Hlttterhattungsblatt des vorwärts Nr. 64._ Mittwoch, den 1. April. 1903 (Nachdruck verboten.) 26) Das Geld» Roman von Emile Zola. Möglichst schnell mußte Viktor aus diesem schmählichen Schmutz herausgezogen und dort untergebracht werden, lim ein neues Leben zu beginnen. Karoline saß immer noch bebend da Zugleich mit diesem Entschlüsse reifte in ihr ein Gedanke voll echt weiblichen Zartsinns, nämlich Saccard noch nichts zu sagen und ihm das kleine Ungeheuer nicht eher vorzuführen, als bis sie es etwas abgehobelt hätte. Denn sie schämte sich gleichsam für ihn dieses grauenhaften Sprößlings, ihr that die Beschämung wehe, die Saceard hätte cnipfindeu müssen. -Ohne Zweiscl würden ein paar Monate genügen; dann wollte sie reden und ihrer guten That sich freuen. Die M�chain begriff dies schwer. „Mein Gott, Atadame, wie Sie belieben... Allein, meine sechstausend Frank will ich sofort haben. Viktor wird mein Haus nicht verlassen, wenn ich nicht meine sechstausend Frank habe." Bei dieser unbescheidenen Forderung war Frau Karoline dein Verzweifeln nahe. Sie besaß die Summe nicht lind wollte natürlich nicht den Vater darum angehen. Bitten und Ein- wände blieben erfolglos. „Nein, lieiu! Hätte ich mein Pfand nicht mehr, dann hätte ich auch das Nachsehen... Ich kenne das!" Als sie schließlich merkte, daß die Summe zu hoch sei und sie nichts erzielen könnte, ließ sie etwas nach. „Wohlan! Geben Sie inir zweitausend Frank sofort. Für das übrige will ich warten." Frau Karolinens Verlegenheit blieb indessen die gleiche; sie fragte sich, woher sie diese zweitausend Frank nehmen sollte, als ibr der plöhliche Einfall kam, sich an Marime zu wenden. Sie kämpfte nicht dagegen an. Marime würde schon einwilligen, Mitwisser des Geheimnisses zu sein, er konnte sich nicht weigern, diese kleine Summe vorzustrecken, die sein Vater ihm sicherlich zurückzahlen würde. Sie ging fort und kündete an, sie werde am folgenden Tage Viktor abholen. Es war erst fünf Uhr. So fieberhast war ihr Verlangen, mit der Sache fertig zu werden, daß sie dem Kutscher beim Einsteigen Mariines Wohnung angab, Avenue de I'Imp6ratrice. Bei ihrer Ankunft daselbst hörte sie vom Diener, daß der Herr beim Ankleiden sei, daß man sie aber anmelden wolle. Iii dein Salon, in welchem sie warten mußte, fühlte sich Frau Karoline zuerst betäubt. Das kleine Hotel war mit ans- gesucht verfeinertem Lurns und Komfort ausgestattet, Tapeten und Teppiche waren allenthalben verschwendet, uiid die lau- warme Stille der Gemächer hauchte einen feinen Ambraduft aus. Hier wohnte eS sich nett, zärtlich und verschwiegen, ob- gleich keine Frau da war; denn der jugendliche Witwer, durch den Tod seiner Frau bereichert, hatte sein ganzes Leben aus- schließlich für den Kult des eignen Ich eingerichtet und als ge- wilzigter Mann jeglicher Neuteilung die Thüre verschlossen. Diesen Lebensgenuß, den er einer Frau verdankte, wollte er durch keine zweite sich verderben lassen. Selbst des Lasters überdrüssig, naschte er nur mitunter daran, wie an einem ihm wegen seines jämmerlichen Magens verbotenen Dessert. Schon lange hatte er seinen Plan aufgegeben, in den Staats- rat einzutreten; ja er ließ sogar keine Pferde mehr laufen, da diese ihn ebenso sehr wie die Mädcheit übersättigt hatten. So lebte er allein, in Untätigkeit und ungetrübtem Glück; er verbrauchte seinen Reichtum mit aller Kunst und Vorsicht, eigensüchtig wie ein verderbter, von andern unter- haltener Lebemann, der ernsthaft geworden ist. „Wenn die gnädige Frau mitkommen wollen," sagte der wieder eintretende Diener.„Der Herr wird Sie sofort in feinem Zimmer empfangen." Frau Karoline stand auf vertrautem Fuße mit Maxime, seitdem dieser sie als treuen Verwalter schalten sah, so oft er hei seinem Vater speiste. Beim Letreten des Zimmers fand sie die Gardinen heruntergelassen; sechs Kerzen brannten auf dem Kaminsims sowie auf einem Nippestisch und beleuchteten mit ihrer ruhigen Flamme dieses Nestchen aus Flaumfedern und Seide, ein übertrieben molliges Gemach, ähnlich dem einer üppigen„Schönen", mit seinen tiefen Sesseln und dem ungeheuer großen Bett nnt den schwellenden Kissen. Das war das Lieblingsgemach. in welchem der Hausherr eine ver- schwenderische Menge kostbarer Möbelstücke und wundervoller Kunstsachen aus dem vorigen Jahrhundert angebracht hatte, die inmitten eines wonnigen Gewühls feiner Stoffe dahin- gegossen und verloren umherlagen. Aus der weitgcöffneten Thüre zum Badezimmer trat seht Marime und fragte: „Was ist denn los? Papa ist doch nicht tot?" Beim Verlassen des Bades hatte er einen eleganten Anzug von weißem Flanell übergeworfen; seine Haut war frisch und duftend; aus seinen, hübschen, schon abgelebten Mädchenkopf mit dem hohlen Schädel blickten helle, blaue Augen in die Welt. Durch die verschlossene Thüre hindurch konnte man noch das Tröpfeln des Hahnes über der Wanne vernehmen, während aus dem lauen Badewasser ein starker Blumenduft aufstieg. „Nein, nein, etwas so Ernsthaftes ist es nicht," erwiderte sie, von dem ruhig scherzenden Ton der Frage betroffen. „Was ich Ihnen zn sagen habe, bringt mich gleichwohl etwas in Verlegenheit... Sie entschuldigen wohl, daß ich so zu Ihnen hereingeschneit komme..." „Ich bin zwar zum Essen eingeladen, aber ich habe schon noch Zeit, mich anzuziehen. Also, was ist los?" Er sah sie erwartend an. sie aber zauderte seht und stammelte, durch diesen großen LuxuS, diese raffinierte Genußsucht ergriffen, wovon sie sich umringt fühlte. Feigheit kam über sie. sie fand ihren rückhaltlosen Mut nicht mehr. War. es möglich, daß das Leben, welches dort im Kot der Eit6 de. Naples für den Sohn des Zufalls so hart war, für diesen hier sich so verschwenderisch zeigte und ihn mit so künstlerischem Reichtum umgab? So viel greulicher Schmuh, der Huuger und die unvermeidliche Verkommenheit auf der einen Seite. auf der andern dagegen diese Verfeinerung, dieser lleberflnß und das herrliche Leben! Sollte wirklich das Geld allein Bildung, Gesundheit und Verstand verleihen? Und wenn der gleiche menschliche Schmuh überall als Untergrund sich findet, besteht da nicht die ganze Civilisation in dem Vorzug, daß man fein riecht und üppig lebt? „Mein Gott! Es ist eine ganze Geschichte. Ich glaube. daß ich wohl daran thue, sie Ihnen zn erzählen... Zudem sehe ich mich dazu genötigt, ich bedarf Ihrer." Maxime hörte zuerst stehend zu: bald mußte er sich niedersetzen, da die Verwunderung ihm die Beine lähmte. Als sie ausgeredet hatte, rief er aus: „Wie? wie? Ich bin also nicht der einzige Sohn? Da kommt mir nun ein abscheuliches Brüderchen vom Himmel hcrabgeregnet, ganz unverhofft und unversehens!" Sie glaubte, daß er dies aus Eigennutz sagte und wars eine Anspielung über die Erbschaftsfrage hin. „Pah! Papas Erbschaft..." Und er begleitete diese Worte mit einer spöttisch sorglosen Geberde, deren Sinn sie nicht begriff. Wie? Was meinte er damit? Glaubte er denn nicht au die gewaltigen Eigenschaften und an den sicheren Erfolg seines Vaters? „Nein, nein, mein Geschäft ist gemacht, ich brauche niemand... Aber die Sache ist wirklich so komisch, daß ich nicht umhin kann, darüber zu lachen." Er lachte in der That. aber im Innern war er ärgerlich und geängstigt; der selbstsüchtige Mann hatte noch nicht Zeit gefunden, darüber nachzudenken, was ihm dieses Abenteuer Gutes oder Böses bringen könnte. Er glaubte abseits zu sein. und es entschlüpfte ihm ein rücksichtsloses Wort, welches sei» ganzes Wesen kennzeichnete. „Eigentlich kann mir die ganze Sache Wurst sein." Dann erhob er sich, trat ins Badezimmer und kam sogleich mit einer Nagelfeile ans Schildpatt wieder hervor, mit welcher er sich die Nägel sanft abrieb. „Was wollen Sie nun mit Ihrem Ungetüm anfangen? Man kann es doch nicht in die Bastille stecken, wie den Mann mit der eisernen Maske." Jetzt erwähnte sie die Rechnungen der Machain und setzte. ihren Plan auseinander, Viktor in das„Heim der Arbeit" auf- nehmen zu lassen. Dann bat sie um die zweitausend Frank. Aber er schlug sie ihr rundweg ab. „Ich! Papa etwas vorstrecken? Im Leben nicht! Nicht einen Sou!... Hören Sie, ich hab's geschworen, hätte Papa einen Sou zu Brückengeld nötig, so würde ich ihm denselben nicht leihen... Begreifen Sie doch! Es giebt Dummheiten, die gar zu dumm sind, und ich mag mich nicht lächerlich machen." Von neuem schaute sie diesen Menschen an, verwirrt ulier seine hässlicheu Airdeutungen. In diesem Augenblick der Er- reguug hatte sie indes weder Lust noch Zeit, ihn weiter auszufragen. „Und mir?" versevte sie furz,„würden Sic mir diese zweitausend Frank vorstrecken?" „Ihnen, Ihnen?..." Hübsch vorsichtig rieb er an der Nägeln Weiler und f>e- trachtete Frau Karoline mit seinen hellen Augen, welche die Frauen bis auss Herzblut durchforschten. „Ihnen? meinetwegen... Ihnen bindet man einen Bären aus und ich bekomme mein Geld.zurück." Tann holte er die zwei Barcknoteil aus einem Kästchen: sobald er sie ihr übergeben hatte, ergriff er ihre beiden Hände uird behielt sie eine Zeitlang mit zutraulicher Freundlichkeit in den seinigen, wie ein Stie-suh». der ieir.c Stiefmutter wohl leiden mag. „Sic machen sich Illusionen über meinen Papa!.. O, wehren Sic sich nicht, in Ihre Angelegenheueit mische ich mich nicht weiter... Tic Frauen sind so sonderbar! In der Auf- opferung finden sie mitunter ihre Erholung; natürlich haben sie ganz recht, wenn sie dann ihr Vergnügen nehmen, wo sie cs sindeit... Gleichviel, sollte Ihnen einsünals mit Undank gelohnt werden, dann kommen Sie nur zu mir, und wir reden miteinander." Als Frau Karoline wieder in ihrer Droschke saß, von der weichen, lauen Lust im kleinen Hotel und von dem Heliotropen- duft noch betäubt, der ihre Kleider durchdrang, überlief sie ein leichter Schauder, als käme sie aus einem verdächtigen Ort; auch war sie von den halben Audeutuugeu und den Witzeleien des Sohnes über seinen Vater erschreckt, so daß ihr Verdacht vcn einer heillosen Vergangenheit sich steigerte. Aber sie wollte nichts weiter wissen: sie hatte ja das Geld und fand ihre Beruhigung darin, daß sie den morgigen Tag derart einteilte, daß schon am Abend der Knabe aus jenein Lasterleben gerettet wäre. Deshalb mußte sie ihre Gänge schon am Vormittag an- treten; denn allerlei Förmlichkeiten gab es zu erfüllen, ehe sie siahcr war, daß ihr Schützling im„Heiin der Arbeit" Auf- nähme fand. Ihre Stellung als Schnftsühreriii des Aus- sichtsrats, den die Fürstin von Orviedo bei der Gründung aus zehn Damen der Gesellschaft zusammengesetzt hatte, erleichterte diese Förmlichkeiten wesentlich. Nachmittags war die Sache schon so weit, daß sie nur noch Vittor ans der Cil6 de Naples abzuholen brauchte. Sie hatte für ihn anständige Kleidung mitgebracht. Eigentlich war sie nicht frei von Sorgen wegen des Wider- siandes, auf welchen man beim Jungen stoßen würde, der von der Schule nichts wissen wollle. Aber schon auf der Schwelle teilte ihr die M6chain, welche von ihr' telegraphisch benach- nchttgt worden war und sie daher erwartete, eine Nachricht mit, von welcher sie selbst tief erschüttert war: in der Nacht war Mutter Eulalic plötzlich gestorben, ohne daß der Arzt die Todesursache genau bezeichnen konrne. Indessen stellte die M6chain ihre Bedingungen, während sie eine Quittung über die zweitausend Frank schrieb. „Also abgemacht, nicht wahr? Sie machen die sechs- tausend nach Ablauf von sechs Monaten mit einer Zahlung voll... Andernfalls wende ich mich an Herrn Saccard." „Aber," versetzte Frau Karoline,„twrr Saccard selbst wird Sie auszahlen... Heute bin ich einfach sein Stell- Vertreter." Ter Abschied Viktors von seiner alten Base war nicht zärtlich; nachdem sie ihn auss Haar getüßr hatte, stieg der Junge hastig in den Wagen ein, während die Möchain, welche inzwischen von Busch ausgezankt worden war. weil sie sich zur Annahme einer Abschlagszahlung verstanden hatte, mit dunipfeni Knurren ihrem Unmut darüber Ausdruck gab, daß ihr Pfand ihr so weggenommen wurde. „Also, Madame, seien Sie redlich mit mir, sonst werden Sie es zu bereuen haben, das schwöre ich Ihnen." Auf der Fahrt von der Cit6 de Naples zum„Heim der Arbeil" ain Boulevard Bineau konnte Frau Karoline nur einsilbige Antworten aus Viktor herausbekommen, dessen leuchlende Augen die Straße, die langen Brnimreihm, die Vorübergehenden und die reichen Gebäude verschlangen. Er konnte kaum lesen und gar nicht schreiben, da er immer wieder die Schule geschwänzt hatte, um bei den Festungswerken sich uniherzulreibeu. So sprachen aus dem Antlitz dieses zu früh gerciftcn Knaben nur die cmgeerbtcn ungestümen Triebe, eine hastige und gewaltthatige Gier nach Genuß. Am Boulevard Bineau bekamen die Augen des jugendlichen Raubtiers einen stärkeren Glanzschimmer, als er den Wagen verließ und über den großen Hof schritt, welchen rechts und links die Gebäude der Knaben- und der Mädchenabteilung umgaben. Mit einem Blicke hatte er schon die mit stattlichen Bäumen bepflanzten geräumigen Spielplätze durchmustert, die mit Faycnceplatlen belegten Küchen, aus deren geöffneten Fenstern Bratenduft strömte, die marmorgeschmückten Speisesäle, die lang und hoch waren wie das schiff einer Kapelle,— diesen ganzen fürstlichen Prunk, womit die Annen durch den Willen der eigen- sinnig auf Wiederersatz beharrenden Fürstin beschenkt sein sollten. Hierauf gelangte er nach dem Hauptgebäude im Hintergnntd, welches die Verwaltung einnahm, und wurde zur Erledigung der üblichen Ausnahmsförmlichkeiten von Dienst- zweig zu Dienstzweig gefi'chrt; er lauschte dem Widerhall seiner neuen Schuhe längs der endlosen Gänge, der breiten Treppen, der licht- und stistubersluteten Ausgänge, die an reiche Paläste gemahitten. Seine Nüstern erzitterten, alles dies sollte ihm angehören. Als Frau Korolinc wieder in das Erdgeschoß herunter mußte, um eine Unterschrift einzuholen, und beiden einen neuen Gang entlang gingen, sühne sie ihn vor eine Glas- thüre; durch diese sah er Knaben seines Alters in einer Werk- statte an großen Tischen stehen, wo sie Holzschnitzerei er- lernten. „Siehst Tu. mein junger Freund," sagte sie,„hier wird gearbeitet, weil man arbeiten muß, wenn man gesund und glücklich sein will... Abends wird Schule gehalten, und ich rechne darauf, nicht wahr? daß Du artig sein und gut lernen wirst... Du hast selbst übe? Deine Zukunft zu entscheiden, eine Zukunft, wie Tu nie eine erträumt hattest." Eine dunkle Falte hatte sich über Viktors Stirne gelegt. Cr gab keine Antwort und warf mit den Augen eines jungen Wolfes auf diese zur Schau gestellten und verschwendeten Reichlümer nur die schiefen Neiderblicke eines Banditen; alles das wollte er haben, aber ohne etwas zu thun, er wollle es mit der Kraft seiner Klauen und seiner Zähne erobern und sich damit sättigen. Von da ab war er nur noch als Widerspenstiger da, als ein Gefangener, der von Diebstahl und Flucht träumt. „Ietzl ist alles geordnet," begann Frau Karoline wieder. »Wir wollen hinauf in den Bädersaal." ES war üblich, daß jeder neue Zögling bei seinem Eintritt ein Bad nahm. Die Wannen standen oben in Kabinetten neben der Krantenabteilung: diese selbst, aus zwei kleinen Schlassälen, einem für die Mädchen und einem für die Knaben bestehend, stieß an die Weißzeugkammer. Hier schalteten und walleten die sechs Ordensschwestern, in dieser prächtigen Weiß- zeugkammer ganz aus poliertem Ahorn, mit den drei Reihen tiefer Schränke, sowie in den musterhaft gehaltenen Kranken» sälen von makelloser Helle und Weiße, fröhlich und reinlich wie die Gesundheit selbst. Ost brachlen auch Damen des Auf- sichtsrats ein Stündchen des Nachmittags hier zu, rneuiger der Aussicht halber, als um der Anstalt einen Beweis ihrer aufopfernden Anhänglichkeit zu geben. Die Gräsin BeanvillierS saß gerade mit ihrer Tochter Alice in dem Zimmer zwischen den beiden Krankensälen. Ost brachte sie so ihre Tochter mit, um durch die Freude am Wohl- thun ihr Zerstreuung zu bieten. An diesem Tage half Alice einer der Schwestern, für zwei in der Genesung begrisfene Mädchen, denen man ein Vieruhrbrot gestattet hatte, Ein- gemachtes auf Broftchniltchen streichen. „Aha," sagte die Gräsin beim Anblick Viktors, den man hatte Platz nehmen lassen, bis sein Bad fertig war.«da kommt ein Neuer!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vcrbolcn.) Die katboUfchc Sbe. Das(KjczcrtoürfmJ im sächsischen Königshause, das infolge der Fluchl der nroirprinzessin Luise unlängst die Aufmerisainkclt der weiteste!» Vollslreise aus sich zog rurd gegenwärtig noch ans sich zieht, hat zugleich auch daS Institut der katholischen Ehe den» öffentlichen Jnteresie näher gerückt. ES mag daher eine eingehendere Darlegung von dem Wesen und den vielfach eigenartigen Bestimmungen dieser Einrichtung angezeigt erscheinen. Die Ehe ist nach katholischer Auffassung ein Sakrament. Der katholischen Dogmatil zufolge ruht das Wesen eineö Sakraments in einen» äusieren, von Christus eingesetzten Zeichen, durch das innere Gnaden erteilt und vermittelt werden. Die Erhebung der Vernagsehe Of des alten Bundes zu einen, Sakrament folgert man aus den be- Icmmcri, Bei MatthaeuS(V. 27 f.) nntgeteilten Worten Christi an die Pharisäer:„Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ick) aber sage euch, daß ein jeder, der ein Weib mit Begierde nach ihr anficht, schon die Ehe mit ihr gebrochen hat." Als äußeres Zeichen gilt die Willenserklärung der Brautleute, init einander die Ehe eingehen zu wollen. Die be? anderen Gnaden beziehen sich auf die drei Güter der christlichen Ehe, als welche von den Theologen bezeichnet werden, 1. das bonum prolis, d. h. die Er- zeugung und christliche Erziehung von Kindern, 2. das bonum fidei, d. h. die eheliche Keuschheit und Treue in der ausschließliche!, gegen- jeiligen Gewährung des Geschlechtsverkehrs und 3. das bonum Kacramenti, d. h. die gegenseitige Liebe der Ehegatten und die Un- auflösbarkeit des ehelichen Bandes. Wiewohl daher der Zweck der Ehe zunächst in der Erziehung einer Nachkommenschaft liegt, so hört die Ehe doch nicht auf, eine Ehe zu sein, wenn aus irgend welchen Gründen die Erzeugung von Kindern unmöglich oder der Geschlechts- Umgang unter beiderseitiger Einwilligung der Gatten nicht ausgeübt loird. Voraussetzung für den sakramentalen Charakter der Ehe ist in erster Linie, daß beide Teile getaust find; Ehen von llngctausten find zlvar mich kirchlich gültig, gelten jedoch nicht als Sakrament. Daher findet auch, wenn andersgläubige Eheleute zum katholischen Bekenntnis übertreten, nachträglich keinerlei kirchliche Einsegimng mehr statt. Das Tridentinischc Konzil hat es ausdrücklich als katholisches Dogma erklärt,„daß die Gesctzgcbiuig und Jurisdiktion über die Jrage der Gültigkeit und Ungültigkeit und über die persönlichen Wirkungen der Ehe wesentlich der Kirche zustehen". Der Bürger- lichen Gewalt wird nur die Befugnis zuerkannt, hinsichtlich der bürgerlichen Wirkungen der Ehe Verfügungen zu treffen. Daher wird die kirchlich gültige Ehe unter Christen, das Ehesakrament als matrimonium ratum skanonische Ehe) von der bürgerlich gültigen Ehe als matrimonium legitimum(GesetzeSehe) scharf geichiedcn. Der springende Punkt jedoch ist, daß die Ehe begründet wird durch die WillcnSeinigung der Brautleute und den hierdurch ge- fchloffenen Vertrag, an den ausschließlich der sakramentale Charakter der Ehe geknüpft ist. Als Vermittler deS Sakraments fungiert also nicht der die Ehe einsegnende Priester, sondern die Brautleute seldst, die sich durch ihre Willenserklärung das Sakra- ment gegenseitig spenden. Dieser Umstand, daß der Abschluß der sakramentalen Ehe lediglich durch die Willenseinigung der Braut- lcute bedingt ist, machte vor dem Tridcnliner Konzil das Eingehen sogenannter„formloser" Ehen leicht und häufig. Aus denselben Grunde erklärt sich auch die eigenartige Stellung, welche die katholische Auffassung den, der Ehe in der Regel vorhergehenden Verlöbnis zuweist, das gegebenenfalls ohne weiteres m eine, wenn auch formlose, so doch sakramentale, und also kirchlich gültige Ehe übergehen kann. Verlöbnis ist nach kirchlichem Recht das gegenseitige Versprechen zlveicr Personen, künstig eine Ehe mit einander schließen zu wollen. Wie die Bedingungen über die Gültigkeit einer Ehe, so gehöre» auch die über die Gültigkeit eines Verlöbnisses vor die geistliche Gerichtsbarkeit. Wer das siebente Lebensjahr erreicht hat und das seinem Alter entsprechende Maß von Venmnft besitzt, ist fähig ein Verlöbnis ein- zugehen: die etwa mangelnde Einwilligung der Eltern macht das Verlöbnis nicht schlechthin unmöglich, dock) kann sie später einen Grund zum Rücktritt abgeben. Sind beide Teile noch geschlechtlich unreif, so ist das Verlöbnis bis zum Einttitt der Geschlechtsreife anstecht zu erhalten, kann dann jedoch von dem mündig Gewordenen rückgängig gemacht werden. Dieses Recht zum Riickmtt gilt jetzt auch für Verlöbnisse, die von Eltern fiir ihre unmündigen Kinder abgeschlossen werden, während das ältere Kirchenrecht dieselben so ansah, als wären sie von den Kindern selbst rmd zwar nach erlangter Pubertät eingegangen worden. Ein Verlöbnis verpflichtet nach kanonischein Recht wie zur Treue so zur Eheschließung. Eine sogenannte Arrha, eine uiunittelbare Hingabe an den andren Teil zum Zeichen des abgcschloffenen Verlöbnis, es und um den formalen Vollzug der Ehe zu sichern, ist dein kirchlichen Rechte zufolge statthaft. In den Gegenden, wo tue Tridentinischc Vorschrift über die Forn: der Ehe- fchließung nicht publiziert ist, wo also noch daS ältere kanonische Recht gilt, geht ein Verlöbnis durch Beischlaf unter den Verlobten zufolge der Präsumtion, daß damit eine beiderseitige Willenserklärung für den Abschluß der Ehe gegeben sei. oder durch jeden andern„form- losen", wenn sonst nur in genügend erkennbarer Weise ausgetauschten Ehckonseus in eine wirtliche, kanonisch gültige Ehe über. Im allgcn, einen jedoch verlangte die Kirche von jeher die Ein- gchnng der Ehe in lacio ecclesiae, im Angesichte der Gemeinde. Damit nun euvaige Ehehindcrnisse leichter entdeckt werden könnten. hatte sich schoir stüher in einzelnen Diözesen die Gewohnheit heraus- gebildet, der Trauung ein Aufgebot der Brautleute vorhergehen zu lassen. Das vierte Laterankonzil vom Jahre 1215 machte diese Titte zur allgemeinen Kirchenvorschrrft. Das Tridentinum bestättgte dieselbe und bestimmte näher, daß das Aufgebot an drei aufeinander folgenden Sonn- oder Feiertagen beim Hauptgottesdienst von dein Pfarrer oder dessen Stellvertreter an den Orten, wo die Verlobten ihren Wohnsitz haben, erfolgen müsse. Die Forderung deS Aufgebots wird- strenge gehandhabt und nur in bestimmte» und genau umgrenzten Fällen soll von derselben dispensiert werden. Den Pfarrer, der ohne vorheriges Aufgebot eine Trauung vollzieht, trifft dreijährige Suspension vom Amt; die Unterlassung des Aufgebotes ohne Dispens macht die Ehe zwar nicht ungüliig, doch sollen die Eheschließcnden, falls sich später ein EhehindermS herausstellt, nach den Beftnmmmgm deS Tridenttnums niemals dispensiert werden, eine Vorschrift, die der päpstliche Stuhl freilich stillschweigend gemildert hat. Ter Ab- schluß der Ehe selbst kann gleichfalls nach den Bestimmungen des Trideutiner Konzils nur vor dem zuständigen Pfarrer in Gegenwart zugleich von zwei Zeugen erfolgen. Allerdings gilt diese Vorschrift nur dort, wo das Tridentinffche Dekret über die Reformation der Ehe und zwar ausdrücklich als TridcntinischeS Gesetz publiziert worden ist. Dort, wo die Tridentinffche Forin der Eheschließung beobachtet werden muß, ist ein in andrer Weis« er- folgender Willensaustausch zwecks Abschluß einer Ehe ein völlig wirkungsloser Akt, aus dem nicht einmal ein Verlöbnis im ttrch- lichen Sinuc enffteht. Zur Gültigkeit der Ehe genügt die sogenanme passive Assistenz des Pfarrers, der lediglich als Nrkundspcrson die Erklärung der Ehcschließenden wahrnimmt. Abgesehen von Misch- eben leistet der Pfarrer jedoch durchweg eine sogenannte aktive Assistenz, d. h. er nimmt eine förmliche Trauung vor, indem er unter Beobachtung des kirchlichen Ritus die Brautleute zusammcnspricht und ihre Ringe sowie das Ehebündnis segnet, Eeremonien, die freilich für die Gültigkeit der Ehe von keinem Belang sind. Ist die Eingehung einer Ehe vor dem Pfarrer unniöglich, weil ein solcher nicht vorhanden ist, ein Fall, der sich unter der Herrschaft der Maigesetze von 1373 in Preußen wiederholt ereignet hat, so kann eine kirchlich gültige Ehe auch durch bloße Erklärung vor zwei Zeugen geschlösicn werden. Wesentlich hierbei ebenso wie bei der Eheerklärung vor dem Pfarrer ist jedoch, daß zloei Zeugen gleichzeirig gegenwärtig sind, da sonst eine gültige Ehe nicht zu stände kommt. Damit Ehen von Protestanten vor dein katholisch kirchlichen Forum als güllige Ehen bewachtet Iverdcn können, wird erfordert, daß sie gleichfalls in der Tredentinischen Form geschlossen sind. Jedoch giebt eS Gegenden, für welche zufolge päpstlicher Deilaranon die Tridenttnischen Vorschriften, weil ungenügend publiziert, leine Anivendung finden, sowie solche, für die der Papst generell einen DiSpenS erteilt hat. So hat Benedict XIV. 1741 für Holland und Belgien deklariert, daß in diesen Ländern die Vorschriften des Konzils von Trient nicht beobachtet zu werden brauchen. Das- selbe gilt für Irland, Russisch-Polen, Kanada und einige andre überseeische Länder; in Deutschland für Breslau. Kulm, Köln, Trier. Münster und Paderborn. In den vier letztgenannten Bistümern handelt es sich fteilich mir um einen Dispens rn Mischehen. Eine kirchlich gülttge Ehe kam, nur geschlossen werden, wenn keine trennenden Ehehindernisse, d. h. Gründe, welche die Gülttgkcit der Ehe ausschließen, vorliegen. Reben diesen giebt es sogenannte aufschiebende Ehchinderniffe, Gründe, welche die Ehe zwar unerlaubt, d. h. nur unter schwerer Sünde vollzichbar. aber nicht ungültig machen. DaS Konzil hat es als katholischen Glaubenssatz auS- gesprochen, daß eigentliche Ehehiudenusie nur von der Kirche auf- gestellt werden können; wo der Sraat solche anfftellt, gelten dieselben nur als auffchicbende Hindernisse, als Eheverbote. Die Ehe- Hindernisse basieren mm entweder ans dein Naturrecht und sind als» dam, indispensabel, da sie vom kirchlichen Standpunkt auch für Juden und Heiden gelten, oder auf dem menschlichen Recht, aus der biosyn kirchlichen Gesetzgebung. Eine Ehe wird ungültig gemacht dnrch n, angelndes Bewußlscin, d. h. wenn einer der Eheschließcnden, sei es infolge geistigen Defekts, Nmnündigkcit i». ä., kein Verständnis von den, Wesen und der Bedeutung der Ehe besaß. Ferner wird die Ehe nach kauoin- schcm Recht vernichtet durch wesentlichen Jrrtimi. wenn derselbe die Jdemttät der Person oder„eine solche Eigenschaft des andren Teils betraf, durch welche allein nach Lage der Umstände die Individualität der Person bestimmt wurde". Da aber nach kanonischem Recht der Irrtum über andre Eigenschaften, sogar der Irrtum über Schwangerschaft von einem andren oder rntehrciidc Verbrechen des andren Teils die Ehe nicht nichtig macht, so begreift man. lvelchc Weilherzigkeit, die allerdings fürstlichen Persönlichkeiten gegenüber von der katholischen Kirche durchweg geübt wird, dazu gehört, diesen Grund im sächsischen Ehezwist zur Basis der Nichtigkeitserklärung der Ehe zu nehmen. Ungültig wird ferner die Ehe, wenn einer der Kontrahenten die Ehe gezwungen geschlossen hat, d. h. wenn wirkliche Uebel gegen ihn oder seine Angehörigen angedroht wurden und der Bedrohte keine andren Mittel der Ablvehr besaß, wenn eine Enfführnng vorliegt, wenn die Ehe mit bischöflicher Genehmigung unter einer auffchiebcnden Be- dingung geschlösicn war und diese letztere eintritt, wobei freilich sich die Parteien der Vollziehung der Ehe durch Geschlechtsverkehr enthalten haben müssen, lvcnn die Ehe vor dem kanonischen Alter, das beim weiblichen Geschlechr 12, beim männlichen 14 Jahre beträgt, eingegangen ward. Ein trennendes Ehehiudernis ist des wcitcrci« das Unvermögen, nicht die bloße Unftiichtbarkeit, sondern die Umöglichkeir der vollständigen Geschlcchtsvcrcinigung. doch muß diese schon vor der Ehe vorhanden lind gar nicht oder nur durch eine lebeusgcsährlichc Operation oder ans nicht erlaubte Weise zu heben sein. Weitere Ehchindeniisie sind Blutsverwandt- schast bis zum vierrcn Grade. Schmägerschaft. die sogenannte geistliche Verwandtschaft, die zwffchcn dem Tmiscnden oder Finncndcit und dem Paten einerseits und den, Täufling bezw. Firmling und dessen Eltern andrerseits aitgenommei, wird, die höheren Weihet,, mit denci, der Einttitt in den kirchlichen Stand verknüpft ist. das OrdenSgelübdc, eine bestehende Che sowie aualisiziertcr Ehebruch oder Gattemnord. AlS wichtigstes unter den Eheverboten, von denen durchweg dispensiert werden kann. erwähnen wir lediglich die gemischte Konfession. Ehen unter Christen verschiedener Konfession sind, wenn sonst kein EhehindermS vorliegt, gültig, werden von der Kirche jcdoS mißbilligt,„weil sie den drei Gütern der christlichen Ehe widerstreiten". Gemischte Ehen werden nur erlaubt, wenn vom Papst oder vom Bischof, falls dieser dazu die nötige Vollmacht besitzt, vom Eheverbot dispensiert wird. Die Voraussetzungen eines solchen Dispenses sind, daß der Nicht- katholik eidlich verspricht, den katholischen Teil an der Ausübung seiner Religion nicht verhindern zu wollen, daß der Mchtkatholik schriftlich und eidlich verspricht, daß sämtliche Kinder dem katholischen Bekenntnisse angehören werden, daß der katholische Teil verspricht, seinen Gatten womöglich von der Wahr- heit der katholischen Religion zu überzeugen. Jedoch selbst wenn auf diese Boraussetzung hin dispensiert wird, soll nach gemeinem Kirchenrecht die Ehe doch nicht mit kirchlichen Segnungen und an„heiliger Stätte", sondern nur unter sogenannter passiver Assistenz des katholischen Pfarrers im Pfarrhause oder in der Sakristei oder im Hause der Brautleute oder dergleichen ge- schlössen werden. Die Auflösung des EhebandeS erfolgt nach katholischer Aus- fassung durch den Tod. Außer den Fällen, wo eine geschlossene Ehe für nichtig erklärt wird, kann eine Trennung von Tisch und Bett ausgesprochen iverden. Eine ständige Trennung von Tisch und Betr kann sedoch nur wegen Ehebruchs und Sodomie verfügt werden. Ketzerei und Abfall vom Glauben bedingen nach der jetziger. Praxis nur eine zeitweilige Trennung der Eheleute. Ebenso kann auf zeitweilige Trennung erkannt werden, wenn für den aus Scheidung antragenden Teil erhebliche Gefahren für sein zeitliches oder ewiges Wohl zu befürchten sind. Ins- besondere gehören dahin der Versuch, den andren Gatten zum Ber- brechen zu verleiten, körperliche Mißhandlung. Gcisteszerrüttung. langrvicrige und ansteckende Krankheit u. a. Das Verfahren zur Nichtigkeitserklärung einer Ehe ist neu geordnet in der Bulle Benedicts XIV.: Dsi misorationo vom Jahre 1741. Danach muß schon in der Voruntersuchung ein vereideter„dekorwor xnatrimouii", ein Verteidiger der Ehe zugezogen werden, der möglichst alles von Amts wegen zu erforschen und geltend zu machen hat, was zur Aufrechterhaltung der Ehe dient. Dabei soll stets für die Gültigkeit der Ehe präsumiert werden, so daß also daZ Ehehindernis vollständig zu erweisen ist. Geständnis und Haupteid der Parteien sind dabei als Belveisnnttel nicht zulässig. Bor dem Endurteil bedarf es noch einer Schlutzvcrhandlung unter der Zuziehung der Parteien und des dokensor matrimonii, um womöglich jetzt noch die Scheidung zu verhindern. Gegen das erste Urteil ist eine Appellation bis zur vierten Instanz zulässig.— Dr. H. Laufenberg. kleines feuiUeton. — Die Krähen mif de» Insel» Führ und Amrum. Philipps? n schreibt in der Wochenschrift„Rerthus"(Altona-Ottensen, Chr. Adolfs): Die»ordfriesischen Inseln zählen die Krähen nicht zu den daselbst brütenden Vögeln: denn da diese Inseln baumarm sind, so haben die auf Bäumen nistenden Vögel keinen passen Ort zum Nester- bau. Im Sommer giebt es hier deshalb keine Krähen: sowie aber' der Herbst ins Land konmit, stellen sich auch diese wieder ein und zwar besonders die Nebelkrähcn. Ihre Lebcnsgewohnheitcn sind hier ganz andre lvie auf dem Festlande, und sie vermag sich ungemein leicht in die neue Lebens- weise zu finden i sie sucht sich nämlich ihre Nahrung aus dem Watt, wo ihr ganz besonders auf den Muschelbänken zur Ebbezeit der Tisch reichlich gedeckt ist. In großen Mengen schleppt sie Miesmuscheln ans Ilfer, läßt sie teils dort liegen, bis sie sich von selbst öffnen, teils aber sucht sie die Schalen gewaltsam zu sprengen, und gerade in dieser Weise zeigt-sich die große Klugheit der Krähe. Sic nimmt die Muschel, fliegt hoch in die Luft und läßt sie auf einen Stein oder harten Gegenstand fallen, daß die Schale zer- bricht und sie dann den Inhalt bequem verzehren kann. Ist der Winter zu hart, daß auch das Watt gestiert, ivaS allerdings selten vorkomnlt, so kommt die Krähe auch in die Dörfer, und da sie von uicniand verfolgt wird, so ist sie ungemein dreist. Wenn der Abend herannaht, so suchen die 51rähen die baumreichen Dörfer Föhrs auf und kommen in großen Scharen aus dem Watt ans User geflogen. Auch auf Amrum nächtigen ivenige Krähen, da dort zu wenig Bäume sind, fast alle kommen abends nach Föhr geflogen, um hier zu über- nachten.— Die Butter im Weltverkehr. Wir lesen in der„Kölnischen Zeitung": Es ist noch nicht sehr lange her, daß die Rorniandie und die Bretagne fast allein England mit Butter versahen. Die Nähe der beiden Länder, die schnellen und bequemen Verbindungen schienen diese Lage dauernd zu sichern und jeden Mitbewcrb auszuschließen. Da erfolgte aber vor zwei Jahren ein plötzliches starke? Sinken der Preise, und es kam sogar vor, daß die Bauern wegen llcbcrfülluug des Marktes ihre Butter nicht los iverden konnten. Der Grund liegt einfach darin, daß die transsibirische Bahn in Thätigkeit getreten ist. Sibirien verschickt heute in Wagen mit Kältevorrichtungen Riesen- ,„engen von Butter nach England und teils uiimittelbar, teils durch Veranlworllichcr Redakteur: Carl Leid in Berlin.- Druck und Verlag: Vermittelung Dänemarks. Der russische Butterversand, der im Jahre IlXX) 24 000 000 Franken betrug, stieg 1901 auf 42 000 000 Franken. Dieser Handel hat einen solchen Aufschwung genommen, daß die Verwaltung der transsibirischen Bahn die Frachtsätze ermäßigt und zn den bereits vorhandenen 570 Eiswagen noch 405 neue bestellt hat. Aber die russische Butter nicht allein bietet den Normanen und Bretoncn in England einen erheblichen Wettbewerb, sondern auch die kanadische. Während die Butterausfuhr Kanadas im Jahre 1895, als die künstliche Kälte-Erzcugung noch wenig in Gebrauch war, nur 1000 Tonnen Butter ausführte, bezieht England heute von dort jährlich 11000 Tonnen im Werte von 27 000 000 Franken. Ebenso verhält es sich mit Argentinien, das 1901 1500, 1902 2700 Tonnen Butter versandte, sowie mit Neuseeland, das 1900 fiir 21, 1901 für 23 Millionen Molkerei-Erzeugnisse nach Europa ausführte.— Aus dem Gebiete der Chemie. — Verbrennung u n d Entzündung von Diamant' Graphit und Kohle. Bereits 1393 hatte der französische Chemiker Moissan während einiger Untersuchungen über die Eigen- schaften des Diamanten gefunden, daß bei der Erhitzung im Sauerstoff vor der Entzündung des Kohlenstoffs eine Entwicklung von Kohlensäure auftritt, daß also schon, bevor der Diamant mit Flamme verbrennt, eine Verbindung desselben mit Sauerstoff zu Kohlensäure erfolgt. Moissan hat nun die Frage wieder aufgegriffen und einen sehr interessanten Unterschied in der Berbrenmmgs- und Entzündungstemperatur bei den drei Modifikasionen des Kohlenstoffs, dem Diamant, Graphit und der Kohle festgestellt. Ein Kapdiamant von 102 Milligramm Gewicht wurde in die Mitte einer Porzcllanröhre gebracht und einem Strome reinen. trockenen Sauerstoffs ausgesetzt, während auf thermoclektrischein Weg die Temperatur gemessen wurde. Die Röhre ivar an ihren Enden durch Glasscheiben verschlossen, so daß man den Diamanten stetig be- obachten konnte. Bei 720 Grad begann die Bildung von Kohlensäure, die immer stärker Ivurde. Erst bei 800 Grad sah man plötzlich den Diamanten von einer Flamme umgeben, glühend und schnell blendend weiß iverden, und die Kohlensäure-Entwicklung wurde eine bedeutend schnellere. Bei andren Diamanten Ivar die Entzündungstemperatur erst 820 bis 350 Grad. Eine Umwandlung des Diamanten in eine andre Modifikation des Kohlenstoffes hat weder bei der langsamen. noch bei der schnellen Verbrennung beobachtet werden können. Die gleiche Versuchsreihe ivurde mit Graphit ausgeführt. Hier begann die Verbrennung bei 570 Grad, die Entzündung aber erst bei 090 Grad. Ein andrer Graphit begann bei 510 Grad zu verbrennen, während seine Ent- zündungsteinperatur gleichfalls 090 Grad war. Für die Versuche mit amorpher Kohle wurde aus Birkenholz dargestellte Bäckcrkohle benutzt. Hier mußte durch eine lange, mühevolle Vorbehandlung (Erhitzen und Anspunipen bei 100 Grad und 400 Grad) alles in den Poren enthaltene Gas nach Möglichkeit entfernt werden. Hier be- gann bereits bei 200 Grad die Verbrennung. Eine andre amorphe Kohle, das Acetylenschwarz, gab sichtbare Spuren von Kohlensäure- entwicklung bei 240 Grad, wurde aber erst bei 035 Grad glühend.— („Umschau".) Humoristisches. — BoShaft. Naive(eines Provinztheaters zur Freundin): „Es wird sehr gegen mich intriguicrt, aber die ältesten Herren der Stadt sind auf meiner iscite!)" Freundin:„Ach, das sind gewiß Deine Jugend- freunde!"— — Schmerze»? schrei. Pantoffelheld:„Herr Doktor, Tie verbieten inir ja noch mehr, als meine Frau!"— — Unfaßbar. Professor:„Was ess't Ihr denn hier, Stosfelbauer?" Stoffelbauer:„Knödeln, Herr Professor I" Professor:„Aber Stoffelbauer, es heißt doch„Knödel" und nicht„Knödeln"! Ich begreife gar nicht, wie Euch diese .Knödel schmecke n können, wenn Ihr nicht cininal wiff't, w i e man sie dekliniert!"— („SNeggcndorfer Blätter".) Notizen. — Das Ensemble des D e u s ch e n Theaters eröffnet am 21. April in Budapest mit Drehers Schwank„Das Thal des Lebens" ein G a st s p i e l, das am 30. April beendet sein wird.— — Das Trianon-Theater, das am 1. Juni seine dies- jährigen Vorstellungen schließen wollte, wird den ganzen Sommer hindurch spielen.— — Oskar Wildes Schauspiel„Lady Winder m eres Fächer" fand bei der Aufführung im Mannheimer Hof- t h e a t e r großen Beifall.— — Rezniczecks Oper„Till E u l e n s p i e g e l" geht als letzte Novität dieser Spielzeit am 28. April im Opernhause in Scene.— — Die schwedische Geographische Gesellschaft beschloß, dem Polarforscher A n d r ö ein Denkmal zu er- richten.—__ Zorwärts Buchdruckerei und VerlagSanstalt Paul Singer de Co., Berlin 3\V.