Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 109. Sonntag, den 7. Juni. 1903. (Nachdruck verboten.) '0 Das Geld» Roman von Emile Zola. Es war Karoline gelungen, Saccards Hände zu ergreifen, ängstlich schmiegte sie sich an ihn. „Nein, nein!.schweigen Sie, Sie flößen mir Angst ein!" Wider ihren Willen stieg aus der Tiefe ihres Entsetzens die Bewunderung höher und höher. In dieser elenden, kahlen Zelle, die verriegelt und von der lebendigen Welt abgesondert war, stieg jäh die Empfindung einer überquellenden Kraft in ihr auf, zeigte sich der gleißende Schimmer des Lebens, die uiwerwüstliche Hoffnung, die zähe Ausdauer des gegen den Tod ringenden Menschen. In ihrem Herzen fand sie schon keinen Zorn mehr, keinen Abscheu vor den begangenen Freveln. Hatte sie nach dem von Saccard heraufbeschworenen heillosen Unglück den Mann nicht verdammt? Hatte sie nicht die gerechte Züchtigting für ihn herbeigefleht, den Tod in Ein- samkeit und Verachtung? Und von alledem blieb jetzt nur ihr Haß des Bösen und ihr Mitleid für alle Leiden übrig. Wie eine unbewußte treibende Kraft gewann Saccard die alte Herrschaft wieder, und sie ließ es willig geschehen, wie man das Joch einer unabwendbaren Naturgcwalt still duldend erträgt. Mochte dies auch bloß eine weibliche Schwäche sein, sie überließ sich derselben mit Wonnegefühl, sie überließ sich der ungessillten Sehnsucht nach Mutterfreuden, dem un- säglichen Bedürfnis nach Liebe, welches trotz der fehlenden Achtung und trotz ihrer durch Lebenserfahrungen geprüften Vernunft ihr diese Liebe zu Saccard eingeflößt hatte. „Alles ist ja aus," wiederholte sie nochmals, ohne seine Hände aus den ihrigen zu lassen.„Können Sie sich denn nicht beruhigen und endlich ausruhen?" Als er sich dann auf die'Zehen erhob, um auf die weißen Locken, die in üppiger Jugendfülle ihr Haupt zierten, seine Lippen zu drücken, da hielt sie ihn zurück und fügte mit fester Entschiedenheit und tiefer Trauer hinzu, wobei sie jedes Wort nachdrucksvoll betonte: „Nein, nein! es ist aus, für immer aus... Ich bin froh, Sie ein letztes Mal gesehen zu haben, damit zwischen uns kein Zorn bestehen bleibe. Leben Sie wohl!" Beim Weggehen sah sie ihn in ungeheuchelter Rührung über den Abschied am Tisch stehen, aber schon ordnete er mit instinktiver Bewegung die Papiere wieder, die er in seinem Fieberwahn durcheinander geworfen hatte. Das Zweisous- Sträußchen hatte sich zwischen den Papieren entblättert, er nahm jeden Bogen einzeln auf und streifte mit den Fingern die Rosenblättchen fort. Erst drei Monate später, gegen Mitte Dezember, kam der Prozeß der Banque Universelle endlich zur Verhandlung. Fünf lange Sitzungen füllte er unter sehr reger Neugier aus. Tie Presse hatte um die Katastrophe einen ungeheuren Spektakel gemacht, merkwürdige Geschichten betreffs der Saumseligkeit der Untersuchung waren im Umlauf. Die Darlegung des Thatbcstandes von feiten der Staatsanwalt- fchaft machte großen Eindruck. Es war ein Meisterstück grimmiger Logik, hei welchem die geringsten Einzelheiten mit unerbittlicher Klarheit aneinander gereiht, ausgenützt und ge- deutet waren. Uehrigcns hieß es allgemein, daß das Urteil zum voraus gefällt war. Trotz der in die Augen springenden Redlichkeit Hamelins, trotz der heldenmütigen Haltung Saccards, der die fiinf Tage hindurch der Anklage standhielt, trotz der herrlichen und Aufsehen erregenden Verteidigungs- reden der Anwalte beider Angeklagten wurden diese in der That zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren nebst drei- tausend Frank Geldbuße verurteilt. Allem beide waren einen Monat vor der Verhandlung unter Bürgschaft vorläufig frei gelassen worden und somit als„freie Angeklagte" vor Gericht erschienen. Infolgedessen durften sie appellieren und binnen dicrundzwanzig Stunden Frankreich verlassen. Rougon hatte diesen Ausgang verlangt, da er den Verdruß nicht auf sich laden wollte, seinen eignen Bruder im Gefängnis sitzen zu haben. Die Polizei überwachte sogar die Abreise Saccards, der mit dem Nachtschnellzug nach Belgien abfuhr. Am gleichen Tage war Hamelin nach Rom abgereist. Und wieder verrannen drei Monate; die ersten Tage des Aprils waren da, und Frau Karoline befand sich immer noch in Paris, wo die Regelung unentwirrbarer Geschäfte sie zurückhielt. Sie hatte immer noch die kleine Wohnung im Hotel Orviedo inne, dessen Versteigerung Maueranschläge ankündigten. Endlich waren die letzten Schwierigkeiten ge- schlichtet und konnte sie abreisen, zwar ohne Geld in der Tasche, aber auch ohne die geringste Schuld zu hinterlassen. Am folgenden Tage wollte sie Paris den Rücken kehren und nach Rom zu ihrem Bruder reisen, der durch einen Glücksfall eine kleine Anstellung als Ingenieur erlangt hatte. Er hatte ge- schrieben, daß bereits Unterrichtsstunden auf sie warteten. Ihr ganzes Leben war also von vorn anzufangen. Am Vormittag des letzten Tages kam ihr beim Aufstehen der Wunsch, sich nicht zu entfernen, ehe sie den Versuch ge- macht hätte, über Victor Erkundigungen einzuziehen. Bis jetzt waren alle Nachforschungen nutzlos geblieben, aber sie er- iniierte sich des Versprechens der Mschain und sagte sich, vielleicht habe diese etwas erfahren. Es war leicht, bei ihr nachzufragen, wenn sie sich gegen vier Uhr zu Busch begab. Zuerst wies sie den Gedanken weit von sich. Wozu auch? War denn nicht alles tot und begraben? Dann aber empfand sie einen wirklichen Schmerz, wie um eines verstorbenen Kindes willen, auf dessen Grab sie vor der Abreise keine Blumen gelegt hätte. So begab sie sich um vier Uhr nach der Rue Feydeau. Die beiden Thören nach dem Hausgang standen offen, in der dunklen Küche hörte man Wasser heftig kochen, während drüben in dem engen Zimmerchen die M6chain in Büschs Lehnstuhl saß, inmitten eines Hanfens Papier vergraben, welche sie in ungeheuer dicken Bündeln aus ihrer Leder- tasche zog. „So! Sie sind's, meine gute Dame! Sie kommen in einem sehr bösen Augenblick. Herr Sigismund liegt im Sterben, und der arme Herr Busch verliert förmlich den Kopf, Er hat seinen Bruder so gerne! Er läuft nur wie ein Wahn- sinniger umher und ist jetzt wieder fort, um einen Arzt zu holen... Sie sehen, ich muß mich seiner Geschäfte annehmen, denn seit acht Tagen hat er nicht einmal ein einziges Papier gekauft oder nur die Nase in einen Schuldschein gesteckt. Zum Glück habe ich vorhin einen Fischzug gemacht, o, einen seinen Fischzug, der ihn ein bißchen in seinem Kummer trösten wird, den guten Mann, sobald er die Bernunft wieder erlangt hat." Tief ergriffen vergaß Frau Karoline, daß sie Victors wegen gekommen war: denn in den Papieren, welche die Mschain mit vollen Händen aus ihrer Ledertasche zerrte, hatte sie die Aktien der Ilniverselle erkannt. Die alte Tasche strotzte davon, sie zog immer noch mehr heraus und wurde in ihrer Freude mitteilsam.... „Da schauen Sie! Alles habe ich für zweihundertund- fünfzig Frank bekommen; es sind mindestens fünftausend Stück da, das macht also ein Sou pro Stück... He? Ein Sou für Aktien, die auf dreitausend Frank gestanden sind. Jetzt sind sie fast auf den Papierwert gesunken, ja wohl, Wurst- Papier... Trotz alledem sind sie etwas mehr wert, wir schlagen sie mindestens für zehn Sous wieder los, weil sie bei Bankrotten ziemlich gesucht sind. Sie begreifen, die Papiere haben einen so guten Ruf gehabt, daß sie immer noch bei Passiven sich ganz schön ausnehmen; es gilt für sehr fein, als Opfer der Katastrophe sich hinzustellen... Kurz, ich habe nnt ganz ungewöhnlichein Glück die Grube aufgespürt, in welcher diese ganze Partie seit der Börsenschlacht schlummerte, einen alten Schlachthausrest, den ein mangelhaft unterrichteter Dummkopf mir für ein Bettelgeld hingeworfen hat. Sie können sich denken, wie ich darüber hergefalleil bin!� O, ich habe nicht viel Ilmstände gemacht, sondern schleunigst den ganzen Plunder zusammengerafft!" Im lauten Ausbruch ihrer Freude glich sie einem gierigen Raubvogel von den Schlachtfeldern der Finanz, wie ihre kurzen Krallen in diesen Leichen wühlten, in diesen schon vergilbten und einen Moderduft aushauchenden entwerteten Aktien. Jetzt drang aus dem Nebenzimmer, dessen Thüre eben- falls weit offen stand, der Klang einer gedämpften, auf- geregten Stimme „So/ jetzt fängt'Herr Sigismund wieder an zu sprechen... Es geht seit heute morgen so fort... Ach Gott! Mein Wasser kocht! Ich vergesse ja das Wasser! Wir ibrauchen's für allerhand Thee... Meine gute Dame, da Sie gerade hier sind, sehen Sie doch gütigst nach, ob er nichts will." Die M&tjain eilte in die Küche; vom Schmerze des Nächsten immer unwiderstehlich angezogen, trat Frau Karoline in die Krankenstube. Die Kahlheit derselben war vom freund- lichen Schein der klaren Aprilsonne erheitert, ein Strahl fiel gerade ans das tannene Tischchen, auf welchem handschriftliche Aufzeichnungen und umfangreiche Hefte in großen Haufen lagen, die aufgestapelte Arbeit von zehn Lebensjahren. Sonst enthielt die Stube immer noch nichts als die beiden Stroh- stühle und die Bücher auf den Brettern. Auf dem schmalen, eisernen Bette saß Sigismund aufrecht, durch drei Kissen ge- stützt, den Oberkörper mit einer roten Flanellbluse bekleidet. Vermöge der eigentiimlichen Gehirnerregung, die sich bis- weilen bei Schwindsüchtigen kurz vor dem Tode einstellt, redete der Kranke ohne Unterlaß. Er redete irre, aber zwischenhinein wieder mit Wunder- barer Klarheit; aus dem abgemagerten, von langen Locken umrahmten Gesicht schauten die übermäßig geöffneten Augen fragend ins Leere. Es war, als ob er Frau Karoline sofort beim Eintritt erkannt hätte, obwohl beide noch nie zusammen gekommen waren. „O, Sie sind's, gnädige Frau... Ich sah Sie im Geist, ich rief Sie mit allen Kräften herbei!... Kommen Sie, kommen Sie näher, damit ich leise mit Ihnen reden kann!..." Trotz ihres leichten Angstschauers rückte sie näher; er nötigte sie, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, den sie hart ans Bett stellte. „Ich wußte nicht, aber jetzt weiß ich... Mein Bruder handelt mit Papieren, dort in seinem Geschäftszimmer habe ich Leute weinen hören... Mein eigner Bruder! O, es fuhr mir wie ein glühender Dolch durchs Herz. Ja, diese Wunde haftet noch in meiner Brust und brennt immer weiter; denn es ist etwas Entsetzliches um das Geld und um die arme, leidende Menschheit... Folglich wird nachher, sobald ich tot bin, mein Bruder meine Papiere verkaufen! Das will ich aber nicht, das will ich nicht!" Seine flehende Stimme wurde allmählich lauter. >, Sehen Sie dorthin, gnädige Frau, dort liegen sie, meine Papiere, dort auf dem Tisch. Neichen Sie mir dieselben, wir wollen daraus ein Bündel machen, und das �nehmen Sie mit.-. O, ich rief Sie herbei, ich wartete auf Sie! Meine Papiere verloren, die Forschungen und Anstrengungen meines ganzen Lebens vernichtet!" Da sie schnu.ukte, ob sie ihm das Verlangte geben sollte, faltete er flehend die Hände. „llm Gottes willen! ich möchte nur vor meinem Tode mich vergewissern, ob sie auch alle da sind... Mein Bruder ist fort, mein Bruder kann nicht sagen, daß ich mich um- bringe... Ich bitte Sie inständigst..." Durch dieses innige Flehen erschüttert, gab sie endlich nach:„Sie wissen, daß es unrecht ist, da ja Ihr Bruder sagt, daß es Ihnen schadet." „Schadet? O nein! Was liegt übrigens daran?.,. Endlich ist es mir gelungen, nach so vielen durchwachten Nächten die Gesellschaft der Zukunft aufzubauen. Alle Fragen fnid vorgesehen, alles ist gelöst, jede irgend mögliche Gerechtig- keit und Wohlfahrt gefunden... Wie traurig, daß ich nicht Zeit gehabt habe, das Werk mit den nötigen Ausführungen zu versehen! Aber meine Notizen sind jetzt vollständig ab- geschlossen und wohlgeordnet. Nicht wahr, Sie werdeil sie retten, dainit ein andrer ihnen dereinst endgültige Buchgestalt gicbt und sie in die Welt hinausschleudert!..." Mit seinen langen, schmächtigen Händen hatte er die Papiere ergriffen. Er blätterte sie mit Wonne durch, während in seinen schon trüber werdenden Augen ein Flammenschein hell aufloderte. Er sprach sehr rasch mit dem abgebrochenen und eintönigen Ticktack einer Uhr, deren Gewichte langsam hinabsinken: es war das Geräusch des im fortschreitenden Todeskampfe unablässig arbeitenden Gehirnmechanismus. (Schluß folgt.) lUnaUe und Ftfncfcddey* E. Bernstein verzeichnet in seiner Lassalle-Ausgabe das Genlcht, daß Ferdinand Lassalle, um in den fünfziger Jahren die Rücknahme seiner Ausweisung zu erwirken, auch ein Immediatgesuch an den König Friedrich Wilhelm IV. nicht gescheut habe. Dieses Gerücht war bisher auf unzweideutige Quellen nicht zurückzufichren und wurde bestritten. Vor einiger Zeit hat aber Professt r Oncken Material bekannt gegeben, aus dem doch mit fast zwing/ der Wahr- scheinlichkeit hervorging, daß in der That Lassalle sich zrt jr nicht bei Friedrich Wilhelm IV., wohl aber bei dem Kartätschenprinzen Wilhelm verwandt habe. Die Schlußstücke der Beweisführung fehlten freilich noch. Jetzt veröffentlicht nun P. Bailleu im Juniheft der„Deutschen Rundschau" Aktenstücke zu dem fünffährigen Kampf Lassalles um Berlin<1853—1859), und sie beseitigen jetzt jeden Zweifel: Lassalle hat thatsächlich fünf Jahre lang in schriftlichen und persönlichen Vitt- gesuchen an Polizeipräsidenten, Minister und den Prinzen Wilhelm um die Erlaubnis gerungen, in Berlin bleiben zu dürfen. Zun, Ziele brachte ihn aber erst der Anbruch der„neuen Aera", als Prinz Wilhelm für den wahnsinnigen König die Regentschaft übernahin und ins Liberale spielte. Die zwei wichtigsten von Bailleu mitgeteilten Aktenstücke sind ein Schreiben an den Berliner Polizeipräsidenten Hinckeldey vom 31. Mai 1855 und das Gesuch an den Prinzen Wilhelm vom 15. Juni 1853— beide Kundgebungen außerordentlich lebendige und charakteristische Beiträge zu dem Bilde des großen und genialen Socialisten, der dadurch nicht unbedeutender wird, daß er seine Menschlichkeiten zeigt. Lassalle war kein Held in glattem und plattem Jambenstil, er war ein ganz auf sich selbst gestellter Mensch, der mit zäher Energie und drängender Leidenschaft seine Zwecke ver- folgte; er war kein Cato, und er persönlich konnte sich als ein Einzelner, dem erst nur ein versprengtes Häuflein anhing, die An- Wendung von Mitteln gestatten, die dem Glieds einer großen und starken Partei schon deshalb verwehrt werden müßten, weil die Partei selbst dadurch an der notwendigen strengen tlteinheit leiden würde. Lassalle war nach dein Abschluß der Hatzfeld-Wirren von der brennenden Sehnsucht erfüllt, in Berlin leben und wissenschaftlich arbeiten zu dürfen; er trug sich mit seinem„Heraklit". Aber die Aus- Weisung stand hinderlich im Wege, lind nun ringt er fünf Jahre lang mit bewunderungswürdiger Zähigkeit, von der Düsseldorfer Verbannung loszukomnicn. Wie ein Grieche oder Römer, der fern von Athen oder Rom verbannt ist, drängt er nach der Heimat seines Geistes. Zuerst wandte er sich an den Polizeipräsidenten von Berlin Hinckcldeh. In den Berliner Polizei-Akten befindet sich sicher kein zweites Dokument dieser Art. Das Bittgesuch ist in dem gedrungenen Stil eines klassischen Philosophen geschrieben, voll stolzen überschweng- lichen Selbstbewußseius, reich an durchaus auftichtigen Selbslbekennt- nissen und Ausbrüchen glühenden Temperaments. Am reizvollsten aber lvirkt die Art, wie Lassalle mit Hinckeldey umgeht. Er behandelt den preußischen Polizeibarbaren wie einen Gleichstrebenden, der mit Plato zu Bette geht und mit Hegel aufsteht, der keine andre Sorge hat, als aus des Gedankens Höhen mit Ferdinand Lassalle zu wandeln; an dessen fühlendem Busen der Verbannte seine tiefften Empfindungen ausströmt. Ganz und gar ernst und echt in den Selbstbekenntnissen, foppt er zugleich den Polizeiiiiann in der liebcns- würdigsten und feinsten Weise. So wenn er mit griechischen Lettern zu der Erwähnung Herakleitos des Dunklen übersetzt: fio skoteinos— denn ein Berliner Polizeipräsident wird sich doch wohl freuen, hellenische Laute zu hören! llmgekehrt erläutert er die Erwähnung von„Eockioes" durch die in Klammern vorsorglich hinzugcfiigten: „Handschriften"; er ist doch nicht ganz sicher, ob Herr v. Hinckeldey Lateinisch versteht. Lassalle spricht mit dem Mann wie mit einem vertrauten Freunde, so weit er von seinen eignen Plänen und Gefühlen redet, aber Hinckeldey ist ihm andrerseits doch nur die dumme Puppe, die zweifellos nicht versteht, Ivas er aus den Tiefen seines Denkens und Begehrens auf sie hineinredet. Die eingesprengten kleinen Schmeicheleien sind von lustiger Ironie. Sich selbst achtet Lassalle viel zu hoch, um auch einem Polizeipräsidenten gegenüber von sich eine Unwahrheit zu sagen, den nun einmal mächtigen Gebieter aber behandelt er mit ausbiindiger spöttischer Diplomatie. „Ich habe nur einmal die Ehre gehabt," schreibt Lassalle,„Ew. H. zu sehen, aber diese kurze Unterredung hat mir genügt, um mich zu überzeugen, daß Elv. H.. Selbst offen, richtiger, als bald jemand, Offenheit in andern zu schätzen wissen. Erlauben also Ew. H., daß ich mit vollständiger Offenheit die betreffende Frage einen Augen- blick lang mir freimütig zu diskutieren erlaube. „Daß meine politischen Ueberzeugungen nicht mit denen der Regierung stimmen, das kann an sich gewiß auch in der Seele Ew. H. noch kein Grund sein, mir die Niederlassung in Berlin nicht zu gestatten. „Schwerlich würden Eto. H. das Princip aufftellen oder billigen wollen, nur politische Meinungsgenossen in Berlin zu dulden. Und wohin würde man bei einer einigermaßen konsequenten Fest- Haltung dieses PrincipS gelangen? Denn schwerlich glauben Ew. H., daß alle gegenwärtigen Einwohner Berlins ein und denselben politischen Ansichten huldigen. Schwerlich werden es Ew. H. für erreichbar oder, falls es selbst erreichbar wäre, für erreichenS w e r t halten, daß in einer Stadt von weit über 400 000 Einwohner leine Afferenten Meinungen herrschen und so das gute uralte Sprichwort: »Soviel Köpfe, soviel Hüte" plötzlich umgestürzt werde. „Und abgesehen selbst von allen Konsequenzen— das ist und bleibt gewitz für alle Zeit unmöglich, datz in Preutzen, dem Staate des Protestantismus, die Lenker des Staats die Gewissens- s r e i h e i t für aufgehoben erklären und Bürger wegen ihrer inneren Meinungen von dem Rechte der freien Niederlassung aus- schließen sollten. „Welche Ansicht man sich also auch von meinen Ansichten mache — Elv. H. sind gewitz Ihrer eigenen Religion und deren Geiste viel zu treu und wahr ergeben, um aus diesem Grunde mich aus Berlin exkludieren zu wollen. Welcher Grund also ist es, der mir ent- gegenstehen kann? „Ich Ivill es mit einem Worte sagen: Alan hat, Ivie ich es sehr wohl weiß, Elv. H. schon seit Jahren durch Polizeiberichte ze. die Meinung beigebracht, ich sei ein konspiratorisches Genie!" Lasialle kritisiert dann die Polizeiberichte und fährt fort: „Wenn jene Berichterstatter von feinerer Auffassungsgabe ge- Wesen wären, so tvürden sie vielmehr Elv. H. haben sagen können, datz mir zum Konspirateur und Carbonari Naturell und Talent, Lust und Charakter, alles gleichmätzig fehlt, datz meine ganze Jndividua- lität sich dazu nicht neigt, daß vielmehr— und so wenig ich je meine Ansicht verleugne, mit so gutem Fuge kann ich das Folgende sagen: meine ganze geistige Auffaslungsweise der Dinge solchem, in meinen Augen nur kindischen, Carbonarismns entschieden entgegen steht und ihn geradezu bei mir unmöglich macht. „Aber gerade, ich wiederhole es, je weniger ich mich jemals zu der Erbärmlichkeit herabgelassen habe noch jemals herablassen würde, meine Ansichten zu verleugnen, je mehr ich auch in diesem Briefe himmelweit von der Niedrigkeit entfernt bin, irgend welche Apostasie oder Gesinnungsänderung zu erheucheln— um so mehr wird der gerade Sinn Ew. H. wissen, was er von der Wahrheit des Gesagten zu halten hat. „Es ist wohl ohnehin klar, daß all die angebliche Bedeutung und schauderhafte Gefährlichkeit, die irgend ein Einzelner, und zumal meine geringe Person in den Augen eines unteren Polizeibeamten, bei dem nur aus einzelne gerichteten und somit notwendig unter- geordneten Gesichtskreis desselben haben mag, auf dem hohen, das Ganze umfassenden Standpunkt Ew. H. nur lächelnd betrachtet iverden und in Nichts Verschlvindet." _ Lassalle setzt nun in scharfsinniger Weise auseinander, datz er ja in Berlin viel weniger gefährlich sei als in Düsseldorf: „In der Rheinprovinz kennen mich die Massen und ich genietze vielleicht aus früherer Zeit her einigen Vertrauens bei denselben, ich genietze jedenfalls— ein Vorteil, welche» der Agitator nicht hoch genug anschlagen kann— allgemeine genaue Bekanntheit. In Berlin dagegen ist mein Name, zumal den Massen, unbekannt und fremd; er sagt ihnen nichts und iveckt keine Erinnerungen in ihnen. Ich bin dort nichts als ein isolierter, unbekannter, einzeln- stehender Mensch, dessen Name der und jener sich vielleicht dunkel erinnert in einem Zeitnngsblatt gelesen zu haben der aber, zumal bei den nicht Zeitung lesenden Massen, weder Vertrauen noch Sympathie noch den bindenden Kitt gemeinsamer Erlebnisse findet." Und Lassalle schlietzt: „Das alles kann dem Blick Ew. H. unmöglich entgehen und dennoch will ich nach Berlin, weil mein Geist mit unüberwind- licher Energie nach wissenschaftlichen Leistungen sich drängt. Und Ew. H. sollten statt diesen Umzug zu begünstigen, mich zwingen wollen, in Düsseldorf zu bleiben?— Denn die Frage steht für mich nur: Düsseldorf oder Berlin; ich kann Ew. H. mein Ehrenwort darauf verpfänden, datz ich mich niemals fteiwillig aus meinem Vaterlande expatriieren werde, das ich in meiner Weise liebe I „Ew. H. sollten mir gewaltsam die Möglichkeit geistiger Ver- tiefung, gelehrter Arbeiten und wissenschaftlicher Leistungen ab- schneiden, mich gleichsam zwingen wollen, den gelehrten Arbeiten, zu denen es mich drängt, entsagend, mich hier— denn irgend welche Beschäftigung und Bethätigung will doch der Geist— dem kleinlichen, politisch-kannegietzernden Getreibe in die Arme zu werfen? Unmöglich kann ich glauben, datz die bekannte Humanität Elv. H.. Ihre hohe Liebe zur Wissenschaft und bekannte Begünstigung ivissenschaftlicher Leistungen und endlich die weise Umsicht Ew. H. in diesem Sinne werden entscheiden wollen." Es ist eine sehr grobe und ungelenke, das Wesen Lassalles nicht erfassende Psychologie, wenn der Herausgeber dieser Dokumente zu dem Abdruck des Bittgesuches bemerkt: „Die offizielle soeialdemokratische Geschichtschreibung lätzt Lassalle nach Berlin übersiedeln,„nach der grotzen Stadt, wo sich die Geschicke der deutschen Revolution entscheiden mutzten, der all sein Sinnen und Trachten galt." Diese dogmatisch-tcleologische Betrachtungsweise von Lassalles Werdegang, schon gegenüber seinem Briefwechsel mit Marx kaum haltbar, fällt vor obigem Schreiben an Hinckeldey zu- sammen. Lassalles Sinnen und Trachten drängte nach der wissen- schastlichen, nicht nach der politischen Hauptstadt Deutschlands, in der sein reicher Geist in zusagender Umgebung die Fülle seiner Fähig- Zeiten entfalten konnte. Oder wäre die ganze begeisterte Huldigung vor der Wissenschaft nur eine Phrase, der ganze Brief nur ein listiges Diplomatenstück, bestimmt, den Argwohn der Berliner Polizei einzuschläfern? Ich möchte Lassalle gegen die Möglichkeit einer solchen Auffassung von vornherein in Schutz nehmen. Ich halte den Brief in seinem Kern für auftichtig und wahr, und ich finde darin den echten, wenn auch nicht den ganzen Lassalle, echt in seinem Idealismus wie in seiner Eitelkeit, echt bis in die Naivetät, die dem Polizeipräsidenten mit dem Manuskript des„Heraklit" imponieren will und ihm einen Anteil an der Unsterblichkeit des Verfassers großmütig zusichert." Herr P. Bailleu hat keinen Sinn für genialisch komplizierte Naturen wie die Lassalles. Das Schreiben ist weder ein listiges Diplomatenstück, noch ein Abschwören seiner revolutionären Mission, noch eine echte naive Huldigung für Junker Hinckeldey. Lassalles Selbstbewußtsein war viel zu stark und zu stolz, als datz er um diplomatischer Zwecke willen über sich selbst gelogen hätte. Er drängte in der Thai nach wissenschaftlicher Ver- tiefung und Erholung. Und er wäre nicht der bedeutende Kopf ge- Wesen, wenn er nicht im Verkehr mit hohen Gedanken und weiten Forschungen Stimmungen verfallen wäre, die ihn die Notwendigkeit der politischen Tagesarbeit als„kleinliches, politisch-kannegietzerndes Getreibe" empfinden ließen. Gerade aus solcher geistigen Begehrlich- keit heraus aber konnte es sein welthistorischer Beruf werden, das deutsche Proletariat aus seiner Schlaffheit und Bedürsinslosigkeil zu erwecken; und an diese Aufgabe klammerte sein flammendes Herz. Ebenso ist es herzlich naiv von dem Herausgeber, wenn er die Behandlung Hinckeldeys naiv findet. Es ist wahrhaft attischer Witz, wie Lasialle mit dem Junker spielt, indem er ihn als verständnisvollen Geistesmenschen ausstaffiert. Lassalle hat vielleicht gedacht, datz der Kerl, wenn man ihm mal mit der ganzen Wissenschaft des Jahrhunderts käme, sich vor seiner eignen Niedrigkeit schämen und die ihm auf» geredete Rolle zu übernehmen versuchen würde. Das loar allerdings eine falsche Spekulation und eine Ueber- schätznng Hinckeldeys. Die Ehre eines preußischen Polizeipräsidenten ist nicht so empfindlich, datz sie sich durch die Unkenntnis griechischer Philosophie bedrückt fühlt. Die Eingabe blieb erfolglos; eher hätte Lassallc ein Nashorn mit Heraklit dem Dunklen gewinnen können. Auch ein zweites Gesuch um vorübergehende Aufenthaltserlaubnis schlug fehl. Erst 1357 verdankte er es namentlich persönlichen Verwendungen von Freunden und Verwandten, datz der Nachfolger Hinckeldeys ihm auf einige Monate den Aufenthalt in Berlin gestattete, um ein Augenleiden zu heilen und den Druck seines„Heraklit" zu be- sorge». Lassalle blieb über den Termin hinaus in Berlin und wurde geduldet. Sein Zusammenstoß mit dem Jntcndanturrat Fabriz— er wurde von dem Menschen überfallen— machte dieser Duldung ein Ende. Lassalle aber wollte Berlin nicht verlassen. Die Minister weisen ihn zurück. Boeckh und Alexander Humboldt verwenden sich umsonst für den bewunderten Verfasser des„Heraklit". Da entschließt er sich endlich, sich an den Prinzen Wilhelm zu wenden. Dies Gesuch ist weniger interessant als das an Hinckeldey. Es ist stolz und würdig, ohne jede höfische Wendung. Lassalle ge- stattet einfach dem Prinzen, sich um die Wissenschaft verdient zu macheu: „Es handelt sich also, K. H., um meine ganze Existenz und wissen- schaftliche Thätigkeit, von der Ew. K. H. nicht wollen werden, datz sie zum Schaden der Wissenschaft selbst und zum Ruine meiner persönlichen und so berechtigten Lebensintercssen in der grundlosesten Weise geknickt werden." Der Prinz Wilhelm, der ja damals in Thronsolger-Liberalismus arbeitete, war nicht abgeneigt, der Bitte zu willfahren, fügte sich aber dem entschiedenen Nein der Polizei und der Regierung. So bewirkten schließlich nicht seine Bittgesuche, sondern erst die ver- änderten Zeitumstände, datz er 1859 endlich ans Ziel gelangte. Die Verleumder und Ignoranten des Socialismus erzählen, datz unsre Weltanschauung alles Persönliche abschleife. Der Ursprung des deutschen Soeialismus führt auf zlvei so wildwüchsigc und weltverschiedene Individualitäten wie Ferdinand Lassalle und Karl Marx. Die neue Veröffentlichung verschärft noch das„Menschliche" in Lassallc, ohne datz es sein Bild irgendwie verdunkelt. Es liegt ein symbolisch voraus weisender Zug in der stark individuellen Verschiedenheit unsrer grotzxn Führergestalten: daß in der socialisti- scheu Welt alles bleiche und Freie und Eigene der Persönlichkeit sich fessellos entfalten kann, Kultur und Natur zugleich.— Joe» Kleines feuilleton» — Nosenscindc und deren Bekämpfung. Im Juni erscheint der kleine brauneRosenkäfer in fast übergroßer Menge undnährt sichbis zum August von den Knospen und Blüten; auch sein viel größerer Vetter, der Rosenprachtkäfer, thut es ihm gleich. In schioarzgewordenen jungen gekrümmten Trieben findet man die Larven der Bürsten- Hornwespe, die oft bis in drei Nachkommenschaften verheerend wirkt. Auch die Larven der Roscnblattlvespc und des Schivammspinners thun dies. Schon bei der Enthüllung vom Winterschutze bemerkt man, so schreibt ein Mitarbeiter der„Leipziger Zeitung", am Stämmchen von der Wurzel bis hinauf zur Krone kleine wagrecht sitzende Fähnchen, die bei näherer Betrachtung als kleine Larven erscheinen. Entfernt man sie nicht, bohren sie sich je länger je tiefer in die Rinde und die veredelten Teile. Ein weiterer Feind— winzig »klein, aber höchst gefährlich— ist die rote Okuliermade, im ersten Stadium ihres Werdens nur mit bewaffnetem Auge erkennbar. In großen Mengen sitzt sie unter dem Schildchen und zu dessen Seiten. Hier hilft nun U eberstreichen mit flüssigem Baumioachs, Das Insekt wird man auch hindern, die Eier abzusetzen, wenn man als Bindestosf starkwollenes. faseriges Garn Ivählt. Als Hauptplage der Rosen ist jedoch die Rosenblattlaus zu nennen, die das ganze, Jahr hindurch die jungen Triebe und Knospen auch der Zimmer- pfanzen besetzt. Blattläuse wie auch den Mehltau entfernt man am besten durch Lösung grüner Seife in heißem Wasser. Man bespritze die Rosen damit und spüle nach dreiviertel Stunden mit kaltem, reinem Wasser nach. Gegen Mehltau wirkt auch, wenn er noch auf den Blättern liegt, eine Mischung von Schwefelblüte mit Ruß. Aber alle diese angegebenen Mittel werden von fraglicher Wirkung bleiben, wenn der Rosenzüchter nicht täglich mehrmals, besonders am frühesten Morgen, die einzelnen Stämmchen und Stöcke abklopfen wollte und die Schädlinge in einem untergelegten weißen Tuche sammeln Ivürde. Seine Helfer in der Vernichtung der Feinde sind die Larven des Marienkäfers und der Schwirrfliege. Besonders die letzteren hat man bisher als Feinde angesehen und in Unwissenheit getötet. Die grünlichen oder rötlichen, blutcgelförmigen Larven leben nur von Blattläusen. Die treuesten Gehilfen aber sind und bleiben unsre Singvögel, den arg verleumdeten Sperling nicht aus- genommen.— gr. Dem Erfinder der Nähmaschine, dem Schneider Joseph Madersperger, ist in seiner Vaterstadt Kufstein ein Denkmal errichtet worden, das heute, am 7. Juni, enthüllt wird. Bon 1807 bis 1839 arbeitete Madersperger an der Konstruktion einer brauchbaren maschinellen Nähvorrichtung. Die von ihm im Jahre >1814 öffentlich vorgeführte Nähmaschine zeigte gegenüber den Er- findungen der Engländer Th. Saint, Thomas Stove und James Hcnderson schon wesentliche Fortschritte; sie arbeitete in der Weise, daß die an jedem Ende mit einer Spitze und in der Mitte mit einem Oehr versehene Nadel in senkrechter Richtung so lange auf- und niederbewcgt wurde, bis der etwa SV Ceutimeter lange Faden durch dieses wechselseitige Durchstechen des Stoffes verbraucht war. Wie umständlich das Nähen mit dieser Vorrichtung war, geht wohl am besten daraus hervor, daß man nach dem Vernähen jedes Fadens von der erwähnten Länge die Maschine anhalten und eine andre Nadel mit Faden einspannen mutzte. Im Jahre 1839 gelang es dann Madersperger, seine Nähmaschine wesentlich zu vervollkommnen und an dem im polytechnischen Institut in Wien ausgestellten Modell kann man heute noch sehen, wie diese maschinelle Vorrichtung arbeitet. Diese verbesserte Nähmaschine besteht nämlich aus der„Hand", die zwei Nadeln mit dem Oehr an der Spitze durch den Stoff stößt und die Fäden durch Umdrehen miteinander verknüpft; das„Gestell" der Maschine dient dazu, den zu nähenden Stoff zu spannen und an der arbeitenden Hand vorbeizuführen. Madersperger war also der erste Nähmaschinenerfindcr, der Nadeln mit dem Oehr an der Spitze an- wendete. Die Maschine dieses deutschen Erfinders wurde von den Zeitgenossen wohl angestaunt und sogar vom östreichischen Gewerbe- verein ausgezeichnet; er mußte aber dennoch im Armenhause zu Wien die letzten Tage seines Lebens zubringen.— Psychologisches. — W � s die Fingernägel sagen. Man schreibt der „Frankfurter Zeitung": Der gesunde und normale Fingernagel muß regelmäßig und gleichfarbig sein. Aber oft sieht man Nägel, die Q u e r l i n i e n aufweisen. Diese Linien, die übrigens in dem Maße verschwinden, wie der Nagel wächst, sind Anzeichen einer Er- nährungsstörung: nicht einer augenblicklichen Störung, sondern einer solchen, die zu jener Zeit bestand, da sich der Teil des Nagels bildete, der die Ouerlinie zeigt. Man weiß, daß nach schweren Krankheiten diese Linie oft zu Tage tritt, und der Arzt, der sie be- merkt, weiß, daß eine Krankheit bestanden hat. Die Querlinien auf de» Nägeln existieren gleichwohl auch bei etwa 19 bis 11 Proz. der normalen Menschen. Nach einer Ilmfrage, die vom„fournal ok Mental Pathology" veröffentlicht wurde, findet man sie bei 46 Proz. der Verbrecher, bei 47 Proz. der Prostituierten, bei 43 Proz. der Idioten und Kretins; bei Geistesgestörten ist der Prozentsatz am höchsten: 69 Proz. Aber der Prozentsatz variiert wieder je nach der Art der Krankheit: man trifft die fatale Querlinie bei 41 Proz. der Melancholiker und bei 44 Proz. von denen, die an allgemeiner Geistesstörung leiden; die Wahnsinnigen weisen 54 Proz. und die periodisch Geistesgestörten 75 Proz. auf. Die Qucrlinien der Nägel scheinen also einen E n t a r t u n g s z u st a n d der oberen Nerven- ccntrcn darzustellen; sie stehen in Beziehung zu psychischen, morali- schen, intellektuellen Störungen sowie zu rein physischen.— Völkerkunde. — Von dem Aberglauben der Araber erzählt der tunesische Berichterstatter der„Etoile Bclge" einige ergötzliche Geschichten. Vier Kilometer von Tunis liegt am Fuße eines Hügels das Dörfchen Sidi Fathallah, das seinen Namen von einem heiligen Marabut hat, der seiner Zeit dort wohnte. An dem Hügelabhang erhebt sich malerisch die Kubbah(Grabkapelle) des Heiligen, die einem mehr oder ivcnigcr echten seiner Nachkömmlinge als Wohnung dient, der es verstanden hat, sich als Mokadem, d. h. als Vcrmögensverwalter des Marabuts aufzuspielen. Nach gewöhnlichen Begriffen ist der jetzige Eremit ein Faulenzer, der von Opfergabcn lebt, und diese reichen aus, denn sein berühmter Vorgänger genießt ob seiner zahl- reichen Wunderwerke auch heute noch bei den Arabern eine besondere Verehrung. Am äußersten Ende des Dorfes hebt sich von dem Hügel ein glatter, eine schiefe Ebene bildender Fels ab, dem die arabischen Krauen eine ganz besondere Wunderkraft beimessen: er soll auch die aussichtsloseste Unfruchtbarkeit heilen, wenn sich das Kindersegen ver- Bcrmitwortlicher Redattem: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: langende Weib häufig auf dem Bauch an der glatten Felswand hcruntergleiten läßt. Und so kommen sie an gewissen Tagen, be- sonders Donnerstagsabends, in ihren weißen Heiks heran, ziehen auf einem Seitenpfade den Wunderberg hinan und macheu die Rutschfahrt. Das Bild ist so, daß der Fels zeitweise wie ein Wasserfall von weißen Gewändern aussieht. Die Wallfahrt nach dem heiligen Dorf hat für die Mohammedanerinnen eine große Bedeutung, denn Unfruchtbarkeit ist nach dem Koran ein Teufelsding, und eine Frau, die keine Nach- kommen bringt, ist von ihrem Mann durchweg verachtet. Dagegen beruhigen sich die hoffnungsvollen Ehemänner durchweg, wem/ ihnen die Frau einen recht häufigen Rutsch vom Fels? von Sidi Fathallah verspricht. Nutzt der Rutsch den■ noham- medanischen Frauen nichts, so bietet sich ihnen oft noch ein andrer Rettungsanker vor der Verstoßung. Viele Araber lassen sich in den Glauben lullen, daß ein zu erwartendes Kind an- gesichts der Trübsale. die ihm das Leben bringe, eingeschlafen sei und auf unabsehbare Zeit weiterschlummere. Gelingt einer Frau, dies ihrem Manne einzureden, so hat sie meist gewonnenes Spiel, und es giebt Araber, die jahrelang auf das Erwachen ihrer Sprossen warten. Zuweilen wird aber auch ein europäischer Arzt zugezogen, um das schlummernde Kind zu wecken, und wenn ihm dies nicht gelingt, wird die Frau von ihrem Gatten einfach ihren Eltern zurückgeschickt.— („Kölnische Zeitung.")) Humoristisches. — Erfolgreiche Kur.„Hat denn der Professor mit seinen Kuren gegen Energielosigkeit thatsächlich Erfolg?" „Und ob! Unlängst hatte er einen jungen Mann wegen Schüchternheit in Behandlung, der ihm nach zweiwöchentlicher Kur bei Präsentierung der Rechnung schon eine Ohrfeige gegeben hat!"— — 91 ii§ einem Orientreise-Bericht.„... Die Zuhörer hingen mit untergeschlagenen Beinen an den Lippen des Er- zählers".— — Enfant terrible. Der kleine Hans(als im Cirkus der„dumme Aujust" vergeblich versucht, sich nützlich zu machen):„Mutter— sieh''mal, g'rad' wie der Papa beim Um- zug l"—(„Fliegende Blätter".) Notizen. — Otto Julius B i e r b a u m hat einen neueit Roman vollendet:„Der seidene Schlafrock", Leben, Thaten und Meinungen eines Wollüstlings."— —„Tout Berlin" heißt ein nettes Lustspiel Richard Skowronneks.— — v. Hülsen ist zum Generalintendanten der könig- lichen Schauspiele in Berlin und Wiesbaden ernannt worden.— — Centn Br ö vom Hamburger Thalia- Theater ist vom nächsten Jahre ab vom Deutsche n.Theater in Berlin engagiert worden.— — Björn st jerne B j ö r n s o n s Drama„Der König" ist vom Berliner Theater(Direktion Halm) zur Aufführung erworben worden.— — Direktor Reinhardt hat ein neues Ensemble-Ga st spiel des Kleinen und Reuen Theaters für die Zeit vom 29. Juni bis zum 19. Juli mit dem Wiener deutschen Volkstheater vereinbart.— — Richard Nordmanns Volksstück„Gefallene Engel" fand bei der Erstaufführung im München er Schau- s p i e l h a u s e keinen Beifall.— — In Karlsruhe soll ein zweites Theater gegründet werden, das nioderne Schau- und Lustspiele zur Aufführung bringen soll, die man iin Hof-Theater nicht zu hören bekommt.— — Franz Naval ist ab 1994 auf fünf Jahre für die Berliner Hofoper verpflichtet worden.— — Karl Gjellerups Einakter„Die Opferfeuer". mit der Musik von Gerhard Schjeldertip, erzielte bei der Erst-Auf- führung im Dresdener Hoftheater nur einen äußeren Erfolg.— — In der Mailänder Scala wird in der nächsten Saison eine neue Oper von Umberto Giordano»Sibirien" die Erst- aufführung erleben.— e. Zu m Schutze der Alpenflora hat der Polizeipräfekt des französischen Departements Hochalpen eine Verordnung erlassen, die das Ausreißen von Alpenpflanzen in Wäldern und auf 9llpen- wiesen sowie den Verkauf und die Ausfuhr solcher Pflanzen streng verbietet. Als Pflaitzen, die besonders geschützt werden müssen. werden angeführt: Edelweiß, Genepi, Cyclamen, Rhododendron (Almenrausch), Alpenglöckchen, Enzian, Johanniskraut, Arnika, Gold- lilie, rote Lilie, Anemone, Kitabenkraut, Edelraute, Alpenveilchen und Geranium.—__ Vorwärts Buchdruckcrei und Verlagsanstalt Paul Singer&, Co., Berlin SW