Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 90. Freitag, den 8. Mai. 1903 (Nachdruck verboten.) b2i Das Geld. Roman 1?on Emile Zola. da haben wir'S!" rief Pilleranlt. lind er trat ganz dicht au ihn heran und sprach mit scharfer Betonung jeder Silbe: „Mein Bester, man wird heute abend mit dreitausend- undsechzig schliche»... Ihr werdet alle über den Haufen gerannt, und da* sage ich!" Trotz der Leichtigkeit, mit welcher er sonst außer Fassung kam, pfiff der Baissier in leise hcrauöfordcrndeir Tönen vor sich hin. Er blickte nach oben, um seine erheuchelte Seelenruhe z» bekunden und musterte eine Zeitlang die paar weib- licheit 9öpfe, die von der Telegraphengalerie herab verwundert in diesen Saal hernnterschauten, in welchem sie keinen Zutritt hatten. Oben waren Wappenschilder mit Städtenamen an- gebracht� die Kranzgesimse und Säulenknäufe entrollten einen langgedehnten fable« Streifen, der durch daS durchsickernde Wasser gelblich gefleckt erschien. „Ah, Sie sind'*?" rief Moser, al* er wieder herabschaute und Salmon mit seinem ewigen bcdeutniig*vo'llcn Lächeln vor ihm stand. Dann erblickte er in diesem Lächeln eine Bestätigung von Pilleranlt* Nachrichten, wa* ihn in Verwirrung brachte. „Wenn Sie etwa* wissen, so sagen Sie e* doch endlich!... Meine Berechnung ist ganz einfach: ick halte zu Guirder- mann, weil Gundermann— eben Gundermann ist... Mit d e m ist immer ein günstiger Au*gang gewiß." „Wer sagt Ihnen aber, daß Gundermann Baisse spielt?" fragte Pilleranlt hohnlachend. Jetzt sperrte Moser erstaunt die Augen weit auf. Seit Monaten lautete der wichtigste Börsenklatsch, Gundermann lauere auf Saccard und unterhalte die Kontermine gegen die klniverselle, bis er an irgend einem Stichtage den Markt unter der Wucht seiner Millionen erdrücken und die klniverselle mit plötzlicher Anstrengung erwürgen könnte. Wenn der heutige Tag so beiß zu werden versprach, so kam dies daher, daß alle* glaubte, oder gläubig nachbetete, heute sollte endlich die Schlacht stattfinden, eine jener schonungslosen Schlachten, bei denen da* eine Heer vernichtet die Wahlstatt bedeckt. Kann man aber jemals eine GMißheit haben, in dieser Welt der Läge und der List? Tie gHvissesten und ani lautesten verkündeten Dinge sanken ja beim geringsten Hauch zu beklemmenden Zweifeln herab. „Sie leugnen das Augenscheinliche." murmelte Moser. „Allerdings habe ich die Order* nicht gesehen, allerdings läßt sich nichts mit Bestimmtheit behaupten. Wie, Salmon, was meinen Sie dazu? Gundermann kann doch nicht nach- geben, zum Teufel!" Und er blieb ratlos bei Salmons schweigendem Lächeln, welches sich immer feiner und vielsagender zuspitzte. „O!" begann er wieder und wies mit einem Nicken auf einen wohlbeleibten Mann, der gerade vorbeiging,„wenn der sprechen wollte, wäre ich nicht mehr im Zweifel. Ter sieht scharf." E* war der berühmte Amadieu, der immer noch von seinem Erfolg in der berühmten Affaire mit den Selsis- bcrgwerken zehrte, deren Aktien er in einem unsinnigen und halsstarrigen Einfall aufs Geratewohl, ohne Scharfblick und Berechnung, zu fünfzehn Franken das Stück gekauft und später unt einem Gewinn von fünfzehn Millionen losgeschlagen hatte. Er wurde wegen seiner großen Finanzfähigkeiten hoch verehrt, ein ganzer Hofstaat lief hinter ihm her, suchte seine geringsten Worte zu erlauschen und spielte dann in dem schein- bar von ihm angedeuteten Sinn. „Ach was!" rief Pilleranlt, der seine; Lieblingstheorie der unbedingten Waghalsigkeit treu blieb,„das beste ist iinmer noch, mau folgt auf* Geratewohl seiner eignen Eingebung... Das Spielglück ist da* einzig Wahre: entweder hat man Glück, oder man hat keins. Also darf man sich überhaupt nicht besinnen. So oft ich mich besonnen habe, bin ich so herein- gefallen, daß ich fast nicht mehr aufkam... Sehen Sie, so lange ich den.Herrn dort mit seiner unternehmenden Miene auf seinem Posten sehe, als wollte er alle» auffressen, so lange kaufe ich." Mit einer Handbewegung deutete er auf Saccard, der in diesem Augenblick eingetreten war und auf seinen gewohnten Platz, am ersten Pfeiler links, sich begab. Wie alle Chefs be- deutender Häuser hatte er einen bestimmten Platz, auf dem an den Börsenkagen seine Angestellten und seine Kunden ihn sicher fanden. Gundermann war der einzige, der geflissentlich den großen Saal nie betrat; er schickte nicht einmal einen be- glaubigten Vertreter. Aber man empfand deutlich, daß er ein ganzes Heer hier hatte, er herrschte als abwesender un- umschränkter Herr durch die zahllose Schar der Kommissionäre und Agenten, die seine Orders brachten, seiner vielen Kreaturen nicht zu gedenken, die so zahlreich waren, daß jeder Anwesende möglicherweise insgeheim Gundermann* Soldat war. Gegen diese ungreifbare und allenthalben thätige Heerschar kämpfte Saccard in eigner Person und mit offenem Visier. Am Pfeiler stand eine Bank hinter ihm, aber er setzte sich niemals nieder und blieb während der zwei Stunden der Börse auf den Füßen, al* verachte er die Müdigkeit. Bisweilen, in den Augen- blicken de* Sichgehcnlassens, stiitzkc er sich bloß mit dem Ell- bogen an die Steinsäule, die in Manneshöhe vom Schmutze der vielfältigen Berührungen geschwärzt und geglättet war. In der fahlen Kahlheit de* ganzen Baues bildete dieser glänzende Schmutzstrich auf Thiiren und Wänden, auf Treppen und Säulen ein bezeichnendes Merkmal, eine gleichsam aus dem angehäuften Schweiß der Spieler- und Gaunergenerationen errichtete widerliche Grundmauer. Mit seiner tadellosen Kleidung,— wie alle Männer der Börse,— mit dem feineu Tuchrock und der blendendweißen Wäsche hatte Saccard in- mitten dieser schwarzumränderten Mauern das freundliche und frische Aussehen eines von quälenden Sorgen freien Manne*. „Wissen Tie," sagte Moser mit halblauter Stimme, „daß mau ihn beschuldigt, durch bedeutende Ankäufe die .Hausse z» stützen? Wenn die Universelle wirklich in ihren eignen Aktien spielt, dann ist sie kaput." Pilleranlt widersprach heftig. „Schon wieder Klatsch!... Kann man denn je sagen, wer eigentlich kauft und wer verkauft? Er ist für seine Knuden hier, da* ist doch ganz natürlich. Er ist auch für seine eigne Rechnung hier, denn er spielt wohl selbst." Moser ließ die Sache fallen. Bisher mochte niemand an der Börse mit Bestimmtheit von Saccard* gefährlichem Feldzug zu reden wagen, von den Käufen, die er unter dem Deckmantel von Strohmännern, von Sabatani, Jantrou und andren, vor allem von Angestellten seiner Bank, für Rechnung der Gesellschaft abschloß. Es lief bloß ein Gerücht um welches man sich ins Ohr flüsterte, welches dementiert wurde und doch immer wieder, wenn auch ohne Bköglichkeit eines Beweises, aufkam. Zuerst hatte Saccard nur vorsichtig die Kurse ge- stützt und die Stücke möglichst bald wieder losgeschlagen, um nicht die Kapitalien allzusehr zu immobilisieren und nicht die Kassen mit eignen Titres zu füllen. Jetzt ließ er ftck> aber vom Kampfe fortreißen und hatte für den heutigen Tag die Notwendigkeit übermäßiger Käufe vorausgesehen, sofern er Herr' des Schlachtkeldc* bleiben wollte. Seine Orders waren ausgegeben, er trug die lächelnde Ruhe der gewöhnlichen Tage zur Schau, trotz seiner Ungewißheit über den Ausgang und seiner wachsenden Verwirrung, sc weiter er sich auf dieser, wie er wußte, entsetzlich gefährlichen Bahn vorwagte. Moser hatte inzwischen de» berühmten Amadieu um- schlichen, der mit einem kleinen Mann von verschmitztem Aus- sehen beratschlagte: hoch erregt kam er zurück. „Mit eignen Ohren habe ich es gehört," stammelte er... „Er hat gesagt, die Verkaufsorders Gundermanns übersteigen zehn Millionen... O, ich verkaufe� ich würde selbst daS Hemd am Leibe verkaufen!" „Zehn Millionen! Teufel auch!" murmelte Pilleranlt mit etwas bebender Stimme.„Das ist ja ein förmlicher Krieg auf* Messer."., Das wogende Stimmengewirr, welches infolge der vielen Privatgelpräche immer höher anschwoll, wurde ausschließlich von diesem grimmigen Zweikampf zwischen Gundermann und Saccard beherrscht. Obschon man die einzelnen Worte nicht erkennen konnte, klang aus dem überlauten Getöse und Ge- dröhne einzig und allein.die Erörterung der ruhigen und logischen Hartnäckigkeit des einen im Verkaufen, sowie der Veim andern vermuteten leidenschaftlichen Kaufwut. Wider- sprechende Nachrichten liefen um-, sie wurden zuerst leise ge- flüstert und schließlich mit lautem Trompctenaeschniettcr der- kiindet. lim sich bei dem Spektakel verständlich zu machen, schrien die einen ans Leibeskräften, so oft sie den Mund auf- thaten, während andre sich geheimnisvoll zum Ohr ihrer Nachbarn herabneigtcn und nur leise tuschelten, selbst wenn sie nichts zu sagen hatten. „Nun, ich behalte meine Haussestettnng bei," begann Pillcrault, der schon beruhigt war.„Tie Soniw scheint gar zu schön, alles wird noch wieder steigen." Alles wird zusammenstürzen!" versetzte Moser mit seiner Hartnäckigkeit im Jammern.„Tas Regenwetter steht bevor, ich habe heute nacht einen Anfall gehabt." Tas Lächeln Salmons, der beide hintereinander an- hörte, spitzte sich jetzt derart zu, daß beide unbefriedigt blieben: keine Möglichkeit einer Gewißheit! Sollte dieser so ungewöhn- lich schlaue, so unergründliche und verschwiegene Teufels- mensch eine dritte Art zu spielen gefunden haben, weder Hausse noch Baisse? An seinem Pfeiler stehend sah Saccard den Schwann der Schmeichler und der Kunden um sich her anwachsen. Fort- während wurden ihm Hände entgegengestreckt, und er drückte alle mit der gleichen glücklichen Unbcfangeilheit, wobei er in jeden Fingerdruck eine Siegesverheißlliig zu legen verstand. Manche eilten herbei, wechselten ein Wort mit ihm und eilten entzückt hinweg; viele blieben beharrlich stehen und wichen keinen Schritt, voll des stolzen Gefühls, zu seiner Gruppe zu gehören. Oft war er liebenswürdig gegen Leute, deren Nainen ihm nicht einmal einfielen. So niußte zum Beispiel der Hauptmann Chave ihin Maugendrcs Namen angeben, danüt er den Mann wieder erkannte. Ter Hauptmann, der mit seinem Schwager ausgesöhnt war, trieb diesen zum Vcr- kaufen; aber der Händedruck des Direktors genügte, um in Maugendre eine grenzenlose Hoffnung zu entflammen. Dann kani der Verwaltungsrat Säditle, der Seidenhändler, und bat um eine llnterredung von einer Minute. Mit seinem Handels- hause stand es schlecht, sein ganzes Schicksal war unauflöslich mit dem der lluiversclle verknüpft, so daß eine etwaige Baisse für ihn zum Krach fühen mußte; angsterfüllt und von seiner Leidenschaft verzehrt, empfand er das Bedürfnis nach Be- ruhigung und Eriminterung, zumal auch sein Sohn Gustave bei Mazaud nicht recht vorwärts kam und ihm schwere Sorgen machte. Mit einem Klaps auf die Schulter entließ ihn Saccard voll Zuversicht lind Feuereifer. Hierauf begann ein förmlicher Vorbeimarsch: der Bankier Kolb, der schon längst verkauft hatte, der es aber mit dem Zufall noch nicht verderben wollte; der Marquis de Bohain, der mit seiner vornehmen Herablassung nur unter dem Schein der Neugier und des Zeitvertreibs die Börse besuchte; selbst Huret, der ja unfähig war, mit jemand entzweit zu bleiben, und allzu geschmeidig, um nicht bis zu dem Tage des gänzlichen Schiffbruchs guter Freund zu sein, kam herbei lind wollte sehen, ob es für ihn nichts mehr aufzulesen gab. Als Taigrcmont erschien, trat alles ehrerbietig auf die Seite. Er war an der Börse sehr einflußreich; seine Liebens- Würdigkeit und seine zuversichtliche, kameradschaftliche Art, mit Saccard zu scherzen, machten Eindruck. Die Haussiers strahlten vor Freude, denn Daigrenumt hatte den Ruf eines schlauen Mannes, der beim ersten Krachen des Bodens das Haus zu verlassen versteht. Somit stand fest, daß es in der Üuiverselle noch nicht krachte. Wieder andre wechselten bloß im Vorbeigehen mit Saccard einen Blick; das waren seine er- gebenen Lelite, oder Angestellte, welche seine Orders weiter- zugeben hatten und auch auf eigne Rechnung kauften. Es hatte iiänilich die Spielwut wie eine Ansteckung das Personal der Rue de Londres derart maßt, daß jeder fortwährend auf der Lmier stand und an den Thören horchte, um irgend eine Börsennachricht zu erjagen. So ging Sabatani zweimal mit seiiler geschineidigen Anmut eines halborientalischen Italieners vorüber und gab sich den Anschein, den Meister nicht einmal zu bemerken, während Iantrou eiil paar Schritte weiter vor einem vergitterten Anschlagbrett stand und im Lesen der Tele- gramme ans den ausländischen Börsen ganz vertieft schien. Ter Kommissionär Massias stieß in eiligem Lauf an Saccards Gruppe und nickte leicht init dem Kopf, wohl um eine Antwort zu überbringen oder über einen in der Eile erledigten Auf- trag zu berichten. Je näher die Eröffnungsstunde rückte, desto heftiger flutete der endlos hin lind her stampfende, doppelte Menschenstrom mit mächtigein Wogen und Brausen durch den Saal. Alles wartet auf den Anfangskurs. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbat«».) Sespannte Se�iekungen. Von Eugen T s ch i r i k o w. (Schluß.) Mischa wird ebenfalls ein Buch opfern und sich dann beim Bäcker Pasteten, Käsekuchen oder etwas Achnlichcs kaufen. Er wird auch noch in einen Milchladcn gehen und Milch trinken. Und die„Feinde" werden sich sorgen.Aber mögen sie doch! Sind ja selbst schnld. Ein audcrnial werden sie nicht niehr... Mischa kramt lange in seinem Schrank und zieht schließlich ein dünnes Buchclchen heraus. Ich werde es noch brauchen, aber erst später; dann haben sie wohl schon vergessen, daß es bereits gekauft ist, und ich bckomnie ein neues... dcukt Mischa und weiht das Buch endgültig dem Verkauf. Durch das Wohnzimmer gehen, mag er nicht: dort sitzen Alle und denken womöglich, er will sich aufdrängen, sich mit ihnen versöhnen. Pah. er wird ihnen was! Er kann sehr gut auch ohne Thüren auf die Straße kommen. Mischa steigt durchs Fenster, versteckt das Buch in der Brust- tasche und geht schnell nach dein Trödelmarkt. Es dunkelt schon. Bald ivird mau die Buden schließen, er muß sich also beeilen. Mischa läuft so schnell er kann. Als er an einem im Bau bc- griffenen Hause vorbeikommt, geht er zur Abkürzung des Wege? über de» Bauplatz, ivobei er mehrfach über Bretter, Balken und Gerttmpel stolpert. Das Resultat ist ein Loch im Stiefel, gerade vorn au der Spitze. Unter andern Verhältnisse» würde Mischa über ein solches Mißgeschick betrübt sei», nmsomehr als die Stiefel erst unlängst gelauft sind, jetzt aber nmcht er sich garnichts daraus. Mögen sie doch neue kaufen! Sie werden natürlich sagen: „Gch� ohne Stiefel, wie ei» Schuster!" Aber er iveist sehr gut, daß sie dennoch neue kaufen werden. Sie müßten sich ja schämen, wen» er, der Toh» eines Rechtsanwalts, in zerrissenen Stieseln gehen würde. Er hat keine Angst— sie werden schon kaufen. Endlich ist er ans dem Trödelmarkt. Da ist es so lebhaft, so lustig. Mau lärmt, schreit, zaukt— ein wahrer Höllenspektafcl. .Hei— eiße Pasteten!" ruft gellend ein Bauer mit vollem, rotem Gesicht, in schmutziger Schürze..Willst Pasteten?" bietet er Mischa an..Heiße, ganz heiße! Das Paar zu süNs Kopeken I" .Womit gefüllt?" fragt stehenbleibend Mischa. .Kauf' bei mir, junger Herr! Seine sind kalt, aber ich habe heiße I" beginnt ein altes Weib zu schmeicheln und erhebt sich von dem irdenen Topf, in welchem sie ihre heißen Pasteten auf- bewahrt. „Später«verde ich kaufen. Jetzt habe ich keine Zeit!" sagt Mischa und drängt sich durch dichte Hansen binnen Volts bis z,ir Einfahrt des Kaiishoses, in welchem sich die Bude» der Krämer. Antiquare usw. befinden. Atemlos vor Anstrengung und Furcht betritt er die Bude eines Büchertrödlers, der in gleichgültiger Haltung an seinem Bücher- schrank lehnt. Es ist ein alter Mann mit. klugen, verschmitzten Augen hinter den Brillengläsern. Als er den Gymnasiasten erblickt, verschwindet er in der Tiefe der Bude, holt ein Buch hervor und begimit darin zu lesen— kurz, er thnt, als nähme er von dem Kunden keine Notiz. „Kaufen Sie Bücher?" „Was haben Sie zu verkaufen?" „Asien, Afrika und Amerika. Ganz neu!" antwortet Mischa eilig. „Von Smhrnow?" „Ja." „Europa hätte ich wohl genommen, aber von dem da habe ich zu viel"... sagt der Trödler, scheinbar widerlvillig das Buch nehmend „Eine alte Ausgabe!... Na, meinetwegen zehn Kopeken..." „Zwanzig soll ich...! Unter zwanzig darf ich nicht vcr- kaufen," bemerkt gedehnt Mischa. Der Trödler gähnt mid giebt das Buch zurück. „Dann wenigstens fünfzehn... 1 Es ist ja ganz neu I" Der Trödler antwortet nichts. „Na meiiietwegen... zehn Kopeken!" „Ich mache Schaden dabei", sagt gähnend der Trödler, legt zlvei Fünfkopekenstücke auf den Ladentisch, wirft den Einkauf nach- lässig in den Schrank und vertieft sich wieder in sein Buch. „Ich werde vielleicht noch Europa bringen", sagt Mischa, die beideil Fünfkopekenstücke in die Tasche steckend. «Bringen Sie... Aber es kommt dabei sehr viel auf die Auflage an. Manche ist nicht einmal zehn Kopeken wert... Wörter- bücher haben Sie nicht? Schicken Sie doch Ihre Freunde— ich zahle die höchsten Preise..." „Ich werde schicken.. Mischa verläßt die Bude und wendet sich zu den Eßwaren. Aber bevor er noch zu den Pasteten gekommen ist. hat er bereits einen Teil seines Geldes ausgegeben: die persischen Nüsse mit Mohn haben es ihm angethan. Er tauft davon für drei Kopeken und ver- speist sie mit großem Behagen. Jetzt sieht er auch die Frau mit den Pasteten. „Womit sind sie gefüllt?" «Dkit Pfefferlingen, mit Fleisch, mit Mohren." »Und losten?" .ffüns Kopeken das Paar." .Mit Möhren mag ich nicht. Gieb eine mit Fleisch und eine mit Pfefferlinge»!' SflS er beide Pasteten vermehrt hat, niöchte Mischa trinken. Für die ihm noch gebliebenen zwei Kopeken trinkt er zwei Mas; eines blahrosa Kwas. Das zweite Mab bekommt er kaum herunter-— so widerlich süß schmeckt es! aber etwas übrig lassen, wäre doch zu schade. „IlffI" pustet er, als er schließlich den letzten Schluck KwaS herunter hat. .Das stößt in die Nase, nicht wahr?" fragt prahlerisch der Kwasverkäufer und ruft laut in singendem Ton:.KwaS 1 Guter, kräftiger, kühler Kwas!* Zu Hanse findet Mischa auf seinem Tisch einen Teller mit kaltem Fleisch, ettvas Brot, ein Glas Milch und drei Waffeln. Das einzige, ivas ihn reizt, sind die Waffeln, sein Lieblingsgericht! aber die Eigenliebe erlaubt ihm nicht, sich darüber herzumachen. Ja, wenn die„Feinde" sich nicht erinnern würden, wieviel Waffeln sie ihm ins Zimmer gestellt haben: ob zwei oder drei— dann würde er wohl eine essen. Schließlich hält er es doch nicht länger aus: er reißt von jeder Waffel vorsichtig einen schmalen Streifen ani Rande ab und verspeist ihn. Der blaßrosa„kräftige" Kwas stößt ihm noch fortwährend„in die Nase", und die persischen Nüsse mit Mohn und die Pasteten mit de» Pfefferlingen und dem nicht ganz frischen Fleisch beunruhigen seinen Magen. „Pfui Teufel!" sagt er böse und spukt von Zeit zu Zeit auf die Erde. „Wo hast Du denn so lange gesteckt?" fragt Nina, die Thür öffnend. „Das geht Dich gar nichts an. Ich frage Dich ja auch nicht, Ivo Du herumspazierst!" Nina blickt flüchtig auf den Tisch und sieht, daß das Essen noch unberührt ist. „Mama läßt Dir sagen. Du sollst ein Stück Fleisch essen!..." ..Und wenn ich nicht will? Ich bin ein Schafskopf und ein Schuster. Ihr seid Rechtsauwalts, aber ich bin ein Schasskopf... und ein Schuster!" ,„Wenn Du nicht essen willst, dann last' eS!" „Na also! Geh mit Deinem Pjätuschkow spazieren und laff' mich in Ruh'!" „Schafskopf!" wirft Nina gereizt hin und verläßt das Zimmer. Mischa fühlt sich stark genug, die Belagerung der„Feinde" ans- zuhalten und all ihre Angriffe durch eine absolute Gleichgültigkeit gegen Speise und Trank zu parieren. Die Pasteten mit den Pfefferlingen und dem Fleisch, die persischen Nüsse mit Mohn— sie sind für ihn„Verbündete". Die Sache hätte sich möglicherweise noch lange hinziehen können, wenn nicht ein nnvorhergesehcner Zwischenfall eingetreten wäre, der den gespannten Beziehmigen ein Ende gemacht hätte. Mischa bekam Leibschmerzen, die langsam an Stärke zunahmen. Die Schmerzen zwangen ihn, sich aufs Bett zu legen und leise zu stöhnen. Von dem heißen Verlangen beherrscht, sich nicht in seiner Wehrlosigkeit den„Feinden" auszuliefern, blieb er lange fest und er- stickte sein Stöhnen im Kissen. Aber die Pasteten mit den Pfeffer- lingen und dem Fleisch, der„kräftige, kühle" KwaS thatcu das ihrige— bald begann er lauter zu stöhnen und mit den Fäusten ins Kissen zu schlagen. „Gott, was für eine Strafe!" winselte er von Zeit zu Zeit und zog die Beine in die Höhe. In der Nacht konnte Mischa sich nicht länger beherrschen: er begann laut zu schreien. Bald drängten sich alle„Feinde" um sein Bett, mit Ausnahme von Papa, der wie gewöhnlich im Klub war. Manm brachte den Thermometer, Schwester Nina machte ihni einen Seusteig, das Stubenmädchen lies nach dem Doktor. Sogar „Falstaff" kam den Kranken besuchen, drängte sich zwischen die be- sorgten„Feinde" und blickte Mischa mit seinen klugen Augen traurig und teilnehmend ins Gesicht. „Was hast Du denn nur gemacht?" fragte unruhig Mama, in der Tiefe ihrer Seele bei dem Gedanken zitternd. Mischa könnte Gift genommen haben, womit er bei ähnlichen Anlässen schon oft gedroht hatte.„Hast Du irgend etwas eingenommen? Ja, Mischa? Sprich, mein Täubchen! Schnell I" „Ich, Mama... Ach! Au! An! An!... Ich, Mamachen... ich habe Asien, Afrika und Amerika verkauft... Ach! Au I An! Aul... Und dafür Pasteten mit Pfefferlingen und..." „Um Gotteswillcn! Mischa! Er phantasiert ja!... Herrgott, wo bleibt nur der Doktor? Schnell! Laust und holt Papa.... Ach Gott..." Mama beugte sich über Mischa, legte ihre Hand ans seine Stirn und küßte ihn auf die Wange. Laut weinend lief Nina ans Fenster und blickte unruhig auf die Straße, die Ankunft des Arztes erwartend. Endlich kam der Doktor. „Na. junger Man», wo thnt'S denn weh? Lasten Sie mal sehen!" Mischa drehte sich gehorsam nach dem Licht, der Doktor unter- suchte ihn genau, »Was haben Sie denn heute gegessen?" »Ach, Herr Doktor, er hat heute absolut nichts gegessen Seitdem er ans der Schule gekommen ist— nichts in den Dhmd genommen." ..Das ist auch nicht gut, aber dielleicht, junger Mann,' haben Sie doch etwas gegessen? Sagen Sie mal ganz ehrlich..." »Ja--- Ich aß Pasteten mit Pfefferlingen. Ich' verkaufte Asten, Afrika und..." „Was soll das heißen?" fragte flüsternd, im höchsten Grade be- unruhigt, Papa. Er war Hals über Kopf aus dem Kliib geholt worden, wo er sogar eine Partie„Wint" nnbeendigt gelassen hatte.--- Eine Stunde später war alles still im Hanse. Mischa lag mit einer Kompresse ans dem Leib im Bett: neben ihn» saßen Mama und Nina. Beide warteten und pflegten ihn, sich geduldig allen seinen lannenhaften Wünschen und Forderungen fügend. Bald ließen die Leibschn, erzen nach und Mischa begann volle Befriedigung zu empfinden: Die„Feinde" waren besiegt!— deines Feuilleton. Ter„Schlusisah". Die in Maricnburg erscheinende„Nogat- Zeitung" berichtet über ein heiteres Vorkommnis: Als kürzlich in X. die Stadtverordneten-Sitzung zu Ende war, erhob sich ein älterer jovialer Herr und sprach:„Ich hätte wohl den Wunsch, daß die Presse, die uns immer in dankenswerter Weise ihre liebenswürdiga Aufmerksamkeit schenkt, künftig den Schlußsatz wegläßt." Der Vor- sitzende verstand diesen Antrag nicht sogleich, und nun erklärte der Interpellant seinen Wunsch dahin:„Ich meine das nämlich so: Unsre Versammlung ist zum Beispiel um Ö Uhr zu Ende. Und da das verhältnismäßig zu früh ist, geht man noch ein Glas Bier trinken. Es werden auch manchmal zwei Glas', ein paar Herren spielen Skat und man kiebitzt ein Vicrtclstündchen, und so kommt man sachte gegen 1 Uhr nach Hause. Am andern Tage sitzt man, nichts Böses ahnend, da und liest die Zeitung, und da hält einem dann die teure Gattin den Vcrsammlungsbericht vor die Nase, wo in der letzte» Zeile steht:„Schluß der Sitzung 9 Uhr."«Und Du bist erst um 1 Uhr aus der Versammlung heimgekommen?" Natürlich gicbt es dann eine unangenehme Auseinandersetzung. Was liegt der Preffc daran,„Schluß 9 Uhr" zu schreiben."— Der Antrag fand die allgemeinste Unterstützung, und der Vorsitzende übermittelte ihn unter vieler Heiterkeit den anwesenden Vertretern der Presse.— gc. Ter Bieuciibaum. In seinem soeben erschienenen Werke „Pflanzer- und Jägerlcben auf Sumatra"(Berliu, Wilhelm Süsse- rot), schildert Edlvard Otta in anschaulicher Weise, wie sich der Mala!?« zum Versüßen seines Daseins den Honig von himmelhoch- anstrebenden, säulcnartigcn, glatten Bäumen, den TnalaugS, herunterholt. Ter Tualang oder Bienenbaum ist einer der häufigsten und gigantischtcn Vertreter der Flora Sumatras, ein Baum mit mächtigen, sich über die Erde erhebenden Wurzelscitenstreben, die, Bretterwänden vergleichbar, den Stamm sternartig umgeben und gcwiffermaßcn als breiter Fuß gegen das Umfallen schützen; aus diesem heraus hebt sich der hellgraue Stamm von!>0— HO Meter Höhe, schlank, glatt und säulenartig ohne jede Astbildung, einem mächtigen Fabrikschoriistcin vergleichbar, während sich oben erst in schwindelnder Höhe die verhältnismäßig kleine Krone des BaumeS bildet. Nach Landcsgcsctz darf der Bienenbaum, als geweiht, ebenso wenig wie alle Fruchthäume, der Axt oder dem Feuer zum Opfer fallen, denn an ihn hängen die Honigbienen ihre sackartig» großen Waben, und zwar stets an den unteren, größten, von der Erde etwa 45 Meter entfernten Arsten auf. Sind die Waben mit Honig ge- füllt und hat der Malaye sich nun nicht mehr vor den Angriffen der Bienen zu fürchten, so beginnt er den Säulenstannn zu besteigen. Hierzu schneidet er sich aus„Nibuug-Palmholz" Nägel von knapp Fußlänge, treibt diese, die er bündclartig oder im Sarong rnif dem Rücken trägt, in kurzen Abständen, den Sprossen einer Leiter ähn- lich, in den Stamm und steigt so langsam Höher seinem Ziele ent- gegen, was oft Tage in Anspruch nimnit. Es ist dies für den Fremden, den Europäer ein höchst unbehaglicher, wenn auch äußerst interessanter Anblick, denn der plötzliche Bruch einer Sprosse würde den unfehlbaren Tod durch Absturz zur Folge haben, jedoch kommt dies fast nie vor, denn der Malaye verstehl es, sein Körpergewicht genau auf alle Sprossen, die er ergreift oder betritt, staunenswert sicher zu verteilen, wohingegen der Europäer diese Leistung nie und nimmer fertigbringen wird.— — Ucber das Aussterben der Biber in Amerika schreibt „Stangens Verkehrs-Zeitung": Es fft bezeichnend, daß der Wild- kommissär deS Staates Colorado sich veranlaßt gesehen hat, be- sondere Maßnahmen zu treffen, um das Töten der letzten Biber, die es in diesem Staate noch gicbt. möglichst zu verhindern. Nicht, als ob Colorado ein wichtiger Biberstaat wäre oder es jemals in be- sonderem Maße gewesen wäre. Heute sind vollends nur noch ganz wenige dieser in Geschichte und Sage so berühmten Tiere hier zu finde»; aber gerade der Versuch, diese wenige» noch zu erhalten, kann daran erinnern, wie trostlos es mit dem Biberbestande in den Ver- einigten Staaten heute steht, fast noch trostloser als mit dem Büffel- bestände! Ob künstliche Biberzüchtungen, wie sie da und dort in neuerer Zeit unternommen wurden, daran viel ändern werden, muß noch dahingestellt bleiben. Tie meisten Biber, welche der Staat Colorado«odi aufweist, sind im County Routt zu finden, und diesen gelten spccicll die neuerlichen Schutzmastnahmen. Einige gicbt es auch noch nn County Mcsa, und einige andre— so viel man weist. zwei— im County Jcffersonl Autorität hinsichtlich dieser Biber, und wahrscheinlich in der Geschichte der Biber der Vereinigten Staaten überhaupt, ist heute der alte Jndiancrkämpfer und Späher Wiggins, welcher seiner Zeit als Biberfallenstcllcr seinen Lebensunterhalt er- warb. Wiggins betam in früheren Tagen für ein Biberfell 8 Dollar: aber gegenwärtig sind diese Felle, wie er sagt, beinahe zu keinem Preise erhältlich. Ein Büffelfcll, für welches er früher 3 Dollar erhielt. ist in unsrcr Zeit CO vis 70 Dollar wert, aber Biberfelle sind noch seltener geworden, lieber den Wert eines echten Biberfelles lästt sich daher nichts Bestimmtes sagen. Früher zu den populärsten Tieren Nordamerikas gehörend, sind die Biber heute sehr vielen Amerikanern vollkommen fremd geworden, und WiggniS mustte als Sachverständiger herbeigeholt werden, uni zwei der in Colorado noch bemerkten Tiere, welche bei Hellem Mondschein sich in« Wasser des Oskarflusscs vergnügten und junge Pappeln fällten, deren Holz sie gern fressen, als Biber zu identificieren. Für die meisten ist der Biber nur noä> ein Name; höchstens verbindet sich damit der Begriff eines Pelzes, dessen Echtheit mehr als zweifelhaft ist.— Völkerkunde. w. Der Reinigungseid bei den S a m oje d c n. Von Verbrechen in dem Sinne, tvie man sie bei den civilisicrtcn Völkern versteht, ist bei den Samojcde» fast gar nicht die Rede. Ter Diebstahl ist eine sehr seltene Erscheinung und wird aufs strengste verfolgt. In Diebstahl-, Betrug- und Streitfragen svictt der Reini- gungseid ein.c sehr wichtige Rolle. Es aievt mehrere Arten Reinigungscide. Derjenige, welcher sich von einem Verdacht befreien will, tüstt das Fell der Vorderpfote eines Bären, indem er dabei spricht:„Wenn ich unwahr rede, so möge mich der Bär zerreiste»." Wer solch' einen Cid abgelegt hat, wird für unschuldig erklärt. Wenn aber im Laufe der Zeit der Bär einen, der solch' einen Eid geleistet, auf der Hagd auch nur ritzt, so nvird er sogleich als schuldig ciknnnt und niufz unbedingt den Schadensersatz übernehmen in der Angelegenheit. in welcher er in Verdacht gestanden und von welcher er sich durch d.n Rcinigungscid hatte vefreiei� wollen. Andre tüjsen ein Stii.k Eis aus rVu Gewässern, die die Samojeden für heilig halrcn, indem sie dazu sprechen:„Wenn ich unwahr rede, so möge das Wasser unter dein Eise mich verschlingen." Eine dritte Art ist die: Der Älägcr nimmt mit der einen Hand die Zungenspitze seines Gegners zwischen zwei Finger, zerschneidet dabei mit der andern Hand mit einen. Messer den Schnee oder den Erdboden und spricht dabei: „Warn Du unwahr sprichst, so möge Deine Zunge zerfallen in Stücke wie der von mir zerschnittene Schnee." Wenn zwei ihr Versprechen durch Eid bekräftigen wollen, so nehmen sie gegenseitig die Zungen- spitzen zwischen die Finger, stecken eine Mefferspitze in den Erdboden oder Schnee und sprechen hierzu:„Wer sein Wort nicht hält, dem erstarre die Zunge und hänge zum Munde heraus bis zur Erde, wie dies.'-. Messer ttn Schnee." Alle diese Eide sind von höchster Be- dcuti.ng bei o.n Samojeden; jeder Schuldige zieht es vor, lieber sein Vergehen einzugestehen, wenn er es begangen, als einen Meineid zu le'st.n, lieber alles Astögliche zu ertragen, als sein Wort tiicht zu halten.— Technisches. gr. Ausnutzung der Dachflächen für Garten- anlagen. Wenngleich die teuren Grund- und Bodeuverhältuisse der Groststädte es dahin gebracht haben, daß man beim Bau der Häuser auf eine möglichst weitgehende Ausnutzung des Platzes Bc- dacht nimmt, so»inj; cS doch eigentümlich berühren, das; man bei ims nur in äußerst seltenen Fällen auch daran denkt, die Flächen der Dächer unsrer Gebäude zu verwerten. Es wäre wünschenswert, wenn man mehr darauf bedacht wäre, die Dachflächen durch Anlage von Gärten nsiv. zweckmäßig auszunutzen, da man dann den Haus- bctvohnern auf billige und bequeme Weise manche Annehmlichkeit bereiten könnte: auch wäre es möglich, im Sommer aus solchen Gärten ans dem Dache des Hauses den Betrieb v> Restaurants usw. zu bc- atürlich eine entsprechende Zwecke haben sich nun die wirken. Die Voraussetzung hierfür wäre Ausführung des Daches. Für derartige sogenannten Holzccmcnt-Tächcr als sehr Zweckmäßig erwiesen. Da die Holzkonftnikrion des Dachstuhls bei den fast wagerccht ausgc- führten Holzccinent-Dächern sehr einfach ist, so bietet die ent- sprechende Ausführung der gesamten Dachanlage zur späteren Auf- nähme von Gärten keine besonderen Schlvierigkeitcn. Tie Horn- artig elastische Holzcemcntmasse, die ungeachtet ihrer andauernden Biegsamkeit eine mctallartigc Härte annimmt, läßt sich ohne Naht und Fuge als ein Ganzes über das Gebäude ausbreiten; man erhält so ein wasserdichtes Dach, das in Bezug auf Fcuersichcrheit. Abschluß gegen Staub. Ruß, Schnee, llngeziefer nsiv. den Iveirgeh-ndsten An- sordcrungen zu genügen vermag. Ist so die fast lvagercchtc Dachfläche ans Holzccment hergestellt, so bringt man daraus eine Kiesdecke und, wenn Gartenanlagcn ans dem Dache entstehen sollen, noch die nötige Menge Erde und die erforderlichen Anpflanzungen. Bon derartigen Dächern hat man nicht nur eine gute Fernsicht, sondern nimi kann von hier aus auch, wenn benachbarte Gebäude in Brand geraten sind, oft das Feuer bequem und sehr erfolgreich bekämpfen. Gegenüber beu meist ndlichen Eindeckungei! der Dächer durch Ziegel, Schiefer, Dackpappe und Metall bietet das Holzccincnt-Dach den Borteil, daß inan weniger Material braucht, da ja die andern Dacharten wcsent- Verantwortlicher Nedalleur lich steiler errichtet werden müssen und daher größere Flächen auf- weisen. Infolge der flachen Gestaltung des Holzcement-Daches ist dieses wieder bedeutend weniger den zerstörenden Einflüssen von Wind und Sturm ausgesetzt, als die steileren andern Dacharten. Gegen- über den teuren Metaltdächcrn bat da? Dach ans Holzecmcnt den Vorzug, die darunter liegenden Räumlichteiten, die infolge der fast tvagcrcchtcn Decke sehr gut zu Wohn- und ähnlichen Zivcckcn benutzt werden können, im Sommer vor zu großer Erwärmung zu schützen, während dagegen die Abkühlung im Winter eine verhältnismäßig geringe ist. Bekanntlich ist das Geräusch, das durch das Aufschlagen von Hagel, Schnee und Regen auf die Tachslächen entsteht, oft sehr störend. In dieser Hinsicht hat aber tvicder die Bedachung mit Holz- ccment de» Vorzug, schalldämpfend zu wirken. DaS Holzccment- Dach, das einen gut wirkenden HanSabschlnß ermöglicht, kann natür- lich durch Berzicrnngcn mannigfacher Art eingefaßt werden, die bei der Ausnutzung solcher Dachflächen für Gartenanlagen usw. den Menschen den erforderlichen Schutz gegen die Möglichkeit des Hcrunterstürzcns gewähren.— Humoristisches. — Wahres Geschichtchen. In der vierten Klasse hat der Lehrer eben Sprichwörter behandelt. „Run, Kinder," ivendet er sich an diese,„nennt selbst Sprich- Wörter!" Sofort meldet sich der neniijährige Otto: „Harte Thaler und junge Weiber Sind die besten Zeitvertreiber!"— — Eine, die s i cki gelvaschen hat! Junge Frau: „Es ist nicht mehr ausznhaltcn mit meinem Manul Ueberall, wo ivir auf der Hochzeitsreise noch hingekommen sind, fängt er lv e g e n der paar Liebhaber Skandal an!"— — Unerwarteter Erfolg. G h m n a s i a l p r o f e s s o r: „Ich habe die ebenso dringende als auch schmerzlichbewegcnde Pflicht zu erfülle», Ihnen. Herr Hubcr, die traurige Nachricht zu übermitteln. daß ich mich genötigt sah. Ihrem Sohn Fritz wegen andauernder Nichtmachung der ihm von mir vorschriftsgemäß auf- erlegten Schulausgaben, einen Strafzettel während des gestrigen Unterrichtes zu verabfolgen. Heute gelang es nun der Macht meiner Rede, seinem verruchten Munde das Geständnis zu entreißen, daß er vermittelst einer Fälschung Ihren werten NamenSzug selbst an- zufertigen die Frechheit hatte, angeblich, um Ihnen die für Sie ans seiner Bestrafling resultiert haben würdcnde seelische Erregung zu ersparen." I soag's ja immer, der Bub hat a —(„Jugend".) Der Vater: goldenes Herz. Notizen. — Der neue Sudermann:„ S o k r a t e s der Sturm- gesell" ivird in der nächsten Saison eine der ersten Novitäten des L e s s i n g- T h e a t e r s sein.— — Die Aufführungen von Paul H e h s e s„M a r i a von Magdala" durch den G o e t h e- B u n d finden am 10., 20. labendS) und eventuell am 21. Mai(mittags 12 Uhr) im L e s s i n g- Theater statt. Der Zutritt ist, außer den besonders Eingeladenen. nur Mitgliedern des Goethc-Bundes gestattet.— —„Lustige Ehe in ä n n e r", dreiaktigcr Schwank von A. Mars und A. Barr«, tvird vom R e s i d e n z- T h e a t e r als nächste Neuheit herausgebracht werden.— — Maeterlincks„Pelleas u n d Mclisande" hatte bei der Aufführung im Wiener Deutschen Volks-Tbeater. durch das Renihardtsche Ensemble aus Berlin, keinen Erfolg. — Die Ludwig R i ch t e r- A u s st e l l u n g, die einen Teil der diesjährigen Dresden c r Kunstausstellung bildet, enthält über 000 Blätter imd sämtliche Oclbilder Richters.— — D i e U r a» i a- S t e r n w a r t e ist vom 1. Mai ab täglich von 7—11 Uhr abends den Besuchern geöffnet. Es wird darauf hmgewiesen, daß die Sternwarte direkt von, Terrain der großen KtinstmlSstellimg ans betreten werden kann. Den Besuchern ivird täglich der Mars gezeigt, der nur noch kurze Zeit günstig zu beobachten ist. ferner die Venns, verschiedene Doppelsterne und Stcrnhalifcn. sowie in dieser Woche der Mond.— — Das Vorkommen des Gorilla ist in dem Viilkangebiet zwischen dem Küvu- und Albert-Edwardsee(Ostafrika) beobachtet worden.— — Mittel gegen den Pips. Als einfaches und sicheres Mittel gegen den Pips der Hühner tvird folgendes empfohlen: Man nehme einen Eierbecher voll Essig und löse darin ein Stückchen Würfelzucker ans. Von dieser Mischung gieße man dem kranken Tiere öfters am Tnge, je nach Bedürfnis in den Schnabel. Das Tier muß separat warm sitzen, am besten in einem warmen 5lorb oder Kasten.— Die nächste Nmnmer -onntag, den 10. Mai. des Unterhalttingsblattes erscheint an, Carl Leid in Becun.— Druck und Verlag: Vorwürls Buchdruckerei und Verlagsaiijlalt P«>i Singer sc Co., Berlin älf,