Unterhaltungsblatl des Horwarts Nr. 94. Donnerstag, den 14. Mai. 1903 eoi Das Geld» (Nachdruck verboten.) Roman von Emile Zola. Am folgenden Tage stand Saccard wieder zuversichtlich lächelnd auf seinem Posten und hob durch erhebliche Käufe den Kurs um dreißig Frank. Trotz aller- Anstrengungen ging er aber am fünften Januar um vierzig Frank zurück, die llniverselle stand mir noch auf dreitausend. Von nun ab er» neuerte sich der Kampf Tag um Tag. Am sechsten stieg die Universelle wieder. Am siebenten und achten ging sie aber- mals herunter. Eine unaufhaltsame Bewegung zog sie all- mählich und stetig die schiefe Ebene hinab. S i e sollte zum Sündenbock für den allgemeinen Wahnsinnsrausch dienen, für die Unthaten andrer, minder hervorragender Gründungen, die beim üppigen Aufwuchern aller möglichen verdächtigen Unternehmungen unter der Gluthitze der Reklame riefen- großen Pilzen gleich aus dem faulenden Boden des Kaiser- reichs emporgeschossen waren. Saccard aber, der nicht mehr schlief und an jedem Nachmittag'seinen Kämpfposten an jenem Pfeiler wieder einnahm, lebte im Wahn eines immer noch mög- lichen Sieges. Wie ein von der Vortrefflichkeit seines Planes überzeugter Feldherr wich er nur Schritt für Schritt zurück und opferte seine letzten Streitkräfte, die letzten Geldsäcke aus den Kassen der Gesellschaft, um den heranstürmenden An- greifern den Weg zu versperren. Am neunten trug er wieder einen entschiedenen Erfolg davon. Die Baissepartei wich ängstlich zurück: sollte die Medio-Abrcchnung sich wieder mit dem ihnen abgejagten Raube mästen? Und Saccard, dessen Mittel auf die Neige gingen, der bereits auf Gefälligkeitsaccepte angewiesen war, wagte nunmehr— wie die Hungrigen in ihren Qualen das Phantasiebild üppiger Gelage sehen— sich selbst das groß- artige und unerreichbare Ziel seiner Wünsche zu bekennen, nämlich den ungeheuerlichen Plan, das gesamte Aktienkapital aufzukaufen, um die Blankoverkäufer einzuklemmen und an Händen und Füßen gefesselt zur bedingungslosen Uebergabe zu zwingen. Nor kurzem erst war bei einer kleinen Eisenbahn- gesellschaft das Gleiche eingetreten: das Emissionshaus hatte sämtliche Aktien aufgekauft und die Verkäufer außer stand gesetzt, die Stücke zu liefern, so daß sie sich mit Gut und Blut loskaufen mußten. O, wenn er es fertig brächte, diesen Gundermann so weit in die Enge zu treiben, bis er ungedeckt spielte! Wenn dieser ihm eines Morgens seine Milliarde zu Füßen legen und demütig flehen müßte, er möge ihn: nicht alles wegnehmen und wenigstens für seine zehn Sous Milch pro Tag etwas übrig lassen! Allein zu diesem Coup waren siebenhundert bis acht- hundert Millionen erforderlich. Schon zweihundert hatte er in den Abgrund geschleudert, folglich mußten fünfhundert bis sechshundert weitere ins Gefecht geführt werden. Mit sechs- hundert Millionen fegte er also die Juden zusammen, wurde e r König der Börse, der Herr der Welt. Welch' gewaltiger Traum! In seinem hochgradigen Fieberwahn war ihm eben jegliches Bewußtsein voni Wert des Geldes abhanden ge- kommen: er kannte nur noch Figuren, die auf dem Schachbrett hin und her bewegt wurden. In seinen schlaflosen Nächten brachte er jenes Heer der sechshundert Millionen auf die Beine. schickte es um seines Ruhmes willen in den Tod und blieb schließlich Sieger unter Trümmern und allgemeinem Einsturz. Leider erlebte Saccard am zehnten einen furchtbar schweren Tag. An der Börse trug er stets eine wunderbare Ruhe und Heiterkeit zur Schau, obwohl nie ein Krieg mit solchem lautlosen Ingrimm geführt worden war. Stunde für Stunde ein Morden, überall lauernder Hinterhalt. Bei diesen stummen und feigen Börsenschlachten, in denen man die Schwachen geräuschlos niedermetzelt, lösen sich alle Bande der Verwandtschaft und Freundschaft: es herrscht nur das grau- same Gesetz der Stärkeren, welche andre auffressen, um nicht selbst aufgefressen zu werden. So fühlte sich denn Saccard völlig vereinsamt, ohne andre Stütze, um sich aufrecht zu halten, als seine unauslöschliche� unersättliche Gier. Am meisten fiirchtete er sich vor dem vierzehnten, dem Tage der Prämienabrechnung. Indessen trieb er noch für die drei da- zwischen liegenden Tage Geld auf, so daß der vierzehnte den Krach noch nicht herbeiführte, sondern vielmehr die Universelle befestigte, die am fünfzehnten mit einem Kurs von zweitausend- achthundertundsechzig schloß, also nur etwa hundert Frank niedriger, als am Dezemberschluß. Er hatte eine völlige Niederlage befürchtet und gab sich nun den Anschein, als glaubte er an einen Sieg. In Wahrheit aber trugen zum erstenmal die Baissiers den Sieg davon und strichen endlich Differenzen ein, nachdem sie monatelang Differenzen zu zahlen gehabt hatten. Die Sachlage änderte sich völlig und Saccard mußte sich bei Mazaud„in Kost geben", so daß dieser jetzt stark engagiert war. Die zweite Hälfte des Januar mußte die Entscheidung bringen. Seit diesem aufreibenden Kampfe, seit diesen alltäglichen Erschütterungen, die ihn bald in den tiefsten Abgrund warfen und bald wieder heraufwarfen, empfand Saccard jeden Abend ein schrankenloses Bedürfnis, sich zu betäuben. Nie war sein Leben so wild gewesen: überall zeigte er sich, ging in alle Theater und warf in den Nachtrestaurants das Geld mit vollen Händen hinaus, wie einer, der sich allzu reich dünkt. Er wich Frau Karoline aus, deren Vorwürfe ihm lästig waren; sie brachte immer wieder das Gespräch auf die sorgenschweren Briefe ihres Bruders und war selbst über Saccards entsetzlich gefahrvollen Haussefeldzug außer sich. Um so öfter kam er mit der Baronin Sandorff in der abgelegenen Parterrewohnung der Rue Caumartin zusammen. Zuweilen flüchtete er sich dorthin, um einzelne Schriftstücke durchzusehen und über gewisse Geschäfte nachzudenken, glück- sich in dem Bewußtsein, daß kein Mensch ihn hier stören würde. Dann übermannte ihn der Schlaf: dann schlummerte er ein paar Stunden, die einzigen Stunden wonnigen Ver- gessens. Die Baronin aber machte sich kein Gewissen daraus. während dieser Zeit seine Taschen zu durchsuchen und seine Briefe zu lesen: denn ihr gegenüber war er ganz stumm ge- worden, keine einzige nützliche Nachricht konnte sie mehr aus ihm ziehen: sie war sogar fest überzeugt, daß er sie anlog, wenn sie ein Wort aus ihm herausbrachte, und getraute sich infolge dessen nicht mehr, nach seinen Angaben zu spielen. Durch solche Diebstähle an seinen Geheimnissen hatte sie über die Geldverlegenheiten, mit denen die Universelle zu ringen begann, sicheren Aufschluß erlangt über das weit ausgedehnte System von Gefälligkeitswechseln, die vorsichtig im Ausland diskontiert wurden. Eines Abends erwachte Saccard zu früh und ertappte sie beim Durchstöbern seiner Brieftasche. Da ohrfeigte er sie wie eine Dirne, welche das Kleingeld aus der Westentasche stiehlt: von jetzt ab pflegte er sie zu prügeln, was beide aufregte, todmüde machte und dann wieder be- ruhigte. Nach der Abrechnung vom fünfzehnten, welche ihr etwa Zehntausend Frank wegnahm, begann die Baronin einen Plan auszubrüten. Dieser beschäftigte sie unablässig, so daß sie schließlich bei Jantrou Rat holte. „Meiner Treu," antwortete dieser,„ich glaube, Sie haben recht: es ist Zeit, wir gehen zu Gundermann über... Suchen Sie ihn auf und erzählen Sie ihm die Geschichte, da er Ihnen doch einen guten Rat auf den Tag versprochen hat, wo Sie ihm selbst einen solchen bringen würden." An dem Morgen, als die Baronin sich einfand, war Gundermann in bissiger Laune. Gestern war die Universelle schon wieder gessiegen. Würde man denn niemals mit diesem gefräßigen Raubtiere fertig werden, welches schon so viel von seinem Geld verschlungen hatte und gar nicht sterben wollte? Am Ende war sie im stände, wieder in die Höhe zu steigen und an Ultimo wieder mit einer Hausse zu schließen! Und er murrte, weil er sich in diesen unheilvollen Wettkampf ein- gelassen hatte, während es vielleicht klüger gewesen wäre, sich an der neuen Gründung zu betktzligen. Im Glauben an seine gewohnte Taktik und an den unausbleiblichen Endsieg der Logik erschüttert, hätte er sich zu diesem Rückzug verstanden, wenn er noch zurück gekonnt hätte, ohne alles zu verlieren. Sie waren seilen bei ihm, diese Augenblicke der Entmutigung, welche die größten Feldherrn am Vorabend des Sieges selbst kennen, wenn Menschen und Dinge ihren Erfolg gebieterisch verlangen. Diese Trübung seines durchdringenden und sonst so klaren Blickes rührte von dem nach und nach sich zusammen- ziehenden Nebel her, von dem geheimnisvollen Dunkel der Börsenoperationen, hinter welches man nie einen bestimmten Namen mit voller Gewißheit setzen kann. Ohne Zweifel kaufte Saccard, ohne Zweifel spielte er. Aber geschah das für wirk- liche Kunden, oder für die Gesellschaft selbst? Er war jetzt inmitten des von allen Seiten zugetragenen Klatsches völlig ratlos. Die Thüren seines gewaltig großen Arbeitszimmers wurden heftig zugeschlagen, das ganze Personal bebte vor seinem Zorn, die Kommissionäre wurden mit solcher Grobheit aufgenommen, daß ihr gewohnter Vorbeimarsch in regellose Flucht ausartete. „So? Sie sind's!" sagte Gundermann ohne jede Höf- lichkeitsformel zur Baronin.„Heute habe ick keine Zeit mit Weibern zu verlieren." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten� R.unä um Lxmdoti. Die räumliche Ausdehnung der kontinentalen Millionenstädte mit ihrem Kranz von Vororten steht beträchtlich zurück hinter der ge- waltigen Fläche, die die Handelsstadt an der Themse bedeckt. Schon die Einwohnerzabl von 6 Millionen läßt auf den gewaltigen Häuserkomplex Londons schließen.Dazu kommt.datzes Gebäude mitmehreren Stockwerken eigentlich nur in der City und ihrer näheren Umgebung, also in den Stadtvierteln giebt, die durchweg Geschäftszwecken dienen und jeden- falls nur wenige Privatwohnungen aufzuweisen haben. Im all- gemeinen ist wie in ganz England so auch in London das Ein- familienhaus vorherrschend, ein kleines, meist komfortables Gebäude, das im Parterre gewöhnlich zwei grötzere Wohn-, auf der einzigen oberen Etage 3— 4 kleinere Schlafräume enthält. Die großen Miets- kasernen, deren typische Repräsentanten die bis zu 25 Stockwerken hohen Wolkenkratzer New Jorks sind und die sich auch hier zu Lande, wenn auch nicht gerade im amerikanischen Stile, eingebürgert haben, kennt man in London nicht, womit freilich nicht gesagt sein soll, daß die dortigen Wohnungsverhältnisse, insbesondere sofern die ärmeren Klassen im Ostende der Stadt in Betracht kommen, rosige zu nennen seien. Es liegt jedoch auf der Hand, wie das vorherrschende System des Ein- samilienhauses die räumliche Ausdehnung einer Stadt von der Be- Völkerungsziffer Londons geradezu ins Ungemcssene steigern muß, und man versteht,' wie für manche Stellen' der Radius Londons bis auf 3V englische Meilen bemeffen wird. Berücksichtigt man daneben die ungeheuren Mengen Staubes, die der gewaltige Verkehr der Riesenstadt notwendig ent- wickeln muß. die enormen Quantitäten pulverisierter Kohlenteilchen, die das schwere englische Heizmaterial ans den Millionen von Schornsteinen in die Lüfte sendet, die dicken Ausdünstungen aus der sumpfigen Flußmulde, auf deren Grund London erbaut, Umstände. die zusammenwirkend jene tiefe und schwere Dunstwolke über der Riesenstadt erzeugen, die nur die frische Seebrise der Nacht auf eine kurze Stunde zu lichten im stände ist, so sollte man meinen, der Drang des Londoners. die vielfach reizvolle Umgebung der Millionen- stadt an den freien Sonntagen aufzusuchen, würde sich zum mindesten ebenso lebhaft äußern, als dies bei dem lebenslustigen Pariser und unsrem gemütlichen Berliner der Fall ist. Dem ist jcdr;i nicht so. Zunächst trägt daran der englische Puritanismus in der sog. Sonnlagsheiligung die Schuld. Heute noch sind z. B. sogar in London die Wirtshäuser an Sonntagen nur während der Stunden von 1— 3 und 6—11 geöffnet, während im Lande die Beschränkung selbst in den großen Städten wie Manchester und Liverpool eine noch bedeutendere ist. Dabei ist freilich zu berücksichtigen, daß das englische Wirtshaus vorwiegend als Trinkstube gilt, also bei weitem nicht die ökonomische Rolle des deutschen Speisehanses. des„Restaurants", spielt. Dann wurzelt auch die Gewohnheit, den Sonntag zur bloßen Ruhe oder zu reli- aiösen Zwecken zu verwenden, sehr tief im englischen Volke, das in seiner überwiegenden Mehrzahl auf dem dcistiichcn Boden der Bibel steht und für den skeptischen Rationalismus, wie er die Signatur des religiösen Lebens in Deutschland ist. ivcnig Verständnis besitzt. Hindernd ans den Sonntagsverkehr wirkt ferner die Art und Weise, wie das Eisenbahnwesen an diesem Tage gehandhabt wird. Der Verkehr der Londoner Vorort- und Stadtbahnen ruht nämlich am Sonntage während der fitirchenzeit durchweg völlig und auch während der übrigen Stunden bleibt derselbe wesentlich beschränkt, so daß ganz im Gegensatz zu den deutschen Gepflogenheiten an Sonntagen weniger Züge gehen als an den Wochentagen. Dabei sind, da die Eisenbahnen in England sich durchaus in den Händen privat- kapitalistischer Gesellschaften befinden, die Fahrpreise ziemlich hohe, jedenfalls beträchtlich höhere als hier zu Lande. So wirken denn eine Reihe von Umständen zusammen, um den Bewohner Londons im Weichbilde der Stadt und ihren zahlreichen Parks zurückzuhalten, welch letztere insbesondere am Nachmittage das Ziel vieler Tausende bilden, denen der Ausflug nach außerhalb zu kostspielig, zu lästig oder zu profan ist. Man trifft daher in der Nachbarschaft Londons nicht jene Ueber- fülle von Ausflüglern, wie dies in der Nähe Berlins zu sein pflegt. Immerhin beginnt in der letzten Zeit der englische Sonntag zumal in London von seinem puritanischen Eharatter langsam zu verlieren und der Trieb nach dem Genuß der freieren Natur zum nicht ge- ringen Teil unter dem Einfluß d«S fremden Elements lebhafter zu erwachen. Ein beliebter Ausflugsort in der unmittelbaren Nähe Londons sind die Kew Gardens, wohl der größte botanische Garten der Welt, umfaßt doch das detaillierte Verzeichnis der dort kultivierten Pflanzen nicht weniger als vier dicke Bände. Zu den häufigen und regelmäßigen Besuchern dieses Gartens gehörte zur Zeit auch der berühmte Naturforscher Charles Darwin, der hier eine große Reihe von Beobachtungen angestellt und wertvolles Maierial für seine „Entstehung der Arten" gewonnen hat. Die Kew Gardens sind das typische Bild eines englischen Parks, der sich von dem, was man im Deutschen gemeinhin mit dem Begriff eines solchen verbindet, wesentlich unterscheidet: kein zusammenhängender Baumwuchs mit dichtem Buschwerk und Unterholz, sondern weite, saftiggrüne Rasen-- flächen mit spärlich verstreutem, aber künstlerisch geordnetem und in der Farbenwirknng- des Blätterwerks genau berechnetem Baum- bestand. Ein besonders eingehegter, aber dem Publikum ftei zugänglicher Teil des Gartens ist der künstlichen Zucht aller möglichen Gras-, Blumen-, Algen- und sonstiger Gewächsarten gewidmet. Bemerkenswert sind daneben nicht mir die Bestände vielfach sehr seltener Bäume, die sich in England und teil- weise auch in Central-Europa sonst nicht finden, I andern auch die gewaltigen, in der Mitte des Gartens angelegten Gewächshäuser für tropische Pflanzen. Hier sind hauptsächlich die verschiedensten Palmenarten und Schlingpflanzen vertteten, und man hat nicht nur die Möglichkeit, zu ebener Erde, sondern auf besonderen Galerien auch unmittelbar unter den gewaltigen Kronen der Palmriesen ein- herzuwandeln. In dem ausgedehnten Garten giebt es nur einen, und zwar wie alle Etablissements ähnlichen Schlages temperenz- lerischen Erfrischungsraum, wo der Besucher seinen Fünftihr-Thee mit Kreffe zu nehmen pflegt. Denn ganz entgegen der deutschen Gewohnheit ist das nattonale Gettänk neben dem spccifisch englischen Ale, Porter und Whisky nicht der Kaffee, sondem Thee und„Coco". Bemerkt mag sein, wie das englische Publikum eine Beschränkung der BewcgungSfteiheit in den öffentlichen Jnstitttten in keiner Weise duldet. So hält nian es jenseits des Kanals geradezu für ein un- verbrüchliches Menschenrecht, in den Parks frischweg über den Rasen zu wandeln, und die geschmackvollen preußischen Warnungstafeln mit ihren polizeilichen Strafandrohungen würden drüben als eine Monstrofität aufgefaßt werden, die das ganze Volksempfinden auf daS tiefste empören würde. Dabei aber hält sich das englische Publikum sttcng an die Weisungen, wie sie die Vcrwalttmgen sonst aus- zustellen für nötig erachten, ein Beweis, wie bei der SpecieS Mensch gerade die Freiheit am erziehlichsten wirkt. Die Kew Gardens stoßen mit ihrer Hinteren Längsseite an die Themse und hier beginnt denn eine der herrlichsten' Promenaden, welche die Nachbarschaft Londons aufzuweisen hat. An schönen Sommertagen belebt eine große Anzahl der verschiedenartigsten Segel- und Ruderboote den Fluß, ist doch der Wassersport in England nicht nur überhaupt zu Hause— gerade an dieser Stelle ist das Vermieten solcher Fahrzeuge zu einem besonderen kapitalistisch betriebenen Gewerbe geworden; denn die einzelnen Eigentümer besitzen bis zu öv und mehr solcher meist sehr eleganter und wertvoller Boote, die in besonderen, in die Flußbölchung hincingcmauertcn Lagerräumen aufgestapelt sind. Zur Rechten das bunte Bild auf dem Flusse, folgt man zur Linken einer Reihe hoch- herrschaftlicher Landhäuser, ein jedes mit einem weiten und wohl- gepflegten Garten umgeben, in denen ganz im Sttlc der englischen Parks gleichfalls der Rasen den Hauptschmuck darstellt. Infolge des wasserreichen Bodens und häufigen Uebersäens der Grasflächen er- reicht nämlich der englische Rasen eine Ueppigkeit und Tiefe der Farbe, die wir in Deutschland nicht kennen und die sich bei den hiesigen Bodenverhältnissen auch niemals erzielen ließe. Die gleiche Erscheinung läßt sich bei dem gleichfalls in größter Dichtig- kcit und Ueppigkcil auftretenden Ephcu beobachten, und es gehört nicht gerade zu den Settenheiten, von Epheu bis auf den letzten Stein überwucherte Kirchen und Ruinen anzutreffen. Am Ende der Pro- menade liegt Richmond, eine richtige englische Landstadt mit schlecht gepflasterten Straßen, in denen an den Wochentagen, zumal im Hinblick auf die Nähe Londons, sich ein reges Markt- und Kausleben abspielt. Allerdings hat der Ort. da er zu den westlichen Vororten zählt, die samt und sonders im Zuge der wohlhabenderen Be- Völkerungsschichten liegen, nicht den gleichen Aufschwung zu ver- zeichnen, wie etwa das in derselben Entfernung von lO'/n englischen Meilen auf der Ostseite Londons liegende Jlford, das inner- halb eines Decenniums von etwa bOOO auf mehr denn 50 000 Einwohner angewachsen ist. Der Grund für daS schnelle Anwachsen der Städte in der weiteren Nachbar- fchast Londons liegt neben dem Steigen der Bevölkerungsziffer vor allem in der Thatsache, daß im Innern der Stadt der Geschäfts- kreis immer größer wird. Zunächst hat dies zu einem völligen Zu- sammcnivachsen mit den Suburbs, den eigentlichen Vororten geführt. So spricht Dickens noch von Jslington als einem von London ge- trennten Ort, während beide heute miteinander verwachsen sind. Jetzt drängt die Entwicklung selbst über diesen erweiterten Radius hinaus, wie wir ja auch in Berlin den gleichen Entwicklungsprozeß. wenn auch noch in seinem ersten Stadium zu beobachten Gelegenheit haben. Ein beliebter Ausflugsort des Londoner-; ist ferner Wemblcy Park, der durch seine Nachahmung des Eiffelttirmes bekannt ist, wenn diese auch bei weitem nicht die Höhe des Pariser Bor- bildes erreicht. Einen Hauptanziehungspunkt bilden die hier vielfach stattfindenden Pferderennen, die es freilich nicht wie das Derby zu einer europäischen Beriihmtheit gebracht haben, für die nähere Umgebung jedoch nichtsdestoweniger einen gleich zugkräftigen Anlaß zu den drüben unvermeidlichen Geldwetten aller Art abgeben. Von der größten volkstümlichen Beliebtheit find aber die regelmäßig veranstalteten Volksbelustigungen. Hier hat der Fremde Gelegenheit, nicht nur die Vergnügungen zu beobachten, wie sie den„hindern aus dem Volk" jenseits des Kanals geboten werden, das Wettlaufen von Knaben und Mädchen, das Ringen halbwüchsiger Burschen u. a., sondern vor allem mit einem echten und rechten Punch nach dem Herzen des Engländers Bekanntschaft zu machen. Punchleute find eigentlich fahrende Komödianten, die mit Marionctten-Theatern umherziehen. Bei besonders feierlichen Anlässen jedoch treten fie selber als Akteure auf. wobei es dann äußerst derb und kräftig herzugehen pflegt. Das „Schauspiel" besteht gemeinhin in einem einfachen Vorgang aus dem englischen Straßenlebcn, dem Zwist eines Betrunkenen mit einem Passanten. dem Einfangen eines auf der Flucht Be- griffencn u. a. Abgesehen von dieser allgemeinen Idee werden Text und Gang der Handlung ganz dem Zufall und dem Belieben der Spieler überlassen. So beobachtete der Schreiber dieses einmal ein„Wasserspiel". Am Ufer eines der Teiche im Wembley Park war ein schwimmendes Podium errichtet; ein imitierter Polizist hatte nun die Aufgabe, irgend wen, dessen Delikt nicht näher qualifiziert war, von jenem Bretterwerk aus wieder einzusaugen. Unter derben Püffen und Knüffen und ebenso derben Worten wälzten sich beide wohl eine gute Stunde in dem schlammigen Wasser des Teiches herum zur großen Belusttgung von Jung und Alt. die vom Ufer aus nicht verfehlten, die burleske Handlung mit cnffprechenden Ermunterungen und Spähen zu begleiten. Von Wembly Park führt die Straße nach Harrow und Pinnar, Ausflugsorte, die bereits in der weiteren Bannmeile liegen und daher mehr von Radfahrern— die in der Umgebung Londons bei weitem nicht in der Häufigkeit austreten, wie dies in der Nähe Berlins der Fall ist— oder von„Herrschasten" per Wagen aus- gesucht werden. Die Folge ist, daß die dorttgen Gasthäuser etwas vom Sttle der Hotels mit ihrem steifen Ceremoniell und hohen Preisen an sich haben. Weiter im Norden der Stadt findet sich Hampstead, mehr schon ein Stadtteil Londons, mit seiner vielbesuchten Heide. Jnsbcsonders an den sogenannten Baukholydays, den auf die hohen kirchlichen Feste folgenden freien Tagen, welch' letztere in England im Gegensatz zum Brauch aus den, Konttncnt keinen kirchlichen Charakter tragen, ist die Hampsteader Heide der Sammelpunkt von Volksbelustigungen, wie wir sie von unsren deutschen Jahrmärkten und Kirmessen her kennen. Ueber Hampstead hinaus geht es durch das im Norden Londons sich hinziehende Hügelland nach Finchley, in dessen unmittelbarer Nähe sich die gewalligen Friedhöfe befinden, Begräbnisstätten, die sich weit über eine englische Meile im Quadrat ersttecken und mit denen sich unsre immerhin stattlichen Berliner Beerdigungsplätze auch nicht entfernt an Ausdehnring vergleichen können. Im Anschluß an die vorerwähnte Hampsteader Heide mag hier auf eine der bekanntesten Tavernen Englands und der Welt, die„drei Spanier", verwiesen. sein, die ihre Berühmtheit Dickens bekannten Pickwickpapers ver- dankcn. Die„drei Spanier" gehören also zu den wenigen„ürns" vor den Thoren der Stadt, die aus der älteren Zeit noch übrig sind. Das englische Wirtshaus weist durchweg die gleiche charakteristische Gestalt auf. Das gesamte Parterre wird von dem Wirtslokal in Anspruch ge- nommen, dessen Büffet sich in einer mächttgen Hufeisenform durch den ganzen Raum zieht, während der Salon, die private Bar und die öffentliche Bar je durch Holzwände getrennt sind und meist von der Straße aus verschiedene Eingänge besitzen. Tische giebt es kaum; der Gast setzt sich auf einen hohen Schemel an das Büffet oder auf eine fortlaufende Holzbank an die Wand. Bemerkenswert ist, daß das Publikum, ohne daß Differenzen im Warenpreise dies veranlaßten, sich von selber nach den gesellschaftlichen Schichten in die verschiedenen Lokalitäten der„Bar" einordnet, ein Zeichen, wie ungeheuer tief und mächtig jenseits des Kanals die Klassen- unterschiede an der Hand einer durchaus mangelhasten Volksbildung sich gestaltet haben. Diese eine Thatsache eröffnet ein Verständnis für die gcwalttgcn Schwierigkeiten, die sich in England der Aufgabe entgegenstellen, das Gros der Arbeitermasien aus seiner politischen Lethargie, die nahe an Fatalismus grenzt, aufzurütteln. Damit sind die beliebtesten und, weil in der unmittelbaren Nachbarschaft Londons liegend, am meisten besuchten Ausflugsorte ziemlich erschöpft. In die entfernteren, Cristal palace, Chislehurst, Grecuwich u. a. soll unsre Leser eine spätere Darstellung führen.— Dr. H. Lauf enb erg. (Nachdruck»erboten.) fniklingskiir und Hdcrlate» Wenn die Natur sich im Frühling verjüngt, überkommt mich die Menschen unwillkürlich ein Gefühl der körperlichen Erleichterung und Befreiung, so oft sie WS Freie hinauspilgern, andrerseits ein Gefühl der Ermüdung durch die milde ungewohnte Luft. Namentlich die Bauern, die den langen Winter über hinter dem Ofen gesessen und jeden Luftzug scheu vermieden haben, fühlen sich matt und schwer in den Gliedern, sobald die ersten lauen Lüste wehen. Frühlings- kuren jind deshalb etwas Altherlömmliches in der Volksmedizin, zumal in Qberdcutschland. Die hergebrachte Frühliugskur der Ge- bildeten in den Städten ist in einem Lieblingsbuch unsrer Väter, in Hegners„Molkenkur", anschaulich geschildert. Noch heute blüht die Molkenkur in einigen Gegenden, z. B. in Appenzell. Im Früh- ling ging man täglich am frühen Morgen einige Wochen lang spazieren und trank dazu Molken oder frische Kräutersäfte oder auch lösende Mineralwässer. Gegen Störungen im Blutlauf, wie Kops- schmerz, Schwindel oder Herzklopfen, ließ man sich Blutegel oder Schröpfköpfc ansetzen, häufig auch Blut aus der Ader entnehmen. Anschaulich hat Kußmaul in seinen Jugenderinnerungen die Frühlingskuren des süddeutschen Landvolkes aus eigner Erfahrung geschildert. In der Pfalz ging der Bauer zum Apotheker und ließ sich irgend ein Abführmittel, mit Vorliebe den Wiener Trank aus Senna und Seignettesalz, bereiten; reichte der Trank nicht aus. so mußte der Bader nachhelfen und der Schnäpper, das urdeutsche Instrument zum Aderlaß, das nur schwer der feinen Lanzette wich, trat in Thättgkeit. Sein Pfarrer machte es wenig anders. Es gab Pfarrhäuser, wo die Frau Pfarrerin in einem riesigen Topf den Senna-Aufgutz' bereitete, der die ganze Familie an einem Tage von den aufgehäuften Schlacken des Winters befreien sollte. Namentlich im badischen Oberlande hielt der Bauer fest an der überlieferten Frühlingskur mit Schröpfen und Aderlässen. In den alten Kalendern spielte das Adcrlaßmännlein eine große Rolle, eine menschliche Figur, auf der sämtliche Blutadern, die sich zum Aderlässen eignen, verzeichnet waren, dabei standen Vorschriften. in welchen Monaten das Blut am besten aus dieser oder jener Ader geholt werden sollte. Vom Landvolt wurde der Brauch, das„ab- genützte" Blrtt von Zeit zu Zeit wegzuschaffen, strikt eingehalten. Man nahm es weg in der Absicht, mit ihm die„Unreinheiten" und „Schärfen" aus den Säften zu bringen und es durch reineres und besseres zu ersetzen. Schröpfen und Aderlässen diente zu Nc?. generationskuren, wie man sich gelehrt ausdrückte. "Im badischen Oberland, aber auch in andren Gegenden, haben sich von altersher viele kleine Baucrnbäder erhalten, in die das Landvolk noch heute mit Beginn des Frühjahrs an Sonn- und Feiertagen strömt, der Hofbauer mit der Bäuerin zu Wagen, der kleine Bauer auf Schusters Rappen. Ju den sechziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts war es noch häufig Brauch bei den Bauern, daß sie zuerst im heißen Bade das Blut nach außen trieben und es dann mit Schröpfen aus der Haut und mit dem Schnäpper aus der Ader holen ließen. Ein reichliches Mahl mit gutem Weine beschloß die Kur und brachte frisches Blut in die leeren Schläuche. Der Aderlaß wurde zumeist an der Armvene oberhalb des Ellbogens gemacht, nachdem über ihr eine Binde angelegt war. Zu den erforderlichen Vorsichtsmaßregeln gehörte es, daß man die Kranken stets aufrecht setzen, den Schnitt schräg, nicht quer oder der Länge nach, und nicht zu kurz durch die Vene führen ließ, damit sich das Blut möglichst im Strahl entleert. Dann kam es am sichersten zur plötzlichen Verminderung des Blutdruckes und den Er- scheinungen, die man als günstige Zeichen begrüßte: leichte An- Wandlung von Ohnmacht. Schweiß und freieres Atmen. Die Ohn- Machtsanwandlung brauchte man nicht zu fürchten, sie verlor sich, sobald der Kranken in die Rückenlage gebracht wurde. Schon Blut- cntzichungen von 1b0 bis 200 Gramm wirkten erleichternd, aber auch pfundweife wurde das Blut beim Aderlaß und durch Blutegel ohne schädliche Folgen den Leuten abgezapft. In der Vorliebe für den Aderlaß und die Blutcntzichungcn ist die Volksmedizin, wie so oft, nur die Bewahrerin alter wissen- schaftlichcr Traditionen der Heilkunde, über die diese selbst in ihrer modernen Enwicklung hinweggcschritten ist. Zwei Jahrtausende lang, seit den Zeiten der altindischen und altgriechischen Medizin bis gegen die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts galten der Ader- laß und die Blutentziehungen unbestritten als ein souveränes Mittel der Krankenbehandlung. Gerade im ersten. Drittel des neunzehnten Jahrhunderts wurden Aderlaß und Mutentzichung noch von maß- gebenden Aerzten häufig angewandt. Heutzutage ist der Aderlaß fast vollständig aus den Kliniken und Krankenhäusern verschwunden; es giebt Professoren, die nie einen Aderlaß machten oder auch nur machen sahen. Wie erklärt sich dieser gewaltige Ilmschwung innerhalb der Wissenschaft und Praxis? Es waren die Führer der jungen Wiener Schule, nanrcnt- lich Skoda und Dietl, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts den Aderlaß aus der Reihe der Heilmittel strichen, indem sie ihn bei den Krankheiten.>vp er früher unbedingt geboten schien, als cnt- bchrlich oder schädlich nachwiesen. Die Blutvergeudung und ihre schlechten Resultate mußten mit der Zeit zu einer starken Reaktion führen. Auch eine gewisse Blutscheu, die mit der größeren Nervosität unsres Zeitalters zusammenhängt, ließ Blutentziehungen als falsch erscheinen, vor denen schon zur Zeit ihrer Blüte erfahrene Irren- ärzte bei gesteigerter Reizbarkeit des Gehirns gewarnt hatten. Andrerseits hat die moderne Hygiene und Körperpflege, die liebung der Muskeln durch Bewegung, Schwimmen und andren Sport, die gesteigerte Anwendung von Wasser, Luft, Licht und der physikalischen Heilmethoden, eine zweckmäßigere Diät vielfach die sogenannten Frühlingskurcn durch den Wegfall ihrer körperlichen Vorbedingungen entbehrlich gemacht. ES scheint jedoch, daß man, wie so oft in der Heilkunde, aus der Ilebcrtreibung in der einen Richwng ein wenig in die Ueber- trcibung nach der andren, der allzu großen Blutscheu, geraten ist. Wenigstens mehren sich neuerdings die Stimmen aus dem ärztlichen Lager- die Blutentzichungen und Aderlaß bei gewissen Leiden als sehr nükliche Mittel rühmen.?ll? sicher kann gelten, das; bei drohender Ucbcrflutung d.r Lungen, bei Stic, not, in manchen schweren Formen r Lung.nent'ündung, bei Hirnblutungen und einigm andren Leiden ein Heiner Aderlah o,t geradezu lebenSrett.nd und befreiend wirtt, wie kein andres Mittel, und zwar augenblicklich, wie durch Zauberkraft. Namentlich Adolf Kutzmaul, der berühmte Kliniker, hat nachdrücklich auf diese Wirlnngen hingewiesen. Er betonte dabei, wie unglaublich die Häufigkeit der früher verordneten Blut- entzichungen uns heute erscheint. Einer kräftigen Bürgersfrau hatte ihr Hausarzt wegen einer angeblichen Hinrentzündung und daran sich anschließenden Unterlcibsentzündung in sechs Wochen siebenmal zur Ader gelassen und 60 Blutegel gesetzt. Sie stand in den Fünfzigern und erreichte ein Alter von 83 Jahren. Eine ganz merkwürdige Anwendung haben neuerdings die Aderlässe bei Bleichsucht gefunden. Man sollte meinen, daß die blut- armen Mädchen und Frauen jeden Tropfen ihres Blutes für sich behalten müßten. Aber Blut ist nun einmal ein ganz besonderer Saft! Ungläubig schüttelrc man zunächst den Kopf, als einzelne Aerzte, wie Dhcs, Schubert u. ct., vom Aderlaß in manchen schweren Fällen von Bleichsucht übevraschende Erfolge gesehen haben wollten. Wie mit einem Zauberfchlag. seien die Beschwerden verschwunden, reichlicher Schweißausbruch, ein wunderbares Gefühl von Wohl- behagen und Leichtigkeit eingetreten, die Blutbildung mächtig an- geregt worden. Aber die Erfolge wurden von vielen Seiten bestätigt, und heute ist der Aderlaß bei Bleichsucht, wenngleich vielfach an- gefachten, doch in die Reihe der legitimen Mittel der Behandlung eingereiht, ob dauernd, mutz die Zukunft entscheiden. So ist die uralte Heilmethode des Aoerlasses in neuester Zeit auch in der wissenschaftlichen Medizin wieder m.hr zu Ehren gekommen und wird in der beschränkten Anwendung, wie sie die Er- fahrungen der modernen Medizin bedingen, allem Anschein nach stch wieder mehr einbürgern. Noch zäher aber werden die Frühlings- küren dcö Landvolkes in ihrer drastischen Form sich erhalten, denn die Volksmedizin wurzelt in ihren Vorzügen wie in ihren aber- gläubischen Auswüchsen tief im Empfinden, in Sitte und Brauch des Landvolkes, das die alte Methode wie ein heiliges Vermächtnis hütet.— Dr. med. Georg Korn. Kleines feuületon. k. Ei» chinesisches Theater in New Aork. Eine Merkwürdigkeit von New Uork ist das ständige chinesische Theater, das bei der starken Einlvanderung von Söhnen des himmlischen Reiches seit zehn Jahren gedeiht und jetzt unter der Leitung des amerikanischen Managers Cavanagh steht. In einem alten Gebäude in Doyers Street, in den, vor dreißig Jahren Barnums großes Museuin und seine Menagerie untergebracht war, wird jetzt jeden Abend ein chinesisches Draina gespielt. Dieses anierikanische Theater wird von der»Chi- nesischcn Gesellschaft dramatischer Künste" jenseits des Stillen Oceans regiert, und fast in jedem Stück folgt die amerikanische Leitung dein aus dem Orient gesandten Verzeichnis. Das chinesische Theater in New Dork verfügt nicht gerade über einen einladenden Raum; es hat eine niedrige Decke, ist trübe erleuchtet und hat vier bescheidene Logen und viele Reihen Bänke mit hohen Sitzen und niedrigen Lehnen. Auffällig ist das Fehlen des Rampenlichtes, des Vorhangs, der Scenerie und des Orchesters vor der Bühne; auch fehlt der Bei- fall. Statt dessen steigt der Tabaksrauch aus allen Arten seltsamer, von den Zuhörern gerauchter Pfeifen. Auf einer Seite des Theaters hat ein Chinese einen Verkaufsstand, an dem der Hungrige seinen Appetit mit Konfekt und Apfelsinen stillen kann. Vor der Bühne be- findet sich eine Reihe Gasflammen in Drahtgestcllen; an Regentagen ist der Fußboden dicht mit Sägespänen bestreut. Das Stück be- ginnt um 7 Uhr. Zu dieser Zeit kostet das Eintrittsgeld 50 Cents; es fällt um 8'/z Uhr auf 35 Cents und um lü/z Uhr auf 25 Cents. Diese gleitende Preisskala ist wegen des Fehlens einer Galerie eingeführt worden. Das Stück ist immer religiös oder geschichtlich. Je erregter ein chinesischer Schauspieler ist, um so lauter ertönen die Becken, um seinen Gemütszustand auszudrücken, und das Ngee Im, ein zweisaitiges Jnstruincnt, quiekt so schrecklich, daß man sich die Ohren zuhalten möchte. Obgleich das chinesische Orchester den Schauspielern das Stichwort giebt und in gewissem Maße ihre Em- pfindungen ausdrückt, spielt es einen Akt drinnen und den nächsten draußen und wird nur als ein notwendiges Uebel angesehen. Der Dirigent gebraucht zum Taktschlagen zwei kleine Stöcke und einen schweren Stein, und wenn keine Musik nötig ist. trinkt er Thee oder raucht, während die Musiker von dem Theaterstück vor ihnen nichts mehr zu merken scheinen, lleber die Bühne ohne Vorhang und unter gelbem Papier mit chinesischen Schriftzeichen hindurch, und schließlich durch eine ganz schmale Thür gelangt man in das Ankleide- zimmer, das etwa sechs zu zwölf Fuß groß ist. Zwei Gasflammen verlieren sich fast in dem Dunkel von der hohen Decke, und in diesem trüben Raum steht der Toilettetisch, an dem sich 35 Schauspieler schminken. Eine Bank bildet diesen Tisch. Sie ist etwa zwei Fuß breit, und zahllose Zinntassen und kleine Pinsel liegen darauf, dazu Pflästcrchen aus weißem Papier und zwei trübe Spiegel, in denen man sich kaum sehen kann. Die weißen Pflästerchen gehören dem Tragöden; er bringt eins traditionell über dem Nasenrücken an. Da eS nur Verantwortlicher Redakteur: Earl Leid in Berlin.— Druck und«erlag: wenige Schauspielerimren giebt und diese nur mit den Statisten rangieren, muß der Schauspieler, der weibliche Rollen spielt. eine Perücke tragen und sich einmal monatlich über der Stirn und zwischen den Augen rasieren lassen, da das Gesicht sehr glatt sein muß. In der Regel läßt sich nämlich der Chinese nur zwei- oder dreimal jährlich rasieren. Außerdem muß er eine kleine Figur, weibliche Stimme und Bewegungen und ein pikantes, zierliches Benehmen haben. Ein Schauspieler Lee Toy begann seine Laufbahn mit vielversprechenden Leistungen; er wurde aber zwei Zoll größer, als für iveibliche Rollen vorgeschrieben ist, und trotz seiner prächtigen Stimme muß er wegen dieser unglück- lichen zwei Zoll kleinere Rollen spielen, Schuhe ohne Sohlen tragen und sich mit einem kleineren Gehalt begnügen. Das Garderoben- zimmer macht zuerst den Eindruck eines TrödeUadens. Verbrauchte und beschmutzte Gewänder hängen an allen Arten Haken umher, seltsam geformte Schuhe liegen aufgehäuft da, und alles scheint unordentlich. Die reichen und sckiönen Gewänder mit Gold und Stickereien in phantastischen Mustern aber werden, ob- gleich sie einige vierzig Jahre alt sind, gewisienhaft jeden Abend in einen eisenbcschlagenen Koffer geschlossen. Zwei Garde- robiers müssen die Kostüme reinigen und ausbessern lassen: sie ver- walten oft Sachen im Werte bis zu 200 000 M. Die einfachen Kleider der 20 Statisten sind 24 000 M. wert. Die nach New Jork kommenden Kostüme sind aber aus dritter Hand. Sie Iverdcn für das königliche Theater in China frisch gemacht und in den vor dem Kaiser gesungenen Opern getragen. Sind sie dort 20 Jahre ge- braucht, so kommen sie nach Kalifornien, werden in den dortigen Theatern 15 Jahre gebraucht, und wenn sie nach New Jork gelangen, sind sie imnier noch reich und schön. Durch eine kleine Thür im Ankleidezimmer gelangen die Schauspieler zu einer Rettungsleiter und über diese in das Haus, in dem sie wohnen. Außer fteier Wohnung erhalten sie von der Gesellschaft Beköstigung, und auch der Barbier wird ihnen gestellt.— Medizinisches. cm. Eine Krankheit der Nasenflügel. Mit vollem Recht wird immer wieder darauf hingewiesen, daß die Atmung möglichst durch die Nase und nicht durch den Mund erfolgen soll. Beim Durchgang durch die Nase wird die Luft nicht nur zur Auf- nähme in die Lunge in geeigneter Weise vorgewärmt, sondern es bleibt auch in der Naie viel von den Unreinlichkeiten der Luft, sowohl Staub als auch mitunter schädliche Bakterien zurück. Es ist daher nicht unbedenklich, wenn die Nase für die Atmung unbenutzbar wird. Das kann selbstverständlich durch verschiedene Arten von Nasenverstopfung eintreten, aber auch durch eine krankhafte Veränderung der Nasenflügel, die gar nicht selten vorkommt. Manche Menschen haben schon an sich enge Nasenlöcher, und sie sind dieser Erkrankung, wenn man sie so nennen soll, am ehesten ausgesetzt, die darin besteht, daß bei jeder Atmung die Nasenflügel so angesaugt werden, daß die Lust nur sehr schwer oder überhaupt garnicht in die Nase eintreten kann. Bei leichteren Graden des Leidens macht sich die unangenehme Erscheinung nur bei stärkerer körperlicher Anstrengung bemerkbar, z. B. beim Treppen- oder Bergsteigen; es kann aber auch bis zu einer vollständigen Unmöglichkeit der Nasenatmung fortschreiten. Dr. Menzel bespricht in der.Münchener Medizinischen Wochenschrift" die.Nasenflügel- ansaugung" und gleichzeitig auch ihre Behandlung. Man wußte bisher mit diesem Leiden wenig anzufangen und beschränkt sich ge- wohnlich darauf, durch Anwendung eines kleinen Instruments die Nasenflügel zwangsweise offen zu halten, was jedoch für den Patienten höchst lästig ist, einmal wegen der unangenehmen Empsindung und zweitens wegen der peinlichen Sichtbarkeit des Fremdkörpers. Die neuerdings mehrfach zur Beseitigung von Ent- stellungen der Nase angewandten Paraffincinspritzungen scheinen auch hier einen vorzüglichen Erfolg zu haben und andre schwierigere Ein- flüsse die gelegentlich gleichfalls zur Hebung des Uebels geführt haben, überflüssig zu machen.— Hnmoristisches. — Ein angenehmer G a st. Wirt seines Bade- Hotels, der bei der Table d'höte persönlich herumreicht):.Etwas Spargel gefällig?" G a st:.Spargel? Damit haben Sie bei mir kein Glück, davon nehme ich dreimal wenigstens!"— — Ein poetisches H i l f s b u ch. Dichter:„WaS ich mache? Ich notiere mir Stoff zu einem Fr ü h li n g s li e d e." Freund:.Aus dem Handelsregister?" Dichter:.Gewiß, sieh' her: Frühling und Sonnenschein: Blütenduft und Lerchenschlag: Nachtigall und Rosenstrauch: Grün- bäum und Wasserquell; Liebesherz und Sänger: Freudensprung und Lustig: Sorgenlos und Selig."— — Eine sonderbare Tischler-Rechnuug. Ein Schrank, rechts zur Wäsche, links zum Aufhängen 30.— M. Eilten Fußtritt für die Frau Gemahlin...... 1,50, Einen Ofenauffatz für den Herrn, der durchgebrannt war................. 1,50 m Eine Kaffeemühle für die Köchin, die verdreht war. 1,—. Summa: 34,— M. _(.Lustige Blätter.") Zorwärts Buchdruckerei und Vertagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin BW