Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 70. Donnerstag, den 9. April. 1903 (Nachdruck verLoten.) 321 Das Geld Roman von Emile Zola. Chavcs gewichtigster Grund gegen das Spiel war, das; der Spieler mit mathematischer Notwendigkeit ver- lieren muh: gewinnt er, so hat er die Maklerprovision und die Stempelkosten zu zahlen; verliert cr, dann hat er außer dem Verluste noch die nämlichen hosten zu tragen, so daß, selbst im Falle er gleich oft gewinnt und verliert, immer noch Provision und Stempclgebühr aus seiner Tasche fließen. Jährlich ergeben diese Gebühren an der Pariser Börse die imgeheure Gesamtsumme von achtzig Millionen. Wie eine Waffe schwang er diese Ziffer von achtzig Millionen, die der Staat, die Coulisse und die Makler ein- heimsen. Auf der Bank hinten im Gang bekannte Mareclle ihrem Manne einen Teil dieser Geschichte: „Lieber Schah, ich muß Dir sagen, daß ich's schlecht ge- troffen habe. Mama hatte gerade mit Papa Streit wegen eines Verlustes, den er an der Börse erlitten hat... Ja, er steckt scheint's immer dort. Das kommt mir so merkwürdig vor, er ließ damals nur ehrliche Arbeit gelten... Kurz, sie haderten miteinander, und da lag eine Zeitung, die„Cote financiere", die hielt ihm Mama unter die Nase und schrie, er verstehe nichts, sie habe die Baisse richtig vorausgesehen. Dann hat er ein andres Blatt geholt, eben die„Espörance", und hat ihr den Artikel zeigen wollen, aus dem er seine Nachricht geschöpft hatte, liurz, alles liegt voll Zeitungen bei ihnen, sie stecken vom Morgen bis zum Abend die Nase hinein, und ich glaube, Gott verzeihe mir's! daß Mama auch daS Spielen anfängt, trotz ihres scheinbaren Zornes..." Jordan mußte lachen, so spaßhaft war sie in ihrem Kummer, wenn sie den Auftritt darstellte. „Kurzum, ich habe ihnen unsre Geldverlegenheit erzählt und sie gebeten, uns zweihundert Frank vorzuschießen, um die Vollstreckung aufzuhalten. Da hättest Du ihr Jammern hören sollen: zweihundert Frank, wenn sie zweitausend an der Börse verloren! Wollte ich mit ihnen Scherz treiben? Wollte ich sie denn zu Grunde richten? Nie habe ich sie so gesehen... Sie waren sonst so lieb gegen mich und hätten alles ausgegeben, um mir Geschenke zu kaufen! Ich glaube wahrhaftig, daß sie närrisch werden, denn es ist ein rechter Unsinn, wenn man sich das Leben so verbittert! Sie sind ja so glücklich in ihrem schönen Heim, ohne jede Sorge und brauck>en nur noch ihr so hart verdiente? Vermögen behaglich zu verzehren!" „Ich will hoffen, daß Du vom Bitten abgelassen hast," sagte Jordan. „Nein, ich habe nicht abgelassen, und dann sind sie über Dich hergefallen... Du siehst, ich sage Dir alles; ich hatte mir zwar vorgenommen. daS für mich zu behalten, aber es fährt mir so heraus... Sie haben mir wiederholt, sie hätten dies vorausgesehen, es sei kein Handwerk, in den Zeitungen henlinzuschreiben. wir würden noch im Armerlhause enden... Kurz, ich geriet selbst in Hanrisch und wollte gerade fort, als der Hauptmann hereinkam. Dir weißt, er hat mich immer vergöttert, der Onkel Chave. In seiner Gegenwart sind sie verniinstig geworden, nm so mehr, als er Papa triumphierend fragte, ob er sich weiter ausbeuten lassen wolle... Da hat mich Mama beiseite genommen und mir fünfzig Frank in die Hand gedrückt, indem sie sagte, damit würden wir ein paar Tage Frist erlangen, die Zeit,»ms umzusehen." „Fünfzig Frank? Ein Almosen? Und das hast Du genommen?" Mareclle hatte zärtlich seine Hand ergriffen und sprach ihm mit dem ganzen Auswand ihrer ruhigen Vernunft zu. „Höre, Schatz, sei nicht böse!... Ja, ich habe es ge- uommen und habe so klar begrifsen. daß Du es nie über Dich gewinnen würdest, das Geld zum Gerichtsvollzieher zu tragen, daß ich zugleich zu diesem Gerichtsvollzieher hingegangen bin, Du weißt schon, in der Rue Eadet. Aber, denke Dir, er hat mir's nicht abgenommen und mir auseinandergesetzt, er habe ausdrückliche Weisung von Herrn Busch, und Herr Busch allein könne die Vollstreckung aufhalten... O, dieser Busch! Ich hasse zwar niemand, aber was mich dieser Mensch anekelt imd außer Rand und Band bringt! Gleichwohl bin ich zu ihm geeilt nach der Rue Feydeau, und er hat sich wohl mit den fünfzig Frank begnügen müssen; so haben wir vierzehn Tage Ruhe." Heftige Erregung zog das Gesicht Jordans zusammen, während verhaltene Thränen seine Augenlider benetzten. „Das hast Du gethan, mein Weibchen, das hast Du gethan?" „Natürlich, ich will doch nicht, daß man Dich weiter be- lästige. Was liegt mir an den Grobheiten, die ich einstecke, wenn man Dich nur ruhiger arbeiten läßt?" Jetzt lachte sie wieder und erzählte von ihrem Besuch bei Busch mitten unter den schmierigen Aktenheften, wie grob er sie empfangen habe, mit der Drohung, ihnen kein Stück Leibwäsche zu lassen, wenn ihm nicht sofort die ganze Schuld bezahlt wiirde. Das 5tomische war, daß sie sich den Genuß vcrstattet hatte, den Mann außer sich zu bringen, indem sie ihm den rechtmäßigen Besitz dieser Schuld abstritt, dieser dreihundert Frank in Wechseln, die mit den Kosten auf siebenhundertunddreißig Frank fünfzehn Centimes aufgelaufen waren, und die ihn vielleicht unter einer Partie alter Lumpen keine hundert Sous gekostet hätten. Er erstickte fast vor Wut: erstens habe er gerade diese Wechsel sehr teuer gekauft, dazu komme seine Zeitversäumnis, die ermiidenden Gänge, die er zwei Jahre lang gemacht hatte, um den Aussteller wieder aufzuspüren. und die Gewandtheit, die er bei solcher Menschenjagd entfalten müsse.— sollte er sich für alles das nicht bezahlt machen? So gehe es eben den Leuten, die sich erwischen ließen! Schließlich hatte er doch noch die fünfzig Frank ge- nommen, da sein vorsichtiges System darin bestand, sich immer abfinden zu lassen. „O, was bist Du für ein wackeres Weibchen, und wie liebe ich Dich!" rief Jordan und ließ sich dazu hinreißen. Marcelle zu küssen, obwohl der Redaktionssekretär gerade durch das Wartezimmer ging. Dann fragte er leiser: „Wie viel hast Dil noch zu Hause?" „Sieben Frank." „Gut!" sprach er ganz glücklich,„das genügt uns für zwei Tage, und ich verlange also keinen Vorschuß, den man mir übrigens verweigern würde. So etwas fällt mir schwer... Morgen will ich beim„Figaro" nachsehen, ob man einen Aufsatz von mir brauchen kann... Ja. wenn ich erst meinen Roman beendet hätte, wenn cr nur ein klein wenig Absatz fände!" Jetzt war eS an Marcelle, ihn zu küssen. „Ja wohl! es wird alles gut werden... Tu gehst jetzt mit mir beim, nicht wahr? Das wird sehr nett, und wir kaufen unterwegs auf morgen früh einen Bückling an der Ecke der Rue de Clickw. wo ich prächtige gesehen habe. Heute abend giebt's Speckkartoffeln." Nachdem Jordan einen Kollegen ersucht hatte, für ihn die Korrekturfahnen zu lesen, ging er mit feiner Frau weg. Saccard und Huret waren ebenfalls am Aufbrechen. Auf der Straße hielt gerade vor der Hausthüre ein Wagen, und sie sahen die Baronin Saudorff aussteigen, welche beide mit einem Lächeln begrüßte und dann flugs hinaufeiltc. Zu- weilen stattete sie so Jantrou einen Bestich ab. Saccard, den ihre großen umränderten Augen sehr aufregten, wäre fast wieder hinaufgegangen. Oben im Zimmer des Hauptredakteurs wollte die Baronin nicht einmal Platz nehmen. Nur einen guten Morgen im Vorbeigehen, bloß ein Zufall, ihn zu fragen, ob er nichts Neues wisse. Trotz seines raschen Aufkommens behandelte sie ihn immer noch wie damals, als sie ihn jeden Morgen bei ihrem Vater, Herrn von Ladricourt, mit dem gekrümmten Rücken eines eine Order erbittenden Kommissionärs sah.� Ihr Vater war von empörender Roheit; nie konnte sie den Fußtritt ver- gcssen. mit welchem er im Zorne über einen ansehnlichen Verlust ihn hinausgeworfen hatte. Und jetzt, da sie ihn an der Quelle der Nachrichten sah, war sie mit ihm vertraulich ge» worden, um ihn womöglich auszuhorchen. „Nun, nichts Neues?" „Ich weiß wahrhaftig nichts." Sie blickte ihn aber immer noch lächelnd an. fest über- zeugt, daß er nichts sagen wollte, llm ihn zu zwingen, mit der Sprache herauszurücken, begann sie hierauf von dem ein- sältigen Krieg zu reden, in welchem Oestreich, Italien und Preußen demnächst zusammengeraten sollten. Tie Spekulation sei aus dem Häuschen, die italienischen Werte wichen bis ins Bodenlose zurück, mit ihnen auch alle andren Werte. Sie sei in großer Verlegenheit, weil sie nicht wisse, wie weit sie dieser Bewegung folgen sollte, und auf den nächsten Stichtag mit ziemlich bedeutenden Summen engagiert sei. „Giebt Ihnen denn Ihr Herr Gemahl keine Auskunft?" fragte Jantrou scherzend,«er ist doch am richtigen Platz, in der Gesandtschaft!" ,.O, mein Mann!" murmelte sie mit geringschätziger Ge- bcrde.«Aus dem kriege ich nichts mehr heraus." Er scherzte noch weiter und verstieg sich zu einer An- spielnng aus den Generalstaatsanwalt Delcambre, den Lieb- Haber, welcher ihre Differenzen beglich, wie man erzählte, wenn sie sich übcrha'.lpt entschloß, sie zn bezahlen: „Und Ihre Freunde, wissen die denn nichts? weder bei Hof, noch bei Gericht?" Sie that, als habe sie die Anspielung nicht verstanden, und entgegnete mit bittendem Tone, ohne die Augen von ihm zn lassen: „Wohlan, seien S i e wenigstens liebenswürdig... Sie wissen etwas..." „Liebenswürdig? Weshalb denn?" sagte er mit vcr- legenem Lächeln.„S i e sind's nicht besonders mit mir." Mit einem Male wurde die Baronin wieder ernst, und ihre Augen blickten hart. Schon wandte sie ihm den Rücken, um wegzugehen, als er in seinem Aerger hinzufügte, um sie zu verletzen: „Sie sind Saceard an der Thüre begegnet, nicht wahr? Warum haben Sic ihn nicht gefragt? Er darf Ihnen ja nichts mehr verweigern." Sie machte rasch Kehrt: «Was meinen Sie damit?" „Je nun! was Ihnen zu verstehen belieben wird... Nur keine Geheimniskrämerei, ich habe Sie in seinem Hause gesehen, und ich kenne ihn!" Ta bäumte sich in ihr der ganze noch lebendige Stolz ihres Geschlechtes auf und tauchte aus dem trüben Bodensatz, aus dem Schlamin enipor, worin diese Frau durch ihre Leiden- schaft Tag für Tag tiefer versank. Sie hielt aber an sich und sagte bloß mit klarer, barscher Stimme: „Hören Sie'mal, mein Bester, für wen halten Sie mich denn?... Sie sind verrückt... Nein, ich bin nicht die Maitresse Ihres Saccard, weil ich ihn nicht gemocht habe." Da machte er mit der zierlichen Höflichkeit des gebildeten Mannes eine tiefe Verbeugung vor ihr: „Nun, gnädige Frau, dann haben Sie im höchsten Grade nnrecht gehabt... Glauben Sie mir's, wenn Sie noch ein- mal in ähnliche Lage kommen, sollten Sie nicht versäumen, Ihreir Vorteil wahrzunehmen, weil Sie, die Sie immer auf der Jagd nach Nachrichten sind, ohne solchen Aufwand von Mühe unter dem Kopfkissen dieses Herrn Nachrichten finden würden. Ja, ja, bald ist das Nest ganz voll davon, und Sie brauchen nur Ihre hübschen Fingerchen danach auszustrecken." Sie hielt es für geraten, zu lachen und sich gewisser- maßen in seinen Cynismus zu fügen. Als sie ihm die Hand drückte, fühlte sich die ihrige ganz kalt an. Ter Monat Juni verstrich. Am fünfzehnten hatte Italien an Oestreich den Krieg erklärt. Andrerseits hatte Preußen binnen kaum zwei Wochen beide Hessen, Baden und Sachsen erobert. Frankreich hatte sich nicht gerührt; die Wohlunter- richteten flüsterten ganz leise an der Börse, es sei durch ge- Heime Abmachungen an Preußen gebunden, seitdem sich Bismarck nach Biarritz zum Kaiser begeben hätte, und ge- heimnisvoll sprach man von den Entschädigungen, die Frank- reich für seine Neutralität bekommen sollte. Nichtsdesto- weniger wichen die Kurse in verheerendem Maße zurück. Als am 4. Juli die Nachricht von Sadowa, dieser so unerwartete Donnerschlag, eintraf, da � trat ein Absturz aller Werte ein. Man glaubte an hartnäckige Fortsetzung des Krieges; denn wenn Oestreich mich von Preußen geschlagen war, so hatte es dafür bei Custozza Italien besiegt, und es hieß schon, es gebe Böhmen auf und sammle die Trümmer semcs Heeres. Im Parkett regnete es Perkaufsorders, man fand gar keine Käufer mehr. (Fortsetzung folgt.) kleines femlletou. th. Die Laube. Es geschah nämlich in diesen hellen Frühlings- tagen, daß Frau Hendrichs an ihren Balkon dachte. Es fiel ihr ein, daß die Sanne so warm zu scheinen begann, daß man schon ein paar Minuten draußen sitzen konnte. Sie saß ein paarMnuien draußen, über Mittag sogar eine ganze Stunde. Schließlich schien ihr aber doch irgend etwas zu mißfallen; sie klingelte nach dem Mädchen und befahl ihr, den Portier zn holen, sie habe tvegen des Balkons mit ihm zu reden. Der Portier kam rasch, ein kleines, schmalbrüstiges Kerlchen, dem man y reichlich ansah, daß das Leben ihn nicht gerade allzuweich ge- bettet. Hatte es auch nicht. Mit vier Kindern kann man selbst in einer Portierloge keine Schätze sammeln, wenn man es schon ein bißchen auf der Brust hat und bloß so nebenher mit Gclegcnhcits- tischlerei ein paar armselige Groschen verdient. Er drehte die Mütze in den Händen:„Also wegen den Balkon wollten Frau Hendrichs reden?" „Ja. wegen des Balkons, Steiner, so kann er nicht bleiben. Es guckt einen jeder aufs Butterbrot. Wir müssen einen Schutz haben. und ich denk', lvir machen'ne Laube, eine nnt wildem Wein und Feuerbohnen, so recht schön muschelig." „Allemal Frau Hendrichs, und denn soll ich wohl's Gerüste nageln? Haben Se denn schon Latten?" „Noch nicht, Steiner, Sie können mir ja aber sagen, wieviel Sie brauchen, ich lasse sie dann holen vom Zimmcrplatz." „Na ja, denn wer'ck mal messen." Er. nahm seinen Zollstock heraus und legte ihn an:„So lang soll's doch? Nich wahr? Na, und hoch bis hier an de Thür? Det wären also vier Stangen von anderthalb Nieter und eine von einem Meier, die nehmen wir denn oben lang." Er zeigte. „Ja, ja. Steiner, ich lasic sie denn holen, gleich' nach dem Essen. Und was kriegen Sie denn für den Rummel?" „Was?" Der Kleine kratzte sich hinter den Ohren.„Na. ich wer's billig machen, weil Frau Hendrichs auch meine Frau de Wäsche jiebt, also'ne Mark fufzig." „'ne Mark siifzig," sie nickte,„ist das nicht doch ein bißchen viel, Steiner? ES sind doch bloß die paar Latten zu nageln, sagen wir 'ne Mark, das ist auch genug." Der Kleine zögerte:„ ne Mark? Jott, Frau Hendrichs, man muß't doch jcnan abpassen, dett macht Arbeit, dett is jar nich so leicht und det Fünfgroschenstück mehr zählt doch nich init." „Ja, das sagen Sie, Steiner, das zählt wohl, ich muß mir noch'n Frühjahrshut kaufen, da brauch' ich auch Geld. Na, ich werde mit meinem Mann reden, wir lassen's denn vielleicht am Nachmittag machen." Der kleine Steiner ging. Frau Hendrichs trat an den Schreib- ttsch, nahm ein Geldkästchen heraus und zählte den Inhalt— und zählte ihn noch einmal. Ihr hübsches Puppengesicht bekam einen ärgerlichen Ausdruck, nein, es war schon wie es war, es langre nicht zu dem Hut für achtzehn Mark, es langte nicht, auch wenn sie den Spitzenkragen fortließ; es fehlten immer noch drei Mark. Woher die nehmen? Sie ttommelte ungeduldig auf der Tischplatte, auf einmal aber hob sie den Finger und lächelte vergnügt. O ja, das war ein guter Einfall, und"der Hut war gerettet. Sie nahm ein paar Groschen, rief das Mädchen und schickte sie auf den Zimmer- platz nach Latten. Als Herr Hendrichs eine Stunde später ans dem Geschäft kam und vergnügt beim Mittagessen saß, kam sie auf die Lanbe zu sprechen. Es Iväre Zeit, daß sie gebaut würde. Ja, er fand auch, es würde Zeit. „Ich heb' auch schon die Latten da." sagte Frau Hendrichs, „Steiner will am Nachmittag kommen und sie nageln, er ist ja aber so unverschämt, er will drei Mark haben." „Was will er haben? Der hat wohl'n Piepmatz? Ich werde ihm Bescheid sagen." „Sag' lieber nichts," bat Frau Hendrichs,„es giebt bloß Aerger im Hause. Also sei schon still, ich denk auch, wir nageln uns das Ding allein." „Unsinn!" „Rein, gar nicht Unsinn, ich wcrd's schon machen." „Du? Das möcht' ich erleben." „Na, gewiß, sollst Du auch I" Sie lachte liebeuswürdig und tätschelte ihm die Backen:„Du mußt natürlich helfen. Ntäime, ich halte Dir alles und Du nagelst. Und dann binden wir's mit Draht fest. Und die drei Mark, die der Tischler haben Ivill, krieg ich, die nehm' ich zum Sommerhut I" „Ach so l Darauf läuft's raus!" Er lachte unbändig.„Ich soll die Laube bauen, damit Du das Geld kriegst. Fein aus- gedacht I" „Aber ich will sie doch bauen, ich... ich... ich I" Sie er- stickte ihn fast,„und wir machcn's auch so. nicht wahr? Und ich krieg das Geld, ich kann mir doch denn auch solchen feinen Hut kaufen für achtzehn Mark, siehst Du I Du wirst solchen Staat machen mit Deinem Frauchen." Das schien ihn zu überzeugen. Er faßte sie an ihrem rosigen Ohrläppchen und küßte sie:„Na denn hol man Nägel und Hammer; nach dem Kaffee nageln wir die paar Latten zusammen." Die paar Latten— eS waren schändliche Latten. Frau Hendrichs fand, daß man zuerst die Eckstangen annageln müßte, und dann die Querleiste dagegen. Es war nur nicht recht klug zu werden, wie — 2' und wo man Nägel einschlagen konnte, sie bogen sich alle knnnm aus den Cemcntsäulen. Herr Hendrichs fluchte. „Binde es doch mit Draht an," riet die Frau,„man reibt sich die Hände wund an dein rauhen Holz." Sie stöhnte gleichfalls. „Draht sieht liederlich aus", sagte Herr Hendrichs. „Ach wo, ich hänge nachher Epheu drüber. Sieh mal, so geht es." Sie hatte die eine Stange schon festgebunden. Sie saß in der That famos. Herr Hendrichs band die andre Stange fest: „Nun noch die Querbalken drüber, dann sitzt das Ding." Erstieg auf den Stuhl und begann von neuem zu hämmern. Dann schrie er plötzlich:„Du mußt doch den Balkeir halten, Lotte, so krieg ich ihn doch im Leben nicht fest. Steig mal mich auf den Stuhl und halte das andre Ende." „Dann werde ich schwindlig", jammerte Frau Hendrichs. „Denn mach' Dir das Ding alleine!" „Na, mein Himmel, ich komme ja schon", sie sprang auf den Stuhl und faßte die Stange:„Ist's so recht?" „Tiefer!" schrie Herr Hendrichs. ..So?" „Mehr nach rechts! Herrgott, ich sag' Dir nach rechts, und Du hältst nach links!" „Na ja, man wird ja rein verrückt bei Deinem Gebrüll!" Sie waren beide in Stirmnung gekommen. „Stell Dich lieber gescheiter an. So ist's recht. Nun fest draus drücken. Fest! Zum Donnerwetter fest!" Herr Hendrichs schwang de» Hammer mit Macht und im selben Augenblick gab es einen Jtrach I Die Drahtschlinge, die die Stiitzstange hielt, hatte sich gelöst, der ganze Lattenbau krachte zusammen. „Das kommt von Deinem Draufloswüsten!" jainincrtc Frau Hendrichs. „9tcin, von Deinem Ungeschick kommt eS." „Es ist ja überhaupt ganz egal, woher's kommt; nun hilf doch mal alles wieder festmachen." Frau Hendrichs kniete schon am Boden. Der Gatte warf ihr einen spöttischen Blick zu:„Ich Helsen? Nicht rühren! Mach' Dir den Plunder selbst, oder ruf Steiner." „Aber, Männchen!" „Aber, Lottchen, ich thu' nichts mehr dran; kauf' Dir n Hut für fünfzehn Mark, aber ruf Steiner I" „Denn kann cr's ja morgen früh machen, wenn Du im Geschäft bist", sagte Frau Hendrichs. Es Ivar ihr noch ein rettender Gedanke gekommen, wenn sie dem Tischler bloß eine Mark gab, hatte sie noch immfr zwei übrig für den Hut. „Ich will ihn heut' haben!" schrie Hendrichs.„Nun der Krempel angchfntlgcn ist, soll er auch über Seite." Als der kleine Portier ein paar Minuten später in dem Hinter- eingang erschien, empfing ihn Frau Hendrichs mit bezaubernder Liebenswürdigkeit:„Steiner, ich Hab' meinem Mann gesagt, Sie wollen drei Mark haben. Nichts verraten. Hören Sie, auch wenn er zankt. Sie sollen auch mal was verdienen!" „Nee aber, Frau Hendrichs, Sie sind auch zu gut, Frau Hendrichs." Der Kleine konnte kaum sprechen vor Rührung. lind Frau Hendrichs lächelte mit ihrem süßesten Lächeln, aber imtcr dem langen Serpentinvolant„trampelten" ihre kleinen Füßchen.— — Die freie photographische Pereinigiing hatte am Dienstag- abend ihren toO. Projektionsabend im Museum für Völker- künde veranstaltet. Professor Dr. G. Fritsch nannte in einer ein- leitenden Ansprache diesen Abend einen„Ehrcnabend". Er gab einen kurzen Rückblick über die EntWickelung der Vereinigung, wies auf die zahlreichen Verbesserungen der Projekttonsapparate und der Pro- jcktionsvcrfahrcn hin, streifte die Aussichten, die der Kinematograph der Photographie böte, und betonte zum Schluß, daß Projektions- abende, wie sie die freie photographische Vereinigung veranstalte, immer inehr au Volkstümlichkeit und allgemeinem Interesse gewinnen müßten. Der erste Teil der Projektionsbilder, die von Franz Goerke, dein Direktor der„Urania", erläutert wurden, führte an die Rivicra, von Cannes nach Nizza. Cannes, die lerinischen Inseln St. iWargherite, tot. Honorat und St. Förüol tauchen auf; St. Cassicn, Cap Antibcs und Grasse mit seinen Blmnenfcldern geben uns einen Einblick in die lleppigkcit der Riviera-Natur. Qelbäume mit ihren weitverzweigten Acsten und ihren silbergrauen Blättern bilden Haine, Eyprcssen und Pinien mit schwarz-blauen Nadeln schauen ernst und starr aus dcir Friedhöfen an den Berghängen. Korkeichen und Eukalyptuobäunie mit übermäßig langgestielten Blättern sind Prunkstücke der Gärten. Die Alcppo-Kiefer ist der charakteristische Baum für das Cap AntibeS, und Myrthensträucher bilden das Unterholz dieser Wälder. Um die Häuser der Dörfer und Städte ranken Rosen, Veilchen blühen aus Feldern, namentlich um Grasse herum, wo sich die großen Parfüm- fabriken der Rivicra befinden. Eines der Projektionsbilder zeigte eine derartige Blumcncrnte. Frauen und kleine M'üdchen standen im Sonnenbrand auf den Bluincn- fcldern und pflückten. Es waren Rosen. In langen Ranken krochen sie über den Boden dahin. Blume an Blume. Weiß, rosa, dunkelrot. Rosen, so weit das Auge sehen konnte, bis hinten an die Felsenhänge.. Diese Rosen und Veilchen kommen dann in die Parsümeriefabriken. Zu hohen Bergen aufgeschüttet liege» sie in den Fabriksälcn. wo flinke Mädchenfinger sie zur Parfümgcwinnung brauchbar machen. Die ta»trockenen Blumen werden zuerst in angewärmtes, gereinigtes Fett — neuerdings gebraucht man Petrolenmäther— geschüttet. Dann 9— lvird das so behandelte Fett filtriert, wieder mit neuen Blumen vermengt u. f. f., bis das Fett ganz mit Blumenaroma gesätttgt ist. Die so gewonnene Veilchen- oder Rosenpomade wird nun niit Alkohol(Kornbranntlvein je.) behandelt, der das Blumenaroma absorbiert und die Fettbestandteile zurückschlägt. D�s so entstandene Produkt ist das Parfüm. Die Gewinnung der Blumenöle, namentlich des Rosenöls, ist eine andre. Das Oel wird direkt au? den Blumen herausgepreßt. In Ivie wiiizigen Mengen Oel in den Rosen vorhanden ist, kann man daraus ersehen, daß 7b 000 Kilogramm Rosen dazu gehören. um 1 Kilogramm Rosenöl, das mit 1000 Frcs. bezahlt wird, zu gelvinnen. lieber Mentone, das Fossan-Thal, Eastellar, Cap Martin, Pont St. Louis sdie Grenze zwischen Frankreich und Italien) ging- dann die Reise auf der Route de la Cvrniche nach La Turbie weiter. Auf unsrem Wege machen tvir einen Abstecher nach der Barina gründe, einer Höhle, in der verschiedene Skelette von Menschen und Tieren der älteren Steinperiode gefunden wurden- Eins der letzten ProjcktionSbilder von der Riviera zeigte inen Olivenhain mit reifen Früchten. Die kleinen, blanen, pflaumenartigen Oliven hängen büschel- weise an den silbergrauen Zweigen. Die Früchte werden mit Stangen abgeschlagen und in darunter ausgebreiteten Tüchern aufgefangen. Die so abgeernteten Früchte geben aber nur ein minderwertiges Oel; das gute, erstklassige Provanccröl wird aus den grünen, noch nicht ausgereiften Früchten gewonnen, die sorglich einzeln mit den Händen abgepflückt werden. Ein Ausblick auf Nizza endete die Riviera-Route. Kineniatographische Aufnahmen bildeten den zweiten Teil des Projekttons-Abends. Den Anfang machte eine Montblanc-Bestcignng. Die Länge des Films, der ans 13 500 Einzclaufnahmen bestand, be- trug 240 Meter. Ein paar Bergfexe, die aus möglichst gefahrvollem Wege die Höhe des Montblancs erklimmen wollen. Gletscher, Schneebrücken, Abgründe und Nebel: alles was so zu einer zünftigen Kraxelei gehört. Technisch funktionierte leider die Sache nicht recht. Der Wechsel in den Aufnahmen zerriß oft die Einheitlichkeit des Bildes, einzelne Verkürzungen der Linien in der Perspektive waren übertrieben. So machten z. B. die Touristen beim Aufstieg auf Schncestufen oftmals Schritte von der Länge ihrer eignen Körper- größe te. Interessanter und auch technisch besser Ivar das Fällen von Riesenbäumen im kanadischen Urwald und der Transporr der Holz- stämnie. Holzhauer mit Sägen und Acxten bearbeiteten die Bäume, bis sie sich zu neigen begannen und umstürzten, Acste, Zweige und Laub der andren Bäume mit fortreißend bei ihrem Sturze. Dann werden die Bäume angeseilt, fortgeschleift und ins Wasser fallen gelassen. Von Flößern. die aus den Stämmen balancieren, wird das Holz darauf mit Stangen nach der Bahn- station geleitet. Dort kommt der Stamm auf zw.i Rädervaare, die an jedem Ende angeseilt werden. Mit Seilen werden dann auch die einzelnen Stämme aneinander gebunden: auf jedem Stanmie steht oder reitet ein Arbeiter und eine Lokomotive führt den Baumzug nach dem nächsten Knotenpunkt der Hauptbahnlinie. Ein paar kleinere Borführungen, unter denen Gullivers Reisen im Lande der Zwerge und Riesen«Filmlängc 78 Meter, 4300 Einzel- Photographien) das meiste Interesse erregten, bildeten den Schluß.— Völkerkunde. kc. Die Blutrache bei den A l b a n e s e n. Ucber das Leben in Albanien veröffentlicht das„Blackwoods Magazine" eine» Artikel, dem die gegenwärtigen Zustände in diesem Lande ein aktuelles Interesse verleihen.„Ein Besuch in Skutari, der Haupt- sladt Albaniens," schreibt der Verfasser,„ist für jemand, der diese Länder noch nicht kannte, eine Offenbarung. An dem wöchentlichen Markttag steigen die Bergbewohner zu Tausenden herab. Sie kommen von fern und nah; dabei sind sie mit Martinigeioehre» und Revolvern bewaffnet, die sie aber in den Wachtlokälen an der äußeren Grenze der Stadt zurücklassen müssen. Diese Leute sind alle Christen, sehr fromme sogar; aber da drei Viertel der einige 40 000 Ein- wohner betragenden Bevölkerung Skutaris Mohammedaner sind, so erwächst aus diesem wöchentlichen Zustrom der Christen eine wirk- liche Gefahr. Es kommt keineswegs selten vor, daß der Besucher sieht, wie ein Mann auf der Straße erschossen wird, und die Türken betonen die immer mehr oder weniger kritische Lage dadurch, daß durch alle Gaffen und Straßen Tag und Nacht Feldwachen von stark bewaffneten Soldaten patrouillieren. Einer der alten Tricks der christlichen Stammesmitglieder ist es gewesen, ein Schwein zu töten, dessen Kopf abzuschneiden und mit dem Blut große Kreuze im Innern der Moscheen anzuschmieren und den blutigen Rumpf aus die Gebetmatte des Hedja zu lege». Man kann sich dann allerdings kaum wundern, wenn am nächsten Tage in der Stadt ein Aufruhr ist. Ein Menschenleben in Albanien ist einen Groschen wert, wie ein gebildeter Albanese einmal sagte; das ist ungefähr der Preis einer Patrone. Eine sehr hervorstechende und tief wurzelnde charakteristische Eigen- schaft des Albancsen ist sein starres Festhalten an den Gesetzen der Blutrache. Der Rächer ist kein Held, er wartet ans sein Opfer und schießt nur, wenn er weiß, daß er tödlich trifft. Vom sicheren Hinterhalt hinter einem Stein neben dem Pfad, den das Opfer betreten muß, kommt die tödliche Kugel aus einer Entfernung von wenigen Metern, und gewöhnlich wird eS in den Rücken geschossen. Wenn ein Mann friedlich aus den, Felde arbeitet oder nachts in seiner Hütte schläft, kann er erwachen— wenn er überhaupt erwacht—. ein Brett in» Dach entfernt finden und einen Gewehr- oder ReUolvertanf auf sich gerichtet sehen. Diese Art. Blutrache zu üben, ist feige: dagegen ist ein andrer Brauch ritterlich. Sollte ein Diann eines Stammes einen andern töten, während er austerhalb seines eignen Grenzgebietes ist, so kann er schnell zu den nächsten Verwandten des Toten ins Asyl fliehen und dort kühn seine That anmelden und Straflosigkeit fordern. Er wird dort Ruhe und Rahrung finden und dann sicher an die Grenze geführt werden. Dort hört die Verpflichtung zur Gast- freundschaft auf und es wird ihm gesagt, er solle ein Äuge auf sich halten, denn beim nächsten Zusammentreffen gelten die Gesetze der Vendetta. In Uebereinstimmung mit den abendländischen Sitten de? Mittelalters beobachten die Albanesen aber noch die Heiligkeit des Brotbrecbens oder Salzkostens. Hat einmal ein Mann im Hause eines andern Speise gegeffen, so darf er gegen jenen Mann nie die Hand erheben, wie schwer auch die Herausforderung wäre. Wie weit dieses Gesetz durchgeführt wird, zeigt folgendes Beispiel. Ein Mann kam abends zum Hause seines Feindes in der Abficht, ihn zu töten. Es war ungewöhnlich dunkel, da der Mond noch nicht aufgegangen war; der Mann verbarg sich im Garten einer benachbarten Hütte und Wartete auf die günstige Gelegenheit. in seines Feindes Wohnung zu kriechen. Halb unbewußt rist er einen Maiskolben ab, kaute daran und verbrachte so die Zeit. Plötzlich ging der Mond über einem dazwischen liegende» Berge auf und beleuchtete mit seinen hellen Strahlen den Schauplatz. Der Mann stand vorsichtig auf und sah um sich. Dann stahl er sich heimlich, mit einem ÄluSruf enttäuschter Wut, nach Hause: Aus Ver- sehen hatte er sich im Hause seine? Feindes verborgen und von feiner Ernte gegessen.. Geographisches. — Die Entwicklungsgeschichte der Dünen an der Westküste von Schleswig bildete den Gegenstand inter- essanter Studien von Prof. I. Reinke Meli, die jüngst der preustischen Akademie der Wissenschaften vorgelegt wurden. Die Dünen- bildungen an der schleslvigschen Nordseeküste verteilen sich auf vier, durch das Meer voneinander getrennte Stellen, nämlich die Inseln Röm, Sylt, Amrum und die Halbinsel Eiderstedt. In jedem dieser Territorien nimmt das Dünengebiet die westliche, dem Meere zu- gekehrte Seite ein, und alle vier Düuengebiete liegen auf einem Kreisbogen, dessen Sehne von der Nordspitze Roms zur Süd- spitze von Eiderstedt verläuft. Hierdurch kommt, wie Reinke be- tont, eine gewisse Einheitlichkeit in die geographische Kombination jener Dünengebiete, die erdgeschichtlich begründet dadurch erscheint, dast dieses ganze Küstenland in alter Zeit durch das Hereinbrechen der Meeresfluten zertrümmert wurde und dast seine heutige Ge- stalrnng nur die Reste einer früher zusammenhängenden Landschaft darstellt, allerdings Reste, die stellenweise wieder in lebhaftem An- wackiseu begriffen sind. Auf Sylt giebt es ausschließlich nur alte Dünen, die. vor langer Zeit entstanden, jetzt nur die verschiedenen Stufen späterer Umbildimg aufweisen, während der Strand von Röm, Amrum und Eiderstedt neben alten Dünen verschiedener Eiitwicklungsstufen, auch die Neubildung von Dünen, den Aufbau derselben aus den jüngsten Anfängen vor Augen führt. Der Westküste von Sylt liegt nur ein schmaler Sandstrand vor. und die alten Dünen sind vermutlich zil einer Zeit entstanden, als die Insel sich weit über ihre heutige Grenze West- lvärtS ins Meer ausdehnte lind sanft zum Wasserspiegel abdachte. So war damals die.Bildung von Dünen möglich, die, dem Meere entsteigend, ostwärts den Landrücken hinaufwanderten, auf dem sie sich heute befinden. Anders bei Röm, Amrum und Eiderstedt. Dort hat da? Meer an der Westseite breite Sandflächen an- geschwemmt, die auch bei gewöhnlicher Flut trocken liegen, aber docb durchtränkt sind vom Salzwasser der Nordsee, sie bilden die Vorbedingung der daselbst auch heute nock stattfindenden Neubildung von Dünen. Nur auf feuchten Sandflächen betont Reinke, wird heute die Neubildung von Dünen beobachtet, und es ist kein Grund vorhanden, anzunehmen, die alten hohen Dünen von Sylt und Amrum seien auf trockenen Sandfeldern entstanden, während an andren Stellen der Erde. z. B. in vegetationslosen Wüsten, die Ent- stehnng von Dünen allerdings auch auf trockenen Sandfeldenl vor sich geht. An der Westküste von Schleswig ist aber nur die näsle Sandfläche der Schauplatz für die Neubildung von Dünen, und damit diese vor sick geht, muß ferner, wie Reinke g'efnnden. eine Pflanze auf dem Sandfelde auftreten; erst aus dem Zusammenwirken dieser Pflanze mit Sand und Wind entsteht die entwicklungsfähige Anlage einer Düne. Diese Pflanze ist nun, nach ReinkeS weiteren Forschungen, stets und überall dieselbe, nämlich ein perennierendes Gras, dessen botanischer Name Triticnrn junceurn ist. Es findet sich überall an der deutschen Nord- und Ostseeküste, fehlt aber dem Binnenlande und gedeiht am üppigsten auf reinem Sandboden, auch an tonigen Stellen, wofern sie salzhalttg sind. Der vom Winde herangewehte und von den unterirdischen Stengeln des Triticums dnrchwncherte Sand bildet den Anfang für die erste EntlvicklungSphase einer Düne, die sich im Lauf der Jahre bis zur Höhe von mehreren Metern erheben kann. Reinke bezeichnet solche als Tritieum-Dünen, denn sie sind nur von diesem Grase bewachsen»md durchwachsen. Weiteres Wachsen über etwa drei Meter Hohe hinaus findet bei diesen Dünen nicht statt, weil der Sand nur an der Oberfläche trocknet und durch den Wind verstäubt lvird. Dann aber wird der Boden geeignet für da? bekaimte eigentliche Dünengras, dessen botanischer Name Verantwortlicher Redakteur.' t»arl Leid in Bertin.— Druck und Verlag! Lsamms arenaria ist, das im salzlosen Flugsande gedeiht und die Dünenoberfläche in dichten Rasen bedeckt. Die Psanmia Düne ist die zweite EntwicklungSphafe der Düne und gewährt die Unterlage für das weitere Wachstum der letzteren bis zu 30 Meter Höhe. Aus dieser Grasdüne geht dann zuletzt durch den Wind, der die GraShorste losreißt oder verschüttet, die kahle Düne, der vege- tattonslose schneeweiße Sandberg hervor. Das sind die Wander- dünen, die in der Richtung des vorherrschenden Windes eine Ver- schiebung von 5—6 Meter im Jahre erfahren und auf den nordfriesischen Inseln im Laufe der Jahrhunderte Wiesen, Gebäude, ja ganze Ortschaften verschüttet haben, bis es gelang, durch sorgfältige Kultur, die in erster Linie auf Anpflanzung des Psamma-GraseS gerichtet war, diese Wanderdünen zu befestigen und zu bändigen.— s„Kölnische Zeittmg.") Medizinisches. en. Lungenspitzen-At m u ir g. Es kann als eine sichere Thaffache angesehen werde», daß sich Krankheitskeime um so eher in der Lunge festsetzen und um so schwerer daraus zu entfernen sind. je geringer die Thätigkeit der Lungen ist und je weniger vollständig sie sich bei der Einatmung ausdehnen. Es ist daher durchaus kein Zufall, daß die Lungenkrankheiten gewöhnlich von den Lungenspitze» ausgehen, und auch hier namentlich den Anlaß zu langwierigen Erkrankungen geben. Wenn nämlich die Atnmng bei eingedrücktem Brustkorb nur oberflächlich erfolgt, so sind es zunächst die Lungen- spitzen, die durch die ungenügende Bewegung des Organs außer Thätigkeit gesetzt werden. Dr. Beerwald lenkt mit Rücksicht darauf in den„Blättern für VolksgesuudheitSpflege" die all- gemeine Aufmerksamkeit sowohl der Aerzte wie der Kranken auf die Bedeutung gymnastischer Uebungen für Lungenkranke. Eine größere Zahl der Kranken bewachtet leider noch immer die darauf bezüg- lichen Anordnungen der Aerzte als nebensächlich und vernachlässigt ihre Ausführung entweder ganz oder doch durch einen mangelhaften Ernst Ber Vornahme der liebungen. ES ist aber durch Versuche. anatomisch nachgewiesen werden, daß die Lungenspitzen nur dadurch genügend mit Lust gefüllt und ausgedehnt werden, daß sich während des Atmens die Schultern hochheben. Die Wahrheit dieses Satzes läßt sich übrigens auch an Lungenkranken beobachten, die in einein Anfall von Atemnot unbewußt jedes Mittel anwenden,»im ihre Schultern in die Höbe zu ziehen. Während man in der Behandlung und Verhütung der Lnngenkrankheiten bisher die Gymnastik Haupt- sächlich für Breiten- und Tiefenatmung angewandt hat, wird man jetzt noch besonders auf eine Höhenatmung Bedacht nehmeil müssen. um die Gefährdung der Lungenspitzen abzmvenden oder zu ver- hindern.— Humoristisches. — Zweifel. Mann:„Was hast Du denn heule gekocht?" Frau:„Eine S ü h n e r s u p p e." Mann:„Ja. meinst Du wirklich, daß die Hühner so etwas genießen können?"— — Gemütlich. Gast(der schon lange auf Bedienung Wartet):„Kellner, ich warte nun schon eine Stunde." Kellner:„Ja, ja, wie f ch n e l l d i e Z e i t v e r g e h t l" („Lustige Blätter".) Notizen- —„Der Schlackte nle n ker", ein Einakter von Bernard Shaw, deutsch von Siegftied Trebitsch, erlebt noch in diesem Monat im Stadttheater zu Frankfurt(Main) die erste deutsche Aufführung.— — Die große Oper ,. M a r i e n b n r g" von Enge n v. Bot- b e r g und A x e l Del m a r Wird am 18. April erstmalig im Wiesbadener Hoftheater aufgeführt.— — Ein neues Ballett„Der Zauberknabe" von Regel und v. Gold berger soll noch in diesem Monat im Opern- hause gegeben Iverden.— — Wie au? R o m berichtet wird, haben italienische Archäologen soeben im Königspalast von Festos(Kreta! einen großen Schatz von Gold und Bronzegeld aus der mykenischen Periode entdeckt.— — Ein verschwundener Schmetterling. Ein unserm Dukatenfalter ähnlicher Schmetterling Englands, Rchvommatu« ckispar, der dem P. nitilans des Kontinents nahe verwandt und an gewissen Oertlichkeiten so häufig lvar, daß man in einer halben Stunde 15 bis 20 Stück fangen konnte, ist. Wie der„Prometheus" berichtet, dort seit langem völlig verschwunden; schon 1848 soll da? letzte Exemplar gefangen Worden sein. Es scheint, daß eine lieber- schlvemmung an einem Orte, Ivo er früher hauptsächlich vorkam, die Brut mit Sttimpf und Stiel ausgerottet hat. Infolgedessen ist der Preis dieses Tieres sehr hoch gegangen. Schon 1893 hatte, wie I. E. Chnrnley berichtet, ein Naturalienhändler, der 31 Stück im Besitz hatte, einen Durchschnittspreis von 90 M. für das Stück erzielt: 1902 wurde für ein einzelne? Exemplar ein Liebhaberpreis von 142 M. bezahlt.—_ Zorwärls Bnchdrnckerei und Verlagsanslalt Pmck Stnzer& Co., Berlin ÖW.