Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 89. Donnerstag, den 7. Mai. 1903 sn Das Geld (Nachdruck verboten.) Roman von Emile Zola. Verl'liifft wiederholte Saccard niehrmals: „Ein Kind, ein Kind..." Tann steckte er mit raschem Griff die sechs Banknoten wieder in seine Brieftasche. Er hatte mit einem Male seine Fassung wieder erlangt und sagte ganz munter: „Ei, ei, hören Sie'mal, treiben Sie denn Späße mit mir? Wenn ein Kind da ist, so werfe ich Ihnen keinen Sou in den Rachen... Der Kleine hat seine Mritter beerbt, der Kleine bekommt dies Geld und alles, was er tvill noch dazu... Ein 5lind, das ist ja ganz niedlich, das ist etwas ganz Natürliches! Was ist denn dabei, wenn man ein Kind hat? Im Gegenteil, das, nacht mir großen Spaß, das macht mich jünger, auf Ehre!... Wo ist er denn, der Junge, daß ich ihn besuchen kann? Warum haben Sie mir ihn nicht gleich initgebracht?" Jetzt war Busch sprachlos vor Erstaunen. Er dachte an sein langes Zögern, an die unendliche Schonung, welche Frau Karoline beobachtete, ehe sie Victors Dasein dem Vater verriet. Er verlor alle Fassung, ließ sich jetzt in außerordentlich heftige und verwickelte Auseinandersetzungen ein und verschoß mit einem Male seine ganze Munition: die sechstausend Frank für geliehenes Geld und Ernahrungskgsten, welche die Mschain bc- anspruchte, Frau Kanslrnens Abschlagszahlung von zweitausend Frank, Victors Aufnahme im„Heim der Arbeit". Bei jeder neuen Einzelheit fuhr Saccard heftiger auf. Wie? sechs- tausend Frank! Was bewies denn, daß man nicht vielmehr den Inngen beraubt hatte? Eine Abschlagszahlung von zwei- tausend Frank! Man hatte also die Kühnheit besessen, von einer befreundeten Dame zweitausend Frank zu erpressen? Das war ja Diebstahl und Vertrauensbruch! Seinen Kleinen hatte man, bei Gott, schlecht erzogen und verlangte jetzt, daß er, Saccard, die Leute bezahlte, die für diese schlechte Erziehung verantwortlich waren! Man hielt ihn also für einen Dummkopf? „Nicht einen Sou!" rief er.„Hören Sie. nicht einen Sou aus meiner Tasche!". Busch war fahl geworden. Er stand aufrecht vor seinem Tisch. „Das werden wir schon sehen! Ich schleppe Sie. vor Gericht!" „Sagen Sie doch keine Dummheiten, Sic wissen ja, daß das Gericht mit derartigen Sachen sich nicht abgiebk. Und wenn Sie aus mir etwas zu erpressen hoffen, so ist das noch dümmer; denn ich, ich frage nach nichts! Ein Kind— ich sage Ihnen ja, ich fühle mich geschmeichelt!" Da die Mschain die Thüre versperrte, so mußte er sie beiseite schieben und über sie hinwegschreitcn, um zur Stube hinaus zu kommen. Wuterstickt warf fie ihm mit ihrer Flöten- stimme die Worte nach: „Schurke! Herzloser Mensch!" „Sie werden von uns hören!" brüllte Busch, indem.er zornig die Thüre zuschlug. Saccard befand sich in solcher Aufregung, daß er seinem Kutscher befahl, sofort nach der Rue Saint-Lazare heimzu- fahren. Es drängte ihn, Frau Karoline zu sehen. Ohne jede Schani trat er vor sie hin und zankte, weil sie die zwei- tausend Frank gegeben hatte. „Aber, beste Freundin, nie giebt nian so das Geld aus den Händen... Warum haben Sie, zum Teufel, auch ge- handelt, ohne mich zu fragen?" Tief ergriffen, weil er endlich die Geschichte wußte, blieb Frau Karoline sprachlos. Es war also richtig die Schrift Büschs, welche sie erkannt hatte; jetzt brauchte sie nichts mehr zu verheünlichen, da ja ein andrer ihr die Mühe der Ent- hüllung abgenommen hatte. Trotzdem zauderte sie immer noch und schämte sich für diesen Mann, der sie so unbefangen aus- fragte.. „Ich wollte Ihnen einen Kummer ersparen... Der unglückliche Knabe war in einem so verkommenen Zustand!... Schon lange hätte ich Ihnen alles erzählt, wenn ich nicht ein Gefühl.. „Welches Gefühl?... Aufrichtig gesagt, ich verstehe Sie nicht!" Sie versuchte nicht, sich länger zu rechtfertigen und zu entschuldigen: eine allgemeine Traurigkeit und Mattigkeit umfing die sonst so lebensmutige Frau. Er dagegen stieß einmal über das andre laute Rufe aus, er schien hoch entzückt und wahrhaft verjüngt. „Der arme Junge! Ich werde ihn sehr gerne haben, sicherlich... ES war ganz recht von Ihnen, daß Sie ihn ins„Heim der Arbeit" gethan haben, um ihn vom gröbsten Schmutz zu säubern. Aber wir wollen ihn herausnehmen und ihm eigne Lehrer geben... Morgen will ich ihn besuchen. ja, morgen, wenn ich nicht zu sehr in Anspruch genommen bin." Am folgenden Tage war Sitzung; es vergingen zwei Tage, dann die ganze Woche, ohne daß Saccard eine Minute Zeit fand. Er sprach oft von dein Knaben und verschob seine Besuche, von dem überströmenden Flusse der Geschäfte immer wieder fortgerissen. In den ersten Tezembertagen war in- mitten des ungewöhnlichen Fieberanfalls, dessen krankhafte Aufregung die Börse durcheinander brachte, der Kurs von zweitausendsiebenhundert erreicht worden. Das schlimmste lvar aber, daß die beunruhigenden Nachrichten zunahmen, und trotz des bis zur llnerträglichkeit wachfenden Unbehagens die Hausse hartnäckig wuchs. Ganz laut kündete man jetzt den unausbleiblichen Krach an, und gleichwohl stiegen die Aktien weiter, stiegen unaufhörlich fort und fort, von der eigensinnigen Gewalt eines jener wunderbaren Anfälle von Wahnsinns- rausch getrieben, in denen das Handgreifliche ignoriert wird. Saccard lebte nur noch im iiböVtricbencn Scheine seines Triumphes; er war durch diesen Goldregen, den er über Paris ergoß, gleichsam von einem Glorienschein umgeben. Indessen war er schlau genug, um zu empfinden, daß der unterhöhlte und rissige Boden unter seinen Füßen einzustürzen drohte. Obgleich bei jeder Liguidation ihm der Sieg verblieb, ließ darum sein Zorn gegeit die Baisficrs nicht nach, deren Ver- lnste schon grauenhaft sein mußten. Was hatte denn dieses schmutzige Iudenvolk, daß es so verbissen war? Würde er nicht schließlich mit ihm fertig werden? Namentlich erbitterte ihn aber der Umstand, daß er neben Gundermann, unter dessen Bundesgenossen noch andre Verkäufer witterte, Kämpfer der Universelle, Verräter, die in ihrem Glauben erschüttert lind in ihrer Hast, zu realisieren, zum Feinde übergingen. EmeS Tages, da Saccard seiner Unzufriedenheit vor Frau Karoline Luft machte, glaubte diefe ihm endlich alles bekennen zu sollen. „Wissen Sic, mein Freund, ich habe verkauft, ich auch... Ich habe soeben unsre letzten tausend Aktien zum Kurse von zweitausendsiebenhundert verkauft." Saccard war vernichtet, als schaue er dem schwärzesten Verrat ins Gesicht: „Sie haben verkauft, Sie!? Sic, mein Gott!" Sie hatte seine Hände ergriffen und drückte sie mit Innigkeit; er that ihr wirklich leid, sie erinnerte ihn an die Warnungen ihres Bruders und an ihre eignen. Jener, der immer noch in Rom war. schrieb Briest voll tödlicher Besorgnis über diese übertriebene Hausse, die ihm unerklärlich blieb und die um jeden Preis gehemmt werden mußte, wollte man nicht in einen tiefen Abgrund stürzen. Noch am Tage vorher hatte sie einen Brief erhalten, der ihr ausdrücklich befahl, zu ver- kaufen, und sie hatte verkauft. „Sie! Sic!" wiederholte Saccard,„Sie bekämpften mich, Sie fühlte ich also als Feind im Dunkeln! I h r e Aktien habe ich zurückkaufen müssen!" Er geriet nicht wie sonst in Zorn; seine Niedergeschlagen- heit that ihr noch mehr weh, sip hätte vernünftig mit ihm reden mögen, damit er den erbarmungslosen Kampf aufgebe, der nur mit einem Massenmord enden konnte. „Mein Freund, hören Sie mich an... Bedenken Sie, daß unsre dreitausend Titrcs über siebeneinhalb Millionen ergeben haben! Ist das nicht ein unverhoffter, übermäßiger Gewinn? Mir flößt dieses viele Geld Entsetzen ein, ich kann nicht glauben, daß es mein gehört... Uebrigens handelt es sich nickt um unser persönliches Interesse. Denken Sie an die Interessen aller derjenigen, die ihr Vermögen in Ihre Hände gelegt haben, eine erschreckende Summe von Millionen, die Me aufs Spiel setzen. Wozu diese unsinnige Hausse stützen und noch höher reizen? Von allen Seiten höre ich. das; am Schlüsse der Krach unausbleiblich ist... Es kann doch nicht immerfort in die Höhe gehen; es ist gar keine Schande, wenn die Titres ihren wirklichen Wert wieder annehmen. Erst dann sind wir das feste Haus, das ist die Rettung." Heftig war er aufgefahren und stand wieder auf den Füßen. „Ten Kurs von dreitausend will ich, ich habe gekauft und werde kaufen, sollte ich auch darüber zu Grunde gehen!... Ja, kapnt will ich gehen, und alles mit mir, wenn ich nicht einen Kurs von dreitausend erreiche und aufrecht erhalte!" Nach dein 15. Dezember stiegen die Kurse auf zweitausend- achthundert, auf zwcitauscndncunhundert. Am 21. wurde unter einer wahnsinnigen Aufregung der?Nenge an der Börse der Kurs von dreitauscndundzwaiizig ausgerufen. Innere Wahrheit und Logik waren verschwunden, der Begriff des Wertes an sich war so verwirrt, daß ihm jeder Hintergrund abhanden kam. Bald lief das Gerücht um. Gundermann habe sich ent- gegen seiner sonstigen Vorsicht in ein grauenhaftes Risiko ein- gelassen; seit Monaten stützte er die Kontermine, bei jedem Stichtag waren mit dem Zunehmen der Hausse seine Verluste in ungeheuren Sprüngen gestiegen; mmi begann zu flüstern, daß er wohl Hals und Bein brechen könnte. Alle Köpfe waren verdreht, man wartete auf konimende Wunder. In diesem entscheidende» Augenblick, da Saccard auf dem Gipfel der Macht stand und in seiner unklaren Angst vor einem Sturze den Boden zittern fühlte, da war er König. So oft sein Wagen vor dem triumphierenden Palaste der Universelle in der Rue de Londres vorfuhr, kam ein Diener eiligst die Treppe hminter und breitete einen Teppick; aus, der von den Stufen der Vorhalle über den Gehweg bis zur Straßenrinne aufgerollt wprde. Dann geruhte Saccard aus- zusteigen und seinen Einzug zu halten, wie ein Fürst, dem man die Berührung des gemeinen Straßenpflasters erspart. X. Am Tag des Jahresabschlusses und der Ultinko-Abrech- iiung des Dezember war der große Börsensaal bereits um halb ein Uhr dicht gefüllt. Es herrschte eine ganz ungewöhnliche Aufregung in dem Stimmengewirr und dem Geberdenfpiel. Tie seit Wochen wachsende Gärung führte jetzt zu diesem ent- scheidenden Kampftag und diesem fieberhaften Gedränge, in welchem das Dröhnen der bevorstehenden Entscheidungsschlacht zu vernehmen war. Draußen herrschte heftiger Frost; aber eine klare Winter- sonne drang mit schiefen Strahlen durch das hohe Glasdach herein und erheiterte eine ganze Seite dieses kahlen Saales mit seinen ernsten Pfeilern und der düsteren Wölbung, die unter den allegorischen Malereien noch frostiger aussah. Längs der Bogengänge strömte mitten im kalten Luftzug der ohne Unterlaß auf und ab klappenden Thiiren die Luftheizung einen lauwarmen Hauch aus. Der Baissier Moser, noch ängstlicher und gelblicher als sonst, stieß auf den Haussier Pillerault. der in anmaßender Haltung auf seinen hohen Storchbeinen aufgepflanzt dastand. „Wissen Sie schon, was man sich erzählt?..." Er mußte aber lauter rufen, um im wachsenden Getöse der Einzelgespräche vernehmlich zu sein, welches mit seinem taktmäßigen und eintönigen Rollen dem Tosen eines aus den Ufern getretenen und endloS verrinnenden Stromes glich. „Man erzählt sich, wir werden im April Krieg haben... Ein andres Ende kann das nicht nehmen mit diesen gewaltigen Rüstungen. Deutschland will uns keine Zeit lassen, das von den Kammern zu bewilligende Militärgcsetz anzuwenden... Und übrigens will Bismarck.. Pillerault brach hier in lautes Lachen aus. „Lassen Sie mich doch in Ruhe mit Ihrem Bismarck. Ich habe diesen Sommer fünf Minuten mit ihm gesprochen, gerade so, wie ich jetzt mit Ihnen spreche. Er scheint mir ganz gutmütig zu sein... Wenn Sie nach dem überwältigenden Erfolg der Ausstellung noch nicht zufrieden sind, was ver- langen Sie eigentlich noch? Ja, mein Lieber, Europa ist jetzt unser." Moser schüttelte verzweifelt den Kopf und fuhr fort, seine Befürchtungen in abgerissenen Sätzen auszusprechen, die in jeder Sekunde durch das Stoßen und Drängen der Menge unterbrochen wurden. Der Zustand des Marktes sei zu blühend, er leide an einer Blutüberfülle, die ebenso bedenklich sei, wie das krankhafte Fett der Dickbäuchigen. Infolge der Weltausstellung seien gar zu viele Unternehmungen in die Halme geschossen, olles sei in einen ubermäßig starken Taumel geraten, der jetzt zum reinen Wahnsinn führe. „Ist das nicht ganz verrückt, zu», Beispiel, daß die Universelle auf dreitausendunddreißig stÄ>t?" (Fortsetzung folgt.) Rczmcckö„Hill Sulenlpiegel". (Opernhaus.) Das vielgeschmähte Mittelalter besaß unter andcrm, was uns fehlt, auch den Vorzug eines freien und konsequenten Humors im weitesten Sinne. Keine Censur. kein Gezeter von Schwarzen hemmte die Ausgelassenheit seiner Heiterkeit, auch wenn sie die Kirche und die Welt überhaupt auf den Kopf stellte. Das that man damals auch wirklich aus Freude am Schalksnarrentnm. Für uns ist das vorläufig eine untergegangene Welt; wer darf denn heute einen kräftiger. Spaß machen, ohne mißverstanden, ccnsuriert, verachtet. gestraft zu werden?! Der Volksbuchheld Till Eulenspicgel, der übrigens wirklich gelebt zu haben scheint, ist weitaus nicht der einzige Träger dieser Heiterkeit; viel andres hat sich in ihm gesammelt. Ihn zum Mittelpunkt einer„Volksoper" zu machen, würde darum ein guter Gedanke sein; und daß derlei Episches von vornherein nicht günstig für die Bühne ist, braucht nicht vorschnell eingewendet werden. Aber sein Rarrentum um des Narrentums willen ist nichts mehr für uns; und versetzt man es mit Ernst und Wahrheit, mit Sentimentalität und Bühiienpomp, so ist's keine Eulenspiegelei mehr. Tie„ V o l k s o p c r in z Iv e i Teile» und c i n e ni Nach- spiel frei nach Johann Fischarts„Eulenspicgel N e i m c n s w c i ß"" von E. N. von N e z n i c e t ist ein inicr- essantes Werk von einem, der was kann, doch weder eine wirkliche Erweckung mittelalterlichen Narrentums, noch auch ein wirkliches modernes Tondrama oder gar eine Volksoper wahrhaften Sinnes. Daß sie vorgestern(Dienstag) im Königlichen Opern» haus zum erstenmal aufgeführt wurde, war ein verdienstvoller Griff und eine reichhaltige Anregung der Hl�ilfrciinde; eine srucht- bare Bereicherung unsres musikdramatischmr Vorrates ist damit allerdings nicht erzielt, und ein socialer Fortschritt der Kunst erst recht nicht. Till Eulenspiegels Leben ist hier vom 11. ins 16. Jahrhundert verlegt, einem historischen Zusammenhang zuliebe; das mittelalterlich Naive der Ueherlicserung wurde allerdiugs bereits dadurch gc- schädigt. Nach einer einleitenden breiten Scene mit Tills Mutter sehen wir ihn, wie er den Milchweibern einen Possen spielt, und wie er und Gertrudis sich lieben— vermutlich, um einem dringenden Opembediirfms abzuhelfen. Abgesehen von Nebenfiguren, wie einen, typisch possenhasten Doktor, kommen nun mehrere der von Till geprellten Personen; er wird vor Gericht geführt und zum Strick verurteilt, befreit sich wieder durch.einen Ulk und wird auf drei Jahre mit einer Romsahrt verbannt. Tics der erste Teil, „Jugendstreiche". Der zweite Teil:„Wie Enlenspiegcl freiete", spielt nach Ablauf dieser Zeit auf der Burg des zmn Stegreifrittcr gewordenen früheren Vogtes. Till erscheint in Mönchsvertleidnng mit gefangenen Kaufleutc». Nach breiten Spielen niit jenem Doktor und mit der Burggesellschaft, die er als Türmer foppt, führt er aufständische Bauern in die Burg und triumphiert mit seiner Gertrudis in einem Brandfinale.— Dreißig Jahre später iommt er, schwerkrank, aber noch narrenwitzig, in ein Spital, dessen Verwalter jener frühere Raubritter, mit eben jenem Doktor zur Seite, gc- worden ist. Nachdem er die Kranken hinansgetlügelt. stirbt er unter obligate» Effekten. Rcznicek ist Teptarbeitcr und Komponist zugleich. Als letzterer ist er in Berlin einerseits durch eine bei Weingartner aufgeführte Sinfonie bekannt geworden, die Ivir nicht gehört, und die nicht bc- sonders gewesen sein soll, andrerseits durch ein in, März 1662 bei R. Strauß vorgeführtes Bruchstück aus dem„Till Eulenspiegel", bej den, Ivir frappierende Rhythnnt und geringere thematische Er- findung bemerkten, und bei dessen Gelegenheit wir dem Komponisten noch ein paar orientierende Worte widmeten. Jetzt zeigt er sich uns als ein schaffcnstnchtigcr und noch mehr schaffcnsfrendigcr Künstler, der auch nicht versäumt, seinen Standpunkt in Worten zu betonen. Daß es dabei nicht ohne Erwähnungen einer„Psychologie der Tecadcnce" abgeht, ist nicht eben verwunderlich; daß es des Komponisten Hanptbestrebcn gewesen sei.„alles Opernmäßige im schlechten Sinne in Dichtung und Musik streng zu vermeiden", ver- wundert uns allerdings sehr. Zwar hat alles Vorgeführte seinen vernünftigen Zusammenhang. Allein erstens ist. wie schon unser Tcxtbcricht andeutet, an Opernglanz nicht gespart; und zweitens geht ReznicekS stärkstes Bedürfnis darauf hinaus, im einzelnen seine famose Kunst der Stimmenführung und Klangfarbenentfaltung, der Durchführung von Chören und von Ensembles aufzubieten. Und das geschieht mit einer Breite, daß einem gerade diese so interessante Kunst schließlich langweilig wird. Ihr Eigenartigstes liegt in dem Kreuz und Ouer der Singstimmen und Instrumente, das �loirilich eine gute Eulenspiegelei giebt; und die Geschicklichkeit, mehr Farben- reicht»», zu gewinnen, als der verhältnismäßigen Kleinheit von Rezniceks Orchester entspricht, verdient alles Lob. Doch wie bei R. Strauß'„Feuersnot" und bei andren modernen Werken frißt auch hier das Einzelne das Ganze, und der Glanz die Wärme ans. Für diese wollte der Komponist reichlich sorgen durch kunstvolle Duette v. fcgl., turch Benützung zahlreicher alter Volkslieder usw.; aber gerade diese Altertümelei scheint uns die Einheitlichkeit des Ganzen am meisten zu stören, und die paar gesprochenen Stellen verfehlen erst recht ihre Wirkung. Diese künstlichen Ausfrischungc» vergangener Welten bewähren sich eben nicht. Neben andren solchen Miherfolgen erinnern wir uns dabei des Kienzlschen„Don Ouipote". der zwar musikalisch weit weniger leistete als Rezniceks Oper, jedoch in der modernen Sentimentalisierung des Helden und in dem Zu- sammcnhäufcn von Geschichte, von Operntradition und von Modernität ihm sehr ähnlich ist. Für die Darsteller kommt vor allem die Schwierigkeit der Sing- stimmen in Betracht; schon der weite Umfang der Stimmen stellt die Sänger ungünstig. Tie meisten brauchten denn auch lange, um sich«frei zu singen". Dann aber ging's gut. G r ü n i n g s Leistung in der Titelrolle ist wirklich Hörens- und sehenswert. Mit welchem Fleiß ist da ein Leben herausgebracht! DestinnS Gcrtrudis und noch manche andre Partien zeigten, daß uns« Sänger sich lieber in den Verdacht setzen, nicht zum schönsten zu singen, als daß sie von der Charakteristik ihrer Rollen etwas abliehen. Ins einzelne der Vorsteilimg einzugehen, statt ihr kurz für eine tüchtige Gesamthaltung Anerkennung zu zollen, würde uns ins Unabsehbare führen. Die Ausnahme war auffallend kühl. S o kühl war aller- dings Rezniceks Leistung nicht.— sz. (Nachdruck verboten.) Gespannte Ke�iedimgen. Von Eugen T s ch i r i k o w. Mischa schweigt hartnäckig. Er will absolut nicht' sprechen. Man ruft ihn zum Mittagessen— er lehnt kategorisch ab. „Ich will nicht." Man ruft ihn zum Nachmittagsthee— er antwortet ruhig, aber mit fester Entschlossenheit im Ton: „Bitte, trinkt Kaffee, Thee oder was Ihr wollt, aber mich laßt in Ruh'— ich will nicht!" Als die ältere Schwester Nina diese Antwort von Mischa erhält. bricht sie in ein unnatürlich lautes Lachen aus und sagt: „Du denkst wohl, uns liegt viel daran? Na. täusche Dich nur nicht! Du magst nicht essen, nicht trinken, deshalb wird sich nie- mand die Augen ausweinen!" Spricht's, flattert vergnügt davon und verschwindet hinter der Thür. Trotzdem findet Mischa sowohl in ihrer Stimme als auch in ihren gesucht herzlosen Worten etwas, was er sich zu seinen Gunsten deutet. Natürlich verstellt sie sich bloß, wenn sie thut, als ob Papa, Mama und den andren„nichts daran liegt", daß er Mittag ißt und Thee trinkt. Natürlich sind alle sehr unruhig und wissen nicht, wie sie ihn dazu überreden sollen, Mittag zu essen und Thee zu trinken. Na. mögen sie sich doch beunruhigen! Haben selbst Schuld. Ein „Ungenügend" im Latein ist doch noch kein Grund, ihn vor allen Leuten zu blamieren, ihm zu raten, er möge lieber Schuster werde». Sehr nett— Schuster! Schön! AberMittac; essen wird er trotzdem nicht. Mischa sitzt im Salon aus dem Sofa, starrt in eine aufgeschlagene Nummer des„Wecker" und horcht nach dem Nebenzimmer hin. Wahrscheinlich spricht man dort jetzt davon, daß er nichts essen, nichts trinken will, daß er im Grunde genommen doch„ein tüchtiger Junge" sei. „Wo steckt denn Mischa? Schmollt er noch immer?" Hört er die Stimme der Mutter. „Der Herr ist böse!" antwortet gedehnt und mit Betonung Nina. „Man muß ihm etwas Essen stehen lassen," brummt der Baß des Vaters. Aha! denkt Mischa. Stehen lassen! Sehr nötig! Warum einem Schuster etwas stehen lassen? „Mischa!" ruft der Vater. Mischa schweigt. Der Vater ruft noch einmal. „Was?" antwortet dumpf, aber mit Würde Nischa und beugt fich tiefer über den„Wecker". „Komm herein! Genug geschmollt!" „Ich schmolle nicht, ich lese. Für einen Schuster schickt es sich nicht, am Tisch zu sitzen." „Schafskopf!" „Na. sehr schön. Mcinetlvcgen auch Schafskopf!" antwortet auffahrend Mischa und fügt leise, kaum die Lippe» bewegend, hinzu: .Von diesem Schafskopf tollt Ihr noch hören!" „Wichtigthucr!" hört er die Stimme der Schwester. „Du sei nur still, dumme Gans!" flüstert Mischa, wobei er fühlt, wie ein schrecklicher Haß gegen die Schivester in seinem Herzen auflodert. Er dürstet nach Rache. Wenn der Vater nicht im Zimmer wäre, würde er ihr schon zeigen... Was hat sie auch noch ihren Senf dazuzugeben? Es hat sie doch niemand gefragt! Mischa räuspert sich böse, sucht lange in seinen Taschen und bringt endlich einen Bleistift zum Vorschein. Eine der Karikaturen iin„Wecker" zeigt einen jungen Mann unter einer Bank und neben der Bank eine junge Dame. Der erklärende Text besagt: Der junge Mann muß die Jnittalen seiner„Herzenskönigin" in die untere Fläche der Bank schneiden, da die obere Seite mit Naniens- zügcn, durchbohrten Herzen usw. schon ganz bedeckt ist. Unter diese Karikatur schreibt Mischa:„Das ist Nina! Und das ist Walodja Pjätuschkolv I Beide» ausgemachte Narren!" Dann legt er die Zeit- schrist so hin, daß jeder die Karikatur sofort bemerken muß, und geht in sein Zimmer. Als er dort aus dem Tisch Ninas Hut erblickt, schleuderte er ihn wütend zu Boden. „Solche Kinkerlitzchen gehören nicht auf meinen Tisch I" sagt er laut, obwohl er weiß, daß ihn niemand hört. Mischa stihlt sich mit allen im Hause verfeindet. Das ganze Haus scheint ihm in zwei feindliche Lager geteilt zu sein: in dem einen Lager befindet er sich allein, in dem andern— alle übrigen. Deshalb tritt er sogar dem Stubenmädchen, als es in sein Zinnne, kommt, böse entgegen: .Mach', daß Du rauskommst I" „Es sind Gäste da." .Mach', daß Du rauskommst, sage ich Dir!" „Sie haben nichts gegessen, darum sind Sie so böse.. Mischa begreift sehr gut, daß man das Stubenmädchen als Parlamentär zu ihm geschickt hat. Die„Feinde" bereuen, möchten ihr Unrecht gern irgendwie gnt machen. Na. er ist lein Kind; mögen sie nur warten I Aber Hunger hat er I Ob er in die Küche schleichen soll? Nein. das � geht nicht: die Köchin würde es dem Stubenmädchen, das Stubenmädchen Nina sagen, lmd alle würden ihn auslachen. Lieber hungern. Ja, wenn Papa oder Mama selbst kommen möchtet!:„Na. f?i nicht böse, Mischa... Du Ivcißt doch, wenn Du nicht ißt und trinkst, kannst Du krank werden, und das würde uns sehr betrüben. Na sei gut: es soll nicht wieder vorkommen..." Ja, dann würde Mischa natürlich sofort gut sein und sofort ins Speisezimmer kotnnien, wo man selbstverständlich Essen für ihn hat stehen lassen. Heute gab's wohl Kohlsuppe... Mischa läuft das Wafler im Munde zusammen. Er läuft an die Thür und lauscht, ob er nicht bald die weichen Schritte der Mutter hören wird. Der Vater wird nicht kommen, das ist sicher. Aber Mama kommt vielleicht und bittet um Entschuldigung. Aber Mama kommt nicht und Mischas Hunger wird immer größer. Statt der heißersehnten Mama erscheint in der Thür„Falstaff", Papas Dogge. Leise, fast unhörbar kommt sie ins Zimmer, be- schnuppert Mischa und wedelt träge mit dein Schwanz. „Falstaff" ist der Liebling des Vaters, unter dessen Schreibtisch im Kabinett er sich mit Vorliebe auszustrecken pflegt. Was hat er also hier zu suchen? Mag er doch zu seinem Herrn gehen und den anwedeln. Wie sich das vollgefressen hat I Wie der Bauch auf- getrieben ist I „Pascholl I" schreit Mischa plötzlich böse und stößt den Hund heftig mit dem Fuß. Das Tier heult zuerst aus und beginnt dann leise zu winseln. Beleidigt den Schwanz einklemmend, verläßt es schließlich das Zimmer. lind Hunger hat Mischa...! An den Fingern der linken Hand saugend, überlegt er lange und eingehend seine Lage. Schließlich kommt ihm ein glücklicher Gedanke. Ja. so geht's! So wird er vor allen Kompromissen mit den„Feinden" bewahrt. Ein Mitschüler von ihm hat unlängst auf dem Trödelmarkt seine lateinische Grainmatik„vcrklopsl" und dafür gleich an Ort und Stelle einen Dolch gekauft. (Schluß folgt.) kleines feuilleton. � ie. Gefahren der Oelfarbe. Ter Mai, der nach dem alten Sprichwort die Aufgabe hat, alles neu zu machen, bringt auch für viele der großstädtischen Wohnhäuser eine neue Toilette mit. Tic Zeit des Abputzens, Tünchcns und Malens ist aber nicht ohne Ein- fluß ans den Gesundheitszustand der Bewohner, und nicht viele sind in der Lage, ihr Haus für eine solche Zeit zu verlassen, was für die großen Häuser, die von vielen Familien bewohnt iverden, schon an sich ganz ausgeschlosicn ist. Ter Geruch frischer Oelfarbe ist für die meisten Leute unangenehm, und das dabei empfundene Unbehagen ist auch hier ein Ausdruck für eine thatsächlich schädliche Wirkung. Kopfschmerzen sind während dieser Zeit ein gewöhnliches Luden unter den Hausbewohnern. Möglicherweise ist da» Ocl, mit dem der Maler seine Farben mischt, schon allein genügend, Uebclkeit zu erzeugen, aber es ist wenig zweifelhaft, daß mit dem Oelfarbengeruch auch kleine Menge» von Blei eingeatmet werden. Man weiß, daß oftmals Leute einen schweren Anfall von Kolik bekommen haben, wenn sie einige Stunden am Tage in einem Räume- gesessen hatten, wo Lein- wand ausgespannt war. die mit Bleiwciß oder einem Trockcnöl be- zogen war. Künstler sind von Lähmungscrscheinungcn betroffen worden infolge der Wirkung der Oelfarben, auch wenn daS Zerreiben der Farben und Reinigen der Pinsel durch einen Gehilfen ausgeführt wurde. Die eingeatmeten Menge» an Blei können freilich nur sehr gering sein, aber es ist eine Thatsache, daß manche Menschen außer- ordentlich empfänglich für die Wirkung dieses Giftes sind. Solche Personen sollten es möglich zu machen suchen, das Haus, wenn es abgeputzt und frisch gestrichen wird, verlassen zu können. Wer ge- zwungen ist, auch während dieser Zeit seinen Aufenthaltsort beizu- behalten, sollte wenigstens jede Vorsicht anwenden und vor allein so viel als möglich in frischer Luft bleiben. Besonders ist anzuraten, im Schlafzimmer zu dieser Zeit während der Nacht ein großes Becken mit reinem Wasier oder noch Keffer mit Milch aufzustellen. Man wird dann beobachten können, daß sich am nächsten Morgen auf der Oberfläche des Wassers eine Fettschicht gebildet hat. woraus der Schluh zu ziehen ist, dah das Wasser etivas von dem Oel ans der Luft ausgenommen hat. Von der Milch ist es wohl bekannt, das; sie Ge- rüche anzieht, und wahrscheinlich weit stärker als Wasier. Wenn man eine Schale mit Milch einige Zeit in einem frisch angestrichenen Hause aufstellt, so nimmt das Getränk den Geruch der Oelfarbe mit unan- genehmster Deutlichkeit an. Die Milch ist in diesem Zustande als ungenießbar zu betrachten und fortzugicßen. Schließlich muß noch darauf aufmerksam gemacht werden, daß es jetzt ausgezeichnete und dauerhafte Farben giebt, die ganz frei von Blei sind, und in einer großen Zahl von Fällen werden gerade diese Farben angeivandt werden können, wodurch die Gcsundheitsgefahr von allen Leuten, die gegen die Wirkung von Bleichsucht besonders empfindlich sind, abgewandt werden könnte.— gc. Die Kautschukgewiiinnng auf de» Inseln des Amazonen- stromes wird in einer französischen wissenschaftlichen Revue kurz be- sprachen. In der ganzen brasilianischen Provinz Para, um die Mündung des Amazonenstromes herum, gewinnt man Kautschuk, am meisten auf den Inseln dieses Flusses, von denen Marajo mit 0000 Kubikmetern die größte ist. Die Erntezeit fällt dort in den Juli, wenn das Wasser zu fallen beginnt, und dauert bis zum Januar und Februar. Mittels einer kleinen Axt stellen die Arbeiter an der rauhen Rinde der Kautschukbäume kleine, glatte Flächen her, auf denen sie die zum Auffangen des Milchsaftes bestimmten Gefäße anbringen. Ucber diesen Gefäßen werden dann tiefe Schnitte in die Rinde gc- macht. Die Gefäße sind teils aus gebrannter Erde, teils aus Zinn gefertigt; erstcrc werden mittels etwas Thon an dem Stamme bc- festigt, während letztere mit ihren scharfen Rändern in die Rinde hineingepreßt werden und sich so von selbst halten. Sobald die Gc- säße gefüllt sind, werden sie in größere Krüge entleert, welche etwa 500— 700 der kleinen Bcchergcfätzc fassen; sind diese Krüge voll, so kommt ihr Inhalt in große 5tessel aus gebrannter Erde, in welchen der Ertrag von mehreren Tagen untergebracht werden kann. Am unteren Amazoncnstrom können pro Tag etlva 0 Kilogramm Milch- saft gecrntet werden, am Oberlaufe des Flusses etwa das Dreifache. Nach 3 bis 4 Tagen wird ein stark rauchendes Feuer angezündet, der Arbeiter trägt eine dünne Schicht Milchsaft auf einem hölzernen Spatel auf und hält letzteren eine Zeitlang über das Feuer in den Rancli, bis die Milch erhärtet ist. Diese Operation wird so oft wiederholt, bis die Kautschukschicht hinreichend stark ist; um sie von dem Spatel abzulösen, wird sie an einer Seite aufgeschlitzt. Diese Art der Gewinnung des Kantschul ist sehr einfach, sie ist aber für die Augen ziemlich gefährlich, nicht wenige Arbeiter sind in ihrem Berufe erblindet. Versuche, zu�einer besseren Trocknung des Milch- softes zu gelangen, sind bis-setzt fehlgeschlagen. In der Provinz Para werden drei Sorten von Kautschuk gewonnen; die schlcchrcstc Oualität wird Sernamby genannt und besteht aus zusammen- gekratztem, schlecht getrocknetem Material.— Psychologisches. le. Wie sich Kinder den Mond v o r st c l l e n. Den oft seltsamen und phantastischen Gedankengängen nachzugehen, die sich für die Kinder mit großen Natureindrückcn verknüpfen, gewährt dem pshckiologischen Beobachter einen besonderen Reiz. Namentlich der Mond scheint einen starken Eindruck auf das Kindergemüt zu machen, und es sucht sich seine geheimnisvolle Erscheinung auf die mannigfachste Art zurechtzulegen. Ein amerikanischer Psychologe veröffentlicht in dem soeben erschienenen Heft des„American Journal of Psychologh" das Ergebnis einer interessanten Umfrage, die bei 184 Schülern und Schülerinnen der staatlichen Normalschule von Worcestcr veranstaltet wurde, um die Vorstellungen, die sich seit früher Kindheit bei ihnen an den Mond knüpften, festzustellen. Elf davon tonnten sich als kleine Kinder von dem Gedanken nicht frei machen, daß der Mond herunterfallen könnte, und sie lvagten deshalb nicht, ihn anzusehen. In sieben Fällen wurde eine Frau mit einem Kinde im Monde gesehen, die für die Jungfrau mit dem Christuskinde er- klärt wurde. Vierzig Kinder erklärten, sie hätten lange Zeit geglaubt. daß der Mond sich bewege, ihnen folge und daß sie sich fürchteten, weil sie ihm nicht entkommen konnten, da er immer mit ihnen mit- kam. Einige empfanden diese Begleitung deS Mondes auch wie einen Schutz, aber den meisten war er unbequem und unheimlich. Einige Kinder sahen eine große Zahl von kleinen Tieren im Mond, 65 kon- statiertcn einen Mann im Monde, und einige davon glaubten, ein Gesicht darin zu sehen, das auf sie herunterblickte. Viele spürten immer einen Kälteschauer beim Anblick deS Mondes, während andre jahrelang davon bezaubert waren, sich nach ihm sehnten und wo- möglich ihr Bett zum Feilster rückten, damit er in der Nacht voll ins Zimmer schiene. Ein Kind erinnerte sich, daß es den Mond zuerst im Alter von fünf Jahren erblickte und ausrief:„O. da ist Gott. Hallo, Mr. Gottl" Sechs glaubten ihn mit Elfen bevölkert. Ein Kind sagte, daß tvenn er rot aussähe, das Mondwctter so warm wäre, daß die Elfen ihn verließen und zu den Sternen wanderten. Der Mann im Monde spielte in der Phantasie vieler eine große Rolle, sie beschäftigte sich mit seinem Aussehen, seiner Einsamkeit, und dies weckt immer ein zärtliches Mitgefühl im Kinderherzen. Zwei Kinder hielten den Mond für das Haus Gottes, eins sah das Gesicht Gottes darin, das sein Verhalten billigte oder mißbilligte. Ein fünf- inhrigcr Knabe glaubte, daß ein Mann mit einem mit Monden be- ladenen Wagen umherginge und sie aufhängte, und daß jeder Ort seinen eignen Mond habe. Einem andern wurde es sehr schwer, zu glauben, daß sein Bruder in New?>rk denselben Mond sähe. Ein Verantlvortltcher Ztedalleur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Kind sah im Mond: eine große Zahl von toten Menschen und Tieren, ein andres glaubte, es wäre ein Polizist darin, der die Leute be- obachtete. Einige machte der Anblick des Mondes träumerisch und still, andre stimmte er zur Lustigkeit. Ein Mädchen stellte sich eine Stcrne-Gesellschaft vor. die den Mvnd zum Ehrengast habe; ein andres sah eine alte Frau darin, die den Kindern zu ihren Füßen Geschichten erzählt. Ein Mädchen sieht eine Art von Vorsehung im Mond, weil das Mondlicht sie einmal davor bewahrte, in cm tiefes Loch zu fallen. Ein kleines Mädchen hielt es lange Zeit für sünd- Haft, überhaupt vom Mond zu sprechen, da er viel zu schön war.— Technisches. — Geruch losmachung von T�h ran. Eine Aufgabe. die sehr viel bearbeitet worden ist, ohne aber ihrer Lösung näher ge- kommen zu sein, ist die Zerstörung des Thrangeruchs. Selbst fast geruchlose oder von ihrem Geruch vorübergehend befreite Thrane er- geben, wie Seidler und Stiepel im„Seifenfabrikant" schreiben, Seifen mit scharfem Thrangcruch, der sich späterhin in den mit der- artigen Seifen gewaschenen Wäschestücken noch wesentlich erhöht. Selbst die Verseifung der Thrane mit konzentrierter Schwefelsäure und darauf folgender Destillation der Fettsäuren vermag an diesen Erscheinungen nichts zu ändern. Bei diesbezüglichen Versuchen im großen wurden zwar Destillate erhalten, welche nicht mehr dem Ge- ruch nach auf Thran oder Fischfctt schließen ließen, jedoch zeigten die aus den Destillaten hergestellten Seifen nach kurzer Zeit wieder Thrangeruch. Der Grund für diese Erscheinung dürfte allein darin zu suichen sein, daß hier die Geruchsubstanz aus Körpern besteht, welche sich leicht aus den Fettsäuren der Thrane selbst zu bilden vcr- mögen. Von einer erfolgreichen Geruchlosmachung der Thrane in dem Sinne, daß bei ihnen auch bei der weiteren Verarbeitung der charakteristische Geruch nicht wieder auftritt, kann daher in diesem Falle niemals die Rede sein, da es zu einem dauernden Effekt einer wenn auch vielleicht nicht vollständigen, so doch teillveiscn Zerstörung der Fettsubstanz selbst bedürfte. Ein derartiges Verfahren wäre natürlich für die Technik vollständig ohne Belang. Es ist das des- wegen bedauerlich, weil sich die Thrane außerordentlich leicht verseifen lassen. Man ist aber darauf beschränkt, sie auf andern Gebieten zu verwenden, namentlich zur Gerberei, zur Kunstgummifabrikation und für Lcderschmicren.—•(„Technische Rundschau") Humoristisches. — Beckmann'r a u s I Eine drollige Geschichte erzählt die„Kölnische Zeitung" von dem 1866 verstorbenen berühmten Komiker Fritz Beckmann. Als dieser auf der Höhe seines Berliner Ruhmes stand, reiste er zu einem Gastspiel nach seiner Vaterstadt Breslau. Sein Vater, ein biederer Töpfermeister, der noch nie in seinem Leben ein Theater besucht hatte, war nur auf vieles Zu- reden zu bewegen, einmal einer Vorstellung beizuwohnen. Fritz Beckmann besorgte dem Alten einen Sperrsitz in der ersten Reihe und schärfte ihm ein, erst,„wenn dreimal gespielt worden" sei (das Stück hatte drei Akte), nach der Garderobe zu kommen, wo sich beide wieder treffen wollten. Als der Schauspieler nach dem zweiten Akt nach der Garderobe kommt, sieht er seinen Vater auf einem Stuhle in der Ecke sitze», die Hände ringend, Ratlosigkeit und Verlegenheit auf dem Gesicht.„Run, Vater, hat Dir's nicht ge- fallen, daß Du schon da bist?"„A ja. das erschte Spiel war ja recht unterhaltsam."„Ja, weshalb bist Du denn fortgegangen?" „Hm. laß ock gutt sein, ich wer' Der'sch nachher sagen!" O, Vater. so red' doch!"„Aber schrei ock»ich a so— was brauchen's denn alle zu hören? De Leute ha'n mich ja glei erkannt, und wie's Spiel aus war, schrie'» se alle: Beckmann raus! Beckmann raust Ich Hab' mich geschämt lvie a Spitzbube und bi' nausgcloofen, und wie ich zur Äsiir draußen war. ha'n se noch alle hinter mir her- geklatscht— ich ha's wull noch gehört I" Mit Thräncn in den Augen fiel Beckmann seinem Vater um den Hals und versuchte das Mißverständnis aufzuklären— aber ins Theater war der Alte nicht wieder zu bringen.— Notizen. — Das„Hausbuch deutscher Lyrik", gesammelt von Ferdinand A V e n a r i u S, illuswiert von Fr. PH. Schmidt (München, Georg D. W. Callwcy, Kunswerlag), liegt in zweiter, vermehrter Auflage vor. Preis gebunden 3 M.— � Franz Lachners Oper„Katharina Cornaro� erzielte, neu einstudiert und neu insceniert, bei der Jubiläums- F e st a u f f ü h r u n g im Münchener H o f t h e a t e r einen großen Erfolg.— — Die K ü n st l e r v e r e i n i g u n g„Polygon" eröffnet am Freitag im Oberlichtsaal von A. S. Ball. Potsdamerstr. 27» ihre Ausstellung. Eintrittsgeld Ivird nicht erhoben.— o. Der Schutz derLandfchafteu in der Schioeiz. In der Schweiz, wo man von den Landschaften lebt, hält man natürlich auch darauf, die Landschaften zu schützen. Deshalb hat der Rat des Kantons Waadt dem großen Rat folgenden Gcsetzeittwurf unterbreitet:„Der Staatsrat kann jedes Plakat verbieten und nötigenfalls durch öffentliche Gewalt entfernen lassen, da? die Land- schaft verdirbt und an einer andren Stütze als einer Gebäudcmauer oder einer EinfriedigungSmauer angebracht ist, oder�daS den Giebel des Gebäudes oder den obersten Teil der ihm zur«stütze dienenden Mauer überragt."—_ liorwärts Luchdruckerei und Verlazsaiistalt Paul Singer& Co., Berlin