Wnlerhaltungsblatt des Worwürls Nr. 84. Donnerstag, den 30. April. 1903 4GZ Das Geld. (Nachdruck verboten.) Roman von Emile Zola. Gundermann ließ die Baronin nicht ausreden: sehr mild- thätig Pflegte er immer zwei Lose zu nehmen, zumal wenn Dainen, die er in der Gesellschaft getroffen hatte, sich die Mühe gaben, ihin dieselben zu bringen. Aber bald mußte er um Entschuldigung bitten: ein Ge- Hilfe brachte ihin ein Aktenbiindet. Ungeheure Zahlen wurden rasch ausgetauscht. „ZweiundfüMzig Millionen sagen Sie? und der Kredit betrug?" � „Sechzig Millionen!" ,Mun. so bringen Sie ihn auf sünfundsiebzig Millionen!" Er wollte zur Baronin ztirückrehren, als plötzlich ein Wort, das er von der llnterredung seines Schwiegersohnes mit ei'.tem Kommissionär miffing, ihn abrief. „Ganz und gar nicht! Zum Kursewon 587,50, das macht zehn Sous per Aktie weniger." „O, Herr Gtindermanit," sagte der Kommissionär demütig,„wegen einer Differenz von dreiundvierzig Frank!" „Wie, dreiundvierzig Frank! Das ist ja ungeheuer viel. Glauben Sie denn, ich stehle das Geld? Jedem das Seine� sonst kenne ich nichts!" Schließlich entschloß er sich, um ungestört zu sein, die Baronin in das Eßzimmer zu führen, wo bereits gedeckt war. Er durchschaute den Verwand der Wohlthätigkeitsverlosung, denn er tvar von ihrein Verhältnis zu Saccard durch seine diensteifrige Polizei unterrichtet und- dachte sich wohl, daß sie ans einem ernsten Beweggrund gekommen war. Deshalb that er sich auch keinen Zwang an. „Nun, sagen Sie jetzt, was Sie mir eigentlich zu sagen haben." Sie spielte aber die Erstaunte. Sie habe ihm nichts zu sagen und wolle ihm bloß für seine Güte danken. „Also haben Sie niir nichts auszurichten?" Er schien enttäuscht, als habe er einen Äugenblick gedacht, sie sei mit einer geheimen Sendung Saccards gekommen, irgend einem neuen Einfall dieses Narren. Da sie jetzt allein tvaren, blickte sie ihm mit ihrem er- logenen lüsternen Lächeln an, welches die Männer so unnötiger- weise ausregte. „Nein, nein, ich habe Ihnen nichts zu sagen: da Sie aber so gütig sind, hätte ich vielmehr um etwas zu bitten." Sie hatte sich zu ihm herübergebcugt und streifte seine Knie mit ihren behandschuhten Händchen. Sie legte um- fassende Beichte ab, erzählte ihre unglückselige Ehe mit einem Ausländer, der weder ihre Natur, noch ihre persönlichen Be- dürfnisse verstanden hätte, und legte ihm dar. wie sie zum Sviel hatte greifen müssen, um von ihrer Stellung nicht herab- zusteigen. Schließlich kam sie auf ihre Vereinsamung zu sprechen, ans die Notwendigkeit eines Rates und einer Führung auf diesem schrecklichen Boden der Börse, wo jeder Fehltritt so teuer zu stehen kommt. „Aber," unterbrach er sie,„ich glaubte, Sie hätten schon jemand?" „O. jemand!" murmelte sie mit einer geringschätzigen Handbewegung.„Nein, nein, das ist niemand, ich habe niemand!... Sie möchte ich haben, den Meister, den Gott! lind dies würde Sie wahrhastig keine großen Anstrengungen kosten, mein Freund zu sein, mir von Zeit zu Zeit ein Wort, bloß ein Wort zu sagen. Wenn Sie wüßten, wie glücklich Sie niich machten, wie dankbar ich Ihnen wäre, o, mit Leib und Seele!" Sie trat noch näher und umfing ihn mit ihrem lau- warmen Atem, mit dem feinen und bethörenden Dust, den ihr ganzes Sein aushauchte. Er aber blieb ganz rnhig und trat nicht einmal zurück: seine Sinne waren abgestorben, er hatte gegen keine Versuchung mehr anzukämpfen. Während sie sprach, nahm der fühllose Mann, dessen Magen ruiniert war und ihn auf Milchdiät setzte, aus einer Fruchtschale aus dem Tische einzelne Trarchenbeeren, die er mit Maschinen- mäßiger Bewegung aß: das war die einzige Ausschweifung, die er sich bisweilen in den Stunden großer Lüsternheit er- laubte und die er oft durch tagclanges Magenleiden büßen mußte. � Er lächelte verschmitzt wie ein Mann, der sich unbesiegbar weiß, als die Baronin sich im Feuer ihrer Bitte zu vergessen schien und schließlich ihr verführerisches Händchen mit den gierigen Fingern, die geschmeidig waren wie eine Schlange, ihm aufs Knie legte. Scherzhaft nahm er diese Hand und drückte sie beiseite, indem er wie für ein überflüssiges Geschenk einen stummen Tank nickte. Ohne seine Zeit weiter zu vergeuden, ging er jetzt gerade auf das Ziel loS. „Hören Sie, Sie sind sehr liebenswürdig, ich möchte Ihnen angenehm sein... Schöne Freundin, an dem Tage, wo Sie mir einen guten Rat bringen, verpflichte ich mich, Ihnen ebenfalls einen solchen zu geben. Sagen Sie mir. was man drüben thut, und dann sage ich Ihnen, was ich thun»verde... Abgeinacht? Wie?" Er war aufgestanden, sie mußte mit ihm in den großen Nebensaal zurück. Sie hatte den vorgeschlagenen Handel recht »vohl verstanden. Spionieren und Verrat, aber sie gab ihin absichtlich kerne Antwort und sprach lvieder von ihrer Wohl- thätigkeitsverlosung, während er mit seinein schadenfrohen Kopfschiitteln zu sagen schien, eS liege ihm eigentlich nichts an Hilfe, das logische, unabwendbare Ergebnis niüßte dennoch eintreffen, nur vielleicht etivas später. Als sie endlich wegging, wurde Gundermann in dein ungewöhnlichen Getöse dieses Kapitalienmarktes sofort von andren Geschäften gepackt, während die Börsianer vorbeizogen, seine Angestellten hin und her eilten und seine Enkelkinder munter spielten, nachdem sie unter lautem Gejubel der Puppe den Kopf abgerissen hatten. Er hatte sich an seinen schmalen Tisch niedergesetzt, vertiefte sich in das Studium eines plötzlich kcmmendeii Gedankens und hörte nichts mehr. Ziveimal mußte die Baronin Sandorff vergeblich in die „EspSrance", uin über den gethanen Schritt Jantrou Rechen- schaft abzulegen. Endlich wurde sie von Dejoie hereingeführt: ail diesem Tage linterhielt sicki seine Tochter Nathalie mit Frau Jordan auf einer Polsterbank im Gang. Seit dem vorher� gehenden Tage strömte ein sündflutartiger Regen herab: diese nasse und graue Witterung gab der» Entresol des alten Gebäudes im brunnenschachtähnlichen Dunkel des Hofraums ein Gepräge drückender Schwernmt. In einem kotigen Halb- dunkel brannte das Gaslicht, hier wartete Marcelle auf Jordan. der auf der Jagd nach einer neuen Abschlagszahlung für Busch begriffen war, und hörte rnit betrübter Miene auf das Geplapper der geschwätzigen Elster Nathalie. „Sie begreifen, Madame, Papa will nicht verkaufen... Es ist zwar jeinand da, der ihn zum Verkaufen treibt lind ihin Angst zu machen sucht. Ich will den Betrefsciiden nicht nennen. weil es ganz gewiß nicht seine Rolle ist, die Leute zu er- schreckeil... Ich bin's jetzt, die Papa am Verkaufen hindert. Ich werde gewiß verkaufen, wenn's»och in die Höhe geht! Da müßte man schön dumm sein, nicht wahr?" „Gelviß!" enviderte Marcellc einfach. „Sie wissen, die Aktien stehen jetzt auf zweitausendfünf- hundert," fuhr Nathalie fort.„I ch führe die Rechnung, denn Papa kann ja kaum schreiben... Also besitzen wir mit unsren acht Aktien schon zwanzigtausend Frank. Das ist doch nett. Wie?... Zuerst ivoilte Papa bei achtzehiitausend stehen bleiben, das stimmte mit seiner Rechnung, nämlich sechstausend Frank für meine Mitgift und zwölftausend für ihn, eine kleine Jahresrente von sechshundert Frank, die er durch die vielen Aufregungen wirklich verdient hätte... Aber ist das nicht ein Glück, sageil Sie, daß er nicht verkauft hat? Jetzt niacht es zweitaiisend Frank weiter!... Ilnd nun wollen wir noch mehr haben, wir wolleil mmdesteiis eine Rente von tauseild Frank für ihn, und wir werden sie bekommen, Herr Saccard hat's uns schon gesagt... Er ist so nett, der Herr Saccard!" Marcelte inußte unwillkürlich lachen. „Sie heiraten also nicht mehr?" „Doch, doch, aber erst wenn's fertig ist mit dein Steigen... Wir hatten es eilig, besonders Theodors Vater, wegen seines Geschäftes. Allein, was ivollen Sie? Man kann doch nicht die Ouelle verstopfen, wenn das Geld weiter zu- fließt. O, Theodor begreift dies recht wohl: denn, wenn Papa mehr Rente kriegt, so ist das ein um so größeres Kapital, LaS uns einmal zukommt. Das ist— bei Gott!— in Betracht zu ziehen!... Und so warten wir jetzt alle miteinander. Seit Monaten sind die sechstausend Frank da, es könnte ge- heiratet werden, aber man will lieber warten, bis sie Junge kriegen... Lesen S i e denn nicht die Zeitungsartikel über die Aktien?" Ohne die Antwort abzuwarten, fuhr sie fort:„Ich lese sie allabendlich, Papa bringt mir die Zeitungen mit. Er hat sie schon gelesen, aber ich muh sie nochmals vorlesen... Man wird nie miide, so herrlich ist alles, was sie versprechen... Wenn ich zu Bette gehe, habe ich den Kopf voll und träume nachts davon. Papa sagt mir auch, dasi er allerlei Tinge von sehr guter Vorbedeutung mit ansieht. Vorgestern haben wir zum Beispiel den gleichen Traum gehabt, wir lasen auf der Straße Hundertsousstücke schaufelweise auf; das war sehr unter- haltend!" Von neuem unterbrach sie sich, um zu fragen: „Wie viel Aktien haben Sie denn?" „Wir? Keine einzige!" versetzte Marcelle. Das blonde Gesichtchen Nachaliens mit den flatternden hellen Löckchen nahm einen Ausdruck endlosen Mitleids an. O die armen Leute, die keine Aktien hatten! Ihr Vater rief sie herein und beauftragte sie, im Vorbeigehen bei einem Re- dakteur ein Bündel Korrekturfahnen abzugeben, wenn sie nach Batignolles wieder hinaufging. Tann ging sie mit ihrer spaß- haften Wichtigkeit einer Kapitalistin ab, die jetzt fast alltäglich ins Zeitungsburcau kam, um den Börsenkurs früher zu kennen. Sobald sich Marcelle wieder allein auf der Bank im Wartezimmer sah, verfiel sie, die sonst so fröhliche und nintige Marcelle, von neuem in träumerische Schwermut. O Gott, welch' düsteres und trauriges Wetter! lind bei diesem sünd- slutähnlichen Regen mußte ihr armes Männchen die Straßen abstreifen! llnd wie groß war seine Verachtung des Geldes, wie groß sein Unbehagen beim bloßen Gedanken, sich mit Geld- fachen abgeben zu müssen. Welche Ueberwindung kostete es ihn, selbst von Leuten Geld zu fordern, die ihm etwas schuldig waren. Wiederum überdachte sie traumversunken den heutigen Tag seit ihrem Erwachen, diesen schlimmen Tag, während hier ringsum die fieberhafte Arbeit der Drucklegung begann, das Hinimdherrennen der Redakteure, das Hinundhersenden deS druckfertigen Manuskripts inmitten der Klingelzeichen und des Aufundzuklappcns der Thüren. Der Tag hatte nämlich damit angefangen, daß bereits um neun Uhr, als sich Jordan wegen eines über einen Unfall zu liefernden Berichtes gerade von Hause entfernt hatte, seine Frau Marcelle, die sich eben zu waschen und anzukleiden be- gönnen hatte, zu ihrem höchsten Erstaunen plötzlich Busch in Gesellschaft zweier sehr unreinlicher Herren in ihre Wohnung eindringen sah; vielleicht waren es Gerichtsvollzieher, vielleicht auch Banditen,— sie hatte es nicht recht herausgcftinden. Tiefer abscheuliche Busch niachte sich gleich den Umstand zu nutze, daß er nur die Frau zu Hause vorfand, und erklärte, jetzt würde alles gepfändet, wenn sie ihn nicht sofort bezahlte. Vergeblich sträubte sie sich, indem sie von keiner der gesetzlichen Förmlichkeiten Kenntnis erhalten hätte. Er behauptete aber die Vollstreckbarkeit des Urteils und kündete das sofortige An- legen der Siegel mit solcher Entschiedenheit an, daß sie vor Entsetzen verstummte und schließlich im Glauben war, derlei Tinge seien auch möglich, ohne daß man vorher etwas davon erfuhr. Dennoch streckte sie die Waffen nicht, sondern erklärte bestimmt, ihr Mann werde nicht einmal zum Essen nach Hause kommen, und sie werde nicht dulden, daß vor seiner Rückkehr etwas angetastet würde. Hierauf hatte sich zwischen den drei verdächtigen Gesellen und dieser halb angekleideten jungen Frau mit den flatternden Haaren ein höchst peinlicher Auftritt entsponnen. Die Männer nahmen schon die einzelnen Gegen- stände ans, während sie die Schränke abschloß und sich gegen die Thüre stellte, als wollte sie verhindern, daß etwas hinaus- getragen würde. Ihre annseligc kleine Wohnung, auf die sie so stolz war, ihre paar Möbel, die sie spiegelblank putzte, die Draperien aus türkischem Kattun, welche sie selbst angenagelt hatte! Mit kriegerischer Tapferkeit rief sie laut, zuerst müßte man über ihren Leib hinwegschreiten, dann schalt sie Busch nach Herzenslust einen Halsabschneider und einen Gauner, jawohl, einen Gauner, der sich nicht entblödete, siebenhundert- und dreißig Frank fünfzehn Centimes— die neuen Unkosten ungerechnet— für eine Forderung von dreihundert Frank zu beanspruchen, die er in einem Haufen alter Lumpen und alten Eisens für hundert Sous erworben hätte! llnd dabei hatten sie in Ratenzahlungen schon vierhundert Frank ab- getragen, und jetzt wollte dieser Spitzbube ihr Mobiliar für die dreihundert und so und so viel Frank mitnehmen, die er ihnen noch zu stehlen gedachte! Er wußte ja recht gut, daß sie ehrlich seien und augenblicklich bezahlt hätten, wenn sie die Summe besäßen, und jetzt benutzte er ihr Alleinsein, ihre Un- fähigkeit zu antworten und ihre Unkenntnis vom Prozeß- verfahren, um sie in Schrecken zu jagen und zum Weinen zu bringen.„Schurke! Gauner! Gauner!" Wütend schrie Busch noch lauter und klopfte sich heftig auf die Brust. Sei er nicht ein ehrlicher Mann, habe er nicht die Forderung mit gutem Gelde bezahlt? Mit dem Gesetz sei er im reinen und wolle jetzt zu einem Ende kommen. Als hierauf einer jener schmutzigen Herren die Schub- laden öffnete, um das Weißzeug hervorzusnchen, hatte sie mit so furchtbarer Entschlossenheit gedroht, das ganze Haus und die Straße in Aufruhr zu bringen, so daß der Jude etwas zahmer geworden war. Schließlich hatte er nach weiterem halbstündigen Hinundherhandeln eingewilligt, bis zum nächsten Tage zu warten und wütend geschworen, alles weg- zunehmen, falls man ibm nicht Wort lsiMÄ (Fortsetzuiig folgt.) fNlichdmck verboten.) Sitten und Sagen im Spreewald» Seit ihren: Austreten in der Geschichte haben die Germanen fortgesetzt fremde Bollselemente in sich aufgenommen. In den ersten Jahrhunderten handelte es sich fast ausschließlich um Teile keltischer Völkerschaften: seit etwa dem Jahre 1000 unsrer Zeitrechnung waren es vorwiegend Stämme slavischen�vluts. Heute noch ist dieser Prozeß an unfern Ostgrenzen nicht zum Stillstand gekommen, wenngleich er gegenwärtig zum guten Teil infolge des unklugen Vorgehens unsrer preußischen Junker zu Ungunsten des deutschen Elements um- zuschlagen im Begriff steht. Von ivelch gewaltiger Bedeutung jedoch die Kolonisation nn Osten während der früheren Jahrhunderte für das deutsche Territorium gewesen, geht schon aus der bloßen That- fache hervor, daß die Gebiete von Off-Holstein. Pommern, West- und Ostpreußen, Brandenburg, die Lausitz, Meißen und Schlesien bis hinab nach Oestrcich, soweit das heutige Deutschland in Frage steht, also das gesamte Land zwischen Elbe und Oder, der Germanisation zugeführt worden sind. In der Mark Brandenburg find es die Askanier, die_ an: meisten zur Besiedelung derselben mit Bauern niedcrsächsischen Schlages beigetragen haben. Ganz im Gegensatz zu der Art und Weise, nach der Hcinnch der Löwe und die Deutschordensritter in Pommern und Preußen verfuhren, wo die wendische Bevölkerung mit Feuer und Schwert ausgerottet und vernichtet ward, schlugen sie den Weg durchweg friedlicher Eroberung ein. Das Resultat ihrer Bemühungen war denn auch, daß gerade hier zuerst das Wendcntun: seine Bedeutung einbüßte und init den: deutschen Element verschmolz, wobei sich freilich an einzelnen bis in das vorige Jahrhundert schwer zugänglichen Stellen, ganz so wie in der Bautzener Gegend. Reste der früheren Bevölkerung erhalten haben. Heute noch ist die Wendin des Sprcewaldes in ihrer bunten Tracht eine jedem Bewohner der Reichshauptstadt wohl- bekannte Erscheinung und der Spreewald selber in den Sommer- monatrn das Ziel vieler Besucher von nah und fern, wobei nicht mir der romantische Charakter des meilenweiten Forstes, sondern gewiß auch die mancherlei Eigentümlichkeiten seiner wendischen Be- ivohner ihre Anziehungskraft ausüben. lieber die wendischen Bräuche und Sagen im Spreewald berichtet ein im Jahre 1870 erschienenes Werk, au) das wir in der folgenden Darstellung wiederholt zurückgreifen, da sein Verfasser W. v. Schulen- bürg durch langjährigen Umgang mit dem wendischen Wesen des Sprcewaldes ans das innigste vertraut war. Auch h:er finden wir auf die sonst bekannte Thatsache häusig Bezug genommen, daß in den Gründen des Sprcewaldes sich die wendische Sprache bis in die Gegenwart hinein erhalten hat. Ueberhanpt ist ja in der Mark das Wendische länger als in andern Teilen der Elb- und Oderniederung in Geltung geblieben. So wurde noch in: Gebiete von Beeskow- Storkow in: 17. und an den Grenzen der Altmark noch bis tief in das 18. Jahr- hundert hinein wendisch gepredigt. Freilich ist das heutige Wendisch den: Deutschen durchaus assimiliert. Die moderne Forschung hat festgestellt, daß die wendische Sprache, wie sie in verschiedenen Mund- arten noch in der Lausitz gesprochen wird— und im Spreewald wird es nicht anders sei,:— von Grund aus germanisiert ist. nicht nur weil fie eine große Anzahl deutscher Worte ausgenommen hat. sondern vor allen:, iveil die ganze Syntax durchaus germanisch gelvorden ist.„Diese Sprache ist nichts als Deutsch mit slavischen Worten." Die Erinnerung an den tiefen Gegensatz, der einst nmerhalb der wendischen Stämme zwischen Adel und Volk bestand, ist heute noch im Sprecwalde lebendig und hat sich in einer BolkSerzählung erhalten, die an den Mittelpunkt des Spreewaldes, das reizvoll gelegene Städtchen Burg und den ihm benachbarten Schloßberg, anknüpft. Hier hauste der wendische.König", den niemand — 835 zu bezwingen vermochte, der zauberkundig durch die Lüfte ritt und das umliegende Land mit Raub und Frevelthaten erfüllte, bis das Strafgericht über ihn hereinbrach und seine Burg im Moor versank. Es handelt sich hier ursprünglich offenbar um einen wendischen Häuptling. deren erbliche Würde vermutlich auf dem Grundbesitz, der ja durchaus in den Händen des Adels lag, beruhte. Diese Dynasten herrschten von Zwingburgen herab, auf denen sie mit bewaffneten Dienern saßen, während das Gros der Landbevölkerung von ihnen abhängig und zum guten Teil selbst ihre Sklaven war. Dazu kam, daß zumal in der Zeit der deutschen Eroberung und Kolonffation die Häuptlinge häufig genug sich aus � Seite der Fremden schlugen, um Land und Besitz zu retten, den ischen Göttern abtrünnig wurden und den Eroberern selbst ihr vermachten wie z. B. der Wendenfürst Pribislav zu Brand' Eine intereffaw le bietet das Leben der Spreewald- Bewohner, wie wir wen erwähnten Buche, allerdings nur sehr knapp, ges■ nt dem der Wenden der Vorzeit. Viehzucht und Ackerbau vra �esc aus der arischen Heimat mit. In der Mark mit ihren sumpfigen Moor- und Wasserflächen trat nattirgemäß der Fischfang in den Vordergrund, weimglcich man in den ftuchtbaren und trockenen Landcsteileu vorioiegend beim Ackerbau blieb. Der leichte Sandboden der Mark machte den bereits den Vor- fahren bekannten Pflug überflüssig; an seine Stelle traten die Hacke und vor allem der Spaten. Das Getreide, Gerste und Hülsen- fruchte, Roggen, Weizen, Hanf und Flachs pflegte man mit der Sichel zu schneiden. Das Handwerk, überwiegend HauS- industtie, stand auf ziemlich hoher Stufe; mau verferttgte Messer, Aepte, Sägen, Waffen, Töpfe und vor allem Boote. Teilweise baute man sich in der unmittelbaren Nähe des Wassers an, teilweise auf höher belegenen Orten in Dörfern und Städten. Halten wir da- neben die Schilderung, wie sich unsrem Gewährsmann im Lauf des Jahres das wendische Leben darstellt: Wenn der Frühling des Winters Kraft gebrochen, dann eilt alles hinaus auf die Accker, der Spaten tritt in sein wendisches Recht, bunt leuchten in roten Gewändern und weißen Tüchern weithin über die Felder Frauen und Mädchen. Denn geschmückt und in bunter Tracht zieht auch die Wendin wieder zur Arbeit nach den düsteren Wintertagen. Flachs und Weizen werden gcwietet. und in langen Reihen rutschen die Wieterinnen über die Becker. Immer länger werden die Tage, und die Heuernte naht. Fröhlich und geputzt eilt alles in die Kähne, und vor lauter Sommerlust sprengen sich die Insassen mit glänzendem Wasser. Johanni-Mgnn war da. die Tage werden kürzer und die Getreide-Erute naht. Wie in uralten Zeiten sicheln die Wenden das Koni, sauber legen sie Garbe an Garbe und rufen bei der letzten ihr fröhliches Kokot. Aber der Sommer ist rasch dahin. Schnell werden die Kartoffeln anS dem Schoß der Erde entnommen, man setzt eine Ehre darein, vor der Umgegend fertig zu sein. Keine größere Wonne als die dampfende Frucht, und.Scmyak dir leb' ich, Seinyak dir ftcrb' ich", ruft in herzlicher Freude der Wende, wenn vor ihm die volle Schüssel steht. Kühler werden die Abende, der «graue Mann" deckt seinen Mantel über die Erde und winterlich zieht sich alles in die Häuser zurück. Verlangt der Sommer eme raschere Arbeit, so gestattet der Winter doch einige Erholung. Die Spiuten treten in ihr Recht; wenn draußen weißer Schnee die Gefilde deckt, so herrscht ftöhliches Treiben bei der Jugend, und während die Frauen spinnen, arbeiten die Männer kunstvoll in Holz und fertigen Gerät für den Sommer. Fastnacht kommt heran, der Schimmelreiter, der Erbsstrohbär. Ochse und Storch hielten den Umzug und noch einmal vereinigt der Fiedel Klang das junge Volk zum Tanz. Dann beginnt die Leidenszeit, kein Spiel, kein Tanz, in Trauergewändern gehen Frauen und Mädchen, bis mit Ostern der Friihling von neuem fernen Einzug hält. Lassen wir die letzte christliche Verbrämung fort, so bildet diese Schilderung ein charakteristisches Relief zu dem Leben, wie es sich in der Vorzeit abspielte und dessen Grundlinien, von den gleichen wirtschaftlichen Vorgängen ausgehend, noch klar zu erkennen find. Jedoch in höherem Maße noch ivie das äußere weist das innere Leben der Spreelvald- bewohner alle Züge und Erinnerungen auf. Wissen>vir auch von den religiösen Vorstellnngen der früheren Wenden wenig, so ist doch geivih, daß zwischen ihnen und den germanischen Stämmen seit je ein bedeutungsvoller Austausch religiöser Ideen stattgeftinden hat. So berichtet der normannische Geschichtsschreiber Ordericus Vitalis, daß die Liuttzen die gennanischen Hauptgott- Helten Wodan, Thor und Frigga verehrten und auch die Elbslaven beteten vor ihrer Christianisierung zwar nicht zu Christus, wohl aber zir seinen Heiligen, deren einer, der westfälische Sankt Veit, bei ihnen zu dem mächtigen Götzen Swantowit wurde, desseir Andenken noch heute im Volksinunde nicht erloschen ist. Auch Jacob Grimm findet in einer Anzahl sächsischer Mythen durchaus slavische Vorstellnngen wieder und vielfach, wie z. B. bei den Wasiersagen, liegt die Verwandtschast so unzweideutig nahe, daß wir uns jede Erläuterung derselben versage» können. Dabei tragen die wendischen Sagen, wie sie noch jetzt im Munde der Spreewälder lebendig sind, ganz ihren heidnischen Typus zur Schau. Schon die Stunde der Geburt knüpft an die Zeichendeutung, an deil uralten arischen Gedanken von der Macht der Gestirne an. Seit alten Zeiten pflegt nämlich die Wehmutter, lvenn ein Kind in der Nacht geboren werden soll, nach besfimmten Sternen zu sehen; je nachdem diese in der Stunde der Geburt untergegangen sind oder noch am Himmel glänzen, wird das Leben des jungen Erdenbürgers von Glück begünstigt sein oder nicht. Als die unglücklichste Gcbnrts- stunde gilt die Mittagsstunde, in der ganz im Gegensatz zur ger- manischen Volksanschauung die Geister und Gespenster umgehen sollen. DaS eheliche Zusammenleben der Gatten ivird durch zwei Schlaugen symbolisiert, die in jedem Hause unter dem Dache wohnend gedacht werden und Träger des häus- lichen Glückes sind, gleichfalls eine eigenarttge Interpretation der altarischen Schlangensage. Wie im deuffchen spielen auch im wendischen Volksglauben die Kobolde eine bedeutsame Rolle. So stellt der Wende sich die Jrrlichte, die Bude, als Zwerge vor, denen das Licht aus der Brust scheint. Dem Menschen feindlich wie die Jrrlichte sind auch die Wicharc, die Wirbelwinde, die als Träger von Krankheiten wie als Regenbringer bettachtet werden. Eine mehr schadenfrohe Gestalt ist der„Nlix'', der insbesondere den Schiffer belästigt, indem er in den schilf- und algeureichen Sümpfen nach seinem Ruder hascht oder sich an das Hinterteil des Schiffes hängt, um dasselbe zum Stehen zu bringen. Am gefährlichsten sind die Wasser- jungftauen, die in der Mittagsstunde in Menschengestalt erscheinen, um am Ufer zu singen und Unglück vorherzukiinden. An einzelnen Stellen sitzen sie und kämmen ihr Haar, wobei sie keinen Fischer vorbeilassen, sondern jeden mit sich„ins Wasser nehmen". Eine große Rolle unter der Bevölkerung des Sprcewaldes spielt, wie das nach dein Gesagten leicht verständlich ist. natürlich auch der Hexen- glaube. Erwähnt sei die eigenarttge Mürawa, die Nachthexe, die man sich als den Geist eines übelwollenden Menschen vor- stellt und die die Fähigkeit besitzt, die Gestalt der aller- unscheinbarsten Gegenstände anzunehmen; gelingt es den bezüglichen Gegenstand zu erhaschen und sperrt man ihn 24 Sttmden ein. so muß derjenige sterben, dessen Geist die Mürawa ist. Daß im Spree- Wald auch die Wodangestalt, der wilde Jäger, in dessen Troß Hunde und Gefährten ohne Kops daherjagen. zu Hause ist ebenso ivie der tote Reiter, der seine ttauernde Liebste nächtlicherweile zum Fried- hos holt, ein Motiv, das bekanntlich Bürgers herrlichem Gedicht „Leonore" zu Grunde liegt, mag nur beiläufig erwähnt fein. Zum Schluß sei noch auf die sogenannten Kietze, ein Name, der sich in, Spreewald wie überhaupt in der Mark Brandenburg häufig findet, sonst jedoch auf früher slavischem Gebiet nicht an- getroffen wird, kurz Bezug genommen. Das Wort stammt von dem altslavischen Wort byza— Haus und bezeichnet also zunächst eine einzelne Ansiedelung. wird jedoch durchweg im Sinne des lateinischen vious— Dorf und Weiler genommen. Im all- gemeinen sind darunter Ivendische Fischerdörfer zu verstehen, die, Städten oder herrschaftlichen Burgen zugehörig, verpflichtet waren, den Stadtmarkt bezw. die Burgherrschaft mit Fischen zu versorgen, daher denn nm manche Städte, wie z. B. Brandenburg, früher ein ganzer Kreis solcher Kietze lag. Die einzelnen Kietzfischer gehörten zu einem bestimmten, ihnen von der Herrichaft angewiesenen Wasser- bezirk. Ihre Zahl war allenthalben fest begrenzt; so gab es zu Beeskow ihrer 20, ebenso viele zu Köpenick, zu Potsdam 22. Das Gelverbe„vererbte" und unterlag daher weilgehenden Beschränkungen, wie, daß aus keinen,„Erbe" mehr als einer mit Einschluß seiner Kinder fischen durste. Die heutige Volkssprache der Mark erinnert sich bei jenem Worte freilich nicht inehr des alten Gewerbes, sonde mir noch dessen elender Behausungen.— Dr. H. Laufenberg. kleines feuttleton. Zogcrl.(Nachdruck verboten.) Nachdem er sich ein Jahr hin- durch geweigert hatte, gab er schließlich nach.„Aber ich sag' Dir'L. Kind, nur Dir zulieb, weil Du's willst... nicht wegen des dummen Getratsches der Leute. Das ist mir höchst gleichgültig..." So waren sie denn heute einander nach Brauch und Sitte an- getraut worden, und er saß nun da als regelrechter Ehemann in ihrer kleinen Wohnung, weit draußen in der Fabrikvorstadt. Vor ihm auf dem Tische lag ein Blatt Papier, auf welchem er nervös herum- kritzelte: Die Züge des Priesters, der sie vor einer Stunde kopuliert hatte, suchte er festzuhalten und schrieb in verschnörkelten Buchstaben „Zogcrl" und blinzelte hinüber, wo sie— im enganschließenden grauen HochzcitSkleidc noch— bei ihrem Nähtische am Fenster stand, in der Hand eine Lodenjoppe haltend. „Tie Acrmste, es hat sie doch sehr hergenommen." dachte er ge- rührt.„Na ja, tagsüber für fremde Leute nähen und dann bis in den Morgen hinein an der eignen Ausstattung herumschncider».. Er stand auf und trat auf sie zu. Da hätte er sie also wieder einmal ertappt! Anstatt den Knopf anzunähen, blickte sie, die Augen in Thräneu, verträumt über die im Herstwinde nickenden Kopse ihrer geliebten Fuchsien auf den Fabrilschornstcin von gegenüber.„Aber Kind, wer wird denn weinen..." sagte er wohlwollend und schloß sie in seine Arme.„Aber Kinderl, aber Schatzl, so beruhig' Dich doch... Schau, es ist ja nicht besonders lustig, wenn man bei so einem Anlaß niemand um sich hat. Aber dafür Hab' ich Dich so gern, Zogerl... Und das ist ja die Hauptsache, nit wahr? Also:'s Köpferl hochl So... und hübsch freundlich jetzt... wie beim Photo- graphcnl So ist's recht, sehr gut. Busferll So. Und brav sein Tu...- — 336— Nun blickte sie ihm schon mit seligem Lächeln in die Augen, lange und zärtlich, bis er sich mit einem Ruck loslöste.„Schon halb vier' Da heißt es sich tummeln. Bedenk doch Schatz!: Unsre Hochzeits- reise! Weiht Du überhaupt, was das heiht, eine Hochzeitsreise?"— Ein wunderbar klarer Septemberuachmittag war es, als sie ihre Hochzeitsreise nach dem an das Arbeiterviertel anschließenden Dorfe unternahmen. Rüstig schritten sie aus. An langgestreckten, einförmigen Werkstätten vorüber, durch deren klirrende Fenster das Surren und Brummen der Räder drang. Auf den von der Herbstsonne nur schwach überwärmten Gassen spielten einige blasse Kinder im Staube... sonst war niemand zu sehen... Sie hatten bald das Dorf erreicht. Im schläfrig da biegenden Gärtchen des Gemeindewirtshanscs, auf dessen Bänken und Tischen das Hühnervolk stolzierte, nahmen sie einen kleinen Imbiß, wobei sie viel über das verdutzte Geficht des Wirtes lachen mußten, der an einem Wochentage keine Gäste erwartet hatte. Dann ging's quer über die Aecker nach dem kleinen Gehölz, das, inmitten der Stoppelfelder, ein ruhig sanftes Auge, von der Höhe auf das Dörflein niederschaute. Mit leisem Frösteln traten sie von den sonnenbeschiencnen, von Altweibersommer übertanzten Feldern in die Kirchenkühle des Waldes, den bereils der Herbst mit seinem Flainmenkusse überhaucht hatte... Er konnte ihr heute gar nicht nachkommen, so flink war sie immer vor ihm her. Wie ein hurtiges Eichkatzell Tannenzapfen sammelten sie und spähten nach Haselnüssen und bewarfen sich mit raschelndem Herbstlaub und haschten einander und tanzten und sangen und jodelten und pfiffen und küßten sich.... wie zwei recht aus gelassene, recht glückliche Kinder. Sic waren ja heute so glücklich wie in den ersten Zeiten ihrer Liebe... Wie nett sie nur aussah sein Zogerl in der moosgrünen Lodenjoppe. Wie frisch ihre Wangen waren. Und dann die roten Vogelkirschen als Ohrgehänge— einer ihrer herzigen Einfälle. Und mit seinem Jubel im Herzen nahm er sie bei den Händen und sang es hinaus in den Wald: „Ringelringelrosenkranz, ich tanz' mit meiner Frau. Hört' ihr's, meine Herrfchaften? Ich tanz' mit meiner Frau Zogerl!" Frau Zogerl? Frau? Das klang nicht... Ach was, für ihn blieb sie auch jetzt noch das einfache Zogerl. „Tu Zogerl..." „Schau, willst Du mich denn nie ander? nennen... jetzt, da wir doch... warum nennst Tu mich überhaupt so. Du?" „Ja, das weiß ich selbst nicht, Zogerl; darüber Hab' ich nie nachgedacht; dieser Mund, dieses Naserl, diese Ohrläppchen, das wispert mir alles zu:„Zogerl",„Zogerl",„Zogerl"... Ich könnte Dich gar nicht anders nennen.„Zi— Zag— Zogerl" aber, das ist nun cinnial meine Erfindung, auf die bild' ich mir was ein. Weißt Du noch: Gleich am ersten Tage unsrer Bekanntschaft war es, weißt Du noch..." Er zieht sie zu sich nieder. Hand in Hand sitzen sie am Rande des Waldes und sprechen von der Vergangenheit, von vielen düsteren und einigen seligen Tagen... von dem, was nun werden soll... indes über ihnen das fahle Blättermeer wogt und rauscht... Wenn er nur so dachte: Wo wäre er heute ohne ihre schlichtende Güte, ohne ihr einfache Klugheit.— Als alles über ihn lachte, da hatte sie an ihn geglaubt. Als er klein und demütig einlenken mußte, als er alles, was ihn jahrelang irregeführt, mit einem Male von sich geschleudert hatte: wie war sie ihm damals beigestanden, in der schwersten Zeit seines Lebens, wie hatte sie ihn gcstützl und ermutigt! Alles war sie ihm geworden, dieses schlichte, liebe Mädchen... Sie plaudern lange und merken gar nicht, wie die Abendnebel über den Feldern aufsteigen und es langsam dunkelt. Im Dorfe unten verschenken sie noch ihr ganzes Kleingeld unter die Kinder-- Von der herben Luft schlaftrunken, müde wie ein kleines Kind, hängt sie ihm am Anne, wie sie durch die Felder im Abendfrieden »ach Hause wandern. Sie kommen spät heim. Aber noch lange schauen sie zusammen nach dem sternenglitzernden Nachthimmcl, Herz an Herz im dunklen Zimmer, in dem die Hochzeitsblumen duften und duften. Er fühlt, lvie sie zittert und ihr Herz schlägt. Er möchte ihr etwas Besonderes, Leuchtendes sagen— und er kann nicht. Weit liegt die Welt hinter ihm. Er fühlt, daß er in diesen vier Wänden den Frieden gefunden hat.— Behutsam löst er ihr die schweren Flechten. Tann nimmt sie seinen Kopf in den Schoß und fährt ihm liebkosend über Haar und Wangen.— Eugen Schick. Ans dem Tierleben. ie. Sie Stimme d e S T o t c» k o p f s. Im Gegensatz zu andern Insekten geben die Schmetterlinge gewöhnlich keinerlei Geräusche von sich, wenigstens nicht solche, die den, menschlichen Ohr vernehmbar wären. Freilich haben wir nicht das Recht zu bestreiten, daß sie trotzdem Töne zu erzeugen vermögen, die vielleicht nur für unser Ohr zu hoch sind. Eine Ausnahme macht jedenfalls der be- kannte Totcnkopf(.�cberontia atropos), der einen pfeifende», schrillen Ton hervorbringt, sobald er gereizt wird. Die Naturforscher haben sich vom alten Neaumur an vielfach den Kopf darüber zer- krochen, wie der Schmetterling dies Geräusch verursacht. Früher »ahm man an, daß es aus einer Reibung des Rüssels am Vorder- kvrper zu stände kommt. Wagner führte es auf das Ein- und Aus- Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: stoßen der Luft mi° einer großen Saugblase zurück, die vor dem söge- nannten Magen am Ende der Speiseröhre mündet und den ganzen vorderen Teil des Hinterleibes ausfüllt. Einige Beobachter haben die Reibung der Luft an andern Furchen und Hohlräumen des .Körpers für die fraglichen Laute verantwortlich gemacht. Jetzt hat Dr. Cabelli in den„Verhandlungen der Zoologischen Botanischen Gesellschaft" in Wien neue Mitteilungen über die Srmme des Toten- kopfs veröffentlicht. Durch Versuche hat er festgestellt, daß die Be- scitigung des Rüssels das Tier der Stimme beraubt, woraus sich er- giebt, daß der Rüssel jedenfalls eine Rolle bei ihrem Zustandekoinmen spielt. Cabelli meint, daß der Ton durch Aneinanderreibcn der beiden Halbrinnen des Rüssels erzeugt wird. Di et Ergebnis� widerspricht jedoch den Beobachtungen andrer Forscher, auch dann einen Ton von sich geben kau ausgestreckt ist und beide Halbrinnen v Gegen die Behauptung von Dr. Cabcll- denen die beiden Rüsielhälften-"~T; Glaubhafter erscheint die Bcrmr in einer Luftkammer am Ansatz d 'ch der Schmetterling mn der Rüssel ganz mder getrennt find. auch Versuche, bei geschlossen wurden. Ursache des Tones zu luchcn sei. in der sich auch eine Art von Stimmbändcrr.......oet. Die Amputation des Rüssels bedeutet schon an sich einen grausamen Eingriff für den Schmetterling, und Dr. Cabelli hat sie vielleicht so gründlich vorge- nommen, daß auch diese Luftkammer noch mit zerstört oder doch mit Blutflüssigkeit dicht verschlossen wurde. Zudem hatten schon andre Zoologen eine Untersuchung durch vollständige Entfernung des Rüssels vorgenommen, ohne daß der Schmetterling im Gebrauch seiner Stimmmittel beeinträchtigt wurde. Danach muß die Angelegenheit zum mindesten noch als zweifelhaft bezeichnet werden.— Astronomisches. — Der Planet Merkur. Man schreibt der„Frankfurter Zeitung": Von Anfang Mai ab kommt der so selten sichtbare Planet Merkur in bequeme Stellung an den Abendhimmel und ist zudem wegen seiner Nähe bei der Sterngruppe der Plejaden leicht aufzufinden. Diesen bekannten Sternhaufen, der dem unbewaffneten Auge 6 Sterne 3—4. Größe zeigt, findet man rechts unter der römischen V der Hyadengrnppe, mit dem rötlichen Aldebaran am linken Schenkel, abends hoch im Westen stehen. Dicht links vor den Plejaden steht die alles überstrahlende Venns; von unten aber koninit, aus dem Strahlenkreuz der untergegangenen Sonne hervor. ein silberweißer Stern 1.— 2. Größe heran, und dies eben ist Merkur. Am 1. Mai schon ist er den Plejaden bis auf drei Vollmondsbreiten nahegckonnnen und er geht dann dicht links an ihnen vorbei. Seine Bewegung von Abend zu Abend ist sehr groß, über drei Vollmondsbreiten, und so steht er bald oberhalb der die Plejaden und Hyadcn verbindenden Linie und geht geradewegs auf den darüberstehenden Stern zweiter Größe Beta im Stier los; er erreicht diesen jedoch nicht, sondem auf halbern Wege wird seine Bewegung nach links oben immer langsamer, dann steht sie still rnrd kehrt zur Sonne zurück. Letzteres geschieht am 22. Mai. Bald darauf verschwindet dann Merkur in den Sonnen- strahlen. Im ganzen aber ist er doch vier Wochen gut sichtbar, eine ungewöhnlich lange Zeit für diesen seltenen Gast. Anfang Mai geht er un, Uhr, ani 10. Mai um O'1/«, am 20. Mai um 9'/, Uhr unter; Venns, der er nacheilt, erreicht er nicht, denn diese bewegt sich mit anfangs kamn geringerer, später viel größerer Geschwindigkeit in gleicher Richtung in das Sternbild der Zwillinge hinein.— Hmnoristisches. — Sein Ideal. Gerichtsvollzieher(der eine Möbel- ausstellung besucht):„Herrgott, da müßte's Pfänden eine Freude sein!"— — E i n w a n d. Herr Meier aus Schroda ist inr Januar zum Einkauf in Berlin und kauft bei der Finna Gebrüder Hofstnanu einen Posten Damen-Kleiderstoffe. „Aber, Herr Meier," sagt man ihm, als man soweit Handels- einig ivar,„unser längstes Ziel ist 30 Tage!" „Hm!" entgegnet da Herr Meier, indein er sich bedenklich hinterm Ohr kratzt,„bei die kurzen T ä g'— {„Lustige Blätter".) Notizen. — Maxim G o r k is„N a ch t a s y l" ist in P e t e r s b u r g. Ivo das Stück durch das Ensemble des Moskauer künstlerischen Theaters aufgeführt wurde, von Presse u n d P u b l i k u m ab- gelehnt worden.— — Eine neue Oper„L e o n o r e", Musik von 5k r a m m, Text von Wilhelm Mause, fand bei der Erstaufführung im D ü s s e l- dorfer Stadttheater eine freundliche Aufnahme.— — Reproduktionen nach Gemälden und Zeichnungen von Leonardo da Vinci sind gegenwärtig bei Keller u. R e i n e r ausgestellt.— — Dem Germanischen Vi u s e u m zu Nürnberg sind für das geplante medico-hi st arische Kabinett SOO Mark vom preußischen Kicktusministcrium überwiesen worden.— — Eine italienische Truppe wollte kürzlich in Konstanti- nopel Shakespeares„Kaufmann von Venedig" aufführen. Der dortige Großrabbiner erhob Einspruch gegen die Aufführung und— der Censor verbot das Stück.— Vorwärts Vuchdruckerei und Lerlagsanstalt Paul � ta, Verliu äW