Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 117. Donnerstag, den 18. Juni. 1903. (Nachdruck verboten.) 21 Köle JVIäcbte. Roman von Jonas L i e. Es war dies ewige, was man dabei machen könne,— worüber inan jeden Winter sann und grübelte. An den Kartentischen saßen sie, die Stühle ein wenig abgerückt, das Spiel unbeendet, und lasen aus den Zeitungen vor und redeten, und die Agentur holte sich in aller Stille noch ein letztes„allerletztes" Glas vom Büffets wo Thesen selber die Mischung vornahm. Während all dieses Lebens und Treibens da oben im Klub war die Uhr über zwölf geworden, und nun kanien abermals Leute in das Restaurant hinein, ein paar Steuer- tnänner, die erzählten, daß in der Sackgasse draußen vor der Branntweinkneipe bei Richert-Marthe eine Matrosenschlägerei stattgeftinden habe. „Es ist wirklich an der Zeit, daß in dies dunkle Loch von Hinterstraße endlich einmal Laternen hinkommen," brauste Rechtsauwalt Gaarder auf.„Der Antrag des Polizeidirektors, die Beleuchtung dieses Stadtteils betreffend, liegt ja jetzt in der Bürgervertretung vor, Herr Direktor Bratt." „Hm!" Der Direktor fuhr fort zu lesen; er räusperte sich und hielt sein Glas in die Höhe, so daß die Kellnerin am Büffett es durch die Thür sehen konnte. „Es wird natürlich einige 5?osten verursachen, das städtische Belenchtungsgebict zu erweitern," drängte Gaarder, „aber die Sache geht doch wohl zweifelsohne durch. Man kann ja nicht wissen, ob sie einander dort eines schönen Abends noch ausplündern oder gar morden!— Das ist doch sonnen- klar, ganz sonnenklar!" eiferte er weiter, als es ihm nicht ge- lang, Aufmerksamkeit zu erzwingen. Direktor Bratt warf ihm einen hastigen Blick über seine Zeitung zu:„Nicht eine einzige kleine Stalllaterne bekommt dieser Polizeidirektor!" „Aber es läßt sich doch nichts dagegen einwenden? Wenigstens nichts Stichhaltiges," entgegenete der Rechts- anwalt in gereiztem Tone.„In einer fortschreitenden,. modernen Stadt!" „Nicht ein Talglicht!" riei der Direktor und schnitt damit die Unterhaltung über diesen Punkt ab. „Wenn Sie noch lange fortfahren, Rechtsanwalt, so wird schließlich nicht einmal eine Lichtschere daraus!" sagte Johnston warnend. „Zum Teufel auch! Diesem Burscheu Beleuchtung verschaffen, bloß damit er Matrosen und Schuljungen in Strafe nehmen kann? Nie und Nimmer!" Der Direktor hatte sich mit einem Ruck nach Gaarder umgewandt; er vermied es ficht- lich, den Kampf mit Johnston aufzunehmen.„Ich brachte es diesen Sommer doch schließlich so weit, daß Berentsens Junge, — Sie wissen, des Sägemeisters in meiner Sägemühle— der Behandlung des Polizcidirektors entging. Der Bursche, der Prügel von ihm bekam, wurde für die verlorenen drei Zähne entschädigt und nahm die Klage zurück. Aber denken Sie nur so ein Racker von einem Juristen!— er hätte die ganze Zukunft des Jungen zerstören können, nur weil dieser zufällig ein wenig reichlich zugehauen hatte nach einer Lust- barkeit da oben in der Hintergasse;— der eine war nicht besser als der andre,--- aber Gesetzbücher hinten und Gesetzbücher vorne!-- denn die Gerechtigkeit muß für alle gleich sein,—" räusperte sich der Direktor,„klnd damit meint das Rindvieh, daß, wenn ein Matrose von dem Nachtwächter hart angefaßt werde, dies nicht den geringsten Unterschied mache, er müsse alles dran setzen, unr ihn ins Gefängnis oder ins Zuchthaus zu bringen. Schafskopf!--- hat keine blasse Ahnung, daß es auf Disciplin und Disciplin und abermals Disciplin ankommt und nicht auf seine gerechte Jurisprudenz hier in dieser Stadt, in der es von Seeleuten wimmelt, die im Winter ohne Arbeit sind.-- Und daß die Jugend so viel Luft haben muß, wenn sie von einer Reise nach Hause kommt,— daß sie sich getrost auf eine Prügelei einlassen kann,— davon hat der Mann keine Idee. Seine Kopisten da oben in seinem Departement hätten sich nie geprügelt. sagte er!" „Niemand außer Anders Bratt kann eine so hübsche Ge- schichte aus ein paar Laternen zusammenbrauen," sagte Johnston in seiner gutmütigen Neckerei. „Wenn Du hörst, was ich eben von Berentsens Jungen erzählt habe-- Wäre ich nicht gewesen, so hätte er Wasser und Brot bekoininen!— Darin mußt Du doch init mir einig sei», Johnston!" Der kräftige Kopf lehnte sich hintenüber mit ein Paar die Situation schnell überblickenden Augen. Johnston saß da und stieß und schlug mit der Spitze seines Stiefels gegen ein Schwcielholz, das in der Fußboden- spalte lag; er lächelte vor sich hin. „Denk' Dir etwas Besseres aus. Tu, ich glaube, dies mit den Schuljungen und Matrosen zieht nicht!" Der Direktor lächelte ebenfalls einen Augenblick--- Johnston war doch ganz eigentümlich, wie er so da saß mit dem feinen, stillen Gesicht und den blinzelnden Augen.— Tann aber übermannte ihn der Zorn. „Ich verstehe nur den Gedankengang nicht," sagte er kurz. Er trank das halbe Glas Grog in einem Zuge aus und erhob sich:„Jetzt gehe ich!" „Wir können ja zusammen die Straße hinuntergehen," sagte Johnston und nahm schnell Shawl und Pelz vom Riegel, um ihm zu folgen; er ließ sich kaum Zeit, die Cigarre an der Lanipe anzuzünden. Die andren sahen sich an. „Wenn sich Anders Bratt erst eininal auf eine Sache ver- sessen hat— ," bemerkte die Agentur aus der Tiefe ihres stumpfen Bewußtseins; sie stand da und nickte und lächelte mit einer weit voraussehenden Weisheit. „Dann müssen Johnston und die Bürgervertrctung und wir alle zusammen uns kuschen!" fuhr Harrestad in seinem schneidenden Fistclton auf; er stand im kleberrock da, bereit zu gehen.„Ich begreife nicht, wie man in dieser Stadt-- „Hm, gebt nur acht," versetzte der Wege-Jnspektor sanft, — auch er zog sich an. „Glauben Sie nur nicht, daß Sie da über die Alpen kommen, Harrestad,— wie sehr Sie auch klettern," schrie. Bauern-Berg. Das runde, rotwangige Antlitz, dem der dicke Kaufmann Berg seinen Beinamen verdankte, strahlte stark illuminiert: die Augen blitzten in erhöhter Stimmung. Man schrob eine Lampe nach der andren herunter und löschte sie, bis nur noch die mit dem Blechschirm auf dem Tische stand, als die Gäste schwatzend die Treppe hinabpolterteu. Es war Mondschein mit treibenden Wolken da draußen, und quer über die Straße gegen den schneebedeckten Hügel zeichneten sich die Schornsteine auf Madame Michelsens Hotel klar und bestimmt ab, als stünden dort zwei Cylinderhüte. Sie mäßigten den Schritt, als der Direktor und Johnston vor ihnen in der Straße sichtbar wurden. „Ich fasse nicht, wiederhole ich, wie man sich in dieser Stadt in dergleichen finden kann," begann Harrestad von neuem in ärgerlichem Tone. „Und ich begreife es so gut!" entgegnete Bauern-Berg: —„Einige thun eS, weil sie müssen,— wie z. B. hm, � es nützt nicht, dagegen anzugehen, Harrestad!— und einige, weil es nun einmal ihre Natrir so ist;— sie haben etwas vom Hunde in sich, sie müssen irgend jemand gehorchen.—— Nein, da ist nichts halbes, kein Scheinwesen am Direktor. Und das ist das, was lins allen an ihm gefällt. Begreifen Sie das, Harrestad?-- Und dann bringt er stets so einen auffrischenden Windhauch mit sich! Es kommt nur darauf an, ob man sich auf der richtigen oder auf der verkehrteil Seite befindet. Geht man m i t ihm, so ist es, als sause man auf dem Schlitten den Hügel hinab,— die reine grüne Seife. Hat man aber den Wind entgegen, so kann man warten uild klein beigeben,— hier in dieser Stadt!" höhnte er.„Denn dann heißt es nein und nein und nein!"— Er hielt die Finger vor Harrestad und zählte auf:„Nein in der Sparbank, nein in der Bürgervcrtretung, nein in der Bank, liein im Armen- vorstand, nein in der Ärmendirektion irnd allem, was dazu gehört. Nein den ganzen Fluß hinauf, denn dort herrscht der Direktor des-Sägewerks, Anders Bratt und kein andrer; — und nein selbst wenn es sich um den Ball im Klub handelt, Harrestad.-- Und geben Sie jetzt nur eimnal acht mit dem Polizeimeister, der kommt weiß Gott auch nicht über die Alpen mit seinen Laternen,— das prophezeie ich.-- Und Johnston, denke ich, steckt die Pfeife auch wieder in den Sack, wenn er sich die Sache erst überlegt hat."— „Parteilichkeit, Parteilichkeit!"— kreischte Harrestad: der Schatten seiner dünnen Gestalt auf dem weißen Schnee focht wild mit den Armen in der Luft herum,—„nichts als Parteilichkeit." „Und dann hat der Mensch das Herz auf dem rechten Fleck, er steht für seine Sache ein!" „Ein herrschsüchtiger Charakter, ja,— den niemand hier in der Stadt in seine rechten Grenzen zurückzuweisen verniag," ertönte Harrestads Fistelstimme. „Bewahre vor allem Dein Herz," deklamierte Bauern- Berg beruhigend.„Und wenn du die ganze Welt gewönnest und nähmest Schaden an deiner Seele, stehet geschrieben,— wissen Sie das wohl, Harrestad?-- für den Fall, daß Sie diesmal nicht Friedensrichter würden, könnte Ihnen ein klein wenig Bibelkenntnis nicht schaden." Er blickte Harrestad triumphierend nach, der in eine Straße einbog und sich als geschlagener Feind heimwärts begab. Der Mondschein lag mit fast kreideweißem Schein über der Stadt init allen den kleinen Häusern am Bergesabhang hinauf. Der Direktor und Johnston gingen ein gutes Stück vor den andren auf der Brücke. Die beiden Schatten brachen sich über dem Geländer, wie sie so dahinglitten und der Strom sauste; schwarz und mit segelnden Eisstücken stürzte er unter ihnen hin. Unten am Hafen bewegten sich sonderbare Schatten und Verlängerungen von Masten, Nahen und Schiffsriimpfen. die schwer und tiefschwarz mit ihren Ankerkctten im Eise lagen, während die eine Brückenseite nur unter den Packbuden voll- ständig im Finstern ruhte. Weit hinaus zwischen allen den bebauten Inseln und Werdern vor der Hafenmündung zitterte ein schwarzer Streif des offenen Meeres in Silberglanz. Direktor Bratt schritt schnell und einsilbig dahin. Er hatte daran gedacht, Johnston morgen zum Kalbsbraten zu bitten; aber— „Es geht nun und nimmer, wenn zwei Polizeidirektoren sein wollen," scherzte Johnston, als sie in die Nähe von des Direktors Comptoir kamen, wo Pferd und Schlitten warteten, um ihn die halbe Vicrtelmeile zu seiner Sägcmühle hinaus- zufahren. „Ach nein, ich denke, er wird es schon merken, daß ihm hier die Hölle ziemlich heiß gemacht werden kann!" „Willst Du ihn so lange ärgern, bis er seinen Posten auf- giebt? Das kannst Tu doch wohl unmöglich wollen— um dieser Sache willen?" Sie blieben vor dem Thorweg stehen. „Freilich will ich das!" Der Direktor schlug mit dem Stock auf das Pflaster. „Gute Nacht, Johnston." Johnston stand eine Weile still und sah ihm nach. Anders Bratt schlenderte über den Hofplatz; die energische, aufrechte Haltung zeugte von der Stimmung, in der er sich befand. Die stadtbekannten Ueberschuhe mit den langen Strippen, die hinten in die Höhe standen, schritten gleich Schatten mif der Schneekante neben ihm her. II. Anders Bratt war heute in rosigster Laune, er hatte den Polizeidirektor in der Bürgervertretung in Veranlassung der Laternen tüchtig abgekanzelt, und Johnstons Murren und Sticheleien hinterher empfand er nur wie ein angenehmes Kitzeln seiner Haut. „Tu taugst, weiß Gott, nicht dazu," sagte der Direktor. „Du wirst Dich stets von zu humanen Argumenten führen und leiten lassen!" „Siehst Du, Bratt, ich habe so eine Idee mit diesem hier," erklärte Johnston; er hatte den Direktor auf das Feld, hinter seinem Hause, geführt,„eine Idee, mit der ich mich trage." „Eine Idee? Verteufelt ungeschästsmäßiger Ausdruck! Es ist beinahe, als wenn ich mit dem Oberlehrer redete; der hat auch stets irgend eine Idee oder einen Gedanken." Die geübten Geschäftsaugen des Direktors überflogen schnell die Möglichkeiten der Situation. Der mit Eis bedeckte, holprige Platz endete unten am Hafen in einem verfallenen Brückenstumpf, dessen äußerste Pfähle nackt aus dem Eise emporragten. „Das heißt, Du willst ihn auf fünf bis zehn Jahre mieten oder ihn taufen, wie?" „N— ja, es kommt darauf an." Er starrte dm Direktor an.„Es handelt sich darum, siehst Tu, ob ich— ob ich—" Er blieb abermals sinnmd stehen. „Ach, Abraham," bat er seinen Sohn, legte die Hand auf dessen Schulter und beugte sich zu ihip herab,„lauf einmal hinein und hole den Zollstock, dann messen wir den Zipfel da auf." Johnston schlenderte auf seine nachlässige Weise weiter zu haben man Dir die Ehre lassen muß, so ein Griff nach ihm her. Johnston griff eine Sache stets von der verkehrten Seite an. „Ich überlege, siehst Du, ob ich mich lieber mit der Hälfte begnügen oder den Zipfel dort am Brunnen mitnehmen soll, das macht in Bezug auf den Kaufpreis einen großen Unter- schied!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) UJiojczkk Rosbyta, der poftUlon. Von Carl Busse. Hü— hott! Vorwärts, Pferdchc», vorwärtsl Der Herr hat keine Zeit und will richtig bei der Posthalterei abgesetzt sein. Ja. schnaufe Du nur! Die Beine werden steif, Alterchen— hast recht l Ach, das ganze Leben— I Wojcziek Rosbyta, der Poftillon, knallte mit der Peitsche und seufzte. „Herr," sagte er plötzlich,„rückt ein bißchen weiter. Laßt den Platz neben mir frei, wenn Ihr so gütig sein wollt. Die Heiligen werden Euch dafür segnen." Kopfschüttelnd sah ich ihn an. „Braucht Ihr so viel Platz für Euch, Schwager?" „Das nicht. Euer Hochwohlgebore», aber ja. ja es ist nun mal so! Danke vielmals, danke von Herzen! Ich werde Euch gut fahren dafür." Ich hatte ihm wirklich de» Gefallen gcthan und war in die Ecke gerückt, dickt an das schwarze Schutzleder heran. So war zwischen ihm und mir ein freier Raum entstanden, daß zur Not noch jemand mitkommen konnte. Es war eine kleine Karriolpost, die Wojcziek Rosbyta führte. Sie vermittelte den Verkehr von einem an der Bahn gelegenen Landstädtchen der Provinz Posen nach einem größeren, zwei Meilen entfernten Dorfe. Außer dem Sitz für den Mischer waren noch höchstens zwei Plätze vorhanden, und wenn sie besetzt waren, konnte man sich kaum rühren. So ging es denn auf der Landstraße dahin. Ter Weg war Ivarm und staubig, die Felder standen in Juliglut, von den hohen Papeln hoben sich pfeifend die Stare. Der Poftillon war still geworden. Lässig hielt er die Zügel. Er sah kaum auf den Weg und ließ den Braunen traben. „Wie lange fahrt Ihr die Strecke schon. Schwager?" unterbrach ich das Schweigen dann. Er mochte die Frage gewohnt sein. „Fünfzehn Jahre," erwiderte er ohne Besinnen.„Jeden Vor- mittag hin, jeden Nachmittag zurück." „Da habt Ihr die Bäume wachsen sehen. Nun, Euer Dienst ist bald zu Ende. Wenn die Bahn fertig ist--" „Wenn Ihr mich höhnen wollt. Herr," sagte er hart,„so hütet Euch. Ihr tragt gute Kleidung. Da könnt Ihr nicht wissen, daß mau nicht spottet, wenn ein armer Mensch große Schmerzen hat." Halb zornig, halb traurig blickte er mich an. Ich muß rot ge- worden sein. „Schivager," erwiderte ich und rückte ihm näher,«was redet Ihr da? Ich weiß nicht, was Ihr meint, noch wodurch ich Euch verletzt habe." Eine» Augenblick prüfte er mein Gesicht. Tann griff er demütig an die Mütze. „Um Vergebung, Herr! Mein Kopf ist ein bißchen verwirrt seitdem. Wer sollte es Euch auch erzählen? Es ist eine böse Ge- schichte, mid ich denk immer, die Leute verspotten mich. Nicht wahr, Euer Hochlvohlgebore» nehmen es nicht übel und machen den Platz wieder frei... de» Platz neben mir." Die Fahrt ging weiter. Wojcziek Rosbyta murmelte vor sich hin. Er ward immer ernster und sah scharf nach rechts hinüber. Als ich der Richtung seiner Blicke folgte, bemerkte ich einen Trupp Arbeiter, der den Bahndamm aufschüttete oder wohl schon die Holz- schwellen legte. Die neue Linie sollte in nicht femer Zeit eröffnet werden. Der Tamm näherte sich an einer Stelle der Landstraße, als wollte er sie überschreiten. Mein Poftillon hatte ein rotes Gesicht. Und plötzlich hieb er auf sein Pferd ein, daß es wie gejagt dahinraste und der Kasten wie auf Sprungfedern von einer Seite zur andern flog. „Da ist die Bahn, die verfluchte," schrie Wojcziek Rosbyta dabei, und als er den Arbeitern nahe war, drohte er mit der Peitsche hinüber, während er ihnen derbe Scheltworte zurief. Sie mußten ihn kennen. Die lspäicn bekamen Ruhe. Ein viel- stimmiges Gelächter scholl durch die warme Juliluft. »Heda, Alter— wo ist Dein Liebchen?— Was macht die Braut?— Warum reist sie nicht mit?" klang es bunt durch- einander. Und der Postillon schalt und drohte, und der Braune lief aus Leibeskräften, bis die Arbeiter zurückblicken und nun wieder die einsame Landstraße vor uns lag. Erst da erholte sich Woscziek Rosbyta langsam. Er nahm die Mütze vom Kopf, wischte sich den Schweiß ab und sagte: „Ruhig, Pferdchen, ruhig... Erhole Dich, mein Alter... Wir sind wieder einmal ganz voll vom bösen Blut! Weiß Gott, der Herr, der mit uns fährt, hat uns viel zu verzechen. Aber wenn er unsre Geschichte kennen würde... hü, hü, Gott vergeb Dir, Maruschal" Und mit einem Male in ganz ruhigem Ton:„Wir haben noch einen tüchtigen Weg, Herr!" Er klatschte sich aufs Knie. „Wenn ich noch fünf Jahre leb', bin ich fünfzig Jahr, und wenn ich älter ausseh', so hat die Geschichte schuld. An die zwanzig Jahre schon bin ich im Dienst beim Posthalter und Hab' mein Brot. Kann keinen Braten dabei essen; aber Kartoffeln und Hering schmecken auch, wenn man Hunger hat. Neben der Posthalterei, in der Baracke, wohnt nun die Pani Mozlin, die Waschfrau. Kennt Ihr sie nicht? Auch gut! Ihr Mann war Kutscher, ist früh gestorben. Heiliger Schutzpatron, das Weib hat gearbeitet von früh um fünf bis in die Nacht um zwölf. Wenn andere Christenmenschen schon schliefen, stand sie noch am Waschtrog. Da dacht' ich: sie verdient es. und trug ihr meine Lappen auch hin. Was unser einer eben an Wäsche hatl Tann brachte sie Maruscha zurück— sauber und ohne Fleckchen. Miaruscha loar ihre Tochter, zehn Jahre, elf Jahre, als sie zu- erst zu mir kam. Noch mit Unzen Kleidern und barfuß. Wer barfuß läuft, spart Schuhe. Und paßte es gcrad', gab ich ihr zwei Pfennige obendrein.„Kauf Dir Johannisbrot," sagte ich,„oder eine Zuckerstange." Aber da lachte sie.„Nein," sagte sie,„es giebt ein Bändchen dafür, so von den Resten." Und das nächste Mal trug sie ein Band in dem Haar. Schön. Ich fuhr den Sommer, ich fuhr den Winter, fuhr ein Fahr um's andere. Und eines Tages will ich ihr wieder zwei Pfennige hinschieben—„für Bonbons", denk' ich—, da seh' ich sie an. Psa krew, ich muß sie gleich noch einmal ansehen. „Sieh, sieh. Maruscha," sag' ich,„was ist mit Dir los? Man wird nächstens Pani sagen müssen und einen Diener machen. Wie alt bist Du?" Sie wird rot. Je nun, so'was schmeichelt den Weibern immer. „Sechzehn Jahre, Woscziek Rosbyta," antwortet sie. und ihre Augen werden leuchtend.„Die Zeit steht nicht still." Ich zähl' meine Groschen und gcb' öfter die Wäsche zu Pani Mozlin. Herr, man sieht sich, spricht sich, sieht sich wieder. Man wohnt Haus an Haus. Und wie das so kommt, spricht da beim Abschirren der Stallknecht zu mir:„Was meinst Du zu Maruscha Mozlin, Freundchen?" Und schnalzt mit der Zunge:„Maria und Josef, was ist sie schön!" Darauf blick' ich sie genauer an, als sie im Korb das nächste Mal meine Wäsche bringt. Ich war nicht mehr der Jüngste, und der Braune war mir lieber, als das WcibsvoÜ. Aber wie ich so dastch'. denk ich: der Stallknecht hat recht. „Pani," sag' ich,„wo habt Ihr Eure Schönheit her?" Sie streicht sich das schwarze Haar zurück, blickt mich groß an — o Jecku, Jecku, die Augen I— und hält den Korb in die Hüften gestemmt. „Fragt die Mutter," erwiderte sie dann mit hellem Lachen. Ich lache auch. „Da werdet Ihr bald einen Bräutigam haben, Maruscha. Seht Euch vorl" Sie wiegt sich so leise, her, hin. und weiß ganz gut, daß sie schön ist. Und dann sieht sie mich wieder an— es wird mir heiß von oben bis unten— und fragt: „Glaubt Ihr, daß mich einer will?" Aber eh' ich noch antworten kann, ist sie schon mis der Thüre. Mir ging die Geschichte im Kopf'nun. Ich erzählte sie keinem, nur dem Pferdchcn. Und jedesmal, wenn ich die Landstraße 'runterfuhr, und keine Gesellschaft hatte, bei dem einsamen Trab. Trab, Trab, fiel mir Maruscha Mozlin ein: wie sie so dasteht, den Korb am Arm, und sich wiegt. Wunderschön, Herr, ganz wunderschön. Besonders einmal, bei der Rückfahrt, stand sie vor mir. Nun, ich komm' nach Hause, geb' die Bricfbentcl ab. besorg' den Braunen und bin fertig. Was machst Du? denk' ich. Psa krew, immer die Kneipe— man ist doch auch ein Mensch! Also ich tret' so vor die Thür,— guckt die Pani Mozlin mit dem Plätteisen durch's Fenster. Man grüßt sich, trit heran und schwatzt. Sie ist eine ordentliche Frau, und sie läßt sich auch im Plätten nicht stören. Maruscha bessert aus. Wir reden— reden, bis der Nachtwächter pfeift. Und dann müssen wir selber lachen, daß es so spät ist. „Gut' Nacht," sag' ich. Nicht mal„mif Wiedersehen". Nur »gute Nacht!" Aber am nächsten Abend war ich wieder da und allmählich immer öfter. Im Winter saß ich in der Stube. Es war dunstig darin, als ob's die Waschküche wär', aber warm. Und die Wärme verträgt man, wenn man im Winter vom Kutscherbock kommt. Wenn Maruscha einmal nicht da war, zog ich ein Gesicht und mußte jeden Augenblick sagen:„Um Verzeihung, Pani Mozlin, wie meint Ihr das?" Denn ich horchte mehr nach der Thür, als auf ihre Worte. Daran merk' ich, daß ich sie lieb hatte— hü, willst Du geh'n, Brauner! Nun komm ich mal hin, eben wie's dämmrig wird. Maruscha ist allein. Sie plättet.„Was eS für Leute giebt," sagte sie,— „da ist der Doktor, der ein schönes Einkommen hat. Aber die Mutter muß von der Arbeit weg. well sie ein Taschentuch vertauscht hat. Und es ist nicht vertauscht, Wojcziek Rosbyta— wirklich nicht!" Ich steh' am Fenster und red' da dagegen, als ich seh', wie jemand immer auf und ab geht vor dem Hause und ins Fenster schielt. So ein junger Hopsassa, em grüner Bengel vom Gymnasium, aber mit Handschuhen und allem Quark. Was kann ich thun? Ich ruf' Maruscha ans Fenster:„Wer ist das, Pani?" Sie lacht.„Vielleicht mein Liebster. Wojcziek." Jesus Maria, was fuhr ich auf! Ter Schreck ging mir durch alle Beine. Ich Hab' mich am Fensterbrett halten müssen. „Ihr werdet... das nicht thun, Maruscha!" sag' ich. „Und warum nicht? Sic haben ja alle einen. Und ich bin alt genug. Habt Ihr etwas dagegen?" Ich konnte kaum reden, Herr. So eine Wut hatl' ich. solchen Haß und Zorn., „Ich lvill nicht, daß Ihr einen Liebsten habt." schrei' ich. Sie war schon wieder zurückgegangen ans Plättbrett. Es lag über zwei Stühlen. Ich konnte sie kaum noch sehen, so dunkel war's schon. Nur der feurige Schein ging her und hin.'., die Kohlen im Eisen, das sie führte,— da merkte ich. daß sie schon wieder plättete. „Was geht's Euch an, Wojcziek Rosbyta, ob ich dies oder das thue?" Sie mußte wissen, daß ich zornig war, denn sie lachte wieder so halb. Das nahm mir den Verstand. Es war auch sehr warm und dunstiger als sonst. „Maruscha!" sag' ich, und komm' langsam näher, denn ich wollt' nicht anstoßen. „Verbrennt Euch nicht, Wojcziek." spricht sie ganz leise,„das Eisen ist heiß." Sie hatte noch nie so leise gesprochen. Ich bin ganz dicht bei ihr und fast' ihren Arm. „Was wollt Ihr denn?" fragt sie. und ich hör', wie sie kurz und schwer athmet. Mir ist die Brust eng, als ob was draufliegt. Ich red' kein Wort, nicht mal ihren Namen. Aber ich krieg' sie bei der Schulter und küss' sie— küss' sie aus den Mund und die Augen und auf den Mund und wieder auf die Augen. Da zieht sie mir die Augen weg und beugt sich zurück und will, daß ich sie immer nur auf die Lippen küsse. Es war mir alles gleich. Herr. Mein Gedächtnis ist verwirrt. Ich kann so nicht alles sagen. Aber nach langer Zeit ruft sie:„Maria, Josef, das Tuch sengt," und reißt sich los. Dann macht sie die Fenster auf. Es roch brandig. Ich jedoch konnte nichts thun und nichts sagen. Man ist dann wie ohne Besinnung. (Schluß folgt.) kleines femUcton. k. DaS tägliche Leben im SüdpolareiS. Bei der Aufmerksamkeit, mit der die wissenschaftliche Forschung in den Eisregionen am Süd- ol jetzt allenthalben verfolgt wird, hat eine Schilderung, wie sich as tägliche Leben bei einer solchen Expedition abspielt, ein be- sondercS Interesse. Von den Mitgliedern der englischen antarktischen Expedition sind bekanntlich zehn nach sünfzehnnronatlichem Auf- enthalt auf der„Discovery" auf dem Ersatzschiff„Morning" nach Neuseeland zurückgekehrt und haben sich dann nach England begeben. Sie schildern ihre täglichen Erfahrungen und den fremdartigen Charakter der antarktischen Welt sehr anziehend. Die Natur und die Jahreszeiten, Tag und Nacht, als Perioden des Lichts und der Dunkelheit betrachtet, boten innner neue seltsame Eindrücke. Nach einer viennonatlichen Nacht hatten sie einen Tag von zwei Minuten Dauer, daß heißt die Sonne blickte gerade so lange über den Horizont. Nach 24 Stunden dauerte der Tag schon 10 Minuten, und dann dauerten die Besuche der Sonne immer länger, bis Tag und Nacht gleich waren. All- mählich wuchsen die Tage immer mehr, bis schließlich die Sonne gar nicht mehr unter den Horizont sank und der Tag viele Monate dauerte. Und fast die ganze Zeit schien die Sow'.e so hell, daß sie große, breitrandige Hüte und Masken zum Schutze von Kopf und Gesicht tragen mußten. Während sie aber in der Gefahr schwebten, von der Sonne ver- sengt und geblendet zu werden, dursten sie im Schatten kein Stück Metall mit bloßen Händen berühren, da sie sonst durch die Be- rühning mit heftiger Kälte ihre Haut verloren hätten. Die Land- schaft war fast ununterbrochen weiß von Schnee und Eis; aber 18 Meilen nördlich stieß der Mannt Erebns Rauch- und Dampf- wölken aus, die durch den Schein unterirdischer Flammen erleuchtet wurden. Sie befanden sich also in einer Umgebung von Eis und Feuer. Wenn einer in der Nähe des Schiffes arbeitete, machte er es sich vielleickt bequem und trug nur Hose und Weste. Wenn sich aber ein Wind erhob oder Wolken — 468— bor der Sonne vorbeizogen, so wich die drückende Hitze der schneidenden Kälte; er muhte sofort an Bord eilen und antarktische Kleidung anlegen. Um 7 Uhr verliehen alle die Schlafkojen und holten dann vor dem Frühstück erst einige Centner Eis vom nahen Gletscher, um den Wasscrvorrat des Kessels zu ergänzen. Die großen Eisklumpen wurden auf Schlitten geladen und zum Schiff gezogen. Während des sonnigen Sommers war das leichte Arbeit. Hungrig waren alle um 8 Uhr an Bord. Aber während des langen dunklen Winters, bei— iO und mehr Grad(Celsius) Kälte, war das Eisholen schrecklich. Manchmal war tagelang die Kälte so schrecklich, die Schnee- stürme so ständig und die Dunkelheit so tief, das niemand das Schiff verlassen konnte. Dann brauchte man Schnee zum Schmelzen, aber grohe Mengen, da Schnee viel Lust enthält. Wenn sich einige herausgewagt hatten, um Eis zu holen, brauchten sie bei einen, solchen Schneesturm Stunden, um sich zurückzufinden, obgleich das Eis nur Ivb Meter entfernt lag. Der Schnee dort ist nicht flockig, sondern pulverfvrmig, fast so fein wie Mehl, und er dringt, vom Winde getrieben, überall hin. Nach dem Frühstück wurde jedem die Arbeit zugeteilt, mit der im Winter um 1 Uhr, lveiin es Mitlag gab, aufgehört' wurde. Zwei langwierige Arbeiten beschäftigten die Mann- schaff. Eine war, die Rcnntierfelle zu zerschneiden und zu dreifachen Schlafsäcken zusammenzunähen für die Schlittenfahrten. Die einfachen Schlafsäcke waren das erste Mal sehr bequem, aber das zweite Mal steif- gefroren. Die improvisierten Schlafsäcke wurden zur Ausnahme für drei Personen bestimmt und gaben nicht nur genügend Wärme zum Allstauen. sondern waren auch bequemer. Eine andre Arbeit, die viele Männer sieben Monate lang beschäftigte, ivar, die Boote aus dem Eise fteizumachen. Als die„Discovery" iin Februar 1902 ihr jetziges Quartier cinnahni, war das Wasser leidlich offen. Aber all- mählich bildete sich eine Eisschicht um das Schiff, das Eis wurde in wenigen Tagen ftinf bis sechs Zoll dick, und die Schiffsgesellschaft bewegte sich frei darauf. Um Platz auf Deck zu sparen, wurden die sechs langen Boote mit dem kleinen Ruderboot neben- einander dicht beim Schiff aufs Eis gestellt, und ebenso die Kabel- taue. Aber ein Schneesturm bedeckte sie niit Schnee, durch das Gewicht des Schnees sanken die Boote durch das immer dicker werdende Eis, und der bei Sonnenschein schmelzende Schnee geftor mich zu Eis. Das Ansgraben aus dem Eise wurde ftüh begonnen; aber inimer neue Schneestürme unterbrachen und erschwerten die Arbeit. AIS schliehlich die Boote unter der Oberfläche und außer Sicht waren, sägte inan einen grohen viereckigen Eisblock aus, der den Raum einschloh, wo sie sein muhten. Sobald die Säge durch die vierte Linie hindurch war, stieg der vom Wasser aufwärts gedrängte große Eisblock nach oben und wurde nun mit Picke und Brecheilen bearbeitet, einige Teile gelegentlich auch durch Schiehbauni- wolle weggcsprcngt. Schlichlich wurden alle Boote befteit. Zwei waren durch die Schießbaumwolle beschädigt, wurden aber durch eifrige ZimmerinannSarbeit wieder seetüchtig gemacht. Auch die unsichtbar gewordenen Kabeltaue und andre» Gerätschaften wurden so aus dem Eise befreit und hatten durch ihre lange Gefangenschaft nicht gelitten.— — Stilblüten, die der Sammelmappe eines Richters entstammen, teilt das„Zicue Wiener Tagblaff" mit. Wir lesen da: Die meisten Personen suchen sich vor Gericht besonders gewählt auszudrücken, wobei sie die drolligsten Ausdrücke anwenden. Ein Fräulein(die Geschichte ihrer Verlobung schildernd): „Der Herr mar mit mir verlobt; dann war ich ihm zu minder, er hat sich mit einer andern verloben lassen und da hat er mir meine Verlobung vor Zeugen retourniert!" Angeklagter(von einer Frau wegen Ehrenbeleidigung der- klagt):„Herr Richter! Diese Frau ist ein Tiger! Sie ist eine ver- wogene Person und wird noch schlimme Dimensionen a n n e h m e n!" Angeklagter:„Nach Stadlau komm' ich im ganzen Jahr mit keinem F u h t r i t t." _ Der Advokat A. ermahnt Frau B., sich der Würde des Ortes entsprechend zu benehmen, worauf Frau B. verletzt antwortet:„Zu- fällig bin ich in ganz Wien bekannt durch mein taktvolles B e n c h ni e n." Angeklagte:„Ich will nichts, als daß mein Kind mangelhaft (makellos) dasteht!" Angeklagter(um das Wort bittend):„Herr Richter, wenn ich bitten darf um die Ausrede!" „Ich bitte, ich sage immer und ans allen Linien die Wahrheit. „Die Wahrheit muh heraus, da bin ich zu neutral für das." „Ich weih, es steht meine Lebensexistenz und der Schandfleck auf meinem Gewissen." Urwüchsiges: Angeklagter(wegen Kohrendiebstahls an- �. gt):„I bitt' schön, Herr kaiserlicher Rat, soll in a s i dös i h l H e i z in a t e r i a l, d a s m a b r a u ch t, an» kaufen?" geklagt) bißU Verschiedene Antworten auf verschiedene Fragen:„Was sind Sie?"„An armer Narr."—„Gar nichts."—„Häuslicher(Private)."—„A Böhmin." ., W a s i st I h r M a n n?"„Verreist."—„Mein Mann ist krank, mein Mann ist mit einem Worte gar nichts." „Wo sind Sie geboren?" Zwei Kinder antworten hier- ans:„Vitt' schön, z'Haus!" „Sind Sie verheiratet?"„Momentan nicht."—„Noch nicht ganz." „Sind Sie vorbestraft?"„Gott sei Dank I"—„Ich habe überhaupt im Leben noch niemanden berührt."—„Ich war überhaupt noch nirgends."—„Keine fünf Minuten!"—„Auf keiner Seite."—„Als a lcdiger."—„Einstweilen nicht."—„In der Schul I"—„Weil ich einem die Wahrheit gesagt Hab'."—„Weg'll an Madel."—„Wegen die Wächter." „Können Sie lesen und schreiben?"—„Ich bin kein berühmter Leser und bin kein berühmter Schreiber." „Sind Sie mit dem Angeklagten verwandt?"— „Mein Weinkeller Hab' i vis-a-vis von eahm."—„Ich Hab' den Herrn überhaupt noch mit keinem Aug' empfangen."—„Ja. In die Steinbrüche hab'n ma mitsamm' g'arbeit'."—„Ich bin mit gar niemand verwandt."— Medizinisches. SN. Die Messerschlucker. Unlängst ist in einem deutschen ärztlichen Organ an einen Fall erinnert worden, der für die Ge- schichte der Medizin eine besondre Bedeutung hat, nämlich an die Geschichte eines preußischen Gastwirts, der im Jahre 1635„aus Versehen" ein Messer verschluckt hatte und schliehlich operiert werden muhte, indem der Fremdkörper aus dem Magen herausgeschnitten wurde. Dies soll der erste Fall einer glücklich ausgeführten Magenoperatton ge- Wesen sein. Dr. Hecht macht jedoch jetzt in der„Prager Medizinischen Wochenschrift" darauf aufnierksam, daß die letztere Angabe irrttimlich ist. Es hat einen östreichischen bezw. preuhischen Messerschlucker gegeben, der noch 33 Jahre früher erfolgreich operiert wurde. Danach wurde im Jahre 1602 der Magenschnitt(Gastrotomie) zum erstenmal von Mathis in Preußen an einem 36jährigen jungen Taschenspieler aus- geführt, der ein 21 Centimeter langes Messer verschluckt und 51 Tage lang im Magen gettagen hatte. Von der Operation ist eine Be- schreibung erhalten. Durch Pflaster wurde eine Anhestung zwischen dem Magenausgang und der Bauchwand herbeigeführt, dann ein Einschnitt gemacht und das Messer entfernt. Die Heilung soll nach fünf Monaten eingetreten sein. Seitdem sind von Zeit zu Zeit immer wieder Operationen an Messerschluckern zu verzeichnen ge- Wesen, und zwar stellt Dr. Hecht für die Zeit von 1602 bis 1893 62 Fälle zusammen. Die Patienten waren meist Gaukler oder so- genannte Fakire, außerdem Irrsinnige und Hysterische, Selbstmord- Kandidaten und schliehlich, wie jener preußische Messerschlucker, Ungeschickte, die den wenig geistteichen Einfall Haffen, geöffnete oder geschlossene Messer in den Mund zu stecken. ES ist überhaupt ganz unglaublich, was alles verschluckt werden kann. Im Jahre 1836 wurde einer 50 jährigen Bäuerin ein Gabelgriff aus Messing und eine vierzinttge Gabel aus dem Magen entsernt, die da 2>/z Jahre gelegen hatten. Im Jahre 1876 wurde ein 18jähriger junger Mann operiert, der sich zwei Jahre mit einer fünfzinkigen neusilbcrncn Gabel im Magen getragen hatte. Wenn man alles zusammen nimmt, so hat man folgende Fremdkörper in verschiedensten Formen und Größen bezw. Mengen in menschlichen Magen zu beobachten Gelegenheit gehabt: Fruchtkerne, Knochensplitter, Perlen, Münzen, Holzsplitter, künstliche Zähne und Gebisse, Zahnbürsten, Glasstücke, Nägel, Schrauben, Nadeln, Messer, Gabeln und Haarballen. Interessant ist auch das Vorkommen von Schellacksteinen, die bei den sogenannten Politursäufern im Magen und Darm gefunden werden. Bei der Sektton eines Schreiners z. B. wurde ein Schellackstein von 75 Gramm Gewicht im Magen gefunden.— Humoristisches. — Frühlingstage in Venedig. Spieher:„Wie gesagt, auf nieinen Vetter Bielschowsky kann man sich verlassen. Er hat mir schon in Breslau gesagt:„Venedig ist schön", und wirk- lich hat er Rechtl"— — Im Feudal-Klub. Graf von Blaublut:„Seh'n Sie mal, waS der Prinz Arenberg jetrieben hat, will ich ja mich jrade schön finden, aber is doch schließlich Kavalier jeblieben. Aber da is neulich'n andrer Prinz auf lveit schlimmere Abweje jeraten. Denken Sie bloß: Prinz Hugo zu Hohenlohe-Oehringen hat sich ins Berliner Handelsregister eintragen lassen. Is janz einfach Koofmich jeworden. Seh'n Se, so'n Prinz mühte entmündigt werden l"— — Deplacierter Ausdruck. Töchterchen:„Mama, wie lange trägt eine Henne ihr Ei eigentlich unter dem Herzen?"—(„Lustige Blätter".) Bnchereiulauf. — Peter Schlemihl(Ludwig Thoma):„Neue Grob- Helten". Simplicissimns-Gedichte. München, Albert Langen.— — Gustav M e y r i n k:„Der heiße Soldat". Novellen. München. Albert Langen.— — Maxim G o r ki:„Zigeuner". Novellen. Deutsch von Korfiz Holm. München. Albert Langen.— — Marcel P r e v o st:„Die kleine Venezolanerin". Novellen. München. Albert Langen.— — Guy d e Mau Passant:„Frau Pariss«". Novellen. München. Albert Langen.— Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsmistall Paul Siygcr& Co., Berlin SW