Hlntcrhaltmigsblatl des Horwürls Nr. 53. Dienstag, den 17. März. 1903 ISj l>as(Zelä. (Nachdmil verboten.) Roman von Emile Zola. ..Knrz. bei diesem Caracas-Geschäft," schloß Mazaud, der ungcacfttet seines so korrekten Wesens jetzt dem Grolle nachgab, „ist eS unzweifelhaft, daß Daigremont gemogelt und die Gewinne fär sich eingestrichen hat... Das ist ein ganz ge fährlicher Mensch!" Dann fiigte er nach einer Pause hinzu: ».Warum wenden Sie sich denn nicht an Gundermann?" „Nimmermehr!" rief Saccard, von der Erregtheit fort gerissen. In diesem Augenblick trat der Prokurist Berthier ein und flüsterte dem Makler einige Worte ins Ohr. Es war wegen der Baronin von Sandorff, welche Differenzen zu entrichten kam und die allerlei Ehikanen aufbrachte, um ihre Rechnung zu verringern. Sonst tvar Mazand dienstfertig und empfing die Baronin selbst: wenn sie aber verloren hatte, mied er sie wie die Pest, eines allzu harten Angriffs auf feine Galanterie gewärtig. Es giebt keine schlinimcren Kunden als die Frauen, keine durch und durch unehrlicheren, sobald es sich ums Be zahlen handelt. „Nein, nein! sagen Sie, ich sei nicht zu Hause!" ant wartete er unmutig,„und lassen Sie keinen Pfennig nach, verstehen Sie wohl!" Als Berthier fort war, merkte er an Saccards Lächeln, daß dieser alles gehört hatte. „Das ist auch wahr, rnein Lieber, sie ist sehr nett, die Baronin, aber Sie haben keine Ahnung von ihrer Geldgier. O, die Kunden, wie lieb wären wir ihnen, wenn sie immer gewännen! Und je reicher sie sind, je mehr sie zur feinen Welt gehören, desto mißtrauischer werde ich, weiß Gott! desto mehr fürchte ich, daß sie nicht zahlen... Ja, an manchen Tagen möchte ich außer den großen Häusern am liebsten nur eine Provinzkundschast haben." Im selben Augenblick trat ein Buchhalter ein, übergab ihm ein Äktenheft, welches er am Vormittag verlangt hatte, und ging wieder hinaus. „Sehen Sie! Das kommt gerade recht, da ist ein Renten- einnehmer in Vendüme, ein gewisser Fayeux. Nu», Sic macheu sich keinen Begriff von der Menge Orders, die ich von diesem Kunden empfange. Allerdings sind diese Orders von geringem Belang: sie kommen von kleinen Bürgern, von kleinen Handels- und Gewerbetreibenden, von Landwirten. Aber die Zahl macht alles aus!... Fürwabr das Beste in unsrein Geschäft, der Grundstock, setzt sich aus den bescheidenen Spielern zusamcn, aus der unbekannten großen Menge, »velche spielt." Durch eine rasche Gedankenverbindung kam Saccard auf Sabatani, den er am Schalter der Kasse gesehen hatte. „Sabatani ist also jetzt ihr Kunde?" fragte er. „Seit einem Jahre, glaube ich," antwortete Mazaud mit liebenswürdiger Gleichgültigkeit.„Das ist ein netter Mensch, nicht wahr? Er hat klein angefangen, er ist sehr vorsichtig und wird es zu etwas bringen." Was aber Mazand nicht sagte, was er nicht mehr wußte, war der Umstand, daß Sabatani nur eine Deckung von zwei- tausend Franken niedergelegt hatte. Daher dieses so bescheidene Spiel im Anfang. Ohne Zweifel wartete der schlaue Levan- tiner, wie so viele andre, bis der geringe Betrag dieser Deckung vergessen war. Er bewies Vorsicht, steigerte seine Orders nur stufenweise, in Erwartung des Tages, au dem er bei einer großen Ligmdation unnverfen und verschwinden würde. Wie könnte man auch gegen einen reizenden Menschen, mit dem man sich befreundet hat, Mißtrauen äußern? Wie soll man an seiner Zahlungsfähigkeit zweifeln, wenn man ihn fröhlich und anscheinend reich sieht, mit jener eleganten Kleidung, die an der Börse unerläßlich ist, wie eine Uniform des Diebstahls? „Sehr nett, sehr verständig!" wiederholte Saccard. der sich plötzlich entschloß, gelegentlich an Sabatani zu denken, wenn er einmal einen verschwiegenen und gewissenlosen Menschen brauchen würde. Dann stand er auf und verabschiedete sich: „Nun, auf Wiedersehen!... Wenn unsre Papiere fertig sind, werde ich Sie wieder aufsuchen, ehe ich fie auf den Kurs- zettel bringen zu lassen versuche." Unter der Thür des Privatbureaus sagte ihm Mazaud noch mit einem Händedruck: „Sie haben Unrecht, sprechen Sie doch mit Gundermann wegen Ihres Konsortiums." „Nimmermehr!" rief Saccard, abermals wütend. Als er endlich hinausging, erkannte er am Schalter Moser und Pillerault. Der erstere streckte mit tiefbetrübter Miene seinen Gewinn der letzten vierzehn Tage ein, sieben oder acht Tausendfrankennoten: der andre dagegen, der verloren hatte, zahlte etwa zehntausend Franken mit lauten Ausrufen, mit der stolzen Miene eines Angreifers, der gesiegt hat. Die Stunde des Frühstücks und der Börse kam heran, die Geschäftsräume leerten sich schon zum Teil. Als die Thüre zur Abrechnungsstelle sich halb aufthat, erscholl lautes Lachen daraus. Gustave erzählte Flory von einer Nachenpartie, bei welcher das am Steuer sitzende Mädchen in die Seine gefallen war und sogar die Strümpfe verloren hatte. Auf der Straße schaute Saccard nach der Uhr. Elf Uhr: wie viel verlorene Zeit! Nein, zu Daigremont wollte er nicht gehen. Obwohl er beim bloßen Namen Gundermanns sich empört hatte, entschloß er sich mit einem Male, zu ihm hinauf zu gehn. Hatte er ihn übrigens nicht auf seinen Besuch vor- bereitet, als er bei Champeaux ihm sein großes Geschäft an- gekündet hatte, um ihm sein boshaftes Lächeln auf den Lippen festzunageln? Als Entschuldigung sagte er sich, er wolle ja nichts aus ihm zu ziehen suchen und wünsche nur, ihm Trotz zu bieten, über diesen Menschen zu triumphieren, der ihn ge- flissentlich wie einen kleinen Jungen behandelte. Da ein neuer Platzregen auf das Pflaster hernieder zu prasseln begann, wie ein rauschender Strom, sprang er in eine Drofchke und rief dem Kutscher zu:„Rue de Provence." Dort bewohnte Gundermann ein ungeheures Haus, gerade groß genug für seine unzählige Familie. Er hatte nämlich fünf Töchter lind vier Söhne, von denen drei Töchter und drei Söhue verheiratet waren und ihm bereits vierzehn Enkel beschert hatten. Bei der Abendmahlzeit, wenn diese Nach- konnnenschaft beisainmen war, saßen einunddreißig Personen bei Tisch, Gundermann und Frau selbst mitgezählt. Mit Aus- nähme von zwei Schwiegersöhnen, welche nicht im Hause wohnten, hatten alle andren Familienangehörigen ihre Wohnung hier in den Flügeln rechts und links, die auf den Garten hinausgingen. Der ganze Mittelbau dagegen war durch die großartigen Geschäftsräume des Bankhauses besetzt. In weniger als einem Jahrhundert war in dieser Familie das riesengroße Vermögen von einer Milliarde entstanden und angewachsen, durch Sparsamkeit vcrinehrt und auch durch die glückliche Mitwirkung der Ereignisse. Es war ein vor- gezeichnetes Schicksal gewesen, aber unterstützt durch lebhaften Verstand, durch hartnäckige Arbeitskraft, kluge und unüber- windliche, immerdar nach demselben Ziel gerichtete An- strengung. Jetzt flössen alle Goldströmc diesem Meere zu: die Millionen verloren sich in diesen Millionen; der öffentliche Reichtum wurde von diesem stetig wachsenden Vermögen eines einzelnen verschlungen, und Gundermann war der thatsächliche Herr, der allmächtige König, dem Paris und die Welt Gehorsam und Furcht erwiesen. Während Saccard die breite Steintreppe hinaufstieg, deren Stufen durch das beständige Hinundhergehen der Menge schon mehr abgenützt waren als die Schwellen alter Kirchen, empfand er, wie sich ein unauslöschlicher Haß gegen diesen Mann in ihm erhob. O die Juden! Gegen die Inden hegte er den uralten Rassenhaß, der sich namentlich in Südfrankreich findet. ES war glcichfam eine Empörung seines Fleisches, ein Zurückbeben seiner Haut, so daß der bloße Gedanke an die geringste Be- rührung ihn mit unüberwindlichem Ekel erfüllte und ihn jeder Besinnung und Selbstbeherrschung beraubte. Das Merk- würdige war, daß er, Saccard. dieser gewaltige Geschäfte- machcr, dieser Jobber mit den verdächtigen Händen, jedes Be- wußtsein seines eignen Ichs verlor, sobald es sich um einen Juden handelte, daß er von einem solchen mit der Erbitterung und der rachcdurstigen Entrüstung eines ehrlichen Mannes fprach, der von seiner Hände Arbeit lebt und von jedem wucherischen Handel rein ist. Saccard schien von um so größerer Wut erfaßt zu sein, da er die Juden bewunderte und um ihre großartigen Finanz- Wigkeiken beneidete, um jene angeborene Wissenschaft der Zahlen, um jene natürliche Findigkeit in den verwickeltsten Operationen, um jenen Spürsinn und jenes Glück, welche allen ihren Unternehmungen den Sieg zusicher«.„Bei diesem Spitzbubenspiel." sagte er,„sind die Christen ihnen nicht ge- wachsen und gehen schließlich immer unter: nimmt man da- gegen einen Juden, der nicht einmal Buchführung versteht, wirft ihn ins trübe Wasser irgend eines anrüchigen Geschäfts. er wird sich retten und den ganzen Gewinn auf seinem Rücken forttragen. Das eben ist die Gabe dieser Nasse, das ist ihre Daseinsberechtigung mitten unter den werdenden und schwindenden Völkerschaften." Zornerfüllt weissagte er die schließliche Eroberung aller Völker durch die Juden, wenn sie einmal das gesamte Vermögen des Erdkreises zusammen- gescharrt hätten. Das würde aber nicht mehr lange aus sich warten lassen, da man schon in Paris mitansehen könne, wie ein Gundermann auf einem festeren und geachteteren Throne sitze als der Kaiser selbst. Droben, beim Eintritt ins große Wartezimmer, wich Saecard unwillkürlich zurück, als er dasselbe mit Kom- Missionären und Bittstellern, mit Männern und Frauen, mit dem ganzen Gewimmel einer geräuschvollen Menge angefüllt sah. Unter den Kommissionären namentlich war eS ein heißer Wettstreit, wer zuerst ankommen würde, wegeil der unwahr- scheinlichcn Hoffnung, eine Order von dannen zu tragen: denn der große Bankier hatte seine eignen Vertreter. Aber es war schon eine Ehre, wenn man empfangen wurde, und jeder wollte sich dessen rühmen können. Deshalb brauchte man auch nie lange zu warten: die zwei anwesenden Bureaudiener wareil fast nur dazu da, den Vorbeimarsch zu ordnen, einen unaufhörlichen Vorbeimarsch, einen förmlichen Galopp durch die auf- und zugeklappten Thüren. Trotz der Menge wurde auch Saccard fast sofort mit der Flut der andren hereingeführt. Das Arbeitszimmer war ein gewaltig großer Raum, von dem Gnilderniann nur einen kleinen Winkel im Hintergrunde nahe beim letzten Fenster besetzt hielt. Er saß vor einem schlichten Schreibtisch aus Mahagoni und zwar so, daß er dem Lichte den Rücken zuwandte und sein Gesicht gänzlich im Schatten war. Schon um fünf Uhr war er auf und bei der Arbeit, wenn Paris noch schlief: wenn dann gegen nenn Uhr die einander stoßenden und drängendeil Geldgierigen an ihm vorbeitrabteil, war sein Tagewerk bereits vollbracht. Mitten im Arbeitszimmer waren an größeren Pulten zwei seiner Söhne und einer seiner Schwiegersöhne beschäftigt, die selten saßen und inmitten des Hin- und Herwogens einer ganzen Welt von Angestellten fortwährend ab und zu gingen. Hier liefen die Fädeil der ganzen Verwaltung des Hauses zusammen. Die ganze Straße ging durch dieses Zimmer und schritt nur auf ihn zu, den in seiner bescheidenen Ecke fitzenden Gebieter; stundenlang fertigte er bis zum Frühstück mit unbeweglichem und düsterem Antlitz die Leute ab, oft mit einem Wink, manch- mal mit einem Wort, wenn er sich besonders liebenswürdig zeigen wollte. Sobald Gundermann Saccard erblickte, wurde sein Gesicht von einem höhnischen Lächeln erhellt: „So, Sie sind's, liebster Freund? Setzen Sie sich doch einen Augenblick, wenn Sie mir etwas zu sagen haben, ich stehe sofort zu ihrer Verfügung." Dann stellte er sich, als habe er ihn vergessen. Saccard wurde übrigens nicht ungeduldig: ihn interessierte der lange Zug der Kommissionäre, die einander dicht auf den Fersen mit dem gleichen demütigen Gruß eintraten, den gleichen Zettel aus ihrem tadellosen Ueberrock herauszogen, ihren Notierungs- zettel, den sie mit der gleichen bittenden und ehrerbietigen Geberde dem Bankier überreichten. So zogen zehn, zogen zwanzig vorüber; jedesmal nahm der Bankier den ihm gereichten Zettel, warf einen Blick darauf und gab ihn zurück. Nichts kam dabei seiner Geduld gleich als sein völliger Gleich- mut unter diesem Hagel von Angeboten. Bald zeigte sich Massias mit seiner lustigen und zugleich besorgten Miene eines geprügelten gutmütigen Hundes. Der Empfang war mitunter so schlecht, daß er hätte weinen können. An jenem Tage war wohl seine Demut zu Ende, denn er erlaubte sich eine unerwartete Zudringlichkeit. „Sehen Sie doch, geehrter Herr, Credit Mobilicr steht sehr niedrig... Wie viel darf ich für Sie kaufen?" Gundermann richtete, ohne die Notierung entgegen zu nehmen, seine grünlichen Augen auf diesen so zutraulichen jungen Mann. „Hören Sie'mal, mein Bester," erwiderte er rauh, „glauben Sie denn, daß es mir Spaß macht, Sie zu empfangend" „Mein Gott? Geehckr Herr," versetzke Massias, der bose geworden war,„das macht mir noch weniger Spaß, seit drei Monaten jeden Morgen umsonst zu kommen." „Nun, dann kommen Sie nicht wieder!" Der Kommissionär grüßte und zog sich zurück, nachdem er mit Saccard einen wütenden und betrübten Blick gewechselt hatte, als sei ihm plötzlich die Erkenntnis gekommen, daß ihm niemals der Erfolg zu teil würde. Saccard fragte sich in der That. welches Interesse Gunder- mann daran haben könnte, alle diese Leute zu empfangen. Augenscheinlich besaß er eine ganz besondere Fähigkeit, seine Gedanken zu isolieren: er verttefte sich und überlegte ruhig weiter. Aber abgesehen davon, war wohl eine Berechnung dabei im Spiel, die Absicht, jeden Morgen einen Ueberblick über den Markt zu gewinnen, bei welchem er immerhin einen, wenn auch noch so geringfügigen Gewinn herausfand. Sehr knauserig handelte er einem Coulissenmakler, der ihn übrigens bestahl, an einer Order vom gestrigen Tage achtzig Franken herunter. Tann kam ein Raritätenhändler mit einer goldenen Emailbüchse, die angeblich aus dem vorigen Jahrhundert stammte und deren teilweise Unechtheit der Bankier sofort heran switterte. Hierauf trateil zwei Damen ein, eine alte mit einer Nachteulennase, und eine junge, sehr schöne Brünette, die ihn zur Besichtigung einer Kommode im Stile Ludwigs XV. einluden; er schlug die Besichtigung im Hause der Damen ruudweg ab. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Gips. Gips, der heute in umfangreicher Weise zu Zwecken mannig- facher Art Verwendung, aber dennoch nur bedingte Wertschätzung findet, kann auf eine bis ins Altertum zurückreichende Benutzung seitens der Menschen blicken; die Pyramide de» CheopS ist mit Gipsmörtel erbaut worden. Das Rohmaterial des für viele technische Zwecke benutzten Gipses ist der in der Natur vorkommende Gipsstcin, welcher ein durch- schnittliches specisisches Gewicht von 2,!Z hat. Der Giosstcin besteht aus waycrhaltigenl, schwefelsaurem Kalk und weist in seiner reinsten Beschaffenheit etwa folgende Zusammensetzung auf: 33 Prozent Kalkerde, 46 Prozent Schwefelsäure und 21 Prozent Wasser. Dieses Material, das sich in 366 bis 486 Teile Wasser löst, ist so weich, daß man es mit dem Fingernagel zu ritzen vermag. Wenngleich der reinste Gipsstcin hin und wieder in farbloser, wohl auch wasicrheller Beschaffenheit angetroffen wird, so findet sich dieses Material doch meist niit Fremdstoffen verunreinigt; je nach den Beimischungen(Thon, Eisenoxyd usw.) weist es dann rötliche, graue, gelbe oder braune Färbungen auf. Der Gipsstein findet sich in der Natur als: dichter oder gemeiner Gips, als körniger oder Alabastergips, als porphyrartiger Gips, als Gipstrystalle. als Fasergips und als Givserde oder Schaumgips. Von diesen Arten des Rohmaterials verdienen hier nur die Gips- kryftalle besondere Erwähnung, da sie oft in bedeutenden Größen vorkommen und durch Spaltung in perlmutterglänzende Tafeln zer- fallen, die wir als Maricnglas, JungfernglaS. Fraueneis usw. be- zeichnen. Bei uns in Deutschland findet sich der Gips als Gestein Haupt- ich als Begleiter des Steinsalzes in der Buntsandstein-, Zechstein-, Muschelkalk- usw. Formation. Seine Haupiverwendung findet der Gips im gebrannten Zustande. Das Brennen des Gipssteins ist notwendig, damit das chemisch gebundene Wasser ausgetrieben wird. Je nach der Art des Brennens erhält man. was vielfach ganz unbekannt ist, zwer total verschiedene Produkte. Wenn man nämlich daS Wasser durch gelinde Erhitzung bis wenig über 136 Grad Celsius austreibt, so erhält mau den Gips, der später mit Wasser sehr schnell erhärtet. Diese Gips- art wird dann benutzt zur Herstellung von Abgüssen, Formen und Modellen, für Stuccatur- und Putzarbeitcn, zur Anfertigung künst- lichcr Steine. Gipsdielcn, sür chirurgische Verbände und ähnliche Zwecke. Wird aber der Gipsstein in Rotglut gebrannt, so erhält man ein von dem vorher erwähnten durchaus verschiedenes Materials das "pätcr hydraulische Eigenschaften entwickelt, also nach dem Erhärten in Wasser widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit und gegen Witterungs- einstüsse ist. Die Zeit, welche diese Gipsart zum Abbiirden erfordert. ist länger als die. welche der ersterwähnte Gips benötigt; dagegen erreicht der in Rotglut gebrannte Gips auch eine viel größere Härte als der andre. Dieser hydraulische Gips findet hauptsächlich An- Wendung bei der Herstellung von Beton, Estrichfußbödcn und GipS- quadeni; endlich dient er auch als Mörtel. Man unterscheidet diese beide» Gipsarten als Stuckgips und Estrichgips. Außer diesen beiden verwertbaren Gipsmaterialien kann man aber auch einen unbrauchbaren GipS erhalten, wenn man nämlich die Austreibung des Wassers bei den GipSsteinen bei einer Tcm- peratnr vornimmt, die zwischen der des Stuckgipses und der Rotglut liegt. Tie Erscheinung des„Totbrenncns" des Gipses ist noch nicht aufgellärt. Tics«r GipZ erhärtet nicht, sondern giebt nur einen weichen Brei und nach dem Verdampfen des Wassers ciu loses Pulver, so daß er vollkommen wertlos ist. StuckgipS wird vor der Wassercntziehung durch Hihe gewöhnlich grob vorgemahlen und nach dem Vrennprozetz einer Feinmahlung unterworfen. Der Rohstein des späteren Estrichgipses wird nur in Stücke zerschlagen und nach dem Brennprozeh zu Pulver vermählen. Da Stuckgips ein spccifischcs Gewicht von 2.6 und Estrichgips ein solches von 2,8 bis 2.6 hat, so ist schon durch diese Verschiedenheit eine llntcrschcidungsmöglichkeit gegeben. Die häufig vorkommenden Verunreinigungen des Gipses wie: Thon, kohlensauerer Kalk und Anhydrit schaden in kleinen Mengen nicht; dagegen wirken sie in größeren Mengen ungünstig auf den Abbinde- und Erhärtcprozeh ein. Ter Stuckgips findet am besten in der Weise Verwendung, das; man das Gipsmehl langsam und gleichmäßig auf die Wasserfläche eines Gefäßes aufstreut; ist genügend Gips dem Wasser zugeführt, so stellt man durch kräftiges Umrühren einen dicken Brei her. Da Stuckgips das Wäger sehr schnell aufnimmt, so beobachtet man, wenn man das richtige Mischungsverhältnis gewählt hat. eine deutliche Wärmeentwicklung. Da diese Masse nur wenige Minuten dünn* flüssig bleibt, dann teigig wird, um nunmehr im Verlauf von 36 bis 66 Minuten abzubinden, so müssen die Arbeiten mit diesem Material schnell ausgeführt werden. Soll Esirichgips verarbeitet werden, dann muß man ihn mit so wenig Wasser anmachen, daß man eine teigartige Masse erhält, die nur langsam erhärtet. Hat man hierzu den richtigen Gips ver- wendet, dann tritt beim Anmachen keine Wärmeentwicklung auf. Außer durch das spccifische Gewicht kann man Estrichgips auch durch die Färbung vom Stuckgips unterscheiden, indem ersterer bei rich- tigcr Brenntemperatur eine rötliche oder gelbliche Färbung auf- weist; zu schwach gebrannter Estrichgips ist an seiner bläulichen Färbung leicht erkenntlich und ist natürlich minderwertig. Will man möglichst festen StuckgipS erhalten, dann thut man gut. den Wasierzusatz beim Anmachen nicht größer als unbedingt notwendig zu wählen. Stark poröse Gipstörper erhält man durch großen Wasierzusatz beim Anmachen. Das Wasser verdunstet dann nach und nach, und das Produkt tocist erklärlicherweise nur ver- hältniSmäßig wenig Festigkeit auf. Immerhin giebt dieses Ver- halten des Givses die Möglichkeit, seine Verwendung den ver- schiedencn Zwecken anzupasicn. Will man z. B. Figuren aus GipZ gieße», so pflegt man einen recht wasserhaltigen Brei zu verwenden, da dieser infolge seiner Tünuflüssigkeit auch in die feinsten Teile der Form dringt und diese genau ausfüllt; schließlich ist das Verhältnis- mäßig langsame Abbinden solchen Breies für derartige Zwecke er- wünscht. Auch bei der Herstellung von Formen für das kerainische Gewerbe hat die Porösität derartigen Gipses für das Absaugen von Wasser aus dem Thonmaterial sein Gutes. Falsch ist es natürlich, dünnflüssigen Gips zur Herstellung von Materialien zu benutzen, deren Festigkeit gewissen Anforderungen genügen soll. Da aber in dieser Hinsicht sehr oft Febler gemacht werden, so kann es nicht Wunder nehmen, daß der Gips im allgemeinen oft recht ungünstig beurteilt wird, und daß man von seiner Benutzung häufig absieht, während man doch nicht selten die Schuld an der falschen Behandlung oder der nicht richtigen Wahl des Gipses zu suchen hat. Da der Gips die Eigenschaft hat, die Feuchtigkeit der Luft bc- gierig aufzunehmen, so muß dieses Material in trockenen Räumen aufbewahrt werden, weil es sonst auch an Bindefähigkeit verliert. Die Wahl des Wassers ist gleichfalls von Wichtigkeit, loeil thonige und lehmige Wassermengen ihre Verunreinigungen während des Abbindens ablagern und die innige Verbindung der Gipsteilchen hindern. Ist Gipsbrei erst einmal dick geworden, so hat es keinen Zweck, ihn durch Wasierzusatz wieder verwendbar machen zu wollen, da das dann erhaltene Produkt nur wenig Festigkeit aufweisen kann. Für Stuckzwecke soll man reinen Gips verwenden, da man dann feste und in den Formen scharfe Ornamente usw. erhält. Leider werden dem Gips für diese Zwecke vielfach Sand und Kalk beigemischt: auf keinen Fall darf man aber mit dem Gipsgehalt unter 26 Prozent heruntergehen. Der hierbei zur Verwendung ge- langende Kalk muß gut durchlöscht sein, weil sonst die nachträglich ablöschenden Kalktcilchen Blasen hervorrufen und die Festigkeit be- einflussen. Aus Gips hergestellte Körper müssen im Freien vor den zer- störenden Einflüssen der Witterung durch Oclfarbenanstrich, der in gewissen Zeiträumen zu erneuern ist, geschützt werden. Die Ver- suche, Gips durch chemische Zusätze wie: Borar oder Alaun vor einer schnellen Zerstörung zu bewahren, haben nicht zum Ziele geführt. Tagegen läßt sich nachweisen, daß durch Oelfarbe geschützte Orna- mente usw., obwohl sie vielfach schon üher ein halbes Jahrhundert der Witterung ausgesetzt find, keinerlei Zerstöruugscrschcinungcn aufweisen. In ständig zunehmendem Maße findet der GipS in Form von Gipsdielc», von Tafeln, Platten und Steinen im Bauwesen Ver- Wendung. Zu diesem Zweck wird der Gips mit verschiedenen Ein- lagen und Zusätzen versehen, welche die Festigkeit der Dielen usw. erhöhen. Diese Baumaterialien haben neben dem Vorteil der Billigkeit noch mannigfache Annehmlichkeiten, da sie den Schall schlecht leiten, große Feuersichcrhcit entwickeln, gut bearbeitbar sind und Schrauben, Haken und Nägeln leichtes Eindringen ermöglichen. Vielfach fertigt man auch Gipswände und Decken schnell in der Weise an, daß man verzinkte Drahtgewebe als Gerippe ausspannt und diese mit einem Gemisch von Gips mit verschiedenen Zusätzen von beiden Seiten bewirft. Um für diese Zwecke einen nicht allzuschnell abbindenden Gipsmörtel zu haben, benutzt man zum Anmachen Leimwasser. Ter Estrichgips liefert eine feste und schwere Masse von großev Wetterbcständigkeit und bedeutender Druckfestigkeit. Man benutzt ihn daher als Mörtel; dieser haftet sehr fest an den Bausteinen. erhärtet in kurzer Zeit und giebt so den Bauteilen schnell großen Halt; endlich kann man mit ihm auch bei Frostwetter bis etwa 16 Grad Kälte arbeiten, ohne daß seine Festigkeit darunter leiden würde. Bei der Herstellung von Gipsestrichböden muß darauf ge- achtet werden, daß die Unterlagen dem aufgetragenen Gipsbrei daS Wasser nicht entziehen. Ist der aufgetragene Estrich glatt gestrichen und etwas fest geworden, so schlägt man ihn mit Klopfhölzern so lange fest, his er um ungefähr ein Viertel seiner ursprünglichen Dicke zusammengedrängt ist. Wird der Estrich dann mit einer Stahl- kelle glatt gestrichen, so erhält er großen Glanz und ist nach circn 16 Tagen betretbar. Durch Zusatz von Farbstoffen kann man den Gips beliebig färben und durch Behandlung mit heißem Leinöl usw. die Oberfläche gegen Wasserbeeinslussungen schützen. Daß Gips in der That bei richtiger Verwendung den weit- gehendslen Anforderungen genügt, zeigen viele historische Bauwerke. So besitzt die Insel Creta eine vorgeschichtliche Ruine, deren farbige Givsestriche und durch Gipsmörtel gut zusammengehaltene Mauer- teile man noch heut bewundern kann. Auch die Römer haben Gips vielfach verwendet, wie verschiedene Bauwerte beweisen. In Deutsch- land zeigen die alten Burgen des Harzes ebenfalls, daß Gipsmörtel! während vieler Jahrhunderte in ausgezeichneter Weise den zer- störenden Witterungseinflüssen stand zu halten vermag.— P. M. G r e m p e. kleines Feuilleton. — Jugendliche Stilblüten. In der Wiener„Zeit" veröffentlicht der Gymnasiallehrer und Volksschriftsteller Jose; Wich n er Stil- proben aus den schriftlichen Arbeiten seiner Schüler. Wir geben hier einige davon: Siegfried half dem Gunter die Brünhilde bändigen; unterdcS bekam Brünhilde einen Knaben nnd Kriemhilde auch. Es ist begreiflich, daß der Jungfrau von Orleans die üppigen Wiesen, die sie selbst bewässerte, ans Herz gewachsen waren. Adelheid von Walldorf wurde vom heimlichen Gerichte ohne viele Advokaten zum Tode verurteilt. Bei Elemcntarereignissen ist das Waffer unumgänglich nötig; so zum Beispiel wäre eine Uebcrschwcmmung ohne Wasser gar nicht denkbar. Goethe verliebte sich unsterblich in die Charlotte Buff; damit es aber keine Katastrophe gäbe, verließ er sie plötzlich. Die Elcktricität erivcist uns große Dienste, indem sie zum Beispiel als Motorwagen die Straßen der Großstadt unsicher macht. Manches ehrbare Mädchen hat sich au-Z Kränkung über den Verlust ihrer Ehre den Tod in der Schlacht geholt. Klopstock konnte schon in seiner Jugend seine dichterische Be- gabung nicht mehr zurückhalten. Die Insekten, die den Winter tot waren, werden im Frühling wieder lebendig. Wenn es regnet, suchen die Vögel hinter Blättern nnd andren Winkeln Schutz. Wie die kahle Natur im Winterschlaf mit Freuden den Frühling erwartet, so ruht auch der Greis, bedeckt mit Silberhaar, und sehnt sich mit Freuden nach dem Tode. Der Köhler brannte auf dem Meiler die Kohlen, um sich und seine Familie zu ernähren. Im Winter sitzen die Marktweiber gern auf glühenden Kohlen. Der kalte Wind rieb ihr bei Nase und Ohren ein Gefühl der Abgeschiedenheit vom übrigen Körper hervor. Kyrus der Jüngere that sehr viel für die öffentliche Ordnung. Auf belebter Landstraße konnte man Leute ohne Hände, Füße, Ohren oder Nase sehen. Auf diese Weise war es jedem Menschen möglich, in seinein Reiche bequem und sicher zu reisen.— K. DaS Geld des Krösus. KrösuS, der König von Lydien, ist nicht nur durch seinen sprichwörtlich gewordenen Reichtunr interessant, sondern er ist mich, wie Babelon, der Konservator des Münzkabinets in der Pariser Nationalbibliothek, in einem kürzlich gehaltenen Vortrage ausführte, der Schöpfer der Münzen. Dies» Thatsache ist jetzt nach zahlreichen Kontroversen und Untersuchungen der Numismatiker festgestellt. Schon vor ihm hatten zweifellos einige griechische Städte eine städtische Münze, die ihnen eigen- tümlich war nnd die ans Elektrum, eine Art Verbindung von Gold und Silber, hergestellt wurde. Aber Krösus ist der erste Herrscher, der eine Volksmünze aus reinem Gold und reinem Silber in Ilmlanfi setzte. ES scheint, daß der Eigennutz den prunkliebenden Fürsten dazu führte, eine königliche Münze zu schaffen. Die griechischen Städte. die ihm Tribut zahlen mußten, brachten Elcktrnmstück«, denen es sehr häufig am Golde fehlte, und Krösus, der sich nicht betrügen lassen wollte, beschloß die Einrichtung eines Münzsystems, das einen solchen Betrug erschwerte. Daher erklärt sich die Einrichtung der Münze von Sarves. Die goldnen und silbernen Krösusmünzen hatten einen eigenartigen Typus und waren sicherlich das Werk griechischer Künstler. Auf dem Avers sieht man einen Löwen und einen Stier, die miteinander kämpfen; was der Revers darstellt, ist schwerer zu sagen. Die Originalität des von Krösus ersonnenen Münzsystcms besteht in der Schaffung zweier ganz deutlich unterschiedener Gruppen für daS Goldgcld. Die goldncn 5lrösusmünzen der ersten Gruppe wogen 10,89 Gramm, 5,44 Gramm, 3.63 Gramm, 1,81 Gramm und 0,99 Gramm, während die der zweiten ein Gewicht von 8,17 Gramm, 4,03 Gramm, 2,72 Gramm, 1,36 Gramm und 0,68 Gramm hatten. Ltrösus hat jedenfalls nicht geahnt, daß er mit diesem doppelten Goldgcld die Numismatiker späterer Zeiten in große Verlegenheit gesetzt hat. A. Lenormant meinte, die erste Gruppe diente zu Geschäften mit den Griechen, die zweite zum Handel mit Kleinasien. Dagegen meint Babelon, daß beide zu Handels- bezichuugen mit den griechischen Städten dienten; diese aber hatten Zwei Münzsysteme, und der Lyder schuf daher zwei entsprechende Gruppen, um die Beziehungen zu ihnen zu erleichtern. Das Gold- gcld des Krösus ist natürlich sehr selten; von dem reingoldnen Statcr befindet sich ein einziges Exemplar im Pariser Münzenkabinet und ein zweites in London. Als KrösuS von Cyrus vom Thron gestürzt Ivurde, wurde die Münze in SardeZ geschlossen, und Cyrus und Kambyses statten noch zu wenig Beziehungen mit Griechenland, um zu diesem Verkehrsmittel ihre Zuflucht zu nehmen. Das erste königliche persische Geld stammt von Darius, dem Sohn des Hhstaspcs, und es heißt das darische Geld. Während die jlrösusmmize ihr Bild der Tierwelt entnommen hatte, sieht man an der darischen Münze den Einfluß der kriegerischen Eroberungen; denn sie zeigt den König von Persien mit einer Krone, in der Rechten einen Wurfspieß, in der Linken einen Vogen haltend.— — Alle Vögel sind schon da! Das Volkslied stimmt zwar noch nicht ganz, so schreibt die Frankfurter„Kleine Presse", aber es be- Sinnt sich zu bewahrheiten. Die Rüetkehr der Zugvögel begann bereits im Februar. Den Neigen eröffnete der Bussard, der aus dem europäischen Süden seiner deutschen Heimat zueilt. Ihm folgten heuer sehr frühzeitig und in großen Scharen die Staare und dann der Klapvcrstorch. Auch die Feldlerche, diese tadellose Sängerin, und die Gabelweihe stellten sich im Februar ein. Die Ringeltaube und der Kibitz ließen, nebst der Bachstelze, gleichfalls nicht lange auf sich loarten. Die kleine Bekassine, die Waldschnepfe, das Hausrot- schwänzchen, der Turmfalke, der graue Steinsctimätzer und die Sing- drossel gehören zu den Ankömmlingen des März. Ende März und Anfang April hält der Wiedehopf neben der Rauchschwalbe und der großen Rohrdommel seinen Einzug. Unmittelbar darauf folgen Grasmücke, Dornengrasmücke, Gartenrotsaiwanz, Wachtelkönig, Nachtigall, Goldammer und Wendehals. Im April können wir ferner den Plattmönch, den Sprosser, den Kuckuck, die HauSschwalbe, die kleine Rohrdounnel, den Schilfrohrsänger und den Teichrohrsänger begrüßen. Die letzten bei uns nistenden Zugvögel treffen Ende April und Anfang des Wonnemonats ein. Zuerst erscheint der Drosselrohr- sänger, dann die Nachtschloalbe, die Mandelträhe, die Turmschloalbe, der Reuntötcr, die Gartengrasmücke, der Pirol, der graue Fliegen- fängcc und zuletzt die Wachtel.— Theater. Schiller-Theater.„D o n G i l." Komödie nach den Motiven des T i r s o de M o l i n a, von Friedrich Adler.— Tirso de Molina, ei» jüngerer Zeitgenosse des Lope de Bega, drei Jahrzehnte älter als Calderon, wird von manchen den großen Klassi- kern des Spanischen Theater? beigezählt. Meisterschaft in der Be- Handlung der Sprache, Vielseitigkeit des Geistes, eine Fülle von Witz, Frische und Keckheit in der Charakteristik, Erfindsamkeit in der Verwick- lung der Jntrigucn" rühmt man ihm nach. Hierin habe er, meint Prölß.„zuweilen auch den Lope de Bega Über tröffe»". Erstaunlich wie Lopes und Calderon? ist auch Molinas Fruchtbarkeit. Im Vor- Wort einer Rovellensannnlung. die er als Fünfzigjähriger herausgab, erzählt er. daß er damals bereits dreihundert Dramen geschrieben. Ein weiteres Hundert mag bis zu seinein Tode— er starb um 1620 im Alter von 73 Jahren gleich Lope und Calderon im geistlichen Stande— denn noch hinzugekomnien sein. Die Komödie war sein eigentliches Feld, und unbeschadet seines Hochwürdenberufs soll er sich da. lvie es in der Litteratnrgeschichte heißt, eines„teilweise reckit leichtfertigen Inhalts und einer zum Frivolen neigenden Behandlung" befleißigt haben. Friedrich Adler hat in der Bearbeitung des„Don Gil mit den grünen Hosen", die«allzu großen Derbheiten des Dialogs" entfernt und daS vcrwirreirde Uebermaß der Verwechslungen und Mißverständnissen zu vereinfachen gesucht. Immerhin er- reicht der Wirrwarr— am Schlnsse sind er vier verkleidete Don GilS, die sich zum Ständchen vor dem Fenster einer Schönen Zusamincnfinden— einen Grad, der die Grenzen des normalen OrienticrungsverurögeiiS auch so noch ganz beträchtlich übersteigt. Ilcbcrhaupt die Technik dieser alten spanischen Komödien, die Be- hcndigkeit in der Kombination, das Arbeite» mit wenigen, steheudeu Charaktertypeu, die lvie Schachfiguren auf engem Brett nach einem listigen FeldzugSplan skrupellos und überraschend hin- und her- geschoben werden, hat viel Verwandtes mit der Methode des modenien französischen SchwankS. Nur daß die Typen einer andern Welt cnt- nonnnen sind und daß die zierlich munteren Verse einen Schimmer der Poesie darüber breiten. Adler hat diesen Reiz des spielenden Wortgefechts hier ebenso lvie in seiner Bearbeitung deS Calderonschen Lustspiels «Zwischen zwei Feuern", die vor einigen Neonaten im Schillcr-Theater geipielt wurde, höchst glücklich nachgebildet. ES ist bei ihm ein leichtes, unterhaltsames sich Greifen und Haschen der Renne, das Uiaiiche sonst recht üble Weglängen verkürzen hilft. Sehr lustig setzt der erste Akt ein. Ein schöne? Fräulein ist lleranlwortlicher Redakteur: Carl Lew in Berlin.— Druck und Verlag.- ihrem treulosen Verehrer, der eine reiche und übrigens nicht weniger schöne Erbin freien soll, nach Madrid nachgereist. In Jünglingstracht gekleidet, will sie ihn bei der fremden Dame aus dem Felde schlagen. Ehe er, der richtige Don Gil, sich vorstellt, hat sie sich als Don Gil schon bei der Dame Jnez eingesührt und im Sturm ihr Herz wie das der Base erobert. Die spottende Komik dieser galanten Werbcscene wirft dadurch um so feiner, daß man Donna Jnez eben erst vor ihrem Vater schwören hörte, ihr Herz gehöre einem andren edlen Don und niemals würde sie dem Fremden die Hand zum Bunde reichen. Lustig ist es auch, daß der iveibliche Don Gil zwischendurch dann wieder in Frauenkleidung als Donna Elvira erscheint, daß die verliebte Jnez ob ihrer wunderbaren Aehnlichkeit mit dem Don Gil zur Busenfrenndin sich ertürt und obendrein dann auf sie eifersüchtig wird; lustig, daß Donna Jnez und ihr Vater den wirtlichen Don Gil, als der schüchtern, in grüner Kleidung lvie der bevorzugte Rivale naht, als Charlatan empörten Sinnes abtrumpfen. Aber damit sind die wirksamen Situationen auch im wesentlichen erschöpft. Die weiteren Maskeraden, deren Scheingrund nicht ein- mal abzusehen, die ausgeklügelte Spukgeschichte, durch die die Seelen- Wanderung deS Ungetreuen eingeleitet werden soll, fallen ab und ermüden. Ganz fremdartig berühren die traditionellen Diencrspäße jener Zeit. Die Aufführung verdiente als Ganze? vollauf den warmen Beifall, der ihr wurde. E l f e W a f a, die als Don Gil an Farbe hier und dort zu wünschen ließ, gelang die Elvira um so besser. Vorzüglich traf Fri e d a B r o ck den Ton schnippischer Schelmerei in der Figur der Jnez. S ch m a s o w gewann mit seiner drolligen Drastik dem Diener Pablo ab, was man ihm irgend abgewinnen konnte. In kleinen Rollen wirkten Karl Dapper, Fräulein Becker, Gustav Rickelt und Li e i n h o l d K ö st l i u zum Er- folge mit.—— dt. Humoristisches. — Raubritter.„Wenn unsre Ahnen Geld brauchten, schlugen sie ein paar Kaufleute tot— wir müssen ihre Töchter heiraten."— — Der Kandidat(zu seiner Brauti:„Bevor ich um Ihre Hand iverbe, muß ich Ihnen das Geständnis ablegen, daß mich die Mutter meines Zöglings einmal in die Wange kniff. Sonst habe ich das Gebot der Keuschheit niemals übertreten."— l.SimplicissimuS'.) Notizen. — Bernhard ShatvS Komödie„Helden" fand bei der Erstaufführung in der„Freien Volksbühne" stürmischen Bei- fall. Jnicenierung und Spiel waren ausgezeichnet. Auf Wunsch der Freien Volksbühne bringen wir eine Besprechung des Stückes erst nach der öffentlichen Aufführung.— — Die Hebbel-Feier der Neuen Freien Volks- b ü h n e findet am 18. März(abends 3 tlhr) im Gewerkschastshanje statt.— — RoseggerS 60. Geburtstag(31. Juli 1903) wird von der Waldheimat-Gesellschaft(früher Roseggergesellschaft) durch Aufführung des Roseggerscheu Volksschauspiels„Am Tage des Gerichts" gefeiert" werden. Die Vorstellung wird im Mürz- zuschlager Naturpark in der Au stattfinden; die Rollen werden von RoseggerS Landsleuten gespielt werden.— — Anzen grubers„Kreuzelschreiber" gehen erst am Donnerstag im Neuen Theater im Sccne. Ludwig Martinelli vom Deutschen Volks-Thcater in Wien wird den Steinftopferhannes geben.— —„Wenn ich König wäre", ein Schauspiel von Mc. Carthy, ist vom Lessing-Theater zur AuMhrung angenommen worden.— — Ludwig GanghoserS Komödie„Der heilige Rat" hatte im Münch euer S ch a u sp i e l h a u s e Erfolg.— — Da? Ha in burger Stadttheater veranstaltet einen Hehvel-Cyklus. An acht Abende» sollen in hervorragender Besetzung und Jnscenierung folgende Werke gebracht werden: „Judith",„Gyjjes und sein Ring",„Genoveva",„Maria Magda- lena",„Der Diamant",„Agnes Bernauer" und die Nibelungen- Trilogie(„Der gehömte Siegfried",«Siegfrieds Tod" und„Kriem- hilds Rache").— — Das Stuttgarter Hof-Theater bringt am 27. März ein lyrisches Drama„E o n s n e l o" von Francesco Cinnnino, deutsch von A. Harlacher, Musik von Also n so Rcndano, her- aus.— — DaS 6. Moderne Konzert des Berliner Ton« k ü n st l e r- O r ch e st e r S(Dirigent Richard Strauß) findet am 7. April in der Singakademie statt.— — Ein neues«artistisch-litterarisch-musikalische» Eabaret' soll von einer dem Verein zur Förderung der Knifft nahestehenden Künstlergemeiiffchaft demnächst in? Leben gerufen werden. Ms Beteiligte werden genannt: JameS Rothstei», Arthur Pserhofer, Robert Koppel u. a.— — In Bulawayo(Rhodesia) wird von den Jesuiten eine Sternwarte, verbunden mit einer meteorologischen und magnetischen Station, errichtet. Die Warte wird mit einem zwölfzölligcn Refraftor ausgerüstet sein.—_ WrwärtS Buchdruckerei und Beriagsaifftalt Paul Singer& Co., Berlin äWi