Hlnttthaltungsblatt des vorwärts Nr. 118. Freitag, den 19. Juni. 1903. 3t Köle Mckte. Roman von Jonas Lie. (Nachdruck verboten.) „Dahinaus willst Du! Summa, Summarnm, Du willst kaufen!" rief der Direktor ans. „N— ja." Sein Blick schaute in die Luft hinaus, über das Eis und die Schiffe, die in der Märzsonne dalagen. „R— ja? Das ist ein Wort. Johnston, das erfunden zu haben, man Dir die Ehre lassen muß, so ein Griff nach beiden Seiten. Soll das kurz und gut sagen, daß Du noch nicht mit Dir einig bist?" „Nun ja! Was rätst Du mir denn?" „Raten, raten? Brennen Dir die siebenundzwanzig- tausend Kronen, die Du an dem Abcich einstrichst, als Du die „Konkordia" im Klub versichertest, in der Tasche? Schweine- mäßiges Glück! Ein Mensch wie Du ist im stände, das große Los m der Hamburger Lotterie zu gewinnen." „Ach ja, nun, ich babe bares Geld. Entweder schaffe ich mir eine neue Bark für die gestrandete an, oder auch—" „Oder auch. Du benutzt das Geld für den Ankauf dieses Platzes? Spekulieren?" Die schnellen Vogelaugen des Direktors zwinkerten unter dem Mützenschirm, als wenn das Winterlicht sie geniere: „Das heißt. Du denkst nicht allein an diesen Platz, Du willst etwas anlegen?" Er begegnete nur ein paar grauen Fischaugen. „Siehst Du, Bratt,— es handelt sich darum, ob ich nur die Hälfte nehmen oder doch auf alle Fälle auf den Zipfel ver- zichten soll." „Verteufelt viele Umstände, ehe der Mensch sich zu dem entschließt, was er schon längst beschlossen hat." Der Direktor amüsierte sich im stillen darüber, wie Johnston geschäftliche Angelegenheiten zu handhaben pflegte. Da stand er, den alten Eylinderhut im Nacken und fror und studierte und rechnete und dividierte, um sein Gewissen nach allen möglichen Richtungen hin zu beruhigen, während der Sohn im leichten Conrptoiranzug und Schottenmütze mit seinen langen, diinuen Zirkeln von Beinen über das eisbcdeckte, holperige Feld hiuschritt, ein hübscher, netter Junge übrigens, — ein echtes Rassengesicht, ganz wie die Mutter. „Sechsundsechzig Meter," rief Abraham zu ihnen hinüber. „Ja, das macht einen Unterschied von sechzehnhundert Kronen," rechnete Johnston auf der Rückseite seines Taschen- buches aus. Sinnend schob er den Bleistift wieder hinein: „Aber ich muß doch wohl das Ganze nehmen, wie, Bratt?" „Natürlich nimmst Du das Ganze, natürlich!" sagte der Direktor in entscheidendem Tone.„Fehlt Dir Geld, so kann ich Dir fünf-, sechstausend 5trouen gegen eine Hypothek schaffen. Und wenn Du dauir eine Brücke bekommst, wirst Du einer der eifrigst Interessierten in Bezug auf die Aus- baggerung des Hafens, segelst direkt in den ganzen Rummel hinein." „Ja, glaubst Du denn, daß ich nicht daran gedacht habe, viel daran gedacht habe?" „Das giebt ein wenig Krieg, wie? Zeig' ihnen die Zähne, Johnston! Mich hast Du, und nur noch ein paar Stimmen dazu, dann haben wir die Dampfbaggerung im Gange." „Hm, für dies Aufwühlen bin ich nun eigentlich im Grunde gar nicht gemacht; man kann eine Sache auf mancherlei Weise anschneiden." „Du kannst Dich doch auch nicht aus reiner Höflichkeit ersticken lassen," brauste der Direktor auf.„Das ist diese humane Lust, aus der Du herabgestiegen bist! Aber, siehst Du, wir hier sind durchaus nicht human. Wir kratzen einander die Augen aus um des lieben Geldes willen." Johnston lächelte.„In diesem Jahre wird nun jedenfalls nichts mehr aus der Benutzung des Lagerplatzes. Möchte hier so gern etwas für Abraham begründen, so ein einziger Sohn, siehst Du; es wäre wie eine Beerdigung, wenn man den fort- schicken sollte.— Hör' einmal, Abraham, mein Junge, hast Du die alte Karte bei Dir?— Er hört nicht gut," sagte Johnston bekümmert. „Er steht da und guckt nach den kleinen Mädchen aus," lachte der Direktor,„die dort bei Ekedal um die Ecke kommen!" Zu dritt in einer Reihe kamen die jungen Mädchen eifrig verhandelnd des Weges, bald waren sie auf dem schmalen Trottoir, bald unten auf der Straße. Der Direktor hatte sofort seine Gjertrud erkannt, und nun winkte er ihr. Seine Tochter schien ein wenig überrascht; sie gingen aber in demselben Tempo weiter, nur setzten sie alle drei eine gleich- gültige Miene auf zu Ehren des dünnen, bleichen Abraham Johnston, der da drinnen mit seiner Sportsmütze und dem ekelhaften, feinen Schoßhund stand. An der Pforte bog Gjertrud ein, den beiden andren einen kurzen Abschiedsgruß zunickend; und,— sie wußte ja, daß sie ihr nachschauten,— ohne sich nach der Richtung um- zuwenden, wo Abraham stand, eilte sie geradeswegs auf die älteren Herren zu. Dumm, da kam dieser Hund, liebkosend und nach dem Saum ihres Nockes schnappend, an ihr in die Höhe gesprungen und verriet eine intimere Bekanntschaft, als sie gerade geneigt war, Fernando und Thora gegenüber einzugestehen. Sie schlug ein paarmal mit dem Notenheft nach ihm, da fing er an, sie zu umbcllen und vor ihr herzuspringen. „Pfui, dieser abscheuliche Hund! Können Sie ihn denn nicht zu sich heranrufen?" rief sie aus und warf den Kopf ärgerlich in den Nacken. „Bitte hübsch um Verzeihung, Rap! Auf die Hinter- beine mit dir!" kommandierte jetzt der junge Johnston, der so lange dagestanden hatte, die dunklen Augen in dem etwas zarten Gesicht auf sie gerichtet und den Mund in der ihm eignen Art halb spöttisch, halb träumerisch geöffnet. Mit Hilfe des Noteicheftes gelang es ihr, den Hund wieder auf seine vier Beine herunter zu bekommen, worauf sie weiter eilte. „Gjertrud will ihren zukünftigen Schwiegervater be- grüßen!" scherzte der Direktor. Während das junge Mädchen Johnston die Hand reichte, sandte sie einen hastigen Blick zu Abraham hinüber, ob er es nicht gehört hatte. Sie war ein wenig kräftig gebaut, und unter der Pelz- mütze mit dem Federstutz fiel die lange, schwarze Flechte über den Rücken herab. „Dann kommt Ihr also am Sonntag zu uns hinaus," bat der Direktor jetzt, wo sie sich verabschieden und Vater und' Tochter gemeinsam den Heimweg antreten wollten. Abraham hatte die ganze Zeit hindurch nichts weiter als Gjertruds lange Flechte sehen können; jetzt bekam er aber zur Abwechselung einen gleichgültigen Blick zugesandt. „Ulli) es wäre reizend, wenn Fräulein Rönneberg mit- kommen wollte," fügte sie zu der Einladung des Vaters hinzu. Sie hatte ihr versprochen, das Klöppeln zu lehren, erklärte sie, damit Abraham recht gründlich verstehen möge, wie völlig überflüssig er für ihre Person sei! Ein leerer Schlitten mit einer dünnen Glocke schlenkerte an ihnen vorüber, die beeisten Hügel hinab, und der Direktor winkte mit dem Stock:„Heda, Du, Lars!" Der Mann, der auf dem Schlitten saß, hielt an und nahm die Mütze ab. „Du hast wohl Bescheid bekommen, daß Du am Montag bei der Sägemühle sein sollst?— und mit allen drei Pferden? — Gut,— na ja!" Ein gnädiges Kopfnicken erteilte ihm die Erlaubnis, weiter zu fahren. Der Direktor hatte Eile. Er hatte mindestens ändert- halb Stunden auf dem Platz hinter Johnstons Hause vertrödelt, und er überschritt nun eilig die Brücke, während der kalte Luftzug, der vom Fluß herkam, an seinen Rockschößen zerrte. Hin und wieder beantwortete er einen Gruß und nickte; zu- weilen mußte er ein unbeguemereS Lüften der Mütze spendieren, und nicht ohne Grund konnten die Geschäftsleute aus seinem Gruß die Banktare herauslesen. Er schielte an der Nase vorbei zu Gjertrud hinüber.-- Mit dem Mädchen war irgend etwas nicht in Ordnung: die ganze Zeit schlug sie die Augen nieder,— war wohl ärgerlich, weil er sie von den Freundinnen fortgerufen hatte. und weil sie nun mit ihrem Vater nach Hause gehen mußtel Er lächelte leise vor sich hin, er erinnerte sich noch so deutlich, wie er seinen Vater auf dessen Spaziergängen hatte begleiten müssen,— hübsch artig mit herabhängenden Ohren wie ein begossener Plidel.--- „Nun, Du gingst mit Thora Löberg?" begann er freund- lich.—„Die Witwe Löberg hat ja wohl einen kleinen Laden angefangen?" Ja, mit Garn und Strickereien, Nähutensilien und der- gleichen." „Und geht es denn?" „Ach, sie sind so, daß sie sich selbst betrügen. Sie kaufen die Wolle von den Frauen auf dem Lande und lassen in der Stadt spinnen und stricken, und da habe ich ihnen ausgerechnet� daß sie bei jedem Paar Strümpfe genau zehn Oere verlieren. Ich habe ihnen versprochen, das andre auch einmal für sie nachzurechnen. Zum Beispiel diese sogenannten gehäkelten Leibchen,— und dann die Art und Weise, wie sie messen!"— „Hm,— nun ja,— nimm Du Dich ihrer nur ein wenig an," unterbrach er sie, seine Schritte beschleunigend. Er erkannte sich selbst in der Tochter wieder,— in dem Blick und der Veranlagung, die sie zu Berechnungen hatte:— aber darum war es nicht gesagt, daß dies ein junges Mädchen be» sonders anziehend machte,— es war nicht gerade das, was er als weibliche Poesie bezeichnen würde, nein!—— Er schielte zu seiner jüngsten Tochter, seinem Verzug, hinüber,— unparteiisch, als überschaue er einen Bant'tisch,-- alles andre als Zephyr.--- Aber dabei war sie ein so kern- gesundes, schönes Mädchen, wie es der Nordwind nur um- sausen konnte. Gefühle und dergleichen entwickelten sich ja erst später,— und der Verstand kam noch später,— Gott bewahre, wenn sie erst tüchtig au der Nase henimgeführt waren.---- (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Ulojczkk Rosbytat der poftülon. Von Carl Busse. (Schluß.) „Geh' an die Luft," sagt Maruscha. Und ich geh' an» Fenster. Der- weil steckt sie Licht an.„Mein Haar ist verwirrt," spricht sie und stellt sich vor den Spiegel. Ich seh'» noch, sie hebt sich dabei auf den Fuß- spitzen und öffnet die Lippen ganz wenig. Ich will die Ewigkeit im Fegfeuer brennen, wenn ich das vergeh". Wir hatten den Tag vorher Maria Lichtmeß gehabt. Auf Michaelis," sag ich,„können wir heiraten. Was meinst Du, Maruscha?" Meine Stimme war noch nicht ganz fest, so sehr ich mich mn Fenster erholte. „Ich soll Deine Frau werden?" fragte sie, und ist ganz ver- wundert. Ich seh' sie an.. Ich denk' jetzt oft bei mir, ich muß ganz rot ge- Wesen sein. „Null ja." red' ich,„was.,. denkst Du sonst?" „Nichts," anwortct sie und beugt den Kopf zurück.„Die Muster muß gleich hier sein." Da küss' ich sie wieder und lass' sie überhaupt nicht los. So ein Narr war ich.— Brr, wirst Du Wohl! Seht an, Herr, wie die Bremsen dem Pferdchen zusetzen! Man darf die Peitsche bei Gott nicht Iveglegen. So weit war ich also. Pani Mozlin, die Waschfrau, hörte mich an.„Das Gespann ist ungleich, Wojcziek Rosbyta," sagte sie, aber vielleicht ist es gut so. Ihr seid ein Mailn in ruhigen Jahren und wißt, Ivas Ihr thut. Euer Brot habt Ihr auch. Und jung heiraten ist besser als alt. Junge Bäumchen ziehe» sich." Was red' ich lange? Wir wurden einig, und Maruscha war meine Braut. Ich lauf' zum Goldschmied Kozlo und sag':„Meister, die besten Ringe, die Ihr habt." Und einen steck' ich der Maruscha auf. Sie war ganz toll vor Freude, denn sie liebte alles, was Gold war und glänzte. Ein feiner Geschmack, doch nicht billig, Herrl Wie die Kinder wollt' sie alles haben, was sie sah. Nun, ich kauf' dies, das... es macht mir selber Vergnügen.„Ihr habt eine lose Hand, Wojcziek," sagt die Mütter. Aber ich lach' nur. Nun muß ich Euch mein größtes Glück erzählen. Nämlich als das Wetter schöner ward, im Frühling, will Maruscha nicht im Haus bleiben. Ein junges Ding— ach Gott ja! Und die Mutter wäscht und plättet für drei. Was thut sie also, die Maruscha? Sie kommt mir eine Stunde entgegen, hier mif der Straße, und bei einer be- stimmten Pappel crlvartct sie mich. In der Hand hat sie einen Zweig lind in der Tasche ein Stück Zucker. Sic winkt und jauchzt... und ich bin selig und halt' an. Der Braune kriegt den Zucker, den Zweig steckt sie ins Geschirr— nuir, die Post sieht aus, als wär' es jeden Tag Pfingsten. Hab' ich einen Fahrggst, so sag' ich:„Um Vergebung, rückt ein bißchen weiter." Und Maruscha klettert auf, wie eine Katze und sitzt bei mir— hier auf dem Platz, den Ihr frei machtet. Es könnt' mir den Dienst losten, denn ohne Billet darf ich keinen mitnehmen. Aber was thut man nicht alles! Saßen wir allein im Wagen, so hat sie mich geküßt, daß ich keinen Atem be- kam. Und sprach ich:„Was bist Du eine Wilde!", so lachte sie und nannte mich„Väterchen". Mich, ihren Bräutigam!„Hopla, Pferd- chen," schrie sie lustig,„lauf Galopp, hü, willst Du wohl!" Und wenn wir an die Kornfelder kamen, dann sprang sie im Fahren ab. daß ich einen Totenschreck bekam.„Ob die Kornblumen schon blüh'n," sprach sie. Und fand sie eine, so bekam ich sie an den Hut. Sie jedoch zog sich eine Aehre vorn durch'S Knopfloch. Vor der Stadt mußte sie absteigen. Einmal sagte sie dabei: „Ach— wie ist das dumm! Man kommt immer an dieselbe Stelle zurück."„Willst Du wo andershin?" frag' ich. Sie sieht so weit. als wollt' sie bis ans Ende der Welt sehen. Aber sie sagt:„Fahr' zu, Wojcziek... der Posthalter schimpft sonst!" Und ich fuhr auch wirklich. Zwei, drei Tage später komm' ich wieder zurück und seh' schon immer nach der Pappel, wo sie sonst wartet. Richtig, da steht sie. Aber neben ihr noch jemand. Ich kann nicht genau erkennen und fahr' schneller. Da erblicken sie mich auch, und der andere geht übers Brachland nach drüben, wo sie am Bahndamm arbeiten.„He," sag' ich,„meine Liebe, was ist denn das?" Sic zuckt die Achseln. „Er beaufsichtigt die Arbeiter. Und weil er mich immer hier stehen und warten sieht, kam er'rüber. Da schwatzen wir. Bist Du eifersüchtig, Väterchen?" Mir gab's einen Stich durchs Herz, aber ich antwort'„Nein" und seh' zu, wie das Pferdchen ihr den Zucker aus der Hand nimmt. „Die Bahn," spricht sie dann,„ist doch was anderes als die Post. Man kann nach Posen, Berlin, immer weiter, bis die Welt aufhört." Dabei seufzt sie. Ich würg' den Aerger runter und sag':„Du wirst die Frau eines Postillons, Maruscha, da darfst Tu nichts gegen die Post reden. Und Du fährst ja gern damit."„Ja." erwidert sie gleichgültig. Aber sonst nichts. Wir kommen an die Kornfelder, und ich fahr schon langsam. Denkt Ihr, sie springt runter? Thut sie nicht! Bleibt ruhig sitzen und sieht vor sich hin. Wie Du willst! denk' ich. Doch ich war nicht so glücklich an dem Tage wie sonst.„Morgen komme ich nicht," sagt sie zum Abschied.„Ich trag' die Wäsche aus." Aber hast Tu nicht gesehen: wie ich am nächsten Tag so langsam meinen Weg fahr', steht sie doch an der Pappel. Und der gott- verfluchte Schuft wieder neben ihr. Herr, erlaßt es mir... Ihr habt die Maruscha nicht gekannt und begreift es nicht. Ich aber denke jede Fahrt daran, ohne Trost zu finden. In einem frommen Blatt, das jemand a» uns verteilte, las ich, wir werden für jedes Leid auf Erden im Himmel doppelte Freude haben. O Pan, Pan, so viel Freude giebt es selbst im Himmel nicht, wie mir die Heiligen dann erbitten müssen. Tie Tage kamen— einer immer schöner als der andere— das war so zu Ende Mai— und an jedem bemerkte ich, daß Maruscha mehr und mehr von mir abließ. Ich Hab' in der Kirche gebetet, ich Hab' mit der Pani Mozlin gesprochen, ich Hab' die Maruscha angefleht, ich bin zum Goldschmied gelaufen. Heut' sagt' ich:„Meister, ein Armband," morgen:„Wie wär' es mit einem Kettlein?" und alles bracht ich ihr. Sic nahm es auch und freute sich und sprach:„Väterchen, was Du gut bist!", aber gerade, wenn sie so zu mir sein wollte, wie früher, hat's hier am meisten gewürgt. War doch alles, alles ganz anders. Schlimmer kann's nicht werden, denk' ich also eines Tages bei mir, und der Braune schnauft, als hätte er dieselben Gedanken. Denn das Pfcrdchcn ist aus Zucker versessen wie der Teufel auf eine sündige Seele. Und lange genug hat es keinen gekriegt. Selbst das vergaß Maruscha. „Ich werde ein Ende machen," sag' ich mir als-, und sprcch' mir selbst Mut zu. „Wenn sie erst Deine Frau ist, giebt sich alles." Und ich überleg' mir, es wäre gut, gleich zum Dekan zu gehen,— denn unser hoch- ehrwürdiger Probst ist Dekan scjt zwei Jahren. Wie ich das noch denke, sah ich auf die beiden— Ihr wißt schon, Maruscha und den vom Bahnbau. Aber nicht an der Pappel, weiß Gott, sondern mehr im Feld. Und der Schuft— begreift Ihr das— schlägt auf sie ein, daß sie laut schreiend nach dem Weg läuft. Euer Hochwohlgcborcn, Ihr wißt, ich bin kein Tierquälcr, aber ich riß mein Pfcrdchcn Hoch vor Schreck und Wut und raste nur so hin. „Maruscha," schrei' ich und erschreck' selber, wie heiser meine Stimme klingt. Aber sie weint und hört mich kaum, und der Schuft reißt sie beim Arm. Herr, ich darf meinen Wagen nicht verlassen. Doch wär's um die Seligkeit gegangen— es war mir gleich. Mit der Peitsche flog ich übers Brachland. Ich glaub', ich Hab' geschrien dabei. Und die Schnur sauste dem Schuft um die Larve. Mit einem Fluch springt er auf mich zu: ich Hab' Riesenkräfte und loerf' ihn bei Seite. Doch er ist zwanzig Jahre jünger und geht von neuem auf mich los. Dabei pfeift er, daß die Arbeiter die Bahnarbeiter— ihm zu Hilfe kommen. Vielleicht hätten sie mich totgeschlagen. War' mir schon recht. Aber plötzlich" steht Maruscha zwischen uns, ruft ihm ein paar Worte zu, da läßt er ab von unr und winkt auch den herbeilaufenden Arbeitern, daß sie dableiben. Mein Gesicht muß blau und rot gewesen sein. So stehen wir uns gegenüber. „Warum schlägst Tu... meine Braut?" keuch' ich und will wieder auf ihn los.- „Wojczetl" schrie Maruscha flehende' Da las," ich ab. Er aber lacht wild und sagt:»Was geht Dich meine Liebste a», Psa krcwl Latz sie zufrieden, da» rat' ich Dir, Väterchen I" «Du lügst!" sag' ich und pack' meine Peitsche. Doch da seh' ich den Wagen stehen, und der Braune will ins Feld, mir nach. „Maruscha!" sag' ich,»komm' mit. Dein Platz ist frei!" lind ich geh' voran. Nach drei Schritten bleib' ich stehen. Sic folgt nicht. «Maruscha 1" „Hier bleibst Tu!" lacht der andere und sieht sie an, als wollt' er sie töten. Und sie zittert am ganzen Leibe und geht zu ihm und hängt sich an seinen Hals und weint und kützt ihn. Ich kann's nicht begreifen... ich ruf' und schrei',,, ich Hab eine Angst... halb wahnsinnig bin ich. .,5tomm mit!" schrei ich,„denk' an Deine Mutter, Maruscha, und an mich! Geh fort von dem Kerl, der Dich schlägt," und so ruf' ich und red' ich... ach. Pan. ich Hab' keine Scham mehr: aufs Knie bin ich vor ihr gefallen wie vor der Mutter Gottes und Hab' gebettelt. Die Arbeiter lachten, und der andere lachte, nur Maruscha nicht. Dann nahm er sie beiseite und flüsterte mit ihr, und dann ging er zurück nach dem Bahndamm und Maruscha nach der andern Richtung an mir vorbei. Nicht nach der Stadt, sondern»ach dem Dorfe, woher ich kam, immer die Landstratze hoch. Da bin ich aufgestanden und nach dem Wagen zurückgegangen und Hab' mich angelehnt. Denn ich denk' immer, ich soll umfallen. Und Maruscha geht und geht, immer diese Landstratze. Wohin will sie denn? frag' ich mich. Aber sie geht und geht. Und�ich schrei' wieder, bis ich heiser bin. Tic Arbeiter äffen mir nachi Mein Pferdchen sieht sich nach mir um. Maruscha Mozlin jedoch thnt das nicht. Man erkennt sie kaum noch. Und dann ist sie so weit, datz ich sie nicht mehr sehen kann. Nach einer ganzen Zeit klettere ich wieder auf den Wagen. Ich komme über eine halbe Stunde zu spät. Es war schlinim, sehr schlimm... wegen des Zuges, Herr, der die Briefe nicht mit- nehmen konnte. Der Posthalicr schimpft und flucht und will mir kündigen.»Herr Posthaltcr," sag' ich,„Euer Hochwohlgeboren, macht, was Ihr wollt. Mir ist alles gleich." Und dann lauf ich zur Mutter, zu Pani Mozlin, der Waschfrau. Hü hott, Pfcrdchcn— eile Dich, eile Dich! Es ist ein heitzer Tag, Herr— gut, datz wir jetzt Wind betommen. Er thut wohl, wahrhaftig. Seht nur, wie der Braune glänzt I Ja, und was das anbetrifft: die Maruscha haben wir nicht mehr wiedergesehen. Der Aufseher von den Bahnarbeitern war auch verschwunden. Sie haben sich wohl im Dorf am Abend ge- troffen und sind weitergegangen— nach Bremberg zu, und von dort mit der Bahn. Nun ja, ja, wie sagte Maruscha?»Die Bahn ist doch was anderes, als die Post." Gott verdamme sie."— Wojcziek Rosbyta, der Postillon, murmelte und nickte. Das Pfcrdchcn hielt einen gleichmätzigen Trab. Aber als wir zwischen die Roggenfelder kamen, mätzigte es von selbst den Schritt. »Danke, alter Freund, danke... nun ja. wenn man alt ist, vergißt man nicht so leicht... und der Herr erlaubt es. Um Vergebung, Euer Hochwohlgeboren, aber hier sprang Maruscha stets vom Wagen und zauste die Blumen ab. Ach Gott ja, und man ist so ein Narr... so ein Narr..." Aechzcnd kletterte Wojcziek Rosbyta, der Postillon, hinunter. „Heda, was blüht denn alles? Natürlich der Rittersporn! Und die rote Klatschrose... seht nur die Klatschrose, Herr!" Er ritz eine Aehre dazu ab. „Man ist so ein Narr." sprach er wieder, als er seinen Sitz einnahm.„Jedoch— wie lange fahr' ich noch! Die Bahn, die gottverdammte! Mein ganzes Unglück kommt nur davon!" Trab, Trab ging der Braune, und wie spielend ging die Peitschen- schnür über seinen Rücken. „Maruscha hat die Klatschrosen immer aufgeblasen. Es ist eine heihe Blume, hat sie gesagt.,. versteht Ihr das? Sic war oft zum Lachen!" Er hielt die Mohnblume hoch. Ein stärkerer Zugwind strich über den Wagen. Er entblätterte die reife Blüte. „Da seht Ihr," sagte der Postillon,„das ist das Ganze. Eben noch so schön und rot— und jetzt verschwunden. Gott helf' uns, das Leben ist nickst anders. Alles weht weg..." Er wollte vielleicht noch mehr sprechen, aber er fand die Worte nickst. Und so knallte er nur mit der Peitsche und wiederholte: „Hü. hott— eile Dich, Pferdchen I Der Herr mutz zum Zug. und der Posthalter wartet— hu— hü!"— Kleines feuilleton. �»— Lustiges vom Wahltage berichtet die«Fränkische T a g e s p o st" aus Nürnberg: Am Wahltage ist auch der Humor zu seinem vollen Rechte gekommen. An freiwilliger und unfrei- williger Komik mangelte es nicht. Besonders die neue Einrichtung der Wahlcouverts und der Jsolierräumc gab Anlatz zu den lustigsten Sccnen. Manche Wähler sahen den Jsolierraum für die Wahlurne selber an und deponierten dortsclbst fein säuberlich das Kouvert mit dem Stimmzettel. Im Gocthe-Schulhau» am Marselde wurde einem Wähler das amtliche Eouvert eingehändigt n.«,, möchte sich damit zu dem„Kasten"(Jsolierraum) begebe«?"�' � unbeholfen beguckte der gute Mann sich diesen, steckte seinen&({!?. Settel ins Couvert und lietz dasselbe im Kasten liegen.„Wo haben sie denn das Eouvcrt?" frug der Wahlkomissär.„das müssen Sie her». bringen, sonst dürfen Sie nicht wählen!" Der Wähler macht ein paar Schritte zurück, umfatzt den ganzen Kasten, um das „Gewünschte" herbeizubringen, doch Ivar das Ding zu seinem großen Erstaunen angeschraubt.„Dös is a schöina Woarl" meinte er unter schallender Heiterkeit der Anwesenden. Häufig mutzte auch der Wahlvorsteher alle seine Gewandtheit aufbieten, um zu verhindern, datz der Wähler sein Couvert eigen- händig in die Wahlurne warf, die in Form einer Sparbüchse mit einem Schlitz für den Einwurf gefertigt ist. Im Wahllokal des 3. Sebalder Stadtbezirks(Schulhaus an der Theresienstratze) gab es fortwährend Anlatz zur Heiterkeit. Ein Wähler trat aus dem Jsolierraum vor den Tisch des Wahlvorstehers und wurde nach An- gäbe seiner Personalien dahin belehrt, datz er in einen andern Wahl- bezirk gehöre.„Ja, jetzt Hab' ich aber mein Zettel schon rein- g'schmisienl" erklärt der Mann ganz verdutzt.«Ja, wohin denn?'' fragt der Wahlvorsteher.„Dort in die Urne", lautet die Antwort. Der Mann hat seinen Zettel über die Wand des Jsolierraunis ge- worfcn und will das leere Couvert dem Wahlvorsteher überweisen. Viele Wähler beachteten das Klosett gar nicht, sondern stellteni sich offen hin, um den Stimmzettel in das Couvert zu legen.„Sie müssen in den Nebcnraum eintreten", belehrt ihn der Wahlvorsteher, „Ja, ja, ich will bloh das Ding»einstecken", erwidert dieser dienst- eifrig und will zur Thür hinauseileu.«Ja, wo wollen Sic denn hin?" ruft ihm der Wahlvorsteher nach. Ter Mann will draußen nach dem «Nebenraum" suchen. Ein anderer Wähler kehrt, nachdem er ge- wählt und sich so zum Fortgehen gewendet hat. wieder um und er-. klärt, datz er einen falschen Stimmzettel hergegeben habe. Ter Wahlvorsteher bedeutet ihm, datz er nickst in der Lage sei, das Bcr- sehen wieder gut zu mache», und der Zerstreute geht kopfschüttelnd seines Weges. „Wo befindet sich Ihre Wohnung?" wird ein Wähler gefragt. «Ich war längere Zeit krank und wähle nationalliberal", lautet die Antwort. Der Mann hat recht, Krankheit ist ein triftiger Grund, sich zur nationalliberalen Partei zu bekennen. «Gehen Sie in den Nebcnraum und stecken Sie dort ihren Wahlzettel in das Couvert", sagt der Vorsteher einem Wähler, der sich nicht reckst auskennt. Er befolgt die Instruktion, geht hinter den Kasten, streckt dann den Kopf vor und erkundigt sich:„Aber zu- pappen brauch i's nöt?"„Raa", erwidert der Wahlvorsteher, und der Mann kommt glückstrahlend aus seinem Verstecke hervor, um den weiteren Teil des Wahlgcschäftcs zu erledigen. Ein Kansinann, der im Wahllokal 1ö des SckiulhauseS in der Prcitzicrstratzc seine Stimme abzugeben hatte, wies die ihm von d-n Zettclverleilern der bürgerlichen Parteien angebotenen Stimmzettel mit den Worten zurück: «Da ich Vegetarier bin. Neig ich zu keinem Metzger hin. Der nationallibcrale Mayer Stimmt für Zoll und Steuer. Und der ultramontane Held Räume mir erst recht das Feld. Der konservative Alt Läßt alle Wähler kalt. Ich bin wohl ein Christ Ein Sozialist Trum stimm ich nur für Südekum, Ter bleibt fürs Volkswohl gar nie stumm."— — Süßwafferperlen in Nordamerika. Am oberen Mississippi und einigen seiner Nebenflüsse treiben die Farmer Pcrlcnfischcrei. Im Winter, so lange die Flüsse gefroren sind, bleibt der Farincr in seinem Hause, aber die in Amerika herrschende Sucht, schnell reich zu werden, treibt ihn im Frühling zum Pcrlcnfischcn hinaus. Auch au» den Städten kommen Hunderte, um auf diesem Wege ihr Glück zu machen. Die Perlfischcr mit ihren Familien errichten sich am Flutzufer ein Zelt oder wohnen in ihrem Boote. In jeden: Falle sind die Wohnungen abscheulich, Tag und Nacht voller Moskitos und angefüllt mit dem Miasma, in dem die Malaria gedeiht. Nachdem sie sich eingerichtet haben, gehen sie ans Geschäft. Wer bereits Perlen gefischt hat, weiß, daß er auf diese Glücksumstände hin seine Existenz nicht begründen kann, er gräbt deshalb Muscheln aus und verkauft ihre Schalen. Er kann einen ganzen Sommer hindurch suchen und findet mir wenige, sogenannte tote Perlen. die fast wertlos sind, es kann ihm aber auch begegnen, datz er ein schönes Exemplar so groß wie Murmeln, mit■ denen die Kinder spielen, findet, das einen Wert von 1b OOK Dollar besitzt. Das Fischen geschieht in der Art, daß man sich auf einem besonders gebauten Boote flußab treiben läßt; das Boot schleift hinter sich auf dem Flußboden eine große Zahl von Haken nach, an denen sich die Muscheln festhängen. Die Haken sind an kurzen Stricken oder Ketten angebrackü und diese sind wieder eine neben der andren an einem langen Eisenstabe oder einem Gasrohr befestigt. Dr. Muscheln liegen mit geöffneten Schalen der Sttömung entgegen, um Nahrung auszusaugen. Wenn die Haken hineingreisen, schließen — 4' und hängen an den Haken fest. Diese Arbeit .ocorgens gethan und nachmittags im Lager erfolgt das |5u'?ochen. Hierbei werden die Perlen gefunden, die Muscheln ge- reinigt und für den Verkauf fertig gemacht. Man gebraucht hierzu einen aus Planken angefertigten und mit einem Metallboden versehenen Behälter, in dem die Muscheln gereinigt werden; dann wird so viel Wasser zugelassen, daß es gerade den Boden bedeckt. Hierauf wird das Ganze mit einer Decke oder mit Holz zugedeckt i unter dem Behälter wird ein Feuer entzündet und die Muscheln so lange gedämpft, bis das Fleisch sich von der Schale löst. Das schadet den Perlen nichts, weil sie durch die Muschelschale geschützt und nicht direkt der Hitze ausgesetzt sind. Das Kochen erfordert ein bis zwei Stunden. Wenn es beendet ist, kommen die Muscheln auf einen Sortiertisch, wo nach den Perlen gesucht wird und die Muscheln sortiert und in Körbe gebracht werden. Die größten Muscheln sind zu zerbrechlich, um für Handelszwecke gebraucht werden zu können. Die kleineren Muscheln sind sämtlich zur Herstellung von Perlmutter geeignet und bringen 16— 20 Dollar die Tonne ein. Die Käufer kommen zu den Fischern und kaufen ihnen ihre Ware im Lager ab. Sehr oft konnnt ein Dampfboot flußabwärts, das eine Anzahl Händler- booie schleppt, von denen jedes etwa 600 Tonnen Muscheln enthält. Diese werden in großen Faktoreien an verschiedenen Orten des Fluß- ufers verarbeitet, indessen wird dort nur ein Halbfabrikat hergestellt, das nach den Städten des Ostens versandt wird. Es giebt einige 60 derartige Faktoreien am Mississippi, die alljährlich je 10— 60 Personen beschäftigen.—(.Leipziger Ztg.") Litterarisches. e. k.„Ein Musterjünglin g". Roman von Tristan B c r n a r d.(Albert Langen, München.)— Eigentlich begiebt sich nicht viel in diesem von Frau Gräsin zu Revcntlow gut übersetzten Roman. Und das Wenige ist weder neu, noch besonders„interessant". Denn daß ein junger Mann von wohlhabenden Eltern ein junges reiches Mädchen heiratet, kommt nicht bloß in Paris vor. Es ist ja eine beweisunnötige Eigenschaft aller kapitalkräftigen Familien, durch Anbahnung verwandtschaftlicher Banden nur noch sicherer ihrer Kapitalien Herr zu bleiben. Und daß nne junge Schöne ä taut prix verpflichtet werden kann, den allerersten 5luß nur von ihrem Ver- lobten zu empfangen, widerspräche ebenso der Erfahrung. Aber darauf scheints dem Verfasser auch gar nicht anzukommen. Er wollte vielmehr zeigen, wie so nn großer„Musteirjüngling" aussieht. Daniel Henry bereitet Kch auf den Doktor jur. vor— oder auch nicht. Zwanzig Lenze alt, hat sein Hirn nie etwas anderes bewegt. als die Sorge um elegante Cylindcrhüte,„geniale" Hcmdkrägen und gutsitzende Jacketts. Dazu kommt.'in bißchen Cafe-Hmis, Familien- ball, Sport, ein gelegentlicher Seitensprung der Ausschweifung und kaufmännische Uebung im Comptoir des Baters. Alles mit selbst- verständlicher Bernünftigkeit und Kühle. Mit derselben gelassenen Eigenherrlichkeit eines Boulcbardssöhnchens knüpft Daniel ein Liebesverhältnis an. Seine Angebetete ist ein Banquierstöchterlein. Auch in der Liebe bleibt er die frisierte und reservierte Wohl- anständigkeit. Blasiertheit kann man's nicht nennen. Wenn man reiche, dabei äußerst nachgiebige Eltern hat, läßt sich der Plan einer Heirat des unreifen Jünglings schon durchsetzen. Ihm kanns schließ- lich egal sein, ob sein Schwiegervater in finanzieller Hinsicht auf scheinbar wackligen Füßen steht. Denn Daniel„liebt" das Mädchen um seiner selbst willen. Also verlobt man sich. Die Heirat folgt in ein paar Monaten nach. Das alles ist so selbstverständlich, daß man nicht erstaunt ist, zu erfahren, daß Daniel auch selbst im Honig- mond ohne sonderliche Leidenschaft bleibt. Hier nimmt der Verfasser von allen Abschied, und wenn wir recht klar sehen, so wirds eine echt pariser„Musterehe" mit nachfolgenden Hausfreunden und pikanten Ehebrüchen werden. Das ist ja nur wieder selbstverständlich.— Technisches. ie. Gestoßener Stahl u n d Stahlschmirgel. Seit etwa 60 Jahren hat man in Deutschland das Verfahren aus- geübt zur Beschaffung eines außergewöhnlich harten Schleifmittels, wie es für gewisse Arbeiten notwendig werden kann, alte Stahl- feilen zu zerbrechen und zu Pulver zu zerstoßen, das in derselben Weise wie Schmirgel oder Korund benutzt werden kann, aber den Vorteil größerer Härte aufweist. Dieser gestoßene Stahl wurde früher immer nur in kleinem Matzstab hergestellt und war nicht eigentlich ein Handelsartikels Seit dem Jahre 1339 jedoch hat sich in Pittsburg eine besondere Gesellschaft zur Herstellung von gestoßenem Stahl zur weiteren Ausbeutung des Verfahrens gebildet. Nach vielen Versuchen wurden praktische Mittel gefunden, das Schleif- mittel in großen Mengen und in völliger Gleichmäßigkeit mit Bezug auf Feinheit und Härte zu gewinnen. Der Rohstoff besteht in einem hochklassigcn Ticgelgußstahl, der zuerst bis fast zur Weißglut, d. h. bis zu einer Temperatur von 1360 Grad, erhitzt und dann in kaltes Wasser gesteckt wird, worauf er zerstoßen tverden kann. Der zer- pulverte Stahl wird dann durch Erhitzung bei 260 Grad in einem Tiegel getempert. Darauf lvird der Stoff nach der Größe sortiert, wie es auch beim Schmirgel geschieht. Es werden zwei Qualitäten von gestoßenem Stahl erzeugt, deren härtere als Diamantstahl- schmirgel bezeichnet wird. Diese ist fast so hart wie Diamant, hat nämlich die Härte von 9,27, wenn die des Dianiants auf 10 ge- Verantwortlicher üiedakteur: tkarl Leio in Bertin.— Druck und Verlag: '2— setzt wird. Die Körner haben scharfe schneidende Ränder, die sich im Gebrauch nicht abrunden, da beim Zerbrechen eines Korns immer neue scharfe Ränder gebildet werden. Der Stoff wird vorläufig ausschließlich als Pulver benutzt, da seine Formung in feste Räder wie'öeim Schmirgel noch nicht hat erzielt werden können. Bon be- sonderem Wert ist der zerstoßene Stahl beim Steinschneiden und Polieren, beim Schleifen von Linsen und Glas und schließlich auch für Bohrungen im Gestein, zu welch' letzterem Zweck bisher allein Diamanten benutzt wurden. Neuerdings wird das Stahlpulver auch zum Schleifen und Polieren von Metallen gebraucht.— Humoristisches. — Bei einer niederbahrischen Prozession. Fahnenträger:„Hiasl! Mit Dein Gschroa machst mi no ganz damisch. I sag' Dirs, thua mir nit allweil so laut ins Gnack nei betn. Wenn i an Fahna net haltn müaßt, Hütt' i Dir schon längst a paar Watschn abi ghaut!"— — Schulhumor. Lehrer:„Was that Luther auf der Wartburg?" Der achtjährige Karl:„Er versetzte die Bibel."— — Wahres Geschichtchen. Die Kinder spielen„Damen- kaffee", die kleine Else ist die Frau Präsidentin, die kleine Ida die Frau Pastorin. Da ftagt im Laufe des Gesprächs die Präsidentin: „Sagen Sie mal, liebe Frau Pastorin, wie viele Kinder haben Sie denn jetzt?"„Zehn, Frau Präsidentin."„So, nähren Sie die denn alle selbst?"„Jawohl, fünf ich und fünf mein Mann."—(„Jugend.") Notize«. — Einen Preis von 2000 Kronen hat der Verein für niederö st reichische Landeskunde ausgeschrieben. Ge- fordert wird ein lvissenschaftliches Wörterbuch der niederö st reichischen Mundarten(ohne Berücksichtigung des Wiener Jargons). Das Werk soll mit genauen Belegstellen ausgestattet sein. Im Jahre 1907 wird über den Preis entschieden werden.— — Ferdinand von S a a r s Volksdrama„Eine Wohl- that" wird im September, gelegentlich des 70. Geburtstages des Autors, im Wiener Burgtheater die erste Aufführung er- leben.— — Das Berliner Theater hat JosefLauffs neues Drama„Der GotteStropf" zur Erstaufführung erworben. Das Stück, das in der ersten Hälfte der kommenden Spielzeit in Scene geht,„schildert den Ansturm der Socialdemokratie auf die Bauern Westfalens".— — A u g u st B ungerts Tondrama„O d y s s e u s Tod" ge- langt in der nächsten Saison im Dresdener Hofthea t'er zur Erstaufführung.— —„Der Klavier st immer"(„Wiener Frauen"), eine dreiaktige Operette von Franz Löhar wird an: 24. Juni als erste Novität der diesjährigen Operettenspielzeit bei Kroll ge- gegeben werden.— — ,. K u n st f n r Haus und Schule". Unter diesem Titel wird heute eine Ausstellung von Kunstblättern in der Aula der 16. Gemeindeschule in Charlottenburg (Spreestraße 16) eröffnet. Angeschlossen ist eine Sonderausstellung „Die Vögel Mittel-Europas"(360 Bildertafeln). Die Ausstellung ist heute und morgen von 3—7 Uhr, Sonntag von 10— 4 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.— — Die Neue Gemeinschaft feiert am Sonntag auf ihrem Waldgrundstück in Schlachtensee das„F e st d e r S o n n e n w e n d e". Anfang 6 Uhr nachmittags.— Buchereinlauf. — Robert Schweichel:«Der Bildschnitzer vom A ch e n s e e". Berlin. Otto Janke. Vierte Aufl. Pr. 2 M.— —©ei in a L a g e r l o e f:„Eine Herren hofsage." Erzählung. München. Alberr Langen.— — Amalie S k r a m:„Profess or Hieronymus". Roman. 2. Aufl. München, Albert Langen.— — Björn stjerne Björnson:„Sigurd Slembe". Drama. München. Albert Langen.— — Georges A n c e y:„Die Hoch würdigen". Komödie. München, Albert Langen.— — Frank Wedekind:„Frühlings Erwachen". Drama. München. Albert Langen.— — R. W. Emerson:„Lebensführung". Leipzig. Eugen Diederichs. Pr. broschiert 3 M., geb. 4M.— — Georg Fernandes:„Die große Krippe". Komödie. München. Karl Haushalter(Kommftsionsverlagj.— — Sven H e d i n:„Meine letzte Reise durch Jnner-Asien". Halle a. S. Gebauer- Schwetschke, Druckerei und Verlag m. b. H. Pr. 1,60 M.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 21. Juni.___ Vorwärts Äuchdruckerci und Verlagsanllall Paul Singer&, Co., Berlin SW