AnlerhaltMgsblatt des Jorwärls Nr. 107. Donnerstag, den 4. Juni. 1903 691 Das Geld (Nachdruck verboten.) Roman von Emile Zola. Allein die Unterredungen mit seinem Anwalt und die von Frau ftaroline unternommenen Schritte, über deren ermüdende Vergeblichkeit sie klagte, hatten Hamelin bald eine Ahnung von der erschreckenden Verantwortlichkeit ge- geben, die auf ihm lastete. Selbst mit den geringsten begangenen Gcsetztvidrigkeiten sollte er solidarisch erklärt werden; nie würde mau glauben, daß auch nur eine einzige ihin unbekannt geblieben wärs. So riß ihn Saccard in entehrende Mitschuld hinein. Mit zerstreutem Ohr hörte er auf die Worte seiner Schwester, welche ihm erzählte, in den Zeitungen scheine die öffentliche Meinung etwas günstiger für ihn zu werden. Plötz- lich, ohne Uebergang, fragte er, indem er sie mit seinen Augen eines Schlafwandlers ansah: „Warum weigerst Tu Tich, ihn zu besuchen?" Sie erschauerte, sie begriff wohl, daß er Saccard meinte. Mit heftigem Kopfschütteln sagte sie nein und wieder nein. Hierauf nahm er seinen Mut zusammen und sagte verlegen mit ganz leiser Stimme: „Nach dem, was Du ihm gewesen bist, darfst Du Tich nicht weigern! Gehe zu ihm." Großer Gott, der Bruder wußte alles! Brennende Nöte flog über Frau Karolinens Wangen, sie stürzte in seine Arme, um ihr Gesicht zu verbergen; stammelnd fragte sie, wer es ihm wohl gesagt hätte, wie er dazu kam, dieses Verhältnis zu kennen, das sie als ganz unbekannt, vor allem als i h m unbekannt voraussetzte: „Meine gute Caroline, schon lange weiß ich's.. Anonyme Briefe schändlicher Neider... Ich habe Dir nie etwas davon gesagt, Du bist ja frei, wir haben nicht mehr die gleichen Ansichten... Ich weiß dennoch. Du bist die beste Frau von der Welt. Geh zu ihm hin!" Und er hatte sein fröhliches Lächeln wiedergefunden. Er nahm das Rosensträußchen herunter, welches er bereits hinter das Kruzifix gesteckt hatte, gab es ihr wieder in die Hand und fügte hinzu: „Das bringst Du ihm und sagst, daß ich ihm auch nicht böse bin." Mächtig erschüttert von dieser so rührenden Gutmütigkeit ihres Bruders und von der unsäglichen Scham, zu welcher eine wohlthuende Erleichterung sich gesellte, sträubte sich Frau Karoline nicht länger. Zudem drängte sich ihr seit dem Vor- mittag ein Besuch bei Saccard als Notwendigkeit auf. Da schon lange ihr Name auf dem Verzeichnis der Leute stand. die er zu sprechen wünschte, brauchte sie nur sich zu nennen. und ein Gefängniswärter führte sie sofort zur Zelle des Unter suchungsgefangenen. Bei ihrem Eintritt wandte Saccard gerade der Thüre den Rücken zu. Er saß vor einem Tischchen und bedeckte einen Bogen Papier mit Zahlen. Er erhob sich lebhaft und stieß einen lauten Freudenruf aus. „Sind Sic's?.... O, wie gütig von Ihnen! O, wie fühle ich mich beglückt!" Er nahm eine ihrer Hände zwischen die seinigen; sie lächelte verlegen in ihrer Erregtheit und suchte vergeblich nach dem erlösenden Wort. Hierauf legte sie mit ihrer frei gebliebenen Hand das Zweisoussträußchen auf die mit Zahlen reihen bedeckten Bogen, die aus dem Tisch sich aufstapelten. „Sie sind ein Engel," murmelte er entzückt, indem er ihre Fingerspitzen küßte. Endlich fand sie Worte. „Wahrhaftig, alles war zu Ende; in meinem Herzen hatte ich Sie verdammt, aber mein Bruder verlangt, daß ich zu Ihnen komme..." „Nein, nein, sagen Sie das nicht! Sagen Sie vielmehr, daß Sie gar zu klug und gütig sind, daß Sie alles begriffen haben und mir verzeihen..." Mit einem Winke unterbrach sie ihn. „Ich beschwöre Sie, verlangen Sie nicht so viel von mir. Ich bin mir selbst nicht recht klar... Genügt Ihnen mein einfaches Kommen nicht? Dann habe ich Ihnen auch eine sehr traurige Geschichte mitzuteilen." In einem Zug erzählte sie dann mit halblauter Stimme das wilde Erwachen von Victors Trieben. Betroffen hörte er zu, ohne eine Frage zu stellen, und ohne sich zn regen; als sie zu Ende war, quollen zwei dicke Thränen aus seinen Augenlidern und rieselten an den Wangen herunter, während er stammelte: „Der Unglückliche... Der Unglückliche." Noch nie hatte sie den Mann weinen gesehen. Tief er- griffen und erstaunt war sie von diesen so merkwürdigen Thränen Saccards. diesen grauen und schweren Thränen, die aus bodenloser Tiefe eines verstockten und in jahrelangen Räubereien verhärteten Herzens heraufkamen. Uebrigens machte sich sogleich seine Verzweislring in überlauter Weise Luft. „Das ist ja entsetzlich, und ich habe den Jungen nicht einmal geküßt. Sie wissen ja, ich habe ihn nicht gesehen! Nun ja, ich hatte mir ganz fest vorgenommen, ihn zu besuchen, habe aber keine Zeit gehabt, keine freie Stunde, mit diesen verdammten Geschäften, die mich ganz auffressen. Ja, ja, es kommt immer so: wenn man eine Sache nicht sofort durch- führt, führt man sie sicher niemals durch. Und jetzt wissen Sie gewiß, daß ich ihn nicht sehen kann? Man könnte mir ihn ja hierher bringen." Sie schüttelte den Kopf. „Wer weiß, wo er jetzt zur Stünde sich umhertreibt, in dem unabsehbaren Gedränge dieses schrecklichen Paris!" Eine Zeitlaug ging er noch heftig auf und ab, indem er einzelne unzusammenhängende Redensarten hören ließ: „Man findet mir diesen Knaben wieder, und ich muß ihn sofort verlieren. Nie werde ich ihn sehen. Da! sehen Sie, nie habe ich Glück, nein, aber auch gar kein Glück! O, mein Gott, es ist dieselbe Geschichte wie mit der Universelle." Er hatte sich wieder vor den Tisch gesetzt, und Frau Karoline nahm ihm gegenüber Platz. Schon irrten seine Hände unter den Papieren umher, jenem seit Monaten vor- bereiteten umfangreichen Faszikel. Er begann die Geschichte vom Prozeß zu erzählen und seine Vcrteidigungsmittel aus- einanderzusetzen, als hätte er das Bedürfnis empfunden, ihr gegenüber seine Unschuld darzulegen. Die Anklageschrift warf ihm folgende Punkte vor: die fortwährende Steigerung des Aktienkapitals, um die Kurse in fieberhaften Gang zu bringen und den Leuten glaubhaft zu machen, daß die Gesellschaft den vollen Betrag der Kapitalien besaß: das Fingieren von Zeichnungen und nicht geleisteten Einzahlungen vermittelst des Contos Sabatani und der in den Büchern stehenden sonstigen Strohmänner; die Verteilung von Schwindeldividenden in Gestalt jener Voll- einzahlnng der Stammaktien; schließlich das Ankaufen der eignen Werte durch die Gesellschaft, jene zügellose Spekulation, welche die ungewöhnliche und künstliche Hausse erzeugt hatte, an welcher die Universelle schließlich erschöpft zu Grunde ge- gangen war. Darauf erwiderte er mit ausführlichen und leidenschaft- lichcn Rechtfertigungen; er habe nur gethan, was der Leiter jeder Bank thuk, aber im großen Stile, da er die nötige Kraft besaß. Tie Leiter der festesten Häuser von Paris hätten alle- samt seine Zelle teilen sollen, wenn man nur ein bißchen logisch verfuhr. So aber nehme man ihn zum Sündenbock für die Ungesetzlichkeiten aller. Andrerseits habe die Anklage eine merkwürdige Art, die einzelnen Verantwortlichkeiten ab- znwägeu. Warum klage man nicht auch die Mitglieder der Verwaltung an, Leute wie Daigremont, Huret, Böham, die außer ihren sünfzigtausend Frank Sitzungsgebühren noch zehn Prozent vom Reingewinn eingestrichen hatten und an allen Jobbereicn beteiligt waren? Warum ferner die völlige Straflosigkeit der gewählten Rechnungsprüfer wie LavignUue. die sich durch Vorschützen ihrer Unfähigkeit und ihres guten Glaubens heraushalfen? Augenscheinlich würde dieser Prozeß sich als die allergrößte Rechtsverletzung herausstellen; man hatte nämlich die Betrugsklage Büschs wegen un- bewiesener Thatsachcn fallen lassen müssen, auch waren in dem auf oberflächliche, vorläufige Prüfung der Bücher be- gründeten Sachverständigenbericht eine Menge Irrtümer ent- deckt worden. Wozu also die amtliche Ganterklärung auf @nmi dieser beiden Aktenstücke, wenn kein Psennig von den anvertrauten Geldern veruntreut war und sämtliche Kunden ihr Geld wieder bekommen sollten? Wollte man denn lediglich die Aktionäre zu Grunde richten? In diesem Falle war der Zweck vollständig erreickch der heillose Krach nahm immer größeren Umfang an. Sich selber maß Saccard keine Schuld bei, sondern der Behörde, der Regierung und allen denen, die sich verschworen hätten, ihn beiseite zu schaffen, um die Universelle zu vernichten. „O die Schurken, hätten sie mir nur die Freiheit ge- lassen, dann hätten sie etwas erlebt." Frau Karoline mußte ihn anschauen, betroffen über diese Unzurechnungsfähigkeit, die förmlich zur genialen Größe sich auswuchs. Es fielen ihr seine früheren Lehren wieder ein, die Notwendigkeit des Vörsenspiels bei größeren Unter- nehmungen, wo jede gerechte Entlohnung unmöglich ist; sie erinnerte sich seiner Lehre von der Spekulation als menschliche Ausschweifung, als notwendiger Tünger, aus welchem der Fortschritt emporwächst. Hatte e r denn nicht mit seinen ge- wissenloscn Händen die gewaltige Maschine in wahnsinnigem Maße überheizt, daß sie jäh zersplitterte und alle Leute ver- wundete, welche mit ihr dahinfuhren? Tiefer Kurs von drei- tausend Frank, dieser unsinnig übertriebene Kurs, hatte e r ihn nicht gewollt? Eine Gesellschaft mit einem Grundkapital von hundertfünfzig Millionen, deren drcimalhunderttausend Aktien zunl Kurse von dreitausend Frank eine Sunime von neunhluidert Millionen darstellen,— war etwas Derartiges zn rechtfertigen, lag nicht eine entschliche Gefahr in der Verteilung der Dividende, die schon beim Zinsfuß von fünf Prozent eine solche Summe erheischen mußte? Jetzt hatte Saccard sich erhoben. Er ging in der engen Zelle mit dem nervösen Schritt eines in einem Käfig sitzenden großen Eroberers auf und ab. „O, die Schurken, sie wußten Wohl, was sie thaten, als sie mich einkerkerten!.. Ich war dem Siege nah', nahe daran, sie alle zu zerschmettern." Sie fahr vor Ueberraschung auf und erhob lebhaft Ein- spräche. „Wie meinen Sic das, dem Siege nahe? Sie hatten ja keinen Heller mehr, Sie waren besiegt!" „Natürlich!" erwiderte er mit Bitterkeit,„ich war be- siegt, ich bin also ein Schuft. Ehrlichkeit und Ruhne finden sich nur im Erfolge. Mau darf sich nicht besiegen lassen, sonst ist man am folgenden Tage nur ein Tunimkopf oder ein Bc- trüger... O, ich errate schon, was nian spricht, Sie brauchen es mir nicht wiederzusagen. Nicht wahr? man nennt nsich durchgehends einen Gauner, man beschuldigt mich vor allem, all diese Millionen eingesteckt zu haben, man würde mich er- würgen, wenn man mich hätte; oder, was noch schlimmer ist, man zuckt mitleidig die Achseln, ich bin einfach ein Thor und ein Schwachkopf... Hätte ich aber Erfolg gehabt, können Sie sich dann die Sache vorstellen? Ja, hätte ich Gunder- mann überwältigt und den Markt erobert, wäre ich zur jetzigen Stunde der unbestrittene König des Goldes,— dann welch herrlicher Triumph! Dann wäre ich ein Held, dann hätte ich Paris zu meinen Füßen." Mit Entschiedenheit widersprach sie ihm. „Sie hatten weder die Gerechtigkeit, noch die Logik auf Ihrer Seite; Sie konnten nimmermehr Erfolg haben." Mit einem plötzlichen Ruck blieb er vor ihr stehen. „Nimniermehr. Erfolg haben?" erwiderte er zornig. „Was fällt Ihnen ein, das Geld ist mir ausgegangen, darin liegt alles. Hätte Napoleon bei Waterloo noch hundert- tausend Mann in den Tod schicken können, dann blieb er Sieger und war die Gestalt der Welt umgewandelt. Hätte ich noch die erforderlichen paar hundert Millionen in den Schlund zu werfen gehabt, dann wäre ich heute der Beherrscher der Welt." „Das ist ja entsetzlich!" rief sie empört.„Wie, Sie finden, daß es noch nicht genug Ruinen, nicht genug Thränen und Blut gekostet hat! Noch mehr Unheil wollten Sie haben, noch nrehr verarmte Familien, noch mehr Unglückliche, die auf den Straßen betteln müssen!" Er begann wieder heftig auf und ab zu gehen und machte jetzt eine Bewegung überlegener Gleichgültigkeit, indem er ausrief: „Kümmert sich denn das Leben um so etwas? Mit jedem Schritt nach vorwärts zertritt man Tausende von Existenzen." Eine Pause trat ein, ein Gefühl des Frostes stieg ihr zum Herzen empor, während sie dem hin und her wandelnden Saccard nachblickte. War er ein Gauner? War er ein Held? Schaudernd fragte sie sich, welche Gedanken er wohl, wie ein lahmgelegter, besiegter Feldherr in den sechs Monaten seiner Haft in dieser engen Zelle im Kopf gewälzt haben mochte, und blickte jetzt erst rings um sich: vier nackte Wände, ein kleines eisernes Bett, ein tannener Tisch und zwei Stroh- stühle für ihn, der inmitten eines verschwenderischen, strahlenden Prunkes gelebt hatte! // Mit einem Male setzte er sich wieder an den T'sch, die Beine gleichsam von Müdigkeit gelähmt. Dann b�nnn er mit halblauter Stimme eine lange Rede, eine Art unfreiwilliger Beichte. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Iriduftne der HbzubbUdci% Wer die Abziehbilder mir als Spielzeug für Kinder kennt, der ist gewiß geneigt, die Industrie der Abziehbilder zu unterschätzen. In Wahrheit ist dieselbe ganz bedeutend, wenn sie auch nur einen Zweig der Luxuspapier-Jndustrie bildet. Der Konsum von Abzieh- bildern für Kinder- und Liebhaber-Arbeiten ist ja schon an und für sich nicht zu unterschätzen, weit größer ist aber der Konsum für in- dustriclle Zwecke verschiedener Art. Diese Erzeugnisse für die Industrie smd zum Teil auch weit vollkommener als die billigen für die Kinderstube bestimmten Bildchen. Sie werden namentlich zur farbigen Dekoration von Massenartikeln der Holzwarcn-, Glas-, Porzellan-, Metall-, Horn-, Papiermache- und Blcchindustrie an- gewandt. Ungeheure Mengen von Spielwaren werden auf diesem Wege mit reizvollen, vielfarbigen Bildern geschmückt, welche die Phantasie des Kindes anregen. Blcchgegenstände, welche infolge der Oxp- dierung des Materials schnell unansehnlich werden würden, pflegt man mit einem schützenden Anstrich zu versehen und durch Abziehbilder oder Abziehdrucke zu schmücken. Dabei dürfen wir nicht nur an landschaftliche, figürliche Darstellungen und dergleichen denken, viel- niehr werden auch regelrechte Muster und Aufschriften durch ein der- artiges Verfahre» aus die Fläche gebracht. Die Methode est deshalb sehr beliebt, weil sie gestattet, verhältnismäßig wohlfeil eine sehr reiche Dekoration der Flächen zu bewirken; denn von Hand aus- geführte Malereien werden noch kostspieliger, wenn selbst die Arbeit ganz primitiv ausgeführt wird. Als ein großer Fortschritt wurde es von den Malern und Anstreichern betrachtet, als auch die söge- nannte» Holzmaserungen, wie sie namentlich zur Dekoration von Haus- und Zimmerthüren, Paneelen, aber auch von Möbeln und sonstigen Holzgegcnständen Anwendung finden, in Form von Ab- ziehbogen in den Handel gebracht wurden. JedcS Holz hat seine charakteristische Färbung und Maserung, und es erfordert eine nicht unbedeutende Geschicklichkeit, auf die zuvor mit Lelfarbe gestrichenen Holzflächcn die charakteristische Maserung des Eichen-, Nußbaum-, Tannenholzes usw. aufzumalen; vor allen Dingen nimmt aber diese Arbeit sehr viel Zeit in Anspruch und macht sie daher kostspielig. Seit längerer Zeit aber werden Papiere mit entsprechenden abzieh- baren Zeichnungen in den Handel gebracht, welche die Arbeit zu einer wahren Spielerei machen. Fällt das Werk noch nicht ganz be- sricdigeud aus, was übrigens selten der Fall ist. so ist der Maler immer noch in der Lage, mit dem Pinsel etwas nachzuhelfen, um der Zeichnung ganz den Charakter einer Handarbeit zu geben. Ju derselben Weise aber werden auch Marmorimitationen auf Wand- flächen oder ähnliche Dekorationen dieser Art erzeugt. Je nach Verwendung der Abziehbilder müssen diese besondere Eigenschaften besitzen, und namentlich muß die Wahl der Farben der in der betreffenden Industrie anzuwendenden Technik angepaßt werden; so braucht man z. B. zur Dekoration von Glasgegenständen verglasbarc Farben, d. h. solche, welche im Ofen ganz den Charakter des Glases annehmen und sich mit diesem fest verbinden; zur Dekoration von Porzellanwaren aber braucht man einbrennbare Mctallfarben. Doch darin stimmen alle Abziehbilder Lberein, daß sie auf dem Wege des lithographischen Druckverfahrens erzeugt sind. Es ist also kein Wunder, daß wir heute sehr reichbemalte Teller, Schüsseln, Tassen usw. zu erstaunlich billigen Preisen erhalten, denn die Malerei ist eben nicht von der Hand ausgeführt, sonder» durch ein Druckverfahren hergestellt. Daß der Teller nicht direkt in die Druckerpresse gelangt, ändert nicht viel an der Sache, denn das durch Druck hergestellte Bild wird ja auch nur durch ein sehr einfaches mechanisches Verfahren, das den Charakter eines Umdruckes hat, vom Papier auf die zu dekorierende Fläche übertragen. Tic ganze Industrie ist noch sehr jung, hat sich aber in sehr kurzer Zeit ganz außerordentlich entwickelt. Die Erfindung wurde in den sechziger Jahren von dem Leipziger Buchdrucker Kramer gemacht, dessen Verfahren als Metachromatypie oder Tekalkomanie bezeichnet wurde. Die Bilder werden auf dem Papier genau wie farbige Lithographien hergestellt, nur müssen naturgemäß die Farben in umgekehrter Reihenfolge aufgedruckt werden, als bei Herstellung eines positiven Bildes. Denn wenn das Bild auf den Gegenstand übertragen wird, so gelangt die oberste Farbschicht natürlich nach unten, die unterste nach oben. Während inan bei den gewöhnlichen lithographischen Bildern die dunklen Platten zuerst und stie hellen zuletzt druckt, werden bei Herstellung von Abziehbildern die hellen Farbplatten zuerst und die dunklen zuletzt gedruckt. Wesentlich ist die richtige Behandlung des Papiers, damit dieses das Bild später losläßt. Es wird wiederholt vor dem Bedrucken mit Kleister, Traganth oder Gummi grundiert, oder auch mit einer Mischung von Stärke, Leim, Gummi und sehr fein ge- mahlener Kreide präpariert. Bei Ucbertragen des Bildes wird die Bildfläche an den mit Lack oder einer andren klebrigen Masse über- zogenen Gegenstand fest angedrückt und dann auf der Rückseite an- gefeuchtet. Der Lackanstrich muß aber bereits ziemlich erhärtet sein, so daß er nur noch ganz wenig klebrig ist. Dann wir das Papier auf der Rückseite gut angefeuchtet, wodurch sich das Bild von seinem Grunde löst, um nun von der lackierten oder gummierten Fläche festgehalten zu werden. Das Papier läßt sich nun leicht ablösen. Nun gilt es aber das Bild auf seiner neuen Fläche dauerhaft zu befestigen und es vor äußeren Angriffen zu schützen. Das kann in verschiedener Weise geschehen. Entweder besitzt die Verivendete Farbe die Eigenschaft, im Feuer zu schmelzen und beim Abkühlen zu einer harten Masse zu erstarren, oder sie wird— sofern es der Gegen- stand gestattet— mit einer schützenden Email- oder Lackschicht bedeckt. Das Verfahren des Ileberdruckes wird, wie ich schon betont habe, in umfangreicher Weise zur Produktion von Tafelservicen angewendet. Die Druckplatte wird in diesem Falle nicht mit Firnisfarben eingc- rieben, sondern mit einer Farbe aus Oel und feingemahlenen Glas- flüssen. Man druckr die Zeichnung auf sehr dünnes Papier und legt dies noch in feuchtem Zustande auf die zu verzierenden Flächen des Tongegenstandes, welcher bereits einen Brand durchgemacht hat, sehr porös ist und nun die Farbe begierig aufsaugt. Hierauf wird das Papier abgenommen, der Gegenstand glasiert und nun zum zweiten- mal gebrannt. Die Zeichnung liegt nun gut geschützt unter der durch- sichtigen Glasur, welche in der That ganz wie eine schützende Glas- scheide wirkt. Dies Verfahren wird angewandt, wenn es sich um ein- farbige Zeichnungen handelt, während man für mehrfarbige Dar- ftellungen Abziehbilder verwendet, die schon in de» erforderlichen Schmelzfarben ausgeführt sind. Als vorzüglicher Lack zum Fest- halten von Abziehbildern auf Thonwaren wird von Lueger eine bei gelinder Wärme gelöste Mischung von 13 Teilen Mastix, 23 Teilen weißen Harzes, 54 Teilen venezianischen Terpentins, 50 Teilen Sandaral und 160 Teilen Spiritus empfohlen. In der Blechindustrie wird das Bild in der beschriebenen Weise auf den mit Oclfarbe oder Lack gestrichenen Gegenstand übertragen, und dieser dann in den Lackicrofen geschoben, wo sich unter Ein- Wirkung der Wärme der Anstrich und die aufgetragenen Verzierungen fest mit einander verbinden. Zweckmäßiger ist es vielleicht, die Zeichnungen trocknen zu lassen und dann den ganzen Gegenstand mit einem klaren, farblosen Lackanstrich zu verschen. Was wir als„Blechdruck" bezeichnen, ist häufig auch nichts andres als ein Abziehverfahren, obwohl der Druck auch direkt auf die Blechtafel mittels Buch- oder Steindruckprcsse erfolgen kann. Die Verzierungen werden mittels der Steindruckpresse zunächst auf Seiden- Papier gedruckt und von diesem auf den lackierten Gegenstand über- tragen. Ter Blcchdruck findet namentlich zur Herstellung von Bltth- schildern, Blechgefäßcn, Emballagen usw. Anwendung. Für mehr- farbige feinere Arbeiten bedient man sich des Ilmdruckverfahrens. Vom Stein wird die Zeichnung auf gummiertes Papier übertragen. Auf das bedruckte Papier wird die Blechtafcl gelegt, diese mit einem Leder bedeckt und hierauf das Ganze in die Presse geschoben. Das Leder hat den Zweck, den Druck gleichmäßig zu verteilen. Auf diese Weise wird Schrift oder Zeichnung auf die Blechtnfel übertragen; ist dann die eine Farbe getrocknet, so kann der Druck der zweiten Farbe erfolgen und so fort. Die Wohlfeilhcit des Verfahrens verleitet ein wenig dazu. Er- Zeugnisse untergeordneter Art mit einem zu reichen Farbenschmuck zu versehen, so daß dieser gleichsam in einem ausfallenden Wider- spruch zum Gebrauchsgegenstande steht. Es wäre aber unrecht, die äußerst leistungsfähige Abziehbilder-Jndustrie für diese Geschmack- losigkcit verantwortlich zu machen. ES ist Sache des betreffenden Handwerkers oder Fabrikanten, die Bilder verständig auszuwählen und maßvoll zu verwenden. Daraus ergiebt sich, daß man auch bei Benutzung und mechanischer Uebcrtragung des fertigen Dekorations- mittels noch bis zu einem gewissen Grade Geschmack und Kunstfertig- keit zu bekunden vermag. Häufig kommt das angewandte Bild oder auch die angewandte Schrift erst dann zur rechten Geltung, wenn sie in einen angemessenen Rahmen hineingesetzt wird, der wieder durch Abziehbilder oder auch von der Hand gemalt sein kann. Ge- dankenloscs Arbeiten ist also hier ebenso wenig am Platze, wie beim Dekorieren eines ZimmerS mit Tapeten, welche ja auch fertig vom Fabrikanten geliefert werden; es kommt nur darauf an. die Decken- Malereien mit der Tapete in Uebereinstimmung zu bringen oder diese zu den Möbeln passend zu wählen.— Fred H o o d. Kleines feuUleton. ie. Die Diagnose des chinesischen Arztes. Die ärztliche Kunst ist für unsre Anschauuistzcn auch im heutigen China höchst seltsam, obgleich sich der Sinn für Beobachtung unter den chinesischen Aerzten in erstaunlicher Weise entwickelt hat. Ihre Diagnose ist zuweilen von einer Genauigkeit und Sicherheit, die zur Bewunderung heraus- fordert. Oft gelingt ihnen eine Heilung sogar da, wo europäische Aerzte den Kranken aufgegeben hatten. Aus diesem Urteil, das die Pariser„Gazette Mcdicale" fällt, ergiebt sich, daß es um die ärztliche Praxis im Reich der Mitte doch nicht ganz so schlecht be» stellt sein kann, wie man im allgemeinen angenommen hat. Aus der Untersuchung des Pulsschlags zieht der chinesische Arzt weitere Schlüsse als der europäische. Er will dadurch nicht nur den Zu- stand des Blutkreislaufes erkennen, sondern auch die Ursache des Uebels, den leidenden Teil des Körpers und das Wesen der Krank- heit mit ihren wahrscheinlichen Folgen. Mit der Befragung des Pulses verbindet der chinesische Arzt eine Fülle von Beobachtungen. die wie Charlatancrie erscheinen, aber doch häufig Erfolg haben. Er geht sogar so weit, die Grundsätze seiner Beobachtungen nach den Jahreszeiten zu ändern. Der chinesische Arzt fühlt aus dem Puls verschiedene Eigenschaften heraus, die ihm schätzbare Fingerzeige für die Erkennung und Behandlung der Krankheit geben. Ter Puls kann nach seiner Ansicht tief oder oberflächlich sein, weich oder hart, stürmisch wie überschäumendes Wasser, schleichend wie eine rollende Perle oder wie vom Dach fallende Tropfen; gelegentlich vergleicht er ihn auch mit der schwingenden Saite eines Instruments. Diese verschiedenen Zustände des Pulses stehen nach der chinesischen Lehre in Beziehung zu denjenigen der Organe, namentlich des Herzens, der Leber, der Lunge, der Eingeweide, des Magens, der Milz, der Nieren, der Blase usw., und jeder dieser Zustände gicbt ihm daher ein besonderes Anzeichen für jedes dieser Organe, lim in seinem Beobachtungsvermögen scharf und empfindlich zu sein. macht der chinesische Arzt seine Besuche mit Vorliebe frühmorgens. wenn er noch ganz nüchtern ist, und achtet sorgfältig darauf, daß er vorher noch keine Beschäftigung unternommen, sich vielmehr ganz ruhig verhalte» hat, damit nicht etwa irgend eine Erregung des eignen Körpers ihn hindert, sich in den des Kranken vollkommen hineinzufühlen.— go. Verlobung und Hochzeit bei den Kroate». Die Ehen werden in Kroatien von den Eltern der jungen Leute durch Brautkauf ge- schlössen. Ein Mädchen kommt aus 200—300 Gulden zu stehen. Nachdem der Bursche die Wahl seiner Eltern gebilligt, begeben sich im Frühjahr oder Sommer zwei Weiber, die eine aus dem Hause des Burschen, die andre eine Verwandte oder eine Nachbarin, eines Abends ins Haus des Mädchens, um eine Einwilligung einzuholen. Giebt sie ihr Jawort, so entfernen sich die zwei Frauen und lehren bald zurück mit einem Holzkrug Branntwein und mit Kuchen. Am nächsten Abend kommt der Bursche und überreicht dem Mädchen ein Draufgeld von 8—10 Gulden, nach Vermögen auch mehr. Das Draufgeld ist in den Zipfel eines Säcktuches eingewickelt. Von da bis zum Hochzeitstage danern unablässig die Gastmahle mit geringen Unterbrechungen, alle natürlich auf Unkosten des Bräutigams. Dann werden die Leiter des HochzeitSfcstes bestimmt. Am Tage nach der Verlobung schlachten die Eltern des Burschen ein Schwein, braten es auf dem Spieße, schaffen zehn und noch mehr Pfund Rindfleisch herbei, dann einen halben oder einen ganzen Eimer Branntwein, Körbe voll Kuchen, mehrere Laibe Brot und bringen die Bescherung dem Mädchen inS Haus. Alle beiderseitigen Verwandten haben sich zu dem Feste eingefunden. Es wird die ganze Nacht bis zum nächsten Mittag gegessen und getrunken. Dann kehren die Leute des Bräutigams singend und jubelnd zu Wagen heim. Die Geschirre der Pferde sind mit bunten stveißroten) Tüchlein, blauen, roten und weißen Bändern aus Seide und mit Blumensträußen geschmückt. Nach drei, vier Tagen müssen die Eltern deS Bräutigams mit der Braut und deren Eltern in eine Warenhandlung gehen' und der Braut vor alleni den Rohstoff für die Ausstattung katifen und zwar einige Bündel Wcbwolle für Hemden und Rot- und Blaugar» für Hand. tüchcr, welche die Braut am Ehrentag als Geschenke verteilen wird. Die Eltern des Mädchens müssen mir Leinwand und dergleichen be- schenkt werden. Die Brüder, die Schwestern, die Oheime und die Tanten der Braut stellen gleichfalls verschiedene kostspielige Forderungen an die Eltern des Burschen. Alle müssen befriedigt loerden, sonst wird aus der Hochzeit nichts. Dies ist die Einleitung. Der Hauptsturm aber auf den Geldbeutel des Bräutigams erfolgt im Herbst auf einem Jahrnrarkt. Die Eltern des Burschen müssen der Braut vor alleni eine seidene Schürze, ein seidenes Tüchlein und einen Tuchrock, zusammen im Werte von 40—50 Gulden, dann Strümpfe und Stiefletten, Halsbänder und Ohrringe und was drum und dran hängt, kaufeit. Wenn nachher auch die Wünsche der Sippschaft des Mädchens erfüllt worden sind, giebt eS wieder ein Festgelagc wie an. Tage nach der Verlobung. Die Speisen und Getränke haben die Eltern des Bräutigams auf einen besonderen Wagen niitgebracht. Die Hochzeit selbst wird durch noch reichlichere, fünf Tage dauernde Festgelage gefeiert.— Ans dem Pflnnzenteben. — Die elektrischen Ströme der Telegraphen« pflanze. In der Londoner Linneschen Gesellschaft wurde un- längst eine Arbeit von Professor I. C. Bose vorgelegt, welche der Frage nachgeht, ob die spontanen Bewegungen, welche viele höhere Pflanzen darbieten, ebenso von elektrischen Strömen begleitet werden, wie z. B. die Reizbewcgungcn der insektenfangenden Pflanzen. Am bequemsten zur Untersuchung bot sich, dem „Prometheus" zufolge, die sogenannte Te�graphei, pflanze(Desmo- dium gyrans) dar, eine in Indien sehr gemeine Hülscnpflanze. die ihren Namen dem Unstände verdankt, daß an ihrem drei- blättrigen Blatte die beiden kleineren Seitenblättchen wie die Arme eines optischen Telegraphen oder Semaphors sich regelmäßig auf und ab bewegen. Die Periode einer vollständigen Auf- und Ab- wärtsbewegung betrug bei dem beobachteten Exemplar ungefähr SV- Minuten. Nachdem die eine Elektrode des Metzapparates an dem Stiel eines der kleinen Seitenblättchen und die andre an dem Hauptstiel des zusammengesetzten Blattes angelegt war, ergab sich. datz die fortdauernde Bewegung des betreffenden Blattes mit einer elektrischen Störung eigentümlicher Art verknüpft war. Zunächst machte sich am Galvanometer eine Hauptstörungswclle von ungefähr einer Minute Dauer bemerklich, dann folgte eine schwächere Ncbenwelle von ungefähr 21/- Minuten Dauer. Diese eine Auf- und Abwärts- bewegung des Seitenblättchens begleitende Störung ist der Ausdruck eines Aktionsstromes. der von dem bewegten Nebenblattstiel zum ruhenden Hauptblattstiel verläuft.— Geographisches. ck. Eine Bergtour in Sibirien. Eine Ersteigung der Bjelucha im Altaigebirge in Sibirien ist kürzlich von dem Engländer S. Turner zum erstenmal ausgeführt worden. Der Altai erstreckt sich von Tomsk, der sibirischen Hauptstadt, bis zur chinesischen Grenze. Er ist in Tomsk sehr niedrig, aber hinter Bijsk ziemlich hoch. Um den höchsten Berg zu erreichen, verläht man die grotze sibirische Eisenbahn bei der Station Obi und reist durch Barnul und Bijsk nach Katunda. Obi liegt 26l)l) Meilen von Moskau entfernt und Katunda liegt direkt ö40 Meilen südlich von Obi. Da die Gegend schwer erreichbar ist, darf man sich nicht wundern, datz bisher kein Europäer diese Berge zu erforschen ver- sucht hat. Professor Sapozinokof von der Universität Tomsk er- stieg im Sommer des Jahres 1900 mit vier Gefährten die Südseite der Bjelucha bis zu 13 399 Futz; damals wurde der Berg auf 14 599 Futz geschätzt. Turner wollte versuchen, Professor Sapozinokofs Messungen nachzuprüfen. Es war im späten Winter, und obgleich die russischen Behörden Hilfe leisteten, erklärten sie einen Aufstieg für„unmöglich"; aber Turner engagierte Jäger und ging bei sehr kaltem Wetter über die Steppen, wobei er drei Tage und zwei Nächte auf Schlitten fuhr, da überall Schneewehen waren. So wurde Katunda erreicht und die Reise auf Pferden fortgesetzt, vorbei an den Niederlassungen freundschaftlich gesinnter Kalmücken, die niemals einen Engländer gesehen hatten, und durch einen dichten Wald gelangte man nach dem Akkem-Thal. Zuerst war es nötig, die Bjelucha zu prüfen. Turner erstieg einen andren Berg, und zwar allein, denn der Jäger, den er mitgenommen hatte, wollte das Wagnis nicht mitmachen und blieb weiter unten zurück. Am folgenden Tage erstieg Turner einen zweiten Berg und nahm dann seine Hauptaufgabe in Angriff. Die Gesellschaft brach um 11 Uhr auf. Nach zweistündiger Wanderung über eine sehr schwere Moräne begann es zu schneien, so datz die Jäger Turner allein auf dem Berg ließen mit der festen Verabredung, am nächsten Morgen um 4 Uhr in seinem Zelt zu sein. Es lvar ein einsamer Nachmittag und Abend. Die Jäger waren indessen auch am nächsten Morgen nicht zu sehen, und Turner brach um 5 Uhr früh auf. Es hatte aufgehört zu schneien, und in vier Stunden erreichte er den Futz der wirklichen Gipfel der Bjelucha. Es sind zwei Spitzen mit einem Sattel da- zwischen. Er konnte diese nur auf einem sehr schwierigen Wege gewinnen. Es hatte wieder zu schneien begonnen, aber er beschloß trotzdem, vorwärts zu gehen. Auf der Spitze der zweiten Kuppe maß er 13 899 Fuß, und er ließ seinen Namen in russisch und englisch unter einem großen Stein zurück. Dann ging er weiter, bis er an einen Eisabhang in der Nähe des Gipfels kam. Infolge der Härte des Eises brauchte er jedoch eine halbe Swnde, um eine Stufe zu schlagen, und da dreißig solche nötig waren, mutzte der Berg- stciger anhalten und einen andren Plan fassen. Er versuchte, auf der Südseite des Berges hinunterzusteigen; aber auf dem frisch gefallenen Schnee des Eisabhanges glitt er hier etwa 69 Futz weit, und er war froh, wieder zu der Kuppe zurückzukommen. Dann sprang ein scharfer Nordwind auf, so datz er möglichst schnell zu seinem Zelt zurückkehren mutzte. Bald nachher fühlte sich Turner -krank, was er dem Umstand zuschrieb, datz er sich vergiftet hatte; er hatte Suppe aus einer Konservenbüchse getrunken, und seine Kost bestand aus Schneewasser mit Schwarzbrot, trockenem Schiffs- Zwieback und Konserven. Hände und Gesicht waren so geschwollen, daß er nicht weiter gehen konnte. Er wollte einige Thermometer finden, die Professor Sapozinokof auf der Südseite des Berges niedergelegt hatte, aber außer der leichten Vergiftung hatte er sich durch den sehr kalten Wind noch eine heftige Augenentzündung zu- gezogen, und die Expedition kam so zu einem jähen Schluß. Turner ftigt seiner Schilderung hinzu:„Die Aussicht werde ich nie ver- gessen. Unser drittes Lager befand sich an der Seite eines Sees, der augenscheinlich bis auf den Grund gefroren war, da wir nach sechs Futz tiefem Grabe» im Eise auf Erde stießen, und das war etwa 12 Futz vom Rande des Sees. Die Berge rund herum standen lvie riesige Schildwachen, waren aber kaum so steil wie die massivste Gruppe in den Alpen."— Aus dem Gebiete der Chemie. — Galalith. Die Magermilch hat bisher nur recht be- schränkte Verwendung gefunden. Der Hauptciwcitzstoff der Mager- milch, das Kasein, ist nun der Rohstoff des neuen Produktes Galalith, und wenn man an die Vertbendung des Quarkkäses als Bestandteil für Malerfarben und Klebemittel sowie an die hornartig feste Be- Verantwortlicher Redakteur: ttarl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: schaffenheit der Käserinden denkt, so wird diese Umwandlung der Milch verständlich. Schon vor mehr als anderthalb Jahrzehnten kam man auf den Gedanken, formbare Massen aus Kasein herzu- stellen und daraus allerlei nützliche Gegenstände wie Knöpfe, Grifte. verzierte Platten und Farbstifte anzufertigen. Dem Erfinder wurde damals ein Verfahren patentiert, bei dem er in folgender Weise vor- ging. Kasein wurde frisch als gewöhnlicher Milchquark oder in ge- trockneter Form verwandt und in einer Lösung von Seife in heißem Wasier gelöst. In diese Lösung brachte man die Färbt fttandteile und erreichte durch Zusatz eines Mctallsalzes, datz eine /.-stc Masse, aus Metallseife und Kasein bestehend, abgeschieden loull e, die man durch Trocknen und Pressen in jede gewünschte Form bringen konnte. Der Erfinder hatte wohl die Erfahrung gemacht, datz das durch Zusatz eines Metallsalzes abgeschiedene Kasein allein spröde war und in Wasser schnell erweicht und versuchte daher, diese Verwandtschaft zu Wasser durch den Seifenzusatz aufzuheben, aber die so erhaltenen Produkte waren weich und brüchig und das Verfahren blieb ohne Er- folg. Die der Scheringschen Fabrik geschützte Methode, eine Kasein- lösung durch Zusatz von Formaldchyd unlöslich zu machen, hatte den Nachteil, datz die erhaltenen Produkte im Wasser stark aufquollen. Erst den Erfindern des„Galalith" oder„Milchstein"(Ver- einigte Gummiwaren-Fabrikcn Harburg-Wien) gelang es nach mühe- vollen Versuchen, die Mängel der ftüheren Methoden zu beseitigen und ihre Vorteile zur Ausbildung eines neuen Verfahrens heran- zuziehen. Ihr erstes Ziel bestand darin, die Kaseinverbindungen durch Zusätze von Salzen und Säuren unlöslich zu machen; die so erhaltene Masse wurde nun nicht sogleich weiter behandelt, sondern erst entwässert und getrocknet und schließlich durch Einwirkung von Formaldehyd zu dein Endprodukt umgewandelt. Um beispielsweise eine ebcnholzartige Masse herzustellen, die sich zu Messergriffen und dergleichen verarbeiten läßt, gingen sie folgendermaßen vor. Sie färbten eine Kaseinlösung durch einen geringen Rutzzusatz und er- zielten vermittelst des Metallsalzes Blciacetat, einen schicfcrfarbencn Niederschlag. Dieser wird mit Wasser vermengt und der dünne Brei in einen mit Tuch bespannten Rahmen eingefüllt. Da die Tuch- unterläge das Wasser absaugt, so schrumpft der Brei zu einer gleich- förmig festen, dunklen Platte zusammen; diese kommt jetzt in eine Lösung von Formaldehyd und ergiebt nach dem Trocknen eine Masse. die in Glanz und Farbe dem Ebenholz gleichkommt. Ein Vorteil des neuen Milchproduktes gegenüber dem Celluloid besteht darin, datz es nicht feuergefährlich und vollständig geruchlos ist. Vergleichende Ver- suche haben gezeigt, datz es selbst bei wochenlangem Liegen in Wasser nicht mehr aufquillt als das beste Büffelhorn, da es nach einem Monat nur 29 Proz. Wasser aufgenommen hatte. Schon hat man begonnen, durch Zusatz von Pflanzenölen ein Jsoliermaterial für Zwecke der Elcftrotechnik herzustellen.— („Technische Rundschau."), Humoristisches. — Angenehm. Dame(zum Schlächter, dessen Hund sich gerade an den Fleischvorrätei* zu schaffen macht):„Frißt der Hund Jhftdn auch manchmal Fleisch auf?" Schlächter:„Nein, er leckt höchstens ein bißchen daran, aber fressen thut er's niel"— — Hochfinanz. Kommerzienrat Feingold:„Was schreibt mir der Buchhändler da für e Rechnung? Hcndschcls Tele- graph.— Grotze Ausgabe, 2 Mark. Wieso grotze Aus« gäbe? Schnorrerl Für' was hält mich der Mann?"— („Lustige Blätter. Notizen. — Max Halbes neues Draina„Der Strom" wird im Herbst im Neuen Theater zur Aufführung gelangen.— —„Arche N o a h", ein Lustspiel von Josef Jarno, geht am Sonnabend erstmalig im Neuen Theater in Scene.— — K o r y T o Iv s k a s Lustspiel„Michael Kohlhaas" erzielte bei der Erstaufführimg in Prag einen starken Erfolg.— — Aus Robert Sandels„Bühnendichtungen der Kinder- seele" wurde das Stück„Die Judenjungens" vom königlichen Deutschen Landes-Theater in Prag zur Aufführung angenommen.— —„Die Schmuggler-Susi", eine Operette von Jacobson und W i n d h o p p, Musik von Victor Albert, wird eine der ersten Novitäten des C e n t r a l- T h e a t e r s in der kommenden Saison sein.— — Im November dieses Jahres findet in Petersburg unter dem Namen„Kinderwelt" eine wisschenschaftliche und gewerbliche Ausstellung statt.— — Goruchlosmach ung von Benzin. Petroleum und Benzin soll man. nach der„TechnischcnRnndschan", ihre spezifischen Gerüche nehmen können, indem man sie mit ätherischen Oelen und Natron- lauge schüttelt. Wenn man z. B. eine Mischung von Venzin und Terpcnttnöl mit Alkali behandelt und kräftig schüttelt, so verschwindet der Benziugeruch uack kurzer Zeit und es entsteht ein angenehmer, wenn auch schwacher Terpentingeruch. Oder wird Venzin mit 1 Proz. Fcnchelöl gemischt, auf 79 Grad erwärmt und mit 2>/zprozentiger Nattonlauge von 35 Grad Ee. geschüttelt, so erhält das Gemisch einen ausgeprägten Fenchelöl-Gcruch.—_____ Vorwärts Luchvruckerei und Vertogsanslatt Paul Singer& Co., Berlin SW