Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 56._ Freitag, den 20. März. 1903 (Nachdruck verböte») is] Das Geld Roman von Emile Zola. Saccard fand S�dille aufgerccit und voll Besorgnis; denn S�dille war ein Spieler ohne Kaltblütigkeit und ohne Philo- sophie. Er lebte in steten Geioissensbissen, immer wieder hoffend, immer wieder niedergeschlagen, trank vor Ungewiß- heit und dies, weil er im Grunde genommen ehrlich blieb. Die llltimoliguidation des April war für ihn unheilvoll gewesen. Sein feistes Gesicht mit dem dicken blonden Backenbart rötete sich schon bei den ersten Worten. „O, mein Lieber, wenn Sie mir das Glück bringen, dann heiße ich Sie willkommen!" Tann faßte ihn wieder der Schreck. „Nein, nein! Führen Sie mich nicht in Versuchung. Es wäre besser, ich schlösse mich mit meinen Seidenwaren ein unk ginge nicht mehr aus meinem Eomptoir heraus." Um ihm Zeit zu lassen, ruhiger zu werden, sprach Saccard von seinem Sohn Gustave und erzählte, er habe ihn vormittags bei Mazaud gesehen. Dies war aber für den Seidenhändler ein neuer Anlaß zum Kummer. Er hatte nämlich den Traum gehegt, einst die Last feines Geschäfts auf diesen Sohn abzu- wälzen, und dieser verachtete den Handel, den Sinn bloß auf Lustbarkeiten und Festlichkeiten gerichtet; seine scharfgewehten weißen Zähne waren, wie gewöhnlich bei den Parvenü- föhnchen, nur dazu gut, bereits erobertes Vermögen aufzu- knabbern. Der Vater hatte ihn zu Niazaud gebracht, um zu sehen, ob er an Finanzgeschäften anbeißen würde. „Seit dem Tode seiner armen Mutter," murmelte Sedille,„hat mir der Junge recht wenig Freude gemacht. Nun, vielleicht lernt er dort auf dem Makleramt Tiiige, die mir nützlich sein werden." „Nun," versetzte rasch Saccard,„sind Sie init uns? Daigremont hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, daß er dabei sei." Sybille hob seine zitternden Arme zum Himmel: „Nun ja, ich bin dabei!" sagte er mit einer von Gier und Furcht erstickten Stimme,„Sie wissen wohl, daß ich nicht anders kann. Wenn ich mich weigerte und Ihr Geschäft gut ginge, dann wäre ich krank vor Reue... Sagen Sie also Daigremont, daß ich dabei bin." Als Saccard wieder auf der Straße sich befand, zog er die Ahr und sah, daß eö kaum vier Uhr fei. Die Zeit, die er noch vor sich hatte, und das Bedürfnis, ein wenig zu laufen, veraulaßten ihn, den Wagen fortzuschicken. Fast sofort hatte er dies zu bereuen; denn er war noch nicht am Boulevard, als ein neuer Regenguß, eine mit Hagelkörnern untermischte Sintflut, ihn von neuem zwang, unter einem Thorwege Zu- flucht zu suchen. Welches Hundewetter für einen, der Paris abzusuchen hatte! Nachdem er eine Viertelstunde lang dem herabprasselnden Regen zugesehen hatte, wurde er von klnge- duld erfaßt und rief einen leeren Wagen an, der vorbeifuhi*. Es war ein Viktoria. Obgleich er die Lederdccke über die Beine zog, gelangte er durchnäßt uno eine gute halbe Stunde zu früh nach der Rue Larochekoucauld. Der Diener ließ ihn im Rauchzimmer allein und sagte, daß der Herr noch nicht heimgekehrt sei; Saccard lief mit kleinen Schritten auf und ab und besichtigte die Gemälde. Als aber eine prächtige Frauenstimme, ein Contralto von schwer- mütiger Macht und Tiefe, sich in der Stille des Hauses erhob, trat er an's offene Fenster und lauschte. Die gnädige Frau übte am Klavier ein Stück ein. um es wohl am Abend in irgend einem Salon vorzutragen. Durch diese Musik in Träume ge- wiegt, begann er über die außerordentlichen Geschichten zu sinnen, die man über Daigremont erzählte, vor allem über die Geschichte mit der Hadamantiner Anleihe, jener Fünfzig- Millionen-Anleihe, deren ganzen Bestand er zurückbehalten und fünfmal durch eigne Makler verkaufen ließ, bis er einen Markt geschaffen und einen Preis festgesetzt hatte. Dann kam der ernsthafte Verkauf, ein unaufhaltsamer Sturz von drei- hundert Franken auf fünfzehn, ungeheure Gewinnste, durch welche eine ganze Welt von Leichtgläubigen mit einem Schlage zu Grunde gerichtet ward. O, er war schlau, ein ganz ge- waltiger Herr! Und die Stimme der gnädigen Frau tönte weiter und hauchte liebedürstend eine zärtliche Klage von tragischer Gewalt aus, während Saccard, der wieder in die Mitte des Zimmers getreten war, vor einem Meissonier stehen blieb, den er auf hunderttausend Franken schätzte. Jetzt trat jemand ein, und zu seiner Ueberraschung er- kannte er Huret. „Wie, Sie sind es schon? ES ist noch nicht fünf Uhr... Ist denn die Sitzung aus?" „Ja, freilich, zu E>>de!... Sie liegen einander in den Haaren." Und er erzählte, daß der Abgeordnete von der Opposition immer noch redete, und Rougon sicherlich erst tags daraus er- widern könnte. Sobald er dies gemerkt, hatte er sich getraut, den Minister während einer kurzen Pause zwischen zwei Thüren anzuzapfen. „Nun?" fragte Saccard mit nervöser Erregung,„was hat mein erlauchter Bruder gesagt?" Huret antwortete nicht sofort. „O, er war sehr bissiger Laune... Ich gestehe Ihnen, daß ich auf feine sichtbare Erbitterung hin hoffte, er werde mich einfach fortjagen. Ich habe ihm also Ihre Sache kurz dargelegt und gesagt, ohne seine Billigung wollten Sie nichts unternehmen." „Und dann?" „Dann hat er mich an beiden Armen gefaßt, mich ge- schüttelt und mir ins Gesicht geschrien:„Er soll sich hängen lassen!" Dann hat er mich stehen lassen." Saccard war fahl geworden und lachte gezwungen auf: „Das ist recht nett!" „Ja, allerdings! recht nett," erwiderte der Abgeordnete init Ueberzeugung,„so viel envartete ich eigentlich nicht... Mit dieser Antwort können wir die Sache in Gang bringen." Da er jetzt im Nebenzimmer die Schritte des heim- kehrenden Daigremont hörte, setzte er leise hinzu: „Lassen Sie mich nur machen!" Augenscheinlich hatte Huret die größte Lust, die Gründung der Banque Universelle zu stände kommen zu sehen. um sich zu beteiligen. Ohne Zweifel war er sich bereits über die Rolle klar geworden, die er allenfalls dabei spielen könnte. Sobald er Daigremonts Hand gedrückt hatte, setzte er deshalb eine strahlende Miene auf und fuchtelte mit dem einen Arm in der Lust herum: „Sieg!" rief er dann.„Sieg!" „So? Wirklich? Erzählen Sie mir die Sache!..." „Mein Gott! Der große Mann ist gewesen, wie er sein mußte. Er hat mir gcantzvortet:„Möge mein Bruder.Erfolg haben!" Bei diesem Wort geriet Daigremont außer sich vor Ent- zücken. Er fand das Wort reizend:„Er möge Erfolg haben!" Darin lag alles: er möge ja nicht die Dummheit begehe», kein Glück zu haben, sonst gebe ich ihn auf; hat er aber Glück, dann helfe ich ihm. Ausgezeichnet, in der That!" „Nun, mein lieber Saccard, wir werden Erfolg haben, Sie können ruhig sei»... Wir wollen schon alles Nötige thun." Dann setzten sich die drei Männer nieder, um die Haupt- punkte zu vereinbaren. Daigremont mußte wieder ausstehen, um das Fenster zu schließen, weil die allmählich anschwellende Stimme der gnädigen Frau eine Klage voll grenzenloser Per- zweiflung ausstieß, welche die Männer hinderte, einander zu verstehen. Und selbst nachdem das Fenster geschlossen war, wurden sie von diesen halb gedämpften Klagetönen begleitet, während sie die Gründung der Banque Universelle mit einem Kapital von fünfundzwanzig Millionen beschlossen, das in fiinfzigtausend Aktien zu fünfhundert Franken eingetheilt war. Außerdem wurde ausgemacht, es sollten Daigremont, Huret, Södille, der Marquis de Bohain und einige ihrer Freunde ein Konsortium bilden, welches vier Fünftel der Aktien, also vierzigtausend Stück, fest nahm und unter sich teilte. Dergestalt war der Erfolg der Emission gesichert. Da sie ferner die Papiere nicht aus den Händen gaben und auf dem Markte selten machten, könnten sie später dieselben nach Belieben emportreiben. Beinahe wurde aber alles abge- brachen, als Daigremont eine Prämie von Viermalhundert- tausend Franken beanspruchte, die auf die vicrzigtausend Aktien mit zehn Franken pro Stück zu verteilen wäre. Saccard erhob Einspruch, da es unvernünftig sei, die Kuh brüllen zu macheu, ehe sie noch gemolken wäre. Der Anfang würde ohne» hin schwierig sein, wozu die Lage neck erschweren? Gleich- wohl muszte er vor der festen Haltung Hurets nachgeben, der die Forderung ganz natürlich fand, da eS immer so zuginge. Sie gingen schon auseinc.nder und verabredeten auf den folgenden Tag eine Zusammenkunft, an welcher der Ingenieur Hamelin teilzunehmen hätte, als Daigremont Plötzlich sich mit scheinbarer Verzweiflung au die Stirne schlug. „lind Kolb, den vergaß ich ja! O, er könnte es mir nicht verzeihen! Er muß dabei sein... Bester Saccard, wenn Sic liebenswürdig wären, würden Sie ihn sofort aufsuchen. Es ist noch nicht sechs Uhr, Sie treffen ihn noch an... Ja, gehen Sie persönlich hin, und nicht morgen, heute abend noch. denn dies wird ihn rühren, und er kann uns nützlich sein." Gehorsam machte sich Saccard von neuem aus den Weg. Er wußte, daß die Glück�tage nur einmal da sind. Er hatte den Wagen wieder fortgeschickt, in der Hoffnung, nach Hause gehen zu können; es war ja kaum zwei Schritte weit. Da der Regen endlich Miene inachte, aufzuhören, schritt er zu Fuß weiter und freute sich, unter seinen Füßen das Pariser Pflaster zu fühlen, welches er von neuem eroberte. In der Ruc Moni- martre zwangen ihn einige Regentropfen, den Weg durch die Passagen zu nehmen. Er schlug die Passage Verdeati, dann die Passage Ioufsroy ein. Als er hierauf in der Passage des Panoranias eine Seitengalerie entlang ging, um auf kürzerem Wege nach der Rue Vivicnne zu gelangen, sah er zll seiner Ueberraschung Gustave Sybille aus einein dunkle» HauSgang hervorkommeil und verschwinden, ohne sich nur uingeblickt zu haben. Saccard war stehen geblieben, um das Hans sich anzusehen, eiil verschwiegenes Hotel garm. Da erkannte er auf's bestimmteste die kleine verschleierte Blondine, die jetzt heraus- tam: es war Madame Eonin, die hübsche Papierhändlerin. Hierher also führte sie ihre Liebhaber, wenn sie zärtlich aus- gelegt war, derweil ihr gutmütiger Mann sie tvegeu der Rechnungen des Geschäfts untenvegs wähnte. Dieser geheim- uivvolle Winkel mitten iin Stadtviertel war sehr schlau gc- wählt, und ein Zufall allein hatte jetzt das Geheimnis ver- raten. Saccard lächelte höchlich belustigt. In der Rue Vivienne, im Augenblick, da er bei Kolb eiiltreten wollte, erbebte saccard und mutzte wicdenim stehen bleiben. Eine gedämpfte, krystallhelle Musik, die aus dem Boden herauskam, umfing ihn gleich der Stimme der märchen- haften Feen, und er erkannte die Musik des Goldes, das bereits am Bornlittag vernommene, immerwährende Geläute jenes Stadtviertels des Schachers und der Spekulation. Das Ende des Tages wuchs mit dem Anfang zusammen. SaccardS Gesicht erheiterte sich beim schmeichelnden Klange dieser Stimme, als bestätigte sie ihm die gtite Vorbedeutung. Kolb war gerade unten in der Schmelzstube, und als Freund des Hauses ging Saccard sofort hinunter, um ihn dort zu treffen. In dem nackten, voit großen Gasslammen beständig beleuchteten Souterrain leerten zwei Gießer mit Schaufeln die niit Zink ausgefütterten Kisten, welche an jenem Tage mit spanischen Goldstücken gefüllt waren, und warfen sie in den Schmelztiegel auf dem großen viereckigen Ofen. Die Hitze war groß, und inait mutzte laut reden, um einander inmitten dieses Harmonikaklingklangs zu verstehen, der an dem niederen Gewölbe zitternd widerhallte. Geschmolzene Barren, Pflastersteine voll Gold im lebhaften Glänze des neuen. Metalls standen dicht gereiht auf den» Tische des Probier- chemikers, welcher den Feingehalt eines jeden bestimmte. Seit dem Vormittag waren über sechs Millionen hier umgeschlagen worden, die dem Bankier kaum eineu Gewinn van drei- bis vierhundert Franken sicherten, denn die Goldarbitrage, jene Differenz zwischen zwei Kursen, ist äußerst geringfügig, weil sie, nur nach Tausendsteln geschätzt, nur bei erheblichen Mengen geschmolzenen Metalls einen Gewinn abwirft. Daher dieses Klingeln und Rieseln des Goldes vom Morgen bis zum Abend, von einem Ende des Jahres zum ander», m der Tiefe dieses Kellergewölbes, wohin das Gold in geprägten Stücken kam mid woraus es in Barren abging um vielleicht in geprägten Stücken zurückzukehren und als Barren wieder abzugehen, ohne Ende, mit dem einzigen Zwecke, an den Händen des Händlers ein paar Stäubchen Gold zu lassen. Kolb, ein kleiner sehr dnnkler Mann, dessen Adlernase aus einem langen Barl hervorragte und den jüdischen Ur- sprung verriet, hatte kaum Saccards Angebot oerstanden, welches vom Golde mit Hagelgeprassel übertönt wurde, als er sofort annahm. „Vorzüglich!" rief er.„Sehr erfreut, mitthun zu können, wenn Daigremont mitthut. lind Tank dafür, daß Sie sich selbst bemüht haben!" Aber sie hörten einander kaum. Sie schwiegen und blieben noch einen Augenblick stehen, betäubt nnd beseligt von diesem grellen, rasenden Geklingel.■ Ihr ganzer Körper erbebte krampfhaft, wie bei einem allzu hohe», endlos ails der Violine gestrichenen Ton. Drautzeu nahm Saccard trotz des aufgehellteu Wetters und dcS heiteren Maiabendes eiueu Wage», um nach Hause zurückzukehren. Er war totmiide. Ein harter Tag, aber wohl ausgefüllt. 4. Schwierigkeiten erhobeil sich. Tie Angelegenheit wurde verschleppt, es verslosseu fünf Monate, ohne daß es zu einem Abschluß kam. Schon waren die levleu Tage des September angerückt, und Saccard sah mit Ingrimm, wie trotz seines rührigen Eifers fortwährend neue Hindernisse auftauchten, eine ganze Reihe nebensächlicher Fragen, die zuerst zu lösen waren, wenn man etwas Gediegenes und Lebensfähiges ins Leben rufen wollte. Seine llugedilld wuchs derart, daß er eineu Augenblick auf dein Punkte stand, das ganze Konsortium fahren zu lassen: mit einem Ruck war ihm der blendende, be- nickende Einfall gekommen, das ganze Geschäft mit der Fürstin von Orviedo allein zu machen. Diese besaß ja die zur Grüilduilg erforderlichen Millionen: wanirn sollte sie dieselben nicht in diese herrliche Operation stecken, bis bei Anlaß der künftigen Erhöhungen des Grundkapitals, dir er schon plante, die kleinereil Kunden herankämen? Er ineinte eS entschieden redlich; er hatte die feste llberzengung, er bringe ihr eine Geld- anlage entgegen, bei welcher sie ihr Vermögen verzehnfacheil würde, jenes Vermögen der Armen, welches alsdanil in noch reichlicheren Almosen sich ergießen konnte. fFortsetzimg folgt.) zRechdruck txrboten.) ftotnmurabis Gefetzbueb. Den Zkamen Hmmnmabi werden bis vor kurzem nur wenige Sterbliche gekannt haben. Er ist jüngst dadurch in die weitesten Kreise getragen worden, daß in der theologischen Kundgebung des .Kaisers, die so große Sensation gemacht hat, eine bunte Reihe von Trägern göttlicher Offenbarung äufgestelll ivurde, die mit Wilhelm dem Großen Ichloß, mit jenem babylonischen König anhob. Was man nmi auch im übrigen von der neuesten OffenbarungSlhcorie halten niag, so viel ist jedenfalls sicher, daß der gute Hammurabi iclbcr, der vor netto vierzig Jahrhunderten{ca. 2250 v. Chr.) in Btibylomen regierte. gegen seine Einverleibung in jene erlesene Gesellschaft von Inspirierten nicht das mindeste einzuwenden haben würde, ivenn er sich dazu äußern könnte. Tenn er hat sich bei seinen Lebzeiten allen Ernstes für einen Monarcheil nicht bloß von GolteS Gnaden, sondern auch von dirett göttlicher llntetlveistmg nus-- gegeben. Ans einem Denkmal auo seiner Zeil, das eine der letzten Forschungsreisen nach Vorder-Asien— die französische unter de Morgan— in den Ruine» der alten elamitischcn Hauptstadt Susa zu Tage gefördert hat, ist Hammurabi dargestellt, wie er aus der Hand des Sonnengottes ein Gesetzbuch empfängt. Dieser Ve- weis, daß schon vor 4000 Jahren eine babylonische Majestät Erkleckliches in unfreiwilliger Komik geleistet hat, ist aber nicht das Jnleressaiiteste an der Entdeckimg. Außer dem Bilde zeigt das Monument nämlich einen antzerordentlich ausgedehnten Tcrt in babylonischer Keilschrist und Sprache, der ohne jede llebcttreibnng der bedeutsamste Jnschriftfund genannt werden darf, dessen Entzifferung bisher den Bienenfleiß der Assyriologen belohnt hat. Die unschätzbare: Urkunde stellt nämlich nichts Geringeres dar, als das älteste Gesetzbuch der Welt, von dem wir wissen. In beinahe dreihundert Paragraphen behandelt es das gesamte Civil- und Kriunnalrecht und wirft so, nun es von sachkundiger Hand in uitfer geliebtes Deutsch übertragen worden ist*), eine reiche Fülle neuen Lichtes ans alle möglichen Seiten der babylonischen Kiilttir, wie sie zlociiuideinviertel Jahr- tausend vor Christo aussah, zeigt außerdem die frappaiuesten Analogien mit dem viel jüngeren„mosaischen" Gesetz, wie hier nur nebenbei bemerkt sei. In diesen» grauen Altertum trieben die Stämme unsrer biederen Altvordern sich noch als unverfälschte Kommunisten mit mutterrcchtlicher Gcntilvcrsassung, ihre Herden weidend. in den Steppen der ursprünglichen Heimat umher. Bei den Semiten von Mesopotamien lvarcn KommmriZmuS und Mutterrecht schon Dinge einer fernen Vergangenheit. Daß beides auch bei ihnen de» Ausgangspunkt aller iveiteren Entwicklung ab- gegeben hat, ist sicher. Auch in Hannnurabis Gesetzbuch finden sich Paragraphen, die darauf schließen lassen. Dahin gehört 5_ B. die merkwürdige Bestimmung, daß die ganze Dorfgemeinde für Schaden. de» ein einzelnes Mitglied angerichtet hatte, im Falle von dessen *) Die Gesetze HammnrabiS, Königs von Babylon um 2250 v. Chr. Das älteste Gesetzbuch der Welt, übersetzt von Dr. Hugo Winckler. Leipzig. I. E. Hinrichssche Buchhandlung 1903. Preis 0,00 Mark. OOr> Unvermögen dem Bennchteiligten ersatzpflichtig war. Auf ehe- maliges Mutterrecht deuten etliche Züge des öfseultichen Dirnen- Wesens hin, daS inr alten Babylon ungemein verbreiret und gar nicht sonderlich verfehmt war. Außer in den„Gottgeweihten" der Tempel hatte die Prostitution ihre Vennspriestcrinneu hauptsächlich in den Restanrants, die zugleich Bordelle waren. Die babylonischen Wirtshäuser waren also Weiberkneipen eomms il kaut, zumal auch die Inhaber dein zarten Geschlecht angehörten. Ihr Gewerbe war mit einer unangenehmen Gesetzbestimmung beschwert; der ti 109 deS Hauimurabischeu Rechts bestimuit, d..g Ueberfordern der Gäste mit Ertränken der Wirtin geahndet wird. Wenn daS Weib in Babylon einmal größere Rechte besessen hat — in den Gesetzen HaminurabiS ist verteufelt wenig davon übrig- geblieben. Es bestand Monogamie, aber bloß sür daS Weib, nicht für den Mann, der sich vielmehr mit bestimmten Ein- schränkungen„Nebenfrauen" halten, mit Buhldirnen verlnstiercn und seine staatlich angetraute Ehehälfte zum Tempel hinaus- sagen konnte. Die Frau aber konnte nur in ganz seltenen Fällen ihrer Wege gehen; sonst wurde sie für böswilliges Verlassen ihres Mannes ertränkt. Dem Manne drohte keine entsprechende«träfe, ebenso wenig loie für den Ehebruch, Dieser ward beim Weibe wiederum allemal mit Ertränken bestraft, beim Manne dagegen nur dann, locnu er dadurch eineui andren Ehemann sein Monopol mis die angetraute Sklavin kürzte. Die einzige Milderung der Ehebruchs- sirafe bestand darin, das; zum Beweis Ertappen aus frischer That nötig war. Tic Milderung ist aber nur scheinbar; den» der Paragraph 132 besagt:„Wenn gegen jemandes Eheftan wegen eines andren Mannes der Finger ausgestreckt wird(Deiumziation), sie aber mit einem andren schlafend nicht angetroffen wird, so soll sie für ihren lWaim in den Flus; springen." Im deutschen Recht beißt da- die Wasierprobc. War die Frau unschuldig, so schwamm sie nftch babylonischer Vorstellung, die darin einen blegensatz zur deutschen bildet, oben auf; ging sie unter, so ward sie als überführte Ehebrecherin vollends ertränkt. Hoffentlich haben die baby- lomschen Frauen schwimmen köiiucn. Aehnllch ideale Rechtsbcgriffc sprechen aus der Bestinnnung. wonach eine Ehefrau, die ihren Mann tvcgen eines andren ermorden läßt, nnfgepfählr werden soll. Was nämlich mit dem Manne im entsprechenden Falle zu geschehen hat, davon schweigt des LlönigS Höflichkeit. Man würde sich aber weiter nicht lvmidcrn, wenn so ein Blaubart öffentlich belobigt worden wäre. Der Gott der Liebe kann es nicht gut gewesen sein, der sich in Hainmnrabis Gesetzen offenbart hat. Das bc- weisen auch die drakonischen Strafen, die ans Verletzungen des Privateigciltnnis gesetzt find. Diebstahl Ivird grundsätzlich mit dem Tode geahndet. Originell ist eine Spedalbestimmung für Einbrecher:„Wenn jemand iii ein Hans ein Loch bricht, so soll man ihn vor jenen» Loche löten und einscharren". Bei Körperverletzung gilt der Grundsatz der Vergeltung, der ans dem alten Testament bekannt ist:„Wenn jemand cinein andern das Auge zerstört, so soll »nai» ihn» sein Auge zerstören. Wem» er einen» andern einen .nnochei» zerbricht, so soll inan ihm seinen K»lochen zerbrecheir.... Wenn jemand die Zähne von eine»»» andern Seinesgleichen ans- schlägt, so soll man ihm ferne Zähne ausschlagen." Bringr man jemand »»» Streit eine Wunde bei, so kommt»»an mir den Kurkosten davon, wenn man beschwört, es nicht mit Wissen und Willen gcthan zu haben. Fahrlässige Tötung kostet unter der gleichen Bedingung der Eidesleistung eine halbe Mine Geld. Teurer ist es. ivcrn» ei» freier Mann einen andern von gleichem Range prügelt. Kostenpunkt: 1 Mine. Schlägt man dagegen einen Höherstehenden, so werden einem 60 mit der Ochsenhailtpeirsche übergezogen. So billig konnnt man aber bloß dabo»», wenn man frei ist. Wer das llnglück hat, als Sklave fich an einem Freien zu ver- greifen, wird mit Ohrenabschneiden bestraft. Ob er nur eines Ohres oder aller beiden verlustig ging, wird nicht misdrücklich gesagt. Vielleicht beließ man ihn, eins für den Fall, daß er sich erfrechte, zu seinem Eigentümer z»i sagen:„Du bist nicht mein Herr"; denn alsdann mußte ihn» sein Herr das Ohr abschneiden. Die Sklaverei war, wie überall in» Altertum, so auch in Babylon Grundlage der ganzen Kulwrherrlichkeit. Der Sklave ivar rechtlos, kam für das Gesetz nur insoweit in Betracht, als bei Be- schädigimg eines Sklaven durch einen Dritten der Eigentümer Ersatz- anspräche hatte: ähnlich wie beim Vieh. n»it dem der Sklave ans einer Stufe steht. Sonst beschäftigt sich Hammurabis Gesetzbuch nur noch mit dei» Sklaven, indem es Vorkehrungen trifft, um das Eni- lausen zu verhüten. Ter Wiederbringer entlausener Sklaven hat vom Eigentümer zwei Sckel Belvhnmig zu fordern. Wer einen» Sklaven z»ni» Stadtthor hinauShilft, wird getötet. Wer den Eut- fprungenen in seinem Hanse birgt, wird desgleichen getötet. So giebt eS der Möglichkeiten, un» Hals und Kragen zu kommen, wie man sieht, viele und maniiigfaltige. Eine der nierkwürdigsten ist die, daß, wer beim Löschen eines Brandes etwas von» Eigentum der Bewohner entwendet, in dasselbe Feiler geworfen werden soll. Außer den Sklaven kennt das Gesetzbuch übrigens auch freie Handwerker und Lohnarbeiter: Ochsenknechte, Hirten, Feldarbeiter, Schneider, Znmncr- leute, Maurer usw. Was sie zu fordern haben, ist staatlich festgesetzt. Für Lohnarbeiter gilt die allgemeine Taxe:„Wenn jemand einen Lohnarbeiter»nietet, so soll er ihn» von Neujahr bis zum fünftel» Monat(April— August Zeit der langen Tage und der Ernie- zeit) 6 Groschen Silber sür den Tag geben, vom sechsten Monat bis zum Ende des Jahres soll er ihm 5 Groschen für den Tag geben. Specialbestiminungen für bestimmte Brbeiterkategorien lauten nicht auf Geld, sondern aus Getreide; z. B. bekommt ein Hüter 8„Gur" Getreide das Jahr. Neben den» Silber leistete nämlich Getreide die Dienste einer Geldware. Beide standen zu einander in einem staat- lich normierte» Werlverhältnis. Ein merkwürdiges Mittelding zwischen hochentwickelter Civilisation und urwüchsigster Barbarei stellr auch eine Anzahl von Paragraphen des Gesetzbuchs dar, die sich mit niedizinischen Dingel» beschäftigen. Da werden Taxen aufgestellt, was ein Arzt für bestimmte Leistungen zu bekommen hat. Wenn er z. B. einem kranken Freien mit den» OperationSmesser eine Wunde macht und ihn dadlirch heilt, so soll er dafür 10 Sekel Silber erhalten. Weim cS sich»un einen Freigelassenen handelt, so beträgt der Anspruch des Arztes 5 Sekel. Bei einem Sklaven hat der Eigentümer 2 Sekel an den Arzt zu ent- richten. Für Heilung von Knochenbrüchen oder erkrankten Weich- teilen hat ein Freier 3 Sekel zu bezahlen, ein Freigclaffencr 3, für einen kaiserlichen Sklaven der Eigentümer 2. Es gab auch schon besondere Tierärzte:„Wenn der' Arzt der Rinder oder Esel einen» Rinde oder Esel eine schwere Wunde macht und das Tier heilt, so soll der Eigentümer'/« Sekel dm» Arzt als Lohn geben." Das alles läßt ja»um aus eine hohe Wertschätzung sachkundigen medizinische»» Beistands schließen, die für den Aerztestand sehr er- ftenllch gewesen sein muß. Aber eS sind der auf sie gemünzten Be- stimmunge»»och»nehr und da handelt eS sich un» Schutz- niaßregeii» gegen Slümper. Kurpfuscher und Ouacksalber, die von solch drakonischer Strenge»md bedrohlicher Allgemeinheit waren, daß schon erhebliches Selbstvertrauen dazu gehört haben muß. um an den kranken Mitmenschen hermnzudottern. Wen» der Arzt nämlich das Pech hat, einen freien Pmieuten»»ir dein Er- folge zu operieren, daß er nachher stirbt oder das Ange einbüßt, so sollen dein nnglücklichen Heillünstler die Hände abgehauen werden. Passiert das Malheur beim Operieren eines Sklaven, so hat der Arzt„bloß" den» Eigeniümer einen neuen Sklaven zu liesern. Wenn der Tierarzt ein Stück Vieh ans medizinischem Wege um die Ecke vriiigr, so har er den» Eigentümer lU des Preises zu ersetzen. Höchst originell sind auch die batipolizeilichei» Vorschriften des Eodex Hammlirab». Vorausgeht ihnen ein Paragraph, der die An- spräche des Baumeisters fixiert. Er bekomint, wenn er ftir jemand ein Hmlö vollendet, pro„ Sar" bebaitte Fläche 2 Sekel Silber. Das ist ja min sehr nett für den Baumeister, aber nun kommt das dicke Ende. Wenn nämlich das von einem Baumeister anfgesiihrte Haus einstürzt und den Besitzer erschlägt, so wird dafür jener Van- mcister getötet. Das Zusammenbrechen von Papierbauten mns; nicht ganz selten gewesen sein, nach weiteren Dctailbeftimunuigcn zn i'chließcn. Ein Dtiister vergeltender Gcrechtigteitspflcgc ist der Paragraph, wonach der Sohn des Baumeisters getötet wird, wenn beim Hauseinstnrz der Sohn des Eigentümers ums Leben kommt. Büßt der Besitzer bei der Katastrophe einen Sklaven ei», so hat der Bamneister einen neuen zu liefern. Desgleichen ist Sachschaden zu ersetzen. Außerdem hat der Baumeister ans eigene Kosten ein neues Haus aufzuführen. Die Hausbesitzer müssen dazumal gute Tage gehabt haben: stand ihnen doch sogar das Recht zu. ihren Mieter vor Abtans der Koirtraktszeit vor die Thüre zu setzen, wenn sie»bm einen entspreckienden Teil der voraus- znbezahlenden Miele zurückerstatteten. Daß demgemäß auch der Mieter jederzeit den Vortrag hätte lösen können, davon ist nirgendwo die Rede. Es ist eine mannigfach abgestufte Gesellschaft, die uns im Gesetz- buche Hammurabis entgegentritt: eine ausgedehnte Warencrzengniig ist vorhanden, zahlreiche Bern je, alle möglichen Bcfitzformen und -großen. Dies babylonische Corzms juris des 23. vorchristlichen Jahrhunderts ist ganz augenscheinlich das ErzeltgniS einer Zeh mit scharf zugespitzten socialen Gegensätzen, nicht bloß zwischen Sklaven und Freien, sondern auch zwischen den Freien selbst. Die Mittel, die hier eine Zerklüftung herbeigeführt habe», erkennt man ganz deutlich: abgesehen von der Stlavenwirt- schaft sind es,>vie auch sonst im Altertum, beständige Kriege, die den freien Bauer ruinieren, ihn in Schulden und in die Hände des Wucherers bringen. Das Schuld recht ist von der»"»blichen Härte: der Gläubiger kann sich in» Notfall dad»lrch bezahlt mache»», das er Frau und Kinder des Sch»»ldners»md schließlich ihn selber als Sllaven ftir sich schanzen läßt. Hier greift das Hammurabische Gesetzbuch mit etlichen Milderungen ein, die vor allen» bezwecken, de»» zum Heeresdienst Aufgebotenen vor den Klauen der Wucherer z»l sichern. Außerdem wird bestimmt, daß Frau und Kinder eines zahluugsunsähigen Schuldners, die er in die„Knechtschaft hat. geben müssen, nach drei Jahre» Frondienst die Freiheit wiedererlangen sollen. Wegen dieses Flickwerks c�ebt HamiMlrabi augenscheinlich den Anspruch, unter die berufenen Vertreter deS sodalen Königtums gerechnet zu werden. Er rühmt sich in der bombastischen Einleitung, die ebenso wie das»mhmredige Schlußwort an den Grundsatz:„Be- scheidcnheit sür Lumpen" gemahnt, e»' habe bewirkt, daß das Recht im Lande Geltung beroinm«, der Starke dem Schwachen nicht schade. Es scheint aber Nörgler gegeben zu haben, die mit seinen Leistungen nicht so zufrieden waren, wie der gotterleuchtcte König selber. Ein Paragraph deS Gesetzbuches bestimmt, daß eine Schenkwirtin, in deren HanS sich„Verschwörer" versammeln, ohne daß sie selbige festnimmt und ausliefert, mit dem Tode bestraft werden soll. Außerdem rühmt der Monarch sich, er habe nicht einen Unruhestifter geduldet.— Dr. A. C o n r a d h. kleines feuilleton. I<. Modernes Touristenlebcn im Lande der Pharaonen. Das auf den Ruinen des„Hundertthongen" Theben liegende Dorf L u x o r war noch vor fünfzehn Jahren in der Wintersaison fast leer, und in dem damals einzigen Hotel traf man nur einige Gelehrte, die Hiera- glyphen entzifferten, und einige Schwerkranke, die ihr Leben um Stunden verlängern wollten. Die Eisenbahn hielt 300 Kilometer entfernt in Assiut, und die kleinen schlechten Schiffe landeten zweimal wöchentlich ein halbes Dutzend Reisende, die ihre Nilreise machten und mit dem nächsten Schiff wieder abfuhren. Alles das hat sich seitdem geändert, und auf dem„Ramses der Große" wimmelt es von Reisenden, obgleich auch die Eisenbahn bis zum Katarakt geht. Das Schiff ist noch das einzige Mittel, das Thal gut zu sehen, es läuft überall an, wo sich Denkmäler erheben, und der Luxus seiner Einrichtung giebt den Reisenden, die meistens Eng- länder und Amerikaner sind, jene Atmosphäre des Wohllebens, die ihnen besonders lieb ist. Am Tage lebt man draußen, streift durch die Ruinen Thebens, und erst abends findet man sich im Hotel zu- fammen. Das älteste der vielen Hotels, das Luxor-Hotel, das früher bescheiden mit Oellampen erleuchtet wurde, hat sich gleichfalls sehr geändert. Heute ist es eine kosmopolitische Karawanserei, in der abends überall das elektrische Licht aufflammt. Sein Garten von Palmen und Mimosen erstreckt sich dort, Ivo früher die BosketS des großen Animontempels waren. Ten ganzen Tag sieht man keine Spur des Lebens darin. Frübzcirig macht jeder seine Morgen- Promenade, und nur am Nilufer sieht man frische ländliche Toilelten, Vlumenhüte, leichte Sonnenschirme, Kostüme ans Molton; Bädeker und Kodaks, mit denen jeder Reisende bewaffnet ist, geben einen Anflug von Reisesport. Droschken bringen die einen nach Karnak, andre sind die Böschung des Flusses nach Luxor hinabgestiegen. Barken bringen sie auf die andre Seite des Flusses, und dann werden Eselsritte durch die Felder der Ebene, wo sich ehemals das hundert- thorige Theben erhob, gemacht. Auf der linken Seite liegen die Kolosse von Thotmes III., weiter die dunkle Masse von Medinet-Abu und der fast unversehrte Tempel Ramses III. mit seinen riesigen Pylonen. Rechts der Tempel Ramses II. mit seinen Basreliefs, weiter noch Gurnah und die Basilika Setis I. am Eingang des Thals der Königsgräber. Der Besuch der Königsgräber durch diese langen, von Sälen unterbrochenen Korridore bezaubert die neugierigen Schönen be- sonders. Sie gehen mit dem Licht in der Hand, und nichts ist, Ivie ein französischer Beobachter schreibt, merkwürdiger als der Vorbei- marsch graziöser Silhouetten in diesen Stätten des Todes, vor diesen düsteren Gemälden. In diesem Jahr erregt eine große Entdeckung lebhaft die Phantasie. Die von Mr. Davis geleitete amerikanische Expedition hat das Totengemach von Thotmes IV. von der acht- zehnten Dynastie(1300 v. Chr.) aufgefunden, das bis jetzt allen Nachforschungen entgangen war. Und das„Mobiliar des Grabes", wie die Gelehrten sagen, war vollständig. Neben der rosa Granit- schale des Sarkophagcs hat man alles, bis zu dem Kriegswagen des Herrschers, gefunden. Der Zugang ist noch nicht allen gestattet; deshalb zeigen sich die Bevorzugten besonders glücklich. Die von Signor Ballertni vom Turiner Museum geleitete italienische Expe- dition arbeitet ganz in der Nähe in einem andren Thal, Biban-el- Harem, der Totcnstadt der Königinnen. In dem ersten, vor mehreren Wochen geöffneten Grab fand man eine mit den Attributen von Habhar geschmückte junge Tote. Um sie lagen noch ihre Sistra und Kronen. In einem andren Grab fand man neun Mumien von Prin- zessinnen, deren Gesicht unter der goldenen Maske noch lächelte. Und die gespannten Gesichter der Neugierigen beugten sich darüber, eine Unruhe kam in ihre Augen, ein wenig Empfindung ließ ihre Wangen erblassen, melancholisch verzog sich ihr Mund, und nachdenklich schlugen ne wieder den Weg ein, der am Fuße der Kolosse dahin- führt... Alle diese Ausflügler finden sich abends in den Salons der Hotels ein, den Geist voll von dem Gesehenen. Aber die frivolen Beschäftigungen lenken die mondäne Gesellschaft bald ab. An einem Abcnd war im Riesensaal„bal pare". Plötzlich trat mitten unter den Odaliskcn und Acgypterinnen eine schöne Amerikanerin als Sbelisk gekleidet auf, in Seide von der Farbe des rosa Granits mit Gaze bedeckt, die mit Inschriften bestickt war. Ihr Eintritt erregte Sensation; alles machte ihr Platz und mit unvergleichlicher Meister- schaft siihrte sie den„ObcliSkentanz" aus, wozu sie die Anregung aus den in den Tempeln abgebildeten heiligen Tänzen geschöpft hatte. Es war ein sehr reiner Rhytmus, fast wie ein Trauermarsch. Dann umgaben sie andre als Hathor und Jsispriesterinnen gekleidete Misses, führten auch langsame Schritte ans, die allmählich schneller, unordentlicher wurden und in einen„Cake-walk" der Pharaonen ausarteten... An andren Tagen finden wieder Rennen statt: Amazoncnrcnnen, Esel- und Kamelrenncn für Eingeborene. Handicap der verschiedensten Tiere, von der Schildkröte und dem Chamäleon bis zur 30 Ccntimeter langen Wüstcneidechsc, Kampf auf dem Seil, Polospiele und Regatten...____ Verantwortlicher Redakteur: Earl Leid in Berlin.— Aus dem Tierleben. — Empfindlichkeit der Ameisen gegen ultra- violette Strahlen. Lubbock hatte schon 1882 beobachtet, daß die Ameisen die dunklen ultravioletten Strahlen fliehen, und er hatte daraus den nicht ohne weiteres annehmbaren Schluß gezogen, daß ihre Netzhaut andren Eindrücken zugänglich sei, als die menschliche. Es wäre dies ganz wohl niöglich, aber die ultra- violetten Strahlen könnten diesen Tieren auch durch andre, nicht in das Bereich der Sichtbarkeit fallende Eigenschaften lästig sein. z. B. durch ihre chemische Wirksamkeit. Henri Dufour und August Forel haben neuerdings das Experiment wiederholt und ihr Angen- merk namentlich darauf gerichtet, die ultravioletten Strahlen rein zur Wirkung kommen zu lassen. Sie brachten die Ameisen mit ihren Puppen in ein Kästchen, welches theilweise nnr mit einem dünnen, für die ultravioletten Strahlen vollkommener als Glas durchlässigen Gelatineblättchen bedeckt war. Die durch ein Rowlandsches Gitter gesonderten ultravioletten Sonnenstrahlen umfaßten die Wellenlängen von 0,000 397 Millimeter bis 0,000 310 Millimeter und wirkten stark auf die Ameisen. Dieselben reagierten sofort ans die ein- fallenden, fiir unser Auge dunklen Strahlen und trugen ihre Puppen eiligst in die dunklen Räume, die nicht von den ultravioletten Strahlen erreicht wurden. Lnbbocks Experiment wurde also wieder von dem gleichen Erfolge begleitet, aber freilich seine Schlüsse damit nicht erwiesen. Gleichzeitig wurde die Wirkung der Röntgenstrahlen studiert, indem man sie auf die halb mit Bleiplatten bedeckte Ameisenwohnung wirken ließ. Hierbei wurde keine Flucht der Ameisen bemerkt und daraus auf ihre Unempfindlichkeit gegen diese Sttahlen geschlossen.—(„Prometheus".) Humoristisches. — E i n Gemütsmensch. Ein Landbürgermeister berichtete folgendes an den Bezirksarzt seiner Amtsstadt: „Unterfertigtes Bürgermeisteramt erlaubt sich Großherzogl. Herrn Bezirksarzt mitzuteilen, daß dahier heute ein wütiger Hund ein- gefangen wurde und frägt hierdurch an, ob man denselben etwa töten oder über die benachbarte württembergische Grenze jagen soll."— — Kindermund. Der neunjährige Fritz hat dnrch'S Schlüsselloch gesehen, wie Papa Pakete, die er mit nach Hause ge- bracht, auspackte und die darin befindlichen Geschenke um den Christ- bäum gruppierte. Nach der Bescherung befragt, ob er zufrieden sei mit dem, was das Christkindl ihm gebracht, sagte er zum Papa: „Meinst, ich bin noch so dumm?'s Christkindl bist Du, und der Nikolaus mrd der Osterhas' bist Du, und der Storch b i st auch."—(„Jugend".) — Praktische Einteilung.„Wie lange waren Sie i» England?" „Acht Tage." „Aber in der kurzen Zeit kann man sich ja London kaum richtig ansehen." „O, sie genügte schon: Mama besuchte die Museen- ich die Warenhäuser und Papa die Bars."— („Lustige Blätter.") Notizen. — Maxim Gorki hat eins der größten Güter am Wolga- Ufer fiir OSO 000 M. gekauft.— — H e y s e S„Maria von Magdala" sollte am Donnerslag im Stadttheater zu Preßburg zum Benefiz eines Schauspielers gegeben werden. Die Aufführung unterblieb. Die klerikale Partei hatte 400 Kronen zusammengeschossen und damit den Schauspieler ab- gefertigt.— — Alfred Rethcls Nachlaß ist, soweit er von der Tochter des Malers zum Berkauf angeboten war, für 12 000 M. von der Stadt Aachen für das städttsche Suermondt- Museum erworben worden.— — Bei der Preisverteilung der Dresdener Kunst« a k a d e m i e erhielt Bildhauer Otto Petrenz aus Mittweida den ersten Preis(6000 M. für eine zweijährige Studienreise) und Bildhauer Friedrich Schwan aus Zschakau die große goldene Medaille.— t. Zwischen den englische n und französischen Behörden ftir Post und Telegraphie ist soeben ein neuer Vertrag vereinbart worden, der den Zweck hat, die telephonische Verbindung zwischen beiden Ländern auszudehnen. Nach dem bisherigen Ab- kommen dienten die im Kanal verlegten Telephonkabel nur dazu,. eine» Fernsprechverkehr zwischen Paris und London zu vermitteln. Jetzt wird also auch zwischen den andern Großstädten Englands und Frankreichs eine telephonische Verbindung zur Durchführung ge- langen.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 22. März.___ Druck und Verlag: Vorwärts Bnchdruckcrei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin S\V