Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 100. Sonntag, den 24. Mai. 1903 (Nachdruck verboten.) 62) Das Geld Roman von Emile Zola. Eines Morgens sah Frau Karoline die beiden Damen unter einem kleinen Schuppen im Garten ihre Wäsche eigen- händig besorgen. Die alte Köchin war sust gelähmt und konnte nicht mehr viel mithelfen; während der kalten Wintertage hatten sie dieselbe Pflegen müssen. Ebenso stand es mit dem Manne der Köchin, der Hausmeister, Kutscher und Diener zu- gleich war; es fiel ihm sehr schwer, das Haus rein zu fegen und den hochbetagten Gaul auf den Beinen zu erhalten, der schwach und wacklig war wie sein Kutscher. Deshalb hatten die Danien sich mutig an die Haushaltung gemacht. Die Tochter verließ mitunter ihre Aquarellbilder, um magere Suppen zu kochen, von denen die vier Leutchen kümmerlich lebten: die Mutter wischte die Möbel, flickte die Kleider und Schuhe und bildete sich in ihrer knauserigen Sparsamkeit ein, daß man weniger Flederwische, weniger Nadeln und Faden verbrauche, seitdem sie dieselben handhabte. Kam aber ein unerwarteter Besuch, dann� mußte man sehen, wie die beiden Frauen wegrannten, ihre schürzen abwarfen und in aller Hast sich wuschen, um als Herrinnen des Hauses mit weißen und müßigen Händen wieder zu erscheinen. Nach der Straße hin war alles unverändert und die Ehre gerettet. Der Wagen war immer noch tadellos bespannt, wenn die Gräfin und ihre Tochter in die Stadt fuhren, die zwei nionatlichen Diners ver- einigten immer noch die gewohnten Wintergäste, ohne daß ein Gang weniger auf dem Tische oder ein Licht weniger an den Kronleuchtern zu sehen war. Man mußte, wie Frau Karoline. auf den Garten Aussicht haben, um zu wissen, mit welchen harten Fasttagen dieser falsche Prunk, diese erlogene Fassade eines entschwundenen Vermögens bezahlt wurden. Wenn sie die beiden Frauen in diesem von den Nachbarhäusern erstickten moderigen Schacht unter den grünlichen Gerippen der Jahr- hunderte alten Bäume in tödlicher Traurigkeit spazieren gehen sah, dann bemächtigte sich ihr grenzenloses Mitleid; sie trat vom Fenster weg, das Herz von Gewissensbissen durch- wühlt, als fühle sie sich Saccards Mitschuldige an diesem Elend. An einem andren Vormittage erlebte Frau Karoline einen unmittelbareren und noch tieferen Schinerz. Man meldete den Besuch Dejoies an. Mit gewohnter Tapferkeit entschloß sie sich, ihn zu empfangen. „Nun, mein armer Dejoie..." Dann hielt sie beim Anblick der Blässe des ehemaligen Bureaudieners erschreckt inne. Seine Augen schauten wie ab- gestorben aus dem verzerrten Gesicht; der hochgewachsene Manii war kleiner geworden und wie geknickt. „Wohlan, lassen Sie den Mut nicht sinken, ich hoffe immer noch, daß nicht all dies Geld verloren ist." Jetzt begann er mit langsamer Stimme: „O, Frau Karoline, nicht deshalb komme ich! Aller- dings habe ich im ersten Augenblick einen harten Schlag empfunden, weil ich mich in den Wahn hineingelebt hatte, wir seien reich. Ter Gewinn steigt einem in den Kopf, als ob man getrunken hätte... Mein Gott, ich hatte mich schon darein gefügt, von neuem zu arbeiten, und hätte so tüchtig gearbeitet, daß es mir gelungen wäre, die Sumnie wieder zusamnienzubringen... Aber Sie wissen nicht.. Dicke Thränen flössen über seine Wangen. „Sie wissen nicht... Sie ist fort." „Fort? Wer denn?" fragte Frau Karoline erstaunt. .Mathalie, meine Tochter... Mit ihrer Heirat war es aus; als Theodors Vater herüberkam lind sagte, sein Sohn habe schon zu lange gewartet und wolle jetzt die Tochter einer Kurzwarenhändlerin heiraten, die fast achttausend Frank mit- bekomnit, da hat sie einen Zorirnnfall bekommen. Ich begreife schon, daß sie zornig wurde beim Gedanken, daß sie keinen Sou mehr besitzt und ledig bleiben muß... Aber ich, ich liebte sie so sehr! Letzten Winter noch stand ich nachts auf, lim ihr die Decken zurecht zu streichen, und ich versagte mir den Tabak, damit sie schönere Hüte bekäme! Ich war ihre wirkliche Mutter, ich hatte sie ja aufgezogen und lebte nur von der Freude, sie in unsrer engen Wohnung zu sehen." Die Thränen erstickten seine Worte; er schluchzte laut. „Ja, ja, mein Ehrgeiz ist an allem schuld... hätte ich verkauft, sobald meine acht Aktien die sechstausend Frank für die Mitgift ergaben, dann wäre sie jetzt verheiratet. Aber sie stiegen immer noch, nicht wahr? Und da habe ich auch an mich gedacht und zuerst sechshundert, dann achthundert. dann tausend Frank Rente gewollt, um so mehr als ja die Kleine dieses Geld später geerbt hätte... Wenn ich bedenke, daß ich zum Kurse von dreitausend eine Zeitlang vierund- zwanzigtausend Frank in der Hand hatte, Geld genug, um ihr sechstausend Frank mitzugeben und mich mit neunhundert Frank jährlich zurückzuziehen! Nein, tausend wollte ich dummerweise haben. Und jetzt stellt alles Papier nicht einmal zweihundert Frank dar... O, ich bin schuld! Es wäre besser gewesen, ich wäre ins Wasser gesprungen!" Von diesem Schmerze tief ergriffen, ließ Frau Karoline den Mann sich ausweinen. Indes war sie neugierig, das Nähere zu wissen. „Fort ist sie, mein armer Dejoie, wieso... fort?" Jetzt geriet der Mann in Verlegenheit, während eine schwache Nöte zu seinem blassen Gesicht stieg. „Ja, fort, verschwunden seit drei Tagen... Sie hatte einen Herrn kennen gelernt, der uns gegenüber wohnte; o, einen ganz feinen Herrn, einen Mann von vierzig Jahren... Kurz, sie ist mir durchgebrannt." Während er das Nähere erzählte und mit verlegener Zunge nach Worten suchte, stieg vor Frau Karoline das Bild der schmächtigen, blonden Nathalie wieder auf, dieser hübschen Tochter des Pariser Pflasters mit ihrer zarten Anmut. Am deutlichsten sah sie ihre großen Augen mit dem so ruhigen und kühlen Blick voll ungewöhnlicher Selbstsucht. Sie hatte sich von ihrem Vater als glückseliges Idol vergöttern lassen, sie blieb tugendhaft, so lange es in ihrem Vorteil lag; sie war eines thörichten Fehltritts unfähig, so lange sie auf eine Mit- gift, eine Heirat, auf einen kleinen Laden Aussicht hatte, in dem sie als Herrin gethront hätte. Aber wie könnte sie solch ein armseliges Dasein weiter führen und wie eine Magd mit ihrem gutmütigen Vater leben, der jetzt wieder zur Arbeit greifen mußte? Nein, nein, sie hatte dieses freudenleere und nunmehr aussichtslose Dasein satt. Deshalb war sie durch- gebrannt, hatte sie kaltblütig ihre Stiefeln angezogen und ihren Hut aufgesetzt, um ein andres Heim zu suchen. „Mein Gott!" fuhr Dejoie stotternd fort,„viel Unter- Haltung hatte sie bei uns nicht, das ist richtig; wenn man nett ist, so ist's ärgerlich, in seiner Jugend so zu versauern... Aber trotzdem ist es hartherzig von ihr! Bedenken Sie doch, nicht einmal Abschied hat sie von mir genommen, kein Briefchen, nicht das geringste Versprechen, mich von Zeit zu Zeit zu besuchen... Sie hat die Thüre geschlossen und damit fertig. Sie sehen, meine Hände zittern, ich bin noch wie blöd- sinnig. Ich kann nichts dafür, aber ich schaue mich immer nach ihr um in unserm Stübchen. Nach so vielen Jahren. gerechter Gott! Ist das möglich, daß ich sie nicht mehr habe, daß ich mein armes Kindchen nie mehr wieder sehen soll?" Er weinte nicht mehr; sein stumpfsinniger Schmerz war so herzzerreißend, daß Frau Karoline seine beiden Hände er- faßte und keinen andern Trost fand, als daß sie in einem fort rief: „Mein armer Dejoie, mein armer Dejoie..." Dann kam sie, um ihn zu trösten, auf den Krach der Universelle zurück. Sie entschuldigte sich, weil sie zugelassen hätte, daß er Aktien nahm, und sprach sich über Saccard strenge aus, ohne ihn zu nennen. Sofort wurde der frühere Bureau- diener wieder lebhaft. Von der Spielleidenschaft besessen, ge» riet er jetzt noch in Aufregung: „Herr Saccard, ei! Der hat ganz recht gehabt, daß er mich vom Verkauf abhielt! Das Geschäft war glänzend, wir hätten die andren alle aufgegessen, wenn uns nicht Verräter ini Stich gelassen hätten... O, Frau Karoline, wenn Herr Saccard noch da wäre, dann ginge alles anders! Das war unser Tod, daß man ihn verhaftet hat. Nur e r könnte uns noch retten... Ich hab's dem Untersuchungsrichter gesagt: „Mein Herr, geben Sie uns Herrn Saccard wieder, und ich ver» 398— traue ihm von neuem mein Geld an, ich vertraue ihm mein Leben an, weil dieser Mann der leibhaftige Herrgott ist, hören Sie? Er bringt alles fertig, was er will." Verblüfft schaute Frau Karoline den Mann an. Wie, kein Wort des Zornes oder des Vorwurfs? Das war ja das glühende Vertrauen eines Gläubigen. Welchen mächtigen Eindruck mußte Saccard auf die willenlose Herde gehabt haben, um sie derart unter das Joch der Leichtgläubigkeit zu bringen! „Kurz, gnädige Frau, ich war bloß gekommen, um Ihnen das zu sagen; Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich von meinem eignen Kummer gesprochen habe, denn mein armer Kopf ist jetzt etwas schwach... Wenn Sie Herrn Saccard sehen, sagen Sie ihm ja wieder, daß wir immer noch auf seiner Seite sind." Mit wankenden Schritten ging er weg. Als sie allein war, empfand sie einen Augenblick Abscheu gegen das Leben. Das Unglück dieses Mannes hatte ihr Herz zerrissen, gegen den andren, den Mann, den sie nicht nannte, verdoppelte sich ihr Zorn, obwohl sie den Ausbruch des Zornes in ihren Busen zurückdrängte. Außerdem kamen andre Besuche; an diesem Tage wurde sie förmlich überlaufen. Unter der Flut der Besucher machte das Ehepaar Jordan auf Frau Karoline den tiefsten Ein- druck. Sie waren beide gekommen, Paul und Marcelle, als einiges Ehepaar, welches ernste Schritte immer zu zweien unternimmt, um sich zu erkundigen, ob ihre Eltern, die Maugendres, aus ihren Universelle-Aktien wirklich nichts mehr herausschlagen könnten. Auch bei diesen war namenloses Unglück hereingebrochen. Schon vor den großen Schlachten der beiden letzten Abrechnungstage hatte der ehemalige Zelt- tuchfabrikant fünfundsiebzig Titres in Händen, die etwa achtzigtausend Frank gekostet hatten;— ein glänzendes Geschäft, da ja zum Kurse von dreitausend diese Titres eine Zeit- lang zweimalhundertfünfundzwanzigtausend Frank darstellten. Das Schreckliche war aber, daß Maugendre in der Hitze des Kampfes ohne Deckung gespielt hatte; im Glauben an Saccards Genie kaufte er immer mehr, so daß die zu deckenden gewaltigen Differenzen im Betrag von über zweimalhundert- tausend Frank den Rest seines Vermögens verschlungen hatten, diese in dreißigjähriger Arbeit so sauer erworbene Rente von fünfzehntausend Frank. Jetzt hatte er nichts mehr. Nach Veräußerung seiner Villa in der Rue Legendre, auf die er fo stolz zu sein pflegte, würde er kaum schuldenfrei ausgehen. An diesem Unheil war Frau Maugendre sicherlich mehr schuld als er. lFortsetzung folgt.) Lonntagsplauäerei. Neulich fuhr ich wieder mit meinem Freunde zusammen, dem, der die Flugblätter gegen den gemeinsamen Feind ichreibt. Er sah immer noch frisch und stöhlich aus, als ob ihn seine Thätigkeit nicht im mindesten anstrenge. Dennoch glaubte ich menschenfreundlich bemerken zu müssen: Sie werden auch froh sein, daß die Wahlen bald vorüber sind. Der Unsinn, den Sie täglich liefern, mutz Ihnen doch allmählich zuwider werden. Ganz im Gegenteil, erwiderte mein Freund und ein Schatten umschleierte seine lachenden Augen, ganz im Gegenteil, nach den Wahlen fängt das Elend erst wieder an. Verdienen Sie so viel beim Flugblattschreiben und beginnt die Arbeitslosigkeit für Sie, wenn die Wahlen vorüber sind, fragte ich mitleidig. Nein, das nicht; ich bin in auskömmlicher Lebensstellung. Aber eS handelt sich um meine Kinder. Ihre Kinder, fragte ich verwundert, käinpfen die denn auch schon gegen den gemeinsamen Feind? Wenn Sie unter dem gemeinsamen Feind den Vater verstehen, so kämpfen sie allerdings. Indessen die Dinge stehen schlimmer. Wissen Sie, ich habe nämlich sehr, sehr viele Kinder, und eines ist immer kleiner als das andre. Neulich hat sich blotz mal der Zug um 5 Minuten verspätet, und das hat genügt, datz ich zu Hause bereits wieder ein Neugeborenes vorfand. So schnell geht's. Und da sind Sie auf den Nebenerwerb angewiesen? Keine Spur, antwortete er, ich weitz nur nicht, wie ich nach den Wahlen die Jöhren wieder beschäftigen soll. Es herrscht jetzt ein so himmlischer Gottesstieden. Nachher bin ich ratlos, was ich mit den Rangen anfangen soll. Sie helfen mir nämlich bei den Flugblättern I Das heitzt, sie machen Kähne und Helme aus dem Papier, ««inte ich. Bewahre, sie helfen mir, sie liefern mir— daS Material. Sie müssen aber nette Wunderkinder in die Welt gesetzt haben! nutziger als das Kropzeug im allgemeinen ist. Kennen Sie d« Leidenschaft von Kindern für Scheren? Ein wenig! Nun wohl, da werden Sie auch wissen, was es bedeutet, wenn ein halb Dutzend von diesem Gesindel den ganzen Teg über nichts andres nachdenkt, als wie sie sich in den Besitz v» Scheren setzen könnten. Es ist merkwürdig, aber sie finden sie üll rall, auch wenn man sie in den verborgensten Winkeln und Schluchten versteckt. Sie haben mir alles zerschnitten; wertvolle Radierungen, Bücher, Tisch- decken, Teppiche, Betten, Handschuhe und mit besondrer Vorliebe meine Sonntagshosen. Das ist ja schrecklich, warf ich erschüttert ein. Und das ist noch nicht das schlimmste. Bedenken Sie gefälligst noch die unvermeidlichen Begleiterscheinungen. Natürlich gab es jedesmal, wenn sie eine solche Schandthat angerichtet, Prügel. Die Priigel entwickelten sich zu regelmätzigen Bildern«ms dem Familien- leben, namentlich am Sonntag. Alle sechs Kinder heulten, jedes in einer andren Kampfart, meine Frau verfiel in Weinkrämpfe, ich brüllte wie ein toll gewordener Heldentenor, unser Dienstmädchen zog auf der Stelle, die Leute, die unter uns und neben uns wohnten. übernnttelten uns mündlich und schriftlich Grobheiten, und der Haus- Wirt kündigte oder steigerte. Die Wahlen haben mit einem Schlag einen Jdealzustand geschaffen, ein Paradies. Sie fitzen jetzt den ganzen Tag mäuschenstill und schneiden. Schneiden? Natürlich! Die Aufgabe einer weisen Erziehung ist, den un- geberdigen Thätigkeitsdrang der Kinder nutzbringend abzulenken. Das habe ich einfach gethan und mir dadurch zugleich unentbehrliche Mitarbeiter für meine Thätigkeit gewonnen. Sie wijsen: Die Auf- gäbe eines Flugblattschreibers gegen den gemeinsamen Feind besteht in der Fertigkeit, künstlerisch zu citieren. Rohe Burschen nennen das Fälschen. Ich halte das für eine künstlerische Thätigkeit allerersten Ranges. Ich habe also meinen Kindern die Schriften von Bebel, Kautsky, Lieb- hrecht, ein paar Ouartalsbände des„Vorwärts", die Protokolle der socialdemokratischen Parteitage und dergleichen mehr gekauft und sie angewiesen, den ganzen Haufen in kleine Schnitzel zu zerlegen. Sie haben den Auftrag, jeden Satz, Satzteil, wenii es ihnen gerade patzt, auch einzelne Worte gesondert herauszuschneiden und die Fetzen auf einander zu legen. Das ist mühsam, aber den Kindern gefällt's, und sie überbieten sich in eifriger Arbeit. Ich habe dann nichts Iveiter zu thun, als aus dem Trümmerhaufen ein paar Stücke hervorzugreifen und sie geschmackvoll und zugkräftig an einander zu kleben. Fertig ist das Flugblatt, und die Kinder sind artig wie die Engel. Ich verstehe noch nicht ganz... Lassen Sie sicki's an einem Beispiel klar machen. Sie schreiben z. B. folgenden Satz:„Aueb die Freisinnigen find für Handels- Verträge, aber ftir höhere Zölle. Dagegen kämpfen die Social- demokraten." Bubi, mein Aeltester, nimmt seine Schere und zerlegt die Zeilen in ihre drei Bestandteile: 1. Auch die Freisinnigen sind für Handelsverträge. 2. Aber für höhere Zölle. 3. Dagegen käinpfen die Socialdemokraten.— Ich mische nun und klebe wie folgt:„Auch die Freisinnigen sind ftw höhere Handelsverträge. Da- gegen kämpfen die Socialdemokraten, aber für höhere Zölle." So gewinne ich ein prachtvolles Citat aus dem„Vorwärts". Sie werden mir zugestehen: ich kann beschwören, datz ich nichts hinzugefügt oder verschwiegen habe. Alles hat buchstäblich im„Vorwärts" so ge- standen, und ich kann nun beweisen: Wer bekämpft Handels- Verträge? Die Socialdemokratie. Wer ist ftir höhere Zölle? Die Socialdemokratie. Und die Kinder sind obendrein stolz auf ihr Werk. Oder ein andres Beispiel, eines mit kleiner redaktioneller Nachhilfe. Bebel schreibt: Das Kapital ist es, das das Handwerk ruiniert. Wir können das Hand- Iverk nicht retten. Und Kautsky: Unsre Aufgabe ist es, den Kapitalismus nicht einzuschränken, sondern zu beseittgen. Die Kinder schneiden, ich mische, klebe und bessere aus, und erhalte dann folgendes höchst wirksame Citat: Bebel sagt und Kautsky bestätigt es wörtlich: Unsre Ausgabe ist es, datz der Handwerker ruiniert wird. Wir können den Kapitalismus nicht einschränken, aber das Handwerk be- seitigen. Das Kapital ist es, das uns veranlaßt, das Handwerk nicht zu retten." Ich brauche nun blotz noch erläuternd hinzu- zufügen: Kapital lies: Börse. Die finanziellen Beziehungen zwischen der Börse und der Socialdemokratie sind ja bekannt. Die Börse fiillt die Kriegskasse des Umsturzes, und die Socialdemokratie erweist sich dankbar und ruiniert das Handwerk. In den Wahlflugblättcrn freilich verschleiern die Genoffen, was die Bebel und Kautsky in dem obigen Citat offenherzig in einem unbewachten Augenblick aus- gesprochen haben.— Und die Kinder schneiden weiter, und meine Flugblätter entstehen gewissermaßen von selbst. Ein Gedanke flog mir zu: Da darf ich in Ihnen wohl auch den Verfasser des„Socialistenspiegels" bewundern. „Selbstverständlich, das ist doch sofort zu erkennen. Ich wollte Ihnen schon immer schreiben, datz Sie Eugen fälschlich im Verdacht haben. Er läßt jetzt bei mir arbeiten." Als wir spät abends beide auf Stationsvorsteher getade„Abfahren! an:„Zurückbleiben!" Wir mutzten eine halbe Stunde und lietzcn uns ärgerlich auf der den Perron stürzten, schrie der " und donnerte uns zugleich auf den nächsten Zug warten gleichen Bank nieder. Mein xvic muntii uuet nein; liiuuti in tue-astu ijuutu i uuu utsjtu uuv iiLijtiuui uu( vet �cuiu mtuti. Ganz im Gegenteil, beteuerte mein Freund, sie sind noch nichts- 1 Leidensgefährt«— dem Aeutzcren nach ein gemütvoller Rentier und früherer Bäckermeister— zog das Abendblatt des„Lokal-Anzeigers* vor und las. Aber die Beleuchtung war mangelhast. Er steckte das Blatt wieder in die Manteltasche. Er schien ein wenig angeregt und redelustig. So schiittete er mir seine tieferen Empfindungen aus; er kam ja. wie ich im Laufe des Gesprächs erfuhr, von einem der- späteten Stammtisch. „Das sind jetzt aufgeregte Zeiten, begann er, man kommt gar nicht aus der Unruhe heraus. Wie mag das nur enden?" „Ja", meinte ich. »Glauben Sie, dah eine Revolution daraus entsteht?" „Es herrscht doch durchweg Ruhe!" wende ich ein. „Ruhe nennen Sie das? Der„Lokal-Anzeiger" brachte erst heute wieder drei Spalten Telegramme. Ich sage Ihnen, es giebt einen Weltkrieg. Oder was denken Sie über Macedow-'"?" „Gar nichts I" »Sic intcccsfteren sich nicht für Politik?" »O ja, sehr!" „Ach, das ist hübsch. Ein gebildeter Mensch— fuhr mein Rentier fort— muh sich für Politik interessieren. Das sage ich immer. Darum halte ich auch den„Lokal-Anzeiger". Da erfahre ich alles aus erster Hand, frischgebackene Semmeln gewissermahen, noch warm und knusprig. Was meinen Sie, ist der König von England oder der deutsche Kaiser begeisterter in Italien empfangen worden. Diese englischen Hunde lügen wieder. Man habe ihren Eduard auf Händen getragen, und unser Kaiser habe verstimmend gewirkt. Schwindel, nichts als Schwindel! Glauben Sie nicht auch?" „Hm". „Und was alles vorkommt in der Welt I Denken Sie, das kleine Kind der Louise soll dem Kronprinzen wie aus dem Gesicht geschnitten sein. Was sagt bloh Giron dazu?" „Da mutz der„Lokal-Anzeiger" ihn stageu!" „Das wird Scherl gewitz auch thun. Die Sache mutz festgestellt werden. Mai, mutz doch wissen, woran man ist! Wenn die„Woche" nur erst das Bild des Mädchens der Louise bringen würde. Dann könnte man doch selber prüfen," „Gewitz!" „Und denken Sie das mit dem Schimmel in Rom, dem vom Potsdamer Hofstallmeister der Schweif verlängert wurde I Das ist doch grotzarttg I" „Sehr." „Wie denken Sie denn, wie sich das Parlament in Kapstadt machen ivird?" „Ich denke mehr an die Wahlen!" „Wahlen?" Der Rentter wurde verlegen.„Ach richtig, in Rumänien waren ja Wahlen, Natürlich sehr interessant. Der „Lokal-Anzeiger" brachte ansstihrliche Specialtelegramme,". „Offen gestanden, die Wahlen in Deutschland interessieren mich mehr I" „In Deutschland? Bei uns giebt's Wahlen? Na, hören Sie, das mühte ich doch zu allererst wissen— ich, Abonnent des„Lokal- Anzeigers". Dann fuhr er fort, als ich schwieg:„Sie wollen mich uzen, Sie kleiner Schäker... Wann wären denn Ihre Wahlen?" Er lachte dröhnend, „Nun, ich denke am 16, Juni!" Da wieherte mein Mann, dah die Bank bebte: „Ausgezeichnet, das mit Ihren Wahlen. Sie können mehr wie der„Lokal-Anzeiger". Sie sagen einfach: am 16. Juni sind Wahlen, bums sind sie da. Ich, Friedrich Wilhelm Lehmann, aber weih keine Silbe davon, obwohl ich täglich zweimal zwei Stunden den„Lokal- Anzeiger" studiere. Sie Spatzvogel Sie I"«T o o. Grosse Berliner Kunstausstellung. ii. Beim Abschreiten der langen Saalwände, an denen in diesem Jahre die Bilder der deutschen Maler untergebracht sind, ver- schlechtert sich der Gesamteindruck immer mehr. Die sonst übliche Einteilung nach Städten hat man fallen lassen; nur die Düsieldorser sind in den beiden Sälen, die sie schon lange besitzen, vereint, und die Gruppe der früheren Mitglieder der Secesiion hat zwei gesonderte kleine Säle erhalten. Im übrigen sind die besseren Arbeiten in den vorderen Mittelsälen zusammengebracht, wenigstens im allgemeinen. Aber auch hier drückt das Schlechte oder Gleichgültige auf die wenigen Arbeiten, die wirklich ein ernstes Interesse hervorrufen. Mag sein, dah manches dieser Werke, wenn man es für sich betrachten würde, zunächst mit seinen besseren Eigenschaften wirken könnte; in diesem dielstimmigen Chor schreit jedes mrders auf den Beschauer ein, indem die Aufmerksamkeit auf das fällt, was es von seinem Nachbar ab- hebt. Und die lautesten Schreier sind immer die schlechten Werke, die mit ihren knalligen Farben, mit ihrer glatten und charakterlosen Zeichnung den Blick abziehen von den stilleren, vornehmer getönten Bildern und das Auge abstumpfen und unempfänglich machen für feinere koloristische Reize. Bis zu welchem Grade der Gcschmacklosig- kcit Maler gehen dürfen, ohne bei der Jury dieser Ausstellung in Un- gnade zu geraten, dafür sei ein Beispiel angeführt, das sogar die Mittelsäle ziert und das darstellt, wie ein alter Mann einer Schönen — die Hühneraugen operiert. Aber auch wenn man von Leistungen dieser Art von vornherein absieht. eS bleibt noch zu viel, was zw« von einer gewissen Tüchttgkeit und ehrlichem Streben spricht, aber ebenso temperamentlos und langweilig wirkt, so datz ein wärmeres Interesse namentlich bei solcher Massenhaftigkeit dem Einzelnen gegenüber gar nicht aufkommen kann. Unter dem Zeichen dieser Arbeiten steht im Grunde auch die diesjährige Ausstellung, soweit wenigstens die deutsche Malerei in Frage kommt. Will man nicht den Katalog abschreiben und nur hervorheben, was wirklich über dieses Niveau hinausgeht, so bleibt nur wenig von den mehr als tausend Bildern zu erwähnen übrig. Ein höheres Niveau zeigt sich nur in d-» veiecn Sälen der ehe- maligen Secessionisten. d'->->»ch.luchoem sie in den Glaspalast zurück- aekehri sind, rüsUg vorwärts streben. Die künstlerischen Absichten sind ernster, und eine solide technische Tüchtigkeit bildet die Grundlage ihres Schaffens. Namentlich Otto Heinrich Engel tritt sehr erfreulich hervor. In seinem„Festtagsmorgen" giebt er wieder eine Scene mit Friesenmädchen: Eine Mutter legt der einen Tochter ein Kopftuch um, die andre schaut zu; alle drei stehen im Schatten eines grossen Baumes, während hinten der Blick in die durchsonnte freie Landschaft geht. Das einfache Motiv ist schlicht und ansprechend ge- staltet, und das Ganze ist frisch und in einer reizvollen Farbigkeit hingestrichen. Auch seine Landschaften haben einen solchen stillen Reiz; besonders eine Abendstimmung an einem Fluß hat einen schönen vollen Farbenton, während ein„Sommerabend" am Strands eher etwas zu weich wirkt. Max Schlichting macht mit grossen und starkfarbigen Bildern grössere Ansprüche, denen er aber nicht recht genügen kann. Ein originelles Motiv hat sein großes Bild„Luft- schlösser". Ein Brautpaar im Biedermeier-Kostüm sitzt, dem Be- schauer mit dem Rücken zugewandt, am Strande und schaut hinauf zu den seltsamen Wolkcnbildungen. die am Himmel vorüberziehen Die Wette und Höhe des Raumes ist sehr gut herausgebracht, aber die Farben sind wenig ausgeglichen und unruhig, und die beiden Figuren haben in ihrer Größe etwas Groteskes und unfreiwillig- Komisches, Ebenso wenig überzeugend wirkt ein Damcnportrat im größten Format, das gegen einen breiten grellgrünen Hintergrund gestellt ist. Ein lustiges Bildchen hat H a n s L o o s ch e n beigesteuert. einen Blick auf die Zuschauer«in Variete-Theater, die gerade in ein Gelächter ausbrechen. Das Bild ist in Gouache fast in einem Ton gemalt und wirkt so wie eine Zeichnung, hat auch etwas von dem Charakter einer solchen; aber es steckt in der Weise, wie die verschiedenen Arten zu lachen charakterisiert sind, von dem verschämten Schmunzeln bis zum„Wiehern" mit weitoffcncm Munde ein gutes Stück treffender Psychologie, Dasselbe kann man von einem brillant in Pastell gezeichneten Tigerkopf sagen, bei dem das Boshafte und Lauernde, aber ebenso das Gedrückte des gefangenen Tieres sehr gut zum Ausdruck kommt. Auch eine Landschaft von Looschen ist zu er- wähnen. Von Carl Lang Hammer macht nur eine Abend- landschaft einen ganz befriedigenden Eindruck, auf der der Abend- frieden in sehr weichen Farben dargestellt ist; die Bilder, in denen er grössere Wirkungen anstrebt,— ein Wetter Ausblick von einer Höhe auf unten im Vordcgrunde liegende Häuser und über eine weite Ebene, über der die Sonne untergeht, und ein ähnliches Motiv in kleinerem Format, bei dem die„Sonne im Dunst" steht und einen bleichen, stechenden Glanz über die Dächer ergießt,— werden der Grösse der Aufgabe nicht gerecht. Von Oskar Frenze! sieht man neben den gewohnten Bilden, mit Rindern diesmal ein Pferde- bild, das merklvürdig schwach wirkt. Paul Hoe niger hat wenigstens in einem einfachen„Interieur", das sehr stimmungsvoll ist, seine frühere etwas süßliche Art überwunden. Von den Düsseldorfern ist in diesem Jahre noch weniger Gutes zu berichten als gewöhnlich. Ein Landschafter fällt immer mehr auf, Fritz v. Wille, der allerdings aus der Karlsruher Schule kommt. Seine Bilder aus den deutschen Mittelgebirgen mit chren gleichmäßigen Höhenzügen sind von grosser Kraft und Frische� Diesmal hat er auch ein Bild mit einem kleineren Motiv gesandt. ein„Einsames Haus" an einem mit Schnee bedeckten Abhänge, das in der Farbe ausserordentlich fein ist und auch in, dem kleineren Aus- schnitt seine Kunst, die Formationen des Bodens nachzubilden, zeigt. Führt man ausserdem noch die Tierbilder von Eulen bürg und Lins, das Porträt eines jungen Mädchens in rotem Kleide von R e u s i n g und die Bilder aus dem Leben der Armen von Max Stern an, so ist aber auch alles erwähnt, was etwas Besonderes zu sagen hat. In der grossen Masse der übrigen Bilder sind es einige wenige von Künstlern, deren Art man schon kennt, die besonders heraus- zuheben sind. Allen voran steht in diesem Jahre Arthur Kampf, der Künstler, dessen energischer Initiative in der Leitung der Ausstellungs-Kommission wohl alles zu danken ist, was in diesem Jahre an neuen Anregungen und Einrichttingen geboten wurde. Sein Bild„Die beiden Schwestern" ist eine ganz überraschende Leistung. Zwei kleine Mädchen, in Flitterkostüme gekleidet, stehen aus der Esttade einer Jahrmarktsbude und plärren ihre einstudierten Licdchen herunter, während ein Mann, der davor steht, sie auf der Guitarre begleitet. Diese Komposition ist vielleicht ein wenig zu willkürlich. die drei Figuren sind ohne rechte Beziehung neben einander gesetzt; aber in jeder andern Hinsicht ist das Werk von einer ausserordentlichen Feinheit, Die Farben gehen ausgezeichnet zusammen; die bunten Farben der Kostüme sind prachtvoll zu dem dunkelgrünen Vorhang gestimmt, und auch der dunklere braune Ton in der Figur des Mannes fügt sich dem Ganzen gut ein. Die technische Behandlung ist virtuos; das Bild scheint in einem grossen Zuge heruntergemalt, aber bei dieser Breite ist es von einer Feinhett in der Durchführung des Einzelnen. die nur der Erfolg einer unablässig geschulten Sicherheit der Mittel sein kam Die kleinen Mädchen haben bei aller einstudierten Koketterie etwas Rührendes; die Zartheit ihrer Gesichter und die durchsichtige Haut ihrer Händchen wirken gerade im Gegensatz zu dem Flitter und dem Pomp ihres Auftretens erschütternd. Aber auch das grobe, verwüstete Gesicht des Alten flöht bei aller Derbheit Mitleid ein Auch in dem Bilde eines„Lachenden Philosophen" bewährt sich Kampf als Psycholog und Maler, der über größere Feinheiten der Farbe verfügt, als man sie ihm bisher zutraute. In der Nähe hängen zwei Bilder hessischer Bänerinnen. einer alten und einer jungen, von dem Dresoe..-v- i?arl Bantzer, von denen namentlich das erste sehr beachtenswert ist. es ist sehr sorgfältig, fast nüchtern durch- gemalt, aber ausgezeichnet in der CharulwrkstU Das harte Gesicht mit der großen Haube, das fast etwas Vogelartiges erhairen ym, ifi mit einer eindringlichen Klarheit und Schärfe wiedergegeben, und auch die Farbe, die einen kräftigen Accord von Schwarz auf grauem Grunde giebt, dient zur Kennzeichnung der dargestellten Alten. Unter den Landschaftern fällt am meisten Carl Vinnen, der zu den Worpswedcrn gehörte, auf. Von jeher war ihm eine Vor- liebe für große Formate eigen, die um so stärker wirkte, als er diese zur Darstellung verhältnismäßig kleiner Naturausschnitte benutzte. Er malte die Natur immer fast„in Lebensgröße": er wußte es dabei jedoch zu vermeiden, daß seine Bilder leer wirkten, indem er sich in die Einzelheiten mit einer fast andächtigen Liebe vertiefte. Auch dies- mal ist eins seiner Bilder in diesem Format gehalten.„Mittags- brüten" nennt er es. Vorn steht im Schatten von Bäumen eine Kuh, die Wiese dahinter liegt in glühender Sonne. Man glaubt wirklich zu fühlen, wie eine warme Luft aus dem Bilde herausweht: wie die Kuh von der Luft umspielt wird, die von einzelnen durchfallenden Sonnenstrahlen durchlichtet ist; der Gegensatz zwischen den Schatten- Partien und der sonnigen Wiese, der wundervolle Durchblick zwischen den Stämmen in die blaue Ferne, das alles ist meisterhaft heraus- gebracht. Seine beiden andern Bilder, die ein Waldinneres geben, scheinen dagegen an einem Mangel an Klarheit in dem von der Sonne durchleuchteten Blättermeer zu leiden. Eugen Bracht, der jetzt nach Dresden übergesiedelt ist. ist mit seiner ziemlich zahlreichen Schule in der Ausstellung reichlich, aber nicht glücklich vertreten. Franz Starb in a hat ein Bild„Mitternachtsstunde in Flandern" gesandt, das durch das gut gewählte architektonische Motiv und den feinen Farbenton anzieht; die Darstellung der Mondschein- stimmung läßt die notwendige Klarheit und Tiefe dagegen vermissen. Hugo Bogel rückt immer mehr in die Stellung ein, die bisher Koncr inne hatte; er wird der Porträtist des offiziellen Berlin, und er bringt zu diesem Beruf die durchaus erforderliche technische Solidi- tät und Eleganz mit; daß er dabei gediegen langweilig ist, wird ihm jedenfalls nicht schaden. Ludwig Dettmann hat nur ein er- trägliches Bild beigesteuert, das eine ähnliche Scene behandelt wie O. H. Engel, aber als Interieur, und das Sonnige, Freundliche in diesem Zimmer ist der größte Vorzug des kleinen Bildes, das liebe- voll durchgeführt ist. Dagegen sind die größeren Arbeiten von einer außerordentlichen Flüchtigkeit und Leere. Von Friedrich Kall- m o r g e n ist besonders bemerkenswert ein in den Farben schönes Bild von der Unterelbe, das einen weiten Blick über den von kleinen Fahrzeugen belebten Strom und die Ebene jenseits in einer feinen rötlichen Abcndbeleuchtung darstellt. In ähnlichem Ton gehalten ist ein lebensvolles Bild aus dem Hafcninnern mit zahlreichen großen Dampfern, um die sich ein emsiges Treiben entfaltet. Auch ein kleines Bild„Tauwetter" verdient durch die Frische der Farbengebung und der ganzen Stimmung Beachtung.—— hl. Kleines feuületon» eg. I» den Püttbergen. Wir gehen nach den Püttbergen. Wo liegen denn die? Ja, wenn Ihr das wüßtet, meine lieben Berlinerl Wer mit der Schlesische» Bahn hinausfährt nach dem Osten, kommt hinter Ltarlshorst dirett in die märkische Heide hinein. Ein- tönig, gleichmäßig zieht sie sich zu beiden Seiten des Schienenweges entlang. Hier und da eine Lichtung, durch die mit eilenden Wellen ein Rinnsal schießt, ein Erlenbruch, eine Waldwiese. ein Vorort, der seine letzten Häuser bis heran an den Bahnhof schiebt, sonst aber kein Wechsel in dem Bilde. Heide und wieder Heide. Birken und Kiefern. Kiefern und Birken, und der Boden flach wie eine Tenne, kein Hügel, keine Höhe darin. Hinter Rahnsdorf ändert sich das Bild. Mählich steigt das Land bergan, immer höher... Jetzt türmt es sich zu regelrechten Hügeln: Wilhelmshagen, die Püttberge, wir sind am Ziel. Berge? Nun ja, sie heißen doch einmal so; es heißt doch hier- landcs alles Berg, was drei Meter in die Höhe ragt und die Ebene ein Stückchen übersteigt. Also die Püttberge. Woher die Dinger ihren Namen haben, mag ein Sanskrilprofessor feststellen; Pütten nennt der Märker die Ziehbrunnen. Ob da oben jemals Brunnen waren?... Nein wirklich, sie sehen nicht sehr einladend aus. Sand, Sand und nochmals Sand, dürftiges Riedgras den Hang hinauf, ein paar Krüppelkiefern, ein bißchen Schonung, und durch alles leuchtend der gelbe Sand. Das sind die Püttberge von Wilhelmshageu aus. Und da hinauf soll man klettern? Klettre nurl l Bcrantwortlicher Redakteur: Carl Äeid in Berlin.— Druck und Verlag: Draußen irgendwo in der Mark giebt es ein Dorf: das heißt Siehdichum, sie sollten den Namen dieser Stelle geben: Sieh dich um! Ja: sieh dich um. Sieh nach allen Seiten, nach Ost und West, nach Süd und Nord. Das ist nämlich die Mark Brandenburg, die hier zu deinen Füßen liegt, des römischen Reiches Streusandbüchse, das„öde märkische Land". Drüben nach Osten steigt es in dunklen Höhen auf: die Wolters- dorfer Kranichsberge schieben sich ernst und gebietend in die Landschaft hinein. Ein Bild aus dem Harz, ein Bild an Thüringens Wälder gemahnend. Aber wende den Fuß: da liegt das Sprecthal in endlos grünen Wiesen, wie ein duftiger Hauch grüßen aus weiter Ferne die Rauenschen Höhen drüber her, in leuchtendem Semdgelb steigen Hip Hügel von Gosen aus dem Schoß der Nadelwälder aust Duftumwoben liegen die Miigaelberge da, zu ihren Füßen die Müggel selbst, die Königin der märttichen Seen, blan und leuchtend, ein Riejentürkis, schimmert sie zwischer dunklem Grün, Und andre Plätze und andre„Blicke". Da: WilHclmsHagen, frisch und zierlich, Nürnberger Tand, aus einer Spielschachtel genommen und zwischen Gärten und Wäldern aufgebaut. Hier: Alt-Rahnsdorf, mit roten Dächern, aus lachendem Grün herüberwinkend, endlose Wälder meilenweit, wie ein unabsehbares Meer.— Freiheit, Luft, Licht, Sonne, tvohin das Auge blickt. Nur ganz in der Ferne schwerer Dunst, der trübe Dunst der großen Stadt: Fabrikschornsteine, kaum erkennbar, der unbestimmte Wiedcrschein dumpfer Häuser und enger Gassen. Unten am Hange rauscht das Korn.— Es rauscht in weiten Feldern, und drüber breitet tiefschattend die Aeste ein Eichenbaum. Ein einziger Eichbaum, knorrig und kreisrund gewachsen; Jahr- hunderte alt.— Was will die eine Eiche mitten im Korn? Sie steht, wie die Welt-Esche Dgdrasil, die Anfang und Ende in sich trägt, sie steht hochragend, wie ein Schicksalsbaum, der Baum des Gerichts, davon die Sagen melden. Wenn die Mondnacht über den Wäldern liegt, öffnet sich der Berg, der Richter kommt und hängt den Schild an seine Zweige und spricht Recht— das Recht der Annen.— DaS Recht derer, die unterdrückt und elend waren, die Recht nicht finden konnten bei den Reichen. Wehe den Reichen, wenn der Richter kommt! So melden die Sagen. Aber es sind Sagen; und Sagen lügen. Der Richter kommt nie. Oder kommt er doch einmal? Es geht ein Rauschen über die Wälder und die Zweige der einsamen Eiche neigen sich flüsternd zu dem wogenden 5korn.— Humoristisches. — Schnell fertig. Er:„... Fräulein, ich bete Sie an!" Sie:„Das ist gar nichts I... Ihr Nebenbuhler hat sich gestern mit mir verlobt!" Er:«Gut, dann Heirat' ich Sie!"— — Boshaft.„War es gestern bei der Premiere des neuen Stückes voll im Theater?" „O, jammervoll!"— — Unbewußte Selbstkritik. Herr Stöpsel(nach Besteigung des Vesuvs an seine Gattin schreibend):„... Hinauf bin ich auf einem Esel geritten. Wie bei uns die Droschken, sind hier zu Lande die Esel alle numeriert. Ich hatte Nr. 252 I"— s. Fliegende Blätter.") Notizen. — Maeterlincks neues Stück„Joyzelle" fiel bei der Erst- aufführung im Pariser Gyn: nase-Theater durch.— — Ein Händel-Fest mit 4000 Mitwirkende» findet am 20., 23., 25. und 27. Juni im Londoner K r y st a l l p a l a st statt.— — Der stühere Barytonist der Wiener Hofoper, Theodor R e i ch m a n n, ist in einer Heilanstalt am Bodensee einem Schlag- anfalle erlegen.— — Eine englische Expedition unter R. T. Maurice hat dieser Tage eine D u r ch g u e r u n g Australiens lvon der Fowler-Bai im Süden nach Windham am Cainbridgc-Golf im Norden) glücklich beendet.— — Im Jahre 1902 wurden aus Aegypten l'/z Millionen lebende Wachteln ausgeführt. Ein kleiner Teil davon ging nach Italien, die übrigen nach England.— — Aufsatz einer Schülerin über den Teich. Der „Katholische Volksbote" in Luzern teilt ihn, wie folgt, mit:„Ein Teich ist eine kleine Wasserlandschast. In demselben leben Fische. Krebse, Würmer, Schilfrohr, Enten lind Gänse und beim Baden sogar Menschen. Ist der Teich groß, so heißt er See, z. B. Ostsee. Ist er salzig, so nennt man ihn Meer. Ist er sauer, so heißt er Sauerteig. Ist ein Teich so groß wie ein Waschfaß, wird er Pfütze genannt und wird nur von Kindern benutzt. Liegt er in der Nähe von Menschenwohnungen, wird er zum Waschen, Kochen, Bleichen und zur Wiesenwässerung benutzt. Im Winter fährt man ihn teil- weise in den Eiskeller— zur beliebigen Benutzung im Sommer. Will man einen Teich backen, so schreibt inan ihn hinten nlit einem g."—__ Vorwärts Buchdruckerei und Vcrlagsaiiitalt Paul Singer ü Co., Berlin SW