Mnterhaltmgsblatt des Honviirls Nr. 103. Sonntag, den 31. Mai. 1903 671 Das Geld (Nachdruck verboten.) Roman von Emile Zola. Am Montag hatte die Gräfin über dem entsetzlichen Abenteuer, das ihrer Tochter zugestoßen war, diesen schlecht gekleideten Mann und seine grausame Geschichte vergessen und wachte mit ihren Augen, die vor Thränen blind waren, am Lager ihrer Tochter, die man wild phantasierend nach Hause gebracht hatte. Alice war endlich eingeschlafen, und die Mutter hatte sich erschöpft und von der Wucht der wiederholten Schicksalsschläge niedergeschmettert auf einen Stuhl gesetzt, als Busch, diesmal von Lsonide begleitet, von neuem eintrat. „Gnädige Frau, hier ist meine Klientin, wir müssen nun zu Ende kommen." Beim Anblick der Dirne war die Gräfin zusammen- geschaudert. Sie schaute verwundert auf die Person mit der auffallenden Kleidung, mit den struppigen, schwarzen Haaren, die bis auf die Augenbrauen niederfielen. „Wir müssen zum Schluß kommen," betonte Busch scharf, „denn meine Klientin ist in der Rue Feydeau sehr in Anspruch genommen.". „Nue Feydeau?" sprach die Gräfin nach, ohne zu ver- stehen. „Nun ja, dort ist sie... Dort ist sie in einem öffentlichen Hause." Entsetzt eilte die Gräfin mit zitternder Hand den offen gebliebenen Flügel des Alkovens zu schließen. Alice hatte in ihrem Fieber unter der Bettdecke sich leise geregt. Wenn sie nur wieder einschlief, wenn sie nur nichts sah und nichts hörte! Schon fuhr Busch fort:„So ist die Sache, Frau Gräfin, verstehen Sie mich wohl... Das Fräulein hier hat mir die Sache übertragen, ich bin ihr Vertreter, sonst nichts, darum habe ich verlangt, daß sie selbst mitkam, um ihre Ansprüche geltend zu machen... Nun, Lckonide, erzählen Sie!" Unruhig und unbehaglich in dieser ihr aufgezwungenen Rolle schaute sie mit ihre» großen, trüben Augen eines geprügelten Pudels fragend auf Busch; aber die Aussicht auf die versprochenen tausend Frank wirkte bestimmend. Während er den Schuldschein des Grafen abermals entfaltete und aus- breitete, begann sie mit heiserer, vom Alkohol verwüsteter Stimme: „Ganz recht, das ist das Papier, welches Herr Karl mir gegeben hat. Ich war die Tochter des Wagners, die Tochter von Cron dem Hahnrei, wie man ihn nannte, Sie wissen ja, Madame?... Und da war Herr Karl immer hinter mir her und machte mir Zumutungen. Mich ekelte das an: wenn man jung ist, nicht wahr, und noch unerfahren, so ist man gegen die alten Herren nicht zuvorkommend... Da hat Herr Karl nur eines Abends, nachdem er mich in den Stall mit- genommen hatte, das Papier eingehändigt." Die Gräfin stand aufrecht und ließ die Dirne reden. Da schien es ihr, als habe sie im Alkoven ein Stöhnen gehört. Mit verzweifelter Geberde rief sie: „Schweigen Sie!" Aber L6onide war im besten Zuge und wollte ausreden. „Es ist doch nicht redlich, wenn man nicht zahlen will, ein unschuldiges Mädchen zu verführen. Ja, Madame. Ihr Herr Karl war ein Gauner. Das ist die Ansicht aller Frauen- zimmcr, denen ich die Geschichte erzähle." „Schweigen Sie, schweigen Sie!" rief die Gräfin wütend und hob beide Arme enipor, wie um die Dirne zu zermalmen, wenn sie weiter redete. L6onide bekam Angst und hob mit der instinktiven Be- wegung der an Ohrfeigen gewöhnten Dirnen den Ellbogen herauf, um ihr Gesicht zu decken. Eine gewitterschwüle Pause trat ein, während welcher ein neues Stöhnen, ein leiser Ton von erstickten Thränen aus dem Alkoven zu kommen schien. „Was wollen Sie endlich?" fragte die Gräfin bebend mit leiserer Stimme. Jetzt mischte sich Busch wieder ein. „Nun, Frau Gräfin, das Mädchen will bezahlt sein. Sie hat auch recht, die Unglückliche, wenn sie sagt, daß der Herr Graf von Beauvilliers gegen sie schlecht gehandelt hat. Es ist ganz gewöhnlicher Betrug." „Nie werde ich eine derartige Schuld bezahlen." „Dann wollen wir einen Wagen nehmen und sofort nach dem Justizpalaste fahren, wo ich die bereits aufgesetzte Klage einreichen werde. Hier ist sie. Alle Thatsachen, die das Fräu- lein soeben erzählt hat, sind darin aufgezeichnet." „Mein Herr, das ist eine schauderhafte Erpressung, so etwas thun Sie nicht!" „Verzeihen Sie, Frau Gräfin, ich werde es vielmehr sofort thun. Geschäfte sind eben Geschäfte!" Eine grenzenlose Mattigkeit, eine unüberwindliche Ent«. mutigung bemächtigte sich jetzt der Gräfin. Der letzte Stolz,' der sie aufrecht hielt, war gebrochen, ihre ganze Heftigkeit, ihre ganze Willenskraft sank mit einem Male zusammen, sie faltete die Hände und stotterte: „Aber sehen Sie doch, wie weit wir sind, schauen Sie sich in diesem Zimmer um. Wir haben nichts mehr, vielleicht bleibt uns morgen nichts mehr übrig zum essen. Wo soll ich das Geld hernehmen? Zehntausend Frank, großer Gott!" Busch lächelte wie ein Mann, der unter solchen Ruinen zu fischen gewohnt ist. „Feine Damen wie Sie haben immer Hilfsquellen! Wenn man richtig sucht, so findet man." Vor einem Augenblick hatte er auf dem Kaminsims ein altes Juwelenkästchen erspäht, welches die Gräfin am Vor- mittag beim Auspacken hier hatte liegen lassen; mit sicherem Instinkt witterte er Edelsteine darin. Sein Auge erglänzte in solcher Gier, daß die Gräfin der Richtung des Blickes folgte und begriff. „Nein, nein!" rief sie,„die Kleinodien niemals!" Und sie ergriff das Kästchen, wie um es zu verteidigen, diese letzten Ltleinodien, die schon so lange Jahre in der Familie waren, diese paar Kleinodien, die sie in ihrer höchsten Slot immer noch als einzige Mitgift ihrer Tochter aufbewahrt hatte, und die in der jetzigen Stunde ihre letzten Hilfsmittel waren! „Nimmermehr, lieber ein Stück von meinem eignen Fleisch!" Im gleichen Augenblick trat Frau Karoline nach kurzem Klopfen ein. Sie kam in höchster Erregung daher; beim Anblick dieses unerwarteten Auftritts faßte sie stummes Entsetzen. Mit wenigen Worten hatte sie die Gräfin gebeten, sich ihret- wegen nicht stören zu lassen, und hätte sich sofort entfernt, wenn sie nicht die flehende Geberde der Armen zu verstehen geglaubt hätte. Sie trat bescheiden in den Hintergrund des Zimmers zurück. Busch hatte seinen Hut wieder aufgesetzt, während Löonide, der es immer unbehaglicher wurde, der Thüre zu- schritt. „Somit, gnädige Frau, erübrigt nur noch, daß wir uns zurückziehen." Trotzdem zog er sich nicht zurück. Er begann die ganze Geschichte von neuem und in schändlicheren Worten auszu- drücken, als wollte er die Gräfin vor der Neuangekommenen noch tiefer erniedrigen, vor dieser Danie, die er seiner geschäft» lichen Gewohnheit nach nicht wieder zu erkennen schien. „Adieu, also, Frau Gräfin, wir begeben uns stehenden Fußes nach der Staatsanwaltschaft. Eine ausführliche Er- Zählung wird, ehe drei Tage vergehen, in den Zeitungen stehen. Sie haben's so gewollt!" In den Zeitungen! Dieser schaudererregende Skandal auf den Ruinen ihres HauseS! Es war also nicht genug, daß das uralte Vermögen zu Staub ward, alles miteinander mußte im Kot untergehen! O, die Ehre des Namens wenigstens sollte gerettet werden! Mit mechanischer Bewegung öffnete sie das Kästchen: Ohrgehänge, ein Armband, drei Ringe kamen zum Vorschein, Brillanten und Rubinen mit alt- modischen Fassungen. Busch war eifrig näher getreten. Sein Auge blickte zärtlich und schmeichelnd. „O, es sind nicht für zehntausend Frank. Erlauben Sie, daß ich sie ansehe!" Schon nahm er die Juwelen eins nach dem andern in die Hand, drehte sie hin und her und hob sie zwischen seinen vor Gier zitternden dicken Fingern, mit seiner sinnlichen Leiden» schaft fiir Edelsteine ans Licht. Die Reinheit der Rubinen schien ihn vor allem zu entzücken. Und diese alten Brillanten, welches wunderbare Feuer trotz des mitunter ungeschickten Schliffs! „Sechstausend Frank," sagte er mit der harten Stimme eines Auktionators, indem er unter dieser ziffernmäßigen Schätzung seine Erregung verbarg.„Ich berechne nur die Steine, die Fassung ist nur das Einschmelzen wert. Nun, wir wollen uns mit sechstausend Frank begnügen." Das Opfer war aber gar zu hart für die Gräfin. Ihre Heftigkeit erwachte wieder, sie nahm die Juwelen wieder au sich und hielt sie krampfhaft in den Händen gepreßt. Nein, nein! Es war zu viel, wenn man von ihr forderte, sie solle noch diese paar Sternchen in den Abgrund werfen, die einzigen Trümmer auS dem Schiffbruch, die Steine, die ihre eigne Mutter getragen und die ihre Tochter am Hochzeitstage tragen sollte. Und heiße Thronen schössen aus ihren Augen und rannen auf ihre Wangen; ihr Schmerz war so tief erschütternd, daß L�onide, deren weiches Herz gerührt war, voll Mitleid Busch am Rockschoß zu zupfen begann, damit er wegginge. Sie wollte fort, das warf sie ja ganz außer Fassung, daß man dieser armen, alten Dame, die so herzensgut aussah. so schweres Leid zufügte. Busch verfolgte den Austritt mit großer Kaltblütigkeit und war jetzt sicher, daß er alles mit- nehmen könnte; denn er wußte aus langjähriger Erfahrung, daß Thränenanfälle bei den Frauen den Schiffbruch der Willcnskrait ankünden. Und er wartete geduldig. Vielleicht hätte der entsetzliche Auftritt noch länger ge- dauert, wenn nicht in diesem Augenblick wie aus der Ferne eine flehende Stimme in Schluchzen ausgebrochen wäre. Alice rief aus der Tiefe des Alkoven: „O Mutter, sie bringen mich um! Gieb Ihnen alles, alles sollen sie mitnehmen! O Mutter, sie sollen fortgehen, sie bringen mich um, bringen mich um!" Da machte die Gräfin eine Gcberde willenloser Ver- zweiflung; in diesem Augenblick hätte sie ihr ganzes Leben dahingegeben. Ihre Tochter hatte zugehört, ihre Tochter ver- ging vor Scham! Sie warf, Busch die Juwelen hin, ließ ihm kaum Zeit, den Schuldschein des Grafen auf den Tisch zu legen und drängte ihn hinter L6onide, die schon verschwunden war, zur Thüre hinaus. Dann öffnete sie den Alkoven und sank auf Alicens Kissen nieder; vernichtet und erschöpft mischten Mutter und Tochter ihre Thränen. Empört war Frau Karoline einen Aligenblick im Begriff gewesen, sich einzumischen. Sollte sie wirklich zugeben, daß der Elende die zwei armen Frauen so ausraubte? Aber sie hatte auch die widerliche Geschichte mit angehört, und was war sonst zu thun, um einen Skandal zu vermeiden? Denn sie wußte, daß er der Mann war, seine Drohungen rücksichtslos zu erfüllen. Sie selbst stand wegen jenes gemeinsamen Ge- heimnisses mit Saccards Kind beschämt vor ihm. O, diese Fülle des Leids! Es wurde ihr unbehaglich zu Mute: was hatte sie eigentlich hier zu suchen, wenn sie kein tröstendes Wort fand und keine werkthätige Hilfe zu bringen wußte? Alle Worte, die sich über ihre Lippen drängten, jede Frage, jede bloße Anspielung auf den entsetzlichen Vorgang des gestrigen Tages, alles schien ihr verletzend und beschmutzend: in Gegenwart des noch verstörten Opfers durfte man so etwas nicht wagen. Welche Unterstützung hätte mich sie hinterlassen können, die nicht wie ein lächerliches Almosen vorgekommen wäre, da auch sie pekuniär zu Grunde gerichtet war und bereits in Geldverlegenheiten dem Ausgang des Prozesses entgegensah? Schließlich trat sie mit thränenden Augen vor, die Anne weit geöffnet, von grenzenlosem Mitleid erfüllt und in einer fassungslosen Rührung, die ihren ganzen Körper erschütterte. Ohne ein Wort zu sprechen, faßte sie die Weinenden in ihre Arme und drückte sie innig ans Herz. Es war das einzige, was ihr in dieser Not einfiel: sie weinte mit. Und die zwei unglücklichen Frauen begriffen, was sie wollte, ihre Thränen flössen reichlicher und sanfter. War auch kein Trost möglich, mußte man nicht trotz alledem das Leben weiter er- tragen? Als Frari Karoline wieder auf der Straße stand, ge- wahrte sie Busch in eifrigem Gespräch mit der M6chain. Er hatte eine Droschke bei sich, drängte L�onide hinein und fuhr mit ihr von bannen. Frau Karoline wollte weiter eilen, aber die Mschain schritt gerade auf sie zu. Ohne Zweifel hatte sie ihr aufgelauert, denn sie fing ohne weiteres von Victor an und zeigte sick von dem gestrigen Vorgang im„Heim der Arbeit" bereits unterrichtet. Seitdem Saccard sich geweigert hatte, die viertausend Frank zu zahle», kam sie nicht mehr aus dem Zorn heraus und grübelte unaufhörlich hin und her, wie sie die Sache noch ausbeuten könnte; im Boulevard Bineau, wo sie häufig in der Hoffnung auf irgend einen einträglichen Zwischenfall nachzufragen pflegte, hatte sie die Ge- schichte erfahren. Ihr Plan stand wohl fest, denn sie erklärte Frau Karoline, sie wollte sich ungesäumt auf die Suche nach Victor begeben. Dieser Unglücksjunge! Es wäre zu entsetz- lich, wenn man ihn seinen bösen Instinkten übcr'ceße, man müßte ihn einfangen, falls man ihn nicht eines sch'men Tages auf der Anklagebank sehen wollte. Während l tiefer Rede blickten ihre in den Fettpolstern des Gesichts verlorenen Aeuglein die„gute Dame" forschend an; sie freute sich ihrer sichtbaren Fassungslosigkeit und versprach sich schon wieder, Geld aus ihr zu pressen, sobald der Junge wieder gefunden wäre. (Fortsetzung folgt.) Lonntagsplaisclem. Ihr lieben hellen Kleider I Vielleicht wißt Ihr noch gar nicht oder glaubt es mir nicht, daß ich Euch liebe. Versteht denn so ein kalter Tintenfisch etwas von hellen Pfingstkleidcrn oder sielst er sie auch nur, selbst wenn in ihnen 13 oder seien es selbst 20 Jahre blühen? Den Tintenfisch lann ich nicht leugnen, aber gerade weil das Dunkle sein Element ist, hat er eine Sehnsucht nach den hellen und luftigen Geweben, in denen junge freie Herfen schwärmen. Ein helles Kleid, strahlend in dem milden Licht von Mandelblüten, ein unzerknittertes, neues, mit glänzenden Bänden, war meine erste. dämmernde Knabenliebe. Ich habe niemals gewußt, wie das holde Wesen hieß, das in der zarten Hülle steckte; mag sein, daß es die höhere Tochter eines abscheulichen Schweißleder-Fabrikanten war. Aber das helle Kleid verfolgte mich und beseligte mich. Es war für mich der Inbegriff alles Schönen, Zukünftigen, Unermeßlichen und Unbändigen. Und mit niemandem sprach ich von meinem Glück. Erst zehn, zwölf Jahre später fragte ich meine ältere Verwandte. bei der ich damals das helle Kleid geschaut, und ich glaube ich errötete und zitterte dabei:„Sag mal, wie hieß das Mädchen eigentlich, das damals Deine Freundin war und an Deinem Geburtstag ein rosa Kleid friig?" Die Verwandte_ lachte verwundert:„Du hast aber ein Gedächtnis l" Sie selbst aber wußte nicht mehr recht, ob es die Else oder die Käthe oder die Nelly gewesen, jedenfalls waren fie alle verheiratet, und diejenige, ans der der begründetste Verdacht ruhte, daß sie an jenem herrliche» Tage ein rosa Kleid getragen, oatte richtig einen erwischt, der in elastischen Korsettstangen reiste. Seitdem liebe ich alle hellen Kleider, mit Ausnahme derer, die ich bezahlen muß.... Das ist auch gar nichts Aeußerliches und Oberflächliches. Ich sage Euch, die mechanischen Webstühle und die Färbereien, die diese feine Textilpoesie für das Pfingsifest erzeugen, weben und färben ein Stück ewiger Jugend und starken fteudigen Zukunftsglaubens ins Dasein. In den Gesängnissen herrscht die fahle Farbe und in den Brutstätten verödeter Arbeit, so lange Ihr aber noch den Mut habt, Bluinen ins weiche, volle Haar einzustecken und Rosengewänder zu tragen, so lange seid Ihr noch stolz und unbesieglich und setzt den Fuß auf Euer Elend, das Euch ins graue Nichts verschlingen möchte. Nennt es nicht Putzsucht— Freiheit ist's und Freude und Tapfer- ksit, das quellende Selbstbewußtsein der Jugend, die die Schönheit ist. So wünsch ich euch allen, ihr lieben hellen Kleider, die mit so viel Fleiß und Opfern müssen zusammen gespart werden, helle Pfingsten. in denen die Soime tanzt. Und ich kann für euch gute Botschaft künden! Heute Nacht ging ich an einem niedrigen Gebüsch vorüber, in dem eine Nachttgall schlug. Das Tier flatterte schier ungestüm von Zweig zu Zweig, so daß ein Rascheln und Rauschen durch die Blätter ging; es war eine sonderbare Unruhe, die in die weite Totenstille schier lärmend fiel; derinaßen steigerte die schweigende Nacht die Kraft des einzig wachenden Daseins. Und auf jedem neuen Zweig stimmte das Tier einen neuen Takt der Nachtigallenmelodei. „Du fliegst aber niedrig," meinte ich,„'s wird wohl regnen?" „Dummer Kerl," anllvottete der Vogel— natürlich in seiner auch beim Schinipfen zart flötenden Tin-Tiu-Sprache—„ich bin doch keine Schwalbe, die vor dein Regen Mücken jagt. Ich fitze von Natur so niedrig. Ihr einfältigen Menschen glaubt immer, inan müßte immer ganz oben sitzen oder schweben, um so recht überirdisch zu sein. Siehst Du, ich hause nicht höher als Deine Schulter und glaubst Du. daß ein Adler überirdischer singt?" „Sicherlich nicht, Frau Nachttgal. Es wird also nicht regnen!" „Jedes Hälmchen an meinem Rest ist trocken._ Gar keine Feuchtigkeit in der Luft. Und ich bin nicht ein Bißchen heiser. Gewiß, Ihr werdet schöne Pfingsten haben. Nun seid aber aucki dankbar, und brecht nicht die Zweige ab, die m e i n Reich sind. Aus Euren Vlumenglnsern kann ich nicht singen. A tiu! A tiu I" Das sollte wohl Adieu heißen und bedeuten, daß ich ent- laffeit war. Seid getrost, Ihr hellen Kleider und Ihr 18 Jahre! Ich weiß ja, wie Ihr es treiben werdet l Schon vor Sonnen- aufgang erwacht Ihr in ungeduldigen Händen. Ihr werdet in Früh- konzerten flattern. Euch lustig blähen, wenn Eure Trägerinnen über die schon am Morgen geschminkten Komödianten der Pfingstpoflen lachen, Ihr werdet beini ersten Kaffeekochen ums Morgenrot den ersten blaßbraunen Tupfen kriegen, und am Nachmittag den zweiten. Bei der Fahrt in den Wald wird auf dem Bahnsteig schon zierlicher Flatterschmuck sich ablösen, unter den rauhen Tritten der drängeirden Vergnügungsbataillone. Unter nuitwilligen Ruderschlägen wird der See in Euch flüchten, bis Ihr schließlich ranzwirbelud kocht, auf der Heimfahrt mit Buddes Plätteisen gebügelt werdet und nachgedunkelt loie ein altes Gemälde müde und voll Narben aus den, vierundzwanzig- stündigen Krieg der Pflngftlust zur Ruhe niedersinkt. Ihr armen lieben, lichten Kleider! Oder soll ich Euch einen schöneren Beruf weisen? Bitte, ich lade Euch ein; zehn, fünfzig, hundert, auch tausend und zehntausend, Weuws so viel gießt, die auf Frühkonzerte und Kasfeekochen und den Känguruhtanz verzichten. Ich zeige Ench den Weg. In der Nacht vom ersten zum zweiten Pfingsttag. Wir wollen eine Expedition rüsten zum Pfiitgftgeist. Der einsame Gesell Hai sich dort irgendwo zwölf Meilen hinter Nimmerland, im Kreise Hoffnung, im tiefsten Walde angesiedelt. Er ist ein lvcnig verärgert. Er wähnt, daß er den Menschen überflüssig geworden. »So lange Ihr Euren Bülow und Podbielski habt", vertraute er mir neulich,»braucht Ihr mich wahrhaftig nicht. Ihr macht Euch Euren Geist ja jetzt selber. Außerdem bin ich nicht einmal Hof- lieferant, und wer weiß, ob ich ohne polizeiliche Konzession über- Haupt zu Euch darf. Ich bin ja so grenzenlos, halte niemals auf der mittleren Linie kläglich inne und strebe gleich zum äußersten und letzten. Kurz, ich Iväre nur ein Einbrecher in Eure gute maßvolle und besonnene Gesellschaft. Nur in der tiefften Waldemsamkeit wird der fteie, stürmende Psingstgeist noch geduldet. Ihr lernt die fremden Zungen bei einem Sprachlehrer, für eine Mark die Stunde. Mein Unterricht ist euch zu wild und unbehaglich. Laßt mich nur in meiner einsamen Ferne". Ich bat und drängte vergebens. Er blieb verstockt und weigerte die Fahrt ins Menschenreich.»Kocht lliaffee und laßt mich ungeschoren I" schloß er grob die Unterhaltung. Aber ich glaube, Euch lieben, hellen Kleidern ivird der Gräm- liche nicht widerstehen. Also kommt und wandern wir singend durch Wald und Nacht zwölf Meilen hinter Nimmcrland. Zum Pfingst- feste zwar kann er nicht mehr kommen, aber 14 Tage später brauchen wir ihn, daß er hineinbläst in die amtlich gestempelten Wahl- couvertS die Urnen und die Jsolierräume, daß alles rot erglüht und die Perrücken verbrennen und die Käffenschcinseelen zerstieben. Suchen wir den Psingstgeist. Locken wir ihn mit Jugend und Schönheit und glänzenden Augen und lichtctt Kleidern. Das wäre die herrlichste Fahrt. Aber erzähltes niemandem weiter, nur den hellen Kleidern und den 18 Jahren. Lasset die andren in Frühkonzerten schwelgen und beim Tanzen schwitzen. Euch, meine tapferen Geheimbündlerinnen, fiihre ich zum Psingstgeist, daß er uns Schutzhcrr werde für die kommende Zeit. Und dann werden wir um unfern Sieg tanzen, der eine neue Erde schaffen soll. Seid Ihr berest? Wohlan, am Sonntag um Mitternacht treffen wir uns an dem Gebüsch, in dem die Nachtigall schlägt. Ihre hellen Kleider seid durch Euch selbst Erkennungszeichen. Ich aber werde, damit Ihr nicht einen andern Mann als Führer erwischt, einen Tintenfleck auf der Glatze zeigen. Kommt I— Joe. (Nachdruck verboten.) Der febbue DonysU Bon Lina Leibi. Beizeiten schon, gleich nach dem Mittagessen hat sich der Donhsl zum Fortgehen fertig gemacht. »Kirramusi" ist gewesen heut' und da hat er natürlich nicht fehlen dürfen, ist einmal zu zünftig hergegangen dabei. Seine aller- beste Montur hat er angezogen; die langschäftigen Stiefeln hat er sich nicht, wie sonst immer, g schmiert, sondern die hat er sich heut' so schön gewichst, daß sie ausg'schaut haben, als wenn sie lackiert ge- wescn wären; die„goldene Uhrkette", die er sich auf dem letzten Jahr- markt beim billigen Jakob gelauft, hat an der Stelle gebaumelt, wo die raren Bauern für gewöhnlich ihr Bäuchlein haben�und aus sein windisches, grünes Sammethütl hat er sich zu der Spielhahnfeder noch einen hinunellangen Rosmarinzwcig gesteckt. Er ist zwar grab' ein armer.Holzknecht gewesen, der Donhsl, aber—„der Not mutz man keinen Schwung lassen" 1 hat er allemal gesagt. Sehen lassen hat er sich können heut', und sein Vikerl, die hat sich auch nit z' schämen braucht mit ihm. Herrfchaftsaxnl Jetzt, weil er an's Vikerl denkt, hat er auch noch an was anders denken müssen: an das Versprechen, das er dem Dirndl vor etlichen Wochen geben hat, nämlich datz er kein- langes Messer nimmer tragen will. Krautsabcl cinil Und er hat sein schönes, neues Messer, das er sich neulich mit der Uhrkette zugleich gekauft hat, schon in der Messertasche drin stecken gehabt I Es hat aber alles nix geholfen, er hat's wieder rausthun und daheim lassen müssen. Denn die Vikerl, die, wann's in die Nasen kriegt Hütt', datz er sein Versprechen nicht halten that und ein langes Messer bei sich hätt'— die wär' im Stand' und thät nicht ein einziges .G'ftcll" rumtanzen, thät ihm auf d'letzt gar die Lieb' auch noch auf- sagen. Und� dies wär' dem Donhsl doch ein bitzl z' dumm gewesen für den Spatz. Wenn ihn die Vikerl nimmer mag, nachher freut ihn sein Leben auch nimmer I „Na. ist gut, datz es mir wenigstens noch beizeiten eing'fallen ist!" denkt sich der Bursch und zieht das Messer unter ein paar be- dauernden Seufzern erst aus der Tasche und dann aus der Lcder- scheide heraus. Wär' so schön gewesen! Hat sich extra seinen Namen eingravieren lassen auf dem Silberplattl, womit der Hirschhorngriff des Messers beschlagen gewesen ist. Und wie schön datz die Schneide blitzt und g'sunkelt hat im Sonnenschein I Wie eins nur grab' ein solches voreiliges Versprechen hergeben kann! Und wie sich ein Mannsbild überhaupt so übcrtäumeln lassen kann von einem Weiberleut'I Wie wird's denn da erst einmal"aus- schauen, wenn die Vikerl sein Weib ist? Da steht's ja keine vierzehn Tag nit an, nachher hat sie ihn so viel unter ihrer Fuchtel, datz er nimmer„Gmau" sagen dürft'! Er, der sonst den„Tuifel" auch nicht scheut! Na, na... er darf sich's nicht gefallen lassen, dies, unbe- dingt nicht! Wann er das erste Mal schon gleich so willig nachgicbt, nachher ist er alleweil schon der Hirsch. Er nimmt es mit, sein Messerl Die soll's nur inne werden rechtzeitig, wer von ihnen zwei eigentlich der Herr ist! Unter diesen Erwägungen schiebt der Donhsl fein„Griffestes" wieder in die Scheide und mit dieser wieder in die Hosentasche. Aber... Hab' stad, jetzt hat's erst nochmal was! 'S G'richt ist auch noch da...'s G'richtl Von dem hat er doch bei der letzten Verhandlung, wo sie ihm sein schönes Mischkomesscr eingezogen und ihm zehn Mark Straf aufgepelzt haben, das aus- drückliche Gebot kriegt, datz er kein Messer nimmer tragen darf. jtzreuzdilndomini! Wann er jetzt wirklich die Schneid' gehabt hält', datz er sein der Vikerl gegebenes Versprechen brechen that, so darf er doch's G'richt nit für'n Narren halten. Und überhaupt, mit de:. großen Herren ist nit gut Kirschen essen. Die stecken ihn ein Viertel- jähr und noch länger ins„Voglhäusl" ein:, nix Schoners nit! Nein, es geht nit, schier gar nit geht's, Und trotzdem!... Er kann doch um Gotteshimmelswillen nit aus die Kirtamusi gch'n, ohne datz er ein Messer bei sich hätt'I Dies wäre ja die reinste Unmöglichkeit! Was thät er denn da, wenn's Raufen anging? Derweil bis er einen Matzkrng oder einen Stuhl- futz erwischen thät zum Dreinschlagen, wär's schon lang z' spät, Nein, ol-v Messer geht es nit, lieber geht er selber nit hin! Ah was! Das Gesetz hat eine wächserne Nase, warum soll man denn die nit drchn können, wie es einem grab' patzt!-- Weit ins Dorf hinein hallen die hellen Trompetenstöße der Kirtamusi. Beim großen Wirt auf der Gred herautzcn steht ein ganzer Haufe Burschen und Dirndl, die sich nach dem Rundtanz ab- kühlen wollen. Mitten unter ihnen befindet sich der Palizeidiener in vollster Gala, der zeitweilig mit gravitätischen Schritten und säbel- rasselnd aus und ab geht; dabei läßt er seine kritisch musternden Blicke im Bewußtsein seiner heutigen, unantastbaren Würde nach allen Himmelsgegenden umherschweifen. Da, mit einem Male giebt es ihm einen Ruck durch den ganzen Körper; er reißt seine listig zusammengekniffenen Augen auf, als wenn sie ihm mit einem Zündholz aufgespreizt wären. Da vorn um die Ecke kommt der Donhsl, ratz und schneidig wie halt alleweil und zieht einen nagelneuen, mordslangen Strick hinter sich her. Und am End' von dem Strick da hängt ein nagelneues, scharf geschliffenes Messer... „Ja, hau Donhsl... Malcsizdrack, elendiger!" verleiht der Hüter des Gesetzes, nachdem er sich von seiner grenzenlosen Ber- blllffung etwas erholt hat, seiner Entrüstung Worte.„Weißt es leicht Du nit, daß das Messcrtragcn aufs allerstrengste verboten ist?" „Sell weiß ich wohl," sagt der Donvsl in aller Gemütsruhe und wischt sich dabei seinen mentischen Schnauzer auf,„Datz das Messer tragen nit vcrlaubt ist, d'rum thu ich ja das meine auch nit trag'n, schau, siehst es eh, daß ich's ziehen thu!" Das beifällige Gemurmel, vermischt mit lautem, zustimmendem Gelächter sprach dafür, wie recht die Umstehenden dem schlauen Burschen gaben. Der Palizeidiener aber blieb in tiefem Nachsinnen auf der Gred zurück. Leicht, daß der Donhsl recht haben könnt'! Denn so lang' und viel er auch hin und her sinniert, er kann sich aus keinen Para- graphen besinnen, der das Messerziehen verbietet. Wenn er auch morgen nachschlagt im Strafgesetzbuch, er weiß es schon vorher, datz er nix aussindig macht, weil er eh das ganze Buch! von A bis Z aus- wendig weiß. Da wird ihm wahrscheinlich nix andres übrig bleiben, als daß er den Landrichter um Aufschluß angeht; vielleicht datz in dem seinen Büchern, die allerdings viel dicker und in viel größerer Anzahl vor- Händen sind, als die aus der Ortspolizeibehörde sich befindlichen, ein solcher Paragraph drin steht. Drinnen beim Wirt ist's währenddessen ganz schnackerfidel zu» gegangen. Und so sehr hat der Donhsl die allgemeine Aufmerksam« keit und Bewunderung nach sich gezogen, datz kein einziger Mensch an's Raufen denkt, ja. datz es nicht einmal eine Streiterei gegeben hat, so datz sich der Wirt zu dem Ausspruch veranlaßt gesehen hat: „So lang' als ich Wirt bin und so weit als ich z'ruck denk', hat es sich noch nie bei einer Musi so schön autzigangen als wie heut'l"— Kleines feuilletön» lk. Pfingstblnhcn. Was Ostern an Naturfreuden uns Heuer schuldig blieb, das scheint uns Pfingsten, wenn nicht alle Zeichen trügen, in Hülle und Fülle entgegenzubringen. Nicht mehr zögernd und tastend lugen die Knospen aus schützenden Hüllen, längst viel- mehr haben sie sie im warmen Regen und Sonnenschein trutziglich von sich geworfen. Was in den Knospen eng zusammengefaltet und zerknittert lag, ist fast über Nacht zu einem endlosen Blatt- und Blütenmeer herangewachsen. Nirgends im Jahre sonst bietet das junge Laub einen so prächtigen Anblick wie um Pfingsten herum: in den zarten, kasradenartig herabwallenden Laubgehängen der Wirken, in den domartigcn Waldgewölben unter Buchen und Eichen und selbst im starren Kiefernlaube, das von gelben Blütenähren belebt ist. In den Alleen hängt von der Rosttastanie schwer und saftig das breite Laub herunter, überall durchleuchtet von den auf- rechtcir, weisten Blütenpyramiden, und auch die schönen Kronen der Linde rüsten sich zur Blüte. Erst um die Zeit der Sommersonnenwende erreicht die Blüten- Pracht in Norddcutschland ihren Höhepunkt in der Zahl der blühenden Gewächse. Aber schon jetzt reicht die Farbenpalette der Natur für den schönsten Strauß. Hier locken uns die gelben Büsche des Ginsters, die durch die Waldränder schimmern, dort auf den Wiesen, neben dem anspruchslosen Gänseblümchen und dem Löwenzahn, die roten Aehren des Knabenkrautes, die hängenden Glöckchen der Nelkenwurz und, an nassen Stellen, die weißen Flocken des Woll- grases und die stattlichen gelben Blumen der Wasserschwertlilie. An Weg- und Wiesenrändern machen sich die weißen Schirme des wilden 5terbcls und andrer Doldengeivächse breit, mit den blauen Trauben des Ehrenpreises und allerlei Grasrispcn dazwischen. Für die Gräser ist Pfingsten die Auferstehungszeit. Das unscheinbare Grün kann den erstaunlichen Formenreichtum ihrer Rispen nicht verbergen, und das Zittergras mit den an langen, dünnen Stielen hängenden Aehrchcn legt in jedem Strauße Ehre ein. Quakende Frösche lenken unsre Schritte zum Seerande. Weit hinab gegen den Spiegel des Sees neigen sich die Weiden, Ulmen und Erlen, starke Aeste erreichen fast das Wasser, um dann parallel wie durstend über den Spiegel hinzustrcichen. Was am Grunde des Wassers sich langsam entfaltete, hat inzwischen die Oberfläche erreicht, zahlreiche Blätter von Seerosen und Laichkraut breiten sich aus und dazwischen blüht hier und da die Wasserfeder und der Bitterklce. Ein mächtiger Ruck, ein gewaltiger Energieverbrauch steckt in dieser Kraftlcistung der Natur zwischen Ostern und Pfingsten! Alles was Baum und Strauch im Herbste nach thätiger Sommer- arbeit in ihrem Aiarke an Ncscrvcbaustoffen aufgespeichert hatten, das ist nun triumphierend fast wie auf einen Schlag ans Licht gc- stiegen. Billionen grüner Blätter breiten ihre Flächen im Luft- mcece aus, ein jedes Blättchen eine chemische Fabrik im kleinen. Durch zahllose Poren in Form sogenannter Spaltöffnungen ab- forbiercn sie aus der Luft die Kohlensäure, zerlegen sie in ihren grünen Zellen mit Hilfe der Energie des Sonnenlichtes in Köhlen- stoff und Sauerstoff und atmen letzteren tvieder aus, umgekehrt Ivie Tier und Mensch. Der Kohlenstoff trifft in den Blättern mit Wasser zusammen, das die Wurzeln in die Höhe schaffen, und mit den Nährstoffen, die in dem Wasser, infolge der Arbeit der Wurzeln, enthalten sind. Hier entstehen die neuen Verbindungen, aus denen die Pflanze sich aufbaut, und so geht der verwickelte Lebens- Prozeß der Pflanze in seinem wichtigsten Teile in den Blättern vor sich. Sic erlahmen nicht eher, als bis sie die ausdauernde Pflanze versorgt haben auch für das kommende Frühjahr. Durch die Wipfel huscht das Eichkätzchen, hüpft der Häher. Verschiedene Laubsänger zirpen melodisch; nur der Kundige weiß zu ermitteln, wes Nam' und Art der einzelne sei. Am Waldrandc steigt aus den Baumkronen der Baumpieper ein Stückchen in die Luft, um dann tirilierend in weitem Bogen auf seinen Standort zurückzukehren und das Spiel zu wiederholen. Auch der Pirol, der letzten einer aus der vagabundierenden Schar der Sänger, ist erschienen und ruft in wohlbekannter Weise von hohem Sitz herab. Das Konzert der Waldsänger ist vollzählig geworden.— es. Früh morgens, wenn die Hähne kräh'n. Es ist eine alte Sitte, gerade in den Pfingsttagen zu einer ungewöhnlich frühen Morgenstunde sich ins Freie zu begeben. In den Städten feiert man Frühkonzerte oder macht Ausflüge aufs Land hinaus, und wer um die Sommerszeit noch nie die Sonne hat aufgehen sehen, der wird in diesen Tagen am ehesten dazu kommen. Auf dem Lande steht man ja gewöhnlich früh auf, aber für den Städter ist diese Gewohnheit, wenn ihn nicht sein Beruf dazu zwingt, wohl nur eine seltene Ausnahme. Man mag nun über den Wert deS Frllhausstehens denken, wie man will. Eines Vorzugs beraubt man sich jedenfalls dadurch, daß man in den Tag hinein schläft, nänilich des erfrischenden Genusses der Morgenlust. Jeder wird schon die Erfahrung gemacht haben, daß die Luft in den frühen Morgenstunden viel frischer erscheint, als zu andern Zeiten des Tages. In manchen Gegenden scheint dies Ve- wußtsein in den Volkskreisen ziemlich weit verbreitet zu sein, denn in Ostpreußen z. B. erachtet man eS als besonders gesund, in die „Frühlust" zu gehen. Worin kann denn nun aber diese Eigenschaft der Morgenluft begründet sein? Die Chemiker haben uns seit langem berichtet, wie die Lust zusammengesetzt ist, auch daß diese Zusammen- Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: setzung fast immer dieselbe bleibt, ob man eine Luftprobe von einer Bcrgspitze oder auf dem Meer, vom steien Lande oder aus der Stadt nimmt. Die Chemie scheint also keine Erklärung stir den Wert zu liefern, den eine Lustveränderung besitzen kann, ebenso wenig stir die Milde und Frische der Luft am Morgen, deren angenehme Eigen» schaften mit dem Fortschreiten des Tages verschwinden. Auch die Morgenlust ist nachweislich nicht anders zu» sammengesetzt als die Luft während einer anderen /Zeit. Deimoch muß man in Rechnung ziehen, daß währen'' des Ueberganges von der Nacht zum Tage und vom Ta/; zur Nacht ver?chiedene Vorgänge Platz greifen. Beim Sonnenunrergang tritt ein Sinken der Temperatur ein und bei Sonnenaufgang wieder ein Steigen, und infolgedessen wird die Feuchtigkeit abwechselnd niedergeschlagen und wieder aufgenommen. Diese Wechsel sind bekanntermaßen begleitet von elektrischen Erscheinungen und auch von gewissen chemischen Acußerungen. Die Bildung von Tau hat wahrscheinlich viel tiefere Wirkungen als die bloße Be- feuchtung der Gegenstände mit Wasser. Der Tau wirkt belebend, nicht nur weil er aus Wasser besteht, sondern weil er einen kräftigenden Einfluß besitzt, der zum Teil seiner Sättigung mit Sauerstoff zuzuschreiben ist, und man hat auch festgestellt, daß während seiner Bildung Wasserstoffsuperoxyd entwickelt wird. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die eigentümlich erfrischende und angenehme Eigenschaft der Lust am frühen Morgen ihren Ursprung in diesem Vorgange hat. Sicher ist, daß ihr Ver- tust an Frische daher stammt, daß der Sauerstoff, das Ozon oder das Wasserstoffsuperoxyd, welcher von diesen belebenden Stoffen nun vorhanden gewesen sein mag, aufgebraucht wird. Man hat die Beobachtung gemacht, daß Gras unter einem vollbelaubten Baum schwer zum Blühen zu bringen ist, und diese Thatsache wird im allgemeinen durch die Annahme erklärt, daß der Baum die Nährstoffe aus dem Boden an sich zieht oder daß er das Sonnenlicht und den Regen vom Gras abhält. Ob eine dieser Erklärungen das Richtige trifft, ist zweifelhaft, vielmehr liegt der wahre Grund höchst ivahr- scheiulich darin, daß sich auf den Gräsern unter einem solchen Baum der belebende Tau nicht bilden kann, während Regen und Licht sie in der Regel doch erreichen. Der Tau ist vermutlich für das Wohl- befinden von Pflanzen und Tieren in viel größerem Matze wesent- lich, als man bisher geglaubt hat.— Humoristisches. — Zwei Kolleginnen. Malerin:„Meine Malerei nimmt mich so in Anspruch, daß mir nicht die geringste freie Zeit übrig bleibt I Das ist eben der Fluch der Kunst, daß, wer ihr dient, ihr ganz dienen muß!" Hausfrau:„Sie, da habü S' recht! Mir geht's genau s o I Seit drei Tag bring' i''n Pemsel nimmer aus die Händ' 1 Vorgestern Hab' i' d' Kuch'l g'weißt, gestern d' Fußböden g'strichen und heut' muß i' d' Kommod' lackier'n l"— — I n der Sommerfrische.„Warum schlachten Sie denn diese alten Hühner nicht, Bäuerin?.. Die können doch unmög- lich noch frische Eier legen I"— — Auch ein Grund. A:„Hören Sie'mal, warum wird denn nicht Alarm gemacht, damit mehr Feuerwehrleute sich einfinden?" V:„Ja wissen S', wir kriegen immer für's Löschen nur einen Hektoliter Bier, und wenn's so viele sind, trifft einen zu wenig!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Otto Göritz, der ftühere Baritonist der Morwitz-Oper, ist vom Herbst an auf sechs Jahre an die Wiener Hofoper engagiert worden.— — Im Kunstgewerbe-Museum(Schlüter-Zimmer) ist gegenwärtig eine Ausstellung neuer englischer Buch» einbände zu sehen.— — Während der Pfingstwoche wird auf der T r e p t o w- Sternwarte von 2— 8s/4 Uhr abends die Venus, von 83/4 bis 12 Uhr der M o n d mit dem großen Fernrohr gezeigt. An den beiden ersten Pfingsttagen wird außerdem noch ein interessanter Doppel- stern in der Jungfrau von 11— 12 Uhr nachts beobachtet.— — Eine Gradmessung wird jetzt von den Engländern in Südafrika ausgeführt. Die Messungen, die bereits vor dem Boercnkriege begonnen hatten, sind von Kapstadt ausgegangen, zogen sich die Ostgrenze von Südlvestaftika entlang gegen den Zambesi hin und sollen bis zum Süden des Tanyaujika geführt werden. Dr. Rubin aus Upsala leitet die Meffungcn, die in zwei Jahren beendet sein sollen.— c. Eine B i m S st e i n- S e e. Von einer merkwürdigen Natur- erscheinung wird aus Melbourne berichtet: Die ftanzösische Barke „Vincennes" kam etwa 18 Meilen südlich von der Pylstarri-Jnsel, südlich von der Tongagruppe, durch eine See von Bimsstein, die sechs englische Meilen breit war und so lang, wie das Auge reichte. Die Tiefe der Steine betrug eiwa drei Fuß_ und die ganze schtvimmende Masse war durchweg von gleichmäßiger Dicke. Die Steine unterschieden sich in der Größe sehr; einige waren zwei Quadratfutz groß, aber die Mehrzahl war kleiner. Die Pylstarri« Insel ist von vulkanischer Formation; es waren jedoch keine Spuren von einem Allsbruch, der vor kurzem stattgefunden hätte, sichtbar. Man nimmt daher au, daß die merkwürdige Naturerscheinung das Er» gebnis einer unterseeischen Störung ist.—__ Vorwärts Buchdruckern und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin 8W