Nnterhaltungsblatl des Dorwärts Nr. 77. Dienstag, den 21. April. 1903 (Nachdmck verboten.) 89] Das Geld Roman von Emile Zola. Frau Karoline lebte nunmehr in steter Aufregung, stets eifrig darauf bedacht, jede von Saccards Entschließungen kennen zu lernen, um sie nötigenfalls zu durchkreuzen. Diese neue, allzu prächtige Einrichtung fand ihren Beifall nicht; sie konnte die- selbe indessen nicht grrmdsätzlich tadeln, da sie in den schönen Tagen zärtlichen Bertremens, wo sie über die Besorgnisse ihres Bruders scherzte, die Notwendigkeit größerer Räumlichkeiten ausdrücklich anerkannt hatte. Ihre offen ausgesprochene Ve- fürchtung, ihr Argument bei der Bekämpfung dieses Prrinks bestand darin, daß das Hans sein Gepräge von wohlanständiger Redlichkeit und hohem, religiösem Ernst verlor. WaS sollten die an die mönchische Zurückhaltung, an das stimmungs- volle Halbdunkel der Parterreräume der Rne Saint-Lazare gewöhnten Kunden denken, wenn sie diesen Palast der Rne de Londres mit den lärmdurchrauschten und lichtiiberfluteten großen Stockwerken betraten? Darauf antwortete Saccard, sie würden von Bewunderung und Hochachtung nieder- gedonnert sein, und es würden diejenigen, die fünf Frank mitbrachten, von stolzem Selbstgefühl ergriffen und von Ver- trauen berauscht zehn aus der Tasche ziehen. Und er behielt recht mit seinem brutalen, aufdringlichen Glanzgold. Der Erfolg de? Prachtbaues war ein wunderbarer; er übertraf an wirksamer Zugkraft die ungewöhnlichsten Reklame-Artikel Jantrous. Die frommen kleinen Rentner der abgelegenen Stadtteile, die armen Landpfarrer, die frühmorgens mit der Eisenbahn zugereist kamen, blieben verklärt und mit offenem Munde vor dem Thore stehen und kamen hochgerötet vor Freude wieder heraus, weil sie in dem Hause Geld liegen hatten. Was aber Frau Karoline vor allem ärgerlich schien, war der Umstand, das; sie nicht mehr im Hause selbst wohnte, nicht mehr unbemerkt Aufsicht führen konnte. Kaum durfte sie von Zeit zu Zeit unter einem Vorwand nach der Rue de Londres kommen. Sie lebte jetzt einsam im Zeichensaale und sah Saccard nieist nur abends. Er hatte seine Privatwohnung inimer noch dort, aber das ganze Erdgeschoß nebst den Ge- schäftsräumen im ersten Stock blieb verschlossen, und die Fürstin von Orviedo, die eigentlich froh war, ihrer stillen Reue wegen dieier Bank, dieses Geldladens in ihrem eignen Hause jetzt entledigt zu sein, suchte in ihrer absichtlichen Ver- achtung eines jeden Gewinns, auch des erlaubten, nicht einmal die Räume wieder zu vermieten. Das leere Haus erdröhnte von jedem vorbeifahrenden Wagen und glich einem Grabe. Jetzt vernahm Frau Karoline durch die Decke hindurch nur noch die schauerliche Stille der geschlossenen Schalter, auS denen zwei Jahre lang ein leises Gekling von Gold ohne Unterlaß herausgedrungen war. Die Tage kamen ihr träger «nd länger vor. Und dennoch arbeitete sie viel, immerfort von ihrem Bruder in Anspruch genommen, der ihr vom Orient aus schriftliche Arbeiten schickte. Manchmal hielt sie mitten im Schreiben inne und lauschte aus alter Gewohnheit, von instinktiver Unruhe und vom Bedürfnis ebfaßt, zu erfahren, was drunten vorging: nichts, nicht ein Hauch, mir die leere Qede der dunklen und fcstverschlossenen Säle. Da überkam sie. ein leises Frösteln, und angstbeklommen träumte sie einige Augenblicke. Was trieb man wohl in der Rue de Londres? Zeigte sich nicht in eben dieser Stunde der Riß in der Mauer, welcher den ganzen Bau zu Fall bringen würde? Bald verbreitete sich das noch unbestimmte Gerücht, Saccard beabsichtige eine abermalige Erhöhung deS Kapitals. Von hundert Millionen wollte er es auf hundertundfünfzig bringen. In eben diesem Zeitpunkt herrschte eine ganz besondere Aufregung; die vom Schicksal vorgezeichuete Stunde war da, zu welcher die aufgehäuften Glücksfälle des Kaiserreichs, die ungeheuren Arbeiten, welche die Stadt neu gestaltet hatten, der tolle Kreislauf des Geldes, der rasende Aufwand an Lurus unbedingt zu einem Fieberwahn der Spekulation führen mußten. Jeder wollte seinen Anteil an der Beute, jeder wagte cmf dem Spieltisch sein Vermögen, um es zu verzehnfachen� und wie so viele über Nacht reich Gewordene in Genüssen zu schwelgen. Im Winde flatterten die Fahnen der Ausstellung: die Beleuchtungen und die Musikklänge vom Marsfeld, die aus der ganzen Welt zusammengeströmte und die Straßen über- schwemmende Menge, dies alles stieg Paris vollends zu Kopf und versetzte alle in einen Traum von unerschöpflichem Reich- tum und unumschränkter Herrschaft. Aus dem Lärm der an den Tischen erotischer Speisehäuser tafelnden, in einen un- geheuren Jahrmarkt verwandelten Rieseustadt im Festrausch, wo unter dem Sternenhimmel die Freude offen zu verkaufen mar, stieg an den tageshellen Abenden gleichsam der letzte Anfall des Wahnsinns empor, die freudige und lüsterne Ver- rücktheit der vom Untergang bedrohten Großstädte. Mit seinem Spürsinn eines gewiegten Beutelschneiders! hatte Saccard diesen Anfall, dieses Bedürfnis eines jeden, sein Geld in den Wind zu schleudern, Taschen und Körper zu leeren, so klar erkannt, daß er die Reklamegelder verdoppelt und Jantrou zu dem allerbetäubendsten Spektakel aufgehetzt hatte. Seit Eröffnung der Weltausstellung erschollen Tag für Tag in der Presse laute Glockenklänge zu Ehren der Universelle: jeden Morgen erklangen die Cymbeln aufs neue, damit die Leute sich umschauten: bald eine auffallende Tages- Neuigkeit, die Geschichte von einer Dame, die hundert Aktien in einer Droschke liegen ließ, bald ein Auszug aus einer klein- asiatischen Reisebeschreibuug, worin zu lesen stand, daß Napoleon das Hau? der Rue de Londres vorausgesagt hatte; bald ein großer Leitartikel, in welchem die Rolle des Bank- Hauses bei der demnächstigen Lösung der orientalischen Frage vom politischen Standpunkt aus besprochen wurde; die fort- laufenden Notizen in Fachzeitungen ungerechnet, die alle an- geworben waren und in dichten Reihen vormarschierten. Jantrou war nämlich auf den Gedanken gekommen, mit den kleinen Börsenblättern Jahresverträge abzuschließen, wonach von jeder Nummer ihm eine Spalte gesichert blieb. Diese Spalte verwandte er mit so erstaunlicher Fruchtbarkeit und Vielseitigkeit der Phantasie, daß er sich zu Angriffen auf die Universelle verstieg, um sich selbst nachher triuniphiercnd zu besiegen. Die berühmte, von ihm ausgesonnene Flugschrift war in einer Million Exemplare in die ganze Welt geschleudert worden. Seine neue Korrespondenzageutur war gleichfalls geschaffen und bemächtigte sich unter dem Anschein, Börsen- berichte an die Provinzialblätter zu versenden, mit Ausschließ- lichkcit des Marktes oller bedeutenderen Städte. Schließlich gewann die„Espärance" unter seiner geschickten Leitung von Tag zu Tag größere Bedeutung. Großen Eindruck hatte eine Reihe von Aufsätzen in betreff des Dekrets vom 19. Januar 1867 gemacht, welches die übliche Adresse an den Kaiser durch das Recht der Interpellation ersetzte,— eine neue Konzession des der Freiheit zuschreitenden Kaisers. Saccard, der diese Aufsätze inspirierte, ließ darin seineu Bruder noch nicht offen angreifen, der trotz allem Staatsminister verblieb und in seiner leidenschaftlichen Herrschbegier sich heute entschloß, da? zu ver- teidigen, was er gestern verurteilte. Aber man merkte, daß Saccard auf der Lauer stand und sein Augenmerk auf die schiefe Stellung Rougons gerichtet hielt, der in der Kammer zwischen der nach seiner Erbschaft lüsternen Mittelpartei und den mit den absoluten Bouapartisten gegen das liberale Kaiserreich verbündeten Klerikalen eingeklemmt war. Schon' begannen die Anspielungen; das Blatt ging wieder zum kriegerischen Katholizismus über und äußerte bei jedem Akt des Ministers seine erbitterte Verstimmung. Schlug sich die „Espärance" auf die Seite der Opposition, so war die höchste Volkstümlichkeit erreicht, und ein kriegerischer Windhauch schleuderte vollends den Namen der Universelle nach den vier Enden Frankreichs und der Welt. Bei diesem gewaltigen Schieben und Drängen der Reklame, in der aufs höchste aufgeregten, für alle Thorheiten reifen Umgebung, machte die voraussichtliche Erhöhung des Grundkapitals, dieses Gerücht von einer neuen Emission von fünfzig Millionen, selbst die vernünftigsten Leute wahnwitzig. Von den bescheidensten Wohnungen bis zu den Hotels des Adels, von dem Stäbchen der Hausdiener bis zum Empfangs- saal der Herzoginnen, in allen Köpfen loderte es hell auf, allerwärts wuchs die günstige Voreingenommenheit zum blinden, heldenmütigen und kriegerischen Glauben. Man zählte die großen Leistungen auf, welche die Universelle bereits vollbracht hatte, diese niederschmetternden ersten Erfolge, die unverhofften Dividenden, wie sie noch keine Gesellschaft in ihren Anfängen verteilt hatte. Man erwähnte zunächst den glücklichen Gedanken der„Gesellschaft der vereinigten Dampf» boote", die so rasch herrliche Ergebnisse erzielt hatte,— dieser Gesellschaft, deren Aktien bereits hundert Frank Agio auf- wiesen; dann das Silberbergwerk des Karmel mit semer wunderbaren Ertragsfähigkeit, auf welches ein Kanzelredner in der Notre-Tame-Kirche angespielt hatte, als auf ein der gläubigen Christenheit von Gott gesandtes Geschenk; dann eine andre Gesellschaft zur Ausbeutung unermeßlicher Kohlen- lager, dann diejenige, welche die großartigen Waldungen des Libanon regelrecht ausnützte, endlich die Gründung der so fest- stehenden„Türkischen Nationalbank" in Konstantinopel. Nicht ein einziger Mißerfolg! Ein wachsendes Glück ver- wandelte in Gold alles, was das Haus nur angriff; schon gab eine große Gruppe blühender Schöpftuigcn für die künftigen Operationen eine unerschütterliche Basis ab und rechtfertigte die rasche Erhöhung des Kapitals. Hier that sich die Zukunft vor den iiberhitzten Phantasien weit auf, eine au noch be- deutenderen Unternehmungen so reiche Zukunft, daß sie jetzt die fünfzig neuen Millionen erforderte, und die bloße Ankündigung genügte, um alle Köpfe aufs äußerste zu ver- wirren. Hier war für Börsengerüchte und Salongespräche ein unabsehbares Feld. Aus der Reihe der übrigen Pläne ragte aber die demnächstige große Unternehmung der Orient- bahnen hervor; von den einen geleugnet, von den andren ge- rühmt, beherrschte sie alle Gespräche. Tie Frauenwelt vor allem war leidenschaftlich begeistert und machte zu Gunsten der Sache ungestüme Propaganda. In der trauten Stille des Boudoirs, bei festlichen Diners, hinter blütenbedeckten Blumentischen, zur späten Theestunde, selbst im Dunkel der Alkoven belehrten reizende Geschöpfe mit überzeugendem Kosen die Männer:„Wie? Sie haben keine Universelle? Das ist aber das allerbeste. Kaufen Sie schleunigst Universelle, wenn Sie geliebt sein wollen!" Das gäbe einen neuen Kreuzzug, sagten sie, die Eroberung Asiens, welche die Kreuzfahrer Gottfrieds von Bouillon und Ludwigs deS Heiligen nicht fertig gebracht hatten, und die sie nun- mehr mit ihren zierlichen Geldbörsen zu bewerkstelligen sich zutrauten. Alle waren sehr wohl unterrichtet; sie sprachen in technischen Ausdrücken von der zuerst zu eröffnenden Haupt- linie von Brussa nach Beirut über Angara und Aleppo. Später sollte die Zweigbahn von Smyrna nach Angora daran kommen, dann von Trapezunt nach Angora über Erzerum und Siwas, noch später von Damaskus nach Beirut. Hier pflegten sie mit bedeutungsvollem Augcnblinzeln zu lächeln und zu flüstern, es würde vielleicht, o, in langer, langer Zeit, eine andre Bahn geben, diejenige von Beirut nach Jerusalem über die alten Küstenstädte Saida, Alka, Jaffa, und�dann— wer weiß?— auch von Jerusalem nach Port-Said und Alexandria. An' dem sei ja Bagdad nicht allzu weit von Damaskus, und mißte eine bis zu dieser Stadt vordringende Bahnlinie deremst Persien, Indien und China für das Abend- land gewinnen. Bald sah sich Saccard genötigt, morgens in seinent prunkvollen Arbeitszimmer im Stile Ludwigs XIV. seine Thüre zu versperren, wenn er arbeiten wollte. Denn es war jetzt ein förmlicher Sturmlauf, der Vorbeimarsch eines Hof- staats, der bei seinem König zur Morgenaudienz kam, Höf- linge, Geschäftsleute, Bittsteller,— kurz, eine zügellose An- betung und Anbettelnng der Allmacht. Am Morgen eines der ersten Julitage zeigte er sich be- sonders unerbittlich; er hatte den ausdrücklichen Befehl gc- geben, niemand einzulassen. Während das Wartezimmer mit einer Menge überfüllt>var, die trotz des Bescheides des Thür- siehers halsstarrig wartete und immer noch hoffte, hatte er sich niit zivei Abteilungsvorständen eingeschlossen, um die Vor- arbeiten zur neuen Emission zu vollenden. Nach Prüfung mehrerer Entwürfe hatte er sich zu Gunsten einer Kombination entschlossen, die vermöge dieser neuen Emission von hunderttausend Aktien ermöglichte, die zweimal- hunderttausend alten Aktien vollständig einzuzahlen, auf welche erst je hundertundfünfundzwanzig Frank eingezahlt waren. Zu diesem Behufe sollte die den Aktionären ausschließlich vor- behaltene neue Aktie gegen zwei alte eingetauscht und zu sofort einzuzahlenden achthundertundfünfzig Frank aufgelegt werden, , darunter fünfhundert Frank für das Kapital und dreihundert- undfünfzig Frank Agio für die projektierte Volleinzahlung. Aber es stellten sich mehrfache Verwicklungen ein, und es blieb poch eine große Lücke auszufüllen, was Saccard lehr nervös machte. Das Stimmengesumm im Wartezimmer erbitterte ihn. Dieses vor ihm auf dem Bauch liegende Paris, diese Huldigungen, die er sonst mit der Gutmüligkeit eines zu- traulichen Despoten entgegennahm, ersiillten ihn an jenem Vormittag mit tiefer Verachtung. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Vom Zug der Vögel. Der Lenz ist gekommen, und mit ihm kamen, von linden Lüften heimwärts getrieben, all die gefiederten Sänger, die der rauhe Herbst von bannen gescheucht. Mit mehr Stimme als zoologischer Be- rechtigung versichern unsre Kleinen, kaum daß die Märzensonne die ersten KroknS und Schneeglöckchen aus der Erde lockt:„Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle..." und zählen sie(dem Dichter folgend) in bunter Reihe auf... Vögel, die überhaupt uns nicht ver- lassen, wie Amsel und Fink, und Vögel, die wirklich übers Meer zogen.... Was veranlaßt wohl unsre gefiederten Freunde, zu uns in den nordisch frischen Frühling zurückzukehren, da kaum das erste Grün von den Zweigen winkt, und was treibt sie im Herbst, da noch warmer Sonnenschein über Wald und Wiese liegt, gen Süden, weit übers Mm? Ein mächtiger Instinkt giebt sich hier kund, etwas, das in seinem Kern uns immer noch ein ungelöstes Rätsel ist. Wir können darüber nur Vermutungen hegen, die freilich viel Wahrscheinlichkeit haben. aber gleichwohl nur Vermutungen bleiben. Die Vögel sind Kinder des Lichts und der Wärme, zart und vermöge ihrer markloscn. Luft bergenden Knochen weit empfindlicher gegen alle atmosphärischen Einflüsse als irgend ein andres Tier. Von der Vogellnngc führen feine Luftsäckchen direkt in die Hohl- räume der Knochen, die also fortlvährend von der Luft durchströmt» durchlüftet werden. So ist der Vogel ein lebendiges Wetterhäuschen, sein lufterfüllter Körper ein untrüglicher Wetterprophet: das Wetter liegt ihnen, wie unsre Rheumatiker sich auszudrücken Pflegen, in den Knochen. Die Luftströmungen sind es nach der Anschauung der meisten Forscher daher, die den Zug der Vögel bedingen, einleiten und führen. Wenn unter dem Vordrängen südlicher und südöstlicher Luft- strömungen im Frühling allgemach der polare Luftstrom schwindet, so kehren unsre gefiederten Freunde zurück, die uns die kühlen Nord- und Nordostwinde im Herbste entführten. Solche klimatischen Erscheinungen sind konstant, und ihr Ein» tritt ist nickst selten an einen bestimmten Tag gebunden. Das er- tlärt uns auch das scheinbar rätselhafte Faktum, daß manche Vogelart uns an einem bestimmten Tage verläßt und an ebenso bestimmtem Tage wieder zurückkehrt. So heißt's mit Recht von den Schnepfen: „Oculi, da kommen sie," und in Ostpreußen Pflegt z. B. der Storch „zu Marien"(LZ. März) anzukommen und am 2ll. August wieder von dannen zu ziehen. Je empfindlicher ein Vogel ist, um so später sucht er die nordische Heimat wieder auf, um so früher verläßt er sie wieder. Mit dem 1. August schon verläßt uns der Mauersegler, ihm folgen wenige Tage später die Uferschilfsängcr, Kuckuck, Pirole u. s. f., um Ende April und Anfang Mai erst wieder zurückzukehren. Die abgehärteten Finkeumännchen aber ziehen(wenn überhaupt) erst Ende November fort und sind ost schon im Februar wieder zurück. Die ganz„harten" Sperlinge. Goldammern, Zaunkönige, Wasieramscln u. s. f. trogen vollends, dank ihrem dickeren Federkleid, dein Winter und bleiben ruhig daheim. Wie findet nun der Vogel seinen Weg und wie die alte Heim- statte wieder? Hören tvir zunächst, toas uns die Ornithologie über die Zugstraßen lehrt. In Deutschland und ganz Mitteleuropa geht der Zug im all- gemeinen von Nordost nach Südwest, bald mehr die südliche, bald mehr die westliche Richtung behauptend. Alle Gewässer, alle Thälcr. Gebirgspässe, Wälder und Haine, die in der genannten Richtung verlaufen, sind Anhaltspunkte und Orienticrungsmittel für de» Wanderer. Für Deutschland bilden so Rhein, Elbe, Oder und Donau Haupt-Zugstraßcn. Die Zugvögel Englands passieren zunächst de» Kanal und ziehen dann mit den fianzösischen Brüdern im Gebiete der Rhone und Garonne. lieber die Pyrenäen gehts, längs des Ebro, Guadiana, Guadalquivir und über die Meerenge von Gibraltar dann hinein nach Afrika. Eine dritte große Zugstraßc i» den dunklen Erdteil führt über Italien und seine Inselgruppen, die Balkanhalbinscl und das inselreichc Jonische und Aegäischc Meer. Wenn auch die Pornchmlichste Reiseart der Flug ist. so lege» die Vögel doch„eil? jeglicher nach seiner Art" den langen Weg zurück. Die schwächeren Vögel reisen des Nachts oder in der Dämmerung, die wehrhaften, flückstigeu im Sonnenschein... bald einzeln, bald familienweise, bald endlich in mächtigen Heerzügen, oft in getrennten Geschlechtern und dann geivöhnlich beim Hinzuge die Weibchen» beim Herzuge aber die Männchen vorauf. Die guten, größeren Flieger ziehen stets in bestimmter Ord- nung und sehr hoch. Als der englische Astronom Tennant an einem Herbsttage 187Z von der Sternwarte aus die Sonnenscheibe be- obachtete, tauchte plötzlich im Sehfelde seines Fernrohrs eine Schar von Zugvögeln auf, die nach seiner Schätzung in der Entfernung von etwa einer Meile über der Erdoberfläche die Sonne verdunkelten. So hoch fliegen jedoch auch die besten Flieger nur bei klarer Witterung; ist das Weiter trübe oder nebelig, so streicht der vor- sichtige Vogel nahe der Erde. Regnet es vollends oder wehen widrige Winde, so wird meist der Zug unterbrochen und Rast gemacht. Die Ordnung, die beim Fliegen innegehalten Ivird, ist eine (je nach der Vogelart) recht verschiedene. Regenpfeifer und Kibitze zum Beispiel ziehen in einer Formierung, ähnlich der schiefen Schlachtlinie des Epaminondas; Wildgänse, Kraniche u. a. in der bekannten Keilform. Tie erfahrensten und stärksten Tiere bilden die Spitze des Keils und lösen einander in dieser Führung von Zeit zu Zeit ab. Solche abdachige. keilförmige Figur, wie sie eine Schar größerer Vögel beim Ziehen zu bilden pflegt, durchschneidet schon an und für sich besser die Luft und zugleich unterstützt die ganze An- ordnung den Flug des Gcsamtzuges aufs wirksamste; die Vogel- schar stellt eben in ihrer Gesamtheit durch die„schiefe Schlachtreihe" im wesentlichen nichts andres dar, als den spitzen Keil eines Seglers. Und wie ein segelndes Schiff lassen sich Kraniche u. s. f. auch„mit dem Winde" treiben. Der Keil zeigt regelmäßig eine längere und eine kürzere Seite. Letztere, in der Waidmannssprache„Haken" gc- heißen, liegt„mitcr Wind"; die längere Seite, die Hauptlinie, wird so formiert, daß die Windströmung sie halb von der'scite, halb von hinten trifft. Die Mehrzahl der Vögel fliegt, wie es scheint, mit dem Winde — der ehedem gemachte Einwurf, daß ihnen der Wind dann ja in die Federn blasen müßte, trifft nicht zu, Iveil sie meist schneller fliegen als der Wind. Einige wenige Vogclarten, wie beispielshalbcr Saatkrähen und Dohlen,, fliegen in eigenartiger Weise gegen den Wind. Sie steigen zunächst, die Luft durchrudernd, kerzengerade zu ziemlicher Höhe auf und lassen sich dann, die Flügel wie ein Fall- schirm breitend, in schiefer Ebene einfach herabfallen, loobei sie(nach Skowronnek) ein gut Stück vorwärts kommen. Einer nach den« andern aus dem Schwann ahmt das Beispiel nach; dann zieht mau in der Tiefe eine Strecke geraden WcgcS, und von neuem iviederholt sich das merkwürdige Schauspiel. Wie aber reisen kleinere Vögel, die zum Zuge nicht so geschickt sind wie die„Könige des freien Fluges"? Sie benutzen unterwegs jedes Transportmittel, wenn man so sagen darf. Flatternd, laufend, schwimmend gelangen sie nach zahlreichen Rasttagelt zunächst an den Fuß der Alpen, so ermattet, daß sie sich mit den Händen greifen lassen. Und die dennoch ans Gestade des Oceans glücklich gelangen, wie stellen sie es an. über die Wasserwüste hinüberzukommen? Es erwacht in ihnen plötzlich ein Instinkt, der sie mit einem Male zu geschickten Piloten werden läßt. Zu Tausenden und Abertausenden harre» sie am Strande, bis eine günstige Brise aufspringt, die sie auf ihren Schwingen in den dunklen Erdteil trägt. Mancherlei Gefahren drohen den Vögeln ans diesen mühseligen Reisen. Vor allem ist es der„größte Räuber dieser Erde", wie Webers„Demokrit" den Menschen nennt, der ihnen mit seiner tausendfachen Quälerei und List entgegentritt. Brehm schildert diesen wenig gastlichen Empfang am Mittelmeer recht drastisch:„Ganz Italien wird zu einer Mördergrube; loas nur getötet werden kann. wird gemordet. Der Bürger verläßt sein Gewerbe und zieht hinaus. den Singvögeln aufzulauern. Kaum besser ist es in Spanien, und wenn der Grieche nicht auch an dein allgemeinen Morden teilnimmt. ist daran wahrlich nur seine Faulheit schuld." Ein Glück nur, daß die Wilden auch hierin bessere Menschen sind als ihre„von Europas übertiinchter Höflichkeit" verdorbenen weihen Brüder. In Afrika haben es die Vögel gut; sie erscheinen zu einer Zeit, da(unmittelbar nach der Rcgenperiode)„alles Fülle, alles Leben" ist. Und hier harren sie des Frühlings, unsres Frühlings. Kaum erwachen die linden Lüfte, so duldet's keinen mehr in der gastlichen Fremde. Gerade der Frühlingszug macht sich, mit der Herbstrcise verglichen, als viel stürmischere Bethätigung dcS Wandertriebes geltend. Mischt sich doch in die Sehnsucht nach der Heimat nun die Liebe I Nur bei uns nämlich brüten alle diese Vögel, nur bei»ms fühlen sie sich wahrhast heimisch. Wie stark dieses Heimatsgefühl ist, zeigt sich beispielshalber darin, daß eine Reihe kleiner, in Island heimischer Vogelartcn sich bei der Rückkehr aus dem Süden durch die geeigneteren Nistplätze und die reichlichere Nahrung nicht verführen läßt, in Deutschland zu bleiben, sondern die gefahrvolle, weite Reise über das Meer in ihr nordisches Baterland fortsetzt. Und in seltenem Instinkt findet der Vogel die alte, liebe Heim- statte stets wieder. Zahlreiche, unanfechtbare Beobachtungen bc- stätigen uns, daß Jahre hintereinander Vögel, die durch Stimme, Gesang oder körperliche Abzeichci» kenntlich waren— man denke nur an»msre Störche— zu ihren Freunden und ms alte Nest zurück- kehrten.«Zieht man die lange Ablvesenheit, die mit der Reise ver- bundenen Gefahren und Schwierigkeiten in Betracht, so scheint cS unglaublich, daß irgend ein»richtmenschliches Wesen fähig sein könne, nach einem achtmonatlichen Aufenthalt in Centralafrika im Frühling auf einen nordischen Bauernhof zurückzukehren, und iwch wunderbarer ist es, daß(wie ein englischer Zoologe berichtet) mehrere Mauerschwalben, die deutlich gekennzeichnet waren, nicht nur drei Jahre lang nach einander zurückkehrten, sondern daß sogar eine selbst nach sieben Jahren am nämlichen Orte gefangen wurde."— Dr. Adolf Heilb'orn. kleines feuilleton. st. Die Tricks der chinefischen Kauflcute. Es hat den Anschein, als. sollte Europa nähere Bekanntschaft init den chinesischen Kauf- leuten machen. Die Ankunft der ersten Händler in Mostan wurde in den letzten Tagen berichtet. Die Bewohner des himmlischen Reiches sind listige Gesellen, von deren kaufmännischen Gewohn- heiten ein englischer Reisender manchen eigenartigen Zug erzählt. Der Chmese besitzt in hohem Grade einen natürlichen kaufmännischen Instinkt. Er studiert nicht imr>vie europäische oder amerikanische Kauflente die Kosten seiner Ware, ihre Eigenschaften, die Be- dingungcn des Marktes uftv., sondern er studiert auch jeden Kunden individuell. Erst wenn er seine Leichtgläubigkeit genau abgeschätzt hat, nennt er den Preis seiner Ware, und deshalb hängen in China die Preise der Artikel von der Person des Käufers ab. Jeder Fremde bezahlt in Peking mehr für Fleisch als die Chinesen, und wenn zwei denselben Preis geben, so bekommeir sie sicherlich nicht dasselbe Gewicht. Der Barbier in Peking verlangt von einem Gesandten 2 Dt., Bßii_ dem Legationssekretär i M. und voin gewöhn- lichen Fremden 50 Pf. Ebenso stufen die Wasserträger ihre Monats- rcchnung ab. Wie unbedeutend der Gegenstand auch ist, ein Kauf in China ist Ivirklich ein intellektuelles Duell. Jeder sucht deir andern zu betrügen; häufig bezahlt der Käufer Iveniger als er sollte. und der Verkäufer betrügt ihn dafür dein» Maß oder Gelvicht. „Meine erste Erfahrung in dieser Art Beredsamkeit," erzählt der Engländer,„machte ich beim Kauf von zwei Porzellanvasen, für die der Verkäufer 260 M. Nettopreis verlangte und ivofiir ich nach zwei Stunden 25 M. bezahlte. Ich fuhr beim Käufen solcher Sachen in folgender Art anr besten: Ein Raritätenhändler, der irgend etlvas zum Kauf anbot, hielt eine kleine Rede über die Seltenheit, Ichöue Forrn uird Farbe des Gegenstandes und schloß gcivöhnlich, es kostet nur 20 Mark. Dann sagte ich: „Ich will 50 Pfennige geben!"„Sehen Sie nur, wie schön es ist!" sagte der Kaufmann.„Ich habe zu thun, ich brauche es nicht."„Nun", meint der Händler,„ich möchte es gern Ihnen ver- kaufen. Geben Sie 15 Mark."„Nein, gehen Sie nur."„Schön, Sie sollen es für 50 Pf. haben." Man könnte eil» Buch über die Tricks und den greifbaren Be- trug des chinesischeil Händlers schreiben. Mit einem Gänsekiel bläst er das älteste Haininelfleisch so auf, daß es fett und verlockend aus- sieht. Er thut Steine in den Kohl, den er pfundlveise verkauft. Er verkauft Ztvergorange- Bäume, mit Früchten beladen. von denen neun Zehntel an die Zweige gebunden sind und sich nie entwickeln. Oder wenn ein Porzellangegenstand ein Loch hat, schleift er das Loch geschickt aus, leimt etlvas ein und reproduziert so genau auf der Außenseite alle Einzelheiten und Farbenschattierungen, das; nur durck Anwendung von Säure der Betrllg eindeckt würde. Wie klein der Nutzen auch ist, er betrügt um des Betrügens willen. Ein britischer Gesandter in China, der ein feiner Kenner der Sprache ist, nulchtc mit einem Silberschmied in Peking einen Kontrakl, daß dieser ein Paar Kandelaber aus gelieferten mexikanischen Dollars anfertigen und 3 Proz. des Silbers ftir seine Arbeit erhalten sollte. Die Kandelaber wurden zur größten Zufriedenheit auSgestihrt und geliefert. Als er nach einigen Jahren nach England zurückkehren wollte, beschloß er die Kandelaber zu verkaufen. Ein andrer Silber- schmied bot aber nur 10 M. dafür, nnd min erst erfuhr der Gesandte, daß nicht eine Unze Silber in den Kandelabern war, für die er dreihundert mexikanische Dollar geliefert hatte. In größter Wut sandte er nach dem ersten Silberschmied, worauf sich folgendes Gespräch entspann. Vorausgeschickt sei, daß es als Zeichen der Hoch» achtung angesehen wird, lvemi ein Untergeordneter die Worte wieder- holt, die ein Höherer an ihn richtet. Der Gesandte begann:„Dn höllischer Schurke! Habe ich nicht vor drei Jahren einen Handel mit Dir gemacht, mir ein paar inassive Silbertändelaber zu machen, und habe ich Dir nicht 300 Dollar dazu geliefert?" Der Silber- schmied erwiderte:„Du höllischer Schurke I Habe ich nicht vor drei Jahren einen Handel mit Dir abgeschlossen, mir ein Paar massive Silberkandelaber zu machen, und habe ich Dir nicht 300 Dollar dazu geliefert? Ja, Ew. Excellenz." Der Gesandte:„Und ist das nicht Deine Arbeit, und da ist mcht eine Unze Silber darin?" Der Silberschnned:„Und ist das nicht meine Arbeit. und da ist nicht eine Unze Silber darin? Sehr wahr, Ew. Excellenz." Der Gesandte:«Du schamloser Dieb! Wenn Du mir nicht vor Sonnenuntergang jeden Dollar, den ich Dir gab, bringst, schicke ich Dich ins Gefängnis. Geh' mir aus den Augen I" Der Silberschmied:„Du schamloser Dieb. Wenn ich vor Sonnen- Untergang Elo. Excellenz nicht jeden Dollar bringe, den Ew. Excellenz mir gab, werden Sie mich ins Gefängnis schicken. Ganz recht. Ew. Excellenz!" Der Silberschmied verbeugte sich und ging. Nach einer halben Stunde kehrte er mit dem Gelde zurück, händigte es dem Gesandten ein und verließ ihn mit vielen Versicherungen semer ausgezeichneten Hochachtung und den besten Wünschen für.ine an« genehme Heimreise.— Ans dem Tierleben. — Das Gewölle des Schwarzspechtes wird in, Freien nur selten, in» Höhlemieste niemals geftmden. Daraus erklärt es sich wohl auch, daß es selbst unsren gewiegtesten Ormthologen bis in»msre Tage, wie die jetzt noch in, Erscheinen begriffene neue Ausgabe von Jobann Friedrich Naumanns großer klaff,, cher„Natur- geschichte der Vögel Mittel- Europas" beweist, entgangen ist. fest- 308 zustellen, daß das Gewölle des Schwarzspechtes von einer dichten, weißlichen, undurchsichtigen Haut wnschlossen ist. Mehr als der Grünspecht belästigt der Schwarzspccht, namentlich im Winter, die Nester der Ameisen; oft sind beide Spechtarten gemeinsam dabei, ganze Gänge in die Nester der Waldameisen zu bohren und die ini Winterschlaf befangenen Ameisen aus der Tiefe ihrer Schlafkammern herauszuholen. H. Hocke hatte Gelegenheit, beide Spechtarten in ihrem Zerstörungswerke an einem Neste der großen Waldameise in einem Zeiträume von etwa vier Wochen zu verfolgen, Schwarzspechte hatten nicht weniger als sieben Schächte in den Ameisenbau gegraben, und in noch größerer Anzahl waren die engeren Gassen der Grünspechte vertreten i die der letzteren waren 15 bis 20 Centimeter tief. Die Gänge sind oftmals allerdings noch tiefer, so daß der Specht bei seiner Raubfahrt ganz im Schackite verschwindet. Hocke hatte nun, wie er in der illustrierten Jagdzeitung„St. Hubertus" berichtet, Gelegenheit, auffallend viele Gewölle der Spechte an der Fraßstelle zu finden, ein Beweis dafür, daß die so bequem und im Ucbermaße gewonnene Nahrung bald nach der Aufnahme wieder anSgcspicen wurde.„Die frischen Gewölle an dem Ameisenhaufen", schreibt Hocke,„waren in zwei Formen und zwei Größen vorhanden und umschlossen die gefressenen Ameisen, deren Leiber noch in voller, reiner Farbe glänzten, wohl je zu einem halben bis ganzen Hundert. Die Gewölle waren einmal in Bohnenform, 2 bis 3 Centimetsr lang, ein andres Mal in gewundener Form(ähnlich der der Spann- raupe), etwa 5 Centimeter lang und zur Zeit ohne merklichen Geruch. Die alt aufgefundenen Gewölle ssie lagen fast drei Wochen unter Schnee) zeigten ihre Hülle teilweise durchbrochen, den Inhalt sehr zerstört, inimerhin jedoch als Ameisen erkennbar, und gaben einen äußerst starken Geruch allzu deutlich von sich." Wie kommt die schützende Hülle zu stände? Welche Vorteile ge währt dieselbe für den Spcchtmagen?—(„Prometheus.") Aus der Pflanzenwelt. en. Eine neue Art der Orange. Angesichts des großen Bedarfs an Orangen und Citronen, der sich überall und zu jeder Jahreszeit geltend macht, wäre es von ersichtlichem Vorteil, wenn diese gesunden und erfrischenden Früchte auch in kälteren Zonen gezogen werden könnten. Dazu wäre es nötig, eine neue Varietät der Pflanzenart zu züchten, die gelegentlich auch harte Fröste zu ertragen vermag. Die dreiblättrige Orange kommt zwar in ziemlich nördlichen Gegenden fort, aber ihre Früchte sind klein und werden höchstens für Konserven benutzt. Das durch seine wissenschaftlichen Bestrebungen verdiente landwirtschaftliche Ministerium der Bereinigten Staaten hatte daher vor einiger Zeit zwei seiner wissenschaftlichen Beamten mit dem Versuch beauftragt. durch Kreuzung der winterharten dreiblätterigen mit der gelvöhn- lichcn süßen Orange ein neues Gewächs zu gewinnen, das beide Eigenschaften, also Widerstandsfähigkeit gegen Kälte und eine siiße. eßbare Frucht, vereinige» sollte. Die Experimente sind zur Zeit noch nicht abgeschlossen, aber nach einem Bericht der„Science" ist es bereits gelungen. zwei Arten zu ziehen, die entschiedene Borzüge haben und nördlich von den Ländern, loo heute„die Goldorange blüht", angepflanzt werden. Sie haben Früchte etwa von der Größe der Tanger'-Orange, also von 5—7 Centimeter Durch- messer. Die Axe ist schmal, die Schale dünn und namentlich die Haut zwischen den Abschmtten zart i auch cnthalren sie sehr wenig Samenkerne. Unglücklicherweise aber sind sie zu sauer, um aus der Hand ohne Zucker gegessen werden zu können. Sie kommen im Geschmack mehr den Citronen und Limonen als den Apfelsinen nahe, nehmen aber thatsächlich eine ganz eigne Stellung ein und gleichen keiner andren Frucht, sind vielmehr Neuschöpfungen im eigentlichen Sinne des Begriffs. Sie sind weder dreiblättrige noch gewöhnliche Orangen, obgleich sie in vielen Eigenschaften eine. Stellung zwischen beiden Sorten einnehmen: sie sind auch weder Citronen noch Limonen, wenn auch diesen Frischten näher verwandt. Die neuen Früchte sind sehr aromatisch und haben einen feinen sauren Geschmack mit einer Spur von Bitterkeit, die an die der Citrone oder Traube erinnert. Sie geben auch einen ausgezeichneten Saft, der dem der Citronen und Limonen an die Sefte zu stellen ist. Für den Gebrauch in der Küche scheinen sie also durchaus geeignet zu sein, und das iväre allein schon ein genügender Grund, ihren Anbau bei uns zu befiirworten. Aeußerlich gleichen die Gewächse am ehesten den dreiblättcrigen Orangen, doch sind sie durch viel größere Blätter ausgezeichnet: vermutlich würden sie auch sehr gute' Heckenpflanzen abgeben. In milderen Gegenden sind sie immergrün, weiter im Norden würden sie Ivahrscheinlich ihre Blätter im Winter abwerfen. Die Früchte reifen früh und können vor dem Eintritt der Fröste gccrntet werden. Die Versuche betreffs ihrer Frostfestigkeit werden noch fortgesetzt werden, jedoch kann es bereits als erwiesen gelten, daß die neuen Orangearten Kältegrade vertragen, bei denen die gewöhnlichen Orangen die Blätter verlieren und Zweige von Finger diae erfrieren.— Aus dem Gebiete der Chemie. bt. K ü n st l i ch e s K a f fe r n. Kaffee und Thce kann man wohl die beiden verbreitctsten Genußmittel nennen. Würde man nur die männliche Welt in Betracht ziehen, so würde vielleicht der Tabak mit ihnen konkurrieren: da aber unter den Frauen und Kindern der Reiz des Nikotin? noch wenig geschätzt wird und die Verantwortlicher Nedalleur: Carl Leid in Berlin.— größere Klasse zusammen, von die ihren wenig 126 Jahren von Kinder der ärmeren Bevölkerung Kaffee und zuweilen auch Thee leider vielfach als Ersatz der nützlichen Milch erhalten, stehen dies« beiden unbedingt an der ersten Stelle der Genußmittel. Der ivirk- samste Bestandteil beider ist das sogenannte Kaffekn, ein Stoff, welcher der Gruppe der„Purinkörper" angehört. Unter diesem Rainen faßt man eine von stickstoffhaltigen organischen Substanzen denen anl längsten die Harnsäure bekannt ist, schönen Namen daher hat, daß sie zuerst vor„. Scheele als Bestandteil des Harnes entdeckt wurde. Dem Arzt ist sie als die Ursache schmerzhafter Krankheiten, z. B. der Gicht, ivohlbckannt, den Zoologen interessiert sie als haupffächliches Exkrement der Schlangen und als Reservestoff der Insekten, der Landwirt schätzt sie als wertvollen Bestandteil des Guanos. -Außer Stoffen des Tierleibes, die in ihrer Zusammensetzung und in ihren Eigenschaften der Harnsäure nahe verwandt sind(Xanthin, Hypoxanthin, Adenin, Guanin), hat die synthetische(aufbauende) Chemie auch Stoffe des Pflanzenreiches als solche Ver- wandte der Harnsäure nachgeiviesen, nämlich Theophyllin, Theobromin und Kästeln. Die Rolle, die dem letzteren Stoff beiin Kaffee und Thee zukommt, spielt dos Theobromin beim Kakao. Da sie auch geschätzte Medikamente sind, werden sie fabrikmäßig durch Auslangen von Thee und Kakao hergestellt, eine Fabrikation, deren Wert jährlich etwa 1 Million Mark beträgt. Nun liegt es aber, wie der berühmte Chennker Fischer aus Berlin vor der Schwedischen Akademie der Wissenschaften vor kurzem aus- geführt hat, durchaus im Bereiche der Möglichkeit, diese Stoffe künstlich aus der viel billigeren Harnsäure herzustellen, und mehrere Fabriken beschäftigen sich auch ernsthaft nnt diesem Problem: Fischer hält es für zweifellos, daß. wie bereits künstliches Theophyllin auf dem Markte erschienen ist, synthetisches(d. h. durch chemische Zusammensetzung gewonnenes) Theobromin und Kaffeln in nicht allzu langer Frist folgen werden. Welchen Erfolg die zu erwartende Erfindung de? künstlichen Kaffelns haben wird, beweist die große Zahl der billigen Kaffeesurrogate, denen doch die anregende Wirkung des Kaffees fehlt, die eben von dem Kasteln-Gehalte herrührt. Ist das künstliche Kaffeln erst billig hergestellt, so erscheint die Möglich- keit nicht ansgeschlosien, das wahre Aroma des Kaffees oder Thccs ebenfalls auf künstlichem Wege zu erzengen: ein kleines Pulver ans einer chemischen Fabrik wird genügen, um, ohne jede Bohne mit Wasser zusammen, ein wohlschmeckendes, erfrischendes Getränk zu einem sehr billigen Preise zu erhalten. Freilich, wer bei der Benutzung des Pulvers, das den besonderen Wohlgeschmack hervorruft, an seine Herkunft aus der Harnsäure denkt, ivird zunächst vielleicht etwas Ekel empfinden. Das wird sich aber bald geben. Chemische Um- Wandlungen sind eben so gründlich, daß dem Endprodukt von den Eigenschaften des ursprünglichen Stoffes gar nichts mehr anhaftet. Die Erzeugung von Kaffeln ans Harnsäure unterscheidet sich in nichts von den Prozessen, die sich abspielen, wenn der zur Ernährung der Pflanzen verwendete Dünger sich in ivohlschnicckende Früchte oder in herrlich duftende Blumen verwandelt.— Wacht- Humoristisches. — Qualifikation.„WaS is denn der Einjährige. ineistcr?" „Weeß»ich, Herr Ritsincistcr, gloobe, er hat'n Buch jeschrieben." „Was,'n Buch Na denn wird» ioohl mit tu Gefteiten nischt werden."— — Der Weg zur Seligkeit. Bäuerin:„So. jetzt hob i enk a G'selchtS geb'n und a Gans und a Bntta und a Korb voll Eier, mehra kon i nöt thoa, daß i in Himmi knmm!" B e t t e l m ö n ch:„Doch: Bäuerin! Sag' Dein' Knecht, daß er uns dös Zeug ins Kloster'nauftragt!"— („Simplicissimus".) Notizen. — Die Erstausführung von N e z n i c e k s Volksoper„Till Eulenspiegel" im O p e r n h a» s e ist auf den 2. Mai ver- schoben.— — R e g e l s Ballett„Der Zauberknabe" geht Ende des Monats im Oper n h a u s e erstmalig in Scene.— — Preisausschreiben. Der Verein deutscher Zeichen- lchrer schreibt P r e i s e von 300 M. und 150 M. aus für die besten Arbeiten über das Thema„Der Zeichenunterricht als Träger der K u n st b i l d u n g".— Für ein litter arisch wertvolles Radle rlied, das nach einer bekannten Melodie zu singen ist und höchstens acht Strophen umfassen soll, setzt der FestanSschnß des 13. Kongresses der Allgemeinen Radfahrcr-Union D. T.-K. in Mannheim-Heidelberg drei Preise an: 100 M., 30 M. und 20 M.— — DaS Recht z n lachen. Bei einer Trauerspiel-Aufführung im Darmstädter H o f- T h e a t e r wurde dieser Tage die Vor- stcllung durch übermäßiges Lachen einiger Besucher gestört. Ein Theaterdiener erhielt-den Austrag, Ruhe zu gebieten. Er entledigte sich seines Auftrages mit folgenden Worten: Hören Se! Do werrd nit gelacht, wann nit gelacht werrd: wann Se lache wolle, do komme Se, wann gelacht werrd!" Druck und Verlag! Vorwärts Buchdrnckcrei und Verlagsanstall Paul Singer k Co., Berlin 8W ________._____