Zlnterhalwngsbkatt des Horwärts Nr. 57. 19, Sonntag, den 22. März. (Nachdruck verboten.) Das Geld Roman von Emile Zola. Eines Morgens ging also Saccard zur Fürstin hinauf und sehte ihr in seiner Doppelstellung als Freund und Gc- schästsmann die Daseinsberechtigung und das Triebwerk der von ihni geträumten Bank auseinander. Er sagte alles, packte Vamelins Mappe ans und verschwieg keine der orientalischen Unternehmungen. Ja, er lieh sich sogar von seiner Gabe fort- reißen, sich an der eiglten Begeisterung zu berauschen: ver- möge seiner-glühende« Sehnsucht nach Erfolg redete er sich in förmlichen Glauben hinein, und es entfuhr ihm sogar der unsinnige Traum von einem Papsttum in Jerusalem, vom endgültigen Siege des Katholizismus, von einem Papste, der an den heiligen Orten thronend die Welt beherrschte, und welchem durch die Gründung des„Schatzes vom heiligen Grabe" ein königliches' Budget gesichert würde. In ihrer inbriinstigen Frömmigkeit beachtete die Fürstin fast mir dieses letzte und höchste Projekt, diese Krönung des Gebäudes, deren chimärische Großartigkeit ihrer zügellosen Phantasie zusagte, von welcher sie dazu angetrieben wurde, ihre Millionen in guten Werken voll riesenhaften und nutz- losen Prunkes zu verschlendern. Gerade damals waren die französischen Katholiken durch den vom Kaiser mit Italien abgeschlossenen Vertrag, wonach er sich verpflichtete, gegen gewisse Bürgschaften des französischen Besatzungscorps aus tlioin zuriickznziehcn, niedergeschmettert und erbittert worden. Offenbar war damit Rom an Italien überliefert. Schon sah man den Papst verjagt und ans Almosen angewiesen mir dem Bettelstab durch die Städte irren, lind nun— welche wunderbare Wendung, wenn der Papst in Jerusalem wiederum oberster Priester und König war, dort eingesetzt und durch eine Bank gestützt, deren Aktionäre zu sein die Christen der ganzen Welt nlo eine Ehre anscheu würden! Dies war so herrlich, daß die Fürstin den Gedanken für den größten des Jahr- Hunderts erklärte und für würdig, jeden zu begeistern, der Religion in sich hätte. Ihr schien der.El'folg gesichert, über- wältigeud. Damit flieg auch ihre Verehrung für den Ingenieur Hamelin, dem sie bereits mit Hochachtung be- gegncte, seitdem ihr bekannt geworden, daß er ein eifriger Katholik war. Aber sie weigerte sich ohne weiteres, am Geschäfte sich zu beteiligen: sie beabsichtigte, ihrem Schwur treu zu bleiben und den Armen ihre Millionen wieder �u erstatten, ohne aus denselben jemals mehr einen Pfennig Zinsen zu ziebcn: es war ihre Willensmeinung, daß dieses im Spiel er- wordene Geld wieder verloren gehe und von den Elenden auf- gesogen werde, wie ein zum Verschwinden bestimmtes giftiges Wasser. Der Einwand, daß ja die Armen aus der Spekulation Nutzen ziehen würden, rührte sie nicht und erbitterte sie sogar. Nein, nein! Die verfluchte Oiielle müßte versiegen, dies sei ihre einzige Sendung hieuieden! Außer Fassung gebracht, vermochte Saccard die günstige Stimniung der Fürstin nur dazu auszunutzen, eine bisher ver- geblich erbetene Erlaubnis von ihr zu erwirken. Er hatte den Gedanken gehabt, die Banque Universelle sofort bei der Gründung im Hause der Fürstin selbst einzurichten, oder es hatte ihm vielmehr Frau Karoline diesen Gedanken cinge- blasen. Er sah nänttich alles großartiger und hätte am liebsten sofort einen Palast gewollt. Man würde sich zunächst be- gnügen, eiil Glasdach über den Hof zu bauen, der dann als Gentralhalle zu dienen hätte: das ganze Erdgeschoß nebst sämtlichen Stallungen und Remisen würde zu Geschäftsräumen umgewandelt. Im ersten Stock wollte er seinpn Salon zu einem Sitzungssaale hergeben, seinen Speisemal und sechs andre Zimmer zu weiteren Geschäftsräumen: dann würde er nur ein Schlafzimmer mit Badekabinett behalten und oben bei Hamelins leben, bei ihnen speisen»nd die Abende zubringen! Dergestalt könnte man mit geringen Kosten die Bank etwas eng, aber sehr gediegen einrichten. Zuerst hatte die Fürstin als HauSeigentümcrin ihre Ge- nehmigung aus Haß gegen jegliches Geldgeschäft versagt. Rie sollte ihr Dach eine derartige Scheußlichkeit beherbergen! An jenem Tage aber war die Religion mit im Spiel; von dem großen Zweck ergriffen, gab sie ihre'Ennvillignng. Dies war 1903 ——------------------------ ein verzweifeltes Zugeständnis und sie fühlte sieh von gelindem Schauder erfaßt beim Gedanken an dieses Höllenwerk einer Kreditanstalt, einer Börsen- und Agio-Anstalt, deren Tod und Ruin bringendes Räderwerk sie nunmehr unter ihren Füßen duldete. Eine Woche nach diesem verunglückten Anlauf erlebte Saccard endlich die Freude, die in Hindernissen so vielfach ver- strickte Angelegenheit unerwartet rasch binnen wenigen Tagen abgemacht zn sehen. Daigremont brachte eines Morgens die Nachricht, er habe alle Zustimmungen beisammen und die Sache könne nunmehr vorwärts gehen. Jetzt wurde der Statutenentwurf zum letztenmal durchgesehen und der Gesell- schastsvertrag abgefaßt. Es war auch hohe Zeit für Hamelins; bei ihnen begann das Leben wieder recht hart zu werden. Seit Jahren hegte er nur den Traum, bei einer großen Kredit- anstatt beratender Ingenieur zu werden: er wollte gerne die Aufgabe übernehmen, dein Mühlrad das nötige Wasser zuzu- führen. Darum hatte nach und nach Saccards Fieber auch ihn erfaßt, darum brannte er von gleichem.Eifer, von gleicher Ungeduld. Frau Karoline hingegen, die zuerst beim Gedanken- an all das Schöne und Nützliche, das man zu vollbringen plante, sieh begeistert hatte, sah kühler und nachdenklicher darein, seitdem inan das Dickicht und die Schluchten der Aus- sührung betrat; ihr klarer, gesunder Verstand und ihr gerader Sinn witterten allerlei düstere und verdächtige Furchen. Vor allem ängstigte sie sich um ihres Bruders willen, den sie schwärmerisch liebte und mitunter trotz seines Wissens lachend ein großes Kind nannte: Zwar hegte sie nicht den geringsten Verdacht gegen die vollkommene Ehrlichkeit ihres Freundes, den sie für das Wohl beider selbstlos thätig sah; aber sie hatte eine eigentümliche Empfindung von wankendem Boden, eine unbestimmte Angst vor Sturz und Untergang beim ersten Fehltritt. An jenem Morgen begab sich Saccard, sobald Daigremont ihn verlassen hatte, strahlend in den Zeichensaal hinauf. „Endlich fertig!" rief er aus. Ergriffen und init feuchten Augen erhob sich Hamelin und drückte ihm beide Hände so fest, daß er sie fast zermalmte. Da Frau Karoline wortlos ihr etwas bleiches Gesicht ihin zugewandt hatte, fügte er hinzu: „Nun, was denn? Ist das alles, was Sie mir sagen?» Macht dies Ihnen keine größere Freude?" Da hatte sie ein liebenswürdiges Lächeln: „Doch, ja, ich bin sehr erfreut, sehr erfreut, ich ver- sichere Sie!" Nachdem er hierauf ihrem Bruder über das endgültig zusaminengetretene Konsortium Genaueres mitgeteilt hatte, warf sie mit ihrer ruhigen Miene ein: „ES ist also gestattet, nicht wahr, daß sich mehrere so zu- sainmenthun, um die Aktien einer Bank noch vor der Emission unter sich zu verteilen?" Heftig nickte er ein Ja. „Freilich ist das gestattet. Halten Sie uns für tölpel- hast genug, um uns einem Mißerfolg auszusetzen? Abge- sehen davon haben wir auch geldkräftige Leute nötig, welche den Markt beherrschen, wenn die Anfänge eventuell schwierig sind... Jetzt sind also doch vier Fünftel unsrer Aktien in sicheren Händen. Demnächst wird man den Gesellschaftsvertrag vor deni Notar unterzeichnen können." Sie wagte immer noch, ihm zu widersprechen:„Ich glaubte aber, das Gesetz verlange die volle Einzahlung des: Aktienkapitals?" Da schaute er ihr verblüfft ins Gesicht:„Sie lesen also im Gesetzbuch nach?" Sie errötete leicht, er hatte richtig geraten. Am Abend zuvor hatte sie, von ihrer Angst getrieben, von jener ganz un- bestimmten und unklaren Furcht, die Gesetzesbestimmungen über Aktiengesellschaften durchgelesen. Einen Augenblick war sie auf dem Punkte, zu lügen, dann gestand sie scherzend: „Allerdings habe ich gestern das Gesetz durchgelesen. Als ich das Buch weglegte und meine Ehrlichkeit und die meiner Mitmenschen untersuchte, fand ich, daß es mir wie den Leuten gehe, die nach dem Durchlesen ärztlicher Bücher mit allen möglichen Krankheiten behaftet sind." Saccard wurde unmutig. Der Umstand, daß sie sich hatte unterrichten wollen, zeigte ihr Mißtrauen und ihre Eni- Mossenhc'ck, mit ihrem forstenden und scharfen Frauenblick ihn zu überwachen. „O!" erwiderte er mit einer Gcbcrde, welche alle leereir Bedcnkeil niederwarf,„wenn Sie glauben, daü wir uns nach deir zopfigen Vestimmungeil des Gesetzbuchs richteil wollen! Ja, danil können wir keine zwei Schritte gehen, bei jedem wären unsre Füße durch Fesseln behindert, während die andern, unsre Mitbewerber, in vollem Laufe uns Voraneilen würden.., Nein, ilein, ich werde ganz gewiß nicht warten, bis das volle Kapital gezeichnet ist. Ich ziehe zudem vor, Aktien für uns alifzubewahren uild will einen uns er- gebenen Mann finden, dem ich ein Conto eröffne und der unser Strohmann sein wird." „Das ist verboten!" erklärte sie kurz mit ihrer klang- vollen, ernsten Stimme. „Nun ja, verboten ist's, aber alle Gesellschaften thnn es." „Dann thuir Sie unrecht, da es unrecht ist." Durch eine plötzliche Willensanstrengung gewann Saccard seine Fassung wieder und lächelte sogar. Dann glaubte er sich aber an Hamclin tuenden zu sollen, der mit llnbehagcu zuhörte, ohne mitzureden. „Lieber Freund! hoffentlich zweifeln Sic nicht ail mir... Ich bin ein alter Schlaumeier von einiger Erfahrung, Sic können für die finanzielle Seite der Sache sich ganz meinen Händen anvertrauen. Bringen Sic mir nur gute Ideen herbei und ich mache, mich anheischig, allen wünschenswerten Gewinn mit möglichst geringer Gefahr daraus zu ziehen. Ich glaube, mehr kann ein Mann der Praxis nicht sagen." Mit seiner unbesieglichen Schüchternheit uild Schwäche zog jetzt der Ingenieur die Sache ins Scherzhafte, imi einer direkten Antwort auszuweichen: „O! an Karoline werden Sic einen echten Censor haben, sie ist ein geborener Schulmeister." „Ich will gern zu ihr in die Schule'gehen," auttvortete Saccard verbindlich. Frau Karoline lachte selbst mit, und die Unterredung ging in einenr Tone wohlwollender Vertraulichkeit weiter. „Ich habe eben meinen Bruder sehr lieb," sagte Frau Karoliue,„Sie selbst sind mir lieber, als Sie nur denken; es wäre mir daher ein großer Kummer, wenn ich sähe, daß Sie sich in verdächtige Geschäfte einlassen, die nur mit jähem Zusammenbruch und mit Betrübnis enden können... Und jetzt hören Sie! Wenn wir doch einmal auf dieses Thema geraten sind: vor Spekulation, vor Börsenspiel habe ich eine tolle Angst. Ich freute inich so sehr, als ich in dem von mir abgeschriebenen Statuten- entwarf bei Paragraph acht las. daß die Gesellschaft sich aufs strengste jedes Zeitgeschäft untersage. Das heißt so viel, als daß sie sich des Spiels enthalten wird, nicht wahr? Hierauf haben Sie mir eine Enttäuschung gebracht, als Sie mich aus- lachten und erklärten, dies sei ein bloßer Paradeparagraph, eine Redewendung, die von allen Gesellschaften ehrenhalber aufgenommen und von keiner einzigen beobachtet werde... Wissen Sie auch, was ich gern haben möchte? Daß Sie an Stelle der Aktien, dieser fünfzigtauscnd Aktien, die Sic auf den Markt werfen wollen, nur Obligationen ausgäben. O, Sie sehen, daß ich gut beschlagen bin, seitdem ich im Gesetzbuch lese; jetzt weiß ich genau, daß nian mit Obligationen nicht spielen kann, daß der Inhaber einer solchen einfach ein Darleiher ist, der so und so viel Prozente für sein Darlehen zu bekommen hat, ohne am Gewinn beteiligt zu sein, wogegen der Aktionär ein Gesellschaftstcilhabcr ist, welcher an Gewinn und Verlust teilnimmt... Sagen Sie, warum werden keine Obligationen ausgegeben? Das würde mich so beruhigen und so glücklich macheu!" Sie übertrieb scherzend den bittenden Ton, um ihre that sächliche Angst zu verbergen. Saccard ging auf diesen Ton ein und erwiderte mit komischer Entrüstung: „Obligationen, Obligationen! Nimmermehr!... Was soll ich mit Obligationen anfangen? Das ist totes Material... Begreifen Sie doch, daß gerade Spekulation und Spiel die Haupttricbfedcni, ja das Herz eines großartigen Unternehmens wie das unsrige sind/ Ja! Da- durch wird das Blut herbeigezogen, überallher in kleinen Bäch- lein gesammelt und nach allen Richtungen hin in Strömen wieder ausgesandt, wird ein ungeheurer Kreislauf des Geldes hervorgebracht, der geradezu das Lebe» der großen Unter- nehmungcn ist. Ohne Spiel sind die großen Kapitalumsätze und die daraus hervorgehenden großen Kulturarbeiten schlechter- dings unmöglich. Gerade so ist es niit den Aktiengesellschaften: Wie viel hat man gegen sie geschrieen! Wie oft hat man wiederholt, sie seien Spielhöllen und Räuberspelunk-u: tz-Dis Wahrheit ist aber, daß wir ohne dieselben weder Eisen- bahnen hätten, noch irgend eine andre jener größartigen Unternehmungen der Neuzeit, welche die Welt umgestaltet haben; denn kein Einzelvermögen hätte genügt, um dieselben zu gutem Ende zu führen, ebensowenig>vie ein Einzelner oder sogar eine Gruppe von Einzelneu das Risiko auf sich zu nehnien eingewilligt hätte. Das Risiko, darin liegt alles, und in der Größe des Zwecks! Mau braucht ein großartiges Projekt, dessen weiter Umfang die Phantasie ergreift, man braucht die Hoffnung auf bedeutenden Gewinn, auf einen glücklichen Lottcriezug, der die Kapitaleinlage verzehnfacht oder auch spurlos wegfegt; dann lodern die Leidenschaften auf, dann strömt das Leben herbei, bringt jeder sein Geld und man kann die Erde umkneten. Was für Unrecht erblicken Sie darin? Das übernommene Risiko ist freiwillig und auf eine unbegrenzte Zahl von Teilhabern ungleich verteilt, sowie nach dem Vermögen und der Waghalsigkeit eines jeden bemessen. Man verliert, aber man gewinnt auch. man hofft auf eine gute Nummer, aber mau muß auch stets aus eine schlechte gefaßt sein, und die Menschheit hat keinen hartnäckigeren und glühenderen Traum, als den Zufall zu erproben, durch seine Launen alles zu erlangen, König und Gott zu sein!" Allmählich vergaß Saccard, daß er scherzen wollte. Er richtete sich auf seinen kurzen Beinen empor und redete sich in eine lyrische Begeisterung hinein; die Geberden, mit denen er sich begleitete, sollten seine Worte nach den vier Himmels- richtuugen hinausstrcnen. „Hören Sie 1" fuhr er fort,„werden wir nicht mit unsrer Blanque Universelle auf Asiens alte Welt den allerlveitesten Ausblick eröffnen, ein unbegrenztes Feld für die Pionierarbeit des Fortschritts und das Traumrcich der Goldsucher? Freilich ist nie ein großartigerer Ehrgeiz da- gewesen, und nie, ich gebe es zu, waren die maßgebenden Bedingungen des Erfolgs oder des Mißerfolgs unklarer. Aber gerade deshalb stehen wir im Brennpunkt der Frage selbst und werden>vir. das ist meine Ueberzeugung, beim Publikum ungewöhnliche Begeisterung erwecken, sobald wir bekannt sind... Unsre Banque Universelle, mein Gott! sie wird zunächst das klassische Haus sein, welches alle regelmäßigen Bankgeschäfte betreibt, Kreditgeschäfte und Wechseldiskonto, welches Gelder in laufende Rechnung nimmt, Anleihen auf- nimmt, vermittelt oder auflegt." (Fortsetzung folgt.) . Sonntagsplaiiäerei. Die Deutschen im Auslande. Sccncn der auswärtigen Politik. Erste Sccne. (Im Auswärtigen Amt.) Der Staatssekretär(jibellauuig): Die Passivität unsrer Bertrcler im Ausland ist wirklich unerträglich. Wir müssen wohl für eine Llutverjüngung sorgen. Seil acht Tagen bereits haben wir nicht das mindeste Telegramm erhalten, das uns die Geltend- machung von Entschädigungsansprüchen ermöglichen würde. Giebt es keine Deutschen im Auslände mehr, oder schlafen unsre diplomatt- schen Agenten? Ich ersuche Sie, Herr Gcheimrat, sofort eine Cirkulardcpesche an alle unsre Vertreter in den wilderen Ländern zu erlassen und sie an ihre Pflicht zu mahnen. Der Geheim rat: Ich werde das sofort besorgen. Der Staatssekretär. Aber setzen Sie das Prädikat nicht ans Ende eingeschachtelter Sätze. Das ist nicht mehr zeit- gemäß. Im übrigen merken Sie sich: die Größe und Geschicklichkeit eines deutschen Diplomaten im Ausland berechnet sich nach der Höhe der Entschädigungssumme, die er für Verletzung der Interessen deutscher Rcichsangehöriger zu gewinnen versteht. Hören Sie, es muß ein Deutscher im Ausland gekränkt werden. Sonst bringen wir keine neue Flottenvorlage durch. Zweite Scene. Ebenda. Der Staatssekretär: Ich könnte rasend werden. Die ganze Welt ist stumm wie ein Grab. Unsre nationale Ehre rostet ein. Ein Königreich für einen Deutschen im Ausland, dem ein Hühnerauge zertreten wird! Aber, kein Zweifel, unsre Agenten hüten sich, uns Beschwerden vorzubringen. Sie fürchten sich vor den Ber- liner Folgen. Sie wollen bequem leben und haben keine Lust, die Wirkungen unsrer Kühnheit auf sich zu nehmen. Der Gebeimrat(atcmToS hereinstürzend): Excellenz, eine lange Depesche! Es ist was passiert. In Feuerland. Der Staatssekretär(vergnügt): Fenerland— das ist "»saezeichnet. Geben Sie mir mal den Brockhaus. Feuer- land— Feileutu.�-bliest im Brockhaus). So ich bin orientiert. Nun lesen Sie mir, bräß-,-.' vor. Der G e h e i in r a t(liest) v.-s�- � �"rkall mitzntcile». Fix der vorigen Woche versuchte der deutsche Reichs- angchvrige Friedrich Wilhelni Stramm, Lieutenant der Reserve, eine junge Feuerländerin zu vergewaltigen. Das junge Mädchen entfloh, und Stramm, empört über die Rücksichtslosigkeit der Jmxgfrau, schoß sie nieder. Einhalb Dutzend männliche Feuerländer, die dem Mädchen zn Hilfe eilen wollten, wurden gleichfalls verletzt. Schließ- lich fiel eine fanatisierte Menge über Stramm her, schleppte ihn mit Gewalt in ein Haus und behielt ihn dort widerrechtlich vier Tage. Stramm wurde vor ein Gericht von Einheimischen gestellt und von den parteiischen Richtern zu 10 Dollar Geldstrafe verurteilt. Ich habe so- fort zu Gunsten Stramins interveniert, der deiin auch freigelassen wurde. Dagegen weigern sich die Feuerländer entschieden, das Gerichtsurteil aufzuheben und sie bestehen auf der Zahlung der 1b Dollar. Erbitte Direktiven, was- thun! Der Staatssekretär'(aufatmend): Endlich. Fenerland ist ganz ausgezeichnet. Telegraphieren Sie sofort: Zahlung von 100 000 Dollar Buße an unsren Rcichsangehörigen, Aufhebung des Urteils, Abbitte, Hinrichtung der Richter und Einäscherung des Dorfes, in dem sie wohnen. D c r G e h e i m r a t: Ich Iverde kabeln. Dritte S c e n e. Im Reichstag. Hans und Tribünen sind überfüllt. Es herrscht eine patriotische Erregung. Der Reichskanzler: Gestatten Sic mir noch mit einem Won auf die Angriffe des Vorredners einzugehen, der sich berufen gefühlt hat, im deutschen Reichstag als freiwilliger Feuerländer auf- zutreten.(Stürmische Heiterkeit.) Meine Herren! Wir Deutschen suchen keine Händel. Wir spielen nicht den Hans Dampf in allen Gassen. Aber wir Deutschen fürchten, wie mein großer Vorgänger einmal bemerkt hat, Gott, sonst nichts ans der Welt. Wo es sich um die deutsche Ehre handelt, verstehen wir keinen Spaß. Die Zeiten sind. Gottlob, vorbei, wo wir uns ängstlich hinter den Ofen verkrochen und mensch- heitSbegliickende Phantasien ausheckten. Wir haben keine Neigung mehr, wie der Poet des großen deutschen Dichters, bei der Ver- teilung der Erde zu spät zu kommen. Wir wollen unfern Platz unter dem Polarstern behaupten.(Bravo!) Meine Herren! Nun hat der Vorredner behauptet, der Herr Stramm verdiene gar nicht unsre Intervention, er trage die Schuld, und die Strafe, die über ihn ver- hängt sei, wäre außerordentlich milde.(Hört! hört! rechts.) Meine Herren! Zch bedaure lebhast, daß es im deutschen Reichstage Männer giebt, die immer und ewig die Interessen des Auslandes vertreten (Stürmischer Beifall) und die keine Empfindung dafür haben, was unsre nalionale Ehre erfordert. Meine Herren! Ich habe hier den Brief eines in Europa lebenden FenerläuderS, der mir feine Bewunderung ausdrückt, mit welcher Langmut und strengen Ge- rcchtigkeix wir die Anmaßung seiner Landsleute erwidert haben. (Hört! hört!) In der That, ist unser Verhalten nicht von einer erstaunlichen Zurückhaltung, lvenn man bedenkt, daß die Herren Feuerländer zwei unsrer Telegramme einfach unbeantwortet gelassen haben?(Große Bewegung.) Das hat der angesehene Feuerländcr offen zugestanden. Ich konstatiere also, daß der Herr Vorredner feucrländffcher ist als ein Fcucrländcr. Meine Herren, die Deutschen im Auslände haben ein Recht auf unsern Schutz. Wir haben nicht auf blutigem Schlachtfeld unsre Einheit geschmiedet, um uixs jede Frechheit.einer Völkerschaft ruhig gefallen zu lassen. Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre.(Händeklatschen und stiirniischer Beifall.) Vierte Scene. In der Redaktion. Der Sonderberichterstatter deS„Lokal- Anzeiger" schreibt: Die Feuerländer sind das verkommenste Volk in der Welt. Sie sind schmutzig, feig, verlogen, häßlich wie der Teufel, grausam, hinterlistig, abergläubisch, roh, bar jeder Bildung. In unserm Kreuzzug gegen die Feuerländer handelt eS sich um den ewigen Kamps zwischen Barbarei und Civilisation, zwischen dem Norden und dem Süden, der weißen»ind der rotbraunen Rasse. Wir können der Entscheidung nicht mehr ausweichen. Entweder wir oder sie. Einer nur kann Herr sein. Aber dank der genialen Leitung unsrer Politik, der Unübertrefflichkeit unsrer Schiffe und der Kühnheit unsrer braven blauen Jungen werden wir den Fuß auf den Nacken dieser blut- gierigen Bestien setzen. Feuerland muß ausgerottet werden, ivir müssen Rache nchmeix für die unsrem Landsmann zugefiigte Unbill. Wer was ivir auch thun werden, ivir werden niemals die Pflichten der Humanität vergeffen, die unzertrennlich von dem Namen eines Deutschen sind. Pardon wird nicht gegeben! Fünfte Scene. Auf der Straße. Händler(schreiend): Neuestes Extrablatt? Großes Bom- bardement des»Ichneumon" auf das Kap Horn! Siegreiches Gc- fecht des Grafen Waldersee I 5000 Feuerländcr gefallen, zehn Dörfer eingeäschert I! Ein Offizier lvorüberacbend): Hurra I Sechste Scene. Im Auswärtigen Amt. Der Staatssekretär: Haben Sie die neuen Sieges- telegramme redigiert? Der G e h e i m r a t: Mit Schwung und Kraft. D e r S t a a t s s e k r e t ä r:'ne halbe Milliarde wird die Ge- «Ätiöeie kosten. Aber was thufs. Die Feuerländcr werden nicht mehr wage..,""""""'"tasten. Der Geheim i cklv-n..,.. Grellen, z, darf ich nun den Mann hereinlassen? Der Staatssekretär(ungeduldig): Welcher Mmm? Der Geheim rat: Sie wissen, der, dessen Frau seit l'/z Jahren in russischen Gefängnissen sitzt. Der Staatssekretär: Dafür kann ich doch aber nichts I Ich habe keine Zeit, den Mann zu empfangen. Der G e h e i m r a t: Aber er wartet schon acht Wochen auf den Empfang. Er ist täglich drei Stunden im Vorzinnner. Der Staatssekretär: In der That, der Kerl wird lästig. Er soll froh sein, daß seine Frau so gut aufgehoben ist. Der Geheimrat: Aber die Frau hat nichts, verbrochen. Sie geht zu Grunde. Der Staatssekretär: Ich kann mich unmöglich um alle Privatangelegenheiten kümmern. Warnmist sie nach Rußland gereist! Der G e h c i m r a t: Die Frau bleibt weiter inhaftiert, obwohl der russische Botschafter dem unsrigen bindende Versprechen gegeben hat— wegen ihrer Freilassung. Der Staatssekretär: Na also! � Dann haben wir ja alles gethan, was in unsrer Macht steht. Sagen Sie dem Mann, ich könnte ihn nicht empfangen. Ich hätte die dringendsten Geschäfte zu erledigen: Schutz der Deutschen im Ausland! Verstehen Sie. Der G c h e i m r a t: Der Mann ist ganz verzweifelt. Der Staatssekretär(wütend): Sic werden mir doch nicht zumuten, daß wir uns mit Rußland überwerfen wegen eines Frauen- zimmers, das zufällig die deutsche Reichsangehörigkeit besitzt. Der russische Botschafter wird ohnehin verletzt sein, daß ivir ihn mit der Angelegenheit belästigten. Wir werden ihn: einen Orden schicken müssen.— Joe. Kleines fcullleton» — g. Wäsche. Um sieben Uhr morgens hatte die Waschfrau mit den Vorbereitungen begonnen. Als Auguste, die Köchin, zwischen acht und neun Uhr den Kaff-e in die Waschküche brachte, waren die großen Wasscrkübcl gefüllt, das Feuer brannte lodernd im Herd und in dein mächtigen Kupferkessel kochte der erste Teil der Wäsche. Mutter Pfeil hielt sich nicht lange mit den Mahlzeiten auf. Während sie die Schrippe zum Munde führte und zwischendurch einen Schluck des warmen Getränks nachschickte, mnslericn die kleinen lebendigen Augen den Inhalt der umhcrstehendcn Gefäße, welcher auf seine Reinigung harrte. Das war nur ungefähr erst die Hälfte, wie Mutter Pfeil ans Erfahrung wußte. Sie schüttelte den grauen Kopf. ES tvar bald nicht mehr zu schaffen, was die Herrschaften in den wenigen Tagen, die immer voraus bestimmt waren, verlangten. Mit jedem neuen Waschtcriniii schien das Quantnin zu wachsen. Mutter Pfeil stand schon am Waschfaß, als sie den letzten Schluck »ahm und sich mit der Schürze de» Mund wischte. Dann ging sie mit energischen Bewegungen wieder an die Arbeit, Zn derselben Zeit erhob sich die gnädige Frau mit einem ge- waltsamcn Ruck aus den molligen Daunen. Seufzend, flüchtig niachte sie Toilette. Tann schellte sie. Auguste brachte den Kaffee: ein niedliches Porzellanservice auf silberner Platte. „Wir haben doch heute Wäsche, Angnste?" Schwer gequält klang es. „Ja, gnädige Frau." „Entsetzlich! Man kann sich nicht einmal ausschlafen I" Gähnend griff sie zu den goldgelben Kuchenscheibcn.„Machen Sie sich nur immer dabei. Auguste. Es ist noch ein gehöriger Ballen zu sortieren. Ich komme dann auch gleich, um noch das letzte herauszusuchen."' Die Gnädige seufzte, stützte den Kopf in die Hand und nahm den Morgenimbiß. Sie übereilte sich nicht. Während sie atz und trank, fiel ihr Blick ans ein Buch, das geöffnet ans dem Nachttisch lag. Sie nahm es herüber und setzte die gestern abmd abgebrochene Lektüre fort... Blatt um Blatt wandte sich... Die kleine altdeutsche Uhr hotte schon wiederholt mit ihren feinen, silbernen Tönen geschlagen, als es tlopftc. Die Lesende schrak auf.„Herein!" „Ich wollte bloß fragen, ob die gnädige Frau noch Wäsche ge- funden haben?" sagre Auguste mit einem versteckten, matitiösen Lächcln. „Herrgott, die Wäsche!" Tic Gnädige schnitt eine entsetzliche Grimasse.„Aber Auguste I Weshalb erinnern Sic mich nicht recht- zeitig daran? Da sitze ich hier und wir stecken bis über die Ohren in der Arbeit!" Sie warf das Buch zur Seite und sprang auf. „Wie spät haben wir's?" „Elf." Auguste sagte es gleichgültig.„Ich muß nun an das Mittagessen denken." „Elf Uhr!" Die gnädige Frau schlang verzweifelk die Hände ineinander.„Augustel Nun machen Sie nur nicht viel Geschichten mir der Kochen il Sie müssen mir noch etwas Helsen.'- Und mit — fieberhaftem Arbeitseifer machte sie sicki an das Durchsuchen der Be- hälter, in denen sie noch Waschbares vermutete. Mutter Pfeil stand indessen init gebeugtem Stücken am Wasch- faß und bürstete, scheuerte und rieb ein Stück nach dem andern. Sic war so in ihre Beschäftigung vertieft, daß sie sich wunderte, als � tlUC5 QU den fiotif" . m,--"8 mit großem Appetit. Aber nach der Mahlzeit sie mit großer Müdigkeit. Der Rücken schmerzte auch etwas von dem- steten Gebeugtscin.„Wenn man jetzt so'n Viertel- stündekcn drusseln könnte," meinte sie. „Schlafen Se doch," sagte Auguste und schob einen Stuhl, den sie mit Wäsche auspolsterte, in die wärmste Ecke der Llüche.„Hier kann Sie die Gnädige nich sch'n.". Mutter Pfeil weigerte sich ängstlich. Aber Auguste drückte sie auf den Stuhl:„Ich wecke Sie nach üicr Weile." „Aber vergessen Sicks jo nicht" Behaglich schloß Mutter Pfeil die Augen WW Als Auguste in die Parterrewohnung trat, kam die Gnädige ihr verzweifelt entgegen:„Aber, Auguste, wo bleiben Sie? Soll ich denn alles allein machen? Ich bin ja gehetzt wie ein Droschkenpferd l" Sic sank auf einen Stuhl.„Ich kann nicht mehr! Lassen Sie da? Geschirr stehen und arbeiten Sic für mich. Ich muß mich erst ein Stündchen hinlegen. Man ist ja gar kein Mensch mehrl" Sie ging in das Schlafzimmer und trat an's Fenster, um die Vorhänge zu sttiließen. Da fiel ihr Blut auf die gegenüberliegende Waschküche. Mutter Pfeil hatte sonst ihren Platz dicht am Fenster. Aber nichts rührte sicy an dein sichtbaren Waschfaß Die Gnädige wartete. Ein schlimmer Verdacht stieg in ihr auf. Und plötzlich Ivarf sie sich ein Capes über und eilre hinan über den Hof i» die Waschküche. Mutter Pfeil hatte die nackten Arme in die Schürze gewickelt und schlummerte selig. „Das hcißtl Nun hört aber alleS auf!" Tie Gnädige stand in der Thür. Erschreckt fuhr die Schlafende hoch:„Herrsch, die Gnädige!... Ick wollte man bloß'n Weilchen... weil ick doch zu müde bin..." „Ich bin auch müdel Glauben Sie, ich bezahle Ihnen darum ein schweres Geld, daß Sic sich bei mir ausschlafen? Das ist doch unerhört!" „Ick wollt' ja man bloß'n Viertelstündche»..." „Ach was! Viertelftiindchen! Keine fünf Minuten stnd übrig! Unscreins hetzt sich ab und Sic schlafen I" Sie griff nach der jilinke. „Ertappe ich Sic noch einmal, dann sind wir fertig miteinander l Merke» Sie sich das, Frau Pfeil!" Krachend flog die Thür inS Schloß. Mutter Pfeil war lvie vernichtet. Sic starrte der Davoneilenden nach, als habe sie geträumt. Dann rieb sie sich die verschlafenen Augen mit der Schürze und trat mit einem Seufzer an's Wasch- faß.— Völkerkunde. le. Hebet: seltsame Formen der L i e b e s w e r- b ii n g, wie sie bei den verschiedenen Völkern vorkommen, bringt die „Modern Society" eine hübsche Plauderei.. Tie LicbeSctikette bei den ungarischen Zigeunern ist z. B. folgende: Kuchen werden als „Liebesbriefe" gebraucht. In den Kucken wird eine Münze hincin- gebacken, die bei der ersten Gelegenheit der Begünstigten zugeschleudert ivird. Das Behalten ivird als„Annahme" angesehen, das ungestüme Zurückgeben als Fingerzeig, daß die„Aufmerksamkeiten" unerwünscht sind. Das erfordert wenigstens keine Bercdtsamkeit von feiten des Liebhabers. In einigen Teilen der Welt wird von dem Liebhaber auch nur Körperkraft verlangt. Unter den halbwilden Stämmen in der arabischen Wüste um den Sinai versucht der Liebhaber die Um- wordene zu ergreifen, während sie ihres Bakers Herden weidet. Sie bewirft ihn mit Schmutz, Stöcken und Steinen, und wenn es ihr gelingt, ihn zu verwunden, ist sie lebenslänglich berühmt. Wird sie jedoch in ihres Vaters Zelt getrieben, so ist der Zweck des Liebenden erreicht, und das Verlöbnis wird, verkündet. Ter Eskimo geht offen und ohne erst auf de» Busch zu klopfen zu der Wohnung seiner Ge- liebten, ergreift sie an ihrem langen starken Haar oder ihren Pelz- klcidern und zieht sie zu seinem eisigen Lagerplatz oder in sein Zelt aus Fellen. Viel mehr Poesie liegt in der Werbung der?1ao Midos, eines der vielen birmanisch- tatarischen Völker, die ganz ohne Worte, nur mit den Tönen der Musik um ihre Frauen werben., Am ersten Wintcrtage findet ein großes Fest statt, zu dem alle heiratsfähigen Mädchen zusammenkommen und auf die Musik hören, die von den unter dem„Wunschbaum" sitzenden Junggesellen gemacht wird, wobei jeder auf seinem Lieblingsinstrument spielt. Wenn das geliebte Mädchen vorbeigeht, spielt der Jüngling lauter und gefühlvoller. Wenn das Mädchen ihn nicht hört und lveitergeht, so weiß er, daß sie ihn nicht haben will; tritt sie aber zu ihm und legt ihm eine Blume auf das Instrument, so springt er auf, faßt sie an die Hand, wobei er sich in acht nimmt, die Blume nicht fallen zu lassen, und sie wandern in die vom Mond erleuchteten Wälder. Ein merkwürdiger Brauch herrscht unter den Tahaks von Borneo. Wenn einer um das Mädchen seines Herzens werben möchte, hilft er ihm ritterlich bei dem schwersten Teil ihrer schwierigen täglichen Arbeit. Wenn sie ihn anlächelt, wenn auch noch so hold, so antwortet er nicht gleich, sondern erwartet die nächste dunkle Nacht. Tann stiehlt er sich zu ihrem Hause und weckt sie, wenn sie schlafend neben ihren schlafenden Eltern liegt. Geben die Eltern ihre Zustimmung, so rühren sie sich nicht, sondern schlafen weiter, oder thun wenigstens so. Nimmt das Mädchen an. so K-ck-i es auf und nimmt den von dem Schatz gebrackH�. r- r Süßigkeiten an. Das besiegelt ihr Verlöb»-- � e£ fcheidet."wie er (me zu spreck-"...gesprochen zu werden. Wenn der ,0..»'.Liebe bekannt zu machen wünscht, wirft er einen Strauß blasser Pflaumenblütenknospen in ihre Sänfte, wenn sie sie besteigt, um zur Hochzeit einer Freundin getragen zu werden. Wirft sie die Blumen heraus, so ist der Bewerber verworfen; steckt sie sie aber in ihren Gürtel, so ist der Freier annehmbar für sie. In Spanien sieht der junge Mann verliebt aus, aber er spricht erst, wenn die Dame seines Herzens ihn angenommen hat. Das Mädchen spricht nicht, sondern beobachtet nur. Später gegen Abend, wenn es kühl geworden ist, pocht der Mann cm ihres Vaters Thür und bittet um eine Kürbisflasche voll Wasser, die er natürlich erhält. Jetzt kommt aber der kritische Moment. Wenn ihm nicht ein Stuhl innerhalb des Thorwegcs oder ein Sitz im Garten angeboten wird, so verbeugt er sich und geht, denn er ist abgewiesen; andrenfalls bleibt er als an- genommener Freier. Dann findet eine allgemeine Feier von der Familie der Braut zu Ehren der Verlobung statt.— Humoristisches. — Boshaft. Herr(zur Köchin):„Was macht denn eigentlich meine Frau?" K ö ch i u:„Sie ringt mit einem Goulasch!"— — Auch ei 11 G r u n d.„... Was? Sic sind Mitglied gc- worden voni„Bürger- Sängcrkranz"? Sind Sic denn so musi- kalisch?" „DaS weniger— aber wissen S' nach dem Singen kriegt ma' immer so an' schöna Turfchtl"— — Verfehlte Wirkung. Ter Herr Lehrer schildert in der Schule, um einen Eindruck auf das Gemüt der Kleinen hervor- zurufen, in anschaulicher Weise den Weltuntergang. „Stellt Euch vor," sagt er,„es ist die ganze Luft mit Brand- geruch erfüllt; der Sturm geht so stark, daß er die Bäume cnt- wurzelt, die Scheunenthorc aus den Angeln reißt und die Hausdächer abhebt! Es hat eine furchtbare Hitze. Dabei wird's finster und finsterer: der Donner rollt; Blitze zucken; Feuerschlünde in den Wolken öffnen sich und speie» Flammen auf die Erde—" Der Herr Lehrer hält inne und frägt, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten:„Nun, Taverl, was denkst Du Dir da?" Einen Augenblick stutzt der Kleine... Dmin sagt er mit ver- gnügtcm Schmunzeln:„Da denk' i' mir halt, daß bei so'm Sauivetter kei' Schul' is!"—(„Fliegende Blätter.) Notizen. — Eine Komödie von G i o r d a n o Bruno„II conckelsja" wird von der Lessing-Gesellschaft unter dem Titel„D i e B r ü d e r s ch a f t" als Matinee im Berliner Theater(am 29. März) zur Aufführung gebracht werden.— C a p u s' neuer Schwank„Die Schloßherri n" wird vom S ch a u s p i e l h a u s c Ende dieses Monats herausgebracht werden.— — Wenn der Vater mit dem Sohne... Ernst P o s s a r t wird an seinem nächsten RecitationSabend in München Paul Hcyscs„M a r i a von Magdala" vortragen.— Posiarts Sohn ist Thcatcr-Censor am Berliner Polizeipräsidium.... Drei Einakter(„Zu spät") von M. E. Delle Grazie fanden bei der Erstaufführung im Wiener Burg- t h e a t e r eine geteilte Aufnahme.— — v. Rezniceks drciaktigc Oper„Till Eulen- s p i e g e l" geht Ende April ersünalig im O p c r n h a u s e in Sccne. Grüning singt die Titelrolle.— Weingartners Trilogie„O r e st e s" wurde bei der Ausführung im Hamburger Stadttheatcr freundlich auf- genommen.— — Der Berliner Landschaftsmaler Paul F l i ck e l ist, 69 Jahre alt, in Nervi gestorben. Ein Bild Flickels„Buchenwald bei Prerow", das ihm 1888 die große goldene Medaille einbrachte, hängt in der Berliner N a t i o n a l g a l e r i e.— — E i n Preisausschreiben veranstaltet daS Bayerische G e w e r b e-- M u s e u m in Nürnberg„zur Erlangung von Entwürfen zu charakteristischen Holzspiel fachen, die geeignet ind, im Sinne der kunsterzieherischen Bestrebungen unsrer Tage anregend und fördernd auf den Geschmack und die Phantasie der Kinder einzuwirken". Zur Wahl gestellt sind: Möbel für eine Kinderstube, Schrank für Spielsachen, Puppenstube und Ausstattung, Kasperletheater, Burg, Kaufladen, Stadt zum Aufstellen, Arche Noah» Baukasten, Frachtwagen, Eisenbahn. Steckenpferd, Puppen, Hampel- männer usw. Auch frcigewählte Gegenstände werden berücksichtigt, Die 13 Preise sind zu 299, 199 und 89 M. angesetzt.— c. Hinausgeworfenes Geld. Die englische und aus« ländische Bibelgesellschaft hat bisher 189 999 999 Bibeln ausgegeben. Die Ausgaben dafür betrugen 299 999 999 M.— Vcrantwortticher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlan: Vorwärts Bucbdruckerei und Lerlaqsanstalt Paul Sinaer& Co.. Berlin SW