Nnterhaltullgsblatt des Horwürts Nr. 62. Sonntag, den 29. März. 1903 24] Das Geld. (Nachdruck verboten.) Roman von Emile Zola. V. Einen Monat später, in den ersten Tagen Oes November, war die Einrichtung der Bank Universelle noch nicht vollendet. Schreiner brachten noch Holzvertäfelungen an. Arbeiter kitteten das gewaltige Glasdach zu Ende, welches über dem Hof angebracht wurde. Tiefe Verzögerung rührte von Saccard her, der, mit der Armseligkeit der Einrichtung unzufrieden� durch seine Lurusanforderungen die Arbeiten hinzog. Da er die Mauern nicht auseinanderrücken konnte, um seinen fortwährenden Traum vom Ungeheuren zu verwirklichen, so war er schließlich in solchen Aerger geraten, daß er auf Frau Karoliue die Sorge abwälzte, die Unternehiner abzudanken. Diese überwachte also das Aufstellen der letzten Schalter. Eine ungewöhnliche Zatzl von Schaltern war vorhanden: der zu einer Central- balle umgewandelte Hof war rings damit umgeben,— lauter vergitterte Schalter, ernst und würdig, mit schönen Messing- schildern gekrönt, worauf Inschriften in schwarzen Buchstaben zu lesen waren. Im ganzen genommen war die Emrichtung, obwohl in etwas engem Raum zusammengedrängt, recht günstig angeordnet. Im Erdgeschoß waren die Dicnstzweige, die in ständiger Beziehung mit dem Publikum sein sollten, die verschiedenen Kassen, die Emissionsschalter, alle Abteilungen für laufende Bankgeschäfte: oben befand sich gewissermaßen das innere Triebwerk, die Direktion, die 5torrespondenz- aoteilung. die Buchhalterei, das Pcrsonalbureau und die Ab- teilung für Streitsachen. Alles in allem tummelten sich in dem sehr eingeengten Rauni iiber zweihundert Angestellte. Was beim Eintritt sofort aufsiel, selbst noch inmitten des Gedränges der Arbeiter, welche die letzten Nägel einschlugen, während das Gold schon in den Holzschalen erklang, — das war ein Ansehen von Strenge, ein Anstrich von alt- hergebrachter Rechtschaffenbeit, mit einem unbestimmten Sakristeiduft, der ohne Zweifel von dem Lokal herrührte, von zenem alten, feuchten und düsteren Hotel im schweigenden Schatten der Bäume des Nachbargartens. Mau hatte das Gefühl, als betrete man ein frommes und rechtschaffenes Haus. An einem Nachmittag wurde Saccard selbst bei seiner Rückkehr von der Börse von diesem Gefühle gepackt und über- rascht. Dieses tröstete ihn über die fehlenden Vergoldungen. Er sprach Frau Karoline gegenüber seine Befriedigung aus. „Nun, für den Anfang ist es doch ganz nett. Man glaubt unter sich in der Familie zu sein, eine wahre kleine Kapelle... Später wird man schon sehen... Ich danke Ihnen, schöne Freundin, für alle Mühe, die Sie sich geben, seitdem Ihr Bruder nicht mehr da ist." Da sein Grundsatz dahin ging, aus unvorhergesehenen Umständen Nutzen zu ziehen, so bemühte er sich nunmehr auf jede mögliche Weise, den streng puritanischen Anstrich des Hauses auszubilden. Von seinen Angestellten forderte er eine fast priesterliche Kleidung, man durfte nur mit gedämpfter Stimme reden, man empfing und gab das Geld mit einer wahrhaft klerikalen Zurückhaltung. Noch nie hatte Saccard in seinem wechselvollen Leben sich so rührig getummelt. Morgens saß er schon um sieben Ahr vor allen Angestellten, selbst ehe seine Bureaudiener das Feuer angezündet hatte, im ArbeitSziinmer, öffnete die ein- gelaufene Post und erledigte bereits die dringendsten Briefe. Hierauf begann bis elf Uhr ein unabsehbarer Galopp,— die Freunde und bedeutenden Kunden des Hauses, die Wechsel- Makler, die Kommissionäre, der ganze große Schwärm der Finanzwelt: dazu das Gehen und Kommen der Abteilungs- vorstände, welche Befehle holten. Sobald er einen Augenblick frei hatte, erhob er sich und machte einen Rundgang durch die verschiedenen Bureaus, wo die Angestellten in steter Angst vor seinem plötzlichen Erscheinen lebten, da er immer zu der- schiedenen Stunden sich zeigte. Um elf Uhr ging es zu Frau Karoline und zum Frühstück hinauf. Er aß reichlich und trank ebenso, mit der zwanglosen Leichtigkeit der mageren Leute und ohne jewon der Mahlzeit belästigt zu werden. Die volle Stunde, die er oben zubrachte, war keine verlorene: denn dies war der Augenblick, da ihm, wie er sagte, seine schöne Freundin Beichte ablegte, das heißt, da er sie nach ihrer An- ficht über Menschen und Dinge befragte. Meistens verstand er es allerdings nicht, ihren weisen Rat auszunützen. Um zwölf Uhr ging er aus und zur Börse: dort wollte er einer der ersten sein, um sich umzusehen und zu plaudern. UebrigenS spielte er nicht offen, sondern fand sich wie zu einer sicheren und natürlichen Zusammenkunft mit den Kunden seines Bankhauses dort ein. Und doch wurde sein Einfluß daselbst schon bemerkbar. Als Sieger hatte er wieder seinen Einzug gehalten, als ein kreditfähiger Mann, dem nun- mehr die Stiitze wirklicher Millionen zur Seite stand. Die Schlauesten steckten die Köpfe zusammen, wenn sie ihn an- sahen, ratinten einander auffallende Gerüchte zu und weis- sagten ihm das Königtum der Börse. Gegen halb vier Uhr war er immer wieder zu Hause und spannte sich an die widerwärtige Arbeit des Unter- schreibens: in diesem mechanischen Laufen der Hand war er so sehr geschult, daß er, ohne das Unterschreiben einzustellen, mit freiem Kopf und leichtem Wort Angestellte kommen ließ, Bescheide erteilte, Geschäfte erledigte. Bis sechs Uhr empfing er wieder Besuche, brachte die Arbeit des Tages zu Ende und bereitete die des nächstfolgenden vor. Wenn er wieder zu Frau 5iaroliiie hinaufkam, so ging es an eine reichlichere, Mahlzeit, als das Frühstück um elf Uhr gewesen war, feine Fische und vor allem Wildpret, mit Burgunder. Bordeaux, Champagner, je nach der Laune und dem glücklichen Verlauf des Tages. „Sagen Sie einmal, ob ich nicht solide bin!" rief er zu- weilen scherzend.„Anstatt zu den Fraucnziminern, in die Klubs und in die Theater zu laufen, l�be ich da als braver Spießbürger an Ihrer Seite... Das müssen Sie Ihrem Bruder schreiben, um ihn zu beruhigen." „Ach was!" antwortete fröhlich Frau Karoline,„mein Bruder ist immer so solide gewesen, daß die Solidität ihm ein natürlicher Zustand und kein Verdienst dünkt... Gestern habe ich ihm geschrieben, daß ich Sie bestimmt hätte, das Sitzungszimmer nicht vergolden zu lassen. Das wird ihn mehr freuen." An einen, sehr kühlen Nachmittag der ersten November- tage, während Frau Karolrne den Tünchermeister anwies, den Anstrich des Saales einfach abzuwaschen, wurde ihr eine Karte hereingebracht mit der Meldung, der betreffende Mann bestehe hartnäckig darauf, sie selbst zu sprechen. Die unsaubere Karte trug in groben Schriftzügen den Namen„Busch". Ihr war der Name unbekannt: sie befahl, den Besuch in das Arbeits- zimmer ihres Bruders zu führen, wo sie die Leute zu empfangen pflegte. Wenn Busch seit fast sechs langen Monaten sich geduldet hatte und seine außerordentliche Entdeckung eines unehelichen Sohnes Saccards nicht ausnutzte, so geschah es in erster Linie aus wohlerwogenen Gründen. Es wäre ein gar zu arm- seliges Ergebnis, wenn man aus Saccard bloß die sechs- hundert Frank jener der Mutter ausgestellten Wechsel heraus- zog: dazu kam ferner die große Schwierigkeit, aus ihm mehr, eine vernünftige Summe von etlichen Tausenden, zu erpressen z wie konnte man einem Witwer, der aller Bande ledig war und vor Skandal sich wenig fürchtete, Schrecken einjagen? Wie konnte man ihn zwingen, schweres Geld für jenes haß- liche Geschenk eines hergelaufenen Kindes zu zahlen? Freilich hatte die Möchain eine lange Kostenrechnung, etwa sechs- tausend Frank, mühsam zusammengestellt, kleine Darlehen an ihre Cousine, Rosalie Chavaille, die Mutter des Knaben, dann die Kosten der Krankheit der Aarmeii, ihr Begräbnis, die Unterhaltung des Grabes, endliche ihre Auslagen für Victor selbst, seitdem er ihr zur Last gefallen war, Ver- köstigung, Kleidung, ein Haufe andrer Dinge. War aber Saccard kein zärtlicher Vater, war es dann nicht wahrschcin- lich, daß er sie zum Henker schicken würde? Nichts in der Welt würde nämlich diese Vaterschaft beweisen, außer der Aehnlichkcit des Knaben: und dann würden sie nur den Betrag der Wechsel aus ihm Pressen, falls er überhaupt die Ver- jährung nicht geltend machte. Andrerseits hatte Busch so lange gezögert, weil er mehrere Wochen in peinvoller Sorge uin seinen Bruder Sigismund verbracht hatte, der von der Schwindsucht nieder- gestreckt und überwältigt war. Vierzehn Tage hindurch hatte jener gewaltige Wühler und Spürer alles vernachlässigt, die fmtfenS verwickelten Fährten vergessen, denen er zu folgen pflegte; er erschien nicht mehr an der Börse, trieb keine Schuldner mehr in die Enge, er wich nicht vom Bett des Kranken, den er niit mütterlicher Liebe wartete und pflegte und umkleidete. Er, der schmutzige Geizhals, ward zum Ver- ' fchwender; er rief die ersten Aerzte von Paris herbei, er hätte gerne beim Apotheker die Arzneien teurer bezahlt, damit sie wirksamer wären; und als die Aerzte jedes Arbeiten untersagt hatten und Sigismund eigensinnig war, versteckte er ihm seine Papiere und seine Bücher. Zwischen beiden war ein form- licher Wettkampf in der List ausgebrochen. Sobald der Wächter von Müdigkeit übermannt einschlief, wußte der in Schweiß gebadete und vom Fieber verzehrte junge Mann ein Stückchen Bleistift und einen weißen Zeiwngsrand sich zu verschaffen und machte sich wieder an seine Berechnungen. Beim Erwachen geriet Busch in Zorn, wenn er ihn noch leidender sah, und das Herz wollte ihm darüber brechen, daß jener seinen Hirngespinsten sein bißchen übriges Leben widmete. Mit derlei Dummheiten gestattete er ihm zu spielen, wie man einem Kinde Hampelmänner gestattet, wenn es ge- sund ist; aber sein Leben mit thörichten, nndurchsührbaren Gedanken zu Grunde richten, das war wirklich gar zu dumm! Schließlich hatte Sigismund versprochen, seinem Bruder zu lieb vernünftig zu sein. Tann Halle er sich etwas erholt und konnte nunmehr ausstehen. Sobald Busch wieder an seine Arbeit gehen konnte, nahm er sich vor, die Sache Saccard müsse erledigt werden, um so mehr, als dieser wie ein Eroberer seinen Einzug in die Börse gehalten hatte und wieder ein Mann vo« zweifelloser Zahlungsfähigkeit wurde. Der Bericht der von ihm nach der Rue St. Lazare ge- schickten Frau M6chain lautete sehr günstig. Trotzdem zögerte er immer noch, seinen Mann von vorne anzugreifen: er schwankte noch und besann sich, vermittelst welcher Taktik er ihn besiegen konnte, als ein der M6chain entfallenes Wort über Frau Karolinen über diese Dame, welche bei Saccard haushielt und von der alle Lieferanten des Stadtviertels ihr erzählt hatten, ihn auf einen neuen Feldzugsplan brachte. Sollte etwa diese Dame die wirkliche Herrin sein, welche die Schlüssel zu den Schränken und zum Herzen besaß! Busch gehorchte ziemlich häufig einer plötzlichen Eingebung und be- gab sich auf einen bloßen Fingerzeig seines Spürsinnes hin auf die Jagd, in der bestimmten Annahme, ans de» That- fachen eine Gewißheit und einen Entschluß schöpfen zu können. So machte er sich nach der Rue St. Lazare auf, um Frau Karoline zu besuchen. Oben im Zeichnuiigssaal war Frau Karoline im Anblick dieses schlecht rasierten Mannes mit dem flachen und schmutzigen Gesicht betroffen, der einen schmierigen Rock von einstiger Eleganz und eine weiße Halsbinde trug. Er selbst bohrte seine Blicke bis in ihre Seele hinein und fand sie ganz nach Wunsch, so stattlich und so gesund, mit ihrem weißen Haar, welches ihr noch jugendliches Gesicht mit einem heiteren und milden Schein umgab. Besonders fiel ihm der Ausdruck ihres stark entwickelten Mundes auf, ein Ausdruck von solcher Herzensgüte, daß sofort sein Entschluß gefaßt war. „Madame," begann er,„ich hätte Herrn Saccard zu sprechen gewünscht, aber man hat mir den Bescheid gegeben, daß er nicht zu Hause sei..." Das war eine Lüge, er hatte nicht einmal nach Saccard gefragt; er wußte sehr wohl, daß dieser nicht zu Hause war, da er auf seinen Weggang zur Börse gelauert hatte. „Und so habe ich mir denn erlaubt, mich an Sic zu wenden; mir ist es eigentlich lieber so, da ich wohl weiß, mit wein ich spreche... Es handelt sich um eine so ernste und so heikle Mitteilung..." Frau Karoline, die bis jetzt den Mann nicht hatte sitzen heißen, wies ihm mit ängstlicher Zuvorkommenheit einen Stuhl. „Reden Sie, mein Herr, ich höre.. Busch hob sorgfältig die Schöße seines Nockes auf, als fürchte er. ihn zu beschmutzen. Es galt bel ihm jetzt als aus- gemacht, daß sie mit Saccard ehelich zusammen lebte. „Die Sache ist, Madame, nicht leicht zu sagen, und ich gestehe Ihnen, daß ich im letzten Augenblick mich frage, ob es recht ist, Ihnen so etwas anzuvertrauen. Hoffentlich werden Sie in meinem Schritte bloß den Wunsch erkennen, Herrn Saccard die Möglichkeit zu bieten, ein früheres Un- recht wieder gut zu machen..." Sie winkte ihm, er solle frei herausreden; sie hatte be- griffen, mit welchem Menschen sie es zu thun hatte, und wünschte, überflüssige Beteuerungen abzuschneiden. Uebrigens ließ er sich nicht lange bitten und begann die alte Geschichte zu erzählen, die Verführung von Rosalie in der Rue de la Harpe, die Geburt des Kindes nach Saccards Verschwinden. den Tod der Mutter, wie der Knabe Victor einer Cousine zun Last blieb, die sonst zu viel zu thun hatte, um sich mit ihn» abzugeben, und wie er so in Verworfeicheit aufwuchs. (Fortsetzung folgt.) SonMagsplauäerei. Wenn die Kesselschmied-Gattin und Blmnenapporteurin Rothe keine Schwindlerin ist und wenn die Geister oder„Intelligenzen" die Rechte einer juristischen Person haben sollten, so müßten sie un- verzüglich an einem irdischen Gerichtshof wegen Ehrenbeleidigung klagen; denn die Geister, die von der Rothe und ihren Gläubigen citiert, die Intelligenzen, die bemüht werden, sind die armseligsten Idioten, deren übersinnliche Wunderkraft geringer ist als das Lallen eines schwachsinnigen Kindes, in dem immer uoch eine dämmernde Erinnerung an die gewaltigen Wunderleistungen menschlicher Kultur- arbeit steckt. Sehen so die Dinge aus, die zwischen Himmel und Erde spuken, und von denen sich nnsre Schulweisheit nichts träumen läßt? Dann bleibe ich lieber auf der Erde, die voller Wunder der Erkenntnis und des Schaffens ist, und deren selbstverständlichstes, natürlichstes und einfachstes Erzeugnis eine tieffinnigcre und rätsel- vollere Erscheinnng ist, als die ganze Klopsgeister-Wirlschaft inc- diumistischer und occultistischer Jnlelligenzcn. Es ist eine ganz falsche, weil zu günstige und milde Auffassung, wenn man die Rothe-Epidemie, die jetzt ein Berliner Gerichtshof mit merlwürdiger Geduld in einem erschreckenden Narrenzug von Vernunftkrüppeln„manifestiert"— Menschenapporte aus der Siechen- luft des Schwachsinns— auf den ewigen Hang der Menschcnseele zur Erfassung des Unerklärlichen und Wunderbaren, des Ucbersinn- lichen und Seltsamen zurückführt. Wenn es das wäre, so würde man mit schroffer nüchterner Kritik, aber niit Ernst und Achtung an diese Phänomene herangehen. So steht aber die Frage nicht. Diese Geister sind alberne Gesellen, die gar nichts können, sie sind nicht übersinnlich, sondern unterfinnlich, sie steigern nicht die menschliche ErkcnnNnskraft, sondern ste schwächen sie bis zu ihrer Verblödung. Abgesehen von den ernsthasten pathologischen Erscheinungen, handelt es sich hier lediglich um die vielleicht auch ewige Luft am Läppischen, an« Unsinnigen, an der Mhstit des Kretinismus. Diese Spiritisten, Oltultisten, Medinmisteir bilden ein Hirnspittel, in dem ein greuliches Rothwälsch faselliden Schwachsinns zur In- brunst einer religiösen Schwärmerei gefälscht wird— eine künstliche Vcrstandesverkrüppelung, in der nichts blüht und gedeiht, als die AuSbeutuna geschäftskundiger Gauner. Vernichtet nur Vernunft und Wissenschaft, und Ahr werdet nicht Forscher und Bekenner des Uebersinnlichen und Wunderbaren, sondern elende Narren des Stupidesten, Niedrigsten, Blödesten. Nur das Natürliche ist das Wunderbare. Geht in ein physikalisches oder chemisches Laboratorium. Tausend- fach entfalten sich hier Wunder der Erkenntnis und des Schaffens. Euer Hang, ins Uebersinnliche zu schweifen, findet hier eine»n- ernießliche Fülle von fruchtbare» Problemen. Freilich müßt ihr arbeiten und Euch mühen, und mit dein faulen Gaffen und den» lüsternen Gefiihlsinarasmus ist nichts gethan. Von diesen Stätten der Wissenschaft geht die Eroberung und Bezwingung einer Welt auf. die der Menfchengeist wie aus den. Nichts erbaut. Geheimnis- volle Nawrkräfte werden gebändigt und in den Dienst einer üppig quellenden Kultur geschirrt. Oder versenlt Euch in das Wesen und Wachstum einer Pflanze. Giebt es einen reicheren Anreiz des Eindringens ins Wunderbare, als die Beobachtung, wie sich aus den Stoffen der Erde und der Lust, unter den, Auge des Lichts, dieses feine, märchenhafte Gebilde einer athmenden, duftenden, leuchtenden Blume— scheinbar wie aus dc:n Nichts— in verschwenderischer Mrnrnigfaltigleit bildet! Oder studiert den Mechanismus einer Menschenhand: jeder Nerv und jede Sehne ist ein unerschöpfliches Wunder. Und höher hinauf: Jeder Satz, jedes Wort einer Sprache bietet dem Grübler und Forscher des Wunderbaren ein unverfiegliches Feld der Schatzgräberci. In den von Menschen geschriebenen Gesetzen des Sternen-AllS wird das Wunderbarste vernünftiger Magie erreicht. Und endlich klimmt empor zu den Uncnneßlichkeiten menschlicher GesellschaftSbildung, von Recht und Moral, von Organisaston und Produktion, bis Ihr zuletzt erschauernd Euch beugt vor den Offenbarungen der großen Denker und Künstler. Sucht Ihr die blaue Blume des Wunders, wohlan in Beethovens Musik, in Plate« Gedankenwelt wandert Ihr jahrtausende- lang in ewigem Wechsel von Wunder zu Wunder, bei jeder Weg- Wendung entfaltet sich ein Neues, Ueberraschendes, Unbegreiflich-Be- greiflichcs, ein Universun» de« Uebersinnlichen, und bleibt doch alles auf dem klaren festen Boden dieser Erde, und es spickt nichts und klopft nichts, und lallt nichts in Trance und kein Medibumsel streckt aus der vierten Dimension die freche Geisterzunge heraus. Wo die Geister anfangen, hört der Geist auf, wo die Intelligenzen mani- sestieren, macht die Intelligenz Bankrott. Darin liegt das Widcrwärttge, fast könnte man sagen das Grauenhaste des in Moabit entblößten Rothe- Spuk«. ES ist nicht die Sehnsucht, sich über die graue Oede des Werkcltages, über die Mvefricdigmig der LebenS-Prosa zu erheben— dte würde in Kunst und Wissenschaft, in der schaffenden Arbeit sür Leben und Gesell- schaft ein grenzenloses Gebiet der Bethätigung finden, es ist der stumpfe Hang zu nichtiger, plumper Gaulelei, die Verengung und Verblödung menschlichen Denkens, es ist eine Art intellektuellen Morphinismus für leere, träge und schlaffe Seelen. Es ist die lächerlichste Prosa und die nüchternste Armseligkeit, in der fich die Gesellschaft der Blumenapporteurin verzückt. Gerade wenn die spiririslischen Kundgebungen kein Schwindel und kein Betrug wären, sondern echte Phänomene, kein Vollmensch, ja nicht einmal ein anständiger Philister könnte ein irgendwie ernst- hafteS Lebensinteresse an die Beschäftigung mit diesen Erscheinungen ivcnden. Es ist ja immer dasselbe enge und läppische Einerlei. Das Grinsen eines Dorftrottels birgt reicheren Inhalt als all die Leistungen der übersinnlichen Geister. Astralleiber, Intelligenzen. Sie sind Specialisten eintönigsten und ziveck- losesten llnfinns. Sic verstehen nichts wie zu tlopfen, Blumen, Apfelsinen und billige Bazargegenstände durch die Luft zu ioerfen, auf leere Blätter Jnhalllosigkeilen zn kritzeln, in Phosphor- schleiern gespenstisch zu schimnieru, als Materialisierrmgen ab- geschiedener Seelen zu delirieren, allenfalls noch Tische zu heben und hysterische Frauen in einen geschwätzigen, quatschenden— es giebt kein andres Wort— Trancczustand zu versetzen. Die Kraft des Menschen, sich an Tote fühlend und sinnend zu erinnern, birgt eine unendliche geheimnisvollere Magie, als diese lächerliche Cilierung bauchrednerischer Onkels und Tanten aus den, Grabe, die Aus- «rstehung sächselnder Zwinglis und Napoleone. Kurz, die über- finnliche» Geister verstehen sich nur auf ein paar müfiige, alberne und unnütze Hannerungen. Sie werden Dir niemals die Rummer des grofien Loses vorhersagen, niemals eine neue Entdeckung offenbaren, niemals mich nur ein ge- scheitcS Wort finden. Sie bauen keine Häuser und Brücken, sie erledigen nicht deine Arbeiten, und fie werden es nie fertig kriegen, ein paar echte Tausendmarkscheine aus der Lust apportierend zu materialisieren. Es ist ein ökonomisches Gesetz in der übersinnlichen Geisterwelt, dafi die apporrierten Gegenstände immer nur einen Bruchteil des irdischen Geldes kosten, das von den Gläubigen in irdischen, Eiittce geleistet wird. Was sür Genies sind doch gegenüber den spiritisttschen Intelligenzen die alten ehrlichen Heinzelmännchen! lind jeder Taschenspieler sechsten Ranges leistet mehr als die sämtlichen Herrschaften aus der occulten Welt. Jeder vollsinnige Mensch würde sich genieren, mit solchen erbärmlichen Geistern und ihrem trottelhasten Ulktreiben sich cinzu- lassen, auch wenn fie wirtliche Erscheinungen unbekannter Kräfte wären. Und nun verdanken sie offenbarem, handgreijlichem Schwindel ihre Existenz, und doch werben sie eme end- lose Schar von Gläubigen, die keine höhere Seligkeit und keine edlere Beschäftigung kennen als solchen Kult unsauberen Schwindels und stumpfsinniger Gaukelei. Wenn man von den bedauernswerten geisteskranken Persönlichkeiten absieht, die dem Betrug zum Opfer gefallen, so bleibt eine verblüffend grofie Zahl von sonst gesunden Vertretern der„gebildeten und besitzenden" Klasse, hohen Aristo- kraten, reichen Bourgeoisdamen, Predigern. Gelehrten, biederen Handwerksnieistern, Offiziere» und Juristen übrig, die unter ihren, Eide sich zu den Wundern der Madame Rothe bekennen, und die leine reichere und tiefere Thättgkeit kennen, als Woche sür Woche in verdunkeltem Zimmer Narretei zu treiben und für die Orgien der Dummheit sich von schlaue» Geschäftsleuten rupfen zu lassen. Das erinnert in der That an die Verfallserscheinungen des kaiserlichen Rom. Das find Neuherungen einer morschen Gcjellschast, die nicht mehr fähig zu sinnvoller Arbeit und ernstem, klaren Denken find. Freilich— und das ist das bedeutsamste Moment des spiritistischen Rothelaufs— unsre ganze Erziehung schafft die Vorbedingungen zu diesem Kulturspuk. Es ist kein Zufall, daß sich die Blumen- greiferin in religiösen Formen schwindelhast äußert. Die Menschen von heute lverdcn von Kindheit an gezwungen, die großen religiösen Weltanschauungen längst verschütteter Kulturcpochcn mechanisch zu übernehmen, die sie garnicht verstehen können, ohne eindringende Kenntnis der historischen Ursprünge und Beziehungen jener alten Mylhologien. So gewöhnen sie fich daran, das Un- begriffene als Inbegriff aller Weisheit herzusagen. Das„Trance- reden" wird zum Hauptinhalt afterrcligiöser Bethäligung. So ist auch die Technik der geisttgen Verkrüppeln!, g, wie sie die Spiritisten fehr geschickt handhaben, unmittelbar der religiösen Dialctnk cnt- »ommen. Für jede Zweifelfrage der Vernunft giebt es eine Antwort mit dem ine versagenden Totschläger des„Systems". Stell, man fest, daß die Rothe die Blumen, die sie in der„Sitzung" aus der Lust griff, vorher in einen, irdischen Blumengeschäft gekauft hat— leinen Gläubiger beirrt dieser Umstand. Das istes ja eben: die Blumen werden ,. immaterialifiert" und dann wieder„rematerialisierl". Mit diesem Jangballspicl zwqicr Worte läßt sich jeder Zweifel zurückweisen, jede Gaunerei in die Wolken eines überirdischen KrästcwirkenS cnttücken. lliib siyen ein paar lauernde Ungläubige unter den Eingeweihten — selbstverständlich, daß dann der Geist nichts kann, ohne «Harmonie" der Seelen keine Wunder. So wehrt seit jeher das Pfaffentum— in Trance psalmodierend— jeden Einwurf der Ver- minft mit den, spiritistischen Allheilmittel ab, daß es der mensch- lichcn Verinmst von Gott eben nicht verliehen fei, den Sinn des Unsinnigen zu ergründe»; das Denken müsse sich dem Glanben demütig unterwerfen. Solche theologischen Kunstgriffe der Ab- treibung der Vernunft find unmittelbar verantwortlich für die Erfolge spirittstischer Schwindeldialektik. In dieser Erkenntnis liegt die große Bedeutung des„Falles Rothe".— Joe, Kleines feullleton. y. Abc Zauber. Das Christentum bat die heidnische Zauberei mit einem Eifer bekämpft, der in den gransamen Gräueln der Hexen- brande schreckensvoll gipfelte. Das bindert aber nicht, daß das Christentum selber in erheblichem Maße dem Einfluß jener uralten Formen des Aberglaubens unterlege» ist, indem es Elemente daraus in sich aufnahm. Einen schlagenden Beweis dafür bildet ein merk- Würdiger Brauch, der noch heute zun, anerkannteil Ceremoniell der katholische» Kirche gehört. Wenn ein katholisches Gotteshaus ein- geweiht ivird, so hat dabei, wie das römische Pontificale auch in der neuesten verbesserten Ausgabe Leos XIII. vorschreibt, u. a. folgendes zu geschehen: Auf zwei Ircuzlveise angebrachten Aschen- streiscn, die je zwei gegenüberliegende Ecken der Kirche miteinander verbinden, schreibt der Bischof,„nachdem er Mitca und Hirtenstab empfangen hat, von der Kirchenecke zur Linie» des Eintretenden an- fangend,... mit dem Ende des Stabes das griechische Alphabet aus die Asche, wobei die Buchstaben, soiveit auseinander zu ziehen. sind, daß sie den ganzen Raum einnehmen". Entsprechend wirb von der rechten Ecke aus das lateinische Alphabet ans den andren Aschenstreifei, eingezeichnet. Sodann folgt die Beschwörungsformel, die den Teufel und alle Dämonen zu bannen bezweckt. An diesem ganzen Verfahren ist nichts christlich, als die Anrufung der Drei- einigkeit»nd die kreuzweife Anordnung der Aschenstreifen. Da- gegen ist die Benutzung des Alphabets zn Beschwörungszwecken vom allen Heidentum übernommen, dessen Aberglaube das Abc zn analogen Zwecken verlvendete. Ans antiken Zeiten hat sich auf Vasen, Steintafcln, Wänden eine Unmenge von Inschriften erhalten» die auS schlechterdings nichts bestellen, als dem Abc in lateinischer» etruskischer oder griechischer Schrift. An den Außenwänden den ausgegrabenen Häuser von Pompeji z. B. hat sich eine ganze Masse solcher Abc- Inschriften gefunden. Ter Scharfsinn der Philologen hat sich lange vergeblich damit abgeplagt, eine befriedigende Erklärung dieser sonderbaren Er- scheinung ausfindig zu macheu. Für die Wand-Abcs hat man fich früher mit der� absonderlichen Meinung begnügt, sie seien Schreib- Übungen von Schulkindern, ohne daran zu denke,,, daß unsre heutige! Jugend in ihrer freien Zeit die Wände nicht gerade mit Abcs zu be- malen pflegt. Tie Abcs auf Steinen sollte» Meisterstücke von Stein- metzcn sein. Und ein hochgelahrter Mann hat gar herausgetiftett» daß in einen, Alphabet, Ivo die Konsonanten mit nachlantendeir Vokalen auftreten, ein griechisches Wiegenlied zu erblicken sei. Das sind ja nun bloße Kuriosa. Den wahren Sachverhalt hat ersv neuerdings Albert Dieterich aufgedeckt in einer sehr scharfsinnigen Arbeit, deren Resultate wohl verdienen, des gelehrten Aufputzes eut- kleidet, weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden. Den Schlüssel hat ihm ein Papyrusblatt an die Hand gegeben, das in einem ägyptischen Grabe zu Theben gesunden worden ist. Darauf steht weiter nichts, als in neunzehn Kolumnen: a ba ga da za tha ka..., e be ge de ze the ke..., ee bee gee dee zee thee kee.,. usw. in allen drei Reihen nach der Folge des griechischen Alvhabetö bis zu pea pse psee. Das wäre nun nicht eben sonderlich instrukttv. Licht kommt aber dadurch ins Tuntel, daß dies Papyrnsblatt Seite an Seite mit zwei Zauberbüchern gefunden worden ist: es soll selben Zauberkraft besitzen, und zwar vermöge der ausgeschriebenen Alpha- bete; im gegebenen Falle sollte cS dazn diene», als Amulett von dem Toten Dämonen fernzuhalten, die ihn am Eintritt ins bessere Jenseits behindern könnten. Zauberhaft zu wirken ist denn nun überhaupt der Zweck der Abc-Jnschristen aus altklassischer Zeit. Die Griechen und Römer stehen mit dem Glauben an zauber- kräftige Wirkungen des bloßen Abcs durchaus nicht allein. Im ähnlicher Weise wurde es z. B. in Indien nutzbar gemacht. Tarauf. daß den Juden derselbe Aberglaube nicht fremd war, läßt der Ilm- stand schließen, daß sich in den dichterischen Stücken des alten Testaments Stellen sinden, wo der erste Vers mit einem aleph beginnt, jeder weitere mit den nächstfolgenden Buchstaben des hebräischen Alphabets anhebt. Ganz besonders aber huldigten unsre! eignen Borväter der Vorstellung, daß dem Abc geheimnisvolle Zauber- kräfte innewohnten. Unser Wort„Buchstabe" geht bekanntlich auf den Brauch der alten Germanen zurück, die Zeichen des Runen- alphabets auf Stückchen Buchenholz einzuritzen, diese„Buchstaben"' aus einem Tuch hin- und herzuschütteln und die herausspringendem zu Stabreime» eines Gedichts zn machen. daS die Zukunft vcr- kündete. Im Englischen bedeutet das nämliche Wort„spell", als Zeitwort gebraucht, buckistabicrcn, als Hauptwort Zauber. Die altcir Germanen bedienten sich denn auch des Alphabets in der nämlichen Weise, wie Griechen und Römer, zu Zauberzwccken. Wir haben, auf Schwertern. Spangen. Braktcaten und Steinen Runenalphabete» die zu nichts andern, angebracht worden, sind, als um damit zu hexen. Diese Wahnvorstellung hat weiter nichts Befremdendes fuv eine Zeit, als die Schreiblunst nicht ein Gemeingut aller, sondern, Besitz von wenigen Bevorzugten war. Da schrieben die Nicht- eingeweihten der geheimnisvollen Fertigkeit noch ganz andre Zauber- Ivoft zu, als ihr thätsächlich zukommt. Ev lag der ijcul auch der — 248— den heidnischen Völkern des klassischen Altertnms� Als nun das Christentum unter ihnen Eingang fand, war der Abc-Zauber äuherst pupulär In seiner nackt heidnisckcn Form trat ihm die Kirche nacb ihrem Triumph feindselig entgegen. Bei dem römischen Gc- fcliichtschreiber Ammianus findet sich eine merkwürdige Stelle, wonach zwei Römer, Patricius und Hilarius, der Folter unterworfen wurden, weil sie Zauberei getrieben haben sollten, Sie bekannten sicti denn auch dazu, das Abc zu solchen Zwecken benutzt zu haben. allerdings in, ganz heidnischen Formen, Inzwischen war aber langst der Abc-Zauber dem Christentum in weniger anstößiger Gestalt ein- verleibt lvorden. Aus Märthrergräbern sind zauberhafte Abcs zu Tage gefördert worden, und sogar ein Gesas, für Taushandlungen ist damit versehen. Das ganze Mittelalter hindurch hat sich dann der Abc-Glauve behauptet. Daher die Abcs aus mittelalterlichen Glocken; sie sind als Blitzzauber gedacht. Heute stellt noch die ver- breitste Formel, um behextes Vieh zu entzaubern, nichts andres dar, als ei» Zauver-Abc in etwas veränderter Gestalt, Dieser Vieh- segcn besteht aus den vier sinnlosen Zeichencknhäufungen S.�TOli, A RE PO, OPERA und ROTAS, die auS blast sieben Buchstaben bestehen und nach Belieben von vorne und hinten gelesen Iverdeu können. In diesem Hokuspokus sieht heute jeder vernünftige Mensch blast faulen Zauber, Der Abc-RituS für katholische Kirchen- cinweihungen dagegen bildet ein offiziell anerkanntes Zubcbör des alleinseligmachenden Glanbens.— Gesundljeitspfiege. en. R i ck t i g e 11» d falsche A b h ä r t u n g. Die Be- deurung der< sundheit des einzelnen Menschen und ganzer Völker wird jetzt wieder anerkannt und ist in der That heute vielfach noch größer als im Altertum, da jetzt die Lebensführung für den ganzen Organismus und namentlich für die Nerven anstrengender geworden ist, Trotzdem giebt eS in der Abhärtung auch Uebertreibungen, die bereits zu dem Schlagwort des„Abhärtungsfanatismus" Veranlassung gegeben haben. Im besonderen richtet sich der Einspruch gegen dr. rücksichtslose Anwendung von kaltem Wasser, Angesichts dieser Widerspruche ist es wertvoll, wenn eine hervorragende Autorität sich zur Belehrung über diese Fragen an möglichst weite Kreise wendet, wie eS Professor Hueppe auS Prag in den„Blättern für Volks- gesundheitspflege" gcthan hat. Er iveist zunächst die Bedeutung der Abhärtung au dem für jeden erkennbaren Gegensatz zwischen dem empfindlichen Städter und dem wettcrhartcn Landbewohner nach. Sicher trägt unsre Kleidung viel dazu bei, uns die Widcrstandöfähig- kcit gegen Witterungswechsel zu benehmen, weil sie die Haut unsres Körpers zu sehr von der Luft abschliestt. Das ist der springende Punkt, denn die Abhärtung beruht eben darauf, das; unsre Haut sich schnell genug den Aenderungen der Temperatur und der Feuchtigkeit anzupassen vermag. Die gesunde Haut muh sich gegen plötzliche Kälte durch ebenso schnelle Absperrung der Blutzufuhr schützen, der dann eine besonders starke Durchblutung und Erwärmung folgt. Da- durch loird eine plötzliche starte Abkühlung des Blutes in den Haupt- gcfästcn verhindert, so dast sich die Kälte in den inneren Organen nicht bemerkbar machen kann; der svätcre Zuflust des Blutes schützt dann die Haut vor zunehmender Abkühlung, Vermag die Haut diese Maßregel nicht durchzuführen, so wird dem Körper zu viel Wärme entzogen, und es tritt das ein, was wir als Erkältung genugsam kennen. Die starke Neigung zur Erkältung hängt noch mit andern Besonderheiten der Kleidung zusainmen. Wir sind gewöhnt, uns im Winter wärmer anzuziehen als im Sommer, damil der Körper in crstercr Jahreszeit nicht mehr Wärme verliert. Trügen wir uns im Winter ebenso leicht wie im Sommer, so müßten wir dann mcbr essen, Eine ungleiche Ernährung während der verschiedenen Jahreszeiten aber paßr uns nicht. Diese willkürliche Regelung der Körperwärme durch die Kleidung darf aber nicht zu lveit getrieben werden, schon deshalb, weil sie doch nur mit geringer Genauigkeit erfolgen kann, wie wir ja auch im wesentlichen nur zwischen Sommer- und Winter- tlcidcrn unterscheiden. Das ist auch sehr gut. weil sonst die Haut nocki mehr verweichlicht und der Selbsthilfe entwöhnt werden würde. Ein wichtiges Mittel zu vernünftiger Abhärtung sieht Prof. Hueppe in der Einführung von Lust- und Lichtbädern für da-Z Volk, die außerdem iinbedingt mit Körperübungen verbunden werden müssen. Daß diese Vorschläge durchführbar sind, ist in einzelnen Großstädten, wie in Berlin und Leipzig, bereits erwiesen worden. Einen gewissen Ersatz bietet der Aufenthalt in den Schwinimschulen, wo die jungen Leute sich außerhalb� des Wassers ohne Bekleidung lange umher- tummeln. Das Wasser ist aber als zweites Abhärtungsinittel auch nicht zu entbehren, obgleich immer berücksichtigt werden muß, daß es durch Entziehung von Körperwärme bei unrichtiger Anwendung Ichaden kann. Eine kalte Brause ist einem erhitzten Körper durchaus nicht zuträglich, ebenso wenig das sofortige Abreiben eines Kindes mit kaltem Wasser, wenn es eben aus seinem warmen Bcttchen foinint, namentlich wenn es bald darauf etwa über die kalte Straße zur schule laufen muß. Es versteht sich von selbst, daß die Fehler in..k'cl Abhärtung durch Wasser namentlich im Winter gemacht werden, wahrend die Anwendung im Sommer weniger Einsicht verlangt. Im Winter sollten deshalb die Kinder in einer genügend warmen Stube und mit stubenwarmem Wasser gründlich gewaschen werden, bei größerer Empfindlichkeit sogar nur abends.— Humoristisches. �.— Das verkannte Reform-Kostüm, Bäuerin: »Jcssas, Hias, da schau' her: Die Stadtfräul'n halt'n a' Sack- rennal— — Beim Examen. Professor:.... Und, Herr Kandidat, wie schützen Sie sich gegen bakrerienhaltiges Wasser?" Kandidat:„Erstens koche ich es, zweitens filtrire ich esl" Professor:„Und drittens?" Kandidat:„Und drittens trinke ich Vieri"— — Sie kennt ihn. Mutter:„Warum weinst Du denn, Johanna?" Tochter:„Weil ich mich mit mei'm Willy z'kriegt Hab', und jetzt hat er g'sagt, er geht ins Wasser!" Mutter:„Der war' der Rechte! Der nimmt höchstens ein Brausebad um zehn Pfennig I"— („Fliegende Blätter.") Notizen. c. Englische Volkslieder, Die Freunde der Volks- künde in England entfallen gegenwärtig eine lebhafte Thätigkeit. um die Volkslieder, die noch im Gedächtnis der alten Leute auf dem Lande leben, vor dem Vergessen zu bewahren. So bat die„Folk- Song Society" in ihren lebten Berichten über 4l)l1 Lieder ans den Grafschaften Surrey und Süsser, die von mehreren alten Bauern erhalten wurden, veröffentlicht.— — Zur Herausgabe eines schleswig-holsteini- scheu Wörterbuchs bat sich in 5tiel ein Ausschuß gebildet, dem Professoren und Lehrer angehören.— — B j ö r n s o n S Schauspiel„Auf S t o r h o v e" geht nächsten Donnerstag als letzte Novität im Deutschen Theater in Scenc. — P o n einem„Volkstheater".„Stücke im Ar- beitcrmilicu haben sich überlebt, ich habe darum Austrag gegeben, jedes Stück zu retoiiriiiereii. das die Stube des armen Mannes schildert oder dessen sociales Elend, Das gleiche Schicksal widerfährt den Bauernkomödicn; das sind Dinge, die meinem Publikum nicht Hchagen." So soll sich Herr Adolf Weisse, Mitdircktor des Deutschen Volksthcatcrs in Wien, zu einem Interviewer geäußert haben. Wenigstens erzählt es so der„Fackel"-Kraus,— — Von italienischen Opernkomponisten, deren Werke im letzten Jahre auf deutschen Bühnen gespielt wurden, nimmt Verdi mit 565 Aufführungen den ersten Rang ein, Es folgen dann: Mascagni(249), Leoncavallo(159), Rossini(159) und Donizetti(138).— — Kunstausstellungen. Bei C a s s i r c r eröffnet Franz Starbt na am 1. April eine Kollektivanssrellung.— 25 bis jetzt noch nicht bekannte Arbeiten Adolf v. Menzels werden im April im je ü n st l e r h a u s e(Bcllevuesrr. 3) zu sehen sein.— Deutsche Z e ich n e r i n n e n", eine nene„Schlmirz Weiß-Ausstellung, beginnt henke bei Amclang. —• Preise im Gesamtbetrage von 2269 Kronen schreibt die Firma I. Ginzkeh in Maffersdorf aus. Gefordert werden k ü n st l e r i s ch e Entwürfe neuer und origineller T e p p i ch m n st e r. Letzter Einlieferungstermin ist der 15. Juni 1993. Die mit einem Kennwort versehenen Entwürfe sind einzn- senden an die Direktion des k. k. Museums für Kunst und Industrie in Wien.— — Die 75. Versammlung der Gesellschaft deutscherAerzte und Naturforscher findet vom 29. bis 26. September in Kassel statt.— — Der erste Erfolg. Der junge Millionär A. W. H e y m e l hatte es früher mit dem Dichten versucht. Dann ivar er Mitherausgeber der„Insel" gewesen. Später kam er zur Einsicht und gründete einen Rennstall. Jetzt hat er während der Meraner Meetings drei Siege erzielt, darunter einen in der großen Stecple-Chafe, der ihm einen Ehrenpreis und 1999 Kronen brachte.— Büchereinlauf. — Emile Zola:„Wahrheit". Der„Vier Evangelien" dritter Teil. 2 Bände. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rolenzweig. Roman. Stuttgart und Leipzig. Deutsche VerlagS- anstalt.— Max K r e tz e r:„D i e Sphinx in Trauer". Roman. Berlin. F. Fontane u. Eo. Pr. 3,59 M.— Rtlbert Raberti:„Kunst". Roman. Breslau. Schlesische Verlagsanstalt v. S. Schottländer.— G u st a v Adolf Müller:„ N a u s i k a a". Drama. Berlin-Charlottenburg. Verlag Eontinent.— — Felix Philippi:„Das Erbe". Drama. 2. Aufl. Breslau. Schlesische Verlags-Anftalt v. S. Schottländer,— — Ludwig Polster:„Ines d e Castro". Drama. Breslau. Schlesische Berlagsaustalt v. S. Schottländer,— — Felix Philippi:„Das dunkle Thor". Drama. Breslau. Schlesische Verlagsanstalt v. S. Schottländer.— —„Fabeln und Parabeln des Orients". Der türkischen Sammlung humajun name entnommen und ins Deutsche übertragen von S o u b y- B e h. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Rieder Pascha. Berlin. F. Fontane u. Co. Pr. 2 M.— — Dr. A ch s ch a r u m o w:„Memoiren". Essays. Breslau. Schlesische Verlagsanstalt v. S. Schottländer.— Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck«ud Verlag: Vorwärts Buchdrucker« und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.