Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 59._ Mittwoch, den 25. März. 1903 (Nachdruck verboten.) 21 Das Geld. Roman von Emile Zola. Noch eine Minute saun Saccard hin und her. ..Nun, abgemacht! Suchen Sie mit Ihrem Manne eine Zusammenkunft und bringen Sie mir ihn hierher. S i e sollen das Blatt leiten, und ich will zusehen, dajz ich unser Mnzes Reklamewesen in Ihren Händen vereinige. Ich will eine ganz aullergewöhitliche, eine ungeheure Reklame,— später, sobald wir die Mittel haben werden, die Maschine t iichtig zn heizen!" Er war mit diesen Worten aufgestanden, Jantrvu eben- falls. Tiefer verbarg seine Freude, jetzt Broterwerb gefunden zn haben, unter dein renomnustischen Lachen des herunter- gekommenen Bummlers, der des Pariser Straßenkotes über- drüssig ist. „Endlich werde ich also wieder in meinem Elemente sein, in meiner geliebten Litteratur!" „Nehmen Sie noch keine Mitarbeiter an," sagte Saccard, indem er ihn hinausbegleitete.„Halt! da ich eben daran denke, notieren Sie'mai einen Schützling von mir auf, Paul Jordan. Ten jungen Mann halte ich für ein bemerkenswertes Talent i aus ihm werden Sie einen vortrefflichen litterarischen Redakteur machen. Ich will ihm schreiben, daß er Sic aufsuchen soll." Jantrou ging zur Scitentluire hinaus, als ihm die glück- liche Anordnung dieses Doppelausganges auffiel. „Ei, das ist bequem!" sagte er mit seiner gewohnten Vertraulichkeit,„mau läßt die Leute verschwinden... Wenn dann schöne Damen kommen, zum Beispiel die, welche ich vorhin im Vorzimmer begrüßt habe, die Baronin San- dorss..." Saccard war die Anwesenheit der Baronin unbekannt. Er zuckte gleichgültig die Achseln: aber der andre lachte höhnisch und wollte an diese Gleichgültigkeit nicht glauben. Beide Männer tauschten einen kräftigen Händedruck aus. � Als Saccard allein war, trat er unwillkürlich vor den Spiegel und fuhr sich durch das Haar, worin noch kein weißes Fädchen sich zeigte. Trotzdem batte er nicht gelogen: die Weiber kiinimerten ihn nicht viel inehr, seitdem die Geschäfte ihn wieder ganz in Anspruch nahmen. Er ließ sich nur von der unfreiwilligen Galanterie hinreißen, die iu Frankreich so weit geht, daß ein Mann mit einer Frau nicht allein sein kann, ohne zu fürchten, für einen Thoren zu gelten, wenn er sie nicht zu erobern sucht. Sobald er die Baronin hereingebeten hatte, zeigte er sich überaus diensteifrig. „Gnädige Frau, darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen?" Noch nie war ihm die Baronin so eigentümlich ver- führerisch vorgekommen, mit ihren roten Lippen und den um- ränderten Lidern ihrer glühenden Augen, die unter buschigen Brauen tief versteckt waren. Was konnte sie von ihm wollen? Er blieb überrascht und fast enttäuscht, als sie ihm den Be- wcggrund ihres Besuches dargelegt hatte. „Mein Gott, verehrter Herr. Sie verzeihen, wenn ich Sie ohne Nutzen für Sie bemiihe; aber unter Leuten gleicher Ge- sellschäftskreise muß man sich gegenseitig derlei kleine Dienste leisten... Sie haben kürzlich einen Küchenchef gehabt, den mein Mann anzustellen bereit ist. Ich komme also einfach, um mich über den Mann zu erkündigen." Daraufhin ließ er sich ausfragen und antwortete mit größter Verbindlichkeit, ohne indessen die Augen von ihr zu lassen: denn er glaubte zu erraten, daß dies ein bloßer Vor- wand sei: ihr konnte der Küchenchef gleichgültig sein, sie kam offenbar aus einem andren Grunde. In der That machte die Baronin bald eine schlaue Schwenkung und kam endlich auf einen gemeinsamen Be- kannten zu sprechen, den Marquis de Bohain, ivelcher ihr von der Banque Universelle erzählt hatte. Es kostet so große Mühe, sein Geld anzulegen und sichere Werte zu finden! Schließlich begriff Saccard, daß sie gerne Aktien nehmen wollte, mit der dem Konsortium eingeräumten Prämie von zehn Prozent. Noch besser begriff er dann, daß sie nichts zahlen würde, wenn er ihr ein Eonto eröffnete. „Ich habe nämlich mein eignes Vermögen, mein Mann kümmert sich niemals darum. Dies verursacht mir viel Plackereien, macht mir aber auch etwas Vergniigen, das ge�e ich zu!... Nicht wahr, wenn man ficht, daß eine Frau sich mit Geldgeschäften abgiebt, und noch dazu eine junge Frau, so wundert man sich und ist versucht, sie darob zu tadeln...■ Mitunter bin ich in tödlicher Verlegenheit, da ich keine Freunde habe, die mir Rat erteilen wollen. Erst beim letzten Stichtag habe ich in Ermangelung eintzr richtigen Auskunft eine er- hebliche Summe verloren... O! bald werden Sie in so günstiger Lage sein, um alles zu wissen: wenn Sie nun liebeus- würdig genug wären, wenn Sie wollten..." Tie Spielerin schaute hinter der Maske der feinen Dame hervor, die gierige, leidenschaftliche Spielerin. Die Tochter des Hauses Ladricourt, deren Ahne einst Antiochia erobert hatte, diese Frau eines Diplomaten, vor welcher die Pariser Fremden- kolonie sehr tief den Hut zog, sie wurde durch ihre Spielwut als zweideutige Bittstellerin in das Haus aller Finauzmänner getrieben. Ihre Lippen glühten blutrot, ihre Augen flammten heißer aus, ihre Gier machte sich gewaltsam Luft, daß in ihr alles zusammenzuckte, wie in heißem Verlangen. „Es würde mir allerdings sehr angenehm sein, meine Gnädige, Ihnen meine Erfahrungen zu Füßen zu legen." Er hatte seinen Stuhl näher gerückt und ergriff ihre Hand. Sofort schien sie ernüchtert. O nein! so weit war's mit ihr noch nicht gekommen: es wäreünimer noch Zeit, die Mitteilung einer wichtigen Depesche um wesen Preis zu erkaufen. Für sie war schon das Ver- hältnis zum Generalstaatsanwalt Delcambre eine entsetzliche Plage, zu diesem hageren und gelblichen Mann, den sie infolge der Knickerei ihres Mannes erhören mußte.--Und ihre Gleich- giiltigkeit gegen das männliche Geschlecht, ihre heimliche Ver- achtung desselben hatte sich iu eben diesem Augenblick in Ge- slalt einer matten Blässe auf ihrem leidenschaftlich geröteten Antlitz gezeigt, das nur in Spielaufregung erglühte. Sie erhob sich. In ihr empörte sich das adelige Geschlecht und die Erziehung, so daß ihr wieder einmal das Geschäft verdorben war. „Sie sagten also, mein Herr, daß Sic mit dem Küchen» chef zufrieden waren?" Verwundert hatte sich Saccard gleichfalls erhoben. Was hatte sie denn gehofft? daß er sie ganz umsonst als Teilhaberin einschreiben und mit Nachrichten versehen würde? Alles in allem,— sagte er sich— man muß den Weibern mißtrauen. denn beim Handel beweisen sie eine zweifellose Unredlichkeit. Obwohl er diese Frau begehrte, drang er nicht weiter in sie und verbeugte sich mit einem Lächeln, welches be- deutete:„Wie Sie wünschen, gnädige Frau, sobald es Ihnen belieben wird," während er laut antwortete: „Sehr zufrieden, ich wiederhole es, nur eine Umgestaltung meines Haushalts konnte mich veranlassen, ihn abzudanken." Die Baronin Sandorff zögerte kaum eine Sekunde lang, — nicht als ob ihr jene Empörung ihres Ichs leid gethan hätte, aber sie fühlte ohne Zweifel, wie kindlich naiv es von ihr war, zu einem Saccard zu kommen, ohne zum voraus mit den äußersten Folgen zu rechnen. Dies erbitterte sie gegen sich selbst, denn sie bildete sich ein, eine kluge Frau zu sein. Schließlich erwiderte sie mit leichtem 5iopfnicken den achtungs- vollen Gruß, womit Saccard sie entließ. Er begleitete seinen Besuch bis zum Seitenthiirchen, als dieses von einer vertrauten Hand rasch geöffnet wurde. Es war Maxime, der an jenem Morgen bei seinem Vater speiste und als?lngehöriger durch den Gang hereinkam. Er trat beiseite und verneigte sich gleichfalls, um die Baronin hinaus- zulassen. Als sie draußen war, schlug er eine leichte Lache an. „So beginnt jetzt Dein Unternehmen? Sind das die Vorprämien, die Du einnimmst?" Trotz seiner noch großen Jugend besaß Maxime das Selbstbewußtsein eines erfahrenen Mannes, und war unfähig, in einem gewagten Vergnügen seine Kraft nutzlos zu ver- geuden. Ter Vater begriff seine höhnisch-überlegene Haltung. „Nein, keineswegs, ich habe gar nichrs eingenommen, aber nicht aus weiser Zurückhaltung: denn, lieber Kleiner, ich bin ebenso stolz darauf, immer noch zwanzig Jahre alt zu sein, als Tn darüber stolz zu sein scheinst, daß Du sechzig bist." Marimes Lachen wurde lauter, sein altes, leicht perlendes Dirnengelächter, dessen zweideutiges Girren trotz seiner an» genommenen tadellosen Zaltung eines gesetzten jungen Mannes, der seine Gesundheit nicht weiter zu verderben wünscht, geblieben war Er äußerte die größte Nachsicht, wenn nur an ihm nichts gefährdet war. „Du hast, meiner Seel, ganz recht, wenn Dich das nicht anstrengt... Ich, weißt Du, ich leide schon an Nheuinatismen." Er machte sich in einem Lehnstuhl breit und ergriff ein Zeitungsblatt. „Kümmere Dich nicht um mich, empfange die Leute weiter, wenn ich Dich nicht störe... Ich bin zu früh ge- komme», weil ich zu meinem Arzte mußte und ihn nicht antraf." In diesem Augenblick trat der Diener ein und meldete, die Gräfin Beauvilliers wünsche empfangen zu werden. Saccard geriet etwas in Verwunderung, obwohl er im«Heim der Arbeit" bereits seine vornehme Nachbarin getroffen hatte, wie er sie nannte. Er gab den Befehl, sie sofort hereinzuführen, rief dann den Tiener noch einmal herein und gebot ihm. alle Leute fort- zuschicken; er sei müde und sehr hungrig. Als die Gräfin eintrat, wurde sie Marimes gar nicht ge- wahr, da ihn die hohe Stuhllehne verbarg. Saccards Ver- wunderung stieg, als er bemerkte, daß die Gräfin ihre Tochter Alice mitgebracht hatte. Ties verlieh dem Besuch eine größere Feierlichkeit seitens dieser beiden so traurigen und so blassen Frauen: die Mutter hager, schneeweiß, von altfränkischem Aussehen, die Tochter schon ältlich und unschön mit ihrem allzu langen Hals. Mit aufgeregter Höflichkeit schob er ihnen Stühle entgegen, um seine Hochachtung nachdrücklicher zn zeigen. „Gnädige Frau, ich fühle mich außerordentlich ge- ehrt... Wenn ich das Glück haben könnte, Ihnen nützlich zu sein r-v"." � Mit großer Schüchternheit unter ihrer stolzen Haltung legte endlich die Gräfin den Beweggrund ihres Besuches dar. „Mein Herr, ich bin infolge einer Unterredung mit meiner Freundin, der Fürstin Orviedo, aus den Gedanken ge- kommen, Sie aufzusuchen... Ich gestehe, daß ich zuerst ge- schwankt habe; denn in meinem Alter ändert man seine An- sichten so leicht nicht, und ich habe immer vor den heutigen Tingen, die ich nicht verstehe, eine große Scheu empfunden. Schließlich habe ich mich mit meiner Tochter hierüber aus- gesprochen und halte es jetzt für meine Pflicht, über meine Bedenken hinwegzugehen, um das Glück der Meinigen zu sichern." Im weiteren Verlaufe ihrer Rede sagte sie, die Fürstin habe ihr von der Vanque Universelle erzählt, die allerdings in den Augen der Profanen bloß eine Kreditanstalt sei wie die andern auch, aber in den Augen der Eingelveihten eine un- widerlegliche Rechtfertigung in sich trage, einen so hohen und verdienstlichen Endzweck, daß auch das ängstlichste Gewissen verstummen müsse. Sie sprach zwar weder den Namen des Papstes, noch denjenigen Jerusalems aus,— so etwas sagte man nicht, das begeisternde Geheimnis flüsterte man bloß in gläubigen Kreisen,— aber aus jedem ihrer Worte, aus jeder ihrer Anspielungen und Andeutungen fühlte man einen Glauben, eine Hoffnung heraus, welche ihrem Vertrauen aus den glücklichen Erfolg der neuen Bank eine wahrhaft fromme Jnbmnst verlieh. Saccard selbst inußte sich über die verhaltene Erregung der Gräfin und das Beben ihrer Stimme wundern. Nur im lyrischen Ueberschwang seines Feuereifers hatte er bis jetzt Jerusalem erwähnt; eigentlich gab er auf diesen thörichten Plan nicht viel, da er etwas Lächerliches darin witterte; er war vielmehr geneigt, ihn aufzugeben und selbst darüber zu lachen, falls er mit Spottreden aufgenommen würde. Der rührende Besuch dieser gottesfürchtigen Frau, die auch noch ihre Tochter mitbrachte, die vielsagende Art. mit der sie zu verstehen gab, daß sie mit allen den Ihrigen, daß der gesamte französische Adel ihm blindlings trauen und folgen würde, dies machte einen lebhaften Eindruck auf ihn, gab dem bloßen Traum eine greifbare Gestalt und erweiterte sein Arbeitsfeld ins Ungemessene. Es war also wahr, hier lag ein Hebel, mit dessen Hilfe er demnächst die Welt aus den Angeln heben könnte. Mit seinem raschen Anpassungsvermögen überblickte er mit einem Male die neugeschaffene Lage und sprach ebenfalls in geheimnisvollen Worten von jenem in aller Skille er- strebten Endtriumph; seine Rede war von Inbrunst durch- glüht, über ihn war thatsächlich der Glaube gekommen, der Glaube an die Vortrefflichkeit des Aktionsmiltels, welches ihm die jetzige kritische Lage de» Papsttums in die Hände spielte. Ihm war ja die glückliche Gabe eigen, zu glauben, sobald das Gedeihen seiner Pläne es erheischte. „Kurz, mein Herr," fuhr jetzt die Gräfin fort,„ich bin zu einem Schritte entschlossen, der mir bisher widerstrebte... Ja wohl, nie war nur der Gedanke in den Kopf gekommen, Geld arbeiten zu lassen und verzinslich anzulegen: altväterische Lebensansichten. Bedenken, die nachgerade etwas einfältig werden, ich weiß es wohl; aber, was kann man wollen? Man handelt nicht leicht den Anschauungen zuwider, die man mit der Muttermilch eingesogen hat... So bildete ich mir ein, nur vom Grund und Boden, nur vom Großgrundbesitz dürften Leute unsres Standes leben... Leider ist es mit dem Groß- grundbesitz..." Tie Gräfin errötete leicht, denn jetzt gelangte sie zum Eingeständnis ihrer bisher so sorgsam verhehlten Verarmung. „Ist es nicht viel niehr mit den: Großgrundbesitz..." fuhr sie fort.„Wir zum Beispiel sind sehr hart mitgenommen worden. Ein einziges Pachtgut bleibt uns übrig." lim die Gräfin nicht in Verlegenheit zu bringen� fiel Saccard eifrig und feurig ihr in die Rede: „Aber, gnädige Frau, niemand lebt ja heutzutage vom Grundbesitz... Das sogenannte Domanialvermögen der alten Zeit ist eine abgelebte Form des Reichtums, die jetzt jede Daseinsberechtigung eingebüßt bat. Sie verursachte geradezu eine Stockung und Stauung des Geldes, dessen Wert wir seitdem dadurch verzehnfacht haben, daß,Jiir es teils in Gestalt von Papiergeld, teils in Gestalt"von allerhand Handels- und Finanzeffekten in den Kreislauf des Verkehrs geworfen haben. So wird die Welt neu gestaltet werden. Denn nichts war möglich ohne das Geld, das flüssige, strömende, überall eindringende Geld, weder die praktische Anwendung der moderneu Technik, noch der endgültige, all- gemeine Weltfriede... O, der Bodenbesitz! Er ist zu den alten Postkutschen gewandert. Mit einer Million Gnind- besitz verhungert man, man lebt mit dem vierten Teil dieses Kapitals, wenn es in guten Geschäften zu fünfzehn, zwanzig� ja dreißig Prozent steckt." Mit ihrer stolzen Traurigkeit nickte ihm die Gräfin leicht zu: „Ich verstehe Sie nicht recht; wie gesagt, ich gehöre noch einer Zeit an, zu welcher solche Dinge wie etwas Schlechtes und Verbotenes erschreckten... Aber ich stehe nicht allein, ich muß vor allem an meine Tochter denken. Im Verlaufe einiger Jahre ist es mir gelungen, etwas beiseite zu legen, o... ein geringes Sümmchen.. Sie errötete abermals. „Zwanzigtausend Frank, die bei mir zu Hause in einer Schublade schlummern. Später könnte ich vielleicht Ge- wissensbisse darüber empfinden, daß ich das Geld so unfnicht- bar habe liegen lassen; da ferner Ihr Unternehmen ja ein gutes Werk ist, wie meine Freundin mir anvertraut hat, da Sie auf dasjenige hinarbeiten wollen, was wir alle mit unsren heißesten Wünschen herbeisehnen, so wage ich mich vor... Kurz, ich werde Ihnen Dank wissen, wenn Sie mir einige Aktien Ihrer Bank reservieren wollen, für etwa zehn- bis zwölftausend Frank. Ich habe darauf Wert gelegt, daß meine Tochter mich hierher begleitete� denn ich verhehle Ihnen nicht, daß das Geld ihr gehört." (Fortsetzung folgt.) (Rachdruck verboten.) Seltsame Vogelnester. Die Lenztagc im Februar wurden jubelnd von unsrer beimischen Vogelwelt begrüßt. Ein Sänger weckte den andern, die Liebe war in ihren Herzen crivacht, und rüstig flogen die Frühbrüter zum Nest- bau. Alllährlich sehen wir die geflügelten Baumeister bei der Her- Stellung ihrer Brutstätten und stets mit neuer Bewunderung. Da giebt es die Flechtenden oder Korbmacher, wie der Storch und Eichelhäher. Als geübte Weber ergötzen uns der Pirol und Rohr- sänger, feine Filzmacher sind die Finken, die Uferschwalbe versteht zu minieren, der Specht ist ein rüstiger Zimmermann, die Sing- drossel kittet beim Nestbau und die Hausschwalbe mauert. Es giebt aber Abstufungen unter diesen luftigen Technikern vom Stümper bis zum vollendeten Meister, der sich nebenbei auch durch Originalität auszeichnet. Schon unsre heimische Vogelwelt bietet des Seltsamen viel, reicher wird aber die Ausbeute an solchen Originalwerkcn, wenn wir unter den Vögeln fremder Zonen Umschau halten. lieber Mitielafrika und Südasien bis nach Reu-Guinea sind die Nashornvögel verbreitet, so genannt, weil sie aus ihren großen. aber leichten Schnäbeln hornartige Auswüchse und Wülste tragen. Sie sind Höhlenbrüter wie unsre Spechte; wie diese erweitern sie die narürlichcn Baumlöchcr durch ihre kräftigen Schnäbel, bis ein ge- migend weiter Hohlraum im Innern des Stammes entstanden ist. Eigenartig ist aber die Behandlung des Einganges zu dem Neste. Die meisten Höhlenbrüter wählen möglichst enge Fluglöcher, immer aber bleiben diese so weit, dah die brütenden Vögel ein- und ausschlüpfen können. Ter Nashornvogel verfährt anders. Hat das Weibchen ein weitzes Ei gelegt, so wird das Flugloch von dem Männchen mit Lehm und Kot so weit zugemauert, datz nur eine kleine Oeffnung bleibt, durch die das Weibchen gerade den Schnabel herausstecken kann. In dieser freiwilligen Gefangenschaft verbleibt das letztere, bis das Junge völlig flügge geworden ist. Das dauert lange, zwei bis drei Monate, und während dieser Zeit mutz natürlich das Männchen für die Er- nährung der eingemauerten Familie sorgen. Es erfüllt diese Pflicht mit dem grötztcn Eifer und sieht zuletzt sehr mitgenommen aus, wenn Weibchen und Junges wohlbeleibt das Gefängnis verlassen. Wahr- scheinlich soll diese Einmcruerung dem brütenden Vogel Schutz vor Raubtieren gewähren. In Brafilien lebt ein brauner, bis neunzehn Centimeter langer Vogel, der wegen der Künste, die er beim Bau seines Nestes cnt- faltet, Töpfervogel oder auch Lehmhans genannt wird. Nach den ersten Regengiipen, die um die Zeit seiner Brut sich einzustellen pflegen, sammelt er Lehm und bereitet aus ihm runde Klumpen von der Grütze einer Flintcnkugel. Diese trägt er auf den Baum und breitet sie durch Treten mit den Fützen aus. So entsteht eine feste Unterlage, auf der, sobald sie trocken geworden ist, aus neuem Lehm ein Rand errichtet wird. Bogenförmig wird er emporgcführt, bis das Gewölbe sich oben schlietzt. Das Nest hat nun die Gestalt eines kleinen Backofens, der etwa fünfundzwanzig Centimeter lang ist und eine Breite von zwölf und eine Höhe von fünfzehn Centimeter auf- weist. Im fertigen Zustande wiegt das Nest neun bis zehn Pfund. Tie Brasilianer rühmen dem Vogel noch besondere Tugenden nach. Cr soll ein„christlicher" Vogel sein, an seinem Neste Sonntags nicht arbeiten und das Flugloch stets nach Osten hin anlegen. Beides ist Sage, wahr daran ist nur, datz der Vogel sehr rasch arbeitet und schneller als in einer Woche mit seinem Nestbau fertig wird. Viel feinere Arbeit liefert der olivcngrüne, zu den Sperlings- vögeln zählende Schncidervogel, der in Südasien vom Himalaya bis Ceylon und Java heimisch ist. Auf niedrigeren Bäumen oder auch auf grötzcrcn Staudengcwächsen sucht er sich zwei nahe aneinander- stehende Blätter aus, legt sie aufeinander, holt dann rohe Baumwolle, die er selbst zu Fäden dreht, und näht mit ihnen die Blätter an beiden Seiten zusammen. Die Naht geht von den Spitzen nach dem Stiele zu und erstreckt sich über die gröhere Hälfte der Blatträndcr. So entsteht eine schwebende Tüte, die der Vogel mit Wolle, Tierhaarcn und dergleichen ausfüttert. In diesem Neste brütet das Schneiderlein drei bis vier Eier aus. Meistern in der Wcbekunst begegnen wir in Afrika. Da steht ein Baum, dessen Zweige über einem Gewässer hängen. Bunte, sperlingsc�rtige Vögel umschwärmen ihn; es ist ein Hin- und Her- huschen, ein Ans- und Einfliegen wie an einem Bienenstock. Weber- Vögel haben hier ihre kunstvoll gewebten Nester an schaukelnden Zweigen gebaut; gesellige Vögel, haben sie sich auch beim Brutgeschäft zu einer Kolonie zusammengeschlossen, und an diesem Baume allein hängen nicht etwa Dutzende, sondern Hunderte der kleinen Nester. Weben an der schaukelnden Wiege ihrer Jungen geht diesen Vögeln über alles. Alte Nester werden nicht wieder benutzt, so gut sie auch noch erhalten sein mögen. Jede Brut mutz ein neues Heim erhalten, und manchmal reihen die unermüdlichen Kiinstler kaum fertiggestellte Nester ein, um von neuem mit dem Bau zu beginnen. Den Bäumen ergeht es dabei nicht gut. Namentlich die Oelpalmen leiden in West- afrika vielfach unter dem Wcbe-Eifer dieser Vogelschar. Die Fiedern dieses wichtigen Nutzbaumes enthalten feste, geschmeidige Fasern, die die Webervögel mit Vorliebe verwenden. Bon dem Blatte wird Streifchen für Streischen abgerissen, und Hunderte der kleinen Weber holen sich ihr Rohmaterial. So dauert es nicht lange, und der Baum ist arg zugerichtet, seine stolze Krone ist verschwunden, der Ge- plünderte steht traurig wie ein Reisbescn da. In den Beutelnestern, die an den dünnen Zweigen hängen, schaukelt aber vergnügt alt und jung von dem Webergeschlechte. Sicher sind hier die Vögel vor allem Raubzeug, denn kein Tier, nicht einmal das klettcrgewandte Aesfchen, das fo gern Nester plündert, kann sich hier halten und zum Neste ge- langen. Auch in der Familie dieser Künstler herrscht Verschiedenartig- keit im Schaffen. Die Vichweber, die nur zwanzig bis fünfund- zwanzig Centimeter grotz sind, bauen Riescnnester, die im Durchmesser einen Meter messen. Sie sind nach außen mit stachligen Dorn- zweigen bekleidet und bilden ein Rührmichnichtan für allerlei Raub- tierc. Mitunter bauen mehrere Vögel einen Nesthanfen zusammen, dann wird das Gebäude noch grötzcr, bis zu drei Meter lang und anderthalb Meter hoch und breit. Teutsch-Südwcstafrika ist die Heimat eines Verwandten unsres Spatzes, der sich durch einen hohen Geselligkeitstricb auszeichnet. Er hcitzt darum auch Gesellschaftsvogcl oder Siedelsperling. Wie die Webervögel, brütet auch er in Kolonien, rückt aber enger zusammen. Ein Vogel beginnt ein Nest zu bauen und errichtet darüber ein Schutzdach aus Stroh, dicht bei ihm führt ein zweiter Vogel einen ähnlichen Bau aus. Wand an Wand siedeln sich andre an, und so entsteht ein grotzes Gebilde, das oben wie ein einheitliches Schutz- dach aus Stroh aussieht, unten aber zahlreiche runde Fluglöcher auf- weist. Bis eintausend Vögel wohnen unter einem Dache; die alten Nester werden nicht wieder benutzt, sondern unter denselben für die kommenden Brüten neue angeheftet. So wächst die Kolonie, bis sie schlieglich zu schwer wird für ihren Träger. Eines Tages bricht krachend der überlastete Ast zusammen, und die geflügelte Schar stäubt auseinander, um einen andern Baum heimzusuchen Unsre Geflügelzüchter haben den Hennen vielfach das Brut- geschäft abgenommen. Die Eier werden in grötzeren Betrieben künst- lich in Brutöfen oder Brutmaschinen gezeitigt. Diese Kumt ist aber merkwürdigerweise nicht allein auf Menschen beschränkt, es giebt auch Vogel, die sozusagen, anstatt Nester zu bauen, lieber Brutöfen er- richten. In Australien und auf grötzeren Inseln Oceanicns sind der- schicdene Arten von Grotzfutzhühnern heimisch. Ihre Brutpflege ist höchst interesiant. Grotzfutzhühner, die in sehr warmen Strichen in der Nähe des Aequators wohnen, scharren mit ihren kräftigen Fützen an sonnigen Stellen grotze, mehrere Meter im Durchmesser haltende Hansen Sand zusammen. In diesen höhlen die Hennen einzelne, einhalb bis ein Meter tiefe Löcher und legen in jedes ein Ei, das sie lose mit Sand bedecken. Sie kümmern sich dann nicht weiter um ihre Nachkommenschaft. Die Sonnenwärme genügt, um die Eier auszubrüten, und die Küchlein scharren sich an die Oberfläche vor und helfen sich selbständig fort. Die Eingeborenen pflegen diese „Nester" auszunehmen, was aber nicht so leicht ist, denn es fällt schwer, in dem nachrinnendcn Sande das Ei zu finden, und autzcrdcm wird man bei der Arbeit durch Stechmücken arg belästigt. Viel sorgfältiger verfahren die Grotzfutzhühner' in kühleren Gegenden Australiens. Schon einige Monate vor der Legezeit scharren sie nach Mitteilungen von Professor Semon grotze Mengen pflanzlicher Stoffe, Humus, Gras, Blätter, Baumzweige, Pilze m-t ihren sehr kräftigen Fützen zu einem ungeheuren, meist flachen Hausen zusammen. Der Durchmesser dieser Haufen kann an der Basis drei bis vier Meter und darüber, ihre Höhe anderthalb bis zwei Meter betragen, so datz die Menge des zusammengescharrten Materials mehrere Wagenladungen ausmachen würde. Es ist frag- lich, ob nur ein Vogelpaar oder eine ganze Gesellschaft diese mächtigen Nestbauten herstellt. In dem angehäuften Material tritt allmählich Verwesung und Gärung ein, und es entwickelt sich dabei wie in unsren Dünger- oder Komposthaufen Wärme. Kommt nun die Lege- zeit, so scharren die Vögel in den Haufen Löcher von einem halben Meter Tiefe und legen in je ein Loch ein Ei, das sie wieder mit Laub zudecken. Die Gärungswärme genügt, um die Eier auszubrüten. Die Eltern überlassen aber dabei das Gelege nicht völlig sich selbst, sondern kommen täglich ein- oder mehrmals her, um die Eier zu lüften. Sie kontrollieren, ob diese an Stellen liegen, deren Tempe- ratur zu hoch gestiegen oder zu tief gesunken ist, und sie helfen den ausgeschlüpften Jungen aus der Tiefe des Brutofens heraus. C. F a l k e n h o r st. kleines feuiUeton. k. Bilder aus Marokko. Während das jetzt so viel genannte Marokko für die Europäer das„Thor des Orients" ist, der nächste Osten, ist es für den Mauren selbst das äutzerste Thüle, das Land der untergehenden Sonne, oder ivie es in einem arabischen Sprüch- wort heitzt:„Die Erde ist ein Pfau, dessen Schwanz Marokko ist". So erklärt sich auch der Titel eines soeben in London erschienenen Buches:„In rtrs Mal c>k tbs Peacook" von Isabel Savory. DaS Buch ist die Frucht eines längeren Aufenthaltes in Marokko und eS ge« lingt Mrs. Savory. in fesselnden Bildern viel von den Geheimnisten und der Pracht des Landes mitzuteilen. So schildert sie z. B. eine Stratzenscene in Tetuan:„Wenn man die engen Straßen entlang sieht, so stoßen die Gebäude einander und die flachen und durchbrochenen Mauern fallen rückwärts schräg ab und zeigen an jeder Biegung einen Farbenaccord in weiß, malvenfarben, chokoladenfarben, blau, ockcr und creme. Ein langer, dunkler Tunnel öffnet sich in das Somienlicht und Läden auf beiden Seiten, mit großen Weinreben, die sich am Gilterwerk oben wie eine Laube ranken, und auf dem geflickten Pflaster unten liegt das Sonnenlicht in Flecken. Im Pantoffelviertel schallt überall das Klopfen der Hämmer auf dem harten Leder. Dutzende kleiner Läden liegen auf beiden Seiten, mit gelben Matten ausgelegt und von oben bis unten mit Reihen citronengelber Pantoffeln für Männer, rosenroter Pantoffeln für Frauen. gestickter Pantoffeln für die Reichen, karmesinroter Pantoffeln für Sklaven, Pantoffeln mit und ohne Hacken behängt. In jedem Laden arbeitet ein Mann mit Gesellen; die weißen Turbane und dunklen Gesichter beugen sich über das Leder, die farbigen Jellabs. die sie tragen, die geschäftigen Hämmer aus hartem weißen Holz in den geschickten braunen Händen, der WachSzwirn, die rote Gallerte zum Zusammen- leimen der Sohlen, die Bohrer und scharfen Scheren, alles das fesselt die wandernden Mauren, die sich träge davorsetzen und mit den Arbeitern sprechen. Nebenan werden Lederbeutel genäht und mit farbigem Leder und Seide verziert. In Hörweite liegt die Gerberei, wo die Felle gegerbt und gefärbt und zu Pantoffeln ver- arbeitet werden, um dann nach Aegypten, besonders Kairo verkauft zu werden..." Von einer arabischen Theegesellschaft erzählt Mrs. Savory:„Unsre Wirtin verteilte„sbsmrb de mmat", den Wein des Landes; der kleine kuppelförmigc zinnerne Theetopf mit dem Kupfertablett und dem Kreis kleiner gemalter Gläser fehlte nicht; dazu brannte die Sonne, und in der Luft vibrierte 503 Summen von Insekten. Nun wurden Musikanten gerufen, Mädchen mit hellgrünen Jellab-S und Silberverzierungen, die gelbe Tücher um den Kopf trugen, Männer in hellen Farben. Sie setzten sich zwischen uns, jeder erhielt ein Glas„stisrmb de minat", und allmählich begannen sie zu spielen. Seltsame wilde Musik machten sie mit den roh konstruierten Instrumenten„tareega", „gimbi" und„tahr", und doch war die Mnsik nicht ohne Zauber... Die Poesie hat eine gewisse Bedeutung in der arabischen Natur, und keine Sprache ist dichterischer als die arabische, in der„Schnee",„das Haar des Berges" und„Regenbogen",„die Braut des RegenS" genannt wird.„Rote Seebarbe" ist der„Sultan der Fische",„Vennshaar",„das kleine Rohr des Brunnens",„heim- lich" bedeutet wörtlich„unter der Matte" und„niemals"„wenn die Kohle Wurzel schlägt und das Salz knospet". Marokko ist wegen seiner Blumen berühmt. Von ihnen schreibt die Verfasserin:„Ein Thal, in dem man knietief in Blumen schwelgte— wir nannten es Blumenthal— kennzeichnete diesen Marsch. Es giebt bestimmte Zeiten für wilde Blumen in Marokko, vielleicht ist der April der beste Monat. Man stelle sich Kornfelder voller Jungfer im Grünen vor, Gärten mit Feigenbäumen, das Gras glänzend mit goldigen kaukasischen Wucherblumen, rote Malven, die in der Gerste stehen, den Boden mit einem Tcppich blauer und weißer Winde bezogen, Massen karminroter Winden, die sich dicht über den Domheckcn in Gewinden entlang ziehen, auf dem trockensten steinigen Boden Strecken von Ciströschen, Hellrosa bis blaß malvenfarben, überall Asfodill, manchmal die wilde Urform der Artischocke, kleine Eispflanzen, Rittersporn, Lupinen und mehrere Arten Lavendel. Alle diese Pflanzen trafen wir imnier wieder, auch seltenere Pflanzen fand man beim Suchen..."— — Vom hl. Bnrcaukratisnius. lieber ein amüsantes Stücklein des hl. Bureaukratismus wird der„Frankfurter Zeitung" berichtet: In einer fränkischen Universitätsstadt fallen zwei kleine Kinder in den Kanal und werden durch einem jungen Arbeiter von? Ertrinken gerettet. Die Fabrikdirektion, in der Meinung, dein jungen Menschen könnten ein paar Pfennige Belohnung nichts schaden, benachrichtigt die städtische Behörde von dem Vorfall, ivorauf sich folgendes tele- phänische Gespräch entspinnt: Behörde:„Wie groß war der Arbeiter?" Direktion:„Rtittel." Behörde:„Genau gemessen." Direktion(nach einer Wcilej:„1 Meter 50." Behörde:„Dann thut s uns leid. Der Kanal ist nur 1 Meter tief, da war also keine Lebensgefahr im Spiele, und so wird nichts bezahlt. Schluß!" Direktion: steht sprachlos am Telephon. Andren Leuten geht's nicht besser.— Physikalisches. cc. Woher st a m NI l d i e E n e r g i e derStrahln n g, die von den sogenannten radio-aktivcn(swahlnngsthätigen) Substanzen ausgeht? Diese Frage beschäftigte die Physiker aufs eindringlichste, sobald einwandSftei festgestellt war, daß von einer Reihe von Körpern Strahlen ausgehen, die chemische Wirklliigen mif der photographischen Platte hcrvorbriitgen, ohne- daß scheinbar der strahlende Körper it'gend eine Veränderung erleidet. Je intensiver die Unter- suchungen wurden, je zweifelloser die Thatsache der Strahlung er- kannt wurde, um so stärker machte sich das Bedürfnis geltend, die Frage»ach dem Ursprung der in der Strahlung ausgegebenen Energie zu bcantivortcn. Von den vielen Versuchen, aus diesem Gebiete Klarheit zu finden, sei hier derjenige des Herrn Geigcl in Aschaffenburg erwähnt, über den er im Februarheft der „Annale» der Physik" berichtet. Unter ein Bleikügelchen, das an einem Arme einer empfindlichen Wage hing, wurde ein Schälchen mit radio-akkiver Substanz gestellt, und sieh' da, da? Bleikügelchen wurde leichter. Der Gewichtsverlust betrug bei verschiedenen Vcrstlchen Veo- Ve Milligramm, das machte.' da das Kügelchen bVs Gramm wog, Vioooo seiner ganzen Masse aus, ein Bc- trag, der nach der Angabe des Experimentators die unvermeidlichen Beobachtungssehler bei lveitem überstieg. Er schloß vielmehr, daß die in der Anziehungskraft der Erde enthaltene Energie von der radio-akrivcn Substanz absorbiert lvird und sich dort in Strahlungs- encrgie umsetzt. Durch einige Tageblätter ging denn auch bald die Notiz, daß die Frage nach dem Ursprung der geheimnisvollen Strahlnngsenergie gelöst sei. Natürlich wurden ans den ver- schiedenen Laboratorien die erwähnten Versuche wiederholt tind er- zielten wesentlich andre Erfolge. Prof. Kausinann in Göttingen z. B. fand, daß bei der Unterstellung eines Schälchens unter die Bleikugel Gewichtsdifferenzen von derselben Größenordnung, wie oben angegeben, erreicht wurden, nur lvar eS ganz gleichgültig, ob in dem Schälchen radio-aktive S u b st a nz enthalten war oder nicht, dagegen war es notwendig, daß d a s S ch ä l ch e n in i t den Finge /n angefaßt wurde. Dadurch wird es nämlich erwärmt und es steigen darin Luftströme auf, welche die scheinbare Gewichtsveränderung hervorbringen. Die Differenzen halten sich durchaus innerhalb der bei der Ablesung un- verineidlichen Fehlergrenzen, so daß man also noch nicht behaupten kann, der geheimnisvollen Erscheinung, die mit dem Gesetz der Er- Haltung der Energie so scharf kollidiert, wirklich näher getreten zu sein.—_ Berantworlllcher Redakleur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Astronomisches. is. Verschwindende Planeten. Eine recht zeitgemäße Warnung richtet Professor Pickering, der Leiter der Havard-stern- warte, an seine Berufsgenossen in der Himmelsforschung. Er macht nämlich darauf aufmerksam, daß von den 500 kleinen Planeten, die im Lauf des 19. Jahrhunderts entdeckt worden sind, 68 seit den letzten fünf Jahren nicht mehr beachtet wurden, und daß die letzten Beobachtungen von etwa 25 sogar 10 bis 30 Jahre zurückliegen. Es ist auch für den Laien begreiflich, daß unter solchen Umständen mancher dieser Himmelskörper, dessen Bahn noch nicht allzu geuau bestimmt worden ist, geradezu wieder verloren gehen kann, vielleicht dann später veriiieintlich neu entdeckt und»och einmal der Liste der Asteroiden einverleibt lvird. Außerdem besteht die Gefahr, daß die Astronomen bald nicht mehr wissen werden, ob ein von ihnen beobachteter kleiner Planet schon bekannt ist oder nicht, und eS würde ein unersetzlicher Verlust für die Wissenschaft sein, wenn etwa aus solchem Grunde ein Himmels- körper wie der schnell berühmt gewordene Eros von seinem etlvaigen Entdecker unbeachtet bliebe. Professor Pickering vertritt die Ansicht, daß die Wiederanfsuchnng jener 68 kleinen Planeten inid die genaue Bestimmung ihrer Bahnen zur Zeit weit wichtiger ist als die Ver- mchrung der Planetenzahl durch neue Entdeckungen. Die Harvard- Sternwarte hat bereits eine Liste aller kleinen Planeten ausgestellt, die eine größere Helligkeit als elfte Größe besitzen und seit den letzten fünf Jahren nicht beachtet worden sind. Es ist den dortigen Forschern auch schon gelungen, zwei dieser Planetoiden, die Lutetia und Kalliope, durch Photographien wieder aufzufinden, und dabei hat sich die Notwendigkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen deutlich gezeigt, indem sich die Irrtümer in der früheren Bestiininniig der Bahnen dieser Planeten bereits als groß genug herausstellten, um ihre Aufsindung schlvierig zu machen,— Hnniovistisches. — Instruktion. Förster(vor der Jagd zu den Jagd- gästen):„Ein Hund ist ein Hund und kein Hase, das wissen die Herren, nicht wahr?" Alle:„Ja, Herr Förster!" Förster:„Ein Treiber ist ein Mensch und ein Mensch ist kein Hase, das wissen doch auch die Herren, nicht lvahr?" Alle:„Gewiß, Herr Förster!" F ö r st e r:„Dam? brauche ich Ihne» auch bloß noch zu sagen, wie ein Hase ausschaut."— — Stimmt.„Die Frau des Oberlehrers kommt mir ettvaS beschränkt vor, wie ist er eigentlich zu der gekommen?" „In Gesellschaften pflegte er ihren Gelang auf dem Klavier zu begleiten." „So, dann hat er also die Gans beim Flügel er- wischt."—(„Meggendorfer Blätter.") Notizen. — Das Bunte Theater bringt nächstens C. R e u l i n g s dreiaktiges Schauspiel„Das Stärkere" und Jakob Wassermanns Komödie„ H o ck e n j o s" heraus.— — A n t o n T s ch e ch o f f s ländliche Sccnen„Onkel W a n j a" fanden bei der Erstaufführung im M ü n ch e n e r S ch a u s p i e l h a u s e freundliche Aufnahme.— — Bei Schulte beginnt dieser Tage die R a f a e l l i- A u s st e l l u n g, die 90 Werke deutscher, französischer, englischer und holländischer Künstler bringen wird. Die Bilder sind in der Technik der trockenen Rafaelli-Oelfarben gemalt.— cc. Nutze n der Spinne aus Spalieren. Bnumzllchtcr betrachten die Spinne als ein sehr nützliches Tier. Wo Spinnen sind, klettern die Ohrwürmer nicht hinoni und die Insekten können nicht in die Spaliere Eier legen; auch in Ställen leistet die Spinne gute Dienste, da sie dem Vieh die lästigen Mücken wegfrißt.— Büchereinlauf. — B j ö r n st j e r n e B j ö r n s o n:„Ein Tag", ,. I V a r B h e". Erzählungen. Autorisierte Uebersctzung aus dein Nor- wegischen von Maria v. Bvrch und G. I. Klett» München. Albert Langen.— — Paul B u s s o n:„Aschermittwoch". Novelletten. München. Albert Langen.— — Dorn Duncker:„Lottes Glück",„Totgelacht". Novellen. München. Albert Langen.— — Curt Julius Wolfs:„Moderne M i n n e r i t t e r". Novellen. München. Albert Langen.— — Felix E h o:„Die Geschichte einer©he". Roman. Berlin. S. Rosenbaum.— —«H e r r e n m o r a l". Eine Enilobungsgeschichte in Original« briefen. Dresden. O. V. Böhmert.— — Frank W e d e k i n d:„Mine-Hahn. Oder über die köperliche Erziehung von jungen Mädchen". Aus Helene Engels schriftlichem Nachlaß. München. Albert Langen.—__ Zvrwärts Buchdruckerei und LertagSanstalt Paul Singer& Co., Berlin S�f.