Mntcrhaltuiigsblatt des Horwärts Nr. 73. Mittwoch, den 15. April. 1903 (Nachdruck verboten.) 3öl Vas GelÄ. Roman von Emile Zola. Später erzählte man, daß Gundermann sogar insgeheim Saccard den Ankauf eines uralten Hauses in der Nue de Londres erleichterte, welches der letztere einzureißen be- absichtigte, um an dessen Stelle das Hotel seiner Träume zu errichten, den Palast� in welchem er sein Werk prunkvoll unterbringen wollte. Es war ihm gelungen, den Auffichts- rat zu bereden, und schon Mitte Oktober gingen die Arbeiter ans Werk. Am Tage der feierlichen Grundsteinlegung war Saccard gegen vier Uhr ans dem Zeitungsbureau und wartete auf Iantrou, der befreundeten Blättern Berichte über die Fest- lichkeit überbrachte, als er den Besuch der Baronin Sandorff empfing. Zuerst hatte sie nach dem Hauptredakteur gefragt und war dann, wie von ungefähr, auf den Direktor der Universelle gekommen, der in zuvorkommenster Weise für alle gewünschte Auskunft sich ihr zur Verfügung gestellt und sie m ein reserviertes Zimmer am Ende des Ganges geführt hatte. Hier gab sie beim ersten Angriff nach. Sie war zum voraus zu diesem Zugeständnis entschlossen gewesen. Aber eine Komplikation trat ein, indem Frau Karoline, die gerade im Montmartreviertel zu thun hatte, ebenfalls heraufkam. Sie fand sich manchmal unerwartet ein, um Saccard eine Antwort zu bringen, oder einfach nach Reuig- leiten zu sehen. Zudem kannte sie Tejoie, den sie hier unter- gebracht hatte, und pflegte einen Augenblick plaudernd bei ihin zu weilen, glücklich über die Dantbarkeit des Mannes. Heute fand sie ihn im Wartesaal nicht vor und trat auf den Gang hinaus. Sie stieß auf ihn, als er von der Thüre weg- ging, an welcher er gehorcht hatte. Das war jetzt bei ihm zur Krankheit geworden: mit fieberhafter Aufregung hielt er sein Ohr an jedes Schlüsselloch, um die Börsengeheimnisse zu er- haschen. Aber was er diesmal gehört und verstanden hatte, brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit; er hatte ein un- sicheres Lächeln auf den Lippen. „Er ist da drin� nicht wahr?" fragte Frau Karoline und wollte weitergehen. Er hielt sie an, überrascht, stanmielnd und ohne Zeit zu einer Lüge zu finden. „Fa, er ist da, aber Sie können nicht hinein." „Wieso? �ch kann nicht hinein?" „Nein, er ist mit einer Dame." Sie wurde ganz bleich. „Wer ist die Dame?" fragte sie kurz. Er hatte keinen Grund, ihr, seiner Wohlthäterin, den Namen zu verschweigen, und flüsterte ihr ins Ohr: „Tie Baronin Sandorff... O, schon lange schleicht sie um ihn herum!" Einen Augenblick blieb Frau Karoline starr und regungS- los. Im Schatten des Hausganges konnte man die fahle Blässe ihres Gesichts nicht wahrnehmen. Mitten durch das Herz war ihr ein so stechender, so peinigender Schmerz ge- fahren, wie sie sich keines ähnlichen erinnern konnte; die Ver- blüfftheit über diese gräßliche Wunde nagelte sie an Ort und Stelle fest. Was sollte sie jetzt thnn? Und wie sie noch willenlos, betäubt dastand, trat Marcelle, die heraufkam, um ihren Mann abzuholen, fröhlich auf sie zu. Neulich hatte sie die junge Frau kennen gelernt. „Ah, Sie sind es� liebe, gnädige Frau!... Denken Sie einmal, wir gehen heut abend ins Theater. O. das ist eine ganze Geschichte, teuer darf es nämlich nicht kommen... Aber Paul hat ein kleines Restaurant ausfindig gemacht, in welchem wir für fünfunddreißig Sous pro Kopf schwelgen..." Jordan, der soeben heraufkam, fiel seiner Frau ins Wort. „Zwei Gänge, ein Viertelchen Wein und Brot nach Be- lieben." „Und dann." fuhr Marcelle weiter,„nehmen wir keinen Wagen; es ist so lustig, zu Fuß heimzugehen, wenn es sehr spät ist... Heute abend, da wir reiche Leute sind, nehmen wir einen Mandelkuchen für zwanzig Sous mit nach Hause... Ein kapitales Fest, eine kolossale Schlemmerei!" Und sie ging jubelnd am Arme ihres Mannes ab. Frau Karoline, die mit dem Ehepaar ins Wartezimmer zurückgekehrt war, hatte die Kraft wiedergefunden, zu lächeln. „Viel Vergnügen!" stammelte sie mit bebender Stimme. Dann ging auch sie weg. Sie liebte Saccard. Ihr Erstaunen und ihren Schmerz darüber trug sie wie eine Wunde von dminen� die sie nicht zeigen wollte. Vckl. Zwei Monate später, an einem grauen und milden Novembernachmittag, ging Frau Karoline in den Zeichensaal hinauf, um sich sofort uach dem Frühstück an die Arbeit zu machen. Ihr Bruder, der damals in Konstanfinopel mit seinem großen Unternehmen der Orientbahnen beschäftigt war, hatte sie nämlich gebeten, alle ehemals bei der ersten Reise � von ihm gemachten Aufzeichnungen durchzusehen und danach eine Art Denkschrift zusammenzustellen, die gewissermaßen einen historischen Ueberblick über die Frage abgeben sollte. Seit zwei langen Wochen war sie nun bestrebt, sich ganz und gar in diese Arbeit zu vertiefen. An jenem Tage war es so warm, daß sie das Feuer ausgehen ließ und das Fenster öffnete, um einen Augenblick, ehe sie sich wieder an die Arbeit setzte, die großen, nackten Bäume des Hotel Beauvilliers zu betrachten, die blaßviolett vom fahlen Himmel sich abhoben. Sie schrieb seit einer halben Stunde, als sie infolge des Fehlens eines Schriftstückes längere Zeit unter den auf ihrem Tisch aufgestapelten Aktenbündeln zu suchen begann. Dann erhob sie sich, wühlte in andren Papieren und kam mit ge- füllten Händen wieder an den Tisch. Beim Durchmustern dieser fliegenden Blätter stieß sie ans fromme Bildchen: eine buntfarbige Ansicht des heiligen Grabes, nebst einem mit den Passionswerkzengen umrahmten Gebet, unfehlbar zur Sicherung des gefährdeten Seelenheils in de? Not. Jetzt er- innerte sie sich: ihr Bruder, dieses große, fromme Kind, hatte die Bildchen in Jernfalem gekauft. Plötzliche Rührung kam über sie, Thränen netzten ihre Wangen. O, dieser hoch- begabte, lange verkannte Bruder, wie glücklich war er, daß er noch glaubte, daß er bei dieser kindlichen Bonbonschachtel- Darstellung des heiligen Grabes nicht lächeln mußte, sondern aus seinem Glauben an die Wirksamkeit dieses Gebetes in Zuckerbäckerreimen ruhige, heitere 5iraft schöpfte! Am Tage nach dem rohen Zufall, durch welche» sie das Verhältnis zwischen Saccard und der Baronin Sandorff er- fuhr, hatte Frau Karoline mit vollem Aufwand ihrer ganzen Willenskraft sich gegen das Bedürfnis angestemmt, die beiden zu überwachen und alles zu erforschen. Sie war ja nicht die Frau dieses Menschen, sie wollte auch nicht seine leidenschaft- liche, bis zum Skandal eifersüchtige Geliebte sein. Seit zehn Minuten hatte sich Frau Karoline gefaßt wieder hinter ihren Bericht gesetzt, als der Diener hereinkam und meldete, daß Charles, ein tags zuvor entlassener Kutscher, durchaus die gnädige Frau sprechen wollte. Saccard hatte den Menschen selbst angestellt und dann bei einem Hafer- diebstahl ertappt. Nach einigem Schwanken empfing sie ihn doch. Ein großer, stattlicher Bursche� Hals und Gesicht glatt rasiert, mit der Zuversicht und der eingebildeten Miene jener Männer dahertänzelnd, die sich von den Frauen bezahlen lassen, trat Charles frech ins Ziminer: „Gnädige Frau, ich komme wegen der zwei Hemden, die, die Wäscherin mir verdorben hat und mir nicht zahlen will... Jedenfalls meint die gnädige Frau nicht, daß ich einen solchen Verlust erleiden kann... Und da die gnädige Frau ver- antwortlich ist, so verlange ich Vergütung für meine Hemden... Ja, ich verlange fünfzehn Frank..." In solchen Haushaltungsfragen war sie sehr streng; vielleicht hätte sie die fünfzehn Frank gegeben, um jeden Wort- Wechsel zu vermeiden, aber die Unverschämtheit dieses erst gestern ans frischer That abgefaßten Menschen empörte sie. „Ich bin Ihnen nichts schuldig und gebe Ihnen auch keinen Sou... Uebrigens hat mich der Herr gewarnt und mir ausdrücklich verboten, irgend etwas für Sie zu thun." Da trat Charles drohend näher. „So! Das hat der Herr gesagt! Ich dachte es mir; er hat aber unrecht gehabt, der Herr, denn jetzt geht der Spaß los... Ich bin nicht so dumm, um nicht gemerkt zu habe», daß die gnädige Frau seine Geliebte ist.. Errötend fuhr Frau Karolme auf und wollte ihn hinaus- jagen. Aber er lieh ihr keine Zeit dazu und fuhr lauter fort: „Vielleicht wird die gnädige Frau auch froh sein, zu erfahren, wo der Herr zwei- oder dreimal wöchentlich von vier bis sechs llhr hingeht, wenn er sicher ist, die Betreffende allein zu finden..." Sie war hlöhlich sehr bläh geworden, alles Blut wallte ihr zum Herzen zurück. Mit heftiger Geberde suchte sie diese Aufklärung, der sie seit zwei Monaten ans dem Wege ging, dem Menschen in die Kehle zurückzudrängen. „Ich verbiete es Ihnen..." Aber Charles schrie noch lauter als sie. „Die Frau Baronin von Sandorff meine ich... Herr Delcambre, der sie unterhält, hat für ungestörte Zusammen- tünste eine kleine Parterrewohnung in der Rue Caumartin gcniictet, fast au der Ecke der Rue Saint-Nicolas, im Hause mit dem Obstladen..." Sie hatte den Arm nach der Klingel ausgestreckt, um den Menschen hinauswerfen zu lassen; aber er hätte sicherlich in Gegenwart der Tienerschaft weiter geredet. „Das heiht... Ich habe nämlich eine Freundin dort, die Kammerzofe Clarisse..." „Still! Elender!... Da haben Sie Ihre fünfzehn Frank." Mit unsäglichem Ekel händigte sie ihm das Geld ein. Sie sah ein, dah dies die einzige Art wäre, ihn fortzubringein In der That wurde er sofort wieder höflich. „Ich mein's ja nur gilt mit der gnädigen Iran... Das Haus mit dem Obstladen, hinten im Hof.. Heute ist Donnerstag, es ist schon vier Uhr; wenn die gnädige Frau das Paar überrumpeln will..." Sie drängte ihn nach der Thür hin, aschfahl und mit zusammengebisseneu- Lippen. Endlich war der Mensch fort. Einige Sekunden blieb Frau Karoline sinnend und regungslos stehen. Dann sank sie kraftlos mit ciiicni langgedehntcn Seufzer vor ihrem Arbeitstisch nieder und ließ die Thränen reichlich rinnen, welche sie schon lange erstickten. Diese Clarisse, eine magere Blondine, hatte nämlich ihre Herrin kürzlich verraten und Delcambre gegenüber sich ver- pflichtet, dafür zu sorgen, daß er die Baronin in diesem von ihn? bezahlte?? Zimmer?nit einem a?idrei? Manne überraschte. Zuerst hatte sie füi?fh?i??dert Frank gefordert. Da er aber sehr geizig war, mußte sie?iach lä??gcren? Feilschen mit zweihundert Frank sich begnügen, die sie in dem Augenblick in die Hand bekä?ne, wo sie Delcambre die Zin?merthiire öffnen würde. Clarisse schlief ii? einem Kämmerchcn neben dem Toilette- zimmer. Die Baroi?i?? hatte aus Zartgefühl das Mädchen genommen, um der Portrersfrau das Besorge?? der Ziinmer nicht überlasse?? zu müssen. Da zwii'che?? de» einzelnen Zu- sammenkünftei? gar nichts zi? thu?? war, lebte Clarisse meist müßig ii? der leeren Wohnung; sobald Delcambre oder Saccard sich einfand, versch>va??d sie bescheidei? iin Hintergrunde. Hier hatte sie Charles kennen gelernt. Sie hatte Charles als eii?en sehr bra?!chbare?? l»?d ehrlichen Bursche?? a>? Saccard e???pfohlen. Seitdem er entlasse??>var. teilte sie seine?? Groll, un? so mehr, als ihre Gnädige sich„schäbig" beivies l???d sie eine Stelle in A??ssicht hatte, die fünf Frai?k?i?ehr inonallich abtvarf. Zuerst lvottte Charles ai? den Baron Sairdorsf schreibe??; sie aber hatte es für spaßiger und einträglicher er- achtet,???it Delcambre eine Ueberr??lnpelung ins Work z?? setze??. An jenem Ton??erstag tvar alles zu??? große?? Schlag vor- dereitet. Sie sta??d a??f der La??er. Saccard ka?n?im vier llhr. Dra?ißen dunkelte es bereits. Die Lädei? waren ge- schlössen, die Gardine?? sorgfältig vorgezogen. Ka??m war Saccard eingetroffen, als auch Delcambre angefahren kam. Ter Gencralstaatsa??walt Telca?nbre, der mit dem Kaiser Persönlich verkehrte????d zii?n Miiuster aufzurücken im Begriff sta??d, wgr ein dürrer und gelblicher Füi?f- ziger, vo?? hohe?» Wuchs?n?d feierlicher Halt?li?g, dessen glattrasiertes. von tiefen Furchen durchzogei?es Gesicht die herbste Strenge ausdrückte. Seine scharf geschnittene Adler>?ase gab den? Gesicht einen Z?lg von rücksichtsloser Härte??ild Pflicht- tre?ier llnbarinherzigkeit. Als er?nit seinein gelvohi?tel?, eri?st gemessenen Sckritte die Stufen heraufstieg, besaß er seine ganze Würde, seine ganze kalte Haltung der große?? Gerichts- tage. Im Hanfe kannte ihn nieinai?d, er kam gewöhnlich erst nach Anbnich der Dunkelheit. Clarisse erwartete ihn in? engen Bol-zin?i??erchen. «Ter Herr möge m?r n?it mir gehen. Ich bitte dringend, ja keinen Lärm z?? n?ache??." Er zögerte: Weshalb nicht sogleich zur Thüre herein, die u??n?ittclbar ins Zin?n?cr führte? Aber sie setzte ihn? mit fast unhorbarcr Stimme auseinander, der Riegel sei gewiß vor- geschobc??, man müßte also die Thüre einschlagen, so daß die Gnädige getvarnt würde und Zeit bekäme, die Sache zu bc- ?nänteln. Jlein, sie ivollte vielmehr, daß er die Baronin in eben den? Z?lstande überraschte, in welchen? sie dieselbe eines Tages gesehen hätte, als sie einen Blick durchs Schlüssel- loch wagte. Dafür hatte sie etlvas ganz Einfaches a?ls- gedacht. Ehcn?als stand ihre Kammer mit den? Toilettc- zin??nerchen d??rch eine jetzt verschlossene Thür ü? Ver- bindung; da aber der Schlüssel nur in eine Schub- lade geworfen worden tvar, hatte sie denselbc?? her- vorgcsucht u??d die Thüre Wieder geöffnet. Somit konnte man jetzt vcnnittclst dieser früher verschlossenen und ü? Vergessenheit gerate????? Thüre geräuschlos üis Toilette- zimmer gela??ge??, welches vo?? dein großen Gcn?ach nur durch ei>?e Portiere getrci???t war. „Der Herr?!?öge sich ganz ai?f mich verlassen. Ich habe ja Jtiteresse a>?? Gelii?gci?, i?icht>vahr?" Sie schlich zur halbgeöffneten Thüre hi??cin tnid ver- schlvand auf ei!?c>? Augenblick. Dclca»?bre blieb allen? in dein enge?? Magdkämmerchen i??it de?????och ungeordneten Bett und der mit Seifenwasscr gefüllte?? Wasserschüssel; ihren Koffer hatte Clarisse scho?? a>?? Bormittag so?-tgcschafft, um sogleich nach dem Streich sich a?is den? Sta??be mache?? zu können. Bald ka?i? sie zurück?lnd schloß die Thür ivieder leise zu. „Ter Herr möge sich noch etwas ged?lldcn." (Fortsctznug folgt.) (Nachdruck vccbotcu.) Oer im JVIond. Auf den Mond ist in neueren Zeiten bekanntlich bloß ein Ver- tretcr des Menschengeschlechts gelangt: der Freiherr von Münch- hausen, abenteuerlichen Angedenkens. Dieser vielgeivandic Tausend- künstler tvar denn auch freilich gleich zweimal da. Das eine Mal Ivollte er seine silberne Axt wiederholen, die, mit allzu viel Schwung- kraft geschleudert, bis ans die Silberfläche an? Himincl geflogen war. Ueber der mühsamen Arbeit des Euchens von Silber auf Silber und der Sorge um die Rückkehr, die mit Hilfe eines immer von neuem oben ab- und unten wieder angeknüpften Strickes Vctvcrkstelligt werden mußte, weil die zum Aufstieg benutzte türtische Bohrte mittler- iveile ausgetrocknet war. scheint dem ivißbcgierigen Baron keine Zeit geblieben zu sein, die Mondiiatnr liähcr zu erforschen. Er holte das doppelt und dreifach nach, als er zum zwcitelimal oben Ivar. In der Gegend von Tahiti durch einen Orkan tauscird Meilen hoch in die Luft geführt, gelangte sein Schiff nach sechs Wochen auf den schimmernden Mond. Er sinid ihn von Eingeborenen bevöltcrt, dercir Mindestmaß 36 Fuß betrug, die ihren auf- und zuschließbaren Ballch von der Seite her zlvölflnal jährlich?nit Nahrung füllten, die il?t Kriege Retlige und Spargclstengcl als Wurfgeschosse brauchten und auf dreiköpfigen Geiern ritten. Ticsc Kleiiligkeiten habe» ja nun für jede??, der schon ctivas von den wunderbaren Erlebnissen des vielgereisten Barons vernommen hat, weiter nichts Erstalinliches. Befremdend wirkt bloß, daß Münchhausen eii? vollständiges Still- schlvcigcn beobachtet über den einen Irdischen, der vor ihn? die Tour auf dci? Mond gemacht und nolens volens sein dauerndes Quartier daselbst aufgeschlagen hat: über den Mann im Mond. Soll das ctlva heißen, daß der tvahrheitslicbeitde Hannoveraner die Geschichte seines Vorgängers in der Mondbesteigung für Schwindel erklären utzllV Das wäre sehr unklug von ihm. Denn für die Wahr- heit seiner eigne?? Monderlebnisse spricht nur, daß er's selber ge- sagt hat, für die Wirklichkeit des Mannes i?n Moi?de dagegei? der „cc>nsens??s gentium", die Ucbcrc!>?stim?nung aller Völker. Dieses Schlagwort marschiert vorzugsweise auf unter den hcrköminlichcn Bcivcisen für das Dasein e?i?cs persönlichen Gottes und ivill sagen. daß eine Vorstellu??g, die sich allüberall??ntcr Menschen findet, für ewige Wahrheit zu gelten habe. Die logische Schlüssigkeii dieses Be- lveiSgr?lndcs vorausgesetzt, läßt sich gar nicht beziveifcl», daß die dunklen Flecken, die man in mmrdhelle?? Nächten auf der Silberschcibe am Firmament wahrnimmt, ein verpflanztes Lebewesen unsrer Erde darsrcllcn. Die Vorstellung findet sich nämlich bei den verschiedensten Böller?? auf dem Erdenrund— Oskar Peschel hat eine Menge solcher llcberlieferungen z?isa??imei?getragcn— und nur darüber bestehen Keine Meinungsverschiedenheiten, mit wem und warum sich die Ver- sctznug auf dci? Mond zugetragen hat. Darüber sind sich schon die europäischen Völker nicht ga??z einig, Die gangbarste deutsche Vorstellung faßt scho?? der alre Megenberg in die Worte:„Der man hat in im sivarz flecken, und spreche nt die laie??, ez sitz all? man mit aii?er dornpürd in dem monen." Reben der Meinung, daß er eii?c am Sonntag gestohlene Holzbürde trage, von deren Verbreitung das Sprichlvort zc?lgt:„Der Mann im Monde — 291— 7at das Holz gestohlen." findet sich auch die, daß es eine Frau sei, die am Sonntag gesponnen habe. Ein wenig anders wieder malt sich die Sache in den alten Ueberlicferungen der Lausitzer Wenden. Danach breitete ein Mann am Sonntag Mist anS. Ein kleiner Mann trat zu ihm mit der Frage, warum er das am Ruhetage thue und ob er dafür lieber in die Sonne oder in den Mond wolle. Die Sonne war dem Sünder zu heiß, und so zog er den Mond als Aufenthalts- orr vor. Seiidem hat der Mond das Gesicht:„es zeigt ganz deutlich den Mann, an seine Mistgabel gestemmt." llnsre skandinavischen Vettern in Schweden erkennen in den Mondflccken einen Knabe» und ein Mädchen, die einen Eime: Wasser zwischen sich tragen. So war cS schon Zu Zeiten der„Urgroßmutter", der Edda. Mani, der Mond — so erzählt sie— stahl zwei Kinder von ihren Eltern und trug sie mit sich in den Himmel. Ihre Namen waren Hinki und Bil. Sie hatten Wasser geschöpft von der Quelle Brhgir, im Schlauch Soegr, der an der Stange Simul hing, die sie auf ihren Schultern trugen. Mir der deutschen Vorstellung stimmt die angelsächsische Tradition übercin, auf die der englische Schriftsteller Alexander Nekam in seiner Schrift„Ucvcr die Natur der Dinge"(gegen 1200) anspielt; er citiert einen alten lateinischen Vers:„Ter Bauer im Mond, den eine Bürde niederdrückt, zeigt durch seine Dornen, daß Diebstahl niemand frommt". In Shakespeares„Sturm" hinwiederum erscheint noch ein Hund als Zubehör des ManncS im Mond: hier und im„Sommer- nachtstraum" verulkt der Dichter den alten Volksglauben. Er war iuzivischen bereits nach christlichen Bedürfnissen umgestaltet worden. Ter Mann im Mond sollte jener biblische Frevler sein, den Gott von den Kindern Israels steinigen ließ, weil er am Sabbat Holz gelesen hatte. In Italien hielt mau, etwa um dieselbe Zeit, wie eine Stelle bei Dante zeigt, den Bnidcrmördcr Kam für den Mann im Mond. Fährt man nun nach irgend einem Münchhauscnschcn oder Jules Vcrneschen Rezept von unsren Erdstrichen quer durch den Globus durch, daß man bei den Antipoden der Südsce wieder zu Tage komnit, so stößt man gleich auf mehrere Erklärungen der Mond- flecken bei verschiedenen Eingcborcncnsrämmcn. Auf Samoa erzählt sich das Volk, bei einer Hungersnot habe Sinn mit ihrem Kinde im Zwielicht gesessen und ein Stück Rinde vom Maulbeerbaum zu Mleidcrzeng zurechtgeklopft. Der heraufsteigende Mond erschien den Augen der Hungrigen wie eine große Brotfrucht, und sie rief: „Warum kannst du nicht hcrabkommcn und meinen, Kind einen Bissen von dir gönnen?" Aufgebracht über diese dreiste Zumutung, kam der Mond eilends herab und nahm Mutter. Kind, Hammer und Klopf- brctt mit sich gen Himmel. Darum heißt es aus Samoa:„Schaut droben Sina und ihr Kind und ihren Hammer und ihr Brctt." Aus der Insel Rarotonga im Cooksarchipel weiß man folgendes zu erzählen: Eine Göttin gebar einen Sohn, dessen Vaterschaft sich zwei Götter streitig machten, und zwar merkwürdigerweise nicht in dem Sinne, daß keiner es gewesen sein wollte, sondern daß jeder sich für den Erzeuger ausgab. Die Sache war nicht auszumachen, und so lautete der salomonische Eutscheid dahin, daß die beiden sich in das Kind teilen sollten. Der eine bekam Kops und Schuttern und schleuderte sie zum Himmel empor, wo die Sonne daraus wurde. Ter andre Gott warf seine Hälfte als nutzlos in den Busch. Als der erste dies vernahm, wandte er sich an den Kollegen mit der Bitte, ihm das Weggeworfene zu überlassen. So geschah es auch, lind er warf diese Hälfte gleichfalls ans Firmament, von Ivo sie uns nachtlich als Mond leuchtet. Wenn dieser die Hörner zeigt, so steht man die Beine des Knaben, die dunkle» Stellen aber sind Berwesungsflcckcn aus der Zeit, als das Fleisch im Busch faulte. Der Mongolcnstamm der B»raten in Centralasien wendet die Sache etwas anders. Es lebte einmal ein Mann mit seiner Frau im Walde. Sic harten eines Tages ihr Töchtcrchcn zum Wasscrholcn ausgeschickt. Da es zu lange ausblieb, ward die Mutter ärgerlich und verwünschte es in Sonne und Mond. Die Sonne ergriff es zuerst, überließ es aber an Bruder Mond, weil dieser auf seiner nächtlichen Bahn eines Wächters bedürftiger zn sein meinte. Das Mädchen hatte vor Schreck, als es die beiden Himmelskörper auf sich zurücke» sah, nach den Zweigen eines Busches gegriffen und hielt sie noch in der Hand, als der Mond es cmporirug. Sie ist also nun mit Blätterbüschel und Wasscrkrug in den Händen im Monde zu sehen. Qriginell ist auch die Erklärung der Mvndfleckcn. die sich bei den Estimos findet. Sie meinen, der Mond sei der Bruder der weiblichen Sonne. Bei Vcrfinstcrnngcn liebkosen die Geschwister einander, und die Spuren von den russigen Händen der Sonne sind im Antlitz des MondcS als Flecken sichtbar. Nicht überall hat man sich im Mond eil, Wesen von menschlicher Gestalt gedacht. In Indien z. B. hat man schon in uralten Zeiten die Mondflccken als einen Hasen gedeutet, wie ein Märchen im Hito- padcsa zeigt. Daher heißt der Mond»Hasenträger"; daneben freilich haben andre Inder ein Reh in seiner Zeichnung erblickt und ihn darum Rchträger getauft. Japanische Augen haben in den Mond- flecken ein Kaninchen erkaimt, das in einem Mörser mit der Keule Reiskörner stößt. Der Hase spielt auch cine Rolle im Mondmythus der Namaqna-Hottentotten, ohne freilich etwas mit den Flecken zu schaffen zu haben, die als Mann im Mond gedeutet werde». Die Liste ähnlicher Deutungen der Mondflecken, tvie die untge- teilten sind, ließe sich noch verlängern. Aber es sind ihrer schon genug, um erkennen zn lassen, daß von Urzeiten her bei den ver- schiedenstcn Völkern und in den verschiedensten Ländern der Mann im Mond als befriedigende Erklärung eines auffälligen Natur- Phänomens gegolten hat. Der grübelnde Verstand der Gelehrten allerdings hat sich schon früh mit dieser merkwürdigen Ausgeburt einer kindlichen Phantasie nicht genügen lassen. Schon der alte Herakl'.t, uchte nach einer wissenschaftlichen Erklärung. Im fünftel, Jahrhundert v. Chr. verfertigte der Philosoph AnaragoraS bereits Mondkarten. Zeichnungen der Mondflecken. die er für Höhen und Tiefen der Mondoberftäche hxeli. So spricht auch Temokrit schon von Geb'rgcn und Thalern des Mondes, und später wurden sogar etliche Flecke» bereits mit Namen versehen: Ebene der Perscphone elv- fälsche Felder usw. Ter griechische Geschichtsschreiber Plutarch hat uns ein besonderes Schr,ftchcn:„Ueber das Gesicht im Mond" hinter- lasten, dessen Echtheit allerdings nicht ganz zweifellos ist. Darin werden in Gesprächsform alle Theorien diskutiert, die im Alterrum aufgestellt worden ssnb, um die Mondflecken wissenschaftlich zu er- klären. Tie originellste darunter ist die des Ägesianax. der in, Mond eine glänzende Spiegelscheibe sah. Die Flecken darauf stellten cine Reflekticrung der Erdoberfläche dar: die hellen Stellen rührten von den Festlanden, die dunklen von dem Mittclmeer her. Diese Hypo- thcse ist oder war Ivenigstens noch neuerdings, wie Humboldt' int „Kosmos" mitteilt, in Pcrsien sehr verbreitet. Ein gebildeter Perser, der durch das Fernrohr die Mondflecken betrachten ließ, meinte: „Was wir dort im Mond sehen, sind wir selbst; es ist die Karte unsrer Erde." Solange man den Mond nur mit unbewaffneten, Auge betrachten konnte, standen die wissenschaftlichen Erklärungen seiner Flecken immer noch ans recht schwachen Füßen. Noch im Mittelalter haben berühmte Gelehrte Beschreibungen der Mondoberftäche geliefert, die mitunter mit dem urzeitlichen Mythus vom Mann im Mond ver- zweifelte Aehnlichkeit haben. Ter größte deutsche Naturforscher des Mirtclalters, Albertus Magnus, läßt sich noch im 13. Jahrhundert folgendermaßen über die Mondflecken veriiehincn:„Wir behaupten, daß diese Zeichnung dem Mond selbst angehört, der seinen Stoffen nach der Erde gleicht. Bei öfterer und schärferer Betrachtung dieser Schattenstellcn gewahren wir, daß sie sich von dem östlichen nach dem unteren Rande erstrecken und einem Drachen gleichen, der seinen Kopf nach Westen, seinen Schweif längs dem unteren Nordrande nach Osten richtet. Ter Schweif selbst endigt nicht in einer Spitze, sondern in Gestalt eines Blattes mit drei sich begrenzenden Bogenlmien. Auf dem Rücken des Drachens aber erhebt sich das Bild eines Baumes, dessen Zweige, von der Milte des Stammes aus, sich nach dem unteren und östlichen Rande des Mondes senken. Auf die Krümmung des Siammes aber stützt sich mit Kopf und Ellenbogen ein Mensch. dessen Schenkel von oben herabreichen nach de» westlichen Teilen. Dieser Gestalt schreiben die Astrologen beherrschende Einflüsse zu." Um dieselbe Zeit wollte Ristoro d'Arezzo im Mond bloß ein mensch- lichcs Gesicht sehen. All diesen phantastischen Spielereien setzte die Erfindung des Fernrohrs definitiv ein Ziel. Das Ende des Maimes in, Mond ivar da. Er ist nun bloß noch Nährstoff für die Phantasie von Kindern und kindlichen Gemütern. Jean Paul mag wohl recht haben, wenn er in»Quintus Fixlein" sagt:„Es ist leider kein Geheimnis, daß schon tausend Mädchen kopulieret und beerdigt worden, die jene silberne Welt droben wirklich für nichts andres gehalten haben, als für einen recht hübschen Suppenteller von himmlischem Zinn, der mit dem Mondmanii, wie das englische mit einem Engel, gestempelt ist." Diese Schöne» müssen aber, wie ihr Glaubensgenosse Caliban bet Shakespeare, selber ziemlich ausgewachsene Mondkälber gewesen sc- Dr. A. Conrad y. kleines feiiUieton. — Aus dein Beschwerdebuch rincr Eisenbahnstation bringt die „Frankfurter Zeitung" verschiedene Proben. Einiges setzen wir hierher: De Man an de kaße geit me ka kartl zu mein, Soh heit am snnda for uff de kindsdaf z woS hobt ihr baut dös Viechzeich vun bau Wamme nct ka fare. Michel Stessen. (Das biedere Bänerlei» war nicht zu bewegen, sein Reiseziel anzugeben— er ivuhte es selbst nicht.) Herr Kassir Schmit hat gestern ineim Sohn Grobheide gemacht wegen dem er hat cine Rcdnrkart gcwolt und hat eine einfache geben und er wollte ja eine Rcdnrkart und hat im die grcschde Grobheidc gemacht und schlecht im das Fenster zu. M. D. Handelsmann. Ich komm eve mit den, letzschte Zug von L. und ivollt in D. ausschtcige weil ich dort wohn. Ich bin ein bisset eingenickt und der Schaffner hat mich nicht geweckt und bin bis hier gefahre wo ich nicht ivolt. Jetzi muß ich hcimlanfe und dagegen proteschtir ick, und der Schasfer hält mich wecken sollen. Ersuche ihm das klar zu Niachcn. � Z. N. Bürgcmeistcr. Zu wo-Z isch de Eiscbah do for de Leit sc fähre warum bin ich nimmeh mitkum der mit de rode Kap is schuld ich Hann 2 Schtunn se laafe bis runner an de bah do Hütt mer doch a bißl Wörde kenne verschtanne ich Hann 70 mitgemach min e Kuchl im Ben alle mx for ungut. Es grübt.. �(f Daniel Schucklcr. • Ich Peter Gntmann bin bei jedem Zuge schnöde abgewiesen worden. Das Gcdräng war zn arg und einer sagt ich sei betrunken. Und der Zug ist abgefahren ohne mich und ich glaubte er ging nach <ä. Ich Unterzeickneter gehe öiS Berlin bis ich zu meinem Recht komme/ Weil der Beamte meine Beschwerde noch schnöde ab- gewiesen hat. Peter Gutmann, Maurermeister. Am Mittwoch den 7. Oktober in S. aufgegebenes Frachtgut kam schon am 11. Oktober glncklich in aneinen Besisz! Vier Tage für 11 Stunden. Ich statte hiermit der Betriebs Direktion meinen ver- bindlichsten Dank ab für die gute und schnelle Beförderung. Adler- orden und Brillantnadeln Hab ich leider nicht zu vergeben, aber sollte das Gut, das ich heute mit Versicherung aufgebe, wieder solang brauchen, so sprechen wir unS weiter durch meinen Rechts- anwalt. Fridolin Kekerle, Schaubndeilbesitzcr und Vorstand des Vereins reisender Künstler. Ich bin gcnodicht besckiwörde zu schtcllen gege Karline Ricksellcr da mir uff de Mark gcfohre sin hier. Die Karline hat sich uff mci Eierkorb gesetzt sind fufzehii Schtirk verbrochen unn nu will se die Karline net zähle, iveii die Karline»et zahl muss der Karte Zwicker zahle er hat die Karline ringethu hat. Binche Nückel Eier un Gemüs. Michael Fromm und noch 2 beschwärt gegen die Eisebahn in K. Ich und meine Kamerade fahre uimer mit.— Kulturgeschichtliches. — Interessante Beiträge zur Geschichte der Imkerei hat der Direktor der Wiener Hofbibliothek, Karabacek, in einer Bienenzucht-Ausstellung vorgeführt, die in diesen Tagen in Wien stattfand. Ans dem 7. Jahrhundert konnte er eine Handschrist in griechischer Sprache auslegen, die eines Bienenzüchters Phib er- wähnt, der sich in der Hauptstadt Mittelägyptens, Arsinoe, nieder- gelassen und ein selbständiges Gewerbe getrieben. Eine arabische Urkunde vom 17. Juli 823 zeigt einen Warenaustausch: der Käse- Händler Fif tauschte seine Ware mit dem Kammerdiener Konstantin um Honigwaben. Aus demselben Jahrhundert stammt eine arabische Order betreffend eine größere Honigliefcrnng. Far- ruch ibn Harns wird beauftragt, 200.bestes sMaßs Ambra- Honig und 100 Testes Schlauchhonig zu liefern. Von höchstem Interesse ist der Bericht eines ägyptischen Landlvirtes(10. Jahrhunderts an den Zuckerbäcker Samuelin Hermupolis, worin er Aus- kunft gicbt über seine Znckerrohr-Plantagen, über Ablieferung von Kandiszucker, Melasse(Honigs in Krügen. Zum erstenmal wird hier, wie die„N. Fr. Pr." schreibt, das eigentliche Zuckerrohr erwähnt, verschieden von dein s-uxhamm, dein Rohrzucker der Alten, das ein Jahrhundert später die Kreuzfahrer in Tripolis auffanden und ihm den Namen Zukra beilegten. Dieses Dokument, gleich den vorigen aus dem Papyrus Erzherzog Rainer, ist zugleich die älteste Probe des Leinenlumpen- Papieres. Es folgen einige Naturgeschichten. Die arabische des Kazwini(st 1283s, auch ins Persische über- setzt, die des berühmten AegypterS Damiri(st 1425), der später nach Indien auswanderte, des scharffinnigsten Beobachters des Ticrlebens, stark benützt von Buffon und Brehm, und seines Schülers Damamini. Im Abendlande pflanzte sich die Wissenschast der Bienen- zucht durch mündliche Ueberlieferung fort, die Naturgeschichte wurde gänzlich vernachlässigt, vereinzelt findet sich in einer Pergament- Handschrift des 14. Jahrhunderts eine Abhandlung über Ursprung und Vermehrung der Bienen. Das erste Druckwerk, welches einen Aufsatz über das Leben der Bienen und die Bereitung des Honigs enthält, ist ans der Feder des Bartholomäus von Glanvilla zu Nürnberg bei Koburger im Jahre 1483 erschienen, ein Jahrhundert später erschien Jakob Nickels erste selbständige Schrift:„Griindtlicher vnd nützlicher Unterricht— von wartunge der Bienen. Aus wahrer erfahrnug zusammengetragen." Eine Vignette versinubildet die Legende, wie Simson, der'Nationalheld der Hebräer, in der Wüste voii Kanaan einen Löwen, der ihn anfiel, zerrissen, und als er nach einiger Zeit diese Stelle Wieder besuchte, fand er im Löwenrachen einen Bienenschwarnr. Als nächster Schriftsteller kommt Magister Andreas Pick(Picns), Psarrberr zu Byhelstein in Württemberg, vor. dessen„Büchlin oder Tractctlein von den Jhinen" in Tübingen 1592 gedruckt wurde. Im 18. Jahrhundert mehrten sicki die Schriften über Bienenzucht; es waren besonders die Vereine der Zeidler- gesellschaften, die zur Vermehrung populärer Bücher beitrugen. Der bedeutendste solche Verein ivar die„Oekonomische Biencngesell- schast in Ober-Lansitz", deren erste„Abhandlungen" vom Jahre 1700 vorliegen.— Sltts dem Tierleben. — Die Darrsucht bei Hühnern und Stuben- Vögeln. Bei Hühnern und Stubcnvögcln macht sich zuweilen eine Krankheit bemerkbar, die auf der Störung eines unscheinbaren Organs beruht und zwar der am Bürzel jeden Vogels befindlichen Fettdrüse. Im normalen Zustande sammelt sich in dieser Drüse Fett an. welches der Vogel benutzt, um dem spröde werdenden Ge- fleder Fett zuzuführen, damit sich die nötige Elastizität in der Feder wieder einstelle: die Farben des Gefieders erscheinen damit auch wieder im früheren Glänze. Man kann oft beobachten, das; sich Hühner oder andre Vögel mit dem Schnabel am Bürzel zu swaffen machen: sie wetzen dort hin und her und Beranbvorlücher Redakteur: Cur! Leis in Berlin.— Druck uns Vertag: entziehen so der Drüse daS Fett, da? sie dann mit dem Schnabel ins Gefieder streichen und dort verteilen. So ist der Vogel im stände, sein Gefieder wieder aufzufrischen. Die Fettdrüse ist demnach ein unentbehrlicher Apparat, und ivenn sich dort Störungen zeigen. müssen sie auch auf das Allgemeinbefinden des Tieres Einfluß haben. Störungen äußern sich größtenteils dadurch, daß der Fettstoff in der Drüse erhärtet, Ivas wieder meistens darauf zurückzuführen sein dürste, daß den Tieren zu hitziges Futter gereicht wurde, das den Fettandrang zur Drüse elhöhte und deren Ueberfüllung hervorrief. Die an der Darre leidenden Tiere werden matt und traurig, lassen die Flügel hängen und sitzen mit gesträubtem Gefieder da; sie sondern sich gewöhnlich vom andren Hausgeflügel ab rmd zeigen wenig Appettt. Jni Anfange kann man den? Nebel dadurch beikommen, daß inan die Drüse täglich einige Male init reinem Olivenöl einfettet und daß man den Tieren zartes, saftiges Grün- futter vorsetzt, wodurch oft eine Besserung erfolgt. Stellt sich die Besserung jedoch nicht ein, so daß die Drüse schon einer Entzündung unterlieg? oder sich gar schon Eiterung einstellt, so muß arif opera- tive Weise eingegriffen werden, indem vorsichtig ein Einschnitt gc- macht und der Inhalt der Drüse ausgedrückt Wird. Die Wunde inuß dann init Karbolsalbe eingerieben werden. Daß die Darrsucht keine oberflächliche Krankheit ist, beweist die Thatsache, daß sich größtenteils bei Verschleppung Tuberkulose(Schwindsucht) einstellt, au welcher die Tiere schließlich eiirgehen; es ist deshalb dringend nötig, ganz besonders die ersten Anfänge der Krankheit zu beob- achten, weil nur dann in der Regel auf Heilung zu hoffen ist.— („NerthnS".) Humoristisches. — Was der Sportberichterstatter schreibt: „... Und wie schon die liebliche Näusikaa sich erstellte an dem heiteren Spiele des Balles, so erfreut sich auch die deutsche Jugend in harmonischem und anmutreichem Rhythmus der Be» wegungen des herrlichen urgermanischen Spieles, das sie gesund an Geist und Körper erhält. Totgetreten wurden beiin gestrigen Frühlings-Match nur Fritz Müller, Franz Lehmann und Walther Neubert..(„Fugend".) — N a t u r g e n u ß. Ein Dauerradler, der die Gegend nur nach der Zeit beurteilte, die er auf sie verwenden mußte, hatte das Malheur, umzukippen. Sein Rad flog links, er flog rechts. Platt lag er auf dem Bauch wie ein geprellter Frosch. Da reißt er die Augen auf und staunt vor sich das prachtvolle Gebirgspanorama an. „Herrgott", ruft er,„'s ist doch en Glück, daß man'mal um- schmeißt, sonst hätt' man ja rein gar nichts von der schönen Natur."— („SimplicissimuS".) Notizen. — Von John Henry Mackays„ D i e A n a r ch i st e??" ist jetzt bei Karl Henckell u. Co.(Berlin und Leipzig) eine neue A u s g a b e erschienen.— — Ein Abendblatt, das ausschließlich von Frauen redigiert und hergestellt wird, soll in Chikago demnächst herauskommen: die neue Zeiiung wird kein Organ der Frauen- betvegung, sondern ein modernes Stachrichtenblatt seiu.�— — Ferdinand Bonn übernimmt vom Herost 1905 an die Leitung des Berliner Theaters.— —„Die Pariserin". Schauspiel von Henry B e c q u e. wird die erste deuffche Aufführung in der nächsten Woche im Elberfelder Stadttheater erleben.— — In der S e c e s s i o n S- A u S st e l l u n g wurden bisher u. a. verkauft: Leistikow„Kirche", Gaul„Fischotter"(Bronze), Brandenburg„Stille im Walde", Klinisch„Mädchen mit Spiegel" Bronze), Meunier„Heimkehrende Fischer"(Bronze).— — Die Werkstätten für H a n d w e r k s k u n st in D r e S» den haben Lehrwerkstätten zur Ausbildung von K u n st h a n d w e r k e r n eingerichtet.— — Die Münchencr Kün st ler Vereinigung„Luitpold- Gruppe" wird von Ende Mai bis Eirde Juiii� im Künstler- Haus(Bellcvuestr. 3) Werke ihrer Mitglieder ausstellen.— — Religionsstatistik der Erde. Direktor H. Zeller vom Statistischen Amt in Stuttgart schätzt die Summe aller Erd- bewohner auf rund 1 544 510 000. Von diesen sind 534 940 000 Christen, 10 800 000 Israeliten. 175 290 000 Mohammedai?cr u??d 823 420 000 gehören andren Religionsbekenntnissen an, 300 Millionen sind Konfutse-Anhänger. 214 Millionen Brahmanen, 121 Millionen Buddhisten. Ans je 1000 Menschen kommen nach Zellers Statistik 340 Christel?, 7 Israeliten, 114 Mohammedaner und 523 Angehörige andrer Religionen.— ?— Ein gutes Weinjahr war das Jahr 1539: damals gab es so viel Wein, daß sich der Spruch erhielt:„Tausendfiinfhundert- dreißigundnenn galten die Faß mehr als der Wein." Statt nun den altei? geringen Wein auszuschütten, kam. so erzählen die„Münchener Neuesten Nachrichten", ein Gutsherr auf den Gedanken, ihn durch Bauern in der Frohne austrinken zu lassen. Sie mußten in der Woche einen Tag zusammenkommen; ungemessen ergoß sich der Wein in ihre durstigen Kehlen und erhitzte die Köpfe. Streit und Verletzungen waren die Folge davon, und die deswegen verhängten Strafen trugen dem Edelmann als Gerichtsherrn mehr ein, als wenn er den Wein verkauft hätte.—_ Zorwärts Buchdruckerei und Vevlagsanltall Paul Singer& Co., Berlin SW.