Wnttthaltungsblatt des Vorwärts Nr. 86. Sonntaa. den 3. Mai. 1903 Sonntag, den 3. Mai. (Nachdruck verboten.) 481 Das 6cld, Roman von Emile Zola. „D," unterbrach Huret Saccard,„er besitzt immer noch das Vertrauen der Tuilerien' der Kaiser hat ihm den Ordensstern mit Diamanten verliehen." Aber mit energischer Handbewegung deutete Saccard an, daß er sich dadurch nicht täuschen lasse. „Die Universelle ist nunmehr allzu mächtig geworden, nicht wahr?... Eine katholische Bank, welche die ganze Welt durch das Geld zu erobern droht, wie man sie ehemals durch den Glauben eroberte,— kann so etwas geduldet werden? Alle Freideitker, alle Freimaurer mit Aussichten auf einen Ministersitz überläuft da kalter Graus... Vielleicht hat man auch mit Gundermann irgend ein Anlehen zu verhandeln. Was sollte aus einer Regierung werden, die sich nicht durch das schmutzige Judenvolk auffressen ließe?... Und darum will mich mein schwachköpfiger Bruder, um ein halbes Jahr länger am Ruder zu bleiben, der Judenschaft, den Liberalen und dem ganzen Geschmeiß zum Fraß hinwerfen, in der Hoff- nung. man werde ihm ein bißchen Ruhe lassen, während man mich auffrißt... Nun gehen Tie wieder hin und richten Sie ihm aus, daß ich auf ihn pfeife!..." Er richtete seine kleine Gestalt hoch empor, hinter, seiner Ironie platzte endlich seine Wut in kriegerischen Trompeten- flößen los. „Verstehen Sie mich auch? Ich pfeife auf ihn. das ist meine Antwort, er soll es nur wissen!" Huret hatte die Achseln gezuckt. Sobald man bei Ge- schäften in Zorn geriet, that er nicht mehr niit. Uebrigens war er in der ganzen Geschichte ja nur ein ehrlicher Makler. „Schon recht, schon recht! ich will's ihm ausrichten... Sie werden noch Hals und Beine brechen. Aber das ist Ihre Sache." Eine Pause entstand. Jantrou, der sich bislang völlig slumm verhalten hatte, als sei er ganz und gar in der Durch- ficht einiger 5korrekturfahnen vertieft, blickte jetzt bewundernd zu Saccard auf. Wie schön war er, dieser Bandit, in seiner Entrüstung! Mitunter schreiten solche geniale Schurken in diesem Grade blinder Unzurechnungsfähigkeit dem Siege zu, wenn der Rausch des Erfolges sie fortträgt. In diesem Äugen- blick stand Jantrou auf seiner Seite, so fest war er von seinem Siege überzeugt. „Ja so, ich vergaß noch etwas." versetzte Huret. „Telcambre, der Generalstaatsanwalt, haßt Sie, scheint's... Und Sie wissen noch nicht, daß der Kaiser ihn heute morgen zum Justizminister ernannt hat." Saccard war mit einem Ruck stehen geblieben; mit um- düstertem Gesicht erwiderte er endlich: „Das ist auch ein sauberer Kunde! So, so! Aus dem Menschen hat man einen Minister gemacht? Was kann mir daran liegen?" „Je nun," antwortete Huret und nahm eine überniäßig einfältige Miene an,„wenn Ihnen ein Unglück zustieße, wie es im Geschäftsleben jedermann passieren kann, so meint Ihr Bruder, Sie dürfen nicht auf ihn zählen, um Sie gegen Delcambre in Schutz zu nehmen." „Aber Himmeldonnerwetter!" brüllte Saccard,„ich sage Ihnen ja, daß ich auf die ganze Bande pfeife, auf Rougon, auf Delcambre, und auf Sie noch obendrein!" Zum Glück trat in diesem Äugenblick Daigremont ein. Sonst kam er nie aufs Zcitungsbureau, so daß das allgemeine Erstaunen dem heftigen Gespräch plötzlich ein Eiche machte. Tadellos, wie immer, schüttelte er mit seiner ein- schmeichelnden weltmännischen Höflichkeit allen Anwesenden lächelnd die Hand. Seine Frau beabsichUgtc eine Gesellschaft zu geben, bei welcher sie singen wollte; er war nur gekommen. Jantrou persönlich einzuladen, um einen guten Zeitungsbericht zu bekommen. Aber Saccards Anwesenheit schien ihn zu cnt- zücken. „Wie geht's, großer Mann?" „Sagen Sie'mal, haben S i e denn noch nicht verkauft?" fragte dieser, ohne zu antworten. „Verkauft? O nein! Noch nicht!" Sein lautes Lachen klang sehr aufrichtig, so gering war seine Zuverlässigkeit doch nicht. „Man darf aber in unsrer Lage nie verkaufen!" rief Saccard. „Nie, niemals! Das meinte ich eben. Wir alle sind solidarisch, Sie wissen, daß Sie auf inich zählen können." Hinter seinen rasch auf und nieder geschlagenen Lidern hervor warf er einen lauernden Blick auf ihn, während er für die andren Aufsichtsräte einstand, für Sabatani, Kolb, den Marquis de Bohain, wie für sich selbst. Die Geschichte lief ja so schön, es war wirklich ein Vergnügen, daß alles einig war, bei diesem außerordentlichsten Erfolg, den seit fünfzig Jahren die Börse erlebt hatte. Für jeden der Anwesenden fand er ein liebenswürdiges Wort und verabschiedete sich, in- dem er wiederholte, er zähle für seine Abendgesellschaft auf alle drei. Mounier, der Tenorist an der Oper, sollte mit seiner Frau ein Duett singen; o, ein ganz bedeutender Effekt! „Das ist also alles, was Sie mir zu antworten haben?" sagte Huret, der jetzt ebenfalls aufbrach. „Allerdings," erklärte Saccard mit seiner barschen Stimme. Absichtlich begleitete, er ihn nicht wie sonst hinunter. Als er hierauf mit dem Leiter der Zeitung wieder allein war, be- gann er: „Krieg, mein Wackerer! Keine Schonung mehr, hauen Sie mir auf dies ganze Lumpcnvack!... So, endlich kann ich also die Schlacht führen, wie ich's meine!" „Das ist wirklich stark!" schloß Jantrou, bei dem die Ratlosigkeit sich wieder einstellte. Draußen auf dem Gange wartete Marcelle immer noch auf der Polsterbank. Es war kaum vier Uhr, und schon hatte Tejoie die Lampen angezündet, so schnell brach die Nacht unter dem hartnäckigen und trüben Geriesel des Regens herein. So oft er an der jungen Frau vorbeiging, fand er ein kurzes Wort, um sie zu erheitern. Uebrigens wurde das Hinundherlaufen der Redakteure immer rascher, laute Befehle erklangen aus dem Saale nebenan, die fieberhafte Thätigkeit stieg, je näher die Stunde der Ausgabe des Blattes kam. Plötzlich blickte Marcelle auf und sah ihren Mann vor sich stehen, durchnäßt, vernichtet, mit dem Zucken der Mund- Winkel und dem wirren Blick der Leute, die lange Zeit einer Hoffnung vergeblich nachgerannt sind. Es wurde ihr � alleS klar. „Nichts! Nicht wahr?" fragte sie erbleichend. „Nichts, mein Schatz, gar nichts... Nirgends eine Mög- lichkeit..." Marcelle fand nur ein leises Stöhnen, um ihrem blutenden Herzen Luft zu schaffen: „O, mein Gott!" Im gleichen Augenblick kam Saccard aus Jantrous Zimmer und wunderte sich, daß er sie noch hier fand. „Wie, Frau Jordan. Ihr Mann kommt soeben erst zurück, dieser Herumschwärmer? Sagte ich Ihnen nicht, Sie würden ihn besser in meinem Zimmer erwarten!" Sie heftete ihren starren Blick auf ihn, in ihren großen, verzweifelten Augen war plötzlich ein Gedanke erwacht. Ohne sich zu besinnen, gehorchte sie dem ungestümen Mut, der in den Augenblicken der Leidenschaft die Frauen vorwärts treibt. „Herr Saccard, ich hätte Sie um etwas zu bitten... Wenn es Ihnen recht wäre, möchten wir jetzt zu Ihnen hin- über kommen." „Natürlich, verehrte Fräu!" Jordan fürchtete� das Richtige zu erraten, und wollte i sie zurückhalten. In der krankhaften Angst, die solche Geld- fragen ihm stets einflößten, stammelte er ihr zu wiederholten Malen„Nein, ncm!" ins Ohr. Sie riß sich von ihm los, und er mußte folgen. „Herr Saccard," fuhr sie fort, sobald die Thüre wieder geschlossen lvar,„seit zwei Stunden läuft mein Mann ver- gcblich herum, um fünfhundert Frank aufzutreiben; er wagt nicht, Sie um das Geld zu bitten, deshalb bitte ich Sie darum..." In ihrer drolligen Art begann das heitere und ent- schlossene Frauchen mit gewohnter Lebhaftigkeit die Geschichte vom Vormittag zu erzählen. Büschs plötzlichen Eintritt, den Einfall der drei Männer in ihr Zimmer, wie es ihr gelungen war, den Angriff abzuschlagen, und wie sie sich verpflichtet hatte, noch am selben Tage zu zahlen. O, diese Geldschmerzen der kleinen Leute, diese aus Scham und Ohnmacht zusammen- gesetzten herben Schmerzen, die wegen einiger erbärmlichen Hundertsousstücke immer wieder das Leben in Frage stellen! „Busch," wiederholte Saccard,„dieser alte Gauner hat Sie in seinen Klauen?..." Dann wmrdte er sich mit liebenswürdiger Biederkeit zu Jordan, der in unerträglichem Unbehagen stumm und blaß dastand. „Nun, ich will Sie Ihnen vorstrecken, diese fünfhundert Frank. Sie hätten Sie gleich von mir fordern sollen!" Er hatte sich schon hingesetzt, um einen Check zu schreiben, als er sinnend innehielt. Es fiel ihm Büschs Brief ein, der Besuch, den er dort zu machen hatte und von Tag zu Tag verschob in seinem Widerwillen gegen die verdächtige Geschichte, die er dahinter witterte. Warum sollte er nicht sofort nach der Rue Feydean sich begeben und den willkommenen Vor- wand benützen? (Fortsetzung folgt.) KerUner Seceffton. ii. Neben den hervorragenden Werken von ausländischen Meistern ist die Art, wie die Berliner Künstler in die Erscheinung treten, von größtem Interesse. Man mag, abgesehen von Liebermann, der in der That auch künstlerisch eine führende Stellung unter ihnen ein- nimmt, zwei Gruppen unterscheiden. Es ist zunächst eine Reihe von Malern, deren Art und Stellung in ihrer Kunst bereits ein bestimmtes Gepräge hatte, als sie die Secession michegründeten. Man kann nicht sagen, daß sie seitdem eine günstige Entwicklung erfahren hätten; eher möchte es scheinen, daß sie stehen geblieben sind, da sie den rechten Weg. auf dem sie mit ihrer besonderen Begabung weiter koinnien konnten, nicht fanden, sondern in unfruchtbaren Versuchen sich zer- splitterten. Was versprach nicht einst die koloristische Begabung Ludwig von Hofmannsl Und jetzt sieht man wohl hier und da noch ein Bild von ihm. das sich in bescheidenen Grenzen hält und in den Farben anspricht; sobald er aber an größere Aufgaben heran- tritt, versagt er völlig. Die Ausstellung zeigt einen„Sündenfall" von ihm, der nicht nur in der Idee, in der Darstellung der Gestalt Gottes und der beiden ersten Menschen grotesk erscheint, sondern auch in der Farbe reizlos und von unangenehmer Härte ist. Seine kleineren Bilder„Leda" und„Europa" sind zwar auch leer in der Auffasiung, haben jedoch etwas von dem koloristischen Reiz der früheren; von der pointillistischen Technik, der der Künstler ein Jahr lang huldigte, ist er fast ganz wieder abgekommen. Auch Walter L e i st i k o w scheint jetzt auf einem Wege weitergehen zu wollen, der nicht znr Verfeinerung und Vertiefung seiner Kunst führt. Von den einfachen und schlicht gegebenen Landschastsbildern seiner ersten Zeit, meist Motiven ans dem Grunewald, mit denen er sich so viele Freunde erwarb, strebte er weiter zu einer großzügigen dekorativen Behandlung. Man sah diese Versuche mir Interesse und erwartete immer, was daraus werden sollte. Jetzt will er augenscheinlich eine Verschmelzung der beiden Arten erreichen: er giebt Motive, die an die ersten erinnern, aber in einer dekorativen Auffassung. Die Er- gebnisse find jedoch nicht sehr erfreulich. Er arbeitet mit grellen Kontrasten, die Farben sind hart und übertrieben, und es ist, als sprächen die Bilder mit hohlem Pathos auf den Beschauer ein. Einer von denen, die immer„etwas versprachen", ohne daß dieses Vcr- sprechen je ganz erfüllt wurde, ist Martin Brandenburg. Auch von ihm sah man schon Arbeiten,— ich erinnere mich besonders eines Bildes spielender Kinder in einem Garten— auf denen er frei von jeder gezwungenen Phantastik ein Stück Natur mit feinem Gc- fühl für Farbe und Formen frisch Heruntcrmalte. Aber das genügt ihm anscheinend nicht; es muß immer etwas„Poesie" und aufgc- tragcne„Stimmung" dabei sein, und so kommen denn die Motive seiner. Bilder zu stände, die entweder von höchster Trivialstät der Auf- fassung— wie etwa in den„Jägern"— oder auch so verzwickt in ihren Gedankengängen sind, daß mir ein glücklicher Zufall den Geist des Beschauers dieselben Schleichwege entdecken läßt. Kurt Her- mann ist mit einer solchen Begeisterung ins Lager der Pointillisten übergegmigen, daß er der radikalste von ihnen geworden ist. In seinem„Frühlmgsmorgcn" sieht man kaum noch etwas andres als Licht. Eine Sonderstellung hat sich immer Reinhold Lepsin s gewahrt. Das Damenporträt, das er diesmal gesandt hat, gehört indessen wohl nicht zu seinen besten Arbeiten. Auch dieses zeigt zwar den feinen, meist in einer zarten grauen Skala leise verschleierter Töne gestimmten Ton und die freie elegante Technik; aber es erscheint nicht so tief in der Auffassung und äußerlicher in der Art der Charakteristik, in der ein wenig zurechtgesetzten Haltung, wie sonst. Neben diesen Berliner Künstlern bildet sich immer bemerkbarer eine andre Gruppe von jüngeren Malern heraus, die in einem engeren Sinne mit Liebermann zusammengehören. Sie sind es, die die Traditionen des französischen Impressionismus aufgenommen haben und in einer selbständigen Weise zu entwickeln suchen. Sie pflegen eine Art der Darstellung, die sich streng an das in der Natur Gegebene hält und es mit künstlerischen Mitteln wiederzugeben sucht. Es ist nicht mehr nur die flüchtige Impression, die sie mit wenigen Hauptzügcn zu treffen suchen; sie suchen die in einer Erscheinung ge- gebenen, rein künstlerischen Faktoren durchzubilden. An erster Stelle steht in ihrem Interesse die Farbe. In der Farbengebung streben sie aber nicht nur nach einer Keinen Nüancierung und suchen die Be- sondcrheit ihres Farbenempfindens zu einer persönlichen Note zu entwickeln; ihnen wird die Farbe zu einem Kunstmittel, das wie alle andern seine besonderen Gesetze der Komposition hat, deren Durch- führung allein schon ihrem Werke den Charakter eines in sich abgeschlossenen haruwnischen Ganzen verleiht. Aber auch m der Auffassung macht sich ein Streben nach Vertiefung und in der zeichne- rischen Behandlung nach einer strengeren Durchführung geltend; sie wollen nicht nur das Allgemeine eines Eindrucks festhalten, sondern auch die Grundzüge, das Charakteristische der Erscheinung im einzelnen herausarbeiten, daß die verschiedenen Faktoren zu einer einheitlichen Stimmung zusammenwirken. In der Technik im engsten Sinne, in der freien Art der Pinsclführung schließen sich diese Künstler ebenso>vie Liebermann, bei dem wir dies genauer betrachteten, auch den französischen Vorbildern an. Es macht Freude zu sehen, wie „gut gemalt" eine große Zahl dieser Bilder sind. An zwei Arten von Vorwürfen findet das Streben nach einer vollen Bildwirkung— den» darum handelt es sich herbei— besonders Gelegenheit, sich zu bethätigen, am Porträt und am Still- leben. Letzteres giebt den Malern natürlich in besonderem Maße den Anlaß, farbliche Reize zu entfalten; das stärkere Hervortreten dieser Kunstgattung ist an sich schon ein Hinweis auf die koloristssche Tendenz der Schule. Daß das Porträt mehr kultiviert wird, mag vielleicht auch ein Anzeichen dafür sein, daß die moderne Malerei auch bei dem Publikum, das Geld für Originalwerke ausgeben kann, mehr in Aufnahme kommt. Das Porträt ist die Form des Auf- trags, die dem heutigen Künstler am häufigsten zu teil wird, und wenn»nicht mehr nur die„Kitschmaler", sondern auch die Slcvogt und Breycr Porträtaufträge erhalten, so ist das gewiß ein Beweis, wie sehr ihre Malerei im Vordringen ist. Gerade im Porträt zeigt sich der Fortschritt von der bloß„hingehauenen" Bildnisstudic zu dem sorgsam durchgeführten Charakterbildc am deutlichsten. Auf diesem Wege gewinnt das Porträt auch an allgemeiner psgchologischer Bedeutung. Es ist bereits eine ganz stattliche Zahl von Malern, die durch diese innere Zusammengehörigkeit eine besondere Gruppe innerhalb der Secession bilden, und das stärkere Hervortreten dieser Tendenz bildet das erfreulichste Ergebnis der diesjährigen Ausstellung. M a x S l e v o g t tritt mit einem großen„Reiterbildnis" besonders hervor. Es wird fiappant lebendig, wie der mit lässiger Vornehmheit auf seinem prachtvollen Schimmel sitzende Offizier, der dicht vor dem Be- schauer am Abhänge eines Hügels hält, in den sich weit wölbenden Raum hineinragt, und es ist von einer hervorragenden Feinheit in der hellen grauen Farbcnreihc, die den Grundton abgiebt. Robert B r e y e r hat eine„Dame in Weiß" gemalt, bei der die Behandlung des zarten Weiß gegen den rötlichen und graubraunen Hintergrnnd einen sehr entwickelten Geschmack zeigt, während sein Porträt des Malers Klein sehr frisch in der Durchführung einer Harmonie in Braun und Grün wirkt; sehr fein sind zwei kleinere Stilllebe n in der Farbe wie in der charakteristischen Darstellung der einzelnen Motive. Unter den Arbeiten von Konrad v. Kardorff fällt besonders ein Herrenporträt auf, das in der Auffassung etwas wirk- lich Vornehmes hat. Auch Leo Frhr. v. König giebt in dem Bildnis einer Malerin ein Charakterbild in hellen Tönen, bei dem die Darstellung der ein wenig bizarren Erscheinung sehr gut durch- geführt ist. In demselben Sinne sind ferner zu erwähnen: Erich H a u ck e mit einem Schauspieler-Porträt, Joseph Block mit Porträtstudien in tiefen braunen Tönen, Joseph Oppen- h e i m e r, auf dessen Bild zweier Frauen nur ein weißer Ton zu kraß aus dem sonst sehr dunkel gehaltenen Grundton herausfällt. Von besonderer Schönheit der weichen Farbe sind die Stilllebcn von Ulrich H ü b n e r, darunter namentlich ein japanisches, während eine in Einzelheiten auch sehr reizvolle„Figur mit Interieur" als Ganzes ein wenig zu bunt wirkt. Ein dunkler gehaltenes Interieur von Ulrich Hübner erscheint dagegen nüchtern und eher gesucht in der gar zu deutlich betonten„Stimmung" einer Gelehrtenstube. Auch ein Interieur mit einem hübschen Durchblick von Hermann Bruck ist zu erwähnen. Elwas abseits steht der aus Dresden nach Berlin übergesiedelte Maler Paul Baum, ein feinsinniger Landschafter, der sich eine dem Pointillismus verwandte, aber weniger konsequente Technik zurechtgemacht hat, mit der er besonders in einer Frllhlingslandschaft eine sehr zarte Stimmung hervorzurufen weiß. PhilippFranck überrascht durch die zwar in den Farben harte, aber frische und ehr- liche Art, mit der er figurenreiche Gruppen im Freien darstellt. Namentlich eine große Gruppe von Kindern, die als Zuschauer im Cirkus einen Clown anstarren, hat er prächtig und mit einer erstaun- lichcn Fülle von gut beobachteten Zügen geschildert. Louis C o r i n t h giebt sich diesmal noch robuster als soisstf aber er zeigt in einer Studie der Schauspielerin Gertrud Eysoldt in Oskar WildeS „Salome", so abstoßend der Eindruck für manchen sein mag, seine große Begabung, die sich am besten dann bewährt, wenn er ein Motiv in einem ersten Wurf Heruntcrmalt.—-—hl- (Nachdruck verboten) frcundespfUcbt. Von Leon XanCof. I. Autorisierte llcbersetzung aus dem Französischen. Troudlair(geht in fieberhafter Aufregung im Zimmer umher):«Also Du hast gesehen, wie Edgard meine Frau kützte?" Lagaffe:«Jawohl.(Nachsichtig): Aber mach' Dir dar- über weiter keine Gedanken! Es war ja bloß auf die Wange!" Troudlair(heftig):«Auf die Wange oder wo anders— es ist eine Gemeinheit! Du hast mir mit dieser Nachricht einen kolossalen Dienst erwiesen! Wahrhaftig, einen kolossalen Dienst! Das werde ich Dir nie vergessen!" Lag äffe(bescheiden):»Mein Gott, nur meine Pflicht! Ich sehe, wie einer Deiner Freunde..." Troudlair(verzieht den Mund, als hätte er aus Ver- sehen einen Schluck Ricinusöl genommen):„Freund! Du entweihst dieses Wort, wenn Du es auf einen solchen Menschen anwendest! Du! Ja, Du bist ein Freund! Das beweist Dein Verhalten mir gegenüber!"(Er drückt iljm die Hände, wie in einem Schraubstock zusammen.) Lagaffe(gerührt):«Tanke! Ich sehe also Herrn Edgard d'Aincparty und Deine Frau in einer Intimität... o, eine ganz unschuldige Intimität, sicherlich!... welch« dock, aber leicht falsch aufgcfasst werden kann. Es ist also ganz selbstverständlich, daß ich Dich in Kenntnis setze, damit Tu Dich informieren kannst, was..." Troudlair(seine Promenade im Zimmer wieder auf- nehmend):„Na. ich will ihm meine Hand auf die Visage legen, diesem Edgard, daß keine Falte drin bleiben soll!" Lag äffe(aufspringend):«Was? Bist Du verrückt? Vielleicht ist an der ganzen Sache nichts... ein kleiner Flirt... eine Dummheit?... Ruhe, Troudlair! Du hast mir geschworen, ruhig zu bleiben! Hätte ich Dir doch lieber nichts gesagt I" Troudlair(seinen Ruck zuknöpfend und seinen Hut auf- setzend, wütend):„Ich bin ja ganz ruhig, zum Donnerwetter! Du wirst mal sehen, mit welcher Ruhe ich den Herrn ohrfeigen werde I Du wirst schon sehen... Denn Du kommst doch mit. nicht wahr?" Lagaffe(in höchstem Grade verwirrt):„Wie meinst Du? Ich... o... ich..." Troudlair(die Stim runzelnd):«Tu begreifst— wenn er leugnet, muht Du bezeugen..." Lag äffe(gefaßt):„Gewiß! Selbstverständlich! Ich stehe Dir durchaus zu Diensten.(Er zieht eilig seinen Paletot an.) Also gehen wir!(Beiseite): Mir scheint, das ist keine besondere Schlauheit von mir gewesen!" II. (Sie begeben sich zu Herrn Edgard d'Aincpartt), der bei der Meldung, Troudlair sei da, ihnen im Schlaftock entgegenstürzt, das Gesicht von einem Lächeln verklärt, wie es ein Zahnpulver-Fabrikant gut für sein Reklameplakat gebrauchen könnte):„Na, alter Freund, läßt Du Dich auch mal..." Troudlair(diesen Gefühlsausbruch kurz unterbrechend): «Erlauben Sie. mein Herr!(Feierlich): Sie sind der Geliebte meiner Frau!" Edgard(svielt den Entrüsteten mit der Routine eines alten Schauspielers):„Ich? Aber das ist ja eine ganz infame Ver- leumdungl Wer hat es gewagt..." Troudlair(auf Lagaffe weisend):«Dieser Herr!" Lagaffe(ärgerlich):«Aber erlaube mall Das habe ich -doch nicht...1 Ich habe bloß gesagt..." Troudlair(ohne auf ihn zu höre», zu Edgard):„Ich habe Sie als Freund, als Bruder bei mir empfangen. Sie haben mein Vertrauen gemißbraucht. Sie haben sich benommen wie ein... Ehrloser... ein Schuft!" Edgard(mit erhobener Stimme):„Mein Herr, ich gestatte niemand..." Troudlair(auf Lagasfe zeigend):«Fragen Sie diesen Herrn, ob ich recht habe?" La gaffe(verwirrt):„Sie werden doch nicht glauben... Aber. Troudlair..." Troudlair(pathetisch):«Ich erwarte Ihre Antwort, mein Herr!" Edgard(trocken):„Meine Antwort? An Ihrer ganzen Anklage ist auch nicht ein wahres Wort!" Troudlair(aufspringend):„Nicht ein wahres Wort? stAuf Lagaffe weisend): Sie wagen es. diesen Herrn ins Gesicht Lügen zu strafen?" L a g a f f e(ängstlich):„Tu hast die Frage nicht richtig gestellt. lieber..." Troudlair(ohne auf ihn zu hören):„Aber mein Freund wird das nicht auf sich sitzen lassen, mein Herr! Sie werden sich schlagen! Jawohl I Ich trete ihm meine Stelle ab. weil er ein alter Freund von mir ist!... Und er wird Sie aufspießen wie.. Edgard(fest):„Das werden wir sehen!" Lag äffe(erbittert zu Troudlair):«Zum Donnerwetter! � Willst Du mich endlich auch mal reden lassen!(Zu Edgard): Mein Herr, ist es wahr— meine Beobachtung beschränkt sich lediglich hierauf— daß Sie am 13. dieses Monats Madame Troudlair..» (mit Nachdruck) auf die Wange geküßt haben?" Edgard(nach kurzem Zögern):«Ja. mein Herr, es ist wahr... Und was weiter?" Lag äffe(befticdigt):«Was weiter? O. das geht mich nichts mehr an!" Edgard:«Diesen Kuß kann ich jederzeit vertreten. Er wurde in allen Ehren gegeben. Nicht für mich küßte ich Madame Troudlair.(Mit Bewegung): Es geschah für meine Mutter!" Troudlair(erstaunt):«Für Ihre Frau Mutter?" Edgard(weich):„Jawohl, für meine Mutter, welche mich gebeten hatte. Madame Troudlair diesen Beweis ihrer Zuneigung zu übermitteln..." Troudlair:„Aber... aber... Ihre Frau Mutter, kennt ja meine Frau nicht?" Edgard:„Persönlich nicht!(Mit Nachdruck): Aber das hindert doch nicht, daß sie eine warme Sympathie für Ihre Frau Gemahlin empfindet?(Weich): Ich habe- ihr stets mit solcher Be» geisterung die guten Eigenschaften von Madame Troudlair geschildert. ihre Tugend, ihre Ehrbarkeit..." Troudlair(erschüttert):«Ist das wahr?" Edgard(mit einem gehässigen Seitenblick auf Lagaffe): «Ob es wahr ist? Ich lasse keine Gelegenheit vorübergehen, ohne die Frm! meines besten Freundes zu loben, ihrem Charakter eine wohlverdiente Huldigung darzubringen— ganz im Gegensatz zu gewissen Leuten, welche nur danach trachten, mittels gehässiger Ver- leumdungen den Ruf einer anständigen, ehrbaren Frau zu er- schüttern." Lagaffc(gereizt):«Soll das auf mich gehen, mein Hcrr?'� Troudlair(zu Edgard, der antworten will):„Nein, nein. lassen Sie nur!(Etwas pikiert zu Lagasfe): Edgard hat recht. mein Lieber! Man beeilt sich nicht so, aus einer an und fiir sich harmlosen Sache gleich solch übertriebene Schlüsse zu ziehen... Du hast mir ja gar nicht schnell genug die ganze Geschichte hinter- bringen können... Zum Teufel, man überlegt's sich doch vorher. bevor man mit solch schwerwiegenden Beschuldigungen hervortritt!" Lagaffe:„Sich mal an! Das ist ja recht niedlich!" Troudlair(zu Edgard):„Ich hatte mir ja gleich gedacht, daß die Sache ganz harmlos sei...höchstens ein kleiner Flirt... Aber nicht wahr, wenn man einem die Dinge in solch eigentümlichem Licht darstellt..." L a g a f f e:„Aber... aber.,. willst Du vielleicht damit sagen...?" Troudlair(immer kälter werdend):«Ich sage nur, was wahr ist..Du siehst: meine Frau bekommt einen Kuß— bloß auf die Wange— und von wem? Von einer ehrenwerten älteren Dame..." Lagaffe:....1" Troudlair:„Gleich verdrehst Du die Thatsachen, machst mir den Kopf wann, bestehst darauf, mich hierher zu begleiten, um mich noch mehr in Harnisch zu bringen..." Lagaffe:„...!" Troudlair: Du versuchst, mich mit meinem besten Freund zu entzweien!(Drückt Edgard die Hände. X Wahrhaftig, ich frage mich, weshalb Tu das alles thusr?" L a g a f f e(kläglich):„Ich glaubte, meine Pflicht zu er- füllen." Edgard(lauernd):„Ter Heör ist vielleicht ein bißchen eifersüchtig..." Lag äffe:„Ich eifersüchtig?" Edgard:„Mein Gott, man schiebt leicht andren die Motivs unter, die man..." L a g a f f e(bestürzt):„Wollen Sie damit sagen, ich hätte jemals daran gedacht...?", Troudlair(finster):„Meiner Frau den Hof zu machen? Aber warum nicht?" Lagaffc(achselzuckend):„Noch schöner! Wie kannst Du auch nur einen Augenblick glauben, daß ich, Dein Freund..." Troudlair(vollständig eisig):„Erlauben Sie, mein Herr! Bevor Sie diesen heiligen Titel für sich in Anspruch nehmen, müssen Sie sich erst von dem berechtigten Verdacht reinigen, welchen Ihr Betragen wachruft..." L a g a f f e(erbittert):„Na. das ist wirklich großartig! Wenn die Sache so steht, bin ich hier wohl übcrflü..." Edgard(trocken):«Nicht, bevor Sie mir die Adressen von zwei Ihrer Freunde gegeben haben, mit denen man wegen Ihrer Beleidigungen..." Lagaffc:«Ich hätte Sie beleidigt? Ich?" Troudlair:«Jawohl. Siel Sie haben gesagt. Edgard hätte sich wie ein Ehrloser, wie ein Schuft benommen! Ich erinnere mich ganz genau!" Lagaffe(wütend):«Du bist verrückt! Kein Wort habe ich gesagt! Du bist selbst an allem schuld, zuerst mit Deinen tragischen Geberden und großen Worten, dann hier mit Deiner Borniertheit, auf die idiotenhafte Erklärung hereinzufallen, die Herr d'Aincparty abgegeben— mit seiner Mutter, die vielleicht niemals existiert hat!" Edgard:„Elender! Sic wagen es, meine Mutter zu be- schimpfen!" lOhrfeigt ihn.)! Lag äffe(erbittert):„Tanke für Fortsetzung, mein Herr! Wir werden uns schlagen!(Zu Troudlair): Und das verdanke ich — 844— Dirl«Iber ich freue mich trotzdem! Wenigstens wirst Du doch Deine Hörner..." sEdgard packt ihn am Kragen und wirft chn hmaus. Der Rest von Lagaffes Worten verhallt im Geräusch des Kampfes.) Troudlair(brüllend):„Was hat er gesagt? Was werde ich?"_.. E dga r d(die Thür schliehend):.Du wirst gerächt werden! Troudlair(tragisch):.Erlaube! Diese Sache darf ich feinem andren über..." Edgar d:.Sei doch still, lieber Freund! Du würdest auch verletzen, wenn..." Troudlair(bewegt):„Ach, Edgardl Wie konnte ich Dich nur einen Augenblick verkennen— Dich, der die Freundschaft so heilig hält!"—_ Kleines feuilleton. lk. Ein märkisches Waldtbal. Von Ebcrswalde. dem auf- blühenden Hauptorte des Kreises Oberbarnim, führen prächtige Wald- wcge am Bache entlang nach dem Dorfe Spechrhausen, wo eine Papierfabrik das kostbare Material für die deutschen Reichskassen- scheine herstellt. Räch dieser prosaischen Unterbrechung in der Natur kommt die Poesie aber sogleich wieder zu ihren: Recht, denn hinter dem Torfe biegt ein Fußweg in ein Waldthal ein. Wer es nicht kannte und ahnungslos aus der Ebene um Berlin hier einwandert. würde sich in ein kleines Gebirgsthal versetzt glauben. Es ist das Nonnenfließthal, und selbst die sogenannte märkische Schweiz hat kaum eine Landschaft aufzuweisen, die sich mit ihm vergleichen ließe: erst im entfernteren Odergcbiete findet sich Achnliches. Mächtige Buchen überragen das Unterholz und flankieren den Eingang des Thalcs, in dem sie auch weiterhin die Mehrzahl der Bäume bilden. In Windungen, wie man sie sonst nur in Gebirgsgegenden sieht, schlängelt sich das Nonnenfließ zwischen den Bäumen dahin. An Steinen, erratischen Blöcken, die zerstreut im Bache liegen, bricht sich sein klares Wasser, und wo die Sonne einen hellen Fleck auf den Spiegel lvirft und auf den weißen Sand darunter, können wir von Zeit zu Zeit bemerken, wie unser Näherkommen eine kleine Forelle aufscheucht, die blitzschnell wieder verschwindet. Wenn wir Glück haben, sehen wir selbst einmal Neunaugen auf dem klaren Grunde sich schlängeln. Am Bachufer huscht und wippt die Bachstelze hin und her, nicht nur die gewöhnliche Art, die jedes Kind kennt, sondern auch die in der Mark seltene schwefelgelbe Bachstelze. Allerlei Bach- insekten fallen diesen zicrlick>en Vögeln zum Opfer. Wo das Unter- holz buschiger zusammensteht, klettert und fliegt ein bräunliches Etwas mit auffallender Geschwindigkeit herum: ziemliche Wachsamkeit ist erforderlich, um zu erkennen, daß es Zaunkönige sind, die hier ihr munteres Spiel treiben und wie Mäuse durch enge Oeffnungen schlüpfen. Noch manche andern Vögel beleben das Gebüsch und die Acste der Bäume; wer die jeden: Vogel eigentümlichen Rufe kennt, merkt bald, wo der Zeisig, der Weidenlaubvogel. die Kohlmeise sitzt und das bunte Kleid des allbekannten Buchfinken zieht den Blick meist «her aus sich, als sein Ruf. Dazwischen erklingt bisweilen der mono- tone Rus des Kuckucks und das Hämmern des Schwarzspcchtes. Selten gelingt es. diese beiden Tiere zu Gesicht zu bekommen. Eher fliegt ein Grünspecht über den Weg, und noch häufiger sieht man die zier- lichc Spechtmeise, auch Kleiber genannt. Wie der Name jagt, ein Mittelding zwischen Specht und'Meise. Der Bau seiner Füße und seine Gewandtheit erlaubt dem fast mausartig gefärbten kleinen Vogel, nach allen Richtungen auf der Rinde der Bäume entlang zu laufen und in den Ritzen nach Getier z» suchen— Kopf unten oder oben, ist dem Kleiber gleich, er klebt anr Baume fest gleich einer Katze. Von den Hängen de? Waldthales herab winkt ein reiches Pflanzenlcben. Aber auch die Knospen der Bäume beleben sich. Schon strecken sich die Knospen der Buchen auseinander und schieben die zart gefalteten jungen Blätter hervor. Enger und enger werden die Maschen des Netzes, das den: Sonnenlicht noch den Durchgang gestattet. Jeder Tag vergrößert die jchattcnspcndende Fläche und verengert das Sieb. Der wunderbare Scharten des Waldes entwickelt sich— dem Wanderer ein Wohlgefallen.— Theater. Schiller-Theater..Die Hexe". Trauerspiel in 5. Aufzügen von A r t u r Fitger.— Fitgers Drama verdient die Auf- nähme in da» Rcpettoir des Schiller-Theaters In seinen Vorzügen und Schwächen ein Werk jugendlich gestimmten Idealismus vermag es. sollte man meinen, auch heute noch ebenso wie vor zweieinhalb Jahrzehnten, als es über die deutschen Bühnen ging, auf junge, von dem ersten Pathos der Frcigcisterei erfüllte Gemüter mächtig zu wirken. Wenn Lubbo, der fanatische, luthcranische Kriegs- knccht und Xaver, der weiterschauende Jcsuitenseichling. die grinnnen Feinde, sich die Hand zun: Bunde reichen, vereint durch den glühenden Haß gegen Thalea. den neuen Geist.der da nicht ist lntherisch. noch katholisch, noch calvinistisch, senden: pantheistisch und atheistisch," und niederkniend ihren Gott um Hilfe in dem Kampfe anflehen,— wenn Thalea die Bibel, die ihr gereicht wird, um sich durch einen Schwur auf Gottes Wort von dem Verdacht der Hexenschaft zu lösen, mit wildaufbäumendem Trotz zerreißt, indent sie den Blitz des christ- lichen Gottes höhnend auf ihr Haupt herabrust, und dann der Chor der entsetzten Menge, der Katholiken und Lutheraner:„Wir glauben all an einen Gott.. brausend zum Himmel steigt, so sind das Bilder von einer leidenschaftlichen Bewegtheit, einer Schärfe der Konttastternng. einer Durchsichtigkeit des Gedankengehalts, daß sie gleich einfachen Symbolen der Phantasie und dem Gedächtnisse sich einprägen. Frei- lich modernem Bllhnengcschmack sagt der Sttel dieser Theaterkunst nicht zu. Der Materialismus hat die Ansprüche an die Charak- teristik, die Jndividualisiernng des Dialogs, die Motivierung der Handlung außerordentlich gesteigert� man empfindet ein Mißtrauen gegen alles effektvoll Grelle und derb unterstrichene Kontraste, man liebt das leise Abgetö:tte, das Verhüllte, indem die Spuren arrangierender Absicht möglichst verwischt sind. So bedarf es eines ge- wissen Entschlusses, einer Umschaltung der Stimmungen, um willig auf die Art von Fitgers Drama einzugehen. Aber es lohnt sich. Man wird dann auch über den kraftvoll pathetiscken Ausdruck freigeistiger Tendenz, das. was des Stückes eigentliche Bedeutung ausmacht, hinaus, auch mancherlei arttsttsche, nur eben einer andern Stilart angehörende Reize entdecken. Es ist ein eigenartiger Sinn für Bildlichkeit und Architektonik in der Gliederung der Scenen und dem anschaulich klaren Aufbau des Ganzen. Die Aufführung war in den kleineren Rollen sehr gelungen. Der §anattsmus Lnbbos fand durch Franz R o l a n, der Fanatismus des esniten durch Max Montor eine lebendig eindrucksvolle Dar- stellnng. Schlicht, wie die Figur von dem Dichter gedacht war, sprach P a t e g g den jüdischen Gelehrten, der Thalea in die geheimen Wissen- schasten eingeführt hat. MarianneWulf war eine liebenswürdig- herzliche Almuth, Päschke ein ritterlicher Edgard. Nur eben Thalea hätle man anders gewünscht. Gertrud Arnold spielte klug und takt- voll, aber die Wärme, das Ueberzeugende, Fortteißende fehlte ihr, das, was den Glauben an die überragende Grüße erwecken kann. Ein verständig-kalter Untcrton drang öfters störend durch, und in dem Pathos der großen Bibelscene war etwa? gepeitscht Gewalt- sames. ES ist eine Rolle, die außerordentliche Aufgaben stellt.— dt. Humoristisches. — Indirekte Kur. Arzt:... Na, Sie sind ja. scheint's, wieder ganz wohl!?. Haben Sie meine Pillen alle Tage genommen?" Bauer:.Ja. a'nommen Hab' i' s' schon— aber wissen S', Herr Doktor, dös war a so: Mei' schwarze Henn' is ma über d' Schachtel 'komma und hat die Pill'n g'fressen! Nacha Hab' i' d' He:m' g'schlacht' und'gessen— und so bin i' wieder g'sund'wor'nl"— — Zwei II e b e r m e n s ch e n. Sie:„Begegnen wir uns auch mal wieder in diesem Jammerthal, Herr Doftor!?. Sie sehen ja scheußlich gesund aus I Er:„Leider!!.. Dafür sehen Sie aber wahrhaft i n t e r- e s s an t elend aus!"— — Aus dem Tagebuch eines Backfisches. Soeben vom Herrn Assessor einen Kuß, von Mama zwei Ohrfeigen, und von Onkel Fritz drei Mark bekommen.—(„Fliegende Blätter") Notizen. — Eine Hebbel-Stiftung, deren Zinsen schleSwig- holsteinischen Dichtern und Künstlern zu Gute kommen sollen, be- steht seit einiger Zeit. Die Stiftung verdantt ihre Entstehung der Witwe Hebbels. Die Unterstützungen sollen jedoch erst beginnen, wenn das Kapital 30 000 M. beträgt. Der dieser Tage in Itzehoe abgehaltene plattdeutsche Provinzial-Verband will die Stadt Kiel und den schleswig-holsteinischen Provinziallandtag um Beihilfe zur Vergrößerung des Stiftungsvermögens ersuchen.— — Von Hern: un n Heyern: ans erscheint demnächst ein neues Drama„Ghetto". Die deutsche Ueberttagung stammt von Franciska de Graaff.— — Paul Lindau hat an: 30. April die Direktion des Berliner Theaters niedergelegt. Bis zum l. August 1905 werden Alfred Halm und Graul diese Bühne leiten. Von den Novitäten, die die neue Direktion in der nächsten Saison bringen wird, seien genannt: Strindberg:„Gustav Adolf" und„Erich XIV."; B j ö r n s o n: „Geographie und Liebe": Arne Garborg:„Paulus"; Ludwig Huna:„Erstarrte Menschen"; E::: i l R o s e n o w:„Kater Lampe"; Bernhard Shaw:„Ein Teufelskerl": Adolf Vogler:„Die Sturmglocke"; Joseph Laufs:„Der Gottesttopf".— — Klara Meyer hat sich dem Deutschen Theater (Direktton Lindau) auf zwei Jahre verpflichtet; sie bezieht eine Jahresgage von 15 000 M.— — Die Aufführung von Hcyses„Maria von Magdala" ist den: Deutschen Volks-Theater in Wien gestattet worden. Die Direktton hatte in den: der Censur vorgelegten Texte alle bedenkliche» Stellen gesttichen.— — Daö fünfaktige Tanzposm„Der faule Hans" von Oskar Nebdal geht nächste Woche erstmalig in der Wiener H o f o p e r in Scene; die Ausstattung kostet 150 000 Kronen.— — Eine wellen telegraphische Station(System Braun und Siemens u. Halske) wird von k. Kanalamt in Kiel für den Nordostsee-Kanal eingerichtet. Die Station soll den wellentelegraphischcn Verkehr zwilchen Kuxhave», Brunsbüttel und dem Feuerschiff.Elbe I" vermitteln.— Veranlworlücher ReSatteur: Earl Lei» in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und VerlagSanjtal» Paul Sing.'r et tto., Berlin SV.