitzt. Die sogenannten Mafukamützcn mit erhabenen Mustern kommen vorzugsweise aus dem Grenzlande Kakongo und Mayumbes. In Bakuma werden geschätzte Töpferwaren verfertigt, in Basange rreffliche Schwerter, in Basnndi besonders schön die verzierten Küpferringe, geschickte Holz- und Tafelschnitzcrcien an, Zaire, ver- zierte Zeuge und vielmustcrige Matten in Loango, feine Matten- tleider in Mayumbe, gewirkte Mützen in Kakongo, wo man auch Thonkrüge brennt, Graszcuge bei de» Bayaka und Mantetje." Die gewerbliche Technik ist also stamm- oder auch dorfweise verteilt, und so kommt es. daß einzelne Distrikte förmlichen Industrie- bezirken gleichen mögen. Die einzelnen Dörfer lebe», wie ein belgischer Beobachter sich ausläßt, auf Gegenseitigkeit und ergänzen einander. DicS letztere geschieht durch den Tauschverkehr. In ganz Eentralafrika zieht sich z. 83. von den portugiesischen Besitzungen im Westen bis zn den deutschen im Osten eine förmliche Kette von Marktorten, deren einer vom andern stets je 4— 0 Tage entfernt ist. Hier treffe» sich die Eingeborenen der umwohnenden Stämme, und schon früh muß sich selbst für diese rohen Völler der Mmcktfrieden ausgebildet haben. Denn der Markt ist durchaus neutrales Gebiet, Ivo alle Feindschaft ruhen ninfz. Geld im modernen Sinne giebt es hier natürlich nicht. Geld ist vielmehr für jeden Stamm diejenige Ware, die er nicht selbst erzeugt, wohl aber regelmäßig von anderen Stämmen eintauscht. Die Geldform heftet sich hier, um mit Marr zn reden, an die wichtigsten Eintauschartikel aus der Fremde, die naturwüchsige Erscheinungsformen des Tauschwertes der einheimischen Produkte sind. Das erklärt, loaruni in jenen Gegenden die örtliche Geldform von Stamm zu Stamm, ja häufig sogar von Dorf zu Dorf wechselt, so daß eine Sorte Zeug oder Muscheln, für die man heute alles erstehen kann, morgen jede Kaufkraft verloren hat. So berichtet der Reisende Cccchi über Ostafrika:„Je nach dem größeren oder geringerem Werte der Salztafel auf den Märkten dieses Teiles von Oftafrika könnte man ungefähr die Entfernung von deni Orte berechnen, woher dieses Geld koinmt, sowie auch die größere oder geringere Gangbarteit der Wege beurteilen, ans Ivelchen sie von den Karawanen transportiert wird. So erhält man an dem Orte ihres Ursprungs bei den Taltal nach den Angaben einiger Reisenden für eine» Thaler mehrere Hundert Salztafeln. In Uorailu, den« nördlichen Markte Schoos, der von dem Lande der Taltal etwa 200 Meilen entfernt liegt, schwankt ihr Wert zwischen IS und 2V für den Thaler. In Aukober, 80 Meilen von Uorailu, geht der Wert zurück auf V und O'A, und in Gera, 230 Meilen über Aukober hinaus, erhält man nach den Umständen nur 0, S, 4 oder 3 Salz- tafeln auf den Thaler." Desgleichen findet hierin die bekannte Er- scheiuung ihre Erklärung, daß vor allem Erzeugnisse der europäischen Fabrikation wie Flinten, Pulver, Messer u. a., die für den Menschen im Zustande der Barbarei die höchsten Gebrauchswerte besitzen, viel- fach an Stelle von Geld genommen iverden und häufig Umlaufs- gebiete von erstaunlicher Ausdehnung besitzen. Zu einer einheitlichen Gcldart bringen es freilich diese Völker selbst unter dem Einfluß dcö europäischen Handels nicht. In den meisten Fällen bleiben mehrere Sorten Geld neben einander bestehen, die nach einem fest- geregelten Zahlcnverhältnis gegen einander verrechnet zu werden pflegen. Die dörfliche Fabrikation, wie sie unS typisch in Centralafrika entgegen tritt, ist in gleicher Weise bei Stämmen auf den Inseln des Stillen Oceans beobachtet worden und auch bei den Völkerschaften dc-s tropischen Südamerika anzutreffen, ein Beweis, wie die Wirt- fchaftlichcn Gesetze allenthalben in derselben Weise wirken, und unter sonst gleichen Bedingungen zn gleichen Erscheinungen führen.— _ H. Laufender g. Kleines f eullleton. — Ter Hostienpilz. Zu den religiösen Wundern des Mittel- alters gehörten die„blutenden" Hostien. Die Forschungen von Ehrenberg aber haben bereits erwiesen, daß es sich hierbei gar nicht um Blut oder Wunder handelt, sondern um Bakterien, die sich über- aus rasch vermehren und einen stark roten Farbstoff ausscheiden. Diese Bakterie führt den wissenschaftlichen Namen Bacillus prodigiosus und gedeiht vorzugsweise auf gekochten Rüben, Kar- toffeln, Mehlspeisen usw. Professor Mignla bemerkt in seinem eben erschienenen allgemein verständlich gehaltenen Buche„Die Bakterien" »Leipzig, Verlag von I. I. Weber), daß der Hosticnpilz auf organischen Substanzen gedeiht und in kurzer Zeit große, blut- rote Flecken von schleimiger Beschaffenheit und höchst widerlichem Geruch erzeugt. Nach dem Absterben deZ Pilzes trocknen natürlich die Flecken ein, aber die Farbe bleibt. Auf den Hostien, sagt Professor Mignla, die in feuchten, dumpfen Kirchen die besten Bedingungen für sein Gedeihen boten, zeigte sich der Pilz zuweilen, und man glaubte dann natürlich, daß cS das Blut Christi sei, welches sich dort zeigte, um irgend ein Verbrechen anzuzeigen oder eine Warnung zu geben. Wer heute mit einer neuen blutenden Hostie hcratiskämc, würde sich verdientermaßen dem allgemeinen Gelächter aussetzen. Der Pilz macht sich dagegen bisweilen in Bäckereien unangenehm bemerkbar, indem er das Brot mit dunkelroten Stellen überzieht und ungenießbar macht. Nach Professor Migula ist es wahrscheinlich auch dieser Pilz, der gelegentlich von Schwindlern benutzt wurde. um die Wunden Christi an ihren, Körper hervorzubringen. Wenigstens ist Professor Migula in den Besitz eines Leinwandlappens gekommen. mit dem eine derartige Wunde abgewischt worden war, und er konnte an den roten, schon etwas verblaßten Stellen fast eine Reinkultur eines Bakteriums erkennen, das mit dem Hosticnpilz große Aehnlich- keit hat. Das Blutschwitzen ist nach demselben Forscher auch auf die Thätigkeit der Mikroorganismen zurückzuführen, doch ist hier wahr- scheinlich ei» andres Bakterium thätig, das sich besonders gern in den Achselhöhlen ansiedelt.—• („Kölnische Zeitung".) — Die Insel Sein. deren Bewohner sich während der letzten Stürme in bedrängter Lage befanden, ist eines der merkwürdigsten Eilande der bretonifchcn Küste. Sie liegt 10 Kilometer westlich' von dem Point du Raz und hieß ehemals Scna. Dort befand sich, wie nlan der„Straßburgcr Post" schreibt. nach PomponiuS Mela(um 50 it. Chr.) ein berühmtes Orakel, in dessen Dienst neun Priesterinnen (Garrigenae) der keltischen Göttin Koridwen standen. Wie die Vestalinncn einer ewigen Jungfrauschaft geweiht, unterhielten sie gleich diesen das heilige Feuer. Die vorüberfahrenden Schiffer konnten sie sehen, wie sie mit einer kegelartigen Mütze aus weißer Seide behelmt, von der ein langer violetter Schleier herabwehte, in ein schleppendes schwarzes Gewand gekleidet, das ein von glattem Erz durchwirktcr Gürtel umschloß, die nackten Arme ans' flatternden Aermeln hervorragend, mit dem Eisenkraut, der Pflanze der Inspiration und der Weissagung bekränzt, auf der Felsenspitze bei blutigem Schein der Fackeln ihre zauberhaften, furchtbaren Riten feierten und nach den vier Himmelsgegenden ihre geheimnisvollen Orakel verkündeten. In der bretonifchcn Sage wurde aus der keltischen Göttin die Fee Korrigan. Später wurde die Insel das Asyl gallischer Philosophen und dann ein Nest von Strandräubcrn, welche wegen ihrer Wildheit die äsmous cko In m er genannt wurden. Vor der Revolution zündeten die Bewohner in der Nacht Feuer an, um die Seefahrer zu täuschen und nach den Klippen zu locken. Manchmal steckte man eine Laterne an die Stirn eines Stiers; ein Strick, der um die Horner eschlungen war, wurde um eines der Vorderbeine befestigt, so daß ei jedem Schritt des Tieres das Haupt sich senkte und wieder hob; die Laterne würde infolge dieser Bewegung von weitem ftir das Leuchtfeuer eines von der Flut bewegten Fahrzeugs angesehen und lenkte die über die Richtung Ungewissen Schiffer nach den Verderb- lichcn Klippen. Die Civilisation hat dieser barbarischen Sitte zwar ein Ende gemacht, aber ohne bei den Strandbewohnern den Gedanken auszurotten, daß das Strandgut ihr rechtmäßiges Eigentum sei. Der Bauer von Cornuailles sagt in seiner bilderreichen Sprache:„Das Meer ist wie eine Kuh, die. für uns kalbt; ivaS es an, Ufer niederlegt, gehört uns. Nur mit dem Säbel und der Muskete kann man die Plünderung verhindern." Diese Schilderung, die Sonvestre in seinen„Domiors Bretons" 1836 entwarf, trifft jetzt nicht mehr zu. In einer Reiscbeschrcibung der Bretagne vom Jahre 1802 heißt eS ausdrücklich:„Heutigen Tages zeichnen sich die Bewohner dieser Insel durch kühne Rettungen von Schiffbrüchigen auS; die Zahl'hrer Bergungen ist ungemein groß. Die Insel trägt weder Bäume noch bebautes Land; nur einige Gruppen von Häusern, eine Kirche und ein hoher Leuchtturm stehen dort." Mehrere Meilen weit ins Meer erstreckt sich eine Reihe niedriger Klippen, um welche die Strömungen wirbeln. Am Ende dieser Gratlinie, die durch so manchen Unglücksfall berüchtigt ist, steigt der Leuchtturm„Ar-men" aus dem Nebel empor; zu seiner Errichtung inmitten der Gczeite und Stürme brauchte man vier- zehn Jahre.— Musik. WaS wir neulich von der Vorherrschaft der Einzelfigur'und hiermit des Solisten in der Oper gesagt, das gilt in noch höherem Maße— natürlich mit entsprechend verändertem Sinn— für unser Konzertleben. Anderswo ist es beinahe zum Sport geworden, an der Bedeutung des Persönlichen und Individuellen zu zweifeln und in den Massen, im Milien, in socialen Gesetzen usw. das Eins und Alles des menschlichen Lebens zu sehen. In der Musik, gerade der socialsten Kunst, spielt und geigt und singt am liebsten der Einzelne für sich darauf los, und das Publikum fragt nach dem Einzelnen. und der Konzertsaal ist für den Einzelnen da— auch der Konzertsaal der neuen kgl. Hochschule für Musik in der Hardenberg- straßc. Als dem lahmsten aller Konservatorien, die es weit und breit giebt, ei» Extrabmi gebaut wurde, da hätte man fürwahr den rastlosen Bemühungen Paul Marsops, des Verfechters einer Reform der Konzertsäle, entgegenkommeii können. Nun ist es wieder ein Saal wie andre geworden. Daß er gut akustisch wird, das glauben wir seiner Gestalt und seinen inüßg rauhen Wänden gern; daß der Architekt seine Sache anständig und in den rückwärtigen Balkon- nischen sogar originell gemacht hat, sieht man leicht. Im übrigen die enffetzliche kalte Eleganz, unten rotbräunlich und oben weiß; und da vorne das Podium mit Orgel wie anderswo. Brrl Ge- spielt aber hat an dem Abend, den lvir zum Besuch eines dortigen Konzertes auswühlten, T a V e r S ch a r w e n k a, unter Mitwirkung zweier tüchtiger Kräfte vom Gesmig und voni Cello. Längst ist Herr Scharwenka, nicht nur als Namcnsheld zweier Kon- servatoricn /in Berlin und in New Jork), sondern auch als Komponist, besonders von Werken für Klavier sowie für Kom- binationen von Klavier und andcrm. und nicht zuletzt als Klavier- spieler gut bekannt. Er ist einer der gereistcstcn Künstler. doch keiner der gerissensten. WaS er schreibt und spielt, ist solid; und nicht nur daS, sondern auch gefällig; und nicht nur das, sondern auch— was nicht allzuhäufig vorkommt— eigenartig im Rhythmus. Berlin kennt ihn seit mehr als 30 Jahren. Seit ich vor etwa 25 Jahren ihn und eine Variationcn-Komposition von ihm anderswo zuerst gehört, bat er, ein Klavicrschülcr Theodor KullakS, sich nicht zum modernen Klavierhaner und Tastcnkauer entwickelt,, sondern sich ausgereift als der solide, gefällige rhythmische und— sagen wir: bescheidene Künstler, der keine neuen Lichter anzündet, aber die alten Lichter in gutem Brand erhält. Das ist ein Solist. Duettist, Trioist usw., den man immer wieder mit Vergnügen hört. Als ein Solist in viel spcciellcrcm Sinne trat in unser Konzert- leben am neulichen Sonnabend(im Bcchstein-Saal» ein junger Geiger, Max Donner, ein. Er kann dereinst noch neue Lichter anzünden, wenn er sich nicht auf einsamen Soliftenwegcn verrennt. Vorläufig versteht er cS, alte Lichter nicht nur in gutem Brande zu erhalte», sondern sie auch sehr hell und lebhaft aufflackern zu machen. Wir kannten ihn bereits vor seinem Konzert und sind darüber erfreut, da daS Konzert selber, zumal in seinem von uns allein angehörten ersten Teil, von seinem Können nicht vollauf Kunde gab. Herr Donner ist eine Spiclnmnnsnatur von einer so Ursprung- lichen Epielfreude, das; er am liebsten die ganze Welt, Sonne und Sterne anzeigen möchte und die Krokodile auch noch dazu, olle�ro, ttc>!ce, presto, wer weist, wie das geschah; und am allermeisten presto dann, wenn die Noten recht dick aufeinander stehen. Er ist der Solist, der technisch treffliche und nicht unkünstlerische, aber doch der Solist; er ist ein Künstler von lebhaftem Temperament, der die Musik in seinen und seiner Geige Dienst— nicht sich und seine Geige in den Dienst der Musik stellt. Sein Programm bestand ausschliestlich aus richtigen Konzertstücken engeren Sinnes; kein Stück, das eine Meisterschaft der Unterordnung und des Zusammenwirkens gezeigt hätte. ES loürde unS betrüben, wenn ein Können wie daS Donners auf diesen Wegen bliebe, die längst schon als eine sekundäre Kunst erkannt sind. Mit Unrecht war der Künstler im ersten Teil des Konzertes (der zweite soll ihm günstiger gewesen sein) etwas befangen. Da- durch lam seine stärkste Seite, das überquellende Temperament, nicht genug heraus, und dadurch lourde eine schwächere Seite von ihm merklicher: der Mangel an einer scharfen, überzeugenden Kon- triricrung und Gliederung. Nach dieser Seite kann ihm sein Klaviervarttter. Kapellmeister Robert Erben, ein Vorbild sein. Welch seltener Fall, das; das Klavier schärfer und sprechender zeichnet als die Geige! Nun kam eine eigne„Phantasie" von Donner(U-ckur, op. 13), ein echtes, aber nicht ohne künstlerischen Charakter gemachtes Solostück, ganz dazu angethan, den Spieler in seinem Glänze zn zeigen. Nur schade, das; ein so bedeutender Künstler wie Herr Erben, vielleicht gerade weil er über dem hier geschilderten Niveau steht, dem Eigenwert jener Phantasie nicht ganz gerecht wurde: sie bedarf weniger eines korrekten, vornehmen, würdigen und mehr eines sozusagen tollen SpicleS; und da kam denn auch Herr Donner selber nicht recht ins Zeug hinein. Ueber aller Kritik aber steht der weiche, milde Ton, dessen Besitz dem Künstler sofort anzumerken war, und dem eben auch eine samose Spielweise zu Grunde liegt. ES scheint uns überhaupt, das; man jemand sein Eigenstes auch bei der schlimmsten Situation immer noch anmerkt, und aus ihm daS, was nicht zu seinem Eigensten gehört, auch bei der günstigsten Situation nicht herausbekommt. Herr Donner würde Wohl auch am Galgen weich mid mild und mit weltvergessener Sviclfrcude seine Henker und die Korona an- geigen und noch einmal anzeigen; ob er jedoch, wenn er auf goldenem Throne sähe, über sein hier geschildertes Niveau hinauskäme— ich weist es nicht, aber ich wünsche diesem braven Jungen eine der- artige Entwicklung. Wir verweilten bei einem solchen Beispiele auch deshalb länger, weil wir mit dem nicht leicht zu behandelnden Gedanken von der Musik als socialer Kunst gut verstanden sein möchten. Was ist hier nichr noch alles zn thun, gegen das die Unterschiede zwischen einer Romanze für die Geige von und einer Phantasie für das Klavier von£). die Unterschiede zwischen dem Solisten von gestern und der Solistin von heute verschwinden! In Zusammen- stcllungcn von Streichern oder Bläsern oder von beiderlei, mit oder ohne ein Tasteninstrument; in der„Formensprache" dieser Kammermusik: in der Formensprache auch der Sinfonie; in der Erweiterung unsrer Jnstrumentcnarten, namentlich der Streicher; in der Verwendung von Frauenstimmen zn Ensembles; in der Stoff- crwciterung der Chorwerke; in der schon erwähnten Konzertreform; endlich in einer vernünftigen Popularisierung der Tonkunst u. dgl. m.: in all dem ist noch so vieles und so viel zu thun, dast uns die Freuden und Leiden auch der besten Solohclden dagegen verschwinden und wir keinem Jünger der Tonkunst, der Grosses anstrebt, raten können, sein Leben den Violinballadcn, und wie dieses einander so innig gleichstehende Zeug alles heistt, zu widmen.— sz. Technisches. ie. D i e h ö ch st e Eisenbahn d e r E r d e ist gegenwärtig die Strecke der peruanischen Centtalbahn(Ferrocaml Central del Perm. Auf dieser Eisenbahn kann man in acht Stunden aus einem VermiNvortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— tropischen Klima(12 Grad südlich vom Acquator) in den Bereich de? ewigen Schnees gelangen. Außerdem dürfte die Linie wegen der. bei' ihrem Bau und Betrieb überwundenen Schwierigkeiten ohne- gleichen sein. Die Länge der Bahn bcttägt von Callao bis Oroga 222 Kilometer, die Kosten haben 18V Millionen Mark bettagcn, also etwas über 800 000 M. für jedes Kilometer. Von der Statton Chosica(53 Kilometer von der Hauptstadt Lima) hat die Bahn eine ständige Steigung von 1: 25 bis zum Scheitel, der im Tunnel von Caldera in einer MccrcShöhe von 4780 Meter liegt, also der Spitze des Mont Blaue nur loenig nachgiebt. Der genannte Tunnel ist 2400 Meter lang. Die Eisenbahn geht am Rande von Abgründen entlang, die Tausende von Fuß in die Tiefe stürzen und zuweilen erscheint die Kunst des Ingenieurs, der hier einen Schienenweg zu bauen wagte, fast unbegreiflich. An manchen Stellen mußten die Arbeiter während der Thättgkeit an Seilen aufgehängt iverden. An einer andern Stelle wurde der Bau nur dadurch möglich, daß man den Lauf eines Flusses durch einen Tunnel ablenkte und dann das trockengelegte Bett benutzte. Die Lokomottve» der Bahnstrecke werden mit Petroleum geheizt Es sei noch daran erinnert, daß die höchste Bergbahn in Europa bis zur Fertigstellung der Jnngfraubähn diejenige auf dem Corner Grat ist, die aber nur 3010 Meter er- klimmt.— Humoristisches. — Die ideale Forderung. Bayrischer Pfarrer: „Glauben kann a bayrischer Minister was er m o g, aber— katholisch muß er sein!"— — Bruderliebe. Der fünfjährige Harry und sein drei- jähriger Bruder Charlie sitzen bei Tisch. Zum Dessert giebt es nur eine Apfelsine. Da bricht"Harry plötzlich in ein furchtbares Geheul ans, auf das hin die Mutter erschreckt herbeieilt.„Warum weinst Du denn, mein Liebling?" fragt sie besorgt.„Weil fiir den armen Charlie gar keine Apfelsine da ist," schluchzt Harry.— („Jugend.") Notizen. — Eine Vorlesung russischer Dichtungen wird am 23. März Frau Ton y K w a st-Hill er im Theatersaal der Hoch- schule für Musik vcrnnstalten.— — Adolf Wilbrandts Tragödie„Timandra" geht am 21. März(statt am 18.). mit Agnes Sorma in der Titelrolle, erstmalig im B e r l i n e r T h e a t e r in Sccne.— —„Der Narr", ein vieraktigcs Schauspiel von Adalbert v. Hanstein, erlebt noch in dieser Saison im Berliner Theater die Erstaufführung.— — Die Stipendien der Michael B e e r- S t i f t u n g (je 2250 M.) sind dem Bildhauer Rudolf Marcuse- Charlotten- bürg und dem Maler Arthur Johnson- Charlottcnbnrg zu- erkannt worden.— — Der bayrische Kunstgewerbe-Verein hat in einer außer- ordentlichen Generalversammlung die Vcranstalttmg einer K u n st- g e Iv e r b e- A u S st c l l u n g in M ü n ch e n im Jahre 1004 ab- "gelehnt.— — Die Specialisierung im ärztlichen Beruf wird gewöhnlich als eine ganz moderne Erscheinung angesehen. Das trifft nicht zu. Von den alten Aeghptern erzählt Herodot folgendes: Tie Heilkunde ist bei ihnen also verteilt: Jeder Arzt ist nur für eine bestimmte Krankheit und nicht für mehrere, und es ist alles voll von Aerzten. Denn da giebt eS Acrzte für die Augen, Aerzte für den Kopf, Slcrzte für die Zähne, Acrzte für den Magen und Aerzte für andre innere Krankheiten.— — Mitte Mai dieses Jahres wird Dr. Jean C h a r c o t auf einer aus Gußstahl erbauten, auf eigne Kosten ausgerüsteten und bemannten Uacht eine Nordpolar-Expcditiou antreten. Besondere Aufmerksamkeit wird auf die Ausrüstung dcS Labora- torinmS an Bord verwandt werden. Der wissenschaftliche Stab wird ans einem Zoologen, einem erfahrenen Oceanographen, einem Bakteriologen, einem Geologen und einem Botaniker bestehen. Proviant wird für 13 Monate mitgenommen, obgleich die Daner der Expedition auf höchstens ti Monate be- rechnet ist. DaS Ziel der Expedition, welche von der französischen Acad&nic des Sciences unterstützt wird, ist Island, Spitzbergen und Nowaja Scmlja. Eine der Hauptaufgaben ist das Studium der Lcbcnsgewohnheiten des Kabeljan. In der Nähe von Spitz- bergen wird die Erpedition eine Zeitlang Beobachtungen an den großen oceanischen Sttömungen anstellen, die in erster Linie be- stimmend auf die klimatischen Verhältnisse von Nordwcstcuropa ein- wirken. Ferner soll versucht werden, das Kartenbild von Nowaja Senilja genauer festzulegen, als es bisher geschehen ist. Endlich sollen auch astronomische und meteorologische Beobachtungen an- gestellt werden.— — Die kvkilchergiebigkeit der verschiedenen Rassen. Man nimmt an. daß die Simmenthaler Kuh jährlich 2500 Liter, Freiburger 2000, Pinzgauer 2400, Schwyzer 2700, Algäuer 2500, Holländer 3500, Ostfriesische 3200, Oldenburger 3200, Wilstermarsch 4000, Brcitcnburgcr 3000, Angeler 3000 und die VogelSberger Kuh 2000 Liter Milch giebt.— Die nächste Nummer des UnterhaltungSblatteS erscheint am Sonntag, den 15. März.____ Druck und Verlag: Vorwärts Buchdrmlerci und VcriagSanstall Paul Singer& Co., Berlin SW,