Anterhaltungsblatt des �Vorwärts Nr. 125. Dienstag, den 30. Juni. 1903 ivi Böfe packte. Roman von Jonas L i e. V. (Nachdruck verboten.) Direktor Bratt ging sonntäglich gekleidet in Hemdsärmeln umher und sorgte mit einem gewissen Behagen dafür, daß der Wein die richtige Temperatur erhielt. Er hatte ihn eigen- händig aus dem Keller geholt, und das Ganze ging mit einer gewissen feierlichen Umständlichkeit vor sich. „Siehst Du, Jette," sagte er,„Johnstons so einen ge wöhnlichen Sonntagmittag hier zu haben, das ist ganz ettvas andres, als Magistrat und Bürgervorstand zu speisen. Denen braucht man nur gutes Essen und guten Wein vorzusetzen, diese dagegen— die wissen, was zu jedem Gericht gehört und all vergleichen, das liegt ihnen so im Blut von alters her. Wanncr Rippenbraten mit Kronsbeeren und ein Schnaps dazu als Abendmahlzeit,— worauf ich so herrlich schlafen kann,— das würde für sie eine ruhelose Nacht be deuten."--- Frau Bratt schwebte lautlos umher in dem traulichen Zimnier, wo das Birkenholz im Ofen prasselte. Der Hut mit der großen Straußenfeder und der Pelzmantel lagen noch auf dem Tische, seit sie aus der Kirche nach Hause gekommen waren, und sie war damit beschäftigt, einige späte Herbstblumen aus dem Garten in ein Paar Basen zu ordnen. Sie nahm die Georginen, setzte sie in die Base und nahm sie wieder heraus, während die schwarzen Augen unsicher, zerstreut auf Bratt ruhten.— Diese feinen, blaßlila Astern paßten so gut zu Johnston.— Der Direktor brachte vorsichtig eine Reserveflasche, die in richtigem Abstand vom Ofen liegen niußte, auf zwei Holz- scheiten an. Er hatte eine brillante Mitteilung, mit der er Johnston heute traktieren konnte I Er hatte nun ganz sicher die feste Stimmenmehrheit erhalten für die Anlage einer Brücke, zu der der Weg iiber Johnstons Grundstück führte. Er hatte es sich aber auch sauer werden lassen, hatte den ganzen Einfluß, den er besaß, in die Wagschale geworfen. „Denke nur, jede Ouadratelle ist Goldes wert, wenn sie nach und nach eine Straße auf seinem Grundstück anlegen.— Er wird ein gemachter Mann dadurch I Ich sage es ihm so ganz nebenher bei einem Glas Bur- gunder zum Braten,— die Schlußfolgerungen, die kommen dann ganz von selber.-- Ich will mich amüsieren, wie ihm die Sache plötzlich klar wird,— so auf einmal,— ganz überraschend,-- ich will darauf wetten, daß er nachdenklich wird I" Draußen im Eßzimmer klapperten Teller und Schüsseln, während Gjertrud und die Haushälterin mit dem Decken des Tisches beschäftigt waren, wozu sie große altmodische Servietten und das tägliche, massive Silberzeug benutzten. Auf dem Büffctt standen, ein wenig festlich abstechend, zwei, prachtvolle hohe Tafelaufsätze mit Multebeercreme in blauen Glas- schalen. Der Direktor ging, die Hände auf dem Rücken, umher, ohne den Rock anzuziehen. Er empfand eine eigenartig tiefe Befriedigung bei dem Gedanken, Johnston auf diese Weise wieder in die Höhe helfen zu können. Während all der Zeit, die sich Anders Bratt von Jugend auf emporgearbeitet hatte, seit seiner frühesten Jugend, hatte er die Macht und das Ansehen des Eisenwerksbcsitzcrs in unerreichbar vornehmer Höhe über aller Häuptern schweben sehen, und war Zeuge gewesen, wie er den ganzen Distrikt zwischen den Flügelspitzcn umschloß,— hatte ihn aus Herzens- grund gehaßt!— Jetzt, wo der mächtige Bogel in ökono- mischen Ruin gestürzt da lag, bewunderte er seine Federn mit pietätvollen! Respekt,— er hatte ihn ja einmal fliegen sehen I Johnston hatte als Schwiegersohn und naher Ver- wandter nur die schwere Zeit mit durchgemacht, als das Geschäft unaufhaltsam seinem Untergang entgegen ging— er war kopfüber aus seiner Gelehrtencarriere in all diesen Wirr- warr von Waldbesitzungen, Fabrikbetrieb und Verkehr mit dem Auslande hineingeraten, er hatte seinem Schwiegervater ein ganzes Leben geopfert, nur um hier von vorn wieder anzu- fangen, mit zwei-, dreitausend Kronen jährlich. „Du kannst Dich darauf verlassen, Jette, Punkt drei Uhr sind sie hier," mahnte Bratt. „Sonderbare Menschen," redete er vor sich hin.„In Geschäften ist es immer nur so, so, la, la mit der Präcision, Aber wenn es sich um eine Einladung zu Mittag handelt, da bettachten sie es wie ein Verbrechen, wenn sie nicht präcise da sind l" Er eilte auf das Comptoir, um die notwendigsten Postsachen zu erledigen, ehe die Gäste kamen. Nach Tische attrapierte Abraham Gjertrud draußen auf der Haupttteppe. „Kennen Sie vielleicht den Hamburger Kurs, Fräulein Gjertrud?" fragte er init feierlicher Gcschäftsmicne. Sie war während der ganzen Tischsitzung höchst abweisend und un- zugänglich fiir alle möglichen geistteichen Bemühungen ge- Wesen. „Ich glaube, wenn Sie im Nottzbiich nachsehen wollten, würden Sie ein Schaf oder ein Pferd finden, denn das sind doch wohl im Grunde die Kurse, die Sie aufzeichnen!" „Spöttisch und spitz I Wenn Sie ahnten, wie schlecht Sie das kleidet I Sie sind von Natur offen und gut, aber jedes- mal, wenn Sie sich mit mir einlassen, sieht es aus, als wagten Sie sich auf eine unsichere Brücke hinaus. Mißtrauisch und zurückhaltend,—— das ist gegen Ihre Natur, wissen Sie, so zu sticheln und zu prickeln." „Als wenn ich Verstand genug hätte, um mit Ihnen zu reden, das ist mir zu fein und zu tief." „Nehmen Sie sich in acht, Gjertrud, daß Sie kein Dornen- strauch werden! Sticht sie nicht schon so, daß— hu! Aber nun sollen Sie mir sagen, weshalb Sie eigentlich so häßlich und unfreundlich gegen mich geworden sind. Wir waren doch früher stets so gute Freunde!" Er sagte das mit einer ge- wissen Wärme. „Sie meinen, wenn man Sie nicht in allen Stücken bewundern kann, so—" „Lassen Sie das Necken sein, Sie Backfisch!" „Jetzt Hab' ich's satt!"— Sie machte Miene, sich zu entfernen. „Hören Sic, Gjcrtnid! Wenn Sie ahnten, wie Sie mich quälen!" sagte er plötzlich ganz niedergeschlagen.„Wenn Sie glauben, daß ich mich selber für etwas Besonderes halte, so irren Sie sehr. Da ist nicht so viel wie der kleine Finger von einem ordentlichen, branchbaren Menschen in mir, nichts, was ich nicht init Vergnügen die Treppe hinabschleudern würde,"— er schlug hitzig mit seinem langen Bein aus. „Ich glaube, wenn ein andrer das sagte, so—" „Gjertrud, stellen Sie sich nur nicht gar zu kindlich an? Glauben Sie, daß ich so etwas zu Ihnen sagen würde, wenn ich nicht glaubte, daß Sie im stände seien, mich zu verstehen?" „Ach, so ein Backfisch—" „Gjertrud, die ganze Zeit, während wir bei Tische saßen, mußte ich Sie ansehen, wie dieser rote, lose gefaltete Brust- latz Ihnen stand zu all' dein Schwarzen, dem Kleid, dem Haar, den Augen. Sie wurden zu einer voll entfalteten, reichen Nelke." „Ach was, lauter Lügen und Duft und Luft! Wir saßen zufällig auf derselben Seite," fügte sie hinzu. „Süße Unschuld! Es fiel mir wirklich nicht ein, quer durch Tante Sophie und Ihre Mutter zu sehen, ich hatte Sie so bequem gegenüber im Spiegel. Ich sah so alles, was Sie dachten, in großen Zügen.— Entsinnen Sie sich noch, Gjertrud, wie Sie dastanden und mir zusahen, wenn ich zeichnete? Sie waren damals einen Kopf kleiner und un- gleich liebenswürdiger, denn Sie glauben ebenso sicher wie ich, daß es ein wahres Meisterwerk sei und daß ich ein großer Maler wäre. Und das werde ich Ihnen niemals vergessen. Dainals glaubten Sie an mich!" Unwillkürlich ergoß sich ein tiefer Schimmer über ihr Gesicht. Sie lachte so eigenartig, entsann sich doch sehr wohl, wie sie darüber nachgegrübelt hatte, um es fertig zu bringen, seine Zeichnung von dein verstorbenen Ziegenbock in einen zu großen vergoldeten Nahmen zu setzen, der oben auf dem Boden lag. „Sehen Sie, Gjertrud," sagte er zutraulich,„ich muß nur an meiner Aufgabe festhalten, an Tieren und Tier» menschen. Ich kann nichts dafür, daß ich stets das Tier in einen, jeden Gesicht erblicken muß. und dann nimmt das so überhand.- daß die Leute sagen, ich mache mich nur lustig. Ich muß stets ein Tier im Menschen sehen, sonst verschwinden mir die Charakterzüge ganz. Ich komme wohl niemals weit mit ernsten Bildern, ich möchte Sie Wohl einmal zeichnen, wenn Sie so recht wütend sind!" „Höchst galant!" „Ich müßte etwas ewig Blankes, Gewitterschwarzes für die Augen finden können." „Und was für eine Art von Tier, wenn ich fragen darf?" Er schüttelte den Kopf.„Nun sind Sie, Gjertrud, so jung und natürlich und kameradschaftlich, und deswegen habe ich Lust, aufrichtig gegeil Sie zu sein. Ich will Ihnen gestehet', daß ich Sie gern habe— es schadet Ihnen ja nicht, daß ich es sage— ich habe Sie ganz schrecklich gern! Sie sind viel mehr für mich, als Sie ahnen. Werden Sie nun, bitte, nicht böse! Aber wenn ich an etwas Schwarzes denke. .was lebt uitd schimniert und flimmert, ach, in allen Nuance« — so reich— dann sind Sie es. Aber sehen Sie, dann ist da noch eine andre, ganz in Blond, so daß man sich verrückt daran sehen kann." „Puh, welch' eine Faselei!" „Nein, es ist kein Puh und auch keine Faselei. Ich habe wach gelegen und bin ganz verzweifelt darüber geivesen, als sollte ich von Pferden zerrissen werden, nur, weil ich so ganz verrückt geworden bin von einer Blonden und einer Schwarzen auf einmal!" Sie bekam diesen weißen Schimmer in den Augen, den er so gut an ihr kannte:„Ach, es ist ein Jammer mit Ihnen! Eine Verzückung für jede Farbe! Und dann ist ja noch etwas, was man die Mitteltöne nennt," fügte sie spöttisch hinzu. „Glauben Sie, daß ich es nicht merken kann, daß Sie oben bei Klaus gewesen sind und revidiert haben? Die Zeichnungen da, die taugen alle nichts! Die einzige, von all denen da oben, an der etwas ist, das ist das Bild von Otta Höiby; daraus könnte man etwas machen. So, wollen Sie jetzt fort laufen mit allen den häßlichen Gedanken, die ich Ihnen von den Augen ablesen kann? Verstehe« Sie denn nicht, daß ein Modell jedesmal eine Begeisterung ist? Man malt nicht einmal ein Tier, ohne sich glühend dafür erwärmen zu können, einen Hund, eine Katze, einen Dorsch oder einen Taschenkrebs, gleichviel!— Und Otta, wenn sie so auf den hohen Hirschbeinen hüpft und sich im Rücken wiegt— ach, ich würde etwas darum geben, wenn ich sie einmal von mir weg malen könnte, so daß sie mir aus dem Kopje käme." „Sie malen— von sich weg?" schnappte sie, als ringe sie nach Luft. „Ja, denn sonst kann man ja verrückt und wahnsinnig davon werden. Ach, ich sah es Ihnen wohl bei Tische an, daß Sie sich irgend welche Gedanken über mich machten, daß Sie oben bei Klaus gewesen waren und sich etwas in den Kopf gesetzt hatten." /, Wieso, wenn ich fragen darf?" „Ja,' wieso?" Er grübelte sinnend nach. „Sie, Gjertrud, sind ungefähr das einzige, was ich jetzt nicht gern für mich zu Grunde gehen sähe. Ich bin gar nicht so wie andre." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Das Gcbeimms von Lbassa* Endlich- liegen eingehende und authentische Nachrichten über das geheimnisvolle Lhassa in Tibet, die Stadt des Dalai Lama, vor, in die so viele Forscher vergebenß einzudringen versucht haben. Das Dunkel, das die Stadt umgab, hat sich gelichtet, und es zeigt sich das Bild einer recht gewöhnlichen Stadt, die nicht viel Mysteriöses an sich hatT. Dem russischen Forscher Z y b i k o w ist es nicht nur gelungen, in d'ie Stadt zu gelangen, sondern auch dort ein Jahr zu leben. Er war freilich nicht der erste Europäer, der in Lhassa eingedrungen ist, sondern schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts hat es der Mönch Odorico di Pordcnone besucht. Ihm folgte 1624 der Jesuit Antonio dÄndrada. Seit der Austreibung der kleinen Kolonie der Kapuziner im Jahre 1760 haben aber nur drei Europäer die Stadt erreicht, der Mathematiker Manning aus Cambridge 1811 und die französischen Missionare Hue und Gäbet 1846. Von den Forschern, die kürzlich nach Lhassa vordringen wollten, seien Dr. Sven Hcdin, Savage Landor und Prschewalsky erwähnt. Professor Zybikow von der Petersburger Universität war besonders bgünstigt, da er ein buddhistischer Burjät ist und die tibetanische Sprache beherrscht. Im Sommer 1900 kam Zybikow, wie einem Bericht eines Ver« treters von Reuter zu entnehmen ist, ins Land, nachdem er sich Centraltibet über den Berg Boumza genähert hatte, wo 1879 Prschewalsky zurückgewiesen wurde. Lhassa liegt malerisch auf dem Südabhang eines Berges und hat im Süden und Westen prächtige Gärten. Durch den Süden der Stadt fließt der Uitchu, und Deiche und Kanäle sind zum Schutz gegen Ueberflutungen errichtet. Eine schöne breite Straße, die zu religiösen Umzügen und Bußübungen dient, umgiebt die Stadt. Büßende gehen diese Straße entlang- und werfen sich alle fünf oder sechs Fuß nieder, also etwa 3000 mal im Laufe eines Tages. Die kleine Stadt, die höchstens 10 000 Be- wohner hat, ist ein wichtiger Handelsmittelpunkt; die eingeborenen Händler sind jedoch Frauen. Inmitten der Stadt liegt der Buddha- tempel, der etwa 140 Quadratfuß umfaßt und drei Stockwerke hoch ist, mit drei vergoldeten chinesischen Dächern. In ihm steht eine Riesenbronzestatue Buddhas mit einem Kopfputz aus getriebenem Gold mit Juwelen; und davor brennt ein Opferfeuer, das mit ge- schmolzener Butter unterhalten wird. Jr andren Räumen des Tempels befinden sich noch andre Statuen und Reliquien, darunter die Statue der Göttin der Frauen, der Spirituosen und Weizen gc- opfert werden. Der Weizen wird sogleich von Mäusen gefreß'm. Das heilige Gebäude enthält auch Räume für den Dalai Lama und seinen Rat. Di«, ebenso wie die Stadt im siebenten Jahr- hundert gebaute Residenz des Dalai Lama liegt etwa eine Meile von Lhasia auf dem Berg Bodala(Buddha La). Dickt dabei liegt das alte Schloß Hodson-Bodala, etn ncunstöckigcs Gebäude von 1400 Fuß Länge, in dem das Schatzamt, die Münze, die Schulen der Theologie und Medizin, Wohnungen für 1200 Beamte und 500 Mönche und ein Gefängnis untergebracht sind. Unter andren Klöstern und Tempeln bei Lhassa befinden sich drei, in denen sich 15 000 Mönche hauptsächlich dem Studium widmen. In einem, Brabun, studieren fast 6000 Personen, Knaben, junge Leute und selbst graubärtige Patriarchen, Theologie; die Gesamtzahl der dort wohnenden Mönche beträgt 8000. Nach der herrschenden religiösen Lehre sind viele Geister ständig in Menschen wieder verkörpert, Der Dalai Lama ist der„Lebende Buddha". Ein andrer Ver- leidiger des Glaubens ist der Geist Choidshen, dessen Macht sich durch fromme Asketen bekundet, die ihr Leben in Kontemplation verbringen. Seit dem 15. Jahrhundert liegt alle weltliche und geistliche Macht nominell in den Händen des Dalai Lama, aber China unterhält einen Mandschuresidenten und ein Heer. Um bei der Wahl eines Dalai Lama Streit zu vermeiden, legt das Wahl- konzil drei Papierstreifen mit den Namen dreier Knaben in eine Urne, und der Resident entfernt mit einem Stäbchen«inen Streifen. Der darauf bezeichnete Knabe wird der neue Dalai Lama. Seins Erziehung wird dann einem Kollegium gelehrter Männer an- vertraut, und bis zu seinem 22. Jahre liegt die Regierung in den Händen eines vom Kaiser von China ernannten Regenten. Der jetzige Dalai Lama ist 27 Jahre alt. Er ist seit 1806 der fünfte, Der Rat des Dalai Lama, in besten Händen hauptsächlich die that- sächliche Macht ruht, umfaßt vier sogenannte„Galons", die vom Kaiser von China ernannt sind. Die Verwaltung des Landes liegt in den Händen einer geschlossenen Aristokratie; Bestechung und Korruption sind fast allgemein. Ertränken, Tortur, Auspeitschen. Verbannung und Geldstrafen gehören zu den gewöhnlichen Strafen, Das tibetanische Heer besteht aus 4000 schlecht diseiplinierten Männern, die mit Bogen und alten Flinten bewaffnet sind. Das Räuberunwesen blüht. Die Bevölkerung, die zu Zeiten auf 33 000 000 geschätzt worden ist, beträgt nach Zybikow wahrscheinlich nur den sechsten Teil jener Zahl und nimmt ab durch Krankheiten, besonders durch Pocken, und auch dadurch, daß es so viele im Cölibat lebende Priester giebt. Die Söhne der zeitweise in Tibet lebenden chinesischen Soldaten und Kaufleute werden als Chinesen, die Töchter als Tibetanerinnen gerechnet. Tann leben in Tibet noch Inder aus Kaschmir, Mongolen und Tibetaner aus Nepal; letztere sind geschickte Handwerker, Architekten, Bildhauer und Juweliere. Fast das ganze Land Centraltibets gehört dem Dalai Lama, Nur hohe Beamte in Lhassa haben erbliche Heimstätten. Dio tibetanischen Häuser sind aus Ziegel und Stein gebaut und haben mit Ausnahme der Küchen keine Kamine. Die andren Räume haben Rauchlöcher und sind trostlos kalt. Getrockneter Dung ist das Haupt- feuerungsmaterial. Die gewöhnlichen Leute tragen weiße Ge- wänder aus selbstgesponnenem Stoff, die Reichen rote, die Beamten gelbe und die Soldaten blaue. Die Frauen tragen viel Juwelen. Die Hauptnahrungsmittel sind Gerstenmehl, Suppe, rohes?)ak- und Schasileisch, Butter, dicke Milch und Gemüse. Weizengeist kostet 4 Pf. die Flasche. Die Männer rauchen Tabak und die Priester schnupfen. Die Bewohner Centraltibets halten streng fest an ihren fast rein förmlichen religiösen Bräuchen. Gebete werden als magische Kraft angesehen und spielen bei allen gewöhnlichen und außergewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens eine Rolle. Medizin ist wenig beliebt. Die Moral, ist primitiv; die ehelichen Bande find nur sehr lose. Es'ist Vielweiberei und Vielmännerei üblich, Ackerbau und Viehzucht sind die Hauptbeschäftigungen. Weizen. Gerste, Erbsen, Bohnen, Rinder, Schafe, Grunzochsen, Pferde, Esel und Maultiere sind die Haupterzeugnisse. Grunzochsen und Efel werden als Lasttiere gebraucht. Die Arbeit ist billig, die Männer bekommen acht oder zwölf Pfennig für den Tag, die Frauen dienen gewöhnlich für ihren Unterhalt. Selbst ein Lama erhält für einen ganzen Tag Gebete nur 40 Pf. Schaffelle, Rindvieh, Statuen, Bücher, gelbe Lamakappen und Dakschwänze, die als Rotzschweife für türkische Paschas gebraucht werden, sind die Hauptausfuhrartikel. Eingeführt Verden englische und indische Baumwollen- und Wollenstoffe, Kupfer- und Emaillegeräte aus Indien, Thee, Seide, Baumwolle, Pferde und Esel aus China. Zybikow hat aus Lhassa zahlreiche Photo- graphien und Zeichnungen mitgebracht, die das Leben und die Sitten des Landes illustrieren. Er beabsichtigt, ein Buch über seine große Reise zu schreiben._ c. k. Rleined faiülcton» er. Das Land. Je weiter der Zug hinauskam, desto mehr ver- schwanden die Spuren der großen Stadt. Ein paar Straßen noch als letzte Ausläufer, ein paar Vororte, drin die Mietskaserne mit der Villa zusammen schon das Dorf überwanden; dann verschwanden auch die. Das Land begann. Dieses weite Land, wo die Felder fernhin gehen und die Wasser blinken, wo der Wald wie ein Traum aus der Ebene auftaucht und entschwindet. Es fährt sich wundersam durch das Land, wenn alle Felder voll Nehren und jeder Wegrain voll Blüten steht, wenn über die Wiesen der Heuduft weht und die Lerchen trillernd ins Blaue steigen. Das fährt sich wundersam! Der Aug geht langsam; ein Zug mit Wagen vierter Klasse, der hat es nicht so eilig. Man wird ge- schüttelt, ehe man an sein Ziel kommt; aber man sieht, was am Zuge vorübergleitet. Und es gleitet viel vorbei. Wälder, wie man sie gar nicht kennt, da drinnen bei der großen Stadt. Bucheulvälder, dunkel und dicht, wo kein Sonnenstrahl durch die Zweige gleitet. Wälder, in deren Tannengrün sich licht und hell die Birken mischen. Wälder voller Hügel und stiller Gründe, wo aus dem Dickicht derHirsch heraustritt, um im hohen Wiesengras zu äsen. In den Coupees rufen sie und jubeln:„Der schöne Wald, der schöne WaldI" Aber noch schöner ist da? freie Land. Ach, dieses Land! Endlos dehnt es sich in die Weite, endlos, verschwimmend mit dem Horizont in graublauen Duftwogen, blühend an allen Ecken und Enden. Graugrün, schimmernd wie Seide, wiegt sich das Korn im Sommerlvind, goldgelb leuchtet der Raps, üppig im Kraut steht der Kartoffelacker, dürstiger Boden und doch mit Frucht gesegnet. Fruchtgesegnet das ganze Land. Aus jeder Scholle keimt eS und wächst und sprießt hunderffach, tausendfach: Nahrung des Menschen, Frucht... Brot... O, du gesegnetes Land, das des Menschen Brot in solcher Fülle trägt I... O du herrliche Erde, wo jede Ackerkrume dem Menschen Frucht und Nahrung bietet!... In der vierten Klasse sind sie zusammengerückt, die lange Fahrt hat die Fremdesten mit einander vertraut gemacht. Die Frauen schwatzen. Mit unterdrückten Stimmen teilen sie einander ihre kleinen Leiden und Freuden mit. Die große Blasse mit dem mageren Gesicht, einem Gesicht des Elends und der Not, läßt die Blicke hinschweifen über das grüne Land. Wie ein Seufzen kommt es über ihre schmalen Lippen:„Ja hier wächst allens—, hier wächst's auch 'n Armen in'n Kochtopp rein; wir in der Stadt wir können's mit Jeld nich bezahlen." „Nee dett is richtig, wenn man so sieht, wie hier's Korn wächst und in der Stadt is's Brot so teuer". „Auf's Land hat der kleenste Arbeiter mehr zu essen wie in der Stadt." „Na gewiß doch," sagt eine Männerstimnie, sie klingt etwas höhnisch, sie spricht in dem reinen Hochdeutsch und den scharf accenwierten Lauten Pommerns. Dem kleinen Arbeiter gehört sie an, der in der Mitte des Wagens steht. Er hält sich an dem Leder- riemen, der von der Decke niederhängt. Er mißt die Frauen mit einem spöttischen Blick:„Nee... das ist auch nicht so. Was denken Sie sich denn? Der kleinste Arbeiter soll mehr haben wie in der Stadt? Wenn er nur so viel hätte! Die Ernte"— er macht mit der Hand eine Bewegung über die Felder—„die Ernte, die hat der Gutsherr— der Arbeiter nicht".... „Is richttg I" Der alte Graubart nickt und bläst ein paar Rauchwolken vor sich hin. Er spricht mehr zu sich als zu den andern. als kramte er in halbverblaßtcn Erinnerungen.„Is richttg, ich weiß es, ich bin gebürttg da oben bei Pölitz. Ich weiß es: Felder voll Korn an allen Enden, und die Ernte bringt an de Tauiend, aber mein Vater saß in'ner Hütte, wo's Wasser von de Wände lief, und wenn wir Sonntags Specksttppe hatten, denn war's'n Fest, und dabei hat er gearbeitet ftir's Gut bald an die dreißig Jahr." Ein Gemurmel läuft durch den Wagen. Eine Frau sagt kläglich: „Un bat geht nu noch so ville so... dat geht se alle so.... Die for de Güter arbeiten, die denken nur nich dran." „Man müßte sie's denken lehren," meinte ein Dritter, ein stämmiger Geselle mit blitzenden Augen, er gehörte zu dem kleinen Pommern und dem Graubart und nickt ihnen herausfordernd zu: „Man müßt sie's denken lehren." Und die beiden nicken wieder nachdenklich und trotzig zugleich: „Jawohl, man müßt es!"— Und immer weiter rollt der Zug durch das Land, und immer üppiger dehnen sich die Felder. Auf den Wiesen weiden die Rinder, Pferde ttimmeln sich in der Koppel. Sensenschlag klingt: Sie sind in der Heuernte. Tausend Hände regen sich geschäftig; wenn der Zug vorüberbraust— halten sie eine Sekunde inne. Rotglühende Gesichter wenden sich herauf, gebräunt von der Sonne, abgehetzt von der Arbeit. Ein Winken, ein Tücherwehen.. Alles vorüber. Dörfer tauchen auf, drei, vier mit einem Male: weit verstteut und doch zugleich sichtbar... man kann tief hineinschauen in das Land. Dörfer, eins wie das andre: Ein grüner Busch aus dem Felde aufleuchtend... niedere Häuser dazwischen, Tagelöhnerhäuser aus Fachwerk und Feldsteinen, mit Rohr und Stroh gedeckt; hoch über alle ragt die Kirche und dicht daneben liegen Gut und Schloß. Arbeiterhütten, Kirche, Gut: der Rahmen, drin sich hier daS Leben abspielt, das Leben auf dem Lande. Die Kirchen sind alt, Jahrhunderte alt. Das heißt, das Leben hier ist alt. Jahrhunderte hat sich an diesen Stätten dasselbe Leben abgespielt. Arbeiterhiitten, Kirche, Gut... Armut, die für den Reichtum schafft, Reichtum, der von der Armut lebt, und die Kirche über allem. Die Kirche, die da sorgsam ivacht, daß auch die Armut fein ge» niigsam bleibe, und nicht begehrlich schaue nach den Gütern dieser Welt. Arbeiterhütten, Kirche, Gut; und ringsumher des Feldes Frucht, die Frucht, die für die Hütte nimmer reift. „Man müßt' sie's denken lehren." Der Graubart sagt es noch einmal und bläst den Dampf der kurzen Pfeife noch dichter vor sich hin!— — Eine königliche Holz-Bibliothek. In seinen Erinnerungen aus dem italienischen Feldzug von 1860 erzählt Rüstow, welcher als Obcrst-Brigadier der Süd-Armee mit dabei war, von seinem Auf- enthalt in Caserta: General Mediei wohnte in dem Flügel des Schlosses, in welchem König Ferdinand II. von Neapel gewöhnlich sich aufgehalten hatte. Eines Tages suchte ich Mediei, fand ihn aber nicht daheim; da ich wußte, daß er bald kommen mußte, wartete ich auf ihn und zwar im Schlaf- und Toilettenzimmer weiland Ferdinands II. Ich bemerkte in demselben eine Bibliothek in einen Glasschrank. Um die Zeit des Wartens mir zu verkürzen, wollte ich mir ein Werk aus derselben nehmen. Bei dem Suchen danach fand ich, daß die Bibliothek alle Blüten, alle großen Er- scheinungen der italienischen Litterattir seit dem sechzehnten Jahr- hundert enthielt, offenbar von einem vorzüglichen Kenner dieser Litteratur ausgesucht und nach Fächern mit der größten Sorgfalt und Kenntnis zusammengestellt. Ich hatte endlich meine Wahs ge- ttoffcn und wollte mir jetzt das Buch herauslangen; während ich den Schrank zu öffnen suchte, kam ein alter Anfwärter heran und sagte kopfschüttelnd und grinsend: „Es ist nichts, es ist Holz!" Ich verstand anfangs nicht, was der Kerl meinte, mochle und konnte nicht daran glauben, aber es verhielt sich, wie er sagte. Die Bücher waren überzogene, sorg- sältig mit den Titeln in Goldbuchstaben versehene Holzstücke. Und diese Bibliothek diente lediglich als Schirm für den Toilettenraum Ferdinands II, in welchem auch der Nachtstuhl stand. So behandelte Ferdinand die italienische Litteratur. Der Hohn springt in die Augen, doppelt, wenn man bedenkt, daß diesem Menschen doch die Mttcl nicht fehlten, die Bibliothek sich wirklich zu verschaffen, und daß ein wirklicher Gelehrter sich dazu hergegeben haben mußte, diesen Wandschirm zu arrangieren.— Theater. Belle-Alliancc-Th�ater(Das„Waldler"- Ensemble): „Der Schnitzerfranzl von Walde nkirchen". Volksstück mit Gesang und Tanz in vier Akten von Fr. Seuffert. Musik von Franz V o i t h.— Die„Heimatkunst" sproßt an allen Ecken und Enden. Ob und welchen Gewinn die Litteratur und die Theaterei davon haben werden, das zu entscheiden, mag dem alles verschlingenden Vater Chronos überlassen bleiben. So viel ist aber sicher: die Dramen- Sparte wird um zahllose Stücke von problematischer Gattung und zweifelhaftem Wert bereichert. Die Schauspielkunst als solche dürfte dagegen durch die bäuerliche Volkskunst weder geschädigt noch sonstwie beemträchttgt werden. Sie büßt nichts von ihrer Exklusivität ein, wenn sie ins Volk hinabsteigt und dessen urwüchsige gesunde Kraft und Natürlich- keit auf sich wirken läßt. Unter Umständen kann sie auch Succurs erhalten von ursprünglichen darstellerischen Talenten, die, jenem volklichen Nährboden entwachsen, zu hoher künstlerischer Leistung?- fähigkeit hinansteigen. Jedenfalls bedeutet die allenthalben erwachende Liebe ländlicher Volksschichten zur Thcatcrspielerei ein günsttges Symptom. Sie zeugt von der Zunahme geistiger und künstlerischer Interessen und es wäre unbillig, diese Liebe und persönliche Bethättguug durch hämische Krittk hintcnanzuhalten. Von allen deutschen Volksstammen hat wohl der bayrische die musikalische und mimische Begabung als besonders ausgeprägtes Erbteil von Natur aus empfangen. Der oberbayrischen Theatertruppe der Schlierseer-und Tegernseer Bauern hat sich nun auch ein Ensemble niederbayrischer„Waldler" zugesellt. Dies Völkchen bewahrte in seiner ftillen abgeschlossenen Waldhcimat noch mancherlei urwüchsige Elemente, die wo anders schon verschwunden sind, die aber, in Norddeutschland zumal» Äst gar nicht bekannt sein dürften. Das eingangs genannte Volks- stück, mit dem die„Waldler am letzten Sonnabend ihr hiesiges Gast« spiel einleiteten, besitzt nun zwar keinerlei künstlerische Qualitäten. In stofflicher Hinsicht ist es sogar sehr auffällig von Benno Raucheneggers.Jägerblut" abhängig, wie namentlich der Bader Schackerl und der Polizeidiener Wamperl beweisen. Auch geht darin nichts vor, was man nicht schon aus den Repertoirestücken der „Schlierseer" kennt. Es ist ein grob gezimmertes Dilettantenstück. Desgleichen wird sich niemand darstellerisck Kunst erwarten. Da« dreihig Personen unrfassende Ensemble setzt sich ja auS lauter Waldlerbuab'n und-Deandln zusammen, unter denen sich Josefine W e n e r, Marie Birk, Kaspar Scheidt, Heinerl K i n d l e r, Josef Wender, Friedl Saalbauer und Alois Fischer hervorthun. Wer aber ein frisches, fröh- liches Treiben sehen, wer derben Humor und unge- brochene Waldlerstimmen, Heimatlieder nnd Schnadahüpfeln singen und die Musikanten auf originellen, selbstgezimmerten Geigen, Bratschen, Cellos. Bässen und Zithern lustige Tänze spielen hören will, der wird im Bclle-Alliance-Theater unzweifelhaft auf seine Rechnung kommen. Besonderes Interesse beansprucht der figuren- reiche, originelle Waldlertanz, der hier zum erstenmal ausserhalb der Waldheimat borgesührt wird. Wir wünschen dem unter Theater- direktor Baudrexlers Leitung stehenden Unternehmen guten Fortgang und Zuspruch I— e. k. Musik. Seit einiger Zeit tönen in die Klagen über Mifiwachs der Operetten Rufe hinein von einer neuen und weiten Auferstehung dieser Kunstart in der klassischen deutschen Operettenstadt Wien. Ein reicher Import ist von dorther angesagt. Im vorigen November errang dort das alte Mozartsche und Straußsche Theater an der Wien einen großen Erfolg mit der dreiaktigen Operette„Wiener Frauen" von Franz Lehär, einem anscheinend noch nicht vorbestraften Koiuponisten; und am Sonnabend hat hier das Central-Theater in seiner Sommersaison bei K r o l l diese Novität vor die Berliner gebracht. Allerdings nicht in der ursprünglichen Fassung und Benennung, vielmehr mit Ersetzungen von specifisch Wienerischem durch einiges allgemein Deutsche und einiges Berlinische, und mit dem Titel:„Der Klavier- stimm er". Das war unrecht, und zwar um so mehr, als trotz- dem der Inhalt des Stückes nicht ganz aus dem Wienerischen herausgehoben, das Ganze eine Halbheit ist. Also schon eine Be- Handlung, die Publikumsware, nicht künstlerische Notwendigkeit geben will. Von einer solchen ist aber auch in der urfassung nichts Rechtes zu bemerken. Schade: denn der Komponist hätte die Mittel dazu. Er kann vor allem das Orchester gut behandeln, er instrumentiert sorgfältig und anregend; er hat hübsche Einfälle in der motivischen Tonfolge und in der Stimmfiihrung(wie namentlich die Duette Nr. 5 und Nr. 11 zeigen),' er versteht auch, mit packenden Steigerungen dramatisch zu werden. Am Schluß des ersten Aktes haben ihm die Textverfasser, O. Tann-Bergler und E. Norini, Gelegenheit zu einem Finale gegeben, das durch sein geschickt tragikomisches Wirken mit einfachen Mitteln einen Platz in der Geschichte der Operette einnehmen darf. Das junge Ehepaar singt seinen Vorbereitungsgesang zur Intimität: nach dessen Beendigung ertönt aus dem Nebenzimmer Spiel und Gesang des Klavierstimmers, in welchem die junge Frau ihren tot ge- glaubten Jugendgeliebten erkennt. Das weitere läuft nach modernem Operettenprogramm ab: der Unglückliche soll an die und die und die verheiratet werden, bis sich endlich alles in Frieden löst. So ist den» ein Text da, der im ganzen eine auch nur halbwegs kunstvolle Behandlung unmöglich macht. Posse mit Couplets, von denen nicht einmal das eines ehemaligen Tambourmajors sich die Mühe giebt, auf seinem„Tschindrabuni" eine wirkliche und lvahrhaftige Welt- anschauung des höheren Blödsinns aufzubauen. Ob der Komponist weiß, daß in ihm ein musikdramatisches Talent haust, das aber, an- scheinend ohne ein Widerstreben, im Sumpf der bretterncn Dudclmusik stecken bleibt? I Ist cS wirklich Wiener Eigenart, mit einer großen Begabung voll origineller anschaulicher, elastischer und plastischer, spastischer und drastischer Ausdrucksweise etwas Schönes und Eigen- artiges anzufangen und sich dann, wenn's zur Ausführung kommen soll, vom Ringstraßengigerl und Praterkasperl so ins Genick schlagen zu lassen, daß der Blick zur Gosse trifft?! Unter den gegebenen Verhältnissen war natürlich nicht daran zu denken, daß der Komponist den von uns längst erwarteten Versuch gemacht hätte, eine Operette ohne Sprechdialoge durchzukomponieren, mit allen den dazu möglichen Mitteln: dem parlanten und dem kantanten Recitativ, der unendlichen und der endlichen Melodie, usw. Allein man achte doch auf die musikalisch so glück- liche Situation des Klavierklanges von dem Unglücksmenschen aus dem Nebenzimmer. Was hätte das nicht für ein motivisches Hin- und Herführen ergeben können I Nichts davon. Auf dem Ueberbrettl war ähnliches schon besser gemacht. Im übrigen geht die Sache, wie sie mit den besseren Operetten meistens geht: die ersten anderthalb Akte lassen sich recht gut an, die letzten anderthalb sind nicht mehr des Drangebens der Nachtruhe wert. Die Berliner Aufftihrung schob noch ein Ballett von Meister Eugen C h lebuS ein, genannt„Valso moderne", eineauimoderne Hupfcrei mit anmutigem Blumenspiel und einer entsprechcndeir Musik des Dirigenten Kurt Goldmann, die immer noch besser war, als was man bei einer industriellen Arbeit von dem Dirigieren verlangen kann. Auch sonst gab es, was es vom Central- Theater eben giebt. Die altbekaimten Kräfte spielten unterhaltlich und sangen nicht durchgehends schlecht, I o s e f i n e V c t t o r i sogar gut, soweit nicht ihre Töne in der Höhe gaumig und kehlig waren, und Oskar Braun, uns vom Theater des Westens her bekannt, mit einem üppigen, etwas derben Tenorbarhton. Die übrigen entschädigten für manches Minus durch einiges Plus im charakteristischen Vortrag._ Verantwortlicher Nedaktei'' Earl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Vielleicht gab es bei der Premiere, statt deren wir erst die zweite Aitfführung hörten, noch diese oder jene Feinheiten außerdem. Fein sind, ebenfalls nicht die Schwierigkeiten, unter denen man end- lich mit Mühe dazu kommt, sich ei» Billet und das Textbuch, das in bekannter Weise nur die Gesänge enthält, zu verschaffen.— gz. Meteorologisches. — Das Klima Kanadas. Im Februarhest von Symons' „Meteorological Magazine" bespricht R. F. Stupart, der Direftor des kanadischen meteorologischen Dienstes, das Klima Kanadas nnd räumt mit der alten Anschauung auf, als wäre Kanada ein außer- ordentlich kaltes Land. Em großer Teil Ontarios liegt in der Breite Südftankreichs, Toronto südlicher als Florenz und das Südende von Ontario südlicher als Rom. Mit Bezug auf Vancouver be- merkt Stupart, daß der Regenfall an der exponierten Westküste 2500 Millimeter übersteigt, in den östlichen Teilen aber nur die Hälfte davon bettägt. Die mittleren Monats- und Jahres- tentperattiren entsprechen sehr genau denen in einzelne» Teilen Englands; die Sommer sind eben so lang, und strenger Frost kommt kaum jemals vor. Auf dem gegenüberliegenden Fest- lande ergaben die Beobachtungen auf einer 110 Kilometer landeinwärts belegenen Versuchsfarm als inittlere Temperatur des Januar 0,5 Grad Celsius und des Juli 18 Grad Celsius; die beobachtete niedrigste Temperatur betrug— 25 Grad Celsius, die höchste 30 Grad Celsius. Weiter östlich sind die Sommer wärmer und die Winter kälter, doch ist helles, trockenes Wetter die Regel. In den Prairiegebieten sind die Winter zu Zeiten sehr kalt, die Lust jedoch ist ttocken, eine Temperattir von 29 Grad bereitet keine Unbequem- lichkeiten, und früh im Mai sind die Prairien mit Blumen ge- schmückt.— l„Globus."j Humoristisches. — Der Amateurphotograph.„Sehr schön l WaS is denn dös für a Gegend?" „Dös is gar koa Gegend, Frau Gevatterin, dös is a Schweins- hax'n mit Kraut, dö oanzig', wo i in Italien z'essen kriagt hob!"— — E i n alpiner Rekord. Schlächter(zu seiner Frau auf einem Aussichtspunkt):„Siechst Cenzi, dös glabst, so hoch is no koa Charkutter gestieg'n mit acht Maß Bier im Bauch!"— („Simplicissimus.") — Der Botenlohn Der„Sttaßburgcr Post" wird fol- gendes bei den Wahlen des Jahres 1898 vorgekommene Stückchen mitgeteilt: In einem ländlichen Vorort einer größeren badischen Stadt erschien ein Wähler vor der Wahlkommission mit der Anrede: „Gute Morge, ihr Herre! Jsch do der Ort, wo der Pfarrer gesair het, daß i den Zeddel hintragen soll?" Wahlvorsteher:„Was der Pfarrer„gesait het", geht uns nichts an! hier ist das Wahlbureau. Geben Sie Ihren Zettel her?" Nachdem dies geschehen, bleibt der Wähler mit aufgesperrtem Mund am Wahltisch stehen. Wahlvorsteher:„Es ist gut. Sie können jetzt gehen I" Wähler:„He, was krieg tau, daß i den Zeddel doher tragen Hab?"— Notizen. —„Der Kampf um Ehre", ein Einafter von Maxi- m i lia n v. R o sen b erg, ist vom München er H o f- Theater zur Erstaufführung angenommen worden.— — Im Central-Theater wird in diesem Herbst eine Pariser Operette„Das Schtvalbennest" s„I.es hirondelles") von Maurice Ordonneau, Musik von Henri Herblah, in Scene gehen. Diese deutsche Erstaufführung kommt früher als die ftanzösische heraus.— — Beim Wettbewerb um Entwürfe für das Dresdener Künstlerhaus wurden preisgekrönt: Schilling- Altona, Gräbncr-Dresden und M. H. Kühne-Dresden.— — Ein interessantes Bruchstück der griechischen Roman- l i t t e r a t u r hat der Papyrusforscher G r e n s e l l in seinen Funden entdeckt: es ist ein indisches Märchen, in dem eine schöne Griechin aus den Händen räuberischer Inder beftcit Ivird. Der Prosatext hat eine starke poetische Färbung. Der Verfasser läßt die Inder in ihrer Sprache reden, indem er die Barbarenworte mit griechischen Buchstaben wiedergiebt.— — Ein ausgehobener Adlerhorst. Aus M e r a n wird der„N. Fr. Pr." berichtet: Den Jägern Hirschbergcr sen. und jun. und dem Jagdaufseher Puitt gelang, es, einen Adlerhorst aus- zuheben, der in den Prässira-Felswänden unweit des Piz Moni zwei junge Steinadler barg. Während die alten Tiere ablvesend waren, ließ sich Hirschbcrger jun. an einem 29 Meter langen Seil in eine Schlucht hinab, Ivo es ihm nach großen Anstrengungen möglich wurde, das in eine ziemlich große Felsengrotte eingebaute Nest zu erreichen. Die Jungen schienen ca. 4 Wochen alt zu sein. Ihrer habhaft zu werden imd sie an die Oberfläche zu den andern beiden Jagdtcilnehmern zu bringen, war eine schwere, geradezu lebensgefährliche Arbeit. Im Horst lagen neben Resten von Alpenhasen. Schneehühnern 2C. eine halbe Gemse und ein Murmeltier.—__ Vorwärts Buchdruckerei und Verlägsänstält Paul Siiigce U, Co., Berlin SW