Ztnterhallungsblatt des Horwärls Nr. 98. Mittwoch, den 20. Mai. 1903 (Nachdruck verboten.) ooi Das Geld. Roman von Emile Zola. Alles dies sank nun mit einem Schlage in diesem thörichten Spielwahnsinns zusammen! Bei seiner Abreise hatte er eine glanzvolle Bilanz hinterlassen, ganze Schmifeln voll Millionen, eine Gesellschaft, deren rasches und großes Gedeihen die Welt in Verwunderung versehte, und nicht einmal einen Monat später fand er bei seiner Rückkehr die Millionen zerschmolzen, lag die Gesellschaft zerschmettert am Boden, blieb mir noch eine öde. leergebrannte Stätte übrig! Sein Entsetzen stieg; heftig forderte er Aufklärungen, er wollte wissen� welche geheimnisvolle Macht Saccard angetrieben hatte, derart gegen das von ihm selbst aufgerichtete Riesen- gebäude zu wiiten, auf der einen Seite dasselbe Stein für Stein zu vernichten, während er auf der andren es zu vollenden vorgab. Saccard antwortete kurz und bündig, ohne sich zu er- eifern. Nach den ersten Stunden der Erschütterung und Ver- nichtung hatte er sich wieder gefaßt und stand kraft seiner unbesieglichen Hoffnung wieder aufrecht und fest. Abfall und Verrat hatten der Katastrophe einen so schrecklichen Umfang gegeben; aber noch sei nichts verloren, er wolle alles wieder in die Höhe bringen. Wenn übrigens die Universelle so rasch und groß emporgediehen war, verdankte sie dies nicht eben den Mitteln, die man ihr zum Vorwurf machte? Er erinnerte an das Zusammentreten des Konsortiums, an die aufeinander- folgenden Erhöhungen des Grundkapitals, die voreilige Bilanz des letzten Geschäftsjahres, die in Händen bebaltenen Aktien, zu denen die massenhaft und ohne Besinnung ange- kauften hinzukamen. Alles dies gehörte unzertrennlich zu- sammen. Wenn man den Erfolg sich gefallen ließ, so mußte man auch das Risiko sich gefallen lassen: wenn man eine Maschine überheizt, geschieht es bisweilen, daß sie platzt. Sonst gab er kein einziges Verschulden seinerseits zu; er habe lediglich gethan, was jeder Bankleiter thut, nur mit größerem Ungestüm. Und er ließ seinen genialen Gedaitken noch nicht fahren, seinen Riesengedanken, der darin bestand, die Gesamtheil der Stücke aufzukaufen, lim Gundermann zu Boden zu werfen. DaS Geld war ihm ausgegangen, das war das einzige. Jetzt müsse eben von vorn angefangen werden. Eine außerordentliche Generalversammlung war ans den nächsten Montag einberufen worden. Saccard glaubte sich seiner Aktionäre unbedingt sicher: er würde von ihnen die un- erläßlichen Geldopfer erlangen, denn er war überzeugt, daß auf ein bloßes Wort hin jeder sein Vermögen darbringen würde. Mittlerweile müßte man das Dasein mit den kleinen Summen fristen, welche die andren Kredithäuser, die großen Banken jeden Morgen für die dringenden Bedürfnisse des betreffenden Tages vorstreckten, nni einen allzu plötzlichen Zu- sammenbruch abzuwenden, der sie selbst erschüttern müßte. Nach Ueberwindung der KrisiS würde alles wieder in Gang kommen und von neuem erstrahlen. „Aber," warf Hamelin ein, dessen Erregung durch diese lächelnde Ruhe etwas gedämpft war,„erblicken Sie nicht in diesen von unsren Rivalen gewährten Hilfsmitteln eine Taktik, einen Plan, sich zuerst in Sicherheit zu bringen, um dann unsren verzögerten Sturz noch tiefer zu machen?... Mich beunruhigt die Thatsache, daß Gundermann dabei ist." In der That hatte Gundermann mit unter den ersten seine Hilfe angeboten, um die sofortige Vergantung abzu- wenden: er bethätigte dadurch den außerordentlich praktischen Sinn eines Mannes, der das Haus eines Nachbarn in Brand stecken mußte und dann eilends Kübel voll Wasser herbei- schleppt, um die Vernichtung des ganzen Stadtviertels zu hindern. Er war über den Groll erhaben, er kannte keinen andren Ruhm als den, der erste Geldhändler der Welt zu sein, der reichste und der klügste, dem es gelungen war, der un- ablässigen Vermehrung seines Reichtums alle Leidenschaften zu opfern. Saccard machte eine ungeduldige Bewegung: ihn er- bittcrte dieser von seinem Besieger gegebene Beweis von 5tlug- heit und Umsicht. „O, Gundermann, der spielt den Großmütigen und bildet sich ein, daß er mich in seinem Edelmut tief verwundet." Eine Pause trat ein. Frau Karoline, die bis jetzt stumm: geblieben war, begann endlich zu reden: „Lieber Freund, ich habe meinen Bruder mit Ihnen reden lassen, wie er es thun mußte in seinem gerechten Schmerz über all diese beklagenswerten Ereignisse... Aber n n s r e Lage scheint mir klar, und— nicht wahr?— es ist unmöglich, daß er mit hineingezogen wird, falls die Geschichte doch eine schlimme Wendung nehmen sollte. Sie wissen ja, zu welchem Kurs ich verkauft habe, man wird also nicht behaupten können, er habe die Hausse getrieben, um aus seinen Aktien noch größeren Nutzen zu ziehen. Zudem wissen wir auch, was wir zu thun haben, wenn das Schlimmste eintritt... Ich gestehe Ihnen, ich kann Ihre halsstarrige Hoffnung nicht teilen: aber Sie haben recht, man muß bis zum letzten Augenblick kämpfen, und mein Bruder wird Sie sicherlich nicht entmutigen!" Sie war gerührt, ihre Nachsicht für diesen so hartnäckig zähen Mann gewann wieder die Oberhand: indessen wollte sie diese Schwäche nicht äußern, weil sie sich jetzt keiner Täuschung mehr über die abscheuliche Thätigkeit hingeben konnte, die er in seiner leidenschaftlichen Raubsncht eines gewissenlosen Freibeuters entwickelt hatte und ohne Zweifel noch fortgesetzt hätte. „Ganz gewiß," erklärte Hamelin, dessen Widerstand nun gebrochen war,„ganz gewiß werde ich Sie nicht lahmlegen, während sie kämpfen, um alle zu retten! Zähleu Sie auf inich, wenn ich Ihnen von Nutzen sein kann." Und in dieser Stunde der höchsten Not und der schreck- lichsten Drohungen beruhigte Saccard die Geschwister von neuem und beschwichtigte sie, indem er mit folgenden ver- hcißungs- und geheimnißvollen Worten wegging: „Sie können ruhig schlafen... Ich darf noch nicht reden, aber ich habe die unumstößliche Gewißheit, daß ich Ende nächster Woche alles wieder flott machen kann." Dieselbe Phrase, die er nicht näher erklärte, wiederholte er allen Freunden des Hauses, allen Kunden, die bestürzt und entsetzt herbeieilten, um ihn um Rat zu fragen. Seit drei Tagen ließ das Gedränge in seinem Arbeitszimmer der Rue de Londres nicht nach. Nacheinander kamen die Beauvilliers. die Maugendre, SÄille, Dejoie herbeigestürzt. Er empfing sie mit großer Ruhe und militärischer Zuversicht und flößte allen durch klangvolle Worte frischen Mut ein: sobald sie davon sprachen, ihre Stücke zu verlausen und mit Verlust zu realisieren, ereiferte er sich und rief laut, sie sollten ja eine solche Dummheit nicht begehen, da er sich auf Ehre verpflichte. die Kurse von zweitansend, ja sogar von dreitausend wieder zu erreichen. Trotz aller begangenen Fehler bewahrten auch rlle ihr blindes Vertrauen zu ihm. Man sollte ihnen nur den Mann lassen, es sollte ihm frei bleiben, sie noch einmal zu bestehlcn: er würde schon alles entwirren und seinem Schwur getreu schließlich alle bereichern. Trat vor Montag kein Zwischenfall ein, und lies; man ihm Zeit, die außerordentliche General- Versammlung zusammenzuberufen, dann bezweifelte niemand, daß er die Universelle heil und unversehrt aus den Trümmern retten würde. Saccard hatte an seinen Bruder Rougon gedacht: das war jene allmächtige Hilfe, von welcher er sprach, ohne stch näher erklären zu wollen. Als er aber dem Verräter Taigre- mont unter vier Augen bittere Vorwürfe machte, hatte er aus diesem nur folgende Antwort heraus gebracht:„Ja, mein Bester, i ch habe Sie nicht verlassen, Ihr Bruder hat es gethan!" "Augenscheinlich war der Mann in seinem Recht: er hatte am Geschäft sich nur unter der Bedingung beteiligt, daß Rougon auch dabei war. Man hatte ihn: Rougon ausdrücklich verheißen, und jeht war es kein Wunder, daß er sich zurück- gezogen hatte, da ja der Minister, weit entfernt dabei zu sein« mit der Universelle und ihrem Leiter vielmehr in Fehde lag. Das war wenigstens eine unwiderlegliche Entschuldigung. Darüber sehr betroffen, hatte Saccard eingesehen,� welchen ungeheuren Fehler er durch seine Entzweiung nüt diesem Bruder begangen hatte, der allein ihn verteidigen und derart unantastbar machen konnte, daß niemand seinen Ruin zu voll» enden wagte, sobald man ihn unter dem Schutze des große» Mannes wußte. Darum war es mich für seinen Stolz eine der härtesten Stunden, als er sich entschloß, den Abgeordneten Huret um seine gütige Vermittelung zu bitten. Im übrigen gab er seine drohende Haltung nicht auf, verharrte immer noch bei seiner Weigerung, zu verschwinden und verlangte die Hilfe Rmigons wie etwas Schuldiges, weil dieser noch größeres Interesse daran hätte, als er, den Skandal zu meiden. Am folgenden Tage erhielt er statt des versprocheneu Besuchs Hurets einfach ein Briefchen, in welchem mit unbestiirnnteu Ausdrücken gesagt wurde, er solle die Geduld nicht verlieren und auf einen guten Ausgang rechnen,— später, wenn die Umstände es nicht verhinderten. Er begnügte sich mit diesen wenigen Zeilen, die er als ein Nentralitätsversprechen aniah. In Wahrheit aber hatte Rougon gerade den energischen Entschluß gefaßt, mit dem räudigen Glied seiner Familie aufzuräumen, welches ihm seit Jahren wegen der ewigen Angst vor unsauberen Zwischenfällen lästig war,, und welches er cnd- lich mit Gewalt wegzuschneiden vorzog. Er war entschlossen, bei Eintritt der Katastrophe den Dingen freien Lauf zu lassen. Da er doch nie von Saccard eine freiwillige Verbannung er- langen wurde, war es wohl das einfachste, ihn zu einer solchen zu zwingen, indem man ihm nach irgend einer tüchtigen Ver- urteilung die Flucht erleichterte. Ein einmaliger Skandal, ein Bcsenstrich, dann wäre alles fertig. Auch sonst wurde die Lage des Ministers schwierig, seitdem er im Gesetzgebenden Körper in einer denkwürdigen Anwandlung von Beredsamkeit erklärt hatte, Frankreich werde nie zugeben, daß Italien sich Roms bemächtige. Von den Katholiken angejubelt, vou der immer mächtiger werdenden Mittelpartei heftig angegriffen, sah er den Augenblick herankommen, wo die letztere mit Hilfe der freisinnigen Bonapartisten ihn stürzen würde, sofern er ihr nicht gleichfalls ein Pfand gab. Eben dieses Pfand sollte, falls die Umstände es erheischten, das Jmstichelassen dieser von Rom patronisierten Universelle sein, die eine beunruhigende Macht im Staate geworden war. Was zuletzt seinen Entschluß befestigt hatte, war eine geheime Mitteilung seines Kollegen vom Finanzministerium, welcher, im Begriff eine Anleihe vom Stapel zu lassen, Gundermann und sämtliche jüdischen Bankiers sehr zurückhaltend gesunden hatte. Sie hatten zu verstehen gegeben, sie würden ihre Kapitalien verweigern, so lange der Markt für sie unsicher und den Abenteuern preis- gegeben blieb. Gundermann triumphierte also. Eher noch als die ultramontanen Katholiken sollten die Juden mit ihrem anerkannten Königtum des Goldes die Welt beherrschen, nach- dein sie die 5tönige der Börse geworden wären! l Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Kelters- und Sodawaflcr. Mit den: Eintritt der wärmeren Jahreszeit, die es als unzwcck- mäßig erscheinen läßt, dem wandernden Ofen unsres Körpers alle diejenigen erwärmenden und erhitzenden Getränke zuzuführen, die wir ihm nach alten Trinksittcn im Winter einverleiben, steigen die in der kälteren Hälfte des Jahres mit ziemlicher Geringschätzung an- gesehenen natürlichen und künstlichen kohlensauren Getränke wieder in der allgemeinen Achtung. Die Brunnenpromenaden von Selters, Vicht), Bilin, Neuenahr, Gießhübel, Fachingcn, Ems, Franzensbad, Pyrmont und allen den andern Badeorten, wo die Natur die er- guickcndcn und heilkräftigen Säuerlinge in freigebigster Weise aus ihrem Schöße entspringen läßt, beleben sich nach halbjährigem Winter- schlafe aufs neue mit Scharen von Badegästen, die an den Heilig- tümern der segcnspendendcn Quellnymphen Heilung von ihren großen und kleinen Leiden erwarten. Wer den Besuch eines Bades nicht er- möglichen kann, trinkt daheim den ihm zusagenden Brunnen, und auch der Gesunde, den der Durst anwandelt, verschmäht es nicht, an den Buden, wo man Selters- und Sodawasser vcrschänkt, ein. Glas des eisgekühlten, perlenden Trankes zu sich zu nehmen oder seiner aus duftendem Waldmeister gebrauten Frühjahrsbowle durch eine Flasche Sauerwasser den anregenden, prickelnden Geschmack zu ver- leihen, der zwischen dem schlichten, künstlichen Selterswasser und den vielköpfigen Mitgliedern der Familie Veuve Cliquot immerhin ein gewisses Band der Verwandtschaft schlingt. Das Jahr 1903 ist für die deutsche Industrie der künstlichen kohlensauren Wasser ein Jubiläumsjahr, weil in diesem Frühjahr gerade hundert Jahre seit dem Zeitpunkt verflossen sind, wo Fries bei Regensburg eine Fabrik zur Herstellung von Selterswasser und Mineralwasser nach Art der Quellen von Spa, sowie von Bitter- und Schwefcllvasser eröffnete: Ein kurzer historischer Rückblick auf diese, heute so umfangreiche und unentbehrliche Industrie dürfte somit nicht ganz des allgemeinen Interesses entbehren. Das Waffer der natürlichen Säuerlinge hat schon in den ältesten Zeiten in hohem Ansehen gestanden. Lange bevor man durch die Forschungen'der Chemiker erfuhr, daß auch unser gewöhnliches Trink- Wasser seine erfrischenden Eigenschaften einem gewissen Gehalt an Kohlensäure und mineralischen Salzen verdankt, ohne die es eine ab- schculich fad schmeckende und der Gesundheit geradezu gefährliche Flüssigkeit ist, schätzte man das Quellnaß der oben gedachten Art als Lurusgetränk nichr weniger wie als Hilfsmittel. Der Gedanke jedoch, ein der echten Mineralquelle ähnliches Wasser auf synthetischem Wege, d. h. durch Auflösung der mmeralischen Bestandteile in ge- wöhnlichem Wasser zu fabrizieren, lag der damaligen Menschheit meilenfern, weil man in den lächerlichsten abergläubischen Vor- stellungen über das eigentliche wirksame Princip der Säuerlinge und andrer Mineralwasser befangen war. Es galt z. B. als Dogma, daß die natürliche Ouellwärme von ganz besonderer Art, ungefähr so etwas wie der lebendige Odem der Mutter Erde sei, daß solches Ouellwasser langsamer erkalte als gewöhnliches Wasser und daß es seine wunderbaren Eigenschaften verliere, wenn man eS nach ein- maliger Erkalwng wieder erwärme. Man glaubte also, kurz aus- gedrückt, an Brunnengeister und sperrte sich in einer Zeit, wo man lieber ahnte als forschte und erpcrimentierte, gegen die Behauptung vereinzelter, in der Naturerkenutnis fortgeschrittener, aber selbst von ihren eignen Fachgcnossen heftig befehdeter Gelehrten, die alles auf natürlichem Wege aus dem Gehalt der Quellen an Kohlensäure- gas und Mineralien erklärten, die das Waffer bei seinem Durch- sickern durch die Erdschichten aufgenommen habe. Den ersten Versuch zur Herstellung von Mineralwässern unter- nahm schon Thurneiser um das Jahr 1569, ohne jedoch mit seinem mixtum compositum aus der Küche der Adepten Anklang zu finden. Erst 200 Jahre später gelangte der französische Arzt und Chemiker Vcnet in Montpellier zu einem brauchbaren Verfahren, von dem er in einer 1753 erschienenen Denkschrift Mitteilung machte. Obwohl damals die Natur des Selterswassers durchaus noch nicht bekannt und von einer chemischen Analyse keine Rede war, hatte der mit eigenartigem Spürsinn begabte Gelehrte— vielleicht, wie es so oft geschieht, durch einen glücklichen Zufall begünstigt— ein, wenn auch sehr umständliches, aber doch brauchbares Verfahren zur Fabrikation von künstlichem Selterswasser erfunden. Nunmehr wandten sich auch die bedeutendsten Chemiker der damaligen Zeit, wie Black, Chaulncs, Bergmann, Priestley und der jüngere Rouelle, dem Pro- blem zu und setzten durch ihre Arbeiten über die Kohlensäure, oder, wie man sie damals nannte, die„Luftsäure'", die„fixe Luft", oder „den wilden Geist", die Wissenschaft in den Stand, verschiedene Mineralwasser künstlich nachzubilden. Besonders war es der schwedische Chemiker Bergmann,' der an der Hand genauer Analysen in den Jahren 1774 bis 1778 mustergültige Rezepte zur Nachahmung der Trinkquellen von Saidschütz, Spa, Selters und Pyrmont herausgab. An eine Ausnützung der Erfindung im großen war jedoch da- mals noch nicht zu denken, da die Herstellung sehr teuer war und nur in den Apotheken auf Anweisung der Aerzte erfolgte, die das Selterswasser als tostbarcs Medikament benutzten. Durch einen seltenen Zufall ist eine solche Flasche uralten Selterswasser bis auf unsre Tage erhalten geblieben. Sie stammt von den Vorräten des am 29. August 1782 auf der Reede von Spithead gesunkenen eng- lischen Linienschiffes„Royal George", das während eines glänzenden, auf dem Schiffe abgehaltenen Balles kenterte, weil man die Geschüde losgemacht hatte, die bei einem plötzlichen Windstoß sämtlich auf eine Seite rollten. Die aus grünem Glas gefertigt? Flasche, deren Kork mit Draht festgehalten ist, wurde vor kurzem bei einer Raritäten- Versteigerung in London um den ungeheuren Preis von 536 Mark an einen Liebhaber verkauft, der damit in den Besitz des teuersten Selterswassers der Welt gelangte. Der erste, der in Teutschland Seltcrswasser fabrikmäßig her- stellte, war Meyer in Stettin. Seine Unternehmung scheint jedoch nicht vom Glück begünstigt gewesen zu sein. Einigen Aufschwung nahm die Industrie erst von dem Augenblick, wo Paul, der schon seit 1739 in Genf Mineralwässer hergestellt hatte, eine größere An- stalt in Paris errichtete, die für die schon oben genannte Regensburgcr Fabrik vorbildlich wurde. _ Die Gelehrtenwelt ließ sich auch durch diese handgreiflichen Be- weise an ihren Vorurteilen hinsichtlich der angeblich unnachahmlichen Eigenart der natürlichen Mineralquellen nicht irre machen. Gegen den so einleuchtenden Satz, daß die festen und gasigen Bestandteile der Mineralquellen der Erdrinde entstammten, erhob man den Ein-, wand, daß dann im Laufe der Jahrtausende, während derer diese Quellen fließen, ungeheure Hohlräume im Erdinnern entstanden sein müßten, die längst die ausgedehntesten Einstürze der Oberfläche an diesen Stellen verursacht haben würden. Struve unternahm den rechnerischen Gegenbeweis, daß selbst die größten denkbaren Mengen, die auf diese Weise fortgespült sein könnten, im Vergleich zu der Ge- samtmcnge der Erdrinde nur unbedeutend seien, ohne jedoch das ein- mal bestehende Vorurteil dadurch erschüttern zu können. Besser aber gelang es ihm. den magischen Schleier, der die Ursache und Wirksam- keit der Heilquellen umgab, dadurch zu lüften, daß er im Jahre 1821 in Dresden die Herstellung der künstlichen Mineralwasser begann, denen bald von den ersten Autoritäten das Zeugnis ausgestellt wurde, daß sie den natürlichen in jeder Beziehung gleichkämen. Von diesem Zeitpunkte datiert die Aera der modernen Selters- und Mineralwasser-Jndustrie, deren Fabrikationsmethodcn jedoch un- gleich mühevoller waren als die heutigen. Struve studierte die geo- logischen Begleitumstände bei den nahen böhmischen Heilquellen und gelaugte zu dem Schluß, daß man jedes Mineralwasser künstlich er- zeugen könne, wenn man reines Brunnen- oder noch besser destilliertes Wasser unter Hinzufügung von Kohlensäure durch den die Umgebung der Quelle bildenden Stein hindurchsiltriercn lasse. Um das Vcr- fahren abzukürzen, benutzte er aber nicht kompakte, große Steine. sondern feingemahlenen und pulverisierten Stein, um durch Per- mehrung der Berührungsflächen zwischen Stein und Wasser den un- berechenbar langen Sickerprozetz der natürlichen Verhältnisse zu er- setzen. Er gewann dadurch aus dem Billner Klingstein ein Sauer- Wasser, das sich von der echten Biliner Quelle durch nichts unterschied, und wandte dieses Verfahren alsbald auch auf andre vielbegehrte Trintbrunnen an. Gegentvärtig quält man sich natürlich längst nicht mehr damit ab, die mineralischen Bestandteile mühselig aus dem natürlichen Quellgestein durch Auflösung des letzteren zu gewinnen. Die chemische Industrie vermag auch die seltensten Salze, wie die Baryum-, Lithium- und Strontiumvcrbüidungen im großen Maßstabe weit billiger herzustellen. Die gleichen Fortschritte hat die Kunst des Analhsierens gemacht, die den Gehalt der Mineralwässer an Salzen bis auf hunderttauscndstcl und Millionstel Teile der gesamten Wasser- menge genau angicbt, so daß dieser Teil der Fabrikation nur noch cm exakter Wägeprozeß ist. Es handelt sich somit nur noch um die Imprägnierung des Wassers mit Kohlensäure, deren Herstellung für den Kleinbetrieb eines Sodawasser produzierenden Apothekers oder Troguistcn bis vor wenigen Jahrzehnten allerdings immer noch recht umständlich war. Ter Apparat zur Erzeugung von Selterswasser war deshalb auch ein ziemlich kostspieliges Ding. Der Fabrikant mußte kohlensauren Kalk in Gestalt von gemahlenem Marmor, Ltalk- stein oder Kreide mit Salzsäure übergießen oder kohlensaure Magnesia mit Schwefelsäure behandeln und die gewonnene Kohlensäure in komplicierten» mit flüssigen Chemikalien gefüllten Waschgefäßen reinigen oder durch ausgeglühte Holzkohle filtrieren und das vorher mit Salzen durchsetzte Wasser in großen, in steter Bewegung befind- lichen Mischtrommeln mit der gasförmigen Kohlensäure vereinigen. Tie Erfindung der flüssigen Kohlensäure, die in Stahlflaschcn be- licbig weit versandt werden kann, hat diese umständlichen Operationen überflüssig gemacht. Es bedarf heute nur noch eines ziemlich ein- fachen Apparats, um die aus dem Stahlcplindcr in Gasform ent- weichende, unter hohem Druck stehende Kohlensäure in das Wasser zu leiten, das sich auch ohne Schütteln, allein durch den hohen Druck mit dem Gase imprägniert. Zur Erzeugung von Mineralbrunnen wendet man nur einen Druck von 2 bis höchstens 3 Atmosphären an, während zur Herstellung von Selters- und Sodawasser 4 Atmosphären und zur Füllung der großen Ballons der Seltcrswasscrbuden bis zu 0 Atmosphären gebraucht werden. Die Herstellung dieser Erfrischungsgetränke ist also heute sehr einfach, um so mehr, als es bei ihnen nicht auf peinliche genaue Zu- sammensetzung des Salzgehaltes, den jedes kohlensaure Wasser des Wohlgeschmacks wegen besitzen muß, sondern auf den reichen Gehalt an Kohlensäuregas ankommt. Der Wert des Rohmaterials beläuft sich für eine Flasche dieser Getränke nur auf Bruchteile eines Pfennigs, so daß der in Restaurationen für eine Flasche geforderte Preis von 20 Pfennig und mehr und selbst die Klcinhandelpreise von 8 bis 10 Pfennig pro Flasche als exorbitant hohe bezeichnet werden müssen, die sich nur zum Teil durch das ausgewendete Materials den Wert der Flaschen und den ungeheuerlichen Gewinn des Zwischen- Händlers rechtfertigen lassen. Für den, der Selterswasser und andre kohlensäurehaltigen Ge- tränke im Hause bereiten will, sind seit langem Gaskrüge in Gebrauch, die mit dem bekannten Syphonverschluß ausgestattet sind und einen Schraubverschluß besitzen, der es gestattet, das Wasser des Kruges und die in dessen unterer Abteilung befindliche Brauscpulvermischung bis zum erfolgten Verschluß der Flasche getrennt zu halten und erst hierauf mit einander in Berührung zu bringen. Nimmt man statt Waffer Limonade, so erhält man die bekannten Brauselimonaden, die heute nur deshalb unter dem Vorurteil der Konsumenten zu leiden haben, weil ein üppig blühendes Fälschergcwcrbc statt echtem Himbecr-, Citronen- und andrem Fruchtsaft die minderwertigsten, künstlich gefärbten Surrogate benutzt. Die Gebrauchsfähigkeit dieser Gaskrüge hat übrigens wesentliche Fortschritte gemacht durch die Er- findung stählerner Kapseln, die eine kleine Menge flüssiger Kohlen- säure enthalten und letztere nach Verschluß der Flasche an das Wasser abgeben. Sind die hier geschilderten künstlichen Getränke noch vor hundert Jahren ein Gegenstand des Luxus gewesen, so dünken sie uns heute fast unentbehrlich. Sic haben ihren Weg in die entlegensten Gegenden gefunden; kein Schiff verläßt den Hafen, ohne einen größeren Vorrat davon an Bord genommen zu haben, und selbst in den Felswüstcn der Bergwerksdistrikte Colorados und am eisgepanzcrtcn Dukon bilden sie samt dem unvermeidlichen Whisky das Hauptingredienz der american clrinks. Die Kohlensäure, die für die Lunge ein vcr- derbliches Gift ist, bildet eben an Wasser gebunden die bekömmlichsten Erfrischungsgetränke. Sie wird übrigens auch vielen echten Säuer- lingcn zugesetzt und zur Herstellung der billigen Champagner vcr- wendet, die keine Flaschengärung durchgemacht haben und nicht wegen des künstlichen Kohlensäurezusatzes, sondern deswegen ein sehr mittel- mäßiges Getränk sind, weil ihre Fabrikanten bei der Wahl des Weines oder Kunstwcineö und der Bouquetstoffe am unrechten Orte sparen.— Dr. Kult Rudolf K r e u s ch n e r. kleines Feuilleton. xy.„Erhebung" in den Adelsstand. Durch die Verfassung find zwar in Preußen und anderswo die Standesvorrechte abgeschafft, trotzdem kann man aber in den Adel„erhoben" werden, voraus- gesetzt, daß man die nötigen Verdienste um den Staat sich erworben hat. Bei nationalliberalen Kommerzienräten und andern Mannes- seelen ähnlichen Kalibers pflegt diese„Erhebung" zum Standes- genossen der hochmögenden Herren Edelsten und Besten als sehr er- hebend empfunden und daher sehr begehrt zu sein. Der daraus sprechende Tiefftand bürgerlichen Selbstbewußtseins ist ja nun An- gesichts der bei uns thatsächlich bestehenden Machtverteilimg nicht ohne einige Berechtigung. Tief beschämend aber ist es, zu sehen, daß selbst die größten Namen des deutschen Bürger- tums, Männer wie Goethe und Schiller, die den Stolz der deutschen Nation bilden, es nicht unter ihrer Würde gehalten haben, sich durch Annahme eines Adelsprädikats die blutige Beleidigung ge- fallen zu lassen, als wenn es eine Ehre für sie sein könnte, mit jedem xbcliebigen strohköpfigen Herrn von und zu auf ein Niveau gestellt zu werden. Goethe verdient freilich nicht die niederträchtige Verunglimpfung seines Andenkens, die sich der Litterar- Historiker Scherer geleistet hat: daß er unter der„günstigen Ein- Wirkung des Hoflebens" in Weimar die„Blüte der Gesellschaft" im Junkertum erkannt habe. Demgegenüber braucht man nur auf Aeußerungen Goethes über das höfische Treiben um ihn her zu ver weisen, wie die: keine Zote und Eselei der Hanswurstiaden sei so okelhaft, wie das Wesen der Großen, Mittleren und Kleinen durch- einander. Und seine Erhebung in den Adel durch kaiserliches Diplom vom April 1782 ließ ihn so kalt, daß er nach Erhalt der Urkunde am 4. Juni 1782 seiner Freundin, der Frau v. Stein, darüber schrieb, er könne sich gar nichts dabei denken. Schiller, der im Jahre 1802 geadelt wurde, dachte sich etwas dabei: anstatt sich zu freuen, zer- brach er sich den Kopf darüber, ob die Annahme des Titels nicht mißdeutet Iverden könnte. Aber angenommen hat er ihn schließlich sowohl, wie Goethe, und auf diese Weise einen traurigen Mangel plebejischen Stolzes bekundet. Dafür hatte der wackere Gottfried Bürger eine lebhaftere Empfindung, wenn er„Auf das Adeln der Gelehrten" die Verse münzte: „Mit einem Adelsbrief muß nie der echte Sohn Minervens und Apollos begnadigt heißen sollen; Denn edel sind der Götter Söhne schon, Die muß kein Fürst erst adeln wollen I" Aus diesen Worten darf man natürlich nicht etwa herauslesen wollen, daß Bürger vor dem Geburtsadel der Krautjunker etwelchen Respekt gehabt hatte. Er hat ganz sicher das Urteil gebilligt, das zu seiner Zeit in einem� Artikel des„Teutschcn Museums" aus- gesprochen wurde:„Der Schornsteinfeger, der Holzhacker, der Nacht- Wächter, der Bettler sogar braucht Genie, aber lvas in aller Welt braucht der Edelmann, wenn er einmal aus einer Mutter aus gutem Geschlecht gekrochen ist?" Die stillschweigend vorausgesetzte Antwort: „Gar nichts I" würde heute nicht mehr passen; heute müßte die Frage beantwortet werden:„Liebesgaben, Wucherzölle, Militärvorlagcn, Gevatterwirtschaft". Schmarotzer an: Gesellschaftskörper aber waren sie damals so gut, wie heute; darum hat Jean Paul in seinen „Grönländischen Prozessen"<1783) den Adel mit den Staden in altem Käse verglichen. In diesem Zusammenhange würde dann auch die Frage, die der Spötter Heine einmal als Muster einer unnützen Haarspalterei aufwirft, einen ganz vernünftigen Sinn bekommen, die Frage nämlich, ob den Maden des Käses der Käse gehöre. Dank der politischen Leistungsfähigkeit des bürgerlichen Liberalismus ist dies Problem noch immer ungelöst. Sonst könnte von einer„Er- Hebung" in den Adel nicht mehr die Rede sein. Sonst könnte die Verleihung des Adels nicht mehr als eine Ehre, die des Schlveißes der Edlen loert, sondern höchstens als eine erniedrigende Strafe empfunden werden. Einmal im Lauf der Geschichte ist es von Gesetzes wegen so gewesen, daß die„Erhebung" in den Adel Ver- lust aller bürgerlichen Rechte bedeutete und darum als Strafe zu- erkannt wurde. Das war aber vor fünfhundert Jahren in der Republik Florenz.—- ou. Neue Korkwäldcr. Professor Baker von der Stanford- Universität in Kalifornien ist jüngst von einer ausgedehnten Reise in Mittelamerika zurückgekehrt, wo er sehr sorgfältige Untersuchungen über die Wälder in der Republik Nicaragua ausgeftihrt hat. Die wichtigste seiner Entdeckungen bestand in der Auffindung und Untersuchung eines Baumes, von dem ein vorzüglicher Ersatz für Kork gewonnen werden kann. Professor Baker fand in den Wäldern von Nicaragua überhaupt eine ungeheuere Mannigfaltig- kcit von Baumarten, von denen er nicht weniger als dreihundert unterscheiden konnte. Was jenen auffallenden Baum betrifft, so hat seine Entdeckung eine besondere Geschichte. Seit einigen Jahren wurde nach den Vereinigten Staaten zu Schiff eine Baumrinde ein- gefiihrt, die sich als ein gutes Ersatzmittel für Kork erwies, aber es konnte wissenschaftlich nicht festgestellt werden, von welcher Baumart die Rinde herrührte. Aus diesen, Grunde hauptsächlich begab sich der Gelehrte in jene Gegend und ermittelte dort, daß die Rinde von den Wurzeln der Baumgattung Auona stannnte, eines Baumes, der eine große Aehnlichkeit mit der kanadischen Pappel befitzt und in den Niederungen und längs der Wasserläufe wächst. Professor Baker hat übrigens seine Arbeiten noch weiter ausgedehnt, indem er sowohl die Tierwelt an den westlichen Abhängen der Cordillere von Nicaragua erforschte, als auch eingehende Untersuchungen über die verschiedenen Krankheiten des Kaffees und des Kaffeestrauches in Mttelamerika anstellte.— Archäologisches. k. Entdeckungen einer prähistorischen Kultur in Peru. Eine von dem deutschen Gelehrten Dr. Max Uhle ge- leitete archäologische Erpedition in Peru, die im Interesse der Uni- versität von Kalifornien unternommen wurde, hat eine prächtige Sammlung seltener Funde und Schätze aus den Palästen und Gräbern der Jnkas mitgebracht. Dr. Uhle glaubt auch, nach einem Bericht des„American", unbestreitbare Beweise einer hochentwickelten Kultur gefunden zu haben, die um wenigstens 2c> Jahre älter als alle bis jetzt entdeckten Spuren einer socialen Entwicklung in dieser Gegend ist. Die Civilisation der Jnkas erscheint daneben fast un- bedeutend; man hat deutliche Spuren von übereinandergelagerten Kulturschichten gefunden, von denen einige im Vergleich mit den- vorangehenden fast entartet erscheinen. Ueber die überraschenden Ergebnisse seiner zweijährigen Arbeit machte Dr. Uhle fol- gende Mitteilungen:„Zu den interessantesten und am besten erhaltenen Funden gehört ein Palast im Thale PiSco. Es war in Wirklichkeit eine Ansiedelung mit einem großen Patio-Hof in der Mitte, um den herum große Paläste liegen, die von einem hohen Grad der Civilisation ihrer Bewohner sprechen. Die Dächer fehlten, aber die Farbe der Wände war vollkommen frisch und die Zeich- nungen waren leicht zu unterscheiden. Der gute Geschmack der Be- wohner geht aus der Einrichtung ihrer Wohnungen und ihre Liebe zur Natur aus den Terrassen hervor, die mit schonen Geländern ausgestattet sind und von denen aus man einen weiten Blick über die Umgebung hat. Daß die oberen Klassen von dem Volk getrennt waren, geht daraus hervor, daß, wie die Prüfimg der Gräber ergiebt, allein die Häuptlinge Gold- und Silberschmuck tragen dursten. Ein großer Sonneupalast, der über dem Thale Pisco steht, ist aus dicht aneinanderpassenden Steinblöcken gebaut. Aus Gräbern in einer Tiefe voit 5 his li Meter habe ich goldene Schmucksachen iin Werte von etwa 4000 M. mitgebracht. Dazu waren bedeutende Aus- grabungen nötig, die mit Einwilligung der peruanischen Regierung von einer ständig von mir beschäftigten Schar von 12 bis 15 Ar- beitern ausgeführt wurden. Die Bloßlegung der Gräber der Chincha-Häuptlinge förderte prächtige Schmucksachen aus Gold, Silber und Kupfer, zum Teil kostbar mit Türkisen eingelegt, zu Tage. Einige ähnelten in der Form den indianischen Schmucksachen und waren augenscheinlich das Werk Eingeborener. Ein Wandteppich aus einer Art sehr feiner Wolle, wahrscheinlich Wolle vom Lama, gehört einer der ersten Perioden an und ist in blau, rot»md gelb gehalten. Die Zeichnung stellt einen Mann und einen Kondor dar i trotz der Seltsamkeit der Arbeit, die etiva 3000 Jahre alt ist, hat sie etwas Künstlerisches. Obgleich der Teppich dem Regen und der Sonne ausgesetzt war,— wie lange läßt sich unmöglich bestimmen,— sind die Farben frisch geblieben." Der Forscher beschäftigt sich jetzt eifrig mit der Klassifikation seiner Funde. Man fand viele Scepter, Stöcke, die oben mit Gold oder Silber überzogen und nur noch durch das sie bedeckende Metall zusammengehalten waren? denn das Holz lvar von Alter morsch und zer- fiel bei der Berührung in Staub. Große kunswoll geschnitzte Ruder dienten augenscheinlich als Scepter und wurden wahrscheinlich vor den Häuptlingen hergetragen. In vielen Gräbern fand n,au eine Art Cylinder aus Kupfer, die so ausgekehlt waren, daß sie in kleinere Stücke gebrochen werdeit konnten, was an den chinesischen Brauch erinnert. Diese Kupfcrcylinder fand man in dem Munde der Be- grabenen; damit konnten sie fiir ihren Weg über den Strom be- zahlen, was an verschiedene andre Mythologien erinnert. Ein merk- loiirdiger Fund ist eine Art Meißel aus Kupfer, oben mit der Zeichnung eines an drei Pfählen gekreuzigten Mannes verziert? auf der Rück- feite war die Darstellung der Teile der Hände und Füße, die noch an den Pfühlen befestigt waren; eine Schar Vögel schwebte darüber. Es sind Steinarbeiten von wenigstens vier Perioden der Iura- Civilisation ausgegraben worden. So fand man in Huamachuco einen kleinen saulenähnlichen Stein aus Urpi mit zwei Ge- fichtern, darauf, in Ucros einen Steinkopf mit ge- meißelten Gesichtszügen, in Baranchique zlvei gemeißelte Stein- köpfe. DaS Chinchathal weit im Innern Perus war das Hauptforschungsfeld. Dr. Uhle schiffte sich in Trujillo, einen Seehafen etwa 500 Meilen nördlich von Lima, ein und brach nach dem Wcstabhang der Cordilleren auf. Hier liegt ein hohes Plateau, von dem aus der Blick das Land meilenlveit beherrscht, so daß ein Ueberfall durch feindliche Macht unmöglich lvar und die Wahl dieses Wohnortes von einem eingeborenen Volk sehr begreiflich ist. Hier lagen gesonderte Festungen, von hohen dicken Mauern umgeben, die von einem hohen Gebäude,„El Castillo", be- herrscht wurden. Die Steine wurden von den benachbarten Hügeln gebrochen. Hier befinden sich viereckige und runde Gebäude, letzlere mit sehr welligen Eingängen. Thüren und Fenster wurden durch lange Steinplatten verstärkt. Hier wurden viele Gräber entdeckt, die merkwürdigsten in den Wänden der Häuser. Ju jedem dieser Behältnisse fand man zwei bis acht Leichen beigesetzt. Dann fand man hier drei Brunnen? nachdem man einen trockengelegt und den Schlamm gesichtet hatte, entdeckte man viele blaue, graue und schwarze Steinperlen und Muschelschmucksachen. Merkwürdig ist, daß Lerantivortlichcr Nedalteur: Carl Leid in Berlin.— Zurück und Verlag: die dazu verwendeten Muscheln mir in den tropischen Meeren. zwischen Panama und der Insel La Plata gefunden werden. Die Periode dieser Funde geht wahrscheinlich unmittelbar der Jnca» Periode voraus.— Technisches. xm. Schnellschneider fiir die Küche. Bei der Zu- bereiwng unsrer Speisen müssen viele Materialien sehr klein zer- schnitten oder gewiegt werden. Man bediente sich bisher zu diesem Zwecke hauptsächlich der ein- oder mehrschneidigen Wiegemesser. Jetzt ist nun eine Erfindung gemacht worden, durch welche derartige Zer- kleinerungsarbeiten wesentlich beschleunigt werden. Diese Neuheit des Schnellschneiders hat einen Griff aus Stahldraht, der vorn eine Röhre mit zehn scharfen runden Messern von 3 Centimctcr Durchmesser trägt. Fährt man nun mit einem der- arfigen Schnellschneider über das zu zerkleinernde Material schnell mit kräftigem Druck hin und her, so wird dieses durch die zehn sich dabei' drehenden scharfen Messer sehr.schnell und gründlich nach allen Richtungen hin zerkleinert. In dieser Weise kann man Spinat, Kohl, Zwiebeln, Mandeln, Petersilie und ähnliche Naturprodukte leicht zer- kleinern. Will man mit dem Schnellschneider Nudeln?c. zerschneiden. so fährt man natürlich über das auf einem Holzbrett liegende Material nur nach einer Richtung hin. Damit die zerkleinerten Teilchen nicht an den Messern hängen bleiben, ist ein Abstreifcr in Gestalt eines mit zehn engen Schlitzen versehenen Bleches angeordnet, der jedes Festbacken an den zehn runden Messern verhindert. Die äußerst handliche Vorrichtung isr aus gutem Stahl hergestellt und stark vernickelt. Zum Zweck der Reinigung ist der Abstreifer durch einen einfachen Handgriff zurückklappbar, während die Messerwalze durch Auseinanderbiegen der federnden Drahthaltcr herausgenommen und dann bequem und gründlich gereinigt werden kann. Hat diese Erfindung gegenüber den sonst benutzten Wiege- messern den Vorteil, daß man damit die beabsichtigte Zerkleinerung von Gemüse und ähnlichen Lebensmitteln sehr schnell bewirken kann, so kommt noch in Betracht, daß das Hantieren mit dem Schnell- schneider wenig ermüdet, da diese Vorrichtung im ganzen nur 85 Gramm wiegt.— Humoristisches. — Vorwurf. Frau feines gefeierten Verteidigers):„Sckion wieder bist Du mit der Küche unzufrieden? Natürlich, für den schwersten Verbrecher setzest Du Dich ein, aber wenn ich koche, kennst Du keine mildernden Umstände!"— — Ertappt. Medium:„Diese Rose schickt Ihnen Ihre verstorbene Gemahlin." Herr:„Das ist Schwindel! Die hätte mir einen Stiefel- knecht zugeworfe n."— — Eine fleißige Familie.„Bei mir zu Hause muß alles mithelfen." „Wirklich?" „Ja, der Kleinste holt mir Bier, der Größere Cigarrcn und der Aelteste löst den Jüngsten ab."— („Mcggendorfer-Blätter".) Notizen. — Die Vergebung des R a i m u n d- P r e i s e s iWien) ist auf das näch'ste Jahr verschoben worden. Die Preis- achter konnten keine Uebereinstimmimg ihrer Ansichten erzielen. In Erwägung gezogen waren: Josef Werkmanns„Kreuzlvegstürmer", Schrottenbachs„Der Herr Geineinderat"»nid Scuravis„Neues Leben".— — Zur Eröffnungs-Vorstellung des Lieder- spielharises bei Kroll wird„Der Kuß", ein Schäferspiel mit Musik von Beethoven, Mozart und Haydn, Text von Richard Batka, erstmalig zur Aufführung gelaitgen.— — Eine Expedifion zur Untersuchung des Blauen Nils hat der Amerikaner W. N. M a c M i ll a n aus St. Louis angetreten. Der Zlveck der Reise ist festzustellen, auf ivelchen Strecken und in welchem Maße der Blaue Nil von CharUnn aus als Handelsstraße verwertet werden kann.— — Der Deutsche Techniker-Verband stellt für seine Mitglieder in diesem Jahre folgende Preisaufgabe:„Alis- stellung eines Projekts für die Ersteigung einer Berglehne durch eine eingeleisige nornralspurige Lokalbahn". Erster Preis 350 M.. zweiter Preis 150 M.— t. Eine metallurgische Entdeckung ist von den» Ingenieur Outerbridge in einem Vortrage vor dem Franklin Institute veröffentlicht worden. Sie besteht darin, daß weißes Guß- eisen mit einem Gehalt von 12 Proz. Kieselsäure lediglich durch Ausglühen tTempern) in ein dichtes graues Eisen von großer Wider- standsfühigkcit gegen Zug verwandelt loerden kann. Das Erzeugnis kaim gehärtet tverden und nimmt auch scharfe Schneiden an. Das so behandelte Metall besitzt eine Widerstandsfähigkeit von 40 000 bis 50 000 Pfund auf den Ouadratzoll und kann unter einem Dampf« Hammer gepreßt werden, ohne zu brechen. Wahrscheinlich kann ein Verfahren dieser Art in großem Maßstab zur Herstellung von Beilen und Hämmern benutzt werden.—__ Vorwärts Buchdruckerei und Vcrlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin 3W