Mnterhaltungsblall des"Vorwärts Nr. 83. Mittwoch, den 6. Mcü. 1903 50] Das Geld (Nachdruck verboten.) Noman von Emile Zola. Fron Möchain war schon anwesend und saß auf dem ein- zigen Stuhle. Sie hatte soeben mit Busch in der Nachbarschaft einen wichtigen Besuch abgestattet, dessen volles Gelingen beide entzückte. Nach verzweifeltem Warten war endlich eines der Geschäfte, die ihnen ani meisten am Herzen lagen, glücklich in Gang gebracht. Drei Jahre lang hatte die Mschain das Pariser Pflaster abgesucht, uin Läonie Cron wiederzufinden, jenes verführte Mädchen, welchem Graf Beauvilliers einen Schuldschein über zehntausend Franken eingehändigt hatte, die am Tage ihrer Volljährigkeit zu zahlen wären. Vergeblich hatte sie sich an ihren Vetter Fayeux, den Inhaber eines Renten- geschäfts in Vendvme gewendet,, der unter einem Haufen alter Ausstände aus dem Nachlaß des Kornhändlers und gelegent- lichen Wucherers Eharpier diesen Schein für Busch gekauft hatte. Fayeur wußte nichts. Er schrieb bloß, daß Leonie Eroii in Paris bei einem Gerichtsvollzieher in Dienst stehen mußte: seit mehr als zehn Jahren haben sie Vendüme ver- lassen und sich nie mehr dort sehen lassen; auch habe er keine Verwandten von ihr fragen können, da alle tot wären. Die M6chain hatte zwar den Gerichtsvollzieher ausfindig gemacht, es war ihr sogar gelungen, von da aus der Spur Lsonies bei einem Metzger, bei einer galanten Dame, bei einem Zahn- arzt zu folgen; vom Zahnarzt an brach aber der Faden Plötz- lich ab, die Fährte war unterbrochen und das Mädchen im Kot der Großstadt Paris verloren, wie eine Nadel in einem Heu- biindel. Ohne Erfolg hatte sie die Stellenvermittelungs- Bureaus abgesucht, die verdächtigen Logierhäuser durchforscht, stets auf der Lauer, stets sich umschauend und fragend, so oft der Name Leonie ihr Ohr traf. Dieses Mädchen nun, welches sie in der Ferne gesucht hatte, war an eben diesem Tage durch einen Zufall von ihr ausfindig gemacht worden, und zwar in einem öffentlichen Hause der Nue Feydeau. Ohne Säumen hatte die M6chain Busch benachrichtigt, und dieser hatte sich sofort mit ihr in das betreffende Haus zurückbegeben, um Unterhandlungen anzu- knüpfen. Für die Abtretung ihrer Ansprüche auf den Schuld- schein bot er tausend Frank: in ihrer Beschränktheit willigte sie mit kindischer Freude in den Handel. Endlich konnte man nun die Gräfin Beauvilliers in die Enge treiben. „Ich erwarte Sie. Herr Saccard, wir haben mit ein- ander zu reden... Sie haben meinen Brief erhalten, nicht wahr?" In dem engen, mit Akten vollgestopften Zimmer, dessen Dunkel eine magere Lampe mit ihrem trüben Schein erhellte, saß die Müchain unbeweglich und stumm auf dem einzigen Stuhle. Saccard stand aufrecht und da er den Schein meiden wollte, als sei er auf eine Drohung hin gekommen, nahm er gleich mit harter und verächtlicher Stimme die Angelegenheit Jordan in Angriff. „Verzeihen Sie, ich bin gekommen, um die Schuld eines meiner Redaktcure in Ordnung zu bringen... Der kleine Jordan, ein ganz reizender Mensch, wird von Ihnen mit schwerstem Geschütz und mit einer wahrhaft empörenden Grau- samkeit verfolgt... Heute morgen erst haben Sie sich, scheint es, so gegen seine Frau benommen, daß ein anständiger Mensch darüber erröten müßte..." Verblüfft über diesen unerwarteten Angriff des Feindes, während er sich zur Offensive anschickte, verlor Busch die Fassung. Er vergaß die andre Geschichte und regte sich an dieser letzteren auf. „Jordan? So, wegen Jordans kommen Sie...? Ich kenne keine Frau, ich kenne keinen anständigen Menschen im Geschäftslcbcn; wenn man Geld schuldig ist, zahlt man, sonst kenne ich nichts... Ein Gesindel, das seit Jahren mich hin- hält und aus dem ich mir mit tenfelmäßiger Mühe Sou für Sou vierhundert Frank herausgepreßt habe... Kreuzdonner- weiter, ja! Ich ivill sie pfänden lassen, morgen früh lasse ich sie auf die Straße schmeißen, wenn ich nicht heute abend hier auf meinem Schreibtische die dreihundertdreißig Frank fünf- zehn Centimes habe, die sie mir noch schuldem" Mit schlauer Taktik und um den Mann außer sich zu bringen, warf Saccard ein, er sei bereits vierzigfach bezahlt, da die Forderung ihn sicherlich keine zehn Frank gekostet hätte. In der That erstickte Busch beinahe vor Zorn. „Da hätten wir's! Sonst wißt Ihr alle nichts zu sagen... Es sind auch Kosten dabei, nicht wahr? bei dieser Schuld von dreihundert Frank, die auf über siebenhundert angewachsen ist... Geht aber das mich an? Man zahlt mich nicht, ich klage die Leute ein. Um so schlimmer, wenn das Gericht teuer ist, das ist nicht meine Schuld... Wenn ich also eine Forderung für zehn Frank � gekauft habe, sollte ich mir wohl die zehn Frank vergüten lassen und damit fertig? Und nun mein Risiko, meine vergeblichen Gänge, meine geistige Arbeit? Gerade wegen dieses Geschäfts Jordan können Sie'mal die Frau hier fragen, die dasitzt, sie hat sich damit befaßt. O, wie viel Schritte und Gänge! Wie viele Stiefeln hat sie auf den Treppen aller Zeitungsbureaus abgelaufen, aus denen man sie wie ein Bcttelweib hinauswarf, ohne ihr jemals die verlangte Adresse zu geben. Gerade dieses Geschäft haben wir monatelang gehegt und gepflegt, wir haben davon geträumt, wir haben daran gearbeitet, wie an einem Kunstwerk, es kostet mich eine unsinnige Summe, wenn ich nur die Stunde zu zehn Sous rechne." Er ereiferte sich und zeigte mit weit ausholender Geberde auf die das Zimmer füllenden Aktenbündel. „Hier habe ich für über zwanzig Millionen Außenstände aus allen Zeiten, aus allen Gesellschaftsschichten, ganz kleine und riesengroße... Wollen Sie alles für eine Million? Ich gebe Sie Ihnen... Wenn man bedenkt, daß ich einzelnen Schuldnern seit einem Vierteljahrhundert nachspüre! Um ein paar lumpige Frank, mitunter sogar weniger aus ihnen zu ziehen, gedulde ich mich jahrelang und warte, bis sie Erfolg haben, öder bis sie erben... Die andren, die Unbekannten, die zahlreichsten, schlummern dort in jener Ecke; schauen Sie auf diesen ungeheuren Haufen. Das ist das Nichts, oder viel- mehr die rohe Materie, aus der ich Leben schaffen muß, nämlich meinen Lebensunterhalt, und Gott weiß, nach welchen viel- fältigen Nachforschungen und Verdrießlichkeiten!... Und Sie verlangen, ich soll, wenn ich endlich einen Zahlungs- fähigen gepackt habe, ihm nicht zur Ader lassen? Nein, nein, Sie würden mich für gar zu dnmin halten! So dumm wären Sie auch nicht." Ohne sich länger in Erörterungen einzulassen, zog Saccard seine Brieftasche heraus. „Ich will Ihnen zweihundert Frank geben, und Sie werden mir die Akten Jordan mit einer Generalquittung ein- händigen." Busch fuhr in höchster Erbitterung empor: „Zweihundert Frank, im ganzen Leben nicht!... Es macht dreihundertunddreißig Frank fünfzehn Centimes. Ich verlange sogar die Centimes!" Mit gleichmäßiger Stimme und der ruhigen Zuversicht des Mannes, welcher die Macht des vor Augen gehaltenen und auf den Tisch gelegten Geldes kennt, wiederholte Saccard zweimal, dreimal: „Ich will Ihnen zweihundert Frank geben." Im Innern überzeugt, daß es vernünftig sei, sich ab- finden zu lassen, willigte der Jude schließlich mit einem Wut- schrei und mit thränenden Augen ein. „Ich bin gar zu schwach! Welch ekelhaftes Handwerk!... Mein Ehrenwort, man beraubt mich, man bestiehlt mich... Nur zu! Wenn Sie doch einmal da sind, thun Sie sich keinen Zwang an, nehmen Sie noch andre, ja suchen Sie aus dem Haufen für Ihre zweihundert Frank heraus, was Ihnen gefällt!" Als Busch hierauf eine Quittung unterzeichnet und einige Worte an den Gerichtsvollzieher geschrieben hatte,— denn die Akten waren nicht mehr bei ihm— atmete er einen Augen- blick vor seinem Schreibtisch auf. Er war so heftig erschüttert, daß er Saccard fortgelassen hätte, wenn nicht die Mscharn, welche regungslos und stumm dasaß, ihn an sein Vorhaben erinnert hätte: „Und die Sache?" Da fiel ihm plötzlich die Geschichte wieder em; zetzt wollte er seine Rache nehmen. Aber alles, was er vorbereitet hatte. seine Erzählung, seine Fragen, das geschickte Fortschreiten der Unterredung, alles war mit einem Schlage von seiner Hast weggeweht, rasch auf das Thema zu kommen. „Die Sache, ja so!... Ich habe Ihnen geschrieben, Herr Saccard. Jetzt haben wir eine alte Rechnung miteinander abzumachen.. Er hatte die Hand ausgestreckt, um die Akten Sicardot zu nehmen, die er offen auf den Tisch legte. »Im Jahre 1852 sind Sie in einem Hotel garni der Rue de la Harpe abgestiegen und haben dort zwölf Wechsel zu fünfzig Frank für ein Fräulein Octavia Chavaille unter- schrieben, die Sie als sechzehnjähriges Mädchen eines Abends auf der Treppe vergewaltigt haben... Diese Wechsel, hier liegen sie. Sie haben keinen einzigen bezahlt und sind ohne Hinterlassung einer Adresse verschwunden, ehe der erste fällig war. Das schlimmste ist, daß Sie mit dem falschen Namen Sicardot unterzeichnet haben, dem Namen Ihrer ersten Frau..." Sehr blaß hörte Saccard zu und blickte vor sich hin. Inmitten einer unsäglichen Bestürzung erhob sich die ganze Vergangenheit vor seinen Augen: er hatte das Gefühl des Zusammensturzes und Zusammenbruchs einer riefen- großen, wirren Masse, die ihn unter ihren Trümmern begrub. In der Angst des ersten Augenblicks verlor er den Kopf und stammelte: „Woher wissen Sie das?... Wie kommen Sie dazu?" Dann beeilte er sich, mit bebenden Händen von neuem die Brieftasche hervorzuziehen, vom einzigen Gedanken be- seelt, zu zahlen und diese ärgerlichen Akten wieder zu er- langen. „Es sind keine Kosten aufgelaufen, nicht wahr?... Es macht sechshundert Frank... Es wäre zwar vielerlei zu sagen, aber ich will lieber ohne Erörterungen zahlen." Und er reichte ihm die sechs Banknoten hin. „Sogleich!" rief Busch, der das Geld zurückwies.„Ich bin noch nicht fertig... Die Frau, die Sie hier sehen, ist Octavias Base. Diese Papiere gehören ihr, in ihrem Namen betreibe ich die Sache... Die anne Octavia ist infolge Ihrer Gewaltthat ein Krüppel geblieben. Sie hat vielfach Unglück gehabt nnd ist in schrecklichem Elend bei Frau M6chain ge- starben, welche das Mädchen zu sich genommen hatte... Wenn Frau Mschain wollte, könnte sie Ihnen Dinge erzählen..." „Schreckliche Dinge!" bestätigte mit ihrem dünnen Stimmchen die Mächain, die jetzt ihr Schweigen aufgab. Verstört schaute sich Saccard nach ihr um: er hatte dieses Weib vergessen, das einem halb geleerten Schlauch gleich auf dem Stuhle zusammengekauert saß. Sie hatte ohnehin durch ihren verdächtigen Raubhandel mit entwerteten Papieren ihm stets Unruhe eingeflößt, und jetzt fand er sie wiederum bei dieser unangenehmen Geschichte beteiligt. „Freilich, es thut mir recht leid." murmelte er,„aber wenn sie tot ist, die Unglückliche, so sehe ich in Wahrheit nicht ein... Immerhin, hier sind die sechshundert Frank!" Zum zweitenmal wies Busch die Summe zurück. „Verzeihung! Sie wissen noch nicht alles... Sie hat nämlich ein Kind bekommen, ja ein Kind, das jetzt im vier- zehnten Jahre steht und Ihnen dermaßen ähnlich ist, daß Sie es nicht verleugnen können." (Fortsetzung folgt.) Sine IVlaifeier in den Oelbainen des Sabdinerberglandes. Einen grauen Tag hat uns der erste Mai gebracht. Nur leiten stiehlt sich ein blanker Strahl der Frühlingssonne durch das schchcre Gewölk, das über der römischen Campagna lastet, die sich zu unsren Füßen wie ein ruhiges, riesiges, graugrünes Meer ausdehnt. Rom, dessen Häuser im hellen Weiß mit blitzenden Fenstern zu den tibur- tinischen Höhen mit ihren Olivenwäldern heraufzuleuchten pflegen, ist, verschwommen in grauem Dunst, kaum erkennbar. Nur die Peterskuppel, dieses Wahrzeichen päpstlicher Größe und pävstlichcr Zähigkeit, zeichnet sich von der Sehgrenze scharf ab, wie ein Felsenriff, das die letzte Kunde einer versunkenen Insel bedeutet. Ei» lauer Wind, der stoßweise wie eine warme Welle durch die Olivettis streicht, trägt den unerträglichen Geruch der Schwefelseen Bagnis, dieses luxuriösen Badeortes der römischen Campagna, herauf zu den Vorhöhcn des Sabinergebirges, über welche der Anio, überragt von dem malerischen Städtchen Tivoli, schäumend, in ge- waltigen Fällen herabstürzt, um einer Reihe von industriellen Be- trieben seine Kraft zu schenken, mit seinem Wasser gewaltigen Tur- binen Leben zu geben und Tivoli immer mehr und mehr in eine Stadt des Unternehmertums, in eine Feste des Kapitalismus zu ver- wandeln. Aber mit der Mehrung der Fabriken, mit dem Wachsen der Papierindustrie, der elektrischen Anlagen, der Teigwaren- fabrikationcn, der Kunstmühlen, mit der Mehrung aller Maschinen, welche von der natürlichen Kraft getrieben und von billigen Lohn- sklaven bedient— die Kinderarbeit ist in vielen Tivoleser Fabriken nichts Seltenes— dem modernen Tibur einen Millionenabsatz ver- mittel», dessen Früchte sich ein steigender Großkapitalismus erfreut. mit der immer habgierigeren Ausbeutung der weltberühmten Tivo- leser Wasserfälle, hat sich naturgemäß eine steigende Mehrung des Klassenbewußtseins des Proletariats ergeben. Der Socialismus hat in dem Untcrnchmerstädtchen starke Wurzeln geschlagen, sein Stanim wird immer stärker, seine Krone immer mächtiger. Der erste Mai sollte nun ein schönes Bild von der Organisation der Tivolcser Arbeiterschaft geben. Trotz des trüben Tages, trotz des erschlaffenden Sciroccos, der nicht nur den Fremden, sondern auch den Einheimischen die Glieder ermüdet, die Energie raubt, trotz des drohenden Regens, der hierzulande meist wolkcnbruchartig nieder- geht, herrschte auf der Straße, die von Porta Santa Croce durch selten schöne Olivenhaine leitet, reges Leben. An der Villenkolonie der Stadt vorbei, vorbei an dem herrlichen, palmenbestandenen Garten der Villa Braschi, vorbei an dem weit das Land beherrschenden Kloster der irischen Mönche, zogen Gruppen von Männern und Jung- lingen in feiertäglichem Gewände, um draußen zwischen den knor- rigen, phantastischen Olivenbäumen unter freiem Himmel den Worten eines ihrer Genossen zu lauschen, um in ernster Weise den Feiertag des arbeitenden Volkes einzuleiten. Vielleicht einige zwanzig Minuten außerhalb der Stadtmauer, mitten in freier Natur breitet sich der Weg, der den Hang entlang führt und zu welchem durch leise rauschende Oliven die Campagna, die menschlicher Fleiß immer mehr und mehr zu fruchtbarem Lande verwandelt, in weichem Grün heraufschimmert. An der Bergseite öffnet sich eine Höhle mit Brombeergestrüpp und wilden, ver- krüppelten Feigenbäumen umwachsen. Der Ueberrest einer längst zerfallenen antiken Villa. An manchen Stellen der Wölbung ver- künden noch Fragmente des netzartigen Mauerwerks, daß römische Sklaven und nicht die Natur das höhjenartige Gewölbe schufen. In dem Halbdunkel, in dem sonst grünschillcrnde Pcrleneidechsen ihre Zuflucht suchen, wenn der sichere Schritt eines unmäßig bcladenen Maultieres sie von der sonnigen Straße scheucht, herrscht heute fremdes Leben. Ungefähr sechs Karabinicri haben es sich hier be- quem gemacht. Die roten Streifen ihrer napoleonischcn Uniform, das weihe Lederzcug ihrer Ausrüstung und die blinkenden Läufe ihrer kurzen Gewehre stechen scharf aus dem Schatten. Also auch hierzulande keine socialistische Versammlung ohne die Diener der Staatsgewalt. An der Höhle vorbei gelangen wir nach einigen Schritten zum Versammlungsort. Ein halbzerfallenes Halbrondel in Barockstil, gekrönt von einem der vatikanischen Wappen und einer Marmortafel, auf welcher die Zeit die eingegrabene lateinische In- schrift zur Unleserlichkeit verwischte, öffnet sich vor uns. Der so ge- bijdete Platz mag einst zu einer Kehre für herrschaftliche Wagen ge- dient haben. Vielleicht ivar es auch eine Auswcichestelle für die ziemlich schmale Straße. Buntes Leben herrscht heute an dem Orte, der sonst durch seine Stille und seine Romantik dem Wanderer seine Schritte hemmt. Das Mauerwerk, das, in den Berghang eingelassen. die Ausbuchtung der Straße bewirkt, ist dicht mit Menschen besetzt, wie die Sitzreihe einer Arena. Auf dem Platze selbst steht Mann an Mann. Ein paar Frauen in farbigen Blusen, sowie hier und dort verteilte Karabinicri bringen bunte Farben in die Menge. Fabrikarbeiter in städtischer Kleidung wechseln mit Campagna-Feld- arbeitcrn, deren magere, sehnige Körper in verschossenen, grün- schimmernden Jägeranzügen stecken. Auch das Kostüm der Hirten mit den Schutzhosen aus Lamm- oder Ziegenfcllen fehlt nicht. Da- zwischen einige junge Leute mit großen, brennroten Tellermützen. Im allgemeinen ist nur wenig rote Farbe zu sehen. Auch keine rote Fahne schmückt die graue verwitterte Stukkatur des Rondels, über die sich ein grauer Himmel breitet und die ein graugrüner Oliven- Hain umschließt. Und trotz dieser Sinfonie einer traurig stimmenden Farbe Festesfreude auf allen Gesichtern, Begeisterung in allen Augen. Man lacht und scherzt, man plaudert und begrüßt sich, bis der Redner. der Direttore des„Avanti" aus Rom, Susi, seine Rede beginnt. Als Tribüne dient ihm eine halbverwitterte Steinbank unter dem päpst- lichen Wappen an der Wand. Je länger er spricht, desto mehr drängt sich die Menge unwillkürlich an ihn heran. Reben ihm steht als Ver- treter des Staates nur der Delegat» der Stadt der in seiner bürger- lichen Gewandung jedoch nicht den Eindruck einer Polizeiperson macht. Der Lieutenant der Karabinicri steht mitten in der Menge. Auch seine Leute. Mit dem Beginn der Versammlung verliert die form- lose, unaufdringliche Beteiligung der Polizei den formellen, bei uns so manchmal recht aufdringlichen Beigeschmack. Susi spricht in klarer, überaus logischer Weise. Er spricht mit innerer Begeisterung, ohne über sich die Gewalt zu verlieren. Seine Stimme bis zu den letzten Reihen deutlich, ohne schreiendes Pathos aufzuwenden. Häufiges Händeklatschen, laute Rufe:„Benel" „Bene!" unterbrechen seine Ausführungen über die Bedeutung des ersten Mai, über den Achtstundentag, über den Militarismus, über den Kosmopolitismus der socialistischen Parteien aller Länder, über ihre Einigkeit im Kampfe gegen die Reaklion. Er endigt, nachdem er hervorgehoben, daß der heutige Tag von der deutschen, französischen, englischen, ja in den letzten Jahren auch von der japanischen ebenso wie von der italienischen Arbeiterschaft gefeiert wird, mit einem Eviva auf das Proletariat. Seine Rede wird mit lautem Beifall gelohnt. Die Feier, wenngleich anspruchslos und einfach, hat großen Eindruck gemacht. In langem Zuge streben etwa sechs- bis sieben- hundert Personen der Stadt zu. Man sieht viele ernste Gesichter. Noch klingen des Redners Worte lebendig in allen wieder. Man ist sich bewußt, daß es zu kämpfen gilt, um auf den errungenen Er- folgen weiter bauend einen großen Sieg zu erringen. Mancher fühlt, daß sein Leben ihm den vollen Sieg zu erwarten versagen wird, daß er sich begnügen muß, zu den Vorkämpfern zu gehören. In dem Zuge sieht man viel Ernst in den Zügen derer, die das Leben nicht zu weich gebettet hat, aber keine Mutlosigkeit, keine Erschlaffung. Weiter streben, weiter ringen, das ist der Grundgedanke, der die heimziehenden Arbeiter beseelt, der Grundgedanke, der ihnen zwischen den hundertjährigen Oliven der tiburtinischen Flur heute von neuem zum vollsten Bewußtsein gekommen ist.— Tivoli, den 1. Mai 1903. W. S. (Nachdruck verboten.) J�cucs aus dem Reiche der Gartenblumen. (Schluß.) Auch in der Züchtung dankbarer, schön- und reichblühendcr Gartenpflanzen sind unsre Züchter in neuester Zeit außerordentlich erfolgreich gewesen. Besondere Aufmerksamkeit hat man einem unsrer interessantesten und frühblühendsten Gartensträucher geschenkt, der gleichfalls japanischen Quitte, Cxäoniv japonica. Sie ist schon in der Stammart nflht nur eine schöne, sondern auch eine außerordent- lich nützliche Pflanze, da alle unsre Gartcnbirnen, soweit sie zur Formobst-Kultur dienen oder nur einen mäßigen Umfang erreichen sollen, auf diese Quitte veredelt werden. Sie hat herrliche rot- gefärbte Blüten, die am alten Holz vor und mit dem Erscheinen der jungen Blätter zur Entfaltung gelangen, aber(im Gegensatz zu den als Nutzgewächse im Obstgarten angepflanzten Apfelquitten) der- hältnismäßig kleine kugelige grüne Früchte. Diese Früchte duften sehr angenehm und die Hansftauen lieben es, die eine oder andre derselben den Winter über in die Wäsche zu legen, welcher diese unscheinbare Frucht ihren angenehmen Geruch mitteilt. Durch Kreuzung dieser japanischen Quitte mit andren sind herrliche Bastarde gezüchtet worden, deren Blüten vom reinen Weiß bis zum tiefttcu Rot in allen Abstufungen variieren. Der herrliche und reiche Flor, den die Ouitten-Varietäten entfalten, ist von besonderem Werte durch die außerordentlich ftühe Blütezeit. Man kann den Flor nock wesentlich beschleunigen, wenn man im Februar-März einige mit Blütenknospen besetzte Zweige schneidet und in kühler Stribe in ein mit Wasser gefülltes Gefäß stellt, worauf man sich schon nach wenigen Tagen an den prächtigen Blumen zu erfreuen vermag. Von sonstigen neuen Gartenblüten sei zunächst die Mar guer ite S a h a r e t genannt, der nian, um ihre Schönheit und Grazie anzudeuten, den Namen der infolge ihrer Gelenkigkeit so gefeierten Tänzerin bei- legte. Die Margueritcn sind, wie bekannt, unermüdliche Blüher mit weißen und gelben Blüten. Sie lassen sich leicht als Winterblüher erziehen und entwickelit sich im Sominer, zum Gartcnschmuck an- gepflanzt, zu wahren Paradcbüschen, deren fein zerteiltes Laubwerk Tausende von Blumen decken. Besonders üppig ist der Bluineizreichtum bei dieser„Saharet", die ihre Blüten graziös auf leichten Stielen trägt. Hübsche Gegenstücke zu dieser stattlichen, Swäucher bildenden Blüherin sind zwei ganz eigenartige neue Astern, die Waldcrsce- und die Apollo-Aster, erstere rosa, letztere blau blühend. Sie bilden ganz geschlossene, keaelfönnige Büsche, von denen jeder gleichzeiiig zwcihundertundfünfzig und mehr entfaltete Blüten trägt, die zwar nur klein sind, aber durch ihre Masse wirken. Diese Astern eignen sich besonders zur Randbepflanzung von Rabatten und zur Herstellung teppichartiger Blütenbeete.. Auch die großblumigen englischen Pelargonien haben wesentliche Verbesserung erfahren. Während man früher nur hoch- wachsende einfachblüheude Sorten kannte, verdanken wir jetzt deutschem Züchterfleiß gedrungen wachsende, znr Bepflanzung von Blütenbeeten geeignete, den ganzen Sommer über rcmontierende Sorten, die sich auch gegen ungünsttge Witterungsverhältnisse ziemlich hart erweisen. Die neuesten Sorten sind die zartrosa blühende Ballkönigin und eine ungeheuer reich blühende Sorte, die zu Ehren . eines Aussichtsrats der Frankfurter Palmengarten-Gesellschaft den Namen Konsul Lautem trägt. Auch die so sehr beliebten gelb- blättrigen Blüteupflanzen haben im Goldmohn eine wertvolle Be- rcicherung erfahren; es ist ein gedrungen wachsender Mohn mit lebhaft gelb gefärbter Belaubung, dessen gefüllte Blüten alle Ab- stuftlngen der roten Farbe zeigen vom zartesten Rosa bis zum dunkelsten Scharlach und Karmoifin. Ja sogar fast schwarze Blüten sind vertreten. Der Mohn gehört zu unsren anspmchslosesten Sommer- blumen, da er im Garten gleich dahin gesät wird, wo er seine voll- ständige Entwicklung erlangen soll und einmal angesät alljährlich durch Selbstaussaat wieder erscheint. Auch auf dem Gebiete der B e e r e n o b st- K u l t u r ist manches Neue zur Einführung gelangt. Unter den bewährten neuen Erdbeer- sorten ist besonders die Sorte„Sieger" zu erwähnen. Ganz neue Erscheinungen sind großftüchtige Auanas-Erdbeersortcn, die ebenso wie die kleinfrüchtigen Monats-Erdbceren während des ganzen Sommers wogen und so zwei Ernten geben. Die erste, allerdings nur mäßig remonticreude Erdbeere war die Sorte«König Albert"; ausdauemder iin Tragen zeigte sich dann die neue Sorte„Belle-Alliance", gleichfalls eine deutsche Züchwitg, und ani fleißigsten remontiert die neueste Sorte«St. Joseph". Ob sie sich bewähren wird, muß die Zukunft lehren. Auch unter den Himbeeren finden die remontierenden Sorten mehr und mehr Aufnahme. Auch hier haben wir eine deutsche Züchtung zu verzeichnen, die starken Anklang geftmden hat, es ist die Sorte„Jmmerwagende vom Feld- brunnen" mit roten Früchten; sie ist vom Vorsommer bis zum Ein- Witt der Fröste oft geradezu mit Früchten übersäet. Sie hat sich bei mir ganz vorzüglich bewährt, und ich habe sie in meiner Obst- Plantage ausschließlich angepflanzt. Einen Versuch mache ich aber zur Zeit auch mit der neuesten einmal wagenden Himbeere, die ihres enormen Wuchses halber den Namen „Goliath" führt. Sie soll ihrer vorgenannten immerwagenden Schwester ebenbürtig sein, ja dieselbe noch übertreffen. Kulturversuche werden lehren, ob sie den Erwartungen entspricht. Gegenwärttg wird fiir einen bei uns neu eingeführten Frucht- bauin. die sogenannte Kaki-Pflaume, Diospyros Kald, stark die Reklametrommel gerührt. Im Inseratenteile illustriertet: Blätter findet man einen streng pyramidenförmig gewachsenen Baum dieser Art ohne Blätter, aber mit reichem Fruchtbehang abgebildet. Dieser Fruchtbaum, der iit Wirklichkeit mit Pflaumen nichts gemein hat, ist einer der verbreiterten und Ivichttgsten Obstbäume Japans, Koreas und Chinas, er wird neuerdings auch versuchsweise in Kalisornien und Italien kultiviert. Von Italien aus wurde er dann in einer deutschen Fachzeitschrift als Fruchtbaum für deutsche Verhältnisse empfohlen. Aber die Kaki-Pflaume wird niemals ein deutscher Fruchtbaum werden, da sie unsrem Klima nicht gewachsen ist und höchstens wie Orangenbäume in Töpfen oder Kübeln gezogen werden kann. Die Frucht ist hübsch rot; in Größe, Farbe und Form gewissen Tomaten gleichend, wird sie erst im Spätherbst genießbar, wenn das Innere vollständig weich und breiig geworden ist. Sie schmeckt süß und gelangt mitunter durch Berliner Delikateßgeschäfte zuni Verkauf. Aber die ausgeprägte Süße und die Weichheit des Fleisches dürften nicht allzu vielen Menschen zusagen. In ihrer Heimat soll diese in Eng- land als Persymone bekannte Frucht die Größe einer Orange erreichen. Diese Persymone ist übrigens die einzige Art mit wirklich schmackhaften Früchten, wenn diese auch bei einigen andern Sorten noch gerade genießbar sind. Die Gatttnig Diospyros ist aber eine Nutzpflanzengattting ersten Ranges, da die verschiedenen der Gattung angehörenden Arten das im Handel so sehr geschätzte Ebenholz liefern.— Max Hesdörffer. Kleines feuilleton. k. Das amerikanische Thcatersyndikat. Die Riesen-Organisatiou des amerikanischen Theatersyndikats, das nicht nur die wichtigsten Theater Amerikas beherrscht, sondern auch schon nach Europa hinübergreift, macht Charles A. Waller zum Gegenstand einer Studie, die er in dem New Iorker„Broadway Magazine" veröffentlicht. Der führende Mann des großen Syndikats ist Charles Fr o hm an. Er hat die Leitung von 13 Theatern in New Uork, 70 in verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten und vier in London. Das Theatersyndikat hat vor allem die Reisekosten aus in Minimum gebracht, indem es ein regelmäßiges Tourneen- System einführte. 200 bis 300 Theater wurden zu einem Ring zusammengeschlossen und regelmäßige systematische Tourneen- kreise gezogen, io daß eine jede Gesellschaft alle wichttgen Städte auf dein Wege besucht. Will jetzt z. B. jemand ein Stück durch die Vereinigten Staaten schicken, so geht er zu dem Manager:„Ich will eine Tournee mit dem„Moneymaker" bestellen."„Welchen Weg?" fragt der Manager und nimmt dabei die sorgfältig aus- gearbeiteten Landkarten zur Hand.„New Jork, Chicago und San Francisco." Der Kreis, den dieser Weg umfaßt, enthält etwa 100 Theater.„Wie viel Wochen?"„Zwanzig." Der Besucher wählt dann die Städte, die er besuchen will, und bemerkt, daß er einer andren„Star"-Gesellschast unmittelbar folgt. Nunmehr wird besprochen, wieviel das Syndikat für die Benutzung seiner Theater erhält, und damit ist alles bereit. In weniger als einer Stunde ist eine Tournee von 4000 Meilen Fahrt besprochen, während mau ftüher Tage und Wochen ständiger Arbeit dazu brauchte. Die Kosten zur Unterhaltung eines Theatxrs sind sehr bedeutend. Die Pacht des Einpire-Theäters in New Hork beträgt 180 000 M. jährlich, und da die Theatcrsaison nur acht Monate dauert, so macht die wöchentliche Pacht 4000 M. während der Saison aus. Dann kommen die Kosten fiir das Stück. Ein bekannter Dramatiker fordert 5 bis 10 Prozent der Brutto-Einnahme und dazu 2000 bis 20 000 M. Honorar, wenn er dem Manager das Manuskript übergiebt. Ost erhält der Dichter bis zu 4000 M. wöchentlich. Ein großer Posten sind natürlich die Gagen der Schauspieler. Der erste Schauspieler erhält bis 1000 M. wöcheutltch, und ein oder zwei„Sterne" fordern 2000 M. Andre Schauspieleriimen bekoiitiuen wöchentlich 400 M. und weniger, je nach ihrem Ruf und ihrer Rolle. Andre Schauspieler stehen sich auf 400 M. und weniger. Statisten erhalten 4 M. für den Abend, bis 40 und 80 M. wöchentlich. Die größte Ausgabe bedeuten aber die Jnscenierung und die Toiletten. Eine Posse ist billig; aber Melodramen kosten oft 120 000 M. und mehr. Die Gagen einer mäßig großen Gesellschaft betragen 8000 M. wöchentlich. Manches Stück hat vor seiner Erst- aufsührung über 100000 M. gekostet und erweist sich dann als Mißerfolg. Völlige Mißerfolge sind für den Syndikatmann allerdings selten, da der moderne Manager den Geschmack des Publikums keimt und ihm nur die gewünschte Kost vorsetzt.— — Ein reisender Zahnarzt vor hundert Jahren. Folgende? Inserat findet sich in der.Coburger Wöchentliche Anzeige", 4. Stück, den 27. Januar 1798: „Mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis bietet dem geehrten Publikum der Zahnarzt Solomon Seligmann aus Hildburghausen, welcher viele Attestate von hohen und niedrigen Personen hat, seine Dienste ergebeust an; er ist auch bereit, zu Jedem, der seiner bedarf, ins Haus zu gehen. Den Wohlhabenden Hilst er um billiges Geld und den Armen umsonst. 1. Nimmt er böse Zähne auch Stifte geschwind und sehr geschickt heraus._ 2. Putzt und reinigt er die Zähne mit kleinen subtilen Instrumenten, dast sich jedermann freuen wird. 3. Hat er ein �roannm, den Schmerz binnen 6 Stunden zu stillen._ 4. Hat er ein vortrefflich englisch Zahnpulver, welches die Zähne sehr gut erhält und den Mund wohlriechend macht. 5. Brennt die hohlen Zähne und füllt sie sehr künstlich ohne Schmerzen aus, daß sie lange zu gebrauchen sind. 6. Ist bey ihm eine englische Zahntinktur zu haben, welche das Zahnfleisch wachsend macht. 7. Nimmt er auch Hühneraugen und Leichdornen ohne den geringsten Schmerzen heraus. Er logiert im grünen Baum. Diejenigen, welche seiner Hülfe bedürfen, werden ersucht, ihm solches bey Zeiten anzuzeigen, indem er gesonnen ist, von hier bald wieder abzureisen. Er verspricht, einem Jeden mit vollkommenster Zufriedenheit zu bedienen."— c. Seltsame Eidesformeln. Ein Chinese schwor dieser Tage vor einem Londoner Gerichtshof damit, daff er ein Licht ausblies. Er war nicht der erste, der sich auf diese Art verpflichtete, die Wahrheit zu sprechen. An chinesischen Gerichtshöfen wird gewöhnlich ein Licht gebraucht, sonst wird heim Schwur auch eine zerbrochene Tasse ver- wendet. Der Zeuge kniet nieder, zerbricht eine ihm übcrgebene Porzellantasse, und wird dann folgendermaszen angeredet:„Du sollst die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit. Die Tasse ist zerbrochen und wenn Du die Wahrheit nicht sagst, wird Deine Seele wie die Tasse zerbrochen werden." Ebenso drückt der Zeuge, der das Licht ausbläst, damit aus, daß seine Seele, wenn er nicht die Wahrheit sagt,„wie das Licht ausgelöscht" werden soll. Er kann auch den Kopf eines Geflügels abschneiden, dessen Schicksal das den Meineidigen erwartende Schicksal symbolisieren soll. Es ist oft nicht so leicht, einen Zeugen dazu zu hringen, die Wahrheit zu sagen, und mit dem Chineien lägt es sich besonders schwer umgehen. So wollte ein Chinese in Neu-Südwales nur auf einen„geköpften schwarzen Kakadu" schwören. Kopfloses Geflügel, schwarze Schwäne, angezündete Lichter, zerbrochene Tassen, nichts konnte den hart- näckigen Chinesen dazu bringen, seine unsterbliche Seele zu wagen, und der Rechtsfall mußte aufgeschoben werden, bis der„geköpfte schwarze Kakadu" gefunden war,— was dem Gerichtshof lli M. kostete. Eingeboreue aus manchen Teilen Indiens sind noch seit- samer, denn sie schwören nur bei Tiger- oder Eidechsenhäutcn. Dabei sagt der Schwörende, er wolle eine Beute des Tigers werden, oder sein Körper solle wie der der Eidechse mit Schuppen bedeckt werden.— ce. Der Häher und die Postverwaltnng. Eine wundersame Ge- schichte erzählt ein amerikanisches Blatt: Der Briefträger Eduard Funderburg in Springfield, Ohio, berichtete am 22. April der Post- Verwaltung, daß aus einem altmodischen Briefkasten an der Land- straße seit mehreren Wochen die Briefsachen regelmäßig abhanden kämen. Der Postmeister E. C. Mller in New Carlisle, zu dessen Bezirk der betreffende Briefkasten gehört, wurde aufgefordert, eine Untersuchung anzustellen. Es ergab sich zunächst, daß die vermißten Briefe auf einem gepflügten Felde weit verstreut lagen, und bei näherer Untersuchung entdeckte man, daß ein blauer Häher der Post- dieb war. Der Häher hatte in dem Briefkasten sein Nest gebaut und betrachtete das Hineinstecken von Briefen in den Kasten als einen ungerechtfertigten Eingriff in seine wohlerworbenen Rechte: so oft daher ein Brief hineingeworfen wurde, warf er ihn entrüstet wieder hinaus. Da die Postverwaltung sich mit dem Häher nicht in Rechtsstreitigkeiten einlassen wollte, beschloß sie nachzugeben und du< Anschaffung eines neuen Briefkastens weiteren Besitztitel- Konflikten vorzubeugen.— Geschichtliches. xc. Spielzeug für erwachsene Kinder. Als in der Zoll- tarif-Kommission selige» Angedenkens der Antrag eingebracht wurde, den einzigen— außer den Eseln— zollfrei belaffenen Jmport- artikel, die Orden, gleich hinter der Position„Spielivaren", mit einem Einfuhrzoll zu belegen, schäumten die niehrheits- parteilichen Verfechter der heiligsten Güter Wut ob dieser ver- meintlichen Verhöhnung eines Zierats, mit dessen zahllosen Varietäten umsturzfeindliche Mannesseelen so gerne die respektive» Busen schmücken. Spaßig ist nun. daß ganz zweifelsohne dieser oder jener einsichtsvolle Begründer von Orden und Ehren- zeichen thatsächlich von jener Spielzeugsauffassung geleitet war. Zweifelsohne gilt dies von dem großen Menschenverächter, der vor nun etwas mehr als hundert Jahren slö. Mai 1802) den einzigen �rdeir unsrer Nachbaren jenseits der Vogesen, den Orden der Ehrenlegion gesiitlct hat, von Napoleon I. Er war zu der Zeit noch„erster Konsul" der französischen Republik, aber er steuerte mit vollen Segeln auf ..Monarchie zu und wollte sich demgemäß mit den nötigen Ne- tsff1 ,e.n!cf Monarchen von Gottes Gnaden versehen. Dazu ge- yorre natürlich auch mindestens ein Orden, und so rief Napoleon die r-ln? �.e�en' die als eine neue Sorte von Aristokratie ylcht oer Geburt, wndern des Berufs, durch Band und Stern von Lerantworckicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: den gewöhnlichen Sterblichen auch äußerlich unterschieden werde» sollte. Dieser Hohn auf den demokratischen Grundsatz der Gleichheit kam denn doch etwas gar zu überraschend, so sehr auch die revolutionären Traditionen bereits vor dem Geiste der Knechts- seligkeit verblaßt waren. Gegenüber dem starken Widerspruch, den das Ordensprojekt daher selbst in der nächsten Umgebung des ersten Konsuls fand, trat Napoleon wenigstens im intimen Kreis seiner Vertrauten ganz unverhüllt mit seinen verborgensten An- sichten heraus, die denn freilich den Cynismus des Menschenverrächters schon auf voller Höhe zeigen. Er erblickte in den Orden ein„Sielzeug" für„erwachsene Kinder". In diesen Ausdrücken hat der verbannte Kaiser noch in der Einsamkeit von St. Helena über den Gegenstand gesprochen. Am deutlichsten aber ließ er sich zur Zeit der Gründung der Ehrenlegion in dem obersten Rcgierungskollegium, dem Staatsrat, aus, wo der Plan starke Opposition erfuhr und schließlich nur mit einer Mehrheit von 14 gegen 1l> Stimmen angenommen wurde. Der Staatsrat Verlier inißbilligte eine Einrichtung, die dem Geist der Republik so sehr widerstrebe, und meinte:„Auszeichnungen sind das Spielzeug der Monarchie." Darauf Napoleon:„Man zeige mir doch eine alte oder neue Republik, worin es keine Auszeichnungen gegeben hat. Man nennt dies Spielzeug. Gut! Aber mit Spielzeug leitet man die Menschen. Ich würde dies nicht auf einer Rednerbühne sagen, aber in einem Rate von Weisen und Staatsmännern muß man alles sagen. Ich glaube nicht, daß das franziWsche Volk die Frei- heit und Gleichheit liebt. Die Franzosen sind dnrch zehn Re- volutionsjabre nicht geändert worden, sie haben nur ein Gefühl. die Ehre. Man muß somit diesem Gefühl Nahrung geben. Wir bedürfen der Auszeichnungen. Sehen Sie nur, wie das Volk sich vor den Blechen der Fremden zu Boden beugt..." So trat die Ehrenlegion ins Leben. Sie ward erst bei er- leuchteten Männern ein Gegenstand des Spottes, der Napoleon nicht wenig ärgerte, obwohl er doch selber verächtlich genug von diesem Flitter dachte. Er hat es dem General Moreau nie verziehen, daß bei einem Gelage von Offizieren in dessen Hause dem Koch als Verfertiger der ausgezeichneten Speisenfolge„in Anerkennung bürgerlicher Verdienste" feierlichst ein Ehrenlöffel verliehen wurde, der' den Meister kulinarischer Kunst als„Ritter des LöffelordenS" auszeichnen und zieren sollte. Im großen und ganzen aber behielt Napoleon mit seiner Spekulation auf die kindische Eitelkeit im Menschen recht. Man kennt die Ordensjägerei und den Ordens- schacher, die noch unter der dritten Republik in Frankreich betrieben worden sind. Wir Denffche haben freilich wenig Anlaß, uns deshalb über den Franzmann aufzuhalten. Dafür ist die Nachfrage nach Orden bei uns zu groß.— Humoristisches. — Weit auseinander.„Was sind denn Ihre beiden Söhne geworden?" „Die beiden haben sich leider gar nicht miteinander vertragen, und so ist der eine Luftschiffer und der andre Taucher ge- worden!"— —'Dankbar. A.:„Warum grüßt denn der Herr dort jeden Schuhmacher?" B.:„Wissen Sie, er ist Hühneraugen- Operateur!"— — D i e Unschuldige. Sie:„Du. Franz, übermorgen sind�s fiinfundzwanzig Jahr', daß wir uns g'heiratet hab'n, soll'n ivir da net unsre Sau abstechen...?" E r seinfallend):„Geh' hör auf, was kann denn das arme Vieh dafür, daß i' vor fünfundzwanzig Jahren g'heiratet Hab'!" � („Meggendorfer Blätter.") Notizen. � August Weißl's Roman„Gräfin Julia" sVerlag von Hermann Seemann Nachf., Leipzig) ist von der Wiener Staats- anwalffchaft mit Beschlag belegt worden.— — Shakespeares Königsdramen werden an � sechs Abenden noch in diesem Monat im S ch a u s p i e l h au s e in Scene gehen.— —„H e d d a Gabler" wird als diesjährige Jbsen-Anfführung am 9. Mai im Schiller-Theater dl. gegeben.— — Die Frühlingsfeier des Giordano Bruno- Bundes findet heute sabends 8 Uhr) im Rathause statt.— — Im Deutschen Landestheater zu Prag finden auch in diesem Jahre wieder Maifestspiele statt. Gegeben werden: lltaimund:„Alpenkönig und Menschenfeind". Grillparzer: „Die Jüdin von Toledo". Nestroy: Lumpacivagabundus". Anzen- gruber:„Die Kreuzelschreiber":„Der G'tvifsenswurm". Bauern- selb:„Der Alte vom Berge". Schnitzler:„Liebelei". Ebner-Eschcn- dach:„Ohne Liebe". Gluck:„Iphigenie in Aulis". Mozart:„Die Hochzeit des Figaro". Beethoven:„Fidelio". Weber:„Der Frei- schütz". Lortzing:„Der Wildschütz". Richard Wagner: Die Meister- singer von Nürnberg". Ihren Abschluß finden die Maifestspicle durch ein dreitägiges großes Musikfest, in dem Beethovens Missa Solemnis und die Neunte Symphonie zur Aufführung gelangen. — In Schweden plant man die Ausrüstung einer H i l f S» expedition für die Nordenskjiöldsche Südpolar- Expedition, von der andauernd jegliche Nachrichten fehlen.— jorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.