Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nrv 69.__ Mittwoch, den 8. 5chiit. 1903 (Nachdruck vsrboirn.Z Das Geld. Roman von Emile Zola. Schüchtern wart der Abgeordnete ein, das; ja drüben im Orient die Empfehlung de* Mnister* dem Ingenieur Hamelin sehr viel genützt, ihm alle Thüren geöffnet und auf gewisse Persönlichkeiten einen Druck ausgeübt habe. „Lassen Sie mich doch in Ruhe! Er tonnte nicht anders... Hat er mir aber jemals vor einer Hausse oder einer Baisse eine Nachricht zukommen lassen, er. der alles so gut wissen miisz? Besinnen Sie sich doch! Iwanzigmal habe icli Sie beauftragt, ilm auszuhorchen,— Tie sehen ihn ja alle Tage �— und Sie haben mir noch die erste gute und nützliche Nachricht zu bringen... Und was wäre dabei, wenn Sie nur bloß ein Wort hinterbringen würden?" „Allerdings, aber er siebt so etivas nicht gern, er meint. das seien Börsenjobbereien, die man stets zu bereuen hat." „Ach was! Hat er denn Gundermann gegenüber der- gleichen Bedenken? Mit inir spielt er den Ehrlichen und an Gundermann schickt er die Nachrichten." „Ja. der Gundermann! Sie brauchen alle den Gunder- mann: ohne ihn könnten sie keine Anleihe zu Wege bringen." Jetzt jubelte Saccard laut auf und schlug in die Hände. „Da haben wir's also, Sie gestehen es! Das Kaiserreich ist an die Juden verkauft! Unser gesamtes Geld ist dazu da. uni zwischen ihre gierigen Krallen zu geraten. Der Universelle bleibt nichts mehr übrig, als vor ihrer Allmacht in den Staub zu sinken!" Und jetzt machte er seinem ererbten Indenhasse Luft und zog wiederum gegen dieses Geschlecht von Schacherern und Wucherern los, das seit Jahrhunderten mitten durch die Völker dahinschreitet und deren Blut saugt wie die Krätzmilben, ein Geschlecht, das, unbekümmert darum, ob es angespien und geschlagen wird, auf die sichere Eroberung der Welt auszieht, die einstmals durch die unüberwindliche Macht des Goldes in seinen Besitz übergehen wird. Besonders erbittert zeigte er sich gegen Gundermann in- folge seines alten Grolls, seines unerfüllbaren und rasenden Wunsches, ihn niederzuschmettern, trotz seiner Voratniung, daß dieser Mensch der Prellstein sein würde, an dem er zerschellen sollte, wenn er jemals in einen Kampf sich einließe. O! dieser Gundermann! im Herzen ein Preuße, obwohl in Frankreich geboren! Offenbar waren alle seine Wünsche für Preußen, und er hätte dasselbe gern mit seinem Gelde unterstützt! Vielleicht unterstützte �r Preußen insgeheim! Hatte er nicht eines Abends in einem Salon sich zu dem Ausspruch ver- stiegen, wenn je zwischen Preußen und Frankreich ein Krieg ausbräche, würde letzteres große Mühe haben, zu siegen? „Ich habe die Geschichte satt, verstehen Sie mich. Huret? und merken Sie sich's: wenn mein Bruder mir keinen Nutzen bringt, so will ich ihm auch nichts niehr nützen... Erst wenn Sie mir ein gutes Wort von ihm gebracht haben, ich meine .eine Nachricht, aus der wir Vorteil ziehen können, erst dann gestatte ich Ihnen. Ihre Loblieder zu seinen Gunsten wieder aufzunehmen. Ist das klar?? Das war nur zu klar. Jantrou. der unter der Hülle des politischen Theoretikers seinen alte» Saceard wiederfand, begann von neuem, sich mit den Fingerspitzen durch den Bart zu fahren. Huret aber, aus seiner vorsichtigen normännischen Bauernpfiifigkeit gerüttelt,, schien in großer Verlegenheit zu schweben. Denn auf beide Brüder hatte er sein Glück ge- setzt und hätte sich am liebsten mit keinem von beiden über- werfen. „Sie haben Recht," murmelte er,„wir wollen einen Dämpfer auflegen, um so mehr als wir ja die Ereignisse ab- warten müssen... Ich verspreche Ihnen, niein möglichstes zu thun, um vertrauliche Mitteilungen von dem großen Mann zu erhalten. Bei der ersten Nachricht, die ich von ihm er- fahre, springe ich in einen Wagen und bringe Ihnen dieselbe." Schon nahm Saccard, der seine Rolle ausgespielt hatte/ einen scherzenden Ton an. „llm Euretwillen thu ich's ja, Ihr lieben Freunde... I ch habe immer wieder alles verspielt und habe stets eine Million jährlich verjubelt." Tann kam er wieder auf die Reklame zu sprechen. „Sagen Tie'mal, Iantron, Sie sollten Ihren Börsen- bericht etwas heiterer gestalten... Sie wissen ja, einige Späße. einige Kalauer. Das Publikum lieft so etwas gern, und nichts Hilst so viel wie der Witz, alles Mögliche glanhhaft zu machen... Nicht wahr? Also Kalauer vor allem!" Jetzt wurde der Zeitungsleiter ärgerlich. Er bildete sich nämlich auf seine litterarische Vornehmheit etwas ein. Gleich- wohl mußte er das Gewünschte versprechen. Mittlerweile war Jordan endlich mit seinem Aufsatz fertig geworden. Er fühlte sich von der Ungeduld erfaßt. seine Frau wiederkommen zu sehen. Redaktionsinitglieder kamen herein, er plauderte mit ihnen und ging dann abermals ins Wartezimmer. Tort nahm er einiges Aergernis daran, daß Dejoie horchend das Ohr an die Thüre des Chefredakteurs hielt, während seine Tochter Nathalie Wache stand. „Sie können noch nicht herein," stammelte er,„Herr Saccard ist immer noch da... Ich glaubte, man habe mich gerufen." In Wahrheit war der Mann von schnöder Gewinnsucht gegnälk, seitdem er mit den viertausend Frank der Ersparnisse seiner Frau acht volleingezahlte Aktien der Universelle er- worben hatte, und lebte nur noch in der freudigen Erregung. diese Aktien steigen zu sehen. Er lag stets vor Saccard aus den Knien, las ihm die geringsten Worte wie ein Orakel von den Lippen ab und konnte, wenn er ihn anwesend wußte, der Versnchiing nicht widerstehen, die verborgensien Gedanken, die Worte des Abgottes im geheimsten Heiligtum kennen zu lernen. Uebrigens war ihm jede Eigensucht noch fremd, er dachte nur an seine Tochter. Und soeben erst war er in Auf- regnng geraten, indem er ausrechnete, daß seine acht Aktien znin Kurs von siebenhiiiidertundfiinfzig schon einen Gewinn von zwölfhundert Frank brachten, der mit dem Kapital zu- sanimen eine Stimme von fiinftaiisendzweihundcrt Frank aus- machte. Nur noch eine Preissteigerung von hundert Frank, dann hätte er die erträumten sechstausend Frank beisammen, die Mitgift, welche der Buchbinder forderte, um die Heirat seines Sohnes. mit der Kleinen zu gestatten. Bei diesem Ge- danken zerschmolz sein Herz in Wonne, mit thränenvollen Blicken schaute er auf dieses Töchterchen, das er aufgezogen hatte und dessen eigentliche Mutter er in dem so glücklichen kleinen Haushalt war, welchen seit der Rückkehr des Kindes aus der Pflege beide zusammen führten. Ter Mann redete sehr verwirrt weiter und suchte seine sträfliche Neugier zu verdecken. „Nathalie, die soeben heraufgekommen ist, um mir guten Morgen zu sagen, ist Ihrer Frau Geniahlin begegnet, Herr Jordan." „Ja wohl." sagte das Mädchen,„sie kam um die Ecke der Rne Feydeau, o! sie rannte!" Der Vater ließ das Mädchen nach Belieben ausgehen. er traute ihr ganz, wie er sagte. Er hatte recht, auf ihr Wohlvorhalten zu zählen, denn sie war im Grunde genommen zu berechnend und zu fest entschlossen, ihr Glück selbst zu wache», um die langer Hand vorbereitete Heirat durch eine Dummheit zu gefährden, Mit ihrem schlanken Wuchs und ihren großen Augen in dem hübschen blonden Gesicht, war sie in eigensinniger Selbstsucht und mit immer lächelnder Miene in sich selbst verliebt. Jordan war überrascht und verstand zuerst nicht. „Wie?" fragte er,„in der Rne Feydean?" Er hakte keine Zeit, sie länger anszusragen, denn Marcelle kam atemlos hereingestürzt,«ogleich führte er sie in das Nebenzimmer: da der Gerichtszeitnngs-Redaktenr darin saß, mußte er sich mit ihr hinten im Gange auf eine Bank setzen. „Und nuii?" „Nun, mein Schatz, die Sache ist im rcmen, aber Muhe hat's gekostet." Trotz seiner Befriedigung merkte er wähl, wie schwer ihr das Herz war. Sie erzählte alles mit leiser und rascher Stimme/wie sehr sie sich auch vornahm, ihm einiges zu ver- schweigen: vor ihm tonnte sie ja keine Geheimnisse haben. Seit einiger Zeit waren Maugendres ihrer Tochter gegenüber anders geworden. Sie fand die Allen �sorgenvoll und weniger /lirtlich: eine iiene Leidenschaft, das Spiel, hatte sich ihrer bemächtigt. Es war die alte Geschichte: der Vater, ein dicker, ruhiger Mann mit einer Glaze und weißem Backen- _ 2' fmrf, und die Mutter, eine hagere und rührige Frau, die am Vermögen auch ihren Anteil mitverdient hatte., lebten beide in ihrem eignen Hanse allzu üppig mit ihrem Einkommen von fünfzehntausend Frank und langweilten sich im Nichts- thun. Er kannte ja keine andre Zerstremliig, als sein Geld einzunehmen. Damals donnerte er gegen jegliche Spekulation los und zuckte zornig und mitleidsvoll die Achseln, wenn von den armen Tummköpfen die Rede warf die sich in allerhand thörichten und unsauberen Gaunereien ausbeuteln lassen. Gerade um diese Zeit war aber eine erhebliche Summe bei ihm eingegangen, so daß er auf den Gedanken gekommen war. dieselbe in sogenannten Reports anzulegen: dies war ja keine Spekulation, sondern ein einfacher Vorschuß an Geldnehmer. Aber von diesem Tage an hatte er sich gewöhnt, nach dem ersten Frühstück in der Zeitung den Kurszettel aufmerksam durchzulesen. Hier hatte das Hebel seinen Anfang genommen, allmählich hatte das Fieber auch ihn erhitzt, wenn er den Heren- tanz der Wertpapiere mit ansah und in dem vergifteten Brodem des Spieles lebte; seine Phantasie war angefüllt mit der Vor- stellung von Million«, die in einer Stunde erbeutet würden, während er dreißig Jahre gebraucht hatte, um ein paar hunderttausend Frank zu verdienen. Er konnte sich nicht ent- halten, bei jeder Mahlzeit mit seiner Frau darüber zu reden. Welche Gewinne hätte er schon eingestrichen, wenn er nicht gelobt hätte, niemals zu spielen! Und er setzte seine Operationen auseinander und bewegte seine Gelder hin und her mit der ganzen umsichtigen Taktik eines Zimmcrstrategen, schlug schließlich immer die eingebildeten Gegner und bildete sich schon ein, er sei in Sachen des Agios und des Reports außerordentlich beschlagen; seine Frau ängstigte sich und er- klärte ihm, sie wolle lieber sofort ins Wasser springen als mit anzusehen, daß er nur einen Soir aufs Spiel setzte; er aber beruhigte sie: für wen halte sie ihn denn? Nie und nimmer- mehr! Trotzdem hatte sich eine Gelegenheit dargeboten. Schon lange Zeit hegten beide die heiße Sehnsucht, ein kleines Treib- haus für fünf- bis sechstausend Frank in chrem Garten bauen zu lassen, und es kam so weit, daß er eines Abends auf dem Nähtisch seiner Frau mit seinen vor Wonne zitternden Händen sechstausend Frank in Banknoten hinlegte, die er angeblich an der Börse verdient hatte: ein Coup, der nicht fehlschlagen konnte, eine Ausschreitung, die er sich fest voi- nahm, nie zu wiederholen, und die er einzig und allein um des Treibhauses willen gewagt hatte. Die Frau, zwischen Zorn und freudiger Erregung schwankend, hatte nicht gewagt, ihm Vorwürfe zu machen. Im nächsten Monat ließ er sich auf ein Prämiengeschäft ein und erklärte ihr, daß sie nichts zu fürchten brauche, da er ja seineu Verlust beschränke; dann gebe es doch zum Teufel auch gute Geschäfte darunter, und es wäre sehr thöricht von ihm, dieselben dem ersten besten Nachbar allein zu überlassen. Dann hatte er unmerklich und unwiderstehlich Zeitgeschäfte angefangen, zuerst in ganz kleinem Maßstabe, dann nach und nach kühner, während sie in ihrer steten Angst einer guten Hausfrau und dock) beim geringsten Gewinn freudig erregt ihm fort und fort weissagte, er werde noch als Bettler sterben. Besonders war es der Hauptmann Chave. der Bruder der Frau Maugendre, der seinen Schwager tadelte. Er selbst konnte mit seinem Ruhegehalt von achtzehnhundcrt Frank nicht auskommen und spielte deshalb allerdings an der Börse; aber er war ein durch und durch geriebener Spieler und ging dahin, wie ein Angestellter auf sein Bureau geht; er spielte nur gegen bar, hochentzückt, wenn er abends sein Zwanzig- Frankstück nach Hause trug. Diese täglichen, ganz unfehl- baren Operationen waren so bescheiden, daß sie vor jedem Krach geschützt waren. Dem Hauptmann hatte die Schwester ein Zimmer in ihrem Hause angeboten, welches seit Mareellcs Heirat den alten Leuten zu weit geworden war. Aber er hatte dies abgeschlagen und wollte seiner Laster wegen frei bleiben; er bewohnte hinten in einem Garten der Rue Rollet ein einziges Zimmer, in welches man fortwährend Weiber- röcke hineinschlüpfen sah. Sein Börsengewinn ging wohl in Leckereien fiir seine kleinen Freundinnen auf. Immerhin hatte er Maugendre gewarnt und ihm iviederholt eingeschärft, er solle nicht spielen, sondern eher lockeren Lebensgenüssen sich ergeben. Wenn der letztere ihm entgegenhielt, wie er es selbst treibe, dann wehrte er entschieden ab. Ja, er? Das sei etwas andres, er habe ja keine fiinfzehntausend Frank jährliches Einkomme». Wenn er spielte, so war die schmutzige Re- gierung daran schuld, welche den alten Kriegern ein freudiges Greisenalter nicht gönnte. lFsrtsetzung folgt.) (Rachdruck verboten.) �benäappeU auf SacbaUn. Von W. M. D o r o s ch e w i t s ch. In den Strafanstalten von Sachalin beginnt der Tag mit dem Abendappell, an dem die Arbeit für den nächsten Morgen der- teilt wird. Das Bureau. Eingerichtet wie eine gewöhnliche Polizeiwache. Ziemlich dunkel und schmutzig. Tie Schreiber, ebenfalls Sträflinge, kratzen mit den Federn, schreiben, überschreiben endlose Papiere: Mitteilungen, Rapporte, Meldungen, Scheine. Auszüge, Aufnahme». Beim Eintritt des Inspektors stehen alle auf und grüßen. Der Oberauffchcr reicht dem Inspektor die bereits fertiggestellte Ver- teiluug der Sträflinge für den näcbsten Arbeitstag. „Zinn Löschen der Dampferladung fünfzehn.. Zu Zimmer- mannsarbeiten zwanzig.. Zum Tragen von Holz und Balken.. In die Werkstätten.. Ach ja, richtig: Olga Michailmona hat mich um Leute zum Umgraben ihres Gemüsegartens gebeten." „Keine Leute mehr da, Eio. Hochwohlgcboren. Alle verteilt." „Thut nichts. Schicke ihr sechs Mann. Meinetwegen aus den Werkstätten. Ja, und Anna Jivanowna bittet auch um zwei.. Verslucht noch mal, daß diese Kontrolle heutzutage in alles ihre Nase steckt: gicb genau Rechenschaft über jeden einzelnen Mann! Rrin zum Tollwerden I Na gut, schicke ihr zwei von denen, die den Dampfer ausladen sollen." Die Arbeit für den nächsten Tag ist verteilt. Der„Empfang" des Inspektors beginnt. „Was willst Dut" „Iwanow, Ew. Hochtvohlgeborcn, ist immer so grob. Man sagt ihm ein Wort, er gleich zehn zurück. Schimpft, tobt!" „In die Einzclzclle mit ihml Drei Tage bei Wasser und Brot! Du?" „Petrow sucht immer Händel." „In die Einzelzelle I Alles?" „Zu Befehl, alles." „Rufe die Sträflinge!" Eine Reihe Sträflinge tritt ein. Sie grüßen und bleiben an der Thür stehen. Einer von ihnen trägt Ketten. „Was ist mit Dir?" „In Untersuchungshaft.. Das Urteil zu hören hat man mich gerufen." „Aha! Geh' dort zum Schreiber. Wassiljcw, lies ihm das Urteil vor." Der Schreiber steht auf und murmelt schnell das Urteil herunter: „Kaiserliches DistriktSgcricht.. In Anbetracht.. wohlvorbcrcitcte Flucht.. Verlängerung der Strafzeit um zehn Jahre l" hört man einzelne Worte heraus.„Kannst Du schreiben?" „Zu Befehl!" „Unterschreibe!" Ter Gefesselte unterschreibt mit der nämlichen Gleichgültigkeit, mit welcher er gehört hat, daß seine Strafzeit um zehn Jahre ver- längert worden sei. Gerade als wenn die«ache ihn gar nichts an- ginge. „Darf ich jetzt gehen?" fragte er dann mürrisch. „Gehl" „Wird wieder fortlaufen, die Bestie I" bemerkt der Inspektor. Ein Verschickter, der„etwas auf sich hält", muß jedes Urteil ruhig, gleichmütig aufnehmen, als wenn es gar nicht ihn beträfe. Ohne die geringste Bewegung zu zeigen. Das nennt man„guten Ton". Nur wenn das Urteil über Erwarten streng ist, gestattet der „gute Ton", das Gericht und die Richter zu beschimpfen. Aber jedes„llägliche" Wort würde bloß die Verachtung der Kollege» hervor- rufen. Daher diese Gleichgültigkeit gegen das Urteil. Im Grunde ihrer Herzen sind sie verzweifelt über die Verlängerung ihrer«traf- zeit, und das Urteil erscheint ihnen überaus hart und ungerecht, „für sieben Tage Freiheit— zehn �Jahre Haft!" Ich habe selbst einen Sträfling gesehen, der, ohne mit der Wimper zu zucken, an- hörte, daß seine Strafzeit um fünfzehn Jahre verlängert sei. Aber als ich nachher mit ihm allein, ohne Zeugen sprach, vermochte er seine Thränen über dieses strenge Urteil nicht zurückzuhalten.„Jetzt bin ich ein verlorener Mensch! Was habe ich nun noch vom Leben zu erwarten? Das ist jetzt schon für immer!" Wieviel Kummer lag im Ton dieses Menschen, der soeben, ohne mit den Augen zu blinzeln, das Urteil angehört hatte. „Was wollt Ihr?" wendet sich der Inspektor an einen andren Haufen Sträflinge. „llnsre Strafzeit ist abgelaufen." „So? Ihr geht jetzt also in die Kolonie? Seid frei? Na, ich wünsche Euch viel Glück, Leute! Seht zu, daß Ihr Euch gut führt! Sonst kommt Ihr wieder hierher!" „Wir danken untcrthänigst!" grüßen die der Freiheit Wieder- gegebenen. „Die Hälfte davon ist doch bald wieder bei uns!.. Was willst Du?" Die Menge hat sich zerstreut. Vor dem Tisch steht ein Bauer. „Meine Zeit ist heute zu Ende. Ew. Hochwohlgcboren. aber man läßt mich nicht frei.. wegen der Axt.." „Eine Axt ist ihm abhanden gekommen.. war Kroneigentinn. erklärt der Obcraufseher. „Wohl verfofsen?" 4',„Durchaus nicht. Ich trinke nicht." „Nein, er trinkt nicht," bekräftigt der Obcraufschcr. „Man hat mir die Axt gestohlen." „Wer hat sie gestohlen? Du weißt es doch wohl?" Das Bäuerlein kratzt sich den Kopf. „Kann ich denn sagen, wer? Sie wissen ja selbst, Ew. Hoch- wohlgcborert, was einem passiert, der angiebt.." „ost das ein Volk, sage ich Ihnen!" wendet sich der Inspektor a» mich.„Sie stehlen wie die Raben, einer bestiehlt den andren, aber angeben— untersteh Dich! Also Tu willsl's nicht sagen, Bruder? Tann sitz', bis sich die KronZaxt wiederfindet." „Hattest Tu langc zu sitzen?" „Zehn Jahre." „Erlauben, Elv. Hochwohlgeborcn, zu bemerken," mischt sich einer der Schreiber ein,„er hat crwas Geld erspart. Man könnte ihm ja für die Axt abziehen?" „Ganz recht! Geld ist da!" Auf dem Gesicht des Bauern malen sich Freude und Hoffnung. „Meinetwegen I Zieht für die Art ab und laßt ihn laufen! Marsch! Ter Teufel hole Tich!" „Ich danke unterihänigst, Ew. Hochwohlgcboren!" Aus solche Art mit dem Reisesegen versehen, geht das Bäuerlein vergnügt von danncn,„ein neues Leben zu beginnen".� Seinen Platz vor dem Tisch nimmt ein andrer Sträfling ein. Jacke und Hemd sind zerrissen,«ein Gesicht ist zerschlagen, zerkratzt. „Ew. Hochwohlgeborcn, zeigen Sie obrigkeitliche Gnade!" heult er mehr als er spricht.„Lassen Sic mich nicht elend zu Grunde gehen, Ew. Hochwohlgcboren!" „WaS ist mit ihm?". „Haben ihn wieder geschlagen," erklärt der Lberausscher. „Was sagen«ie dazu?" wendet sich der Inspektor an mich. „Was soll ich mit ihm ansangen? Wohin ich ihn schicke, überall schlagen sie ihn. Halbtot schlagen sie ihn." „Zu Befehl!" bekräftigt der Lberausschcr.„Ihrer Anordnung entsprechend steckte ich ihn ins Gefängnis, ins allgemeine Gefängnis, als wenn er etwas verbrochen hätte.> Aber sie glaubten es nickt, auch dort schlug man ihn. Auf Arbeit kann ich ihn schon gar nicht schicken. Sie würden ihm den Garaus machen." Der Zorn und die Empörung der«träslingc gegen diesen Mann kam daher, daß er im Verdacht stand, dem Ausseher den«chlups- Winkel von zwei Sträflingen verraten zu haben. „Und was für ein brauchbarer Mensch war das!" erklärt mir leise der Inspektor.„Durch ihn erfuhr ich alles, was im Gefängnis geschah." Jetzt stand dieser„brauckibarc Mensch" in einem bcdaucrns- werten Zustande bor uns: zerschlagen, hilflos, an seinem Leben ver- zweifelnd. Tic Sträflinge schlagen ihn. Gewiß, er hat seinen „Vorgesetzten" iverwolle Dienste geleistet', aber was können sie thun, ihn vor den in Wut geratenen, ergrimmten Sträsliiuzen zu schützen? „Wenn ich sie wirklich bestrafe, werden sie ihn nur noch stärker schlagen. Sic werden ihm ganz den Rest geben!" „Sic werden mir ganz den Rest geben, Ew. Hochwohlgeborcn!" echot traurig der Denunziant.„Sicher werden sie mir den Rest geben!" „Wer hat Dich den geschlagen? Sag'! Wer ist der Rädels- sührer?" „Ich bitte Sie, Ew. Hochwohlgcboren, wie kann ich wagen, das zu verraten? Keinen Tag härte ich mehr zu leben! Sie schlügen mich sich,.' tot!" „Nun sehen Sic bloß! Run sehen Sic bloß! Was für Sitten! Was sür Zustände! Was soll ich also mit Dir anfangen?" „Ew. Hochwohlgcboren I" Ter Unglückliche machte Miene, dem Inspektor zu Füßen zu fallen. „Last' fein! Last' doch fein!" „ Schicken Sic mich irgendwohin! Nur fort von hier! Meinet- wegen in den Urwald oder an das Dchotzkiscke User! Hier halte ich es nicht mehr aus! Keine Möglichkeit, die Prügel dieser Wütenden zu ertragen! steinen ganzen Knochen mehr! Nicht liegen, nicht sitzen kann ich! Ganz zerschlagen haben sie mich, Elv. Hochwohl- geboren! Ich thuc mir was an!" In seiner Stimme klingt Verzweiflung und Lebensüberdruß. Ter Inspektor denkt nach. „Gut! Sollst morgen in den zweiten Distrikt. Wirst Holz aus dem Wald schleppen." Das ist eine der schwersten Arbeiten, aber der Unglückliche freut sich darüber wie über eine Vergünstigung, eine Wohltl>at. „Ich danke Ihnen unterthänigst, Elv. Hochwohlgeborcn, aber. „Was noch?" „Erlauben Sie mir, diese Nacht im Zcllcngcfängnis zu schlafen. Sonst schlagen sie mich wieder." „Schön! Ins Zellcngesängnis!" lacht der Inspektor. „Ich danke Inen unterthänigst, Ew. Hochwohlgcboren.� Einzelhaft ist das schrecklichste, was es für einen Sträfling geben tann, und diesem scheint sie ein Paradies! „Alles?" „Zu Befehl. alleSl" „Na schön! Also dann zum Gebet, zum Appell— und dann schlafen! Heute wird cS erst spät Nacht.(Der Inspektor sieht auf #) Das geschieht oft. Ter Denunziant erhält eine Strafe, um bei seinen Gefährten den Glauben zu cnvccken, als sei er beim Auf- sehcr in Ungnade gefallen. Häusig bittet solch ein Temmziant, wenn das Mißtrauen der»ndren Sträflinge besonders stark ist, sogar um eine Körperstrafe. die Uhr.) Elf. Und morgen früh um 4 Uhr muß es schon wieder Tag sein." Draußen kalte, dunkle, mondscheinlose Nacht. Nur wenige Sterne flimmern. Ueber den großen Gcsängnishof huschen spür- liche Laternen. Keine Hand vor Augen zu sehen, trotzdem ahnt man, die Anwesenheit, das Atmen der Menge. Bor einem hohen, schwarzen Gebäude bleiben wir stehen: die Kapelle. „Mützen ab!" erklingt ein Kommando.„Fertig zum Gebet! Anfangen!" „Christus ist von den Toten erstanden.." tönt es durch die Finsternis. Es singen Hunderte von unsichtbaren Menschen. Die Stimmen erklingen in der Dunkelheit rechts, links, neben uns. irgendwoher aus der Ferne.... Gerade als wenn die Dunkelheit zu singen beginne. Dieser Hymnus der Auferstehung, dieser Ge- sang zum Preise des Sieges über den Tod— in solcher Umgebung l Es macht einen erschütternden Eindruck. Ter unsichtbare Chor jingr noch einige Lieder, dann beginnt der Appell. Der vorgerückten Stunde wegen findet nicht der gewöhnliche Namensaufruf statt i man zählt die Leute einfach. Tie Laternen zur Höhe der Gesichter er- hcbeitd, gehen die Aufseher durch die Reihen und zählen die Straf- linge. Aus der Dunkelheit tauchen für einen Augenblick alte, junge, traurige, müde, wilde und abstoßende Gesichter auf und verschwinden sofort wieder, in der Dunkelheit. Am Schluß jeder Abteilung bc- leuchtet die Laterne den besser gekleideten„Acltesten". „75?" fragt der Aufseher. „76!" antwortet der„Aelteste". Ter Dberausseher rechnet zusammen und rapportiert dem Inspektor,� daß alle Sträflinge da seien. „«chlasen gehen!" Die Menge beginnt sich zu rühren. Gerade als wenn die Dunkelheit rundherum Leben bekäme. Man hört Füßescharren, Flüstern, Seufzer, Gähnen. Die von der Tagcsarbeit müden«träs- linge zerstreuen sich eilig in ihre Stuben. „Wer da?" ruft der Posten am Gefängnis der Kettcnslräflingc. „Wer da?" wiederholt er verzweifelt, als ivir näher kommen. „Der Herr Inspektor! Was brüllst Du so?" Wir passieren das Thor. Ein ungeheures Schloß rasselt. Eine Wolke feuchten, muffigen Dunstes bricht durch die geöffnete Thür und wir t vetcn in eine der„Stuben" der Kettensträslings-Abtcilung. „Aufstehen I Stillgestanden I" Unser Eintritt scheint die träumenden, schlafenden Ketten zu be» leben. Sie beginnen sich zu spannen, zu klirren, zu rasseln, in ihrer abstoßenden Sprache zu reden. Man fühlt sich bedrückt inmitten dieses Getöses, in der Halbdäminerung des Kcttengefängnisses. Ich betrachte die Wände. Breite Schatten und S weifen ziehen sich an ihnen entlang. Als Ivcnn eine gigantische Spinne ein ungeheures Netz gewebt... als wenn eine riesige Fledermaus sich an den Wänden aufgehängt habe. Es sind Taimenzweige. die zur Reinigung der Lust an den Wänden befestigt sind. Es riecht nach Feuchtigkeit, Schimmel, Schweiß. Die Gefesselten werden namentlich ausgerufen. Mit ihren Ketten rasselnd, passieren sie an uns vorbei. An den Wänden tanzen rmsörmlichc Schatten. In einer Abteilung find zwei an Karren geschmiedet. Beides Kankasier. Angeschmiedet, weil sie fluchtverdächtig sind. Einer von ihnen, ein hoher, Kästiger Main, mit offenem Gesicht und kühnen Augen, in denen wohl kaum je Furcht zu lesen ist, fährt beim Aus- ruf mit den Ketten rasselnd seinen Karren dicht an uns vorbei. Solch ein Karren— er loiegt etwa 65 Pfund— wird mittels einer langen Kette an die Fußsesseln angeschmiedet. Früher schmiedete man ihn an die Handfesseln: das geschieht jetzt nicht mehr, weil man heutzutage solch einem Sttäfling nur in besonderen Fällen zur Ber- schärfung seiner Sttafe Handfesseln anlegt. Ueberall muß er diesen Karren imtschleppen. Er schläft sogar mit ihm auf einer besonderen Schlasbank im Winkel, unter welche er seinen„Gefährten" schiebt. Ich nähere mich dieser Schlafbank. Am Fußende ist das Holz stark abgerieben. Bon der Kette. Die Strafe ist hart? sie würde unerträglich sein, wenn solch ein Unglücklicher sich nicht bisweilen für Stunden Ruhe verschaffte. Mt Hilfe seiner Kollegen, welche die Ketten mit Seife bestreichen, stteift er, ivenn auch unter großen Schmerzen, dann und waim des Nachts die Fesseln ab. befreit sich damit gleichzeitig vom Karren, ruht, wenn auch nur einige Stunden im Monat, aus. Der andre Karrensträsling liegt im Winkel. „Warum liegt jener da?" Der Angeschmiedete spricht etwas mit leiser, versagender Stimme: „Krank ist er... sehr schwer krank! Schwach geworden!" er- klärt ein andrer. Während des Gebets erhebt er sich und steht, auf seinen Karren gestützt, stöhnend, seufzend, einen, Märtyrer gleich, bei jeder Be- wcgung mit den Ketten rasselnd. Man kann sich nicht vorstellen, welchen Eindruck solch ein an den Karren geschmiedeter Mensch macht! Man blickt ihn geradezu ver- wundert an. Warum muß er den immer mit sich führen? Man sieht es mit eignen Augen und vermag trotzdem nicht an eine solche Strafe zu glauben. Nach beendigtem Appell singen die Kettcngcsangenen das Gebet. Ich wundere mich, daß sie nicht„Christus ist auserstanden.. gc- junge» haben. „Warum nicht?" stage ich den Inspektor. „Ach, sie haben es vergessen... wahrscheinlich I" Seltsam— es giebt Menschen, die sogar vergessen können, daß man jetzt in der Osterwoche ist!... Kleines feuületon» pt. Dcm Frühling entgegen. Fräulein Lenchen drückte die Nase gegen die Fensterscheiben und sah nach dem Thermometer:„Fünf Grad Wärme, Mama!" Sie fröstelte und betrachtete den Himmel: „Gräulich! Wolken über Wolken! Wenn das anfängt herunter- zukommen. Mama, dann können wir uns gratulieren!" Die Mama war damit beschäftigt, Kleider, Wäsche und allerlei Äleinigkeite» in einen mächtigen Reisekoffer zu packen. Jetzt lachte sie fröhlich:„Hoffentlich sind wir fort aus dieser melancholisck'en Gegend, wenn's ansängt zu gießen. O, dieser barbarische Norden! Frühling ist's— laut Kalender. Frühling! Ich bitte Dich, Lenchen: so sieht ein Frühling aus!" Sie schüttelre sich. Lenchen lachte nun auch.„Wie gut Pom Papa, uns diese Reise zu gestatten l" „Ja. Nach dcm Süden, Lenchen, nach dem Süden! Ach, ich sehe schon den blauen Himmel. Nizza I Neapel!" lind Lenchen hob schwärmerisch die Augen:„Dein Frühling entgegen I" „Dem Frühling entgegen!— Aber nun beeile Dick,, Lenchen. Du lveißt, wie Papa ist, wenn wir nicht pünktlich am Bahnhos sind." „Ob ich mir mein Ausgeschnittenes mitnehme, Mama?" „Aber gewiß." „Und das Blauseide�ie?" „Auch." „Und dies? Und das?"— Es kam ein ordentlicher Berg zu- samnien. Beide packten eifrig, als es klopfte und ein altes Mütterchei: an einem Stocke hereintrat. Sich zurückwendend zum Hausmädchen, schalt es:„Was fällt Ihnen denn ein. dummes Ding! Mich nicht vorlassen wollen! Zu jeder Zeit kann ich kommen, hat mir die gnädige Frau gesagt, zu jeder Zeit. Karosinska, hat sie gesagt, wenn Sie auch eine arme, alte Frau sind, Sie sind uns stets angenehm. Stets,'s ist doch so, Gnädige?" „Gewiß, Mutter Karosinska, gewiß. Rur heute... wir sind beim Packen... wir reisen in einigen Stunden... „Eben darum. Packen Sie nur. Ich wcrd' Sie nickt stören. So ein Ding, ein dummes! Mich zurückhalte» wollen! Will mich ja bloß bedanken. Weil das liebe, gnädige Fräulein neulich wieder bei mir war... bei mir alten Frau in ihrem elenden Kellerlock! und hat mir sehr viel was Schönes gebracht. Fleisch, und diesen Rock und ein Tuch und sogar einen Thalcr, einen blanken Thalcr!" „Es ist schon gut, Mutter Karosinska. Wir thim's gern. Mein Gott, wo Sie zwanzig Jahre in unsernr Hause gedient haben! Deshalb hätten Sie wirklich Ihre alten Beine nicht so anstrengen brauchen... nur des Danks wegen." „Es gehört sich so." Die Alle setzte sich an's Fenster. „Wie geht's denn jetzt mit der Gejundheit. Karosinska?" „Ach!" Die Gefragte stöhnte und rieb sich das Bein.„Wär' alles sckön und recht.. Wenn's bloß erst wieder Frühling wäre, daß mir inein Reißen aus den Knochen geht! Tagelang muß ich liegen in meiner Kammer und kann mick kaum rühren. Keine Seele liimmert sich um mick. Wenn das liebe gnädige Fräulein nickt wäre— ich könnt' wahrhaftig wie ein kranker Hund verderben und sterben." „Ja. die Gesundheit! Aber ich glaub', Sie sind selber etivas schuld daran. Rehnien Sie es mir nicht übel. Karosinska! Helene sagte mir, es wäre kaum auszuhalten gewesen in Ihrem Zimmer. So stickig und dumpf. Außerdem hucken Sie immer zu Hanse! Da kann der Mensch nickt gesund bleiben. Karosinska!" Und Lcncken mi'chtc sich mit Eifer in das Gespräch.„Ja! Und ich Hab' Ihnen gleich gesagt: Sie müssen die Fenster offnen. Karosinska! Sie müssen den Frühling hereinlassen! Sie müssen in's Freie gehen, in den Park und sich aus eine Bank in den Sonnenschein setzen. Dann wird Ihnen besser!" „Ach Gott, Kindchen!" Die Alte lackte.„Fenster öffnen, wo das Wetter so rauh ist. Das- vertrag' ich nicht. Und in den Pae»... da Hab' ich eine halbe Stunde zu gehen. Kann ich ja nicht." „Warum müssen Sie auch im Keller wohnen Und Lenchen setzte hinzu:„Ich Hab' Ihnen gleich gesagt: Sie , üssen höher hinaufzichen. Vier Treppen, das schadet ja nicht! Ich tom a' dock zu Jhiren I Je höher man wohnt, desto eher hat man etwas vo.i der Sonne, vom Frühling!" „Ach Gott, Kindchen! Mit meinen Beinen! Ick fühle ja jede Stufe!" Sie erhob sich an ihrem Stock:„Wie schön grün schon Ihr Garten ist. Ja, hier merkt man, daß es Frühling wird." Als nie- mand antwortete, sah sie im Zimmer umbcr und sckickte sich an, wieder zu gehen:„Also nun reisen Sie? Wohin denn?" „Italien!" Lenchen sagte es stolz. Und ihre Mutter reichte ungeduldig der Alten die Hand:„Adieu. Karosinska. Wir haben ivirklick keine Zeit heute. Ein andermal!" Sie drängte das Mütterchen nach der Thür. „Ein andermal!" Die Alte winkte resigniert.„Man ist morsch, man kann nicht wissen,'s ivird wohl der letzte Frühling sein. Ich wollt'�ja auch man bloß Adieu sagen und mich bedanken." „Ja, ja. Wenn wir wiederkommen, sieht meine Tochter wieder einmal nach Ihnen. Genießen Sie nur recht die gute Luft jetzt. Immer hinaus, wenn's auck'n bißchen kühl ist. Das schadet Ihnen Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— nicht. Und sehen Sie sich nach einem höher gelegenen Zimmer um. Vergessen Sie nicht, was meine Tochter sagte." "Die Alte ttippelte, den Kopf hin und her Iviegend hinaus. „Immer die alte, wehleidige Klagerei!" Unwillig schloß die gnädige Frau die Thür. „Ach ivas! Laß doch. Mama!" Ein Sonnenstrahl brach durch da? dunkle Himmelsgewölk, und Lenchen sagte:„Aergere Dich nur nicht! Patz auf, wir kriegen das schönste Reisewetter! Wenn wir fort sind, mag's pladdern!" Und plötzlick lief sie zum Pianino, schlug einige Accorde an und jubelre:„Dem Frühling, dem Frühling entgegen!"— Astronomisches. is. Vom neuen S t e r n im Sternbild der Zwillinge, der zuerst auf einer in Oxford am Iii. März aufgenommenen Photo- graphie entdeckt ivurdc, bringen die wissenschaftlichen Zeitschriften nähere Angaben. Da das Gestirn etwa der 7. Größenklasse angehört. so ist eS für das bloße Auge nicht sichtbar. Gegenwärtig steht es tvährend eines größeren Teils des Abends in der Nähe des Zenith, ist also bei günstigen Witterungsverhältnissen leicht zu beobachten. Die Entdeckung wurde zunächst durch eine weitere Be- obacktuug in Oxford ani 24. März und dann von Kiel aus bestätigt. Die Eigenschaft des Sterns als eines neuen, der also ein plötzliches Aufleuchten erfahren hätte, lvurde zuerst von dem Astronom Neivall behmiptet. der das Spektrum untersuchte und zahlreiche und starke helle Linien darin fand, namentlick im grünen Teil des Spektrums. Professor Turner stellte dann fest, daß am 24. Februar und früher auf Photographien derselben Himmels- gegend noch keine Spur von dem Stern zu entdecken ist. Professor Hartmann in Potsdam hat seinerseits das Spektrum weiter geprüft und darin zwei Linien des Wasserstoffs gefunden, von denen eine besonders hell erscheint. Der gelbe Teil des Spektrums ist im Vergleich zu dein blauen außerordentlich schwach; der letztere enthält viele helle Linien, die durch ein kontinuier- lickeS Spektrum überdeckt werden. Trotzdem wird die Farbe des Sterns durch Professor Hale von der Derkcs- Sternwarte als rot bezeichnet. Wahrscheinlich nimmt die Helligkeit des Sternes rasch ab. denn vom 16. bis 26. März ist er um eine volle Größenklasse schwächer geworden. Wegen der geringen Licht- sti'rkc ist es. anck noch nicht zu entscheiden gewesen, ob das Gestirn thcktsächlich als neuer oder nur als ein veränderlicher Stern zu bei achtelt ist, der während seiner größten Helligkeit entdeckt worden ist. Die letztere Auffassung ist durchaus nicht unmöglich, zumal weu.gcr als ein Grad entfernt ein veränderlicher Stern bekannt ist. der sein Licht von der 1l. bis zur 8. Größenklasse wechselt und erst vor etwa einem Jahr gefunden wurde. Professor Hartmann hat sich dahin ausgesprochen, daß der Stern entweder neu oder ein der- änderlicher von der Art der berühmten Mira(der„Wunderbaren") im Sternbild des Walfisches ist.— HuuioristifcheS. — Unverfroren. Meister fsehr aufgeregt, zum Lcbr- lingi:„Ich finde überhaupt gar keine Worte für Dein Bc- nehmen!" L e h r j u n g e:„Ja, ja. Meester, Ihre j e i st i g e Frische läßt in letzter Zeit bedenklich na ch."— — Prosaisch. Sie:„Jetzt kommt der herrliche Frühling. die Tage werden länger und wärmer... E r(unterbrechend, befriedigt): und der D u r st immer größer!"— — B l u m e n s p r a ck e. Burg Wächter(Fremden die Burg zeigend):..... Immer sah sie ja nichl so aus! Hier in diesem Räume herrschte ehemals eitel Lust und Wonne, die Ritter tranken und lärmte», die Dienerschaft freute sich aufs Trinkgeld..."— („Meggendorfer Blätter".) Notizen. —„Eskimoleben" heißt ein neues Werk von F r i t h j o f Nansen, das bei Georg Heinrich Meyer(Leipzig und Berlin) soeben erschienen ist.— — K lata Meyer ist von Paul Lindau ab Herbst 1964 für das Deutsche Theater engagiert worden.— — Rezniczecks Oper„Till Eulenspiegel" geht am 28. April erstmalig im O p e r n h a u s e in Scene.— — Fernand le Bornes Oper„ Mudarra", die in Berlin erstmalig in Seene ging, geht heute in umgearbeiteter Gestalt im Elber selber Stadt-Theater in Scene.— — Ein zurückgegebener Auftrag. Für die Anlage bor dem Brandenburger Thor hatte der Tierbildhauer Aug u st Gaul eine Reihe von Adlern mit geschlossenen Flügeln und in natürlicher Auffassung modelliert. Auf da? im Auftrage de? Kaisers au ihn gerichtete Ersuchen, die Adler in üblicher Weise mit offenen Flügeln darzustellen, ist der Künstler nicht eingegangen, sondern hat den Auftrag zurückgegeben.—__ Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Vcrlagsanflalt Paul Singer sc Co., Verlin S\V.