Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 58. Dienstag, den 24. März. 1908 (Nachdruck verboten.) 2oi Das Geld, Roman von Emile Zola. „Das Werkzeug, zu dem ich die Bank in erster Linie erheben niochte," fuhr Saccard fort,„das wäre eine gewaltige Maschinerie zur Durchführung der großen Eni- würfe Ihres Bruders: darin soll ihre wahre Aufgabe bestehen, daher der stetig wachsende Gewinn konimen, die nach und nach alles umfassende und beherrschende Macht. Eigentlich wird sie ins Leben gerufen, uin an finanziellen oder getverblichen Unternehmungen sich zu beteiligen, die wir im Ausland gründen und deren Aktien wir unterbringen werden, die uns somit ihr Dasein verdankeu und uns die Allgewalt sichern werden. Und sie wollen angesichts dieser blendenden, aussichtsreichen Zukunft noch lange fragen, ob es statthaft ist, zu einem Konsortium zusammenzutreten und den Mitgliedern desselben zum voraus eine bestimmte Prämie, einen so- genannten Gründcrgewinn einzuräumen, den mau übrigens auf das Gründungsconto nehmen kann? Und Sie ängstigen sich wegen der unausbleiblichen kleinen Unregel- mäßigkeiten, wegen der nicht gezeichneten Aktien, welche die Gesellschaft mit Recht unter dem Namen eines Strohmannes für sich behält? Kurz, Sie ziehen gegen das Spiel zu Felde, gegen das Spiel, welches die Seele, der Feuerherd, die Flamme dieser erträumten Riesenmaschine ist!... So vernehmen Sie denn, daß dies alles noch gar nichts ist, daß dieses armselige Kapitälchen von fünfundzwanzig Millionen nur ein Bündel Holz ist, das unter den Kessel gc- schleudert wird, um das erste Feuer zu unterhalten! Ich hoffe sicher, es zu verdoppeln, zu vervierfachen, zu verfüuf- fachen, je nach dem zunehmenden Umfang unsrer Operationen. Einen Hagel von Goldstücken, einen Hexentanz von Millionen müssen wir haben, wenn wir drüben, jenseits des Meeres, die angekündigten Wunder vollbringen wollen!... Ja, aller- diugs bürge ich nicht dafür, daß alles ohne Splitter und Scherben abgeht? man hebt ja nicht die Welt ans den Angeln ohne einigen Verübergehendcn auf die Füße zu treten." Frau Karoline sah ihn an, und in ihrer Liebe zum Leben, zu allem, was stark und thätig ist, kam ihr der Mann schließ- lich schön und verführerisch vor, wegen seiner heißen Begeisterung und seiner festen Zuversicht. Ohne seinen Theorien innerlich zuzustimmen, welche ihrem geraden Sinn und klaren Verstand widerstrebten, gab sie sich nunmehr besiegt. „Schon recht! nehmen wir an, ich sei nur ein Weib und scheue vor dem Kampf ums Dasein zurück... Nur versuchen Sie, nicht wahr, möglichst wenig Menschen zu zertreten, und zertreten Sie vor allem niemanden von meinen Lieben..." Durch seinen Anlauf von Beredsamkeit berauscht und über den soeben auseinandergesetzten großartigen Plan frohlockend, als sei die Arbeit bereits gethan, that Saccard jetzt sehr gutmütig. „Haben Sie ja keine Angst! ich spiele den Menschenfresser, aber nur zum Spaß... Jedermann wird sehr reich werden." Dann plauderten sie ruhig über die zu treffenden Vor- bereitungen, und es wurde vereinbart, daß schon am Tage nach der endgültigen Konstitiuernng Hamelin sich nach Mar- scille und von da nach dem Orient begeben sollte, um das Jnswerksetzen der großen Unternehmungen thunlichst zu be- schleunigen. Schon jetzt verbreiteten sich Gerüchte auf dem Pariser- Markt, eiu unbestimmtes Gerede fischte Saccards Namen aus dem trüben Grunde wieder herauf, wo er eine Zeitlang versenkt geblieben war; die zuerst geflüsterten, dann nach und nach lauter ausgesprochenen Neuigkeiten verkündeten den nahenden Erfolg so laut und vernehnilich, daß Saccards Vor- zimmer— wie einst im Park Monceaux— wiederum jeden Vormittag sich mit Bittstellern füllte. So sah er Mazaud von ungefähr heraufkommen, um ihm die Hand zu drücken und über die Tagesncuigkeitcn zu plaudern; er empfing dann andre Wechselmakler, den Juden Jacoby mit der donnergewaltigcn Stimme, und dessen Schwager Delaroquc, einen dicken Rotkopf, der seine Frau sehr unglücklich machte. Die Eoulissiers kamen auch heran, vertreten durch den äußerst rührigen blonden Nathansohn, den das Glück immer höher hinauftrug. Auch Massias, der sich in die harte Arbeit eines vom Pech verfolgten Kommissionärs gefügt hatte, erschien bereits Tag für Tag, obwohl noch keine Orders zu empfangen waren. Es war eine steigende Menschenflut. Eines Morgens fand Saccard schon um neun Uhr das Vorzinmicr angefüllt. Da er noch kein weiteres Dienst- personal angestellt hatte, tvurde er von seinem Diener sehr mangelhaft unterstützt; meistens gab er sich selbst die Mühe, die Leute hereinzuführen. Als er die Thür seines Arbeitszimmers öffnete, begehrte Jantrou Einlaß; er hatte aber bereits Sabatani bemerkt, auf den er seit zwei Tagen fahndete. „Sie verzeihen lieber Freund," sagte er und winkte dem ehemaligen Professor ab, uni zuerst den Lcvantiner zu empfangen. Mit seinem beunruhigenden, einschmeichelnden Lächeln und seiner schlangenähnlichen Geschmeidigkeit ließ Sabatani zuerst Saccard ausreden, der in ganz unverhohlener Weise mit seinem Vorschlag herausrückte, da er seinen Mann wohl kannte. „Mein Bester, ich bedarf Ihrer.... Wir brauchen einen Strohmann. Ich werde Ihnen ein Conto eröffnen und Sie als Käufer einer Anzahl unsrer Titres eintragen, die Sie bloß durch fingierte Einträge bezahlen sollen.... Sie sehen, ich gehe gerade auf das Ziel los und behandle Sie als Freund." Der junge Mann schaute ihn mit seinen schönen Sammet- augen an, die im länglichen, gebräunten Gesicht sich so sanft ausnahmen. „Das Gesetz, lieber Meister, verlangt ausdrücklich die bare Einzahlung... O, nicht meinetwegen wollte ich dies- bemerkt haben. Sie behandeln mich als Freund, und ich bin sehr stolz darauf... Ich thue alles, was Sie wollen." Hierauf sprach Saccard, um dem Levantiner angenehm zu sein, von der Achtung, die er bei Mazaud genoß, welcher schließlich seine Orders ohne Deckung annahm. Dann zog er ihn mit Gcrmaine Eocur auf, bei welcher er ihn tags zuvor gesehen hatte, und machte eine derbe Anspielung. Sabatani stellte das, auf was Saccard anspielte, nicht in Abrede und mußte über das heikle Thema ein zweideutiges Lachen anschlagen: Ja wohl I es mar ganz spaßhaft, wie die Dämchen ihm nachstellten. „Beiläufig gesagt," begann Saccard wieder,„werden wir auch Unterschriften nötig haben, um einzelne Operationen zu verdecken, zum Beispiel die Uebcrtragung einzelner Posten. Darf ich die zu unterschreibenden Aktenstücke Ihnen zu- schicken?" „Natürlich, lieber Meister, alles, was Sie wollen." Er deutete nicht einmal die Honorarftage an. weil er wohl wußte, daß für derartige Dienste kein Preis feststeht. Als der andre beifiigte, mau werde ihm einen Franken für jede Unterschrift vergüten, um ihn für den Zeitaufwand zu entschädigen, nickte er zustimmend und fuhr mit feinem Lächeln fort: „Hoffentlich, lieber Meister, werden Sie mir auch Ihre Ratschläge zutommen lassen. Sie werden demnächst so günstig gestellt sein, daß ich hie und da mir Erkundigungen holen werde." „Gang recht," schloß Saccard, der ihn verstanden hatte. � „Auf Wiedersehen, und schonen Sic sich, geben Sie der Wißbegier der Frauenzimmer nicht allzusehr nach." Und abermals auflachend, entließ er den jungen Mann durch eine Seitenthüre, welche ihm gestattete, die Leute fort- zuschicken, ohne sie nochmals durch das Wartezimmer zu führen. Hierauf öffnete Saccard die andre Thäre wieder und rief Jantrou herein. Mit einem Blick sah er, daß dieser heruntergekommen und mittellos war; er trug einen Rock, dessen Aermel im Warten auf eine Stellung an den Wirtshaustischen sich ab-. gerieben hatten. Obwohl die Börse ihm immer noch eine Stiefmutter war, sah Jantrou mit seinem fächerförmigen Bart immer noch stattlich aus, dieser litterarisch gebildete Cyniker. der von Zeit zu Zeit eine blühende klassische Phrase von sich gab. «Ich hätte nächster Tage an Sie geschrieben," begann Gaccard,„wir stellen das Verzeichnis unsres Personals zu- sammen, und Sie stehen bei den ersten auf der Liste. Wahr- scheinlich werde ich Sie dem Emissionsbureau zuteilen." Jantrou machte eine abweherende Handbewegung.„Sehr liebenswürdig, ich danke Ihnen... Aber ich habe Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen." Er ließ sich nicht sofort auf Einzelheiten ein und begann mit allgemeinen Redensarten. Er fragte, wie groß bei der Lanzierung der Banque Universelle der� Anteil der Presse sein sollte. Bei den ersten Worten fing gaccard Feuer und er- widerte, er sei für möglichst ausgedehnte Reklame und wolle alles verfügbare Geld hineinstecken. Keine Tronrpcte sei zu verachten, nicht einnial die Zweisoustrompetchen, denn sein Grundsah sei der, daß jeder Lärm eben als Lärni zu brauchen ist. Sein Traum gehe dahin, alle Zeitungen auf seiner Seite zu haben; doch würde dies zu teuer kommen. „Ei! Sollten Sie etwa den Gedanken hegeu�, unsren Reklamedienst in die Hand zu nehmen? Das wäre vielleicht nicht dumm. Wir wollen darüber reden." „Ja, später, wenn Sie wollen... Aber was würden Sie zu einem Blatte sagen, das Ihnen, ausschließlich Ihnen angehören und an dessen Spihe ich treten würde? Jeden Morgen wäre der Raum einer Seite für Sie reserviert: eigne Aufsähe würden Ihr Lob singen, einfache Notizen die Auf- merksamkeit auf Sie lenken, Anspielungen wären in einzelnen dem Finanzwesen ganz fernliegenden Studien enthalten,— kurz, ein geregelter Feldzug bei jedem geringen und großen Anlaß, ein unablässiges Loblied, das über der Hekatombe der zu Boden liegenden Konkurrenten ertönen würde? Könnte das Sie reizen?" „Allerdings, wenn es nicht unerschwinglich ist." „Nein, der Preis wäre ein vernünftiger." Schließlich nannte Jantrou die fragliche Zeitung, die .„Espsrance", ein vor zwei Jahren durch eine kleine Gruppe katholischer Persönlichkeiten, durch die heftigsten Partei- angehörigen gegründetes Blättchen, welches das Kaiserreich grimmig befehdete. Der finanznelle Erfolg war ganz und gar Null, und jede Woche ging einmal das Gerücht vom Ein- gehen des Blattes um. Saccard wandte heftig ein: „O! es hat nicht einmal eine Auflage von LOW!" „Unsre Sache wird es sein,, eine größere Auflage zu er- zielen!" „Ferner ist die Sache auch unmöglich, weil das Blatt meinen Bruder in den Kot zieht; ich kann doch nicht von vornherein mit meinem Bruder mich überwerfen." Jantrou zuckte leicht die Achseln: „Man darf sich mit niemand überwerfen... Sie wissen so gut wie ich, daß, wenn ein Bankhaus eine Zeitung besitzt, es gleichgültig sein kann, ob dieselbe die Regierung unterstützt oder augreift. Ist das Blatt regierungsfreundlich, dann wird das Haus gewiß allen Konsortien angehören, die vom Finanz- rninister ausgehen, um den Erfolg der Staats- und Gemeinde- Anleihen zu sichern; gehört es zur Opposition, dann hat der gleiche Minister allerlei Rücksichten für die vom betreffenden Blatte vertretene Bank, und sein Wunsch, dasselbe zu ent- waffnen und für sich zu gewinnen, äußert sich häufig durch noch größere Vergünstigungen... Sie brauchen sich also um die Farbe der„Esp6rance" nicht zu künimern. Erwerben Sie sich eine Zeitung, das ist eine Macht!" Einen Augenblick schwieg Saccard. Mit seinem scharf durchdringenden Verstand, der mit einem Schlage den Ge- danken eines andren sich aneignete, durch und durch prüfte und seineu Bedürfnissen so eng anpaßte, daß er völlig zu seinem eignen ward, entwickelte er rasch einen vollständigen Plan. Er kaufte sich die„Espärance", machte den herben Polemiken derselben ein Ende, und legte das Blatt seinem Bruder zu Füßen, der ihni notgedrungen dafür dankbar sein müßte; er bewahrte aber dem Blatt den strengkatholischen Charakter und behielt denselben wie eine stete Drohung im Hintergrund, wie eine allzeit kriegsgerüstete Maschine, die den gewaltigen Feldzug im Namen der Religion wieder auf- zunehmen bereit ist. War man nicht liebenswürdig mit ihm, dann spielte er den großen Trumpf Rom und Jerusalem aus. Das wäre zu allerletzt ein hübscher Schlag! „Bekämen wir freie Hand?" fragte er rasch. „Völlig freie Hand. Die Leute haben das Ding satt, das Blatt ist einem geldbedürftigen Menschen in die Hände gefallen, der uns dasselbe für 10(10(1 Frank ausliefern wird. Tann machen wir daraus, was uns beliebt." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbot««.) OieZolnbofenerl�itkograpkieftein- Vrücbe." Um 1796 war es, als der aus Prag gebürtige Alois Senefelder in München zuerst den vertieften, dann den erböhten Steindruck er- fand. Er hatte sich hierbei des Solnhofener Steines bedient, mit welchem allerdings ein bayrischer Hofgeistlicher Namens Simon Schmidt schon 1783 Versuche gemacht haben soll. Die Steindruck- oder Steinzeichenkunst ist eine der drei Hauptgattungen der graphischen Kunst. Sie erscheint ohne dies Material kaum denkbar. Daher wird eine Betrachtung des sogenannten Lithographiesteines nebst dessen Struktur, Gewinnung, Herstellung und Verwendung so interessant wie lehrreich sein. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, auch andre Gestcinsarten den Lithographiezwecken dienstbar zu machen. So ge- lang es Franz Sandtncr, zum Beispiel auf Marmorplatten, die er 1867 in der Pariser Weltausstellung vorlegte, Gravur und Umdruck zu machen und auch gute Druckresultate damit zu erzielen. Allein der allgemeinen Einführung des Marmors stand seine zu große Dichte wie sein krystallinisches Gefüge im Wege. Es ist also beim„dichten. Kalkstein" verblieben. Dieser besteht aus Kalk-, Thon- und Kiesel- erde, mit Kohlensäure verbunden. Vorherrschend ist die Kalkerde. Von Kieselerde ist nur ein ganz kleiner Bruchteil enthalten. Man kann ihn dabcr auch als mergeligen Kalk bezeichnen. Vor Kreide oder kohlensaurem Kalk, die zu viel Wasser einsaugen würden, be- sitzt der dichte Kalkstein außerdem die Fähigkeit, auch den Druck der Presse auszuhalten. Das Juragebirge ist seine eigentliche Heimat. Die bedeutendsten Fundorte weisen aber die Dörfer Mörnsheim und Solnhofen in Mittelfranken auf. Es lohnt sich schon für den Reisenden, der auf der bayrischen Bahnstrecke Treuchtlingcn— Ingolstadt, bei Solnhofen vorüberfährt, hier Halt zu machen und die Brüche in Augenschein zu nehmen. Sie liegen im„fränkischen Jura". Das ist das von der Donau bis zum Main und westlich von der sogenannten Altnrühlfurche bis zum Einfluß der Altmühl bei Kehlheim in die Donau sich hinziehende flachtafeligc Gelände, welches kaum 266 Meter über der Donau aufsteigt und beim Zusammenkommen beider Flüsse an deren Ufern aus Plattenkalken und Dolomiten der Juraforniation bestehende Seiternvände bildet. Verfolgt man nun die Straße von Ingolstadt nach Eichstätt, so gelangt man sanft ansteigend über jene jungen diluvialen und jungtertiären Bildungen, über Thone und Sützwasserkalke, kommt dann auf die Dolomite und endlich auf die Plattenkalke bei Solnhofen. Wie der süddeutsche Jura überhaupt, so stellt gerade dieses Terrain nach den Untersuchungen deutscher Forscher eine der bedeutendsten Fundstätten für Fossilrestc dar, Funde, die für unsre Kenntnisse von der Lebewelt der Vergangenheit vow großer Wichtigkeit sind. Die Ortschaften Mörnheim und Solnhofen an der Altmühl sind es nun, bei welchen die Lithographiesteine in zahlreichen Brüchen ab- gebaut werden. Doch ist dies nicht gar so lange her. Denn wenn auch zufolge Senefeldcrs Bemühen die Anerkennung des Solnhofener Steines als brauchbarsten für lithographische Zwecke sich Bahn ver- schafft hatte und die Gewinnung im einzelnen betrieben worden war. so beginnt der eigentliche rationelle Abbau in seiner Hauptsache doch erst um die Mitte der fünfziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts. So wurde beispielsweise in Mörnsheim die erste Verteilung der Brüche 1865 vorgenommen. Denn um es gleich vorweg zu sagen: die meisten Brüche sind Gemcindegnt. Zur Zeit haben in der Ge- meinde Solnhofen 62 und in Mörnsheim 67 Gemeinderechtlcr daran Anteil. Die Verteilung geschieht durch Verlosung, und zwar ist in Solnhofen die letzte Verteilung in den siebziger Jahren vorgenommen worden. Dieselbe reicht noch viele Jahre aus. Daneben besteht eine bereits ausgeloste Verteilung in Reserve, die eben erst später in An- griff kommt. In Mörnsheim wird ein Teil der Bruchvcrgcbung von 1856 im Jahre 1965 beendet sein. Dafür steht jedoch schon eine neue Verteilung aus den siebziger Jahren in Reserve. Eine aber- malige Verteilung an die Rechtler hat 1831 stattgefunden. Dieselbe steht seither in Betrieb, dauert auch noch an und wird jetzt von den Losinhabcrn in Form einer Aktiengesellschaft selbst bearbeitet. Die Reste der Verteilung von 1355 werden meistens von dritten aus- gebeutet. Der Betrieb erfolgt nämlich, wenn nicht vom Rechtler selbst, so von einem Käufer des Loses bis in eine getvisse Tiefe und in gewisser Länge. Dann erst kann der abermalige Verkauf anleinen Driten stattfinden. Gewinn hat die Gemeinde vom verteilten Stein- bruchsgebiet nicht. Ter Losinhaber behält die ganze Ausbeute als sein Eigentum. Grund und Boden verbleiben der Gemeinde; und nur der übliche BodenzinS wie für ein gewöhnliches Grundstück wird an sie entrichtet. Indessen gehört nicht aller Grnud der Gemeinde. Einige der drößten Brüche und speciell die wichtigsten für blaugraue Steine sind in Privatbesitz. Diese Gestcinsart ist noch einmal so teuer, als der gelbe Stein. Uebrigens sind von ersterer nur zwei Brüche von Belang vorhanden. Außerdem befinden sich viele kleinere Brüche gelber Steine in Privateigentum. Die Anzahl der Stein- brüche— sie wurden schon 1363 auf 166 berechnet— läßt sich eigentlich nicht genau feststellen. Bald wird da, bald dort angefangen. Oft sind an einem einzigen Bruchteil drei Stellen in Ausbeute, eine tiefe vielleicht verpachtet, eine etwas höher gelegene daneben des- gleichen ustv. Sämtliche Brüche zerstreuen sich auf mehrere Stunden im Umkreise. Ihr Flächeninhalt ist, da er sich durch Neuabräumen oder Wiedereinfallen der nicht brauchbaren Bruchfelder stets verändert. unberechenbar. Der Egoismus spielt bei der Ausbeutung eine große Rolle. Es kommt nicht selten vor. daß die Losinhaber lieber auf den weiteren Gewinn verzichten, mn ihren Nachbar am tieferen Ein- dringen und somit an voller Ausbeutung der Brüche zu verhindern, selbst auf die Gefahr hin. daß ihre eignen Löcher einstürzen und so auf lange Zeit außer Betrieb geseht sind. Das Steinmaterial liegt in angeschwemmten Schichten in Stärke von 2 bis 10 Centimeter aufeinander und erreicht in den tiefsten Lagen die Dicke von 25 Centimeter. Wenn der sogenannte„Abraum" beseitigt ist, können die Platten mit einer Haue, nachdem sie etwas„geprellt" sind, nach dem Abgange oder einer schlechten Ader, welche von selbst bricht, weg- gezogen werden. Aus dem hellen Klang des Steines erkennt man sofort, das; er sich nicht mehr teilt, d. h. daß er keine schadhafte» Stellen mehr hat und nicht weiter mehr zerbricht. Denn wenn auch das Gestein kompakt, von gleichmäßiger Struktur und ohne Poren ist, so weist es in einzelnen Schichten und„Fliczen" doch Fremd- körper wie! Kiesel, kleine oxydierte Einsprengungen—„Peffcr"— und Ileincn Maden ähnelnde Kalkeinsprengungen—„Füße"— auf. Stücke mit solchen Fehlern, besonders wenn sie„Pfeffer" und„Füße" oder unbrauchbare Adern haben, werden zu Pflastersteinen zugehauen. Die in den Steinen vorkommenden Spatadern können, wenn sie nicht zu stark sind, ini Lithographiestein belassen werden. Sie rühren davon her, daß sich die kleinen Sprünge im Gestein erst später mit Kalkspat gefüllt haben. Nachdem die gehobenen Steine auf sonstige Fehler genau untersucht und provisorisch mit Kohle gezeichnet worden sind, werden sie in die Werkstätten zum Schleifen befördert. Hier in den Hütten, deren Zahl sich nicht genau bestimmen läßt, weil viele nur provisorisch errichtet und wieder weggerissen werden, dauert die Arbeit das ganze Jahr hindurch. Dagegen wird in den Brüchen nur im Sommer gearbeitet, weil der Stein bei ganz geringer Kälte, zumal wenn er noch die Bruchfcuchtigkcit in sich hat, leicht erfriert; was aber nicht geschieht, sobald er völlig ausgetrocknet ist. Ge- wohnlich werden die Steine mit der Hand geschliffen, und zwar so, daß ein größerer unten und ein kleinerer obenauf liegt. Dazwischen kommt Sand und Wasser. Nur zwei Geschäfte, spcciell der Soln- hofener Akticnvcrein, haben Schleifmaschinen mit Dampfbetrieb und Sägegatter mit Diamanten, wo die dicken Steine geschnitten und in zlvei bis drei Plaiten zerlegt werden. Die Schleiftnaschinen sind viereckige große Tische, auf welche von. kleineren Steinen circa 20 Stück gerade eingelegt werden. Darüber belvcgt sich dann eine sechs Centner schwere Gußeisen- sckeibe im Kreise, wendet sich aber selbst diagonal, so daß alle auf dem Tische rechtwinkelig eingelegten Steine genau getroffen werden und unter Zugabe von Sand und Wasser nach lvcnigen Stunden fertig sind. Für einzelne Steine von mittlerer Größe finden auch noch andre Maschinen Anwendung; bei ihnen läßt sich nämlich die Schleif- scheide vom Schleifer durch einen abknickbarcn Arm auf jede Stelle des Steines hindirigieren. In den Solnhofener und Mörnshcimer Werken mögen ca. 2000 fast ausschließlich einheimische Arbeiter aus einem Umkreis bis zu drei Stunden jahraus jahrein thätig sein. Davon entfällt etwa ein Drittel auf die Brüche selbst. Die Steinbrecher arbeiten im Tage- lohn und nach Feierabend im Accord bei 20 bis 21 M. wöchentlich. Die Schleifer mit der Hand arbeiten im Accord, diejenigen mit Maschinen im Tagclohn bei einem Wochcnverdienst von 10 bis 18 M. Das vollständige Fertigmachen von Lithographiesteinen geschieht eben- falls nach Feierabend im Accord. Der Wochenlohn der sonstigen Tage- löhner beträgt 12 bis 15 M. Frauen und Mädchen, welche vor- zugswcise den letzten Schliff der Steine mittels feinem Donausand, Eandsteintrümmern und Bimssteinen bewerkstelligen, verdienen wöchentlich 8 bis 11 M. Nach Beendigung der gröberen Schlcifarbeit werden die Steine. je nach ihrer nun erst erkennbaren Qualität, in Kategorien eingeteilt und dann von besonders geübten Leuten mit feinen und gröberen Meißeln und Hämmern faeoniert und endlich mit dem sogenannten Stock- oder Kerbhammer an ihren Seitenflächen handlich gemacht. Das Schleifen mit hartem und das„Ausziehen" mit künstlichem Bimsstein komnit zuletzt. Nun erst werden die Steine zum Trocknen entweder an die Sonne oder in einen mit Dampf erhitzten Trocken- räum gebracht und alsdann in drei Gruppen geteilt. Gruppe I um- faßt die graublauen, kostbarsten Steine. Sie sind, abgesehen von kleinen Kalkflcckcn oder kleinen Adern, nahezu fehlerfrei. Mit der Nummer II werden die hellgrauen Steine bezeichnet. Sie unter- scheiden sich von jenen ersteren allenfalls nur durch ihre geringere Härte wie hellere Farbe. Beide Gruppen werden vorzugsweise zu Gravurarbeiten und besseren Umdrucken sowie auch zu Uebertragungen vermittelst des direkten Kopierverfahrens verwendet. Die III. Gruppe machen jene gelblichen oder grauen Steine aus, die niit starken, schwarzen, roten und Weißen„Glasadern", starken Kalkslcckcn und -Einsprengungen, Kieseln. Quarz- und schwarzen Kalkslecken durch- setzt sind. Diese Steine sind außerdem bedeutend weicher, als die vorigen und finden daher nur zu gewöhnlichen Umdrucken, Auto- graphicn usw. Verwendung. Die Größe der Platten geht von 5 zu 0, bis 44 zu 64 englischen oder Pariser Zoll. Nach diesen von jeher eingeführten und in allen Ländern bekannten Maßen wird gemeinhin gearbeitet, nach Centimetermaßen nur ab und zu in gewissen Formaten für danach gebaute Pressen. Das Verpacken und Verladen der Steine erfordert nur wenige, dafür aber geschulte Arbeiter. Die Steine werden von den Wcrkhüttcn weg durch Lastwagen zur Bahn befördert; denn der Bau einer besonderen Geleisstrecke hat sich un- geachtet aller Projekte bisher als zu umständlich und schwierig er- wiesen. Es mögen jährlich 1000— 1200 Waggons Lithographiesteine und, wenn das Geschäft in Pflastersteinen gut geht, auch noch einige Hundert Waggons von diesen in alle Welt gehen. Einen großen Faktor bildet Amerika mit seinen doppelt, d. h. auf beiden Seiten geschliffenen Steinen, die natürlich ziveifach so teuer sind txcrncr kommt Australien in Betracht. In Europa stehen Frankreich. Spanien. England, Rußland und Deutschland, hier hauptsächlich Norddeutschland, an erster Stelle. Nun findet zwar seit einigen Jahren das Aluminium beim Druckverfahren große Verwendung. .ier Vorteil dieses bequem handlichen Metalls gegenüber dem leicht der Beschädigung und dem Zerspringen ausgesetzten Lithographicstein ist za auch unschwer einzusehen, und so wird deni Aluminium als Druckplatte die Zukunft gehönn. Bis jetzt hat es aber den Stein»och nichHm mindesten zu verdrängen vermocht. Ganz im Gegenteil sind die Solnhofener Steine seit einigen Jahre» im Preise gestiegen, weil ja auch auf die Gewinnung große Spesen entfallen. � Denn das meiste im Bruch, so besonders die zwischen den Kernsteinen lagernden „Faulen", ist unbrauchbar und muß mit Pferden aus der Tiefe ab- gefahren werde». Bahnen kann man nur hier und da anwenden; Drahtseilbahnen giebt es nur eine. Sonach ist der jährliche Gesamt- erlös aus den Solnhofener Werken mindestens ebenso bedeutend als zuvor und beziffert sich— genaues kann nicht festgestellt werden. weil es an Einblick in den Gang der einzcgncn Geschäfte sclckt—, immerhin auf einige Millionen Mark.— Ernst K r c o w s k i. Kleines feullleton. k. Mohq»»»cdl»iische Fanatiker, lieber die Selbstverstiimme- lungen, die in Persien am Moharranrfeste geübt werden und die die Regierung dulden muß, wenn sie nicht eine Empörung hervorrufen will, schreibt John C. Uhrlaub im„New Aork Herald": Zur Er- innerung an den Tod des Muhammed Hussein, des Neffen des Propheten, der von seinen Feinden ermordet wurde, haben seine Anhänger schreckliche Riten bei dem jährlich wiederkehrenden Moharramfcst. Die Ceremonicn dauern zehn Tage. Die ersten neun Tage wird gefastet und getrauert, man schert sich dao Haupt, geht in Sack und Asche, und überall hört man Weinen und Wehklagen. Am zehnten Tage beginnen die feierlichen Ceremonien der Selbst- Verstümmelung, eine Art Blntopfcr. Bei Sonnenaufgang bilden sich Pro- zessioncn in den Hauptstädten Persiens. Jn TabriS gelang es Mr. Uhrlaub, als Mohammedaner verkleidet und mit genauen Vcrhaltungs- nmßregeln von seinen Freunden versehen, zu den inneren Stadtteile» Zutritt zu erlangen. Das ganze Schauspiel ist eine Art Passionsspiel. Die Haupiprozession wird von einem Knaben geführt, der als der schönste, würdigste und heiligste der Sekte gewählt wird. Er trägt ein weißes Gewand und reitet auf einen: schönen Araberroß, das mit Purpur und Gold reich aufgezäumt ist. Das Pferd wird von ge treuen Verehrern geführt, ihm folgen Priester und andre Leiter des Festes; alle singen einen monotonen Gesang, der gleichförmig wie das Steigen und Falle» der Wellen dahinrauscht. In be- siinunten Zwischenräume» wird das Tranergenmnnel durch Schreien und Ausrufe unterbrochen, die Sänger rufen laut den Rainen des Propheten Hussein. Diese Ilmzüge dauern den ganzen Tag und bilden sich immer wieder, die größeren werden durch kleinere verstärkt, bis zuin Schluß des Abends die Ver- stümmelung beginnt. Wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt, bilden alle Prozessionen der Stadt eine imposante Masse von Gläubigen, und sie beginnen einen Umzug durch die Hauptstraßen mit dem bleichen, wie eine Bildsäule auf seinem Pferde reitenden jtnaben an der Spitze der Kavalkade. Dann bilden sie aus dem größten öffentlichen Platz drei Ringe, indem die Büßer sich an den Händen fassen. Im äußeren Kreise befinden sich Soldaten, die von der Regierung geschickt sind, um einen während der Hitze des Fanatismus möglichen Ausbruch zu verhindern. Die zweite Reihe besteht aus hervorragenden religiösen Persönlich- leiten, reichen und angesehenen Leuten. Den dritten, inneren Kreis bilden die Fanatiker, die sich dem wildesten religiösen Wahn- sinn hingeben. Es ist inzwischen Abend geworden, ehe alle Vorbereitungen vollendet sind. Um den Platz herum flammen Fackeln auf, die jedeö Gesicht erleuchten. Atemlos Ivartet jeder aus den Be- ginn des Pandänwniums. Plötzlich, wie bei einem Indianer- Kriegstanz, bricht der Führer in emen seltsamen Gesang aus, in den Priester und Gläubige einfallen. Die Büßer im äußeren Kreise sind in Schwarz gekleidet und mit eiserne» Peitschen und stählernen Schlingen bewaffnet, und während das Singen zunimmt, geißeln sie sich, ihre flehenden Schmerzensschreie rühren die Zuschauer tief. Die Schreckensscenc ist unbeschreiblich. Es ist wie ein Fest von Wahnsinnigen, die sich im Paroxisnnls des Todes winden. Die an den eisernen Peitschenstielen hängenden Ketten zcr- schneiden die Brust und den Körper, bis das Fleisch herunterhängt und Blut fließt. In dem inneren Ringe der Fanatiker sind die Schrecken am schlimmsten. Diese Männer, die Verbrechen begangen haben oder durch ihr Temperament sich zu solchen Schaustellungen eignen, gebrauchen lange Messer, mit denen sie sich aufschlitzen, sie zerschneiden ihre Köpfe, und jagen sich den Stahl in die Brust und in die Glieder, als ob diese Qual die höchste Freude wäre. Die fleckenlose weiße Kleidung der Büßer ist bald rot gefärbt, und das Schauspiel wird entsetzlich. In der Mtte dieser drei menschlichen Ringe flammt ein großes Freudenfeuer, um das Priester und hohe Beamte auf Piedcstalen stehen. An der einen Seite steht auf einem noch höheren Piedestal der Hohepriester. Alle nehmen an diesen seltsamen, schrecklichen Riten teil, und jeder spielt eine Rolle in dem 232— sorgfältig vorbereiteten Programm, dos seit Jahrhunderten geübt und bis zu dieser wahnsinnigen Vollendung gelangt ist. Der Änabe, der auf dem schönen Araber die Prozession anführte, ivar einer der ersten in der Mitte des Ringes, der mit der Geißelung begann. Tapser hieb er auf sein junges Fleisch ein und bedeckte sein Weißes Kleid mit Blut, aber bald wurde er ohnmächtig und von den Priestern beiseite geschafft.— Theater. Berliner Theater.„Timandra". Tranerspiel in 6 Akten von Adolf Wilbrandt.— Das Trauerspiel von Wilbrandt hat eine prächtige Figur, nur daß es eben keine Wilbrandtsche Figur ist. Er hat das Bild des Sokrates, Ivie es uns in der Ueberlieferung, in den„Erinnerungen" Xenophons, in den „Dialogen" Platos so unvergleichlich eindrucksvoll entgegentritt, getreulich nachgezeichnet. Und wäre Wilbrandt der Größten einer, er hätte, was als Geschichtliches gegeben ist, nicht überbieten können. Ihn reden lassen, wie er redete, ihn handeln lassen, wie er ge- handelt, das ist alles, was die Dichtkunst, wenn sie den Schatten dieses Schlicht-Erhabencn, Heiter-Tiefen heraufbeschwört, vermag. Hier erscheint es unmöglich, daß die Poesie, wie Aristoteles forderte,„philosophischer" sei als die unmittelbare Wirklichkeit der Geschichte, so wunderbar fügen alle Züge in der Individualität wie im Schicksal dieses„Weisesten der Menschen" zur Einheit sich zusammen. Eben darum aber, möchte man sagen, steht die Gestalt auch jenseits und über der Poesie, nicht nur jenseits der Wilbrandt- scheu, denn wo der Poet nach der Natur des Gegenstandes nur kopierend sich verhalten, nicht neue Werte über das Gegebene hinaus erschaffen kann, bedarf es seiner nicht. Daß es des Dichters, daß es der umformend schöpferischen Phantasie bei einem solchen Gegen- stände nicht bedarf, mag aber Wilbrandt gerade angezogen haben. Wo er kopiert, wo er uns den Weisen im Gespräch mit Schülern und Freunden zeigt, auf der Straße und beim Gastmahl, wo er ihn uns zeigt, wie er, als Feind der Götter angeklagt, furcht- los und stolz vor dem Gericht der Athener redet, wie er den Tod in den? Gefängnis erwartet, kurz, wo Wilbrandt die Geschichte für sich dichten läßt, da kann die Wirkung, wenigstens nie ganz, ver- sagen. So weit es irgend geht, verfolgt er diese sichere Fährte, ob- wohl nicht Sokrates, sondern, wenn der Titel einen Sinn hat, doch Timandra der Mittelpunkt des Stückes sein soll. Aber es ist, als fühle er, wie wenig er dem Selbstgeschaffenen trauen darf. Mit vollem Recht. Da wo er den Kreis der Personen, aus eigner Phantasie erweiternd, mehr als nur reproducieren will, sinkt das Drama, das nur vom fremden Feuer der Geschichte einen Widerglanz erhält, zu kalt klügelnder Theatralik herab. Die Charakterzeichnung bleibt hier durchaus im Konventionell- Allgemeinen stecken. Timandra ist die große Leidenschaftliche. Ver mählt mit einem älteren Bruder Platos, ist sie in glühender Liebe zu dem schönen Jüngling entbrannt, dem Freund und Lieblings schüler des Sokrates, von dem der Weise die Vollendung seines eignen Lebenswerkes erhofft. In Männcrtracht folgt sie dem Geliebten zu dem Gastmahl des Kriton, in die Gesellschaft des Sokrates. Von Aichtos, der sie als Gastfreund aufgenommen, entdeckt, stürzt sie hinweg und flüchtet in des Plato Haus. Sic hat um ihn die Ehe ge- brachen, sie ist schutzlos, sie hat ein Recht. Hilfe von ihm zu ver- langen. Und Plato liebt nicht weniger heiß als sie. Auf immer vereinigt, wollen sie das Glück in der Ferne suchen. Da im letzten Augenblicke läßt Wilbrandt Sokrates als Seelenretter erscheinen. Im Namen von„Gesetz und Sitte", im Namen all des Großen, das Plato vom Schicksal aufgetragen sei, heischt er von ihm, daß er das Weib verlasse; daß„Gesetz und Sitte" längst verletzt sind, daß ein Bruch in dieser Stunde einer feigen_ Flucht verzweifelt ähnlich sieht, all das kommt merkwürdigerweise weder Sokrates, noch auch dem jungen Schüler in den Sinn. Sonst wäre es um die Wirkung geschehen. Hier Pflicht, dort bloße Neigung, sagt der Meister, und der Jüngling— geht von hinnen. Timandra aber schwört dem Verdcrber ihrer Liebe Rache. Sie verspricht, sich dem Meletos hinzugeben, wenn er gegen Sottates vom Volksgericht den Todesspruch erwirkt. Man hört im vierten Akte, als das Urteil verkündet wird, einen jammernden Auf- schrei der Reuigen. Und dann erscheint sie vor dem Sterbenden im Kreise der Freunde. Sie bekennt, was sie gethan, und trinkt vom Gifttrank, der für Sokrates bereitet war. Frau S o r m a, deren Stimme freilich in den gewaltsamen Ausbrüchen der Leidenschaft nicht stand hielt, hatte ausgezeichnete Momente. Reizend war sie in der Liebessccne des ersten Aktes und beim Gastmahl als munterer Knabe. Ein tteferes Jntereffe ver- mochte aber auch in ihrer Darstellung die Rolle nicht zu erwecken. Harry Walden spielte recht ungleich den jungen Plato, über- raichend gut war Pittschau als SokrateS. Der Dichter wurde (bis 200 Volt) reduziert wird. Die Berührung war eine unipolare, da? heißt, sie ging durch die linke Hand und durch den Körper zur Erde» welche in diesem Falle den zweiten Pol bildete. Von der Hand und von den Füßen des Arbeiters gingen sofort lind während der fünf Minuten dauernder Berührung Flammen ans! zwei seiner Käme- raden befteiten den Mann von dem Kontakt, indem sie ihm mit einer Leiter, die in der Nähe stand, den Draht wegstießen. Der Verunglückte war bewußtlos und klagte, nachdem er aus einer zweistündigen Ohnmacht erwacht war, über Kopfschmerzen und Abgcschlagenhcit. Außerdem zeigte seine linke Hand, mit welcher er den Draht innklammert hatte, furchtbare Verbrennungen. Im Gegensatz zu dieser schweren und� in ihren Folgen noch un- berechenbaren Verletzung zeigten die Füße an der Sohlenhaut, in der Nähe der große Zehen, nur eine weißliche Verfärbung und Runzelung. In jeder Sttefelsohle war ein thalcrgroßes Stück durch den Strom herausgerissen. Der Patient kam in Spitalspflege und seine Behandlung dürfte noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Durch Elektrieität erzeugte Wunden heilen nämlich sehr schwer; auch haben sie die Eigentümlichkeit, sich zu vergrößern. Der Arbeiter, der sich in höchster Lebensgefahr befand, befindet sich der- zeit bis auf die schivere Verletzung der Hand recht wohl. Dieser Ausgang des Unfalles ist als ein außerordentlich glücklicher und seltener zu bezeichnen, denn ein Sttom von ööOV Volt ist für Menschen im allgemeinen tödlich. Der glückliche Ausgang in diesem Falle sei wohl dein Umstände zuzuschreiben, daß der Widerstand der massiven und überdies trockenen Stiefelsohlen auf viele Millioneir Ohms anzuschlagen ist, während der gewöhnliche Ladungswiderstand des menschlichen Körpers nur einige hundert Ohm bettägt. Wie hoch ein Strom von 5500 Volt, ivie er hier in Wirkung trat, zu bemessen ist, kann man dadurch klar machen,' wenn man ihn in Arbeit umrechnet. Er liefert ö0(K) Watts oder ca. 10 bis 12 Pferde- kräfte.— Hnmoristisches. — Auf jeden Fall. In der«Agrarischen Woche" nach der Versammlung im Cirkus Busch trifft ein freisinniger StechtSanwalt einen„Waschechten" bei Dressel. Kapaun und ein exquisites Weinchen — alles tadellos! „Und nun reden Sie noch von Ihrer Notlage, Herr Baron?" sagt der Rechtsanwalt und droht scherzend mit dem Finger. Da erhebt sich der Interpellierte entrüstet. „So? Und daß derweil zu Hause Frau und Kinder Hunger leiden— Mannche, Mannche, rechnen Sie das für nichts?"— — Deutsche in Paris. Tasse Bouillon trinken, wenn ich Französisch heißt."— „Wie gern möchte ich jetzt eine nur wüßte, wie Bouillon auf („Sinchlicissimus".) von den Freunden oft gerufen.— -ckt. Medizinisches. . Unterm 19. März wird der„Frankfurter Zeitung" aus Wien berichtet: In der heutigen Sitzung der Gesellschaft für innere Medizm demonstrierten Dr. Löwenbein und Dr. Jellinek einen Mann, der durcheinen Dreh ström von 5500 Volt J1. e,r' e|* worden ist. Der junge Arbeiter berührte mit seiner linken Hand den Draht, welcher diesen hochgespannten Sttom zu einem Transformator leitet, wo der Sttom auf eine niedrigere Spannung_ Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei und Verlagsansialt Paul Singer& Co., Berlin SW. Notizen. — Die Münchener„Medizinische Wochenschrift" feierte dieser Tage das Jubiläum ihres fünfzigjährigen Bestehens. Das Blatt ist gegeiiwärtig, mit 9000 Aboniienten, die loeitverbreitetste deutsche medizinische Zeitschrift.— —„Candida", Schauspiel in drei Allfzügen von B e r n- h a r d Shaw, ist zur Aufführung vom Kletiien Theater an- genommen worden.— — Paul L i n s e m a n n wird in diesem Sommer mit einem eignen Ensemble im Hamburger Carl Schultze-Theater Schauspiele und Lustspiele aufführen.— c. Das größte Musik-Konservatorium der Welt ist das in Boston. In den, Konscrvatoriuni lehren 80 Lehrer, darunter 18 Klavier. 2 Orgel. 14 Gesang, 4 Oper, Mimik, Tanz«nd Fechtkunst, 3 Sprachen(deutsch, französisch und italienisch), 5 Geige und Baß, 8 Blasinstruniente: die übrigen Lehrer sind Lehrer für Kompositton, Gesangschule, Litteratur, Rhetorik, Geschichte, künstlerische Darstellung, Ausbildung der Rede usw. Es giebt auch einen Kursus für musikalischen Journalismus, Musikkritik und Litteratur. Für ausgebildete Mufikkrittker zeigt sich in den amerikanischen Städten ein wachsendes Bedürfnis. Das Konservatorium hat denn auch 2000 Schüler. Der Durchschnittspreis der Kurse beträgt 1000 M. ährlich, abgesehen von den Privatstunden. Frauen werden in allen Klassen aufgenonimen; besonders sind viele in den Geigcnklassen, aber nian findet sie auch in den Klassen für Piston und Posaune.— — Eine Giovanni Sega ntini-Aus st ellung wird im April im Kunstsalon Keller u. Reiner veranstaltet. Die Aus- stelliing wird u. a. auch die Kartons zu dem großen Triptychon „Sein, Werden, Vergehen" bringen.— — Im Kunstgewerbe-Museum wird heute(7'/z Uhr abeiids) eine neue Abendausstellung„Die Kunst Chinas und Japans" eröffnet.— — Eine Sonderaus st ellung von deutschen Holz- schneidereien des neunzehnten Jahrhunderts hat das Hohenzollern- Kunstgewerbehaus(H. Hirschwald, Leipzigerstr. 13) eröffnet.—