Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 92. Dienstag, den 12. Mai. 1903 (Nachdruck verboten.) u] Das Geld, Roman von Emile Zola. „Zu welchem Kurs die Universelle?" fragte Mazaud mit ferner dünnen Stimme., die mit ihrem grellen Klang das Brüllen des Kollegen übertönte, wie der Flötenton aus der Cellobegleitung herausgehört wird. Da schlug Delarocgue den gestrigen Kurs vor. „Zu dreitausendunddreistig nehme ich Universelle." Aber sofort wurde er von einem andren Makler überboten: „Zu dreitausendundfünfunddreißig nehme ich Uni- Verselle." Dies war der Kurs an der Coulisse? diese Nachfrage vereitelte jedenfalls die von Delarocgue beabsichtigte Arbitrage: am Parkett kaufen und rasch an der Coulisse verkaufen, um den Unterschied von fünf Franken einzustreichen. Deshalb raffte Mazaud sich auf und rief, der Zustimmung Saccards gewiß: „Zu dreitmiseiidundvierzig kaufe ich... Ich nehme Universelle zu dreitausendundvierzig." „Wie viel Stück?" mußte Jacoby fragen. „Dreihundert," scholl es zurück. Beide schrieben einige Worte in ihr Notizbuch. Der Handel war abgeschlossen, der Anfangskurs mit einer Auf- besserung von� zehn Frank von gestern festgesetzt. Mazaud trat auf die Seite und gab demjenigen Kommissar die Ziffer an, der die Universelle in seinem Buche hatte. Und zwanzig Minuten lang war es, als habe sich eine Schleuse aufgeschlossen: auch die übrigen Kurse wurden allmählich festgestellt, und die schwere Menge der von den Maklern mitgebrachten Orders kam ohne �erhebliche Schwankungen zum Abschluß. Auf ihren erhöhten Sitzen hatten die Kommissare die größte Mühe, alle von den Maklern und ihren Commis zugerufenen neuen Kurse einzutragen! denn neben dem Getöse im Parkett war der Kassamarkt ebenfalls in fieberhafter Thätigkeit. Weiter hinten tobte die Rente nicht minder heftig. Seit Eröffnung des Marktes vernahm man etwas mehr als das hochwasserähnliche, ununterbrochene Brausen des Menschcnstroines: über diesem gewaltigen Rollen erhoben sich jetzt die Mißtöne von Angebot und Nachfrage, ein eigenartiges, bald lauter, bald leiser klingendes Gekläff, welches zeitweise nachließ, um sich in ab- gerissenen Tönen wieder zu erheben, wie das Kreischen raub- gieriger Vögel im Sturm. Saccard stand lächelnd vor seinem Pfeiler. Sein Hof- staat hatte noch zugenommen, diese Hausse von zehn Frank hatte die Baisse in Aufregung versetzt, denn seit langer Zeit weissagte man auf den Stichtag einen Krach der Universelle. Huret war mit Ssdille und Kolb näher getreten und beklagte mit erheuchelter Trauer die Vorsicht, welche ihn veranlaßt hätte, seine Stücke schon zum Kurs von zweitausendfünf- hundert zu verkaufen. Taigremont that, als ob ihn die ganze Sache nichts, anginge, und wandelte Arm in Arm mit dem Marquis de Bohain auf und ab, welchem er in fröhlicher Stininiung die Niederlage seines Stalles bei den Herbst- rennen erzählte. Am lautesten jubelte Maugendre: er überhäufte den Hauptmann Chave mit Vorwürfen, dieser aber verharrte trotzdem in seinem Pessimismus und sagte, man müsse das Ende abwarten. Der gleiche Auftritt wiederholte sich zwischen dem prahlerischen Pillerault und dem schwarz- galligen Moser: der eine strahlte über dieses wahnsinnige Emporschnellen, der andre ballte die Fäuste und verglich diese hartnäckige, einfältige Hausse niit einem wütenden Raubtier, mit dem man doch noch fertig werden müßte. Eine Stunde verstrich, die Kurse blieben sich ziemlich gleich. Das Geschäft ging im Parkett etwas flauer, je nach dem Einlaufen neuer Aufträge und neuer Depeschen. So pflegte um die Mitte jeder Börse eine Art Erlahmung ein- zutreten, ein Stillstand der laufenden Geschäfte bis zum Be- ginn des Entscheidungskampfes um den letzten Kurs. Gleich- wohl war Jacobys dumpfes Brüllen immer noch zu vernehmen, zwischen hinein klangen die schrillen Töne Mazauds. Beide waren mit Prämiengeschäften beschäftigt:„Ich gebe Uni- verselle Vorprämie dreitausendundvierzig, oder fünfzehn... Ich nehme Universelle Vorprämie dreitausendundvierzig, oder zehn... Wie viel?... fünfundzwanzig!... Von Ihnen!" Es waren vermutlich die Orders Fayeux', die Mazaud in diesem Augenblick ausführte, denn zur Beschränkung des Ver- lustes pflegten viele Käufer aus der Provinz mit Vorprämie zu kaufen und zu verkaufen, ehe sie sich zu festen Geschäften verstiegen. Plötzlich lief ein Gerücht um und erhoben sich laut ausgestoßene Rufe: die Universelle war um fünf Frank gesunken. Schlag auf Schlag sank sie um zehn, um fünfzehn Frank, bis auf dreitauscndundfünsundzwanzig. In eben diesem Augenblicke flüsterte Jantrou, der nach kürzer Abwesenheit wieder auftauchte, Saccard ins Ohr, die Baronin Sandorff warte noch in ihrem Wagen Rue Brongniart und lasse fragen, ob sie verkaufen sollte. Diese gerade auf den Zeitpunkt des Weichens der Kurse fallende Anfrage erbitterte ihn aufs höchste. In Gedanken sah er den regungslosen Kutscher auf seinem Sitz, während die Baronin hinter den aufgezogenen Wageufenstern wie zu Hause ihr Notizbuch studierte. Er antwortete barsch: „Sie soll mich in Ruhe lassen! Verkauft sie, so bringe ich sie um." Bei der Nachricht der Baisse von fünfzehn Frank eilte Massias wie auf einen Alarmruf herbei, da er wohl merkte, man würde ihn bald uötig brauchen. In der That begann Saccard, welcher, um den letzten Kurs eniporzutreiben. einen Coup ins Werk gesetzt hatte,— eine Depesche aus der Lyoner Börse, wo die Hausse sicher war,— über das Ausbleiben dieses Telegramms unruhig zu werden. Denn dieses un- vorhergesehene Sinken um fünfzehn Frank konnte eine schwere Niederlage herbeiführen. Mit großem Geschick stieß ihn Massias mit dem Ellbogen an, streckte das Ohr vor und empfing seine Order, ohne stehen zu bleiben. „Schnell! Nathansohn soll vierhundert, fünfhundert nehmen, so viel nötig sind!" Dieses war so rasch geschehen, daß Pillerault und Moser allein etwas merkten. Sie stürzten Massias nach, um sich zu überzeugen. Seitdem Massias im Dienste der Universelle war, hatte er eine sehr große Bedeutung erlangt. Man suchte ihn aus- zuhorchen und über seiner Schulter die von ihm empfangenen Orders zu lesen. Jetzt erzielte er sogar prächtige Gewinne 'für sich. Mit der lächelnden Gutmütigkeit eines bisher vom Schicksal hart behandelten Pechvogels wunderte er sich dar- über und erklärte, eigentlich sei das Hundeleben an der Börse ganz erträglich, und nian brauche mich gerade kein Jude zu sein, um Erfolg zu haben. Bei der Coulisse, in dem eisigen Luftstrom unter dem Säulengang, dem die blasse Dreiuhrsonne nur geringe Wärme zu geben vermochte, war die Universelle weniger rasch gesunken. Infolgedessen war es Nathansohn, der rechtzeitig von seinen Kommissionären benachrichtigt worden war, gelungen, die Arbitrage, die bei der Eröffnung der Börse drinnen im Saal Telarocgiie nüßlungen war, zu erzielen: er kaufte im Saal zu dreitausendundfüufundzwanzig und hatte unter der Kolonnade zu dreitausendundfünfunddreißig verkauft. Dazu brauchte er keine drei Minuten und verdiente sechzigtausend Frank. Vermöge der gegenseitigen Wechselwirkung beider Märkte, des gesetzlichem und des geduldeten Marktes, trieb dieser Kauf Nathansohns im Parkett die Universelle wieder auf dreitauscndunddreißig. Das Hinundhergaloppieren der durch die Menge aus dem Saal sich zur Säulenhalle hindurch- drängenden Conimis wollte kein Ende nehmen. Gleichwohl >oar der Kurs an der Coulisse im Begriff zu weichen, als ihn die Massias überbrachte Order auf dreitausendundfünfund- dreißig hielt und sogar auf drcitausendundvierzig� erhöhte, während im Parkett das Papier gleichfalls seinen ersten Kurs wieder erlangte. Aber eS mußte schwer fallen, denselben aufrecht zu erhalten! denn offenbar bestand die Taktik Jacobys und der übrigen Vertreter der Baissepartei darin, die großen Verkäufe auf den Börsenschluß zu versparen, um mit einem Male den Markt zu überschwenimen und im Wirrwarr der letzten halben Stunde einen jähen Zusammenbruch herbei- zuführen. Saccard begriff die Gefahr so deutlich, daß er ©oBatani, der ein paar Schritte von ihm in der gleichgültigen und schlaffen Haltung eines Weiberhelden seine Cigarre rauchte, einen verabredeten Wink gab. Sofort schlich dieser mit schlangenartiger Geschmeidigkeit zur Guitarre hin� wo er die Kurse mit gespanntem Ohre verfolgte und auf den grünen Zetteln, die er in Menge vorrätig hatte, ohne Unterlaß Auf- träge an Mazaud gab. Trotz alledem war der Angriff so ge- waltig. daß die Universelle wieder um fünf Frank nachgab. Es schlug Treiviertel, nur noch eine Viertelstunde blieb bis zuni Bvrsenschluß übrig. In diesem Augenblick wirbelte die schreiende Menge, wie von irgend einer Höllenqual ge- peitscht, wild durcheinander; ein heiseres Gebell und Gebrüll scholl aus dem Parkett, als würde auf zerschlagenen Kupfer- kesseln getrommelt, und setzt trat der von Saccard so angst- voll erwartete Zwischenfall ein. Der kleine Flory, der von Anfang an alle zehn Minuten mit vollen Händen aus dein Telegraphenamt gekommen war, drängte sich eilig durch die Menge und las ein Telegramm, welches ihn hoch zu entzücken schien. „Mazaud! Mazaud!" rief da eine Stimme. Selbswerständlich schaute Flory um, als habe man ihn beim eignen Namen gerufen. Jantrou war es, der die Nach- richt wissen wollte. Aber der Commis stieß ihn beiseite, er hatte gar zu große Eile und gab sich ganz der Freude hin, daß die Universelle mit einer Hausse schließen würde; das Tele- gramm meldete nämlich, daß dieser Wert an der Lyoner Börse in die Höhe ging und so erhebliche Käufe daselbst stattgefunden hätten, daß der Rückschlag an der Pariser Börse fühlbar werden mußte. In der That trafen bereits weitere Telegramme ein, viele Agenten empfingen Aufträge. Eine erhebliche Wirkung zeigte sich sofort. „Zu dreitausendlindvierzig nehme ich llmverselle/ wiederholte Mazaud mit seiner schrillen Diskantstimme. Delarocque, von der Nachfrage überflutet, schlug um fünf Frank auf: „Zu dreitausendundfünfundvicrzig kaufe ich..." „Zu dreitausendundfünfundvierzig gebe ich," brüllte Jacoby.„Zweihundert Stück zu dreitausendundfünfuud- vierzig." „Angenommen!" Jetzt mußte Mazaud selbst in die Höhe gehen: „Zu dreitausenduudfünfzig kaufe ich." „Wie viel?" „Fünfhundert... Von Ihnen..." Mittlerweile wuchs unter epileptischen Geberden der schauderhafte Lärm derart, daß selbst die Makler einander nicht mehr verstanden. So setzten sie denn, von der Raserei ihres handwerksmäßigen Eifers fortgerissen, ihre Verhand- lungen in Zeichensprache fort, da ja die hohlen Bässe der einen versagten und die Flötenstimmen der andren quiekend um- schstlgen. Man sah weit geöffnete Lippen, und kein vernehm- barer Laut schien herauszukommen, während die Hände allein sprachen: eine Handbewegung von innen nach außen gab, eine andre von außen nach innen nahm, die emporgehobenen Finger bezeichneten die Stückzahl; eine Kopfbewegung sagte„Ja" oder„Nein". Das war einer jener nur für Eingeweihte verständlichen Anfälle von Wahnsinn, wie sie einer ganzen Menschenmenge sich plötzlich bemächtigen. Von der Tele- graphengalerie schauten Frauenköpfe mit angstvoller Ver- wunderung auf das ungewohnte Schauspiel_ herab. Beim Rentenmarkt konnte man meinen, daß eine Rauferei iin Gange war: im dichtesten Gewühl schlug ein Knäuel von Menschen wie rasend um sich, während die über diese Seite des Saales sich ergießende Doppelströmung die fortwährend auf und ab wogenden Gruppen teilte und beiseite schob. Zwischen dem Kassamarkt und dem Parkett waren die drei Kommissare auf ihren hohen Sitzen gleichsam die einzigen Trümmer, die aus den sturmgepeitschten Wogen jenes Meeres von Köpfen mit den großen, weißen Flecken ihrer aufgeschlagenen Bücher her- ausragten und durch die raschen Schwankungen der ihnen zu- gerufenen Kurse bald nach rechts, bald nach links gezerrt wurden. Am buntesten ging es beim Kassamarkt zu: eine dichte Masse wildflatternder Mähnen, kein einziges Gesicht. nichts als ein dunkles Gewimmel, in welchem die hellen Blättchen der in der Luft geschwungenen Notizbücher die einzigen Lichtpunkte bildeten. Das Parkett dagegen war von den zerknitterten Auftragzetteln wie mit bunten Blumen über- sät und rings von ergrauenden Köpfen oder schimmernden Glatzen umgeben; hier, in dem breiteren Ralim, waren die bleichen, verstörten Gesichter, die krampfhaft vorgestreckten Hände und das ganze Hinundhertanzen der Körper zu er- kennen, und es hatte den Anschein, als ob die Leute einander aufgefressen haben würden, wenn die Brüstung nicht dazwischen gewesen wäre. Diese tolle Aufregung der letzten Minuten hatte übrigens das Publikum ebenfalls ergriffen; man erdrückte sich förmlich im Saale, es war ein dröhnendes, regelloses Stampfen, als ob eine große Herde durch einen zu schmalen Gang getrieben würde; im Halbdunkel verschwanden die Körper, so daß nur die blanken Seidenhüte in dem matten Lichte schimmerten, welches vom Glasdache herabfiel. Plötzlich klang ein Glockenton durch das Getöse. Mit einem Male wurde alles ruhig, die Geberden hörten auf, die Sfimmen schwiegen, beim Kassamarkt, bei der Rente und am Parkett. Es blieb nur noch das dumpfe Brausen des sich ver- laufenden Publikums, dem fortwährenden Rauschen eines in sein Bett zurückgekehrten und langsam verrinnenden Berg- stromes vergleichbar. In der immer noch andauernden Auf- regung gingen die letzten Kurse von Mund zu Mund: die Universelle war auf dreitausendundsechzig gestiegen, wieder dreißig Frank höher als am Tage vorher. Die Niederlage der Kontermine war eine gründliche, der Stichtag fiel wieder einmal unheilvoll für sie aus, da die Differenzen des letzten Halbmonats ganz bedeutende Summen betragen würden. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die JNtacbwclt. Von Emil R o s e n o w. Dem lleincn Orte hatte der Aprilsturm beträchtlichen Schaden gethan. Alltäglich hatte er Schnee oder Hagel gebracht. Die ersten Triebe in den Obstbäumen waren erfroren, und die Bauern standen sorgenvoll, um ihre Saat lamentierend, bei den Feldern. Wie zum Hohne pfiff der Aprilsturm nur um so heftiger, rüttelte mi Fenstern und Thüre», deckte die Dachziegel ab und eines schönen Tages warf er mit mächtigem Gepolter dem Pastor den Gockelhahn vom Kirchturm dicht vor die Haustür. Ter Pastor behauptete, dies sei des Teufels Werk, sprach ein Gebet und besah sich dann den Schaden. Der Gockel war total ausgerostet, so daß man ihn nicht mehr verwenden konnte. Na, ließ man's halt so. Da laut er aber schön an. Den Ortsleuten war der Gockelhahn und die Turmuhr die Hauptsache an der ganzen Kirche. Denn wo man ging oder stand, immer sah man, woher der Wind kam und welche Zeit des Tages es war. So hielt denn der Kirchenvorstand eine Sitzung ab; es wurde beschlossen, den Gockel alsbald wiedec zu seinen alten Ehren zu bringen. Der Schlosser- und Klempnermeister Weigelt, der Mitglied des Kirchenvorstandes war. wurde mit der Reparatur beauftragt. Ter stellte sich vor die Kirche, äugte den Kirchturm empor, schüttelte sich und sagte:„Ich wer' meinen Gesellen'ausschicken." Die Vorstandsmitglieder stutzten. Nach einer Weile meinte der Pastor:„Hm, Meister Wcigeit, wäre es nicht würdiger, wenn Sie selber diese doch gewissermaßen kirchliche Reparatur vornähmen?"' Ter Meister tupfte dem Pastor auf den Rockknopf und ent» schied:„Mei' guter Herr Paster... wenn ich den Hals breche, das kann ich an dem Gockclhahn nich' verdienen." „Wohl, wohl, lieber Meister," erwiderte der Pastor.„?lber es wird Ihnen selbst nicht unbekannt sein, daß Ihr Geselle aus der Großstadt ist. Daß er ein frcigeistiger Mensch ist..." Der ganze Kirchenvorstand stimmte zu. „Daß er aufrührerische Reden führt., Allgemeine Zustimmung. „Daß er niemals den Gottesdienst besucht... Zustimmung. „Daß er ein gottloser Mensch ist und uns alle beleidigt hat, indem er im Gailhof„Zur Bleibe" unser schönes Oertchen ein Bauernkaff sckumpstc." „Der darf den Gockel nich''aufsetzen," sagten sie alle wie aus einem Munde. Ter Meister überlegte eine Weile. Dann entschied er:„Wißt Ihr... um den Hals zu brechen, is''r lange gut genug." Das leuchtete schließlich auch dem Kirchenvorstand ein. und so wurde denn beschlossen, der Geselle solle die Reparatur machen. Meister Weigelt nahm den Gockelhahn mit in die Werlstatt. und des Nachmittags sahen die Ortsleute, die sich fast vollzählig vor der Kirche versammelt hatten, um sich die Augenweide des hals- brecherischen Schauspiels nicht entgehen zu lassen, wie Meister Weigelts Geselle, ein frischer, munterer Bursch. mit Letter, Werk- zeug und Gockclhahn in den Glockenturm ging. Nach einer Weile sah man seinen Kopf vergnügt aus der obersten Turmlucke heraus- schauen. Aber er schien gar keine Lust zu haben, den Hals zu brechen, Vorsichtig prüfte er die eisernen Tachhaken, dann hängte er seine Leiter an und kletterte behutsam zur Spitze hinauf. Alsbald aber kam er wieder herab, und nach einer Weile ging der Meister Weigelt bedächtig inS Pfarrhaus hinüber und verkündete dem Pastor: „Herr Paster, was mein Geselle is'. der spricht, er könnte den Gockelhahn nur festmachen, wenn der Turmknopp abgenommen würde. Das verteuert die Reparatur, aber's hält ooch besser." Das gab nun erst noch eine lange Sitzung mit dem Kirchen- vorstand. Endlich war's genehmigt. Wieder sah man den Gesellen am Dache klettern und nach einiger Zeit hatte er auch richtig den Turmknopf abgenommen und schleppte ihn vorsichtig durch die Dachluke. Aus dem Fenster der Kirchschulstube hatte der Kantor der Sache zugeschaut. Plötzlich hatte er einen Einfall. Mit langen Schritten kam er zum Pfarrhof hinüber. „Herr Pastor." sagte er,«ein weihevoller Augenblick." „Wieso, Kanter?" „Der Turmknopp is' abgenommen worden." „Nun?" „Noch immer ist es Sitte und Brauch gewesen, daß vergangene Geschlechter der Nachwelt Kunde thaten von sich und ihrem Wirken, indem sie dem Kirchturmknopp Dokumente ihrer Zeit anvertrauten." Der Pastor stutzte. „Herr Paster." rief der Kantor pathetisch,„laht uns den Kirch- turmknopp öffnen." Wie der Kantor vorschlug, so geschah's. In feierlichem Zuge gingen der Pastor, der Kantor und die Kirchenvorstandsmiiglieder in die Sakristei hinüber. Meister Weigelt und der Geselle mutzten den Turmknopf herbeischaffen. Mit der Lötlampe wurde die Wer- lötung dnrchschmolzen und der Knopf geöffnet. Mit Spannung folgten alle der Entwicklung der Arbeit. Im Stillen dachte jeder: wenn wir uns bloß nicht blamieren, am Ende ist gar nichts drin. Da... der Knopf gab nach und fiel auseinander und da... ein allgemeines Ahl— eine Rolle fiel auf den Tisch. Fcierlicb trat der Pastor vor, faltete die Hände und sprach ein Gebet. Dann nahm er die Rolle, entfaltete sie und las. Sic war bald hundert Jahre alt, enthielt die Namen der da- maligcn Kirchenangestellten und-Vorstände, Mitteilungen über den Personenstand des Ortes, den Viehstand, die sonstigen Besitztümer sowie über einen im Jahre geschehenen großen Hagelschaden. Das Dokument klang in den Wunsch aus, der Kirche möchten zukünftig nur sonnige Tage scheinen. Pause. „Meine Herren," sagte dann der Pastor mit der ihm eignen schönen Feierlichkeit,„Sie sind wohl alle der Uebcrzcugung: von diesem historischen Funde mutz die ganze Welt Kunde erhalten. Das Dokunicnt mutz im Kreisblatt veröffentlicht werden." Sic stimmten ihm alle zu. „Schlietzen Sie die Kapsel," befahl der Pastor. „Halt," sprach da der Kantor.„Herr Paster, soll denn das erhab'ne Beispiel unsrer Vorfahren keine Nacheif'rung finden? Soll'n wir nich' auch der Nachwelt Kunde thun?" Sic waren alle einverstanden. Nur über das Wie gingen die Ansichten auseinander. Endlich kamen sie überein, in den Turm- knöpf zu legen: eine Nummer des Kreisblattcs. eine vom Kantor zu entwerfende Urkunde über Personenstand und Kirchenvermögen sowie die Photographien des Pastors, des Kantors und des Kirchen- ältesten. Der Kantor machte sich sofort über das Schriftstück her. Dann wurde alles sorgsam in die Kapsel gelegt, der Pastor sprach seinen Segen, und der Geselle kletterte mit dem Ganzen wieder die Glocken- stiege empor bis hoch auf den Turm. Nach längerer Zeit war endlich die Reparatur gemacht. Der Knopf sag wieder oben. Der blitzte in den frostigen Strahlen der Aprilsonne, und knarrend drehte sich auf ihm der Gockelhahn. Am Abend sahen die Ortslcute in der„Bleibe" und besprachen das ungewöhnliche Ereignis. Am oberen Ende der Tischreihe sah der Kantor Und hielt einen historischen Vortrag über die früheren Ortszustände. die natürlich viel besser gewesen waren, als die modernen. Er redete über das eingefügte Dokument und mit weicher, melancholischer Stimme sprach er von der Zukunft. Dermaleinst würden sie zufällig das Dokument finden, das Kreis- blatt, seine Photographie... Begeistert schlug er mit der stachen Hand auf den Tisch und schrie: „Ja. ich habe nicht umsonst gelebt, ich habe etwas für die Nach- Welt gcthan. Die Nachwelt wird meiner gedenken!" Am unteren Ende der Tischreihe aber satz Meister WeigeUs Geselle und lobte sich selber. Ha. wie schwindlig war ihm oben ge- Wesen. Aber er hatte sich nicht gefürchtet. Sein Werk war's! Alle sahen ihn bewundernd an und tranken ihm zu:„Prost, Gesell... prost. Gesell." Das ärgerte nun wieder den Meister Weigelt, seinen Gesellen so hofiert zu sehen, und er begann zu sticheln. Das Ganze war doch weiter kein Kunststück. Das machte doch seder Lehrling. Jawoll! Und Zeit genug hatte der Geselle doch gebraucht. Ewig hatte es gedauert, bis endlich der Knopf zugelötet und samt dem Hahn be- festigt war. Da brauchte sich der Gesell' nicht grotz zu thun. Und die Ortsleute, welche fürchteten, den Arbeiter schon zu sehr gelobt zu haben, stimmten dem Meister zu. Auch der Kantor meinte, die Hauptarbeit sei nicht die rohe körperliche des Gesellen, sondern die geistige, die, die das Dokument versaht habe. Dem Gesellen stieg langsam die Zornröte in die Backen. Er hatte auch Wohl einen über den Durst getrunken und so fragte e? malitiös: „Nu. Meester, Sie wer'n entschuld'gen.,» warum ha'm Sie den Gockelhahn denn nich' selber uffgesetzt?" „Weil ich keene Zeit hatte," sagte der Meister trocken. Da kicherte der Geselle und meinte: „Nee, weil Se keene Kurasche hatten." Zur Antwort wollte Meister Weigelt dem Gesellen eine runter» hauen. Ter aber sprang auf, bückte sich und die zum Schlage ausholende Hand des Meisters machte ein Loch in die Luft... Bald hätte Weigelt das Gleichgewicht verloren... Der Geselle aber stand sprungbereit an der offenen Thüre und schrie: „Was Euer Kirchturmknopp is'. da wird sich die Nachwelt überhaupt jvundern! Das Kreisblatt un' das Dokement un' die Fotegrafie'n, die wer'n se nich' finden. Oben uf'm Glockenstuhl. neben dem Schwingebalkcn in der Ecke. Hab' ich den Dreck hin, geschmissen!" Der Kantor kreischte hell auf. Alle hatten sich erhoben. „lln' in den Turmknopp," schrie der Geselle weiter,„da Hab' ich das social'sche Blatt'neingesteckt, da Hab' ich'ncn Artikel'nein- setzen lassen, was daS hier für een Bauernkaff is', was mein Dingerich von'ncm Meester für eenen traurigen Lohn bezahlt. Un' meine Fotcgrafie Hab' ich'neingeftcckt, wie ich se in der Tasche hatte, un' Hab' druffgeschrieben: Dies is' der Mann, der den Gockel- Hahn nff den Kirchturm gesetzt hat, weil die andern keene Kurasche hatten!" Sie stürzten alle über ihn her; aber er war flinker und wie der Wind in Nacht und Nebel davon.-- Sic fanden wirklich die ganze Knopfeinlage auf dem Glocken- stuhl, und der Kirchenvorstand beschloß, Meister Weigelt solle den entheiligten Knopf wieder herabnehmcn. Aber der Meister erklärte, er litte an Wadenkrampf. So blieb denn der Knopf oben und seufzend entschloß man sich, das Urteil über seinen Inhalt der Nachwelt zu überlassen.— Kleines feuilleton« bt. Justus v. Liebig. Am 12. Mai 1803 wurde in Darmstadi I ll st n s Liebig geboren, ein Mann, dessen Wirksamkeit auf unssenschaftlichem Gebiet, dessen unmittelbarer Einfluß aus die Lebenshaltung und gesamte Kulturentwicklung ein ganz gewaltiger gewesen ist. Im Alter von 15 Jahren trat er als Lehrling in eine Apotheke in dem kleinen hessischen Städtchen Heppenheim ein, wo er sich ein Jahr lang mit den Anfangsgründen der Chemie beschäftigte, deren Studium er in den nächsten drei Jahren auf den Universitäten Bonn und Erlangen weiter ftihrte. Zur weiteren Ausbildung wandte er sich im Jahre 1822 nach Paris, wo er durch eine chemische Arbeit die Aufmerksamkeit Alexander v. Humboldts und des hervorragenden französischen Physikers Gay- Lussac auf sich lenkte, der ihn bei seinen weiteren Studien unterstützte. Schon im Jahre 1824, also im Alter von 21 Jahren, erhielt er einen Lehrstuhl für Chemie als außerordentlicher Professor an der Universität Gießen, und zwei Jahre darauf wurde er zum ordentlichen Pro- fessor ernannt. Hier wirkte er bis zum Jahre 1852 und machte Gießen zu einem Mittelpunkt der chemischen Wissenschast. wohin die Lernbegierigen nicht nnr aus ganz Deutschland, sondern aus allen Ländern der Erde zusammenströmten. Im Jahre 1852 folgte er einein Rufe nach München, wo er am 18. Slpril 1873 starb. Seine Bedeutung für die Chemie ist eine ganz umfassende ge- Wesen; sowohl nach der Zahl wie nach dem Werte seiner Eni- deckungen muß er als der fruchtbarste Chemiker seiner Zeit bezeichnet Iverden. Von bekannteren Stossen, die er zuerst darstellte, führen wir nur das Chloroform und das Chloral an, die er bei den Unter- suchungen über die Einwirkung des Chlors auf Alkohol fand. Ge- radezu epochemachend waren seine mit Möhler zusammen an- gestellten Forschungen über die Benzoyl-Verbindungen, von denen eigentlich erst die rationelle Behandlung der organischen Chemie datiert. Am bekanntesten ist L i e b i g aber durch seine Arbeiten über die Ernährung des Pflanzen- und Tierkörpers geworden, denen er sich seit dem Jahre 183S zuwandte. Das Liebig s che Fleisch- extrakt. ein Resultat seiner Untersuchungen über das Fleisch und die Zusammensetzung der Muskelfaser, spielt auch heute im Haus- halt eine wichtige Rolle. Im Jahre 1840 erschien sein Werk.„Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie", dessen Anschauungen nach heftigen Kämpfe» zu allgemeiner Geltung gelangten und geradezu einen Umschwung in der wissenschaftlichen Lehre von: Ackerbau herbeiführten. Es galt damals die sogenannte Humus-Theorie, wonach die Pflanze ihre Nährstoffe jener dunklen Masse entnimmt, die sich beim Verivesen organischer Substanz bildet und allgemein als Humus bezeichnet wird. � Ergänzend trat ihr zwar, nachdem der Stickstoff als der Hauptbestandteil der eigentlich nährenden Pflanzenteile, der Proteinkörper, erkannt war, die Stickstofftheorie zur Seite, und Sprengel lvies schon 1828 nach, daß der Humus nur eine Vermittlerrolle spielt, daß er gleichsam das Reservoir für den Ammoniakgehalt des Bodens bildet, welchen die Pflanze braucht. Der eigentliche Umschwung voll- zog sich aber erst infolge der Arbeiten Liebigs, der auf die Wichtig- keil der Mineralstoffe für die Pflanze hinwies, ohne die übrigen Nährstoffe, die Bedeutung des Stallmistes und des Humus, des Kohlenstoffs und Stickstoffs, deren Entstehen, Vorkommen, Wesen und Wirken er erläuterte, zu unterschätzen. Die mineralischen Bestandteile kann die Pflanze nur dem Boden entnehmen, der allmählig erschöpft werden muß! wird ihm auf dem Wege der Düngung alles wieder zurückgegeben, was ihm durch die Pflanzen einer Ernte eutgangen ist. so steht nichts im Wege, einem Felde stets wieder dieselbe Ernte in gleicher Weise zu entnehmen. Liebigs Anschauungen haben auch noch eine weitere praktische Anwendung in der Landwirtschaft gefunden. Allerdings ist sein Standpunkt ein ganz einseitig chemischer gewesen. Die fortschreitende Erkenntnis der Gesetze der Pflanzenernährung und der koniplizierten Vorgänge im Boden, die nicht nur chemischer Natur sind, sondern an denen auch physikalische Prozesse sowie die Lebensthätigkcit niederer und höherer Organismen teilnehmen, haben in den seitdem verflossenen zwei Menschenaltern unsre Anschauungen in mancher Hinsicht beträchtlich erweitert, aber die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen der moderne landwirtschaftliche Betrieb beruht, sind von Liebig in erster Reihe niitgeschaffen worden. Sein Andenken wird als das eines Groffen im Reiche des Geistes- und als eines Wohl- Ihäters der Menschheit stets in Ehren gehalten werden, und in um so höherem Grade, als die Erkenntnis von seiner Bedeutung sich im Volke verbreitet. Bei socialistischem Betriebe des Landbaues, der wissenschaftlicher und rationeller sein muff, als es heute vielfach bei zrosten und kleinen Grundbesitzern möglich ist, wird dies in stärkstein Ratze der Fall sein.— Ilc. Am Fließ. Im norddeutschen Tieflandc mit seinem ge- ringen Gefälle sind lebhaft flietzende, murmelnde Bäche eine Selten- heit und nur in sehr hügeligen Geländcn zu finde». Sonst nehmen trägere Wasserläufe ihre Stelle ein, in der Umgebung Berlins unter der Bezeichnung Flietze bekannt. Es sind Flützchen, zun? lieber- springen gerade noch zu breit, die am Rande von Gebüsch und Wiesen begleitet werden und sich so in flachen, oft von Wald be- grenzten Thälern weit hinziehen. Das sind dann Landschaften von elegischer Stimmung, wie man sie auf Gemälden, die märkische Landschaften darstellen sollen, häufig genug abkonterfeit sieht. Es ist sag immer dasselbe Flietz mit den gleichen flachen Krümmungen, dem dunklen Wasser, immer denselben Wiesen und denselben schwarz- grünen Linien der in die Ferne verlaufenden Waldränder. Wer als Wanderer nur diese äutzeren Linien auf sich wirken läht, wird sich ?er Monotonie des Eindrucks nicht entziehen können; wer aber mit offenen Augen um sich schaut, wird für elegische Stimmungen nicht viel Zeit behalten, denn wie überall, so herrscht auch am Flietz ein reges Leben, im Wasser, auf der Erde und in der Lufr. In den trüben Fluten spielen Fische unter der Oberfläche, Rot- federn, Plötzen und von allen der Gassenjunge unter den Fischen, der kecke Stichling, der im Bcwutztsein seiner gefährlichen Stacheln am wenigsten scheu ist. Grotze salatartig krause Blätter lassen den Grund des Flietzes stellenweise grün erscheinen. Es sind die Blätter der Seerose, die unter Wasser stets diese eigentümliche Tracht zeigen. Bald werden neue Blätter die Oberfläche erreichen und glatt und glänzend sich ausbreiten— als Tummelplätze für Libellen, Frösche und andres Getier und als Präsentierteller für die herrlichen See- rosenblüten, die als Knospen noch aus dem Grunde schlummern. Auf den nassen Wiesen regen sich die Gräser, Seggen� und Binsen. An den trockeneren Stelle» überwiegen die Gräser, auf den feuchteren die Seggen und andre„sauren Gräser", die dem Land- mann ein Gräuel sind, weil das Vieh sie verschmäht, und auf den tiefsten Stellen, wo das Waffer unter den Fützen klatscht und auch der Kundige sich nur vorsichtig tastend auf dem schwankenden Grunde bewegen kann, weicht die Vegetation der höheren Bliitenpslanze» den dichten, schwammige» Polstern der Sumpfmoose, die bis zum Ufer reichen. Vom Waldrande her verirren sich einzelne Baumgruppen auf die Wiesen, Birken und Kiefern stehen truppweise herum und er- reichen vereinzelt auch das Ufer des Flietzes. Hier aber machen sie der Erle Platz, die sich nur auf sumpfigem �Gelände wohl fühlt und ans diesem Boden nur mit Weiden um den Standort zu kämpfen hat. Unten gewöhnlich strauchartig zerteilt, erheben sich mehrere schlanke Erlenstämme hoch über den Wasserspiegel, um sich dann in ein zierliches Geäst aufzulösen, lieber dem Wasser tanzen Mückenschwärme und aus den Binsen dringt schon der drollige, laute Gesang des Rohrsperlings, lieber uns kreist der Weih und am Waldrande schreit der Eichelhäher. Ab und zu kreuzt ein Flug wilder Enten mit weit vorgestreckten Hälsen und bisweilen selbst ein einsamer Reiher unser Gesichtsfeld.— — Das Dlimpfvianiiio. In der„Kölnischen Zeitung" lesen wir: Es ivar im Jahre 1863. Ein Erfinder hatte die Erlaubnis erhalten, im neuen Pariser CirknS, dem Hippodrome Arnault, ein Dampft pianioo vorzuführen, von dem er loahre Wunder versprach. Die Vor- stellung erfolgte an, 11. Juli. Ganz Paris ivar herbeigeströmt. Der Impresario Arnault kündigte mit lautem Rufe das Erscheinen des Wunderinstruments an, und in die Bahn fuhr ein auf vier Rädern ruhender, von einem Pferde gezogener Kessel, über dem eine Reihe von Röhren nach Art der Hirtenpfeifen der Alten an- gebracht waren. Der Erfinder schürte unter dem Kessel ein Steinkohlenfeuer, drehte das Piston und der Dampf strömte zugleich in alle Rohrpfeiftn. Niemals schlug ein solcher Höllenlärm Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— an menschliche Ohren; nie hat ein Gewitter, ein Erdbeben oder ein Vulkan auch nur die Hälfte des Getöses verursacht, das hier ertönte. Man denke sich die Trompeten von Jericho, geblasen von, Mistral; dazu das Brüllen von 500 lebend verbrennenden Löwen und 1200 be- trunkenen Eseln, und man hat einen schwachen Begriff von der ersten Melodie des Donipfpianonis. Alles hält sich die Ohren, die Kinder schreien, die Frauen werden ohnmächtig, und mehrere Zuhörer eilen ' entsetzt davon.„Was ist los?" fragt Arnault. Der Erfinder dreht aus allen Kräften an den Ventilen und ruft:„Es ist zu stark geheizt." „Genug!" tönt es von allen Seiten. Nur der Bankier Eniilie Cremieux,der so taub war, dah, wenn dieKanone des Hotel des Invalides donnerte, er fragte, ob es schon„halb" schlüge, tritt an den Impresario heran, zeigt auf ein mächtiges Rohr und fragt, ob das eine Tromba oder ein Oorust k piston fei. Plötzlich erfolgt ein gewaltiger Knall: das Pianino ist zersprungen. Alles rennt und flüchtet, und nachdem sich die Dampfwolken zerteilt, sieht man den Erfinder mit einem zerschmetterten Arm inmitten verbogener Röhren und sonsttger Trümmer ohnniächttg an, Boden liegen. Der Pianinokessel war in der Mitte geborsten. Mitleidslos hat danach auch der Künstlerwitz das mitzgliickte Projekt des verunglückten Erfinders ausgebeutet, und der Münchener Verein Hölle führte bald daraus zur unbändigen Heiterkeit seiner Mitglieder und Gäste bei einer karnevalistischen Ver- anstaltung eine Karikatur des Riesen-Dainpfpianinos unter dem ominösen Namen Coaksofenrohr-Kakophonium vor.— Humoristisches. — Frau Schulze im Gebirge:„Wär' das ein schöner Tag zu», Wäsche-Anfhängen!"— — Späte Reue. Kommissar:„30 000 Mark haben Sie defraudiert und jetzt stellen Sie sich selbst. Es ist Ihnen also jetzt das Gewissen erwacht?" Defraudant:„Ja, gestern, wie ich das letzte Zwanzig», ark- stück Hab' wechseln lassen!"— — R e i s e p l ä n e.„Am liebsten machte ich meine Hochzeits- reise nach Aegypten. Wenn nur die lange Seefahrt nicht wäre." „Nun, damit wäre es in Ihren, Falle nicht so schlimm. Die Liebe ist doch das beste Mittel gegen Seekrankheit." „Ja hin— aber zurück?"—(„Simplicissimus".) Notizen. — Die von Prof. Wundt geleiteten„Philosophischen Studien", seit 25 Jahren das Hanptorgan der im Leipziger Psychologischen Laboratorium vertretenen Richtung, haben ihr Er- scheinen e i n g e st e l l t; an ihre Stelle wird das„Archiv für die gesamte Psychologie" unter Leitung Prof. Meumanns (Zürich) treten, das neben der experimentellen Psychologie auch die andern Zweige derselben, insbesondere die Völkerpsychologie, in aus- gedehntem Matze pflegen soll.— — Das Sarah Bernhardt-Gastspiel im Lessing- Theater findet vom 23. bis 26. Mai statt.— — Die erste deutsche Aufführung von Sven Langes Schau- spiel„Ein Verbrecher" im Vreslauer Lobe-Theater hatte Erfolg.— — Auch das zweite vom SächsischenVolks-Theater in Chemnitz aufgeführte Schauspiel„Das Alter" von Paul O u e n s e l wurde beifällig aufgenoinmen.— — Zur Hundertjahrfeier von Schiller?„Teil" plant man für das Jahr 1904 in A l t d o r f eine Aufführung von Schillers„Tell". Auf Anregung der Rütli-Kommission soll antzerdem auf dem Rütli oder vor dem Schiller-Stein am Vierwaldstätter See ein Weihe-Att stattfinden, an den, sich das Sängervolk der Urkantone beteiligen soll.— — An der G r o tz e>, Berliner Kunstausstellung haben sich insgesamt 70 Frauen mit 102 Arbeiten be- teiligt. 59 Damen haben im ganzen 74 Gemälde ausgestellt, 7 sind mit 9 Zeichnungen vertreten, dazu kommen noch 2 mit graphischen Arbeiten, während eine Danie sich mit 2 Bildern der Ausstellung des Jllustratoren-Verbandes angeschlossen hat. Drei Frauen zeigen in, ganzen 5 Rahmen mit Ex libris, und 3 andre kunstgewerbliche Leistungen. Von Bildhauerinnc» begegnen uns 4 mit 6 Skulpturen.— — K u n st n a ch r i ch t e n. Ilm der D a r n» st ä d t e r Künstler» k o I o n i e wieder frische» Blut zuzuftihren, hat man, wie die„Kunst für Alle" mitteilt, den Dresdener Maler Johann V i n c e n z C i s sarz, an Stelle Ehristianseus, nach Darmstadt geholt.— Der Münchener Bildhauer Ignatius Taschner, dessen„Handwerks- bursch" auf der vorjährigen Berliner Secissionsausstellung freudiges Auffehen erregte, ist als Lehrer au die B r e s l a u e r K u n st- g e Iv e r b e s ch u l e berufen worden.— Leibis Gemälde„Ungleiches Paar" wurde von, Städel scheu Kunstinstitut z u F r a n k s n r t a. M. für 33 000 M. gekauft.—__ Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und VerlagSmijiall Paul«oinger& Lo., Berlin SW