Mnterhalwngsblatl des vorwärts Nr. 82. Dienstag, den 28. April. 1908 (Nachdruck verboten.) w Das Geld. Roman von Emile Zola. Saccard hatte sein Königtum des Goldes nicht wie Gnnder- mann durch die Ersparnisse eines Geschlechts von Bankiers erlangt, er rühmte sich mit Stolz, es selbst erbeutet zu haben, tvie ein abenteuernder Krieger, der mit einem Handstreich ein Reich erobert. Mehrmals war er zur Zeit seiner Ge- schäfte in den Bauplätzen des Quartier de l'EuroPe sehr hoch gestiegen i noch nie hatte er aber das besiegte Paris so demütig zu seinen Füßen gefühlt. Und er gedachte jenes Tages, da er bei Chainpeaux speiste und an seinein Stern verzweifelte, da er schon wieder zu Boden lag und heißhungrige Blicke nach der Börse warf, in seinem rasenden Rachedurst, in seinem fieberhaften Verlangen, alles von vorn anzufangen, um alles wieder zu erobern. Daher auch ein wahrer Heißhunger nach Genüssen im Glänze seiner neuen Herrlichkeit. Sobald er sich allmächtig glaubte, entließ er zunächst Huret i dann beauftragte er Jantrou, gegen Rougon einen Artikel loszulassen, worin der Minister namens der Katholiken unumwunden beschuldigt wurde, bei der römischen Frage doppeltes Spiel zu spielen. Das war die endgültige Kriegs- erklärung zwischen beiden Brüdern. Seit der Lionvention vom fünfzehnten September 1864 und besonders seit Sadowa legten die Klerikalen lebhafte Be- svrgnisse über die Lage des Papstes an den Tag: die „Esvsrance" nahm nunmehr ihre alte ultramontane Politik wieder auf und griff das liberale Kaiserreich heftig an, wie es aus den Dekreten vom neunzehnten Januar hervorging. In der Kanrmer ging ein Ausspruch Saccards um: trotz seiner tiefen Zuneigung zum Kaiser— hatte er gesagt,— wollte er lieber sich zu Heinrich V. bequemen, als daß er mitansehe, wie der Geist der Revolution Frankreich neuen Katastrophen entgegenfiihrte. Hierauf wuchs seine Kühnheit mit seinen Siegen, und er verhehlte nicht mehr seinen Plan, die jüdische ihohe Finanz in der Person Gundermanns anzugreifen, in dessen Milliarde er Bresche schießen wollte, bis es zur Er- stiirmung und schließlichen Eroberung kam. Die Universelle, die so wunderbar groß geworden war, warum sollte sie nicht als ein von der gesaniten Christenheit gestütztes Haus in einigen Jahren unumschränkte Gebieterin der Börse sein? Er trat jetzt als Nebenbuhler auf, als Grenznachbar von gleicher Machtfülle und voll kriegslustiger Prahlerei. Gnnder- mann dagegen blieb ganz phlegmatisch und erlaubte sich nicht einmal ein höhnisches Lächeln: er fuhr aber fort, zu lauern und zu warten, und schien die fortwährende Aufwärts- Bewegung der Aktien bloß mit regem Interesse zu verfolgen, als Manu, der auf Geduld und Logik seine ganze Kraft ge- setzt hat. Die Leidenschaft hob Saccard zu solcher Höhe empor, die Leidenschast sollte ihn auch stürzen. Bei der Sätttgung seiner Gelüste hätte er am liebsten einen sechsten Sinn an sich entdeckt, lim denselben noch zu befriedigen. Frau Karoline, die immerwährend stillduldend lächelte, wenn ihr auch daS Herz blutete, blieb für ihn eine Freundin, deren Ratschlöge er mit einer Art Ehrerbietung anhörte, wie die einer Gattin. Die Baronin Sandorff, deren umränderte Augen und rote Lippen wirklich trügerisch waren, fing jetzt an, ihm keinen Spaß mehr zu machen. Als er daher, auf dem Haufen seiner neuen Millionen thronend, auf den Gedanken an Frauenliebe verfiel, stand von vornherein seine Absicht fest, sich nur ein außerordentlich teures Weib zu kaufen, um es vor ganz Paris zu besitzen, wie wenn er sich einen sehr großen Brillanten geleistet hätte, um ihn aus bloßer Eitelkeit auf die Kravatte zu stecken. War das nicht auch eine vorzügliche Reklame? Hat ein Mann, der im stände ist« für ein Frauenzimmer viel Geld anzulegen, nicht schon dadurch ein Vermögen von so und so viel? Alsbald fiel seine Wahl auf Frau von Jenmont, bei welcher er mit Marime ein paarmal gespeist hatte. Sie war noch sehr schön mit sechsunddreißig Iahren, eine ernste und tadellose junonische Schönheit: ihr großer Ruf kam daher, daß der Kaiser ihr für eine Nacht hunderttausend Frank und nebstdem einen Orden für ihren Mann gezahlt hatte, einen feinen Herrn, dessen einzige Stellung diejenige als Mann seiner Frau war. Das Ehepaar führte ein üppiges Leben, wurde überall eingeladen, bei den Ministern und bei Hof, durch ganz vereinzelte und auserwählte Abmachungen in Nahrung gesetzt, von denen drei oder vier für ein ganzes Jahr genügten. Man wußte, daß die Sache schrecklich teuer kam, aber es war das allerfeinste. Saccard, den insbesondere die Lust reizte, an einem solchen Kaiserbissen zu naschen, verstieg sich bis zu zweimalhunderttausend Frank, da der Ehemann Jeumont zuerst über diesen früher zweideutigen Finanzmann geringschätzig die Nase gerümpft hatte, indem er ihm gar zu gering und von kompromittierendem Rufe vorkam. Um eben diese Zeit schlug die kleine Frau Conin rund- weg Saccard eine Vergnügungspartie ab. Er verkehrte viel im Papierladen der Rue Fepdeau, da er immer Notizbücher brauchte: ihn reizte diese holdselige, rosige, rundliche Blondine mit dem hellen, flockigen Seidenhaar, ein kleines Locken- lämmchen, immer liebenswürdig, einschnieichelnd und froh gestimmt. „Nein, ich mag nicht. Niemals!" Hatte sie aber„Niemals" gesagt, so war die Sache abgethan, und nichts konnte sie von ihrer Weigerung ab- bringen. Und dabei blieb es. Durch diesen unerwarteten Wider- stand aufs höchste gereizt, hielt Saccard fast einen Monat stand. Sie hrachte ihn von Sinnen mit ihrem lachenden Ge- sichtchen lind dem mitleidsvollen Blick ihrer großen, zärtlichen Augen. Das verursachte ihm mitten in ihrem Triumphe grausame Pein, als sei es ein Zweifel an seiner Macht, eine geheime Enttäuschung über die Macht des Goldes, die er bis jetzt für unumschränkt und allumfassend hielt. An einem Abend indes wurde ihm der höchste Genuß der Eitelkeit zu teil. Dies war der Kulminationspunkt in seinem Lebenslauf. Es war Ball im Mimsterhim des Aeußern. Dieses anläßlich der Ausstellung gegebene Fest hatte Saccard dazu ausersehen, von dem ihm gewordenen Glück mit Frau von Jeumont öffentlich Akt zu nehmen: bei jedem Handel mit dieser schönen Frau war nämlich für den glücklichen Inhaber das Recht einbegriffen, sich einmal öffent- lich mit ihr zu zeigen und so der Geschichte jede gewünschte Publizität zu geben. Gegen Mitternacht hielt demnach Saccard in den Salons des Ministers, wo zwischen den schwarzen Fräcken nackte Frauenschultern sich drängte», unter dem flimmernden Glänze der Kronleuchter am Arme der Frau von Jeumont seinen Einzug. Hintendrein ging der Ehemann. Bei ihrem Er- scheinen öffneten sich die Gruppen: ein breiter Durchganz wurde dieser zur Schau getragenen Zweimalhunderttansend- franklaune gelassen, diesem Skandal zügelloser Begierde und toller Verschwendung. Man lächelte, man flüsterte, ohne Zorn und mit belustigter Miene, inmitten des berauschenden Duftes der ausgeschnittenen Mieder und der gedämpften, ein- lullenden Klänge des fernen Orchesters. IX. Frau Karoline war wieder allein. Bis zu den ersten Tagen des November war Hamelin wegen der durch die end- gültige Konstituierung der Gesellschaft mit einem Kapital von einbundertundsiinfzig Millionen erforderlichen Förmlichkeiten in Paris geblieben. Er war es wieder, der auf Saccards Wunsch beim Notar Lelorrain in der Rue Sainte-Anne die gesetzlichen Erklärungen und die unrichtige Versicherung ab- gab, alle Aktien seien gezeichnet und das Kapital einbezahlt. Hierauf reiste er nach Rom, wo er zwei Monate zu- zubringen gedachte. Dort hatte er wegen hochwichtiger Ge- schäfte, über die er sich nicht aussprach, Vorstudien zu machen: ohne Zweifel handelte es sich um seinen famosen Traum vom Papste in Jerusalem, sowie um ein andres, praktischeres und bedeutenderes Projekt, nämlich den Ausbau der Universelle zu einer auf die Interessen der gesamten Christenheit sich stützenden katholischen Bank, einer mächtigen Maschine, die dazu bestimmt wäre, die jüdische Bank zu zerschmettern und vom Erdball hinwegzufegen. Von da gedachte er wieder nach Sem Orient zurückzureisen, wohin er Surch die Arbeiten der Brussa-Beirut-Bahn gerufen wurde. Glücklich über das rasche Gedeihen des Hauses, und von dessen unerschütterlicher Festigkeit durchaus überzeugt, reiste Hamelin ab: eigentlich flöhte ihm sogar dieser allzu große Erfolg eine geheime Besorgnis ein. Bei der Unterredung, die er am Vorabend seiner Abreise mit seiner Schwester hatte, gab er ihr darum nur die eine dringende Ermahnung, dem allgemeinen Wahnsinnsrausch zu widerstehen, und sobald der Kurs von zweitausendzweihnndert Frank überschritten wäre, ihre Papiere zu verkaufen: denn er wollte persönlich gegen diese fortwährende Hausse Einspruch erheben, die er für thöricht und gefährlich hielt. Sobald sie von neuem allein war, fühlte sich Frau Karoline durch ihre überhitzte Umgebung noch mehr verwirrt. Gegen die erste Novemberwoche erreichte man den Kurs von zweitausendzweihundert. Daher ringsum grenzenloses Entzücken, laute Rufe des Dankes und der schrankenlosen Hoff- uung: Dejoie zerschmolz in Dankbarkeit, die Damen Beau- villiers behandelten Frau Karoline wie ihresgleichen, als Freundin der Gottheit, die ihr uraltes Haus wieder empor- heben sollte. Ein Konzert von Segenswünschen scholl aus der beglückten Menge der Großen und Kleinen: die Töchter hatten endlich eine Mitgift, arme Leute waren plötzlich reich geworden und für ihre Zukunft gesichert, die Reichen brannten von der unersättlichen Gier, noch reicher zu werden. Es * herrschte aber mich im Anschluß an die Weltausstellung in dem von Lust und Herrlichkeit berauschten Paris eine einzig artige Stimmung: einen Augenblick glaubte alles au nn- gemischtes Glück, war alles von der Gewißheit eines nie endenden Spielglücks erfüllt. Alle Werte waren in die Höhe gegangen, die zweifelhafteste» fanden gläubige Abnehmer, eine lleberfülle fauler Gründungen überbürdete den Markt und verursachte in allen Adern einen schlagflußdrohenden Blutandrang: im Innern aber klang es hohl von der thatsäch- lichen Erschöpfung einer Regierung, die in Saus und Braus gelebt, Milliarden für große Arbeiten ausgegeben und un- geheure Bankhäuser gemästet hatte, deren übervolle Kassen allenthalben aus den Fugen gingen. Beim ersten Krachen in deni allgemeinen Schwindel war der völlige Zusammen- stürz unausbleiblich. Unzweifelhaft hatte Frau Karoline diese ängstliche Vor- ahnung, wenn ihr Herz bei jedem neuen Sprung der Kurse der Universelle sich zusammenzog. Noch lies kein böses Ge- rücht um, höchstens ging ein leiser Schauder durch die Reihen der erstaunten und überwältigten Baissiers. Und doch hatte sie das Bewußtsein irgend eines Mißstandes, welcher den stolzen Bau bereits unterhöhlte: was es war, vennochte sie nicht bestimmt zu sagen, sie mußte vielmehr angesichts des glanzvoll wachsenden Triumphes sich abwartend verhalten, trotz der leisen Erschütterungen, welche den kommenden Sturz ankündeten. (Fortsetzung folgt.) lUichvig'Cieck* Ludwig Tieck. der Romantiker, war. als er am 28. April 1353 ckheutc vor 5V Jahren), ein Hofrat und Pensionär Friedrich Wilhelms IV.,»des Romantikers auf dem Throne", in Berlin starb, schon ein halb vergessener Mann. Und gegenwärtig gehört der Name vollends ausschließlich der gelehrten Litteraturgcschichte an. 5tein Werk, das sich als Zeuge seines Wesen» im Volks- gedächtnis lebendig erhalten hätte! Der Name klingt wie fremder Schall an unser Ohr. ohne bestimmtere Gefühle und Vorstellungen auszulösen; es sei denn die Erinnerung an einige einschmeichelnd melodiöse, sehnsüchtig träumerische Weisen:„Mondbeglänztc Zauber- nacht, die den Sinn gefangen hält, wundervolle Märchenwelt, steig' auf in der alten Pracht!" und:»Liebe denkt in süßen Tönen, dein Gedanken steh» zu fern; nur in Tönen mag sie gern alles was sie will verschönen..."; Verse, die als Stichloort und epigrammatischer Ausdruck romantischer Seclcnstimmungcn sich durch die Jahrzehnte fortgepflanzt haben. Er teilt in dieser seiner bloß litterarhistorischcn Fortcxistenz das Schicksal der meisten andren Romantiker. Er war wohl der vielseitigste, poetisch fruchtbarste:m llreise der älteren„romantischen Schule", angeregt von den mannigfachsten ästhetischen Tendenzen des Zeitalters, und selbst einer der stärksten Anreger; ein Geist, der in der Leichtigkeit, mit der er produzierte, genialisch erscheint, aber unfähig jener Konzentration der Kräfte, die allein daucriw Lebendiges hervorzubringe» vermag: um ein Wort Friedrich Schlegels K» gebrauchen, mehr ein«Kunstwerk der Natur, als selbst ein Künstler". Nicht so sehr in irgend einem einzelnen, das ihm ge» hingen, als in der Fülle drängender Versuche, in der Bielgestaltigkeit der Leistungen tritt der Reichtum dieser Natur anschaulich hervor. Die Periode zwischen Jugend und Mannesaltcr, die zwanziger Lebensjahre, war die glückliche und große Zeit des Dichters, ein in verschwenderischem Blütenreichtum strotzender Frühling. Gegen das stürmische Entwicklungstempo der ersten Schaffensperiode er- scheinen Sommer und Herbst des langen Poetenlcbens Vergleichs- weise arm. Ludwig Tieck ist 1773 geboren, ein Berliner Handwerkerssohn. Der Vater war ein wohlhabender Eeilermeister, ein Mann, der mit der Zeit ging, resoluter Anhänger der Aufklärung und auch ein Freund des Theaters, doch nach alter Sitte streng und verschlossen zu Hause. Der junge Ludwig, ein Wunderkind, dabei zu allen kecken Schülerstreichen aufgelegt, schlich so oft er immer konnte zum Schauspiel. Er verschlang die Ritterromane; er lebte in den „Räubern", im„Götz", im„Don Quichotte", in Holbergs Komödien, Shakespeares Dramen,— den Dichtungen, die ihm vor allen andren dann bis zum Lebensende wert und teuer geblieben sind» Gern wäre er— alle, die ihn später haben recitieren hören, sind einstimmig der Meinung, daß er auf der Bühne das Höchste hätte erreichen können— Schauspieler geworden. Aber der Widerstand des Vaters war unübertoindlich. So zog er denn im Jahre 1732 als Studiosus, und zwar merkwürdigerweise der Theologie, auf die Universität Halle. In seinem Innern sah es damals ganz und gar nicht theologisch aus. Noch im selbeni Jahre begann er seine„Ge- schichte des Herrn William Lovel". einen der seltsamsten Jünglings- romane, die je geschrieben sind. Die Erzählung der Abenteuer und Verbrechen ist weitschweifig und verworren, die Charakteristik sehr ungleichmäßig, aber als Bericht einer Seelenlrankheit, die bisher kaum jemals dargestellt worden, überrascht das Buch durch Kühnheit loie durch Originalität. Es sind Selbstbekenntnisse, nicht in dem Sinne, als schildere der Dichter in dem Treiben Lowcls seinen eignen Lebenslauf, wohl aber in dem Sinne, daß Tieck im Tiefsten seines Selbst erlebte Stimmungen und Reflexionen in den Helden als treibende Kraft hineinprojiziert und darzustellen sucht, wie sie, gesteigert und von allen Hemmungen befreit, sich in Handlung um- setzen würden. Das Phantastische war mit wachsain-skeptischenr Verstände, die Heiterkeit mit einem quälerischem Hang der Selbst- beobachtung bei Tieck gepaart. Je länger aber ein grüblerischer Sinn sich ins eigne Ich hinein versenkt, um so rätselvoller, un- heimlich-fremdcr schaut es ihn an; Willensfreiheit, Seele, Charakter und wie sonst die Kategorien heißen, mit denen das gewöhnliche Bewußtsein sich dies Innere nach praktischen Bedürfnissen klar zu machen gewohnt ist, verschwimmen, verwandeln sich in ein Unfatz- bares. Denken, Wollen und Handeln scheinen wie Spiegelungen, aufsteigend aus einem wig dunklen Abgrund, unbestimmbar in ihrem inneren Zusammenhang. Das Jchbcivutztsein selbst zerbröckelt. „Oft wird mir angst," erzählt Tieck von sich,„wenn ich meine schnelle Fühlbarkeit sehe, mich in alle fremden Gedanken und Zustände hinein zu denken, so daß mir auf Augenblicke und Stunden mein Selbst verdämmert; aber erinnere ich mich, durch welche Flut wechselnder Gedanken und llebcrzeugungen ich gegangen bin, so er- schrecke ich und mir fällt Humes Behauptung ein, daß die Seele nur ein Etwas sei. an dem sich im Fluß der Zeit verschiedenartige Er- scheinungen sicbtbar machen." Der Zweifel, der sich gegen das eigne Selbst kehrt, ist der tiefste; er ist auch, wenn er, beim Eindruck des Chaotischen beharrend, ohne zu befreiendem methodisch-philosophischen Nachdenken fortznschreilen. die Herrschaft über das Gemüt gewinnt, der zerstörendste. Er setzt dann nicht wie die rüstige Skepsis, mit der die Aufklärung der kirchlichen und politischen Uebcrliefcruug zu Leibe ging, neue Wahrheiten und Normen an Stelle der alten, sondern mündet nur zu leicht in völliger Apathie gegenüber jedem fortschrittlichen Streben, jeder nach ernsten Zielen ringenden Arbeit aus. Wenn das, was als festeste, selbstverständliche Grundlage alles klebrigen galt, das Selbst, sich in gespenstische Phantome auf- löst, wo ist dann noch ein Halt, um Gut und Böse, Wahrheit und Irrtum von einmider zu scheiden? Alles scheint Zufall und Belieben, das Leben ein von jenem Sinn entleertes Puppenspiel, in dem der Einzelne, der zur Erkenntnis dieser Jnhaltlosigkeit gelangt ist, allein darauf zu sinnen hat, die Langeweile durch die flüchtige Lust der Sttindc zu kürzen. Das ist die Lehre, zu der Lovel von andren erzogen wird.„Wie mein äußerer Sinn die phhsische, so bc- herrscht mein innerer die moralische Welt. Alles unterwirft sich meiner Willkür; jede Erscheinung, jede Handlung kann ich nennen, wie es mir gefällt; die lebendige und leblose Welt hängen an den Ketten, die mein Geist regiert; mein ganzes Leben ist nur ein Traum, dessen mancherlei Gestalten sich nach meinem Willen formen. Ich s e l b st bin das einzige Gesetz in der ganzen Statur, diesem Gesetz gehorcht alles." Die skeptische Zerstörung und Auflösung des Ich geht mit dem Größenwahnsinn eben dieses Ich in eins zu- sammen. Die Philosophie, die in der äußeren Welt kein selb- ständiges Fürsichsein, sondern nur ein dem Geist Erscheinendes sieht, muß bunte Flitter für die Maskerade hergeben.„Das ganze Leben ist ein taumelnder Tanz; schwenkt wild den Reigen hermn! Laßt das bunte Gewühl nicht ermüden, damit uns nicht die Nüchternheit entgegenkommt, die hinter dem Frieden lauert." Lovel sieht seinem eignen Handeln wie einem Drama, das ein Fremder aufführt, zu. „Wie in einem Schauspiele," so erzählt er die Verführung eine? jungen Mädchens,„spielte ich meine Rolle auf eine wunderbare Art begeistert; es gelang mir alles, was ich sagte, ich sprach mit Feuer, doch ohne Affcitation... Ich übte eine Rolle an ihr und sie iam mir mit einer andren entgegen; wir spielten mit vielem Ernst die Komposition eines schlechten Dichters, und jetzt thut es uns wieder leid, daß wir die Zeit so verdorben haben," Und dieses Acutzerste egoistischer Blasiertheit wird, sehr charakteristisch siir Tieck selbst, zugleich als Rück- und Umschlag eines überschwenglichen, sentimental- romantischen Empfindungslcbens dargestellt. Als einen Schwärmer sieht man Lovel seine Bahn beginnen.„Wenn wir unsrer Phantasie erlauben, zu weit auszuschweifen, wenn wir alle Re- gionen der Begeisterung durchfliegen— geraten wir endlich in ein Gebiet so excentrischer Gefühle, dag die Seele ermüdet zurückfällt... Mkaii hüte sich vor jener Trunkenheit des Geistes, die uns zu lange der Erde entrückt; wir kommen als Fremdlinge wieder hinab, die doch die Schwingkraft verloren haben, sich über die Wolken zu er- heben." Das Ungenügcn an den schalen„Freuden der Erde", die Klage, dag ein Genug„nie unser Herz ganz ausfüllt", das nagende Ge- fühl einer„ewigen Herzensleerheit" erinnert hier und dort an Faustische Empfindungen. Es wäre interessant, zu verfolgen, wie dieser hier von Tieck gezeichnete neue, theorctisiercnde und ästhcti- sierende Egoistentypus, der bald in krampfhafter Ueberhebung sein Ich als„Einzigen" die Welt als„Eigentum des Einzigen" pro- klamiert, bald zerknirscht sich im Gefühle der absoluten Ohnmacht windet, mannigfach abgewandelt und modifiziert, in der späteren Litteratur inimer wieder auftaucht. Besonders in der„Decadenten"- und„Fin de Siecle"-Dichtung, die in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts als Neuestes und Allerneuestes aus- gerufen wurde, trifft man auch mancherlei verwandte Züge, wie diese Richtung auch sonst in vieler Hinsicht auf die Romantik zurück- weist. Der klassische Roman dieser Tecadence. von einem wahr- haften Dichter geschrieben. Garborgs„Müde Seelen", ist zugleich eine unvergleichlich feine naturalistische Studie modernisiert- romantischer, des Jugendzaubers, der sie ehedem umgab, entkleideter Scclcnstimmuugen. Typisch an so manche Lebensläufe der alten Romantikern erinnernd, ist Garborgs Schilderung, wie der an Leib und Seele bankrotte Schöngeist sich zuletzt in einen katholijierenden Kirchenglauben flüchtet. (Schluß folgt.) kleines feuiUeton. on. kkngeschmeichcltcs von Hogarth. Unter den englischen Malern des achtzehnten Jahrhunderts ist, wenn nicht der größte, so doch sicher der berühmteste William Hogarth(1697— 1764), der Meister des Sittenbildes. Seine hervorragendsten Leistungen, von denen die Originale zum wertvollste» Besitz der Londoner Nationalgalerie ge- hören, während zahllose Kopien in alle Welt gegangen sind, vor allem die Bildercyklcn„Heirat nach der Mode", die„Parlanients- Wahlen" und das„Leben eines Wüstlings" find für die Kulturgeschichte ebenso bedeutsam ivie für die Kunstgejchichte; denn sie bieten mit realistischer Lebcnswahrheit in großen Zügen, die rasch zu übersehen find, ein nngeschminkteS Bild von den englischen Zuständen der Zeit, das die regierende Kaste Übel nntnimmt. Sic sind gemalte Satire und legen in jedem Strich Zeugnis ab von dem unverwüstlichen Humor des großen Malers, der alle Schattierungen der Komik mit gleicher Meisterschaft beherrschte: vom trockenen Humor bis zur beißenden Schärfe. Er verstand aber nicht allein mit dem Pinsel Satire zu malen, sondern auch sie mit der Feder zu schreiben, obschon die Schriststcllerei sonst nicht sein Feld war. Eine «nnpfindliche Probe von Hogarthschem SarkaSmuS erhielt ein englischer Lord, als der Maler noch jung war und sich »nit Anfertigung von Porträts seinen Unterhalt verdienen mußte. Da saß ihm einst ein Edelmann von ungewöhnlicher'Häßlichkeit und Mißgestaltung zur Aufnahme. Hogarth vollführte seine Aufgabe mit aller Meistersihast; aber er hielt sich streng ach die Lebenswahrheit, ohne die Schönheitsfehler seines erlauchten Kunden im mindesten auszumerzen. Der Ivar nun von dem ungeschmeichelten Porträt nichts weniger als erbaut und dachte nicht im Traume daran, das be- stellte Werk einzufordern, geschweige für etwas zu bezahlen, dessen täuschende Aehnlichkeit mit der eignen werten Person er nicht anzuerkennen gesonnen war. Hogarth aber, der sich in dem üblichen chronischen Dalles junger Künstler be- fand, dachte ebensowenig daran, auf seine Forderung zu verzichten. Nachdem er einige Zeit vergeblich aus sein Honorar ge- lauert hatte, begann er den edlen Lord darum zu treten. Er loieder- holte die Mahnung des öfteren; der biedere Kunde reagierte aber durchaus nicht. Indes der junge Künstler wußte sich zu helfen. Er schrieb dem vornehmen Herrn folgende Karte:„Mr. Hogarth über- mittclt Lord N. N. seine pflichtschuldige Hochachtung. Da Mr. Hogarth findet, daß Ew. Lordschaft nicht die Absicht haben, das für Sie ge- malte Bildnis zu acceptieren, so werden Sie wieder davon benachrichtigt, daß Mr. Hogarth seines Geldes dringend bedarf. Wenn daher Ew. Lordschaft es nicht binnen drei Tagen abholen lassen, so wird es unter Hinzufügung eines Schwanzes und etlicher andrer kleiner Anhängsel an Mr. Hare, den berühinten Menagerie- besitzer, abgeliefert werden. Mr. Hogarth hat eS nämlich bedingungs- weise diesem Herrn als Rellamebild zum Aushängen versprochen, im Fall Ew. Lordschast eS ablehnen." Umgehend ward das Geld eingeliefert, das Porträt abgeholt. Der Empfänger des Denkzettels und des Konterfeis aber wird weder das Hogarthsche Antograph an den Spiegel gesteckt, noch das Hogarthsche Bild im«alon aufgehängt haben: dafür war beides zu ungeschmeichelt.— — Wie schwört man einen Meineid? Aus Mittelfranken wird der„Frankfurter Zeitung" geschrieben: Die vom Reichs- justizamt eingesetzte Konimission zur Vorbereitung der Revision des Strafprozesses hat sich letzthin mit der Frage der Neuregelung des Beeidigungsverfahrens beschäftigt, insbesondre ob der Voreid durch den Nacheid zu ersetzen und in welchem Abschnitt des Versahrens die Beeidigung zu bewirken sei. Ob durch die eine oder andre Regelung eine Verringerung der Meineide erzielt werden wird, bleibe hier außer Erörterung. Wie die tägliche Erfahrung beweist, sind in unsrer Bevölkerung An- schauungen verbreitet, loonach unter gewissen Kautelen Meineide ruhig geschworen werden können und das Gewissen nicht im geringsten be- lästigen. So kann man z. B. in» Allgäu sich einen Meineid ganz gut leisten, wenn man ihn zugleich loieder„abschlvört". Dieses Ab- schwören geschieht in der Weise, daß der Schwörende, wenn er seinen rechten Ann zur Eidesleistung emporhebt, seinen linken Arm auf den Rücken legt. Was mit der rechten Hand geschworeil wird, wird mit der linken Hand wieder abgeschworen, und der Eid«geht dann durch". der Meineid kann so der Seele nichts anhaben. Der Richter im All- gäu sieht deshalb immer scharf darauf, daß der Schwörende seine linke Hand nicht auf den Rücken legt, dann allein hat er eine Ge- währ, daß kein Meineid geleistet wird. Ein andres Mittel, seine Seele durch den Meineid nicht zu ge- fährdcn, kennt man im bayerischen Wald; hier wetzt sich derjenige, der einen Meineid schwören will, bei seinem Eintritt in den Gerichtssaal an dem Thürpfosten; er„läßt dann seine Seele draußen", und er kann ruhig schwören, was er will, ohne Gewissensqualen zu riskieren; denn der Teufel kann mm seine Seele nicht holen. In manchen Gegenden glauben sich die Leute vor dem Teufel auch lchon dann gesichert, wenn die Fenster des Gerichtssaales ge- schlössen find, und sie hüten sich sofort, die Unwahrheit zu sagen. wenn der Richter die Fenster öffnen läßt, da nun der Teufel ohne weiteres herein kann. Gegenüber solche» Anschauungen macht es nichts aus, ob der Eid vor oder nach der Aussage geleistet wird; denn diejenigen, die einen Meineid leisten wollen, finden wie gezeigt, immer Mittel und Wege, die Unwahrheit zu sagen, ohne ihre Seele in Gefahr zu bringen. Hier hilft nur eines: das Volk auf eine immer höhere Bildungsstufe zu bringen und dadurch seinen Sinn für Wahrhastig- und Ehrlichkeit immer mehr zu schärsen.— Theater. Freie Volksbühne(MRropol- Theater):„Im Hinter' haus e". Drama in vier Akten von Ernst Preczang.— DieS" mal handelt es sich um die Uraufführung eines neuen Dramas und zugleich uin einen neuen Autor aus unsrer Mitte. Würden nun selbst auch nur wenige der Erwartungen, die wir an diese schöne That des Vereins knüpfen, erfüllt werden, so bleibt diesem letzteren doch das Verdienst, loeitere Kreise nicht nur neuerdings auf seine volkskünst- lerischen Bestrebungen hingelenkt z» haben, sondern auch gleichzeitig den Schöpfungen unsrer Dichter eine immer kräftigere Wellen schlagende Anteilnahme nach außen erringen zu helfen. E r nst P r e c z an g ist uns kein Fremder. Als Lyriker hat er edle, eigne Töne. Auch als Dramatiker versucht er sich nicht zum ersten Male. Daß er auf dresem so hart umstrittenen Felde ein tüchtiges Stück vorwärts gegangen ist, zeigt sein sociales Drama„Im Hinterhause". Der einfache Titel sagt nicht viel— oder doch nlleS; wir wissen schon, wo eS und was sich abspielen werde: Der Lebenskamps einer Arbeiterfamilie, umbrandet von Not und Elend, von fiegcs- ftoher Hoffnung und niederbrechendcr Sorge und Ver- zweiflung. Der Mann infolge eines rheumatischen Leidens zum Invaliden geworden, zu einer Zeit, da er noch lange nicht der Arbeit entsagen zu sollen geglaubt hatte. Unerträglich ist solch' ein von unfreiwilliger Unthätiakeit aufgezwungenes Dasein. Nur ein Genuß- füchtler, ein professioneller Faulenzer vermag sich damit abzufinden; nimmer ein Mensch, der gewohnt ist, für seine Familie zu schaffen, nimmer einer, der auch zugleich für die Wirtschaft- liche Besserstellung der Arbeiterklasse, der er angehört. Wort und That einsetzte. Nun ohnmächtig zusehen, wie sich Weib und Tochter für ihn Tag um Tag, Jahr um Jahr rackern und mühen— wie ist das möglich, ohne daß er ain Leben verzweifelt. Bcsier ein selbstmörderisches Ende. Aber da bricht doch noch ein Lichtschimmer herein. Eine? Tages bietet ihm die Fabrikdirektion einen auskömmlich bezahlten Posten als Werkstattmeister an. Endlich wird nun seine Qual ein Ende haben. Doch wie er erfährt, daß er als Streikbrecher dienen solle, da weist er das Anerbieten mit Empörung zurück. Treu sich selbst und der großen Sache, der er zeitlebens zugeschworen, tritt er ins alte Elend zurück und geht lieber fteiwillig in den Tod. Sein Weib ist fteilich von andrer Art. Sie hat's nie begreifen können, daß man„Jdezalen" Brot und Existenz opfern könne, daß man noch was anders sein müsse, als bloß em Arbeitssklave; und auch die Tochter ward es müde. So nimmt diese schließlich den Verführer zum Mann, um versorgt zu sein. Nur der junge Fabrikler, dem sie ursprünglich und der ihr von Herzen zugethan war, ist vom Schlage des Alten. Weil das Mädchen nicht Kraft und Mut in sich fühlt, ihm zu folgen und weil er erkennt, daß er. will er seinem klasscnbelvußten Arberter- 328— Ideale unverruckt treu bleiben, allein den Lebensweg kämpfen müsse, entsagt er dem„Glücke" der Liebe und zieht fort in die Fremde, Da ist dann noch so ein andres Familienbild: Der Winkel- advokat und feine Tochter, eine leichtlebige Kellnerin, Die hat ein Verhältnis mit einem adligen Nichtskönner und Nichts thuer Von ihren Einkünften lebt auch der Vater, Und er lebt lustig— ist's auch nur Fröhlichkeit zum Schein, nin den eignen moralischen Katzenjammer über seine Erbärmlichkeit zu beschwichtigen Elend also um Elend, Immer das gleiche Lied, Wie kann's auch anders sein. Stur eine andre Variaute, eine vielleicht neue Nuance, Der Dichter fand sie, Stand und steht er doch selber im Kreise der Arbeitergenossen, Er kennt ihre Not und ihre Daseins- schmerzen. In diesem Milieu zeigt er als Schaffender sein eignes. Gleichwohl erkeimt nian die Vorbilder, die möglicherweise aus die Gestalwiig seines Dramas von Einfluß gewesen: Hauptmanns „Weber" und Goriis„Kleinbürger". Das Arbeite rschicksal bildet den Träger des Ganzen und es verkörpert sich nicht in' einer, sondern in mehreren Personen, Daß es Preczang gelairg, für seine Menschen Anteilnahme zu wecken, ist jedenfalls einer der höchsten Vorzüge des Stückes Seine Stärke zeigt er da, wo er ans eigner Anschauung schöpfte, Am vollkommensten ist ihm die Zeichmmg der Frau Gensicke ge- glückt. Auch Wilhelm Gensicke geht an und Jakob Lenzke, der Winkeladvokat, obwohl dieser in einigen Zügen an Pertschichin, den lustigen Vogclhändler in Gorkis„Klein bürgern" anklingt. Klara Gensicke und Hermann Petzold. der Mechaniker, wirken doch mehr fragmentarisch. Letzterer sollte, meinem Gefühl nach, am Schlüsse doch zukunftsbewußter fortgehen. Da ist Gorkis Lokomotivenführer Stil ein ganz andrer. Es hätte Petzold keinen Eintrag gethan, wenn ihm der Dichter, unbeschadet dem Streben nach künstlerischer Wirkung, auf die eS ihm ankam, einen Tropfen socialen Oels niehr beigemengt hätte. Denn wofür einer kämpft und zu kämpfen hinausgeht, das darf er auch bestimmt unter- streichen, ohne daß man dem Dichter gleich den Vorwurf einer im- künstlerischen Tendenz wird machen lvollen. Mißlungen sind der Buch- Halter Strebing, die Kellnerin und der Baron v, Wantritz; namentlich der letztere ist nichts mehr als eine Schablonenfigur, Man merkt, daß Preczang hier nicht aus persönlicher Bekanntschaft heraus ge- staltete. Der technische Aufbau verrät gutes Studium, Am einheit lichsten und von größter Wirkung erwies sich der dritte Akt, Im letzten fallen Preczang die Fäden aus der Hand; da versteigt er sich zu bedenklichen theatralischen Effekten, die unter das Niveau des Ganzen hinabtreiben. Im einzelnen bietet er mehrere anheimelnde Kleinkunstbilder, und das beste ist, daß sich der Dichter überall verrät, wo poetische Stimmung aufkommt. Gerade diese Eigenschaft läßt auch ftir Preczaugs fernere Entwicklung und Gaben als Dramatiker Vollgültigeres erhoffen. Die Zuschauer folgten der Hand- lung, die vor allem in Anna Müller-Lincke(Frau Gensicke), dann in Emil Thomas sWilhelm Gensicke) und Hans Pagah (Jakob Lenzke) sowie, in gemessener Abstufung, in Hermann Schmelzer(Petzold) und Hedi Kühn(Klara Gensicke) hingebende Vertreter fand, mit Spannung und ermutigenden! Beifall,— E r n st Kreowski. Berliner Theater,„Die Verleumdung". Lustspiel in drei Akten nach S c r i b e von Eugen von Jagow,— Warum, wenn man Scribe lvieder einmal aufführen wollte, die Wahl ans dies vergessene Stück gefallen, ist schwer verständlich. Die Art, wie er künstlick, durch ein verwickeltes Jntriguenspiel Spannung zu erwecken sucht, liegt ganz und gar nicht in der Richtung des neueren TheatcrgeschmackeS, an dem der Naturalismus denn doch nicht völlig spurlos vorüber gegangen ist. Man verlangt heute Ein- fachereS undTieferes von derKomödie: Komik, die aus den Charakteren entwickelt ist, nicht solche, die durch raffiniert ersonneneS Hin und Her allerhand gleichgültiger Theaterfigureu von außen an uns heran- gebracht wird. Freilich bei dem Verlangen ist eS so ziemlich ge- blieben. Diejenigen neueren Komödien, die einem solchen Ge- schmacke annähernd etwa entsprechen, lassen sich an den fünf Fingern abzählen. Und so lange das Bessere, daS man haben möchte, nicht vorhanden, behält das Alte sein relatives Recht, In den Grenzen seines beschräntten Genres hat Scribe einiges Ausgezeichnete hervorgebracht, Virtuosenstücke, die von keinem der Nach- folger übertroffen wurden; nur eben„die Verleumdung" gehört gewißlich nicht dazu. Das Tempo der Handlung ist, trotzdem die Jagowsche Bearbeitung die fünf Akte des Originals aus drei reduziert hat, schleppend langsam, die Charakteristik selbst für Scribesche Verhältnisse äußerst flüchtig, und erst zum Schlusie kommt auf Grund unwahrscheinlichster Voraussetzungen eine jener verzwickt spannenden Situationen heraus, die Scribeiche Specialität sind. Vielleicht, daß nian vor dem durchs Ueberbrettl vor ein paar Jahren wieder modern gewordenen Biedermeierkostiim— das Stück spielt unter dem Bürgcrkönigtnm— sich eine Wirkung versprochen! Das Thema wird methodisch abgehandelt. Es giebt da eine zielbewußte ganz gemeine Verleumderin, die Schwester des Premierministers, zwei oder drei das Schlechte mehr kritiklos nachglappernde Hohl- köpfe, einen Verleumder aus Notwe.yr, sozusagen wider Willen, zwei selbst nicht verleumdende, aber den Klatsch kleinmütig fürchtende Personen, endlich als Gegenpart ein äußerst tugendsames Opfer der Verleumdung: Cöcile, das Mündel des Premierministers, und ihn selbst, die ritterliche Epcellenz. Ein junger Mann, jener Verleunider wider Willen, ist. als er nach nächtlichem Besuch bei der niederträchtigen Ministerschwester die Thür hinter sich schloß, auf dem Korridor des Hotels dem Tropf von Gatten begegnet und hat, zur Rede gestellt. Ivoher er käme, auf eine andre Thür gewiesen, eine Thür, die zu dem Zimmer Cociles ftihrt! Das ist die Klatscherei, die der betrogene Ehemann mit ahnungsloser Schadenfteude weiterträgt. Der Bräutigam Cociles, Kmnmerdeputierter und wankelmütiger Knecht der öffentlichen Meinung, empfiehlt sich schleunigst, der Minister aber, den Knoten rasch eist- wirrend, bietet, obwohl er mit Rücksicht auf die Schwester Cociles Unschuld den andern nicht klar beweisen kann, dem Mädchen die Hand. Die mancherlei aktuellen politisch satirischen Anspielungen mögen damals, als sie erschien, iin Jahre 1K40, der Komödie zum Erfolg verholfen haben. Heute nehmen sie sich blaß und well aus, wie, ein paar hübsche Einzelzüge abgerechnet, alles Uebrige. Die Aufführung war sorgsam vorbereitet, Gut gelang Marie Frauendorfer die glattzüngige Salonkanaille, Herrn S ch i ndler der grinsend demütige Bürgersinann und Amtsbewerber aus der Provinz, Niedlich war I e n n i R a u ch als weißgekleidete Unschuld,— — dt. Buntes Theater.„Freigesprochen," Ein Aufzug von De L o r d e und M o r c e,„D' W e a n e r i n." Momcntdrama von Freiherr von Stenglin.„Mayerche N." Eine Lumpen- komöoie von Jon Lehmann.— Kurz bevor eine Sommeropcr in die reizenden, einst für Wolzogens Ueberbrettl erbauten Räume einzieht, hat die Direktion noch ein paar neue Einatter heraus- gebracht. Auch sonst wäre ihnen kaum ein längeres Dasein be- schieden gewesen. Der Freigesprochene des ersten Stüchenö ist ein Mörder, der seinen Advokaten anffncht, weiß Gott warum vor diesem all seine Verbrechen auspackt und weiß Gott warum von ihm mit lobender Empfehlung in die Welt gesandt wird. Gegen das gewaltsam Outrierte dieser„Satire" stach das Kellnerinnen- bildchen der„Weanerin" durch einen anspruchslosen Natura- lismus angenehm ab: am Anfang wenigstens, zu», Schluß hin fällt die Skizze, abgesehen' davon, daß ihr die Pointe fehlt, beträchtlich aus dem Ton, Viel stärker ausgeprägte Eigenart steckte in Lehmanns„Lumpenkomödie," Daß Mayerchen. der die Gläubiger in unverschämter Weise prellt, von seiner eignen Geliebten, auf deren Namen er Wohnung und Besitztum schreiben ließ,»och frecher geprellt und schließlich aus dem Haus geworfen wird, ist sicher keine üble Komödienidee. Insbesondere das Frauen- zimmer ist gut geraten. Aber einen rechten Eindruck ließen die gehäuften Unmöglichkeiten in der Ausführung, trotz RomanowskhS und Elise Ewers flottem Spiel, nicht aufkommen. In Summa: die Bilanz war wieder wenig günstig,—-�dt. Humoristisches. — D a r u m. Neulich traf ich den Regierungsrat X„ wie er eben ans dem Laden der Herrenkleiderfabrik Maier herausging. Als ich ihn verlvnndert fragte, warum und seit ivann er denn hier arbeiten lasse, gab er mir folgende Erklärung:„Sie wissen doch, daß ich auf der Regierung sehr viele Zeitungen lesen muß. Da las ich jüngst in einer socialdemokrattschen Zeitung eine furchtbare Schimpferei über diese Finna Maicr, daß sie ihre Arbeiter so schlecht bezahle. Da dachte ich mir, die Leute müssen doch ihre Ware sehr billig liefern können, Ivenn sie so ivenig Ausgaben dafür haben und ließ'mir darum heute dort gleich einen Anzug anmessen."— Elsa." — Eine gute Partie. Gratuliere zur Verlobung, liebe „Erlaube mal, da mußt Du schon lieber ihm gratulieren,"— („Simplicissimus".) Notizen. — Karl Gjellerups Legende ,. O st e r f e u e r" gelangt am 18. Mai erstmalig im Dresdener Oper»hause zur Aul« iihrung,— — Die Erstaufführung von ReznicekS Volksoper Till Eulenspiegel" im Opern Hause ist auf den S. Mai verschoben worden,— — Die romantische Oper„Dalibor" von S m e t a n a wurde für daS Theater des Westens erworben,— — Goldmarcks Oper„Götz von Berlichingcn" hatte bei der Erstaufführung in, neuen Kölner Stadttheater einen starken Erfolg.— — Die Große Berliner Kunstausstellung 1903 wird am 2, Mai, mittags 12 Uhr, ohne besondere Ansprachen er- öffnet. Die Jury hat dem Vernehmen nach über 1600 Arbeiten zurückgewiesen,— — In dem Verzeichnis der Vorlesungen, die von der Ober» chulbehörde in Hamburg im Sommer 1903 veranstaltet werden, kündigt Dr. Pfeffer, Kustos des Naturhistorischen MuseumS, Ausflüge zum Studium der Bogel stimmen" an.— Berantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin,— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Berlagsanftalt Paul Singer& Co., Berlin SW