Mnterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 127. Donnerstag, den 2. Juli. 1903 (Nachdruck verboten.) 121 Löse Mckte. Roman von Jonas L i e. „Ach nein, mein Jnnge, ich l,abe mir nur ganz einfach die Sache überlegt, ich sprach nämlich mit Frau Bratt," sagte Johnston. „Und dann bringst Du nun dies Opfer für mein Glück, natürlich— drückte sie sich nicht so aus? Sie ist ja so fein- fühlend in der Beziehung. Aber wenn Tu nun darüber zu Grunde gehen solltest, oder dergleichen— hat das Frauenzimmer sich das auch wohl überlegt?" brüllte Abraham los. „Wenn das eine Ende des Wagebalkens herabwippt, schnellt das andre in die Höhe.. Und ich kann eigentlich nicht ein- sehen, das; für einen von uns ein Glück daraus erblühen sollte."— „Ich habe mir die Sache gründlich überlegt, Abraham, und ich will Dir nur sagen, ich bin wirklich zu der Ueber- zeugung gelangt, das; es so am besten ist." „Hör' einmal, Vater!"— er hielt inne und sah ihn forschend an.„Meinst Du das wirklich, so das; Du nicht im Grunde deswegen betrübt, tief betrübt bist?" „Weißt Du was," sagte Johnston; er stützte sich auf den Ellbogen, und über seine Züge huschte ein eigenartiger Aus- druck,,„ich fange beinahe an, es zu meinen, glaube ich." „Denn ich glaube nämlich wirklich selbst, daß ich Maler werden könnte! Und Du sollst sehen, wenn ich erst das Zeichnen besser gelernt habe, werde ich Dir schon dies oder jenes senden, woran Du den Unterschied merken kannst. Warte einen Augenblick! Lösche das Licht noch nicht aus! Ich will nur hinauf und etwas holen." Wie der Wind war er wieder da, diesmanl in Bein- kleidern, eine ganze Menge Skizzen in der Hand. „Jetzt sollst Du einmal sehe».— Stelle das Licht hinter Dich.— Diese alte Kracke mit dem hängenden Maul da, kannst Du sehen, wie abgearbeitet das arme Vieh ist, und wie trübe und traurig ihm die ganze Welt erscheint?-- Das habe ich vorgestern gemalt,— es stand da und kaute und grübelte und sah zu dem grauen Himmel empor,— ach ja!-- Und das da, Vater, das ist Rechtsanwalt Aisings Pferd, das ungeduldig ist, weil er immer nicht von Madame Michelsen herauskommt, es streckt den Slops und schüttelt sich so, daß alles klappert, und wiehert.— Kannst Du sehen, wie un- gehalten das Tier ist, in den Mundwinkeln, und bis in die Ohren hinein?— Auf den Ausdruck kommt es mir Haupt- sächlich an.— Das da, na. das ist das Pferd des Apothekers, das gehört zu den verhätschelten Haferfressern, die vom Kutscher bedient werden und Launen haben und eingebildet sind. Sieh hier einmal, wenn es gestriegelt wird, wie es das genießt, es streckt den ganzen langen Rücken, schließt die Augen halb und hebt den Kopf ganz hoch in die Höhe.-- Wir müssen mehr Licht haben, Vater,— ich zünde die Lampe dort an, ich— Diese Kuh,— so ein verständiger, gutmütiger Haus- frauenausdruck,—— die Katze da,— die putzt sich und spinnt und macht sich über den Ruf ihres lieben Nächsten her. — Hu! nun kommen wir zu den Karikaturen der Stadt,— zu den Ticrmenschen."-- Er redete, breitete Skizzen aus und arrangierte eine Ausstellung auf dem Bett, den Stühlen und dem Tische. „Nach Paris muß ich. Du sollst sehen, nur ein Jahr, Vater, draußen in der Welt— das wird einen unendlichen Unterschied machen." „Ein Jahr, Junge, das sollte genügen? Die Sache muß gründlich angefaßt werden, wenn etwas daraus werden soll. — Ich bin auch Deiner Ansicht, daß Du hauptsächlich Talent für die Tierinalerei hast.— Da sind ein paar sehr berühmte Tiermaler, Du,-- van de Velde und Rosa Bonheur."— „Ach diese alten!-- nein, nein, nein, jetzt giebt es einige moderne Maler, die sich so daraus verstehen, daß—" „Ja, man muß sich an das Beste halten,— an das Allerbeste.— Brauche Deine Augen, Du,— mach' es nicht wie die andren.-- Es ist vielleicht dumm, das zu sagen,— aber wenn Du das, was in Dir sitzt, so recht gründlich ausbilden könntest,— ohne dabei gleich so dumm hochmütig zu werden, Abraham,— so könntest Du es vielleicht zu etwas Tüchtigem bringen. Tu.-- Es ist gewiß am klügsten, sich auf ein Gebiet zu beschränken,— glaube ich,— diese Tiere."--- „Weiß Tante Sophie es?" rief Abraham plötzlich. „Nein, aber ich finde. Du mußt gleich reisen, Abraham,— es ist schon spät genug im Jahre!— Hat sie Einwendungen zu machen wegen Deiner Ausrüstung und Deiner Wäsche,— so kehren wir uns nicht daran; sie muß sich in der Beziehung begnügen! Tu kannst ein Dutzend Hemden und Strümpfe von mir bekommen, und Dein Zeug kannst Du Dir in Paris machen lassen. Ich bin nun nicht eher ruhig, als bis ich Dich los bin. Junge, und weiß, daß Du Dich auf dem rechten Wege befindest." Abraham machte einen ausgelassenen Luftsprung. „Sammle nun die ganze Geschichte zusammen. Die Uhr ist, weiß Gott, über drei!-- Ach nein, laß es bis morgen früh liegen.-- Du, Abraham," lächelte Johnston nickend,„es wird mir eine unendliche Erleichterung sein. Dich morgen nicht auf dem Comptoir zu sehen!" „Mir auch!" sang Abraham durch die Stille des Hauses und sprang die Treppe hinan. Er versank in eine» tiefen Schlaf, gleichsam von einem weichen, köstlichen Daunenkissen in das andre sinkend, bis ins Unendliche. VIII. Gjertrud saß draußen auf der Gartentreppe und reinigte eine Schüssel mit Erdbeeren, die sie unten gepflückt hatte. und die Mutter hatte ihren Korbstuhl ins Freie gerückt und sich in Thiers' Geschichte der Revolution vertieft. „Begreifst Du, wie sie den Landrat bei Johnstons be- hausen können, Mutter?" fragte Gjertrud,„jetzt, wo sie die alte Frau Malcolm und den Verwalter vom Eisenwerk zu Besuch haben?" „Ach, sie nehmen es ganz natürlich. Der Landrat ist ja ein Verwandter der verstorbenen Frau. Und für eine Nacht— bei diesem herrlichen Sommerwetter! Sie haben ja zum Beispiel die neue Gartenstube." „Aber die ist ja noch nicht einmal fertig!— und nur ein Bett in dem leeren Raum, das können sie ihm doch wohl nicht gut bieten." „Ich bin gar nicht so ganz sicher, daß Johnstons es so genau damit nehmen. Sie sind so glücklich natürlich und sicher, so wie die Menschen einander gegenüber sein sollen, finde ich;— wir sind ja schließlich doch nur alle Menschen." „Ach ja. Menschen, Mutter!-- Aber es ist etwas Wahres in dem, was der Vater sagt,— Johnston könnte sich ebenso gut gleich ein ordentlich großes Haus unten in der Straße bauen,— Geld genug hat er jetzt doch,— statt bald hier, bald da ein Zimmer anzuklecksen und zu flichm." „Sie sind so grundverschiedene Naturen, der Vater und er,— dies Ansiedeln ist nun einmal nichts für Johnston. Er verändert gewiß seine Gewohnheiten nicht, und sollte er noch so reich werden.-- Und ich kann es mir so gut denken, daß weder er noch die altmodischen Sachen vom Eisenwerk sich etwas daraus machen, in einem stattlich neutapezierten, frischgemalten Haus unten in der Stadt zu paradieren. Die alten Eschen hinter dem Hause,— und der Garten, den er so hübsch in Ordnung gebracht hat,— nein, ich glaube wirk- lich, es würde ihm nicht leichter, jetzt das alles zu verlassen,— was die schweren Zeiten hier mit durchgemacht hat,— als damals von dem Eisenwerk fortzuziehen--" „Ich denke mir," unterbrach Gjertrud die Betrachtungen der Mutter,„ich denke mir, ob sie ihn nicht doch oben auf Abrahams Dachstübchen einquartieren werden. Es ist freilich niedrig da, und die Wände sind mit allerhand sonderbaren Tapeten bedeckt," lachte sie;„aber diese Aussicht über die Stadt und den Fjord."— „Möchte wohl wissen, ob Abraham noch zuweilen an die Aussicht denkt," sagte Frau Vratt sinnend.„Er hat manche kummervolle Stunde an dem Fenster verbracht. Er war ja wie ein Gefangener, vor dem die Welt verschlossen da lag." .Herr Gott, Mutter, jetzt hat er doch so viel Freiheit bekommen, wie er sich nur wünschen kmml Ein Jahr nach Paris— das zweite nach Italien— und jetzt wieder zurück nach Paris! Ich glaube, er hat die kummervollen Stunden am Fenster vergessen, und den Vater, der vor Betrübnis sterben sollte, und alles niiteinander— das glaube ich!" „Da urteilst Du ganz ohne Verständnis, Gjertrud. Er hat gewiß eine große Freude an seiner Wirksamkeit, das will ich gern glauben, das ist durchaus nichts Leichtes, das ist im Gegenteil etwas Starkes." „Das glaube ich wirklich auch, Mutter! Diese Künstler,, die summen umher und saugen das Süße aus allem. Sie sind nur nicht so rechte Menschen; je weniger das Vergangene sie quält, wenn sie sich an dem Nächsten berauschen, desto besser ist es. llnd— ich! alle diese Arten von Studien!" Das Auge der Mutter ruhte mit einem eigenartigen Ausdruck auf der Tochter! Sie entdeckte auch in ihr die Spuren einer aufrührerischen Gedankenwelt. „Ich finde es doch eigentlich sehr merkwürdig," sagte Klaus, der die Treppe heraufkam,—„ja, ich finde es wirklich höchst merkwürdig, daß Johnston den Vater heute abend nicht eingeladen hat, wo der Landrat bei ihm ist." „Findest Du das, mein Junge? Es ist ja noch nicht so spät," meinte die Mutter,„vielleicht will Johnston erst ganz sicher sein, daß der Landrat auch wirklich kommt." Draußen auf der Landstraße ward ein Rädergerassel hörbar, das von einem größeren Wagen herzurühren schien. „Und da, denke ich, ist er!" rief Klaus, eifrig über die Treppe hinweglugend. Es zeigte sich, daß es nur ein heimkehrender Postwagen war, hinter dem ein andrer mit der Deichsel befestigt war. Ter Direktor ward unten in der Allee sichtbar. Er kam heute nachmittag früher als sonst aus dem Sägewerk heim, und Klaus fand es zweckmäßig, sich mit seiner Flasche Selterswasser und seinem Glase zu entfernen, dem er heim- licherweise einen kleinen Schluck Cognac aus dem Buffett zugesetzt hatte. Er beabsichtigte, sich eineni ckolee knr mente hinzugeben und nach dem erstickend heißen Tage auf dem Comptoir bei dem Rauch einer Cigarre im Schatten der Laube zu philosophiereu. „Ist keine Nachricht oder kein Bescheid für mich aus der Stadt gekommen?" erkundigte sich der Direktor ungeduldig schon eine ganze Strecke vor dem Hause. Er blieb stehen uitd überschaute die Landstraße; hie und da unterbrach ein leichter Einspänner oder ein Gig die Stille, und der Schatten von Kutscher und Pferd und Rädern fiel über das Gartengeländer und auf das Feld. Er beschloß endlich, sich unter der Markise auf der Treppe niederzulassen mit den Zeitungen und der Post und seiner Tasse Kaffee. „Was sagt der Barometer. Du?" fragte Frau Bratt. Er zuckte nur die Achseln. „Es ist ein wahrer Jammer, mit anzusehen, wie die Bäume ihre Blätter hängen lassen!" Er hörte nichts. Seine ganze Aufmerksamkeit war durch eine Gestalt, scheinbar ein Bote, in Anspruch genommen, die aus der Stadt kam und sich hastigen Schrittes näherte. Seine Züge erhellten sich, als der Mann auf das Thor zukam, und er lächelte beinahe, während er sich den Anschein gab, als läse er. Nein, er ging vorüber? „Schon über halb sechs," murmelte er und sah nach der Ilhr; er blieb sitzen und trommelte auf dem Treppengeländer. —„Diese verdammten Mücken!" Aergerlich scylug er mit dem Taschentuch nach ihnen. Ein Fuhrwerk wirbelte eine Staubwolke auf der Landstraße mif und rasselte an dem Geländer vorüber. Der Direktor schaute auf und lauschte, goß dann den Rest aus seiner Kaffeetasse in einem Schluck hinunter und fing wieder an zu lesen. „Ist etwas Neues passiert, Bratt?" versuchte seine Frau endlich. „Auf dem Geldmarkt in London?— Ja, es macht sich eine steigende Tendenz bemerkbar,— und das Eisen steigt.— Da, nimm und lies alles, was Du willst!" Sie verfiel wieder in ihre eignen Betrachtungen, während sie die Gläser in die Höhe hob und einige Ableger betrachtete. — Es war doch ein sonderbarer Geist, der die Menschen heut- zutage erfüllte,— Camille Desmoulins.---- (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die luctflavifcke Fjausfcommumon. Der an dein serbischen Kvnigspaar von seiner allergetreuesten Armee verübte iviord hat die Aufmerksamkeit der gesamten civili- sierten Welt auf den politischen Hexenkessel am Balkan gelenkt. Macht die begangene That mit ihren Einzelheiten auf uns den Ein- druck einer schier unglaublichen Bestialität, die dadurch gewitz nicht gemildert wird, daß der Metropolit Serbiens ihr den priesterlichen Segen Gottes hat angedeihen lassen, so darf andrerseits nicht über- sehen werden, daß gerade die südslavischen Länder sich gegen- wärtig in einem tiefgehenden und rapiden Zersetzungsprozeß wirtschaftlicher und damit auch sittlicher Art befinden. Die alte kommunistische Form der Hausgemeinschaften, die hier seit den frühesten Zeiten die Grundlage der ländlichen Eigentums- und Bewirtschaftungsvcrhältnisse gebildet hat, ist in den letzten Jahr- zehnten durch das Eindringen des moderneu Kapitals von Grund aus revolutioniert und auseinandergesprengt worden und unter der Einwirkung des denkbar schamlosesten und rohesten Geldwuchers in der vollen Umbildung zum Privateigentum begriffen. Zu Ivelcher Zeit sich bei den Slaven die Hauskommunion ein- gebürgert hat, läßt sich mit unbedingter Gewißheit nicht bestimmen. Bei den alten Autoren treten uns die östlich der Germanen bis tief nach Asien hinein wohnenden Stämme zunächst unter dem Sammelnamen eines großen Reitervolkes, der Skythen, entgegen, da jene Gebiete der damaligen Civili- sation zu fern lagen, als daß sie bei ihren Bewohnern die ethnographischen Unterschiede der Finnen, Slaven und Tartaren, mit denen wir zweifellos zu rechnen haben, hatte machen können. Später erst werden die europäischen Skythen als die Sarmaten der Römer, die Sauromaten der Griechen von den Finnen und Tartaren unter- schieden. Von den Sarmaten berichtet ein Schriftsteller aus der ersten Zeit des römischen Kaiserreiches noch als von völligen Nomaden. „Bei ihnen", schreibt er,„giebt es keine Gebiets- und Grenzscheiden. Denn sie bebauen nicht den Acker, noch besitzen sie Haus oder Dach oder bleibende Stätte. Sie weiden beständig ihre Herden, die sich ausGroß-undKleinvieh zusammensetzen, gewohnt, in den brachliegenden Einöden umherzuschweifen. Weib und Kind führen sie auf Wagen mit sich, welch letztere ihnen die Stelle des Hauses vertreten und die sie zum Schutz vor Regen und Winterkälte mit Fellen überspannen." Auch Tacitns läßt die Sarmaten in seiner Beschreibung Germaniens zum Unterschied von den noch auf der untersten Jägerstufe stehenden Finnen ausschließlich auf Pferden und Wagen leben. Erst als die gothische Völkergruppe unter den Stürmen deS 5. Jahrhunderts ihre Wanderungen nach dem Westen angetreten hatte, kommen die vor- drängenden stavischen Stämme in nähere Berührung mit dem oströniischcn Kulturkrcise. Um diese Zeit finden wir denn auch die ersten eingehenderen Schilderungen von ihren Sitten und Bräuchen, wie z. B. in Proeops Gothenkricg. Aus diesen Berichten geht hervor, daß die vorerwähnten Sarmaten mit der Volksgruppe der Slaven identisch sind, loerdcn sie doch ausdrücklich als„Selavenen" bezeichnet und unter ihnen die Stämme der Bulgaren, Servier, Anten, Akatziren u. s. f. unterschieden. Um die Mitte des sechsten Jahrhunderts muß aber auch bei den Slaven der Uebergang zur Seßhaftigkeit seit längerer Zeit begonnen und auf die religiösen Vorstellungen wie auf die Kampfesweise bereits Einfluß geübt haben. So heißt es bei dem vorerwähnten Procop: „Sie stehen nicht unter der Herrschaft eines Mannes, sondern sie leben von Alters her als Volksstaat, so daß Glück und Unglück alle gemeinschaftlich tragen. Auch in Bezug auf alles andre, Gesetze und Bräuche, sind diese Barbaren völlig gleich. Denn sie kennen nur einen Gott, den Blitzschleuderer und glauben, daß er allein der Herr sei über alles. Sie opfern ihm Stiere und allerlei Opfer- tiere. Das Schicksal kennen sie nicht und wissen auch nicht, daß es irgend eine Macht hat über die Menschen.... Außerdem erweisen sie den Flüssen, Quellen und andren Dämonen göttliche Ehren, bringen ihnen allen Opfer dar und benutzen diese Opfer zu Orakelsprüchen. Sie wohnen in dürftigen Zelten, weit von einander getrennt, und die einzelnen wechseln oft die Wohnsitze. Ins Feld rücken die meisten zu Fuß." Ein etwa gleichzeitiges Manuskriptfragment der Mailänder Bibliothek weiß von 4600 dörflichen Ansiedelungen zu beriibten, die damals über das heutige Rußland und Polen verbreitet gewesen. Mag man dieser Angabe auch mit einigem Zweifel begegnen, eines scheint sie doch zu erweisen, daß im sechsten Jahrhundert zum mindesten die der römischen Grenze zunächst wohnenden Slaven immer mehr zur festen Ansiedelung übergingen; berichtet doch schon der zu Vespasians Zeiten lebende Verfasser der ersten auf uns gekommenen Naturgeschichte, Plinius, daß Buchweizen und vor allem, daß Hirse, die sie zerrieben und mit Pferdcmilch oder Pferdeblut vermischt, roh genossen, eine Lieblingsspeise der Völker am Pontus bildeten. Es ist das Verdienst des Berliner Professors August Meitzen, die Agrarverhältnisse der Slaven von den frühesten Zeiten an grundlegenden Untersuchungen unterzogen zu haben. Danach kann es als sicher gelten, daß wir in der Form der Hausgenossenschast der Zadruga, auf deren erste Anfänge bereits das weite Getrennt- wohnen der„Einzelnen" in dem vorerwähnten Bericht des Procop zu deuten scheint, die ursprünglichste, Nord- wie Südslaven gemein- same Bewirtschaftungseinheit vor uns haben. In den südslavischen Gegenden haben sich diese Familienverfassnngen, wie schon eingangs erwähnt, am deutlichsten erhalten, wiewohl gt- rads hier altes keltisches, römisches und illyrischeS Kultur- land, das bereits bestimmte Ackerbau- und Bodenverteilungs- formen aufwies, in Besitz genonimen iverden mußte. Schwerer ist es, über die ersten Ackerbauverhältnisse bei den Nordslaven eine sichere Kenntnis zu gewinnen. Diese werden erst während der Kolonisationsperiode inr 12. und 13. Jahrhundert näher bekannt und stecken um diese Zeit in Zuständen, die den feudalistischen verwandt sind. Als dann in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts die russische Bauerngemeinde ihre damalige Freiheit verlor, entwickelte sich hier eine neue Form der Dorfgemeinschaft, der Mir, der heute noch die Grundlage der russischen Agrarverhältnisse bildet. Doch haben sich in Oberfranken, im Meitzener Lande, in der oberen Lausitz, im südlichen Böhmen und vereinzelt auch in Schlesien und Pomerellcn die blockartigcn Flurcinteilungen feststellen lassen, die das Charakte- ristikum der altslavischen Bewirtschaftungsweise darstellen und die es zweifellos machen, daß bei Nord- und Südslaven zunächst die gleichen Formen der Bodenkultur herrschten. Da diese Formen von An- beginn an auf das engste mit dem Dasein der einzelnen„Familien" verwachsen waren, spielte sich in diesen jahrhundertelang auch das gesamte Volksleben ab. In politischer Beziehung schwankend zwischen ungebundener Demokratie, welche die einzelnen Stämme in kleine Teile zerriß, und unbeschränkter Despotie, welche häufig der Gewalt serner und fremder Herrscher weite Ländergebiete unterwarf, haben die Slaven der germanischen Kolonisation im 12. und 13. Jahr- hundert keinen nennenswerten Widerstand zu leisten vermocht, sind sie erst mit dem Beginn der Neuzeit im Kreise der abendländischen Völker mitbestimmend auf den Plan getreten. Die Hauskommunion beruht, wie bereits erwähnt, ganz und gar auf der Idee eines nach kommunistischen Grundsätzen geregelten Familiendaseins. Aller Besitz, Grundstücke wie Sachen, war ur- sprünglich Gesamteigentum! alle Arbeit, alle Gemitzmittel und aller Erwerb gemeinschaftlich. Die Mitglieder der Zadruga besahen keinerlei persönliches Eigentum außer Waffen, Beute und Brantschmuck. Eine Familie umfaßte in üblicher Weise mehrere Generationen und be- wohnte einen Komplex von Grundstücken, den sie als ihr erbliches Stammgut betrachtete, der demzufolge auch nicht ge- teilt ward, zumal bei ihnen wie keinerlei Besitz auch keinerlei Erbrecht existierte. An der Spitze des Ganzen stand ein Aeltester, der Staressina, der mit patriarchalischer Gewalt alles leitete. Er wies einem jeden täglich seine Arbeit zu, kaufte und verkaufte und beherrschte das ganze Hauswesen. Dabei bedurfte er eines gewissen Einverständnisses der übrigen Väter im Hause, die ihm die Leitung nehmen und einen Nachfolger wählen konnten. Wie Landnutzung und Arbeit war auch Haushalt und Küche gerneinsain. Erst wenn die Zahl der verheirateten Mitgenossen zu groß ivard, um von einem Herde und aus derselben Küche leben zu können, fand eine Trennung und die Begründung neuer Haus- genossenschaftcn statt, die dann nichts mehr miteinander gemein hatten. Diese Trennung erfolgte nach Stämmen vom Großvater her, und nur in diesem Falle ward alles Vermögen sowie jedes Grundstück dem Lose nach geteilt. Wenn einzelne Hausgenossenschaften besonders stark anwuchsen und häufige Teilungen notwendig wurden, kam es natürlich vor, daß recht beträchtliche Unterschiede im Land- und Herdenbesitz der einzelnen Kommunionen entstanden. Einer übergroßen Zerstückelung der Acker- flur ward jedoch bis in späte Zeit durch die Sitte vorgebeugt, mit ziemlich leichten Werkzeugen den Boden kreuz und quer zu pflügen, da der Slave nicht, wie dies in der deutschen Gcwanncinteilung zu Tage tritt, nach längeren Landstreisen strebt, sondern blockartigen Ackerformen den Vorzug giebt. Zogen die neuen Genossenschaften nicht fort, ließen sie sich viel- mehr neben den alten nieder, so entstand ein Dorf. Auf dem slavischen Siedelungsgebiet der norddcuff'chen Tiefebene sind noch zwei Formen solcher alten Dorfanlagcn nachweisbar.„Die am meisten nach Westen vorgeschobenen sorbischen Wendenstämme brauchten mit Vorliebe den Plan des Runddorfes. Er ist fächerfönmg gestaltet. Die Ge- Höste liegen auch nebeneinander im Kreise oder hufeisenförmig um einen runden oder ovalen Platz, der ursprünglich nur einen Zugang hatte. Nach außen aber folgt hinter jedem GeHöst ein keilförmig sich verbreiternder Baumgarten, der mit hohem Holz besetzt zn sein pflegt. Das Ganze wird von einer beinahe kreisrund fortlaufenden Halle umgeben. Der zweite Plan, das Straßendorf, mischte sich bei den Nordslaven im Westen der Oder mit den Runddörfern, östlich der Oder aber herrscht eS fast ausnahmslos. Dieser Plan ist indes insofern nicht ausschließlich slavisch, als ihn die Deutschen bei der Kolonisation der Slavenländer in der weitesten Verbreitung und meist erheblich vergrößert nachgeahmt haben, um die Nachteile des alten deutschen.Hufendorfes zu vermeiden. Die Gehöfte in den Straßendörfern liegen in zwei eng gedrängten Reihen an einer breiten Dorfftraße und haben jedes hinter sich einen breiten Grasgarten, so daß sie alle rechtwinklig auf die Straße stoßen. Rückseitig werden sie durch eine meist in gerader Richtung fortlaufende Hecke von der Ackerflur geschieden. Die Dorf- straße bildet einen Anger, in dessen Mitte meist Kirche und Kirchhof, Schmiede und Schule und breite Wasserlöcher, die als Viehtränke dienen, Platz finden."(Meitzen.) In den vorgcschilderten Formen ist die HauSgeuossenschaft noch im heutigen Montenegro anzutreffen. Auch in Bulgarien, Serbien, Kroatien, Slavonien und Bosnien hat sie sich, wenn auch unter wesentlichen Modifikationen, erhalten; nur die Städte und das dalmatinische Küstenland machen eine Ausnahme. In der Banater Militärgrenze ward 1880, in Kroatien bereits 1874 die Neubildung von Hausgenossenschasten verboten, zugleich jedem Mitglied älterer Verbände gestattet, Anträge auf Aufteilung des Besitzes zu stellen. Das Stamnrgut gilt auch heute noch als unantastbar und darf selbst im Falle, daß ein Familienmitglied in eine andre Familie ein- heiratet, nicht angegriffen werden. Nur den, letzten Ueberlebenden einer Kommunion steht es ftei. über diesen Besitz zu verftigen. andernfalls geht derselbe an den Fisftls. Einige Gesetzgebungen trennen das von der Genossenschaft erworbene Besitztum, insbesondre das„Ueberland", von dem in die Grundbücher eingetragenen Stammgut und gewähren volle Verfügungsfreiheit über das erstere, sowie die fahrende Habe eines jeden Mitgliedes und den etwa von einem solchen privatim erivorbenen Grund und Boden. Mit derartigen Bestimmungen ist freilich der ursprüngliche Kommunismus aufgehoben und die Axt an die Wurzel der ganzen Jnstitutton gelegt. ES will demgegenüber wenig besagen, wenn auch heute noch die wirtschaftliche Leitung der Genossenschaften, die Ver- tretung nach außen, die Vormundschaft über die Minderjährigen usf. in den Händen eines den übrigen Mitgliedern des Haushaltes ver- antwvrtlichcn Aeltesten liegt. Vor der mobilisierenden Kraft der modernen Wirffchaftsverhältniffe ist die Zadruga in einem schnellen und unaufhaltsamen Verfall begriffen.— Dr. H. Laufenberg. Kleines feiulleton. Sommermittagsstille. sNachdruck verboten.) Ein Bauerngc rten. lieber hohem Gras und Unkraut huschende Sonnenkringel. Ein Resedabeet, ein Rosenstock in der Mitte des Gartens. Drei ver- blaßte Sonnenblumen am Gartenzaun. Zwischen Bim- und Apfel- bäum eine Hängematte. Darin in einem violetten Schlafrock — sie. Die Hände unter dem Kopfe, die blonden Haare leicht ftisiert, schaukelt sie hin und her, indem sie sich mit ihrem arabischen Pantoffel vom Stamme abstößt. Der Himmel ist wie stahlhellblaue Seide und die Lust voll von Milliarden wirbelnder, winziger Pollenstäubchen. Fliegen summen. In der Dachrinne lärmen zwei Sperlinge. Eine Hunimel brummt. Auf einer bordeauxrote» Sammettose schlummert ein Citronenfalier. Ein wurmstichiger Apfel fällt dumpf ins Gras. Und sie denkt: Wurmstichige Früchte... gefallene Menschen. Ihre Gedanken fliegen in Ivetten Kreisen.— Wenn er jetzt käme, leise niederkniete, um mit feuchten Lippen ihre Hand zu küssen, fest, und lange, bis sie seine Zähne, seine schönen Zähne auf der Haut spüren würde!— Du Guter... Sie hebt ihre Elfenhand und küßt sie mit ihren feuchten Lippen, bis sie ihre Zähne auf der Haut spürt.-- Ein Bauernkind im Hemde mit großen Braunaugen und einem Notznäschen guckt durch den Zaun. Sic schwingt in der Hängematte und liest ein Gedicht: „Lilaglocken auf nioosigem Steingeranke und darüber ver- zitternde Kiefernzweige..." Ein Windstoß: Durch den Wiesen- grund nebenan geht ein Flüstern. Steinnelke, Wegwarte, Butter- blume, Sauerampfer, wilder Mohn, Schaumkraut und Ranunkel wiegen ihr Köpfchen. Viel weiße, rote, blaue, gelbe Punkte. Die steigen und fallen. Die Glocke im Dorfe bimmelt Mittag. Dann wird's wieder ganz ruhig. O, du SonunernnttagSstille l— Eugen Schick. y. Vorrichtung zur Verhütung von Schäden durch AchSbrüche und Zugentgleisungen. Im Anschluß an eine Modell-Vorführung sollen demnächst Versuche mit einer neuen Erfindung zur Erhöhung der Betriebssicherheit im Eisenbahnwesen gemacht werden. Der von dem deutschen Bahnpost- Schaffner Fr. Gehricke erfundene und patentierte Apparat besteht aus einer Eisenschiene, die sich vor den Rädern jedes Wagens quer über dem Geleise de- findet und durch eine Stellvorrichttmg in geeigneter Höhe eingestellt werden kann. Diese Vorrichtung ist'so befestigt. daß dadurch gleichzeitig noch die Achse einen Halt erhält, der die bisher austretenden Unglücke bei Achsbrüchen zu verhindern geeignet ist. Tritt bei einem Zuge, der mit dieser neuen Erfindung ausgerüstet ist, eine Entgleisung ein, so kommt sofort die vor- gesehene Ouerschiene auf das Geleise zu liegen und verhindert so eine völlige Entgleisung. Der Zug vermag in diesem Zustande mit verminderter Geschwindigkeit weiter zu fahren, da die Sicherhcits- einrichtung auf den Schienen gleitet; außerdem kommt noch in Be- tracht, daß jede Beschädigung des Oberbaues der Bahn durch die Verwertung dieser Erfindung vermieden wird, da die entgleisten Waggons nicht umkippen können.— Geschichtliches. a. Fromme Seelenverkäufer. Der Name Gottes ist so oft bei den unchristlichsten Handlungen angerufen worden, daß man sich schließlich in dieser Hinsicht über nichts mehr wundert. Auch darüber nicht, wenn Menschenjäger, Sklavenhändler, also hervorragende Vertreter des Raubmördertypus, ihr sauberes Gewerbe unter dem Schutze des Allmächtigen zu betreiben glauben. Kaum — 508 einer hnt diesen tröstlichen Glauben häufiger und naiver zum Ausdruck gebracht, als ein berühmter englischer Seeheld aus der Zeit der Königin Elisabeth, dessen Christentum sich hauptsächlich im Einfangen und Verkaufen von Negersklaven bethätigte: John Hawkins hietz der brave Mann. Ueber seine größte, wenn auch nicht erfolgreichste Sklavenjagd im Jahre 1567—68 hat dieser englische Nationalheld einen originellen Bericht veröffentlicht, der von Bekundungen felsen- festen GottvertrauenS nur so wimmelt. Das Admiralschiff der Flottille, mit der Hawkins 1567 Plymouth ausschließlich und aus- drücklich zum Zweck des Sklavenhandels verließ, führte den passenden Namen„Jesus". Dem frommen Namen des Fahrzeuges entsprach eine Schiffsordnung von gleicher Gottseligkeit. Darin war den christ- lichen Sklavenjägern, aus denen die Bemannung bestand, u. a. zur Pflicht gemacht, täglich Gott zu dienen und einander zu lieben. Das war kein leerer Buchstabe. Einer von Hawkins Schiffsgenossen, des Namens Nikes Phillips, hat über seine Reise-Erlebnisse ein Tagebuch geführt, da? von Beweisen eifrigster Gottesfurcht strotzt. Er erreicht freilich bei weitem nicht da§ christliche Vorbild seines Admirals. Dessen Vertrauen auf den unmittelbaren Beistand der Vorsehung kann schlechterdings nichts erschüttern. Die Bande erstürmt an der Guineakllste ein Negerdors, dessen Bewohner sich deS ihnen zugedachten Schicksals verzweifelt wehren. Sie schießen mit vergifteten Pfeilen, von denen zahlreiche Engländer sterben. Hawkins selber wird verwundet „Indes;. Gott sei es gedankt, kam ich mit dem Leben davon" Beim Ueberfall eines andren Dorfes wäre er um's Haar denen in die Hände gefallen, die er zu Sklaven hatte machen wollen; aber „Gott, der alle Dinge zum besten wendet, wollte es nicht, daß ich gefangen werde; und so entkam ich mit seiner Hilfe der Gefahr." Bei einer andren Gelegenheit meint der Seelenverkäufer nach Schilderung der unsäglichen Leiden seiner Mannschaft während einer Windstille ganz unbefangen:„Der allmächttge Gott, der niemals zuläßt. daß seine Auserwählten verderben, sandte uns endlich guten Wind." Auch dadurch wird ihm nicht um seine Gottähnlichkeit bange, daß seiner Expeditton schließlich erhebliches Malheur widerfuhr. Das lebende Ebenholz war in den amerikanischen Kolonien Spaniens glücklich abgesetzt; wer nicht gutwillig kaufte, ward gewaltsam dazu gezwungen. Da nahm schließlich eine spanische Flottille für die dreisten Friedensbrüche der Engländer Rache, indem der größte Teil vom Hawkins Schiffen in den Grund gebohrt wurde. Mit dem Rest entkam Hawkins nach England. Da aber der klingende Erlös für die menschliche Ware glücklich gerettet war, so kann der Sklavenjägcr am Schluß seines salbungsvollen Tagebuches doch den Himmel preisen. Wegen der ausgestandenen Mühsal und Gefahren stellt er sich und seine Leute auf eine Stufe mit den christlichen Märtyrern. Gegen diese gottvolle Auffassung seines nächstenliebenden Berufs fanden die Landsleute nicht das mindeste zu erinnern. Am wenigsten die Königin Elisabeth, die Hawkins sogar zum Minister machte und in den christlichen Adelsstand erhob. Warum auch nicht? Francis Drake ward für seine unübertroffenen Leistungen in der Secräuberei geadelt und mit einem Wappen versehen, das ein Schiff an einem vom Himmel her geleiteten Faden aufwies. Stand der Sklavenhandel etwa moralisch tiefer, als der Sceraub? Gewiß nicht. Und an Einttäglichkeit waren beide einander ebenbürtig: Grund genug für die jungftäuliche Königin, an Halvkins patentirtem Christentum nicht zu zweifeln.— Aus dem Tierleben. io. Die Kurzsichtigkeit der Krokodile und Schlangen. Mit großer Geduld hat der Wiener Naturforscher Werner die schwierige Ausgabe gelöst, die Kenntnis über die Sinnes Wahrnehmungen niederer Wirbeltiere, namentlich der Reptilien und Amphibien, zu erweitern. Er hat nicht weniger als 186 Individuen verschiedener Arten beobachtet, davon über 60 in Freiheit, wobei er jede Vorsicht gebrauchte, um den Tieren den Zustand der Ueberwachung nicht bemerkbar werden zu lassen. Zunächst ist eine von ihm hervorgehobene Thatsache bemerkenswert, ob gleich als solche nicht unbekannt. Die Reptilien wie die Amphibien haben nämlich eine eigene Witterung für das Vorhandensein von Wasser. Sie Pflegen auf ein Gewässer, das wegen einer großen Entfernung durch die gewöhnlichen Sinne unmöglich noch verraten werden kann, geradenwegs zuzugehen, als ob sie einen besonderen, für etwaige Ausdünstungen des Wassers empfindlichen Sinn besäßen, Außerdem suchen sie das Licht, unabhängig von seiner Wärme- Entwicklung, und verlassen oft die bequemsten und wärmsten Schlupf- Winkel, um der Sonne nachzugehen. Das Auge dieser Tiere ist ihr verhältnismäßig feinster Sinn, aber dennoch ist es recht schlecht um ihr Gesicht bestellt. Die Krokodile können nach den Beobachtungen von Werner einen Menschen, der um das zehnfache ihrer Länge von ihnen entfernt ist, nicht mehr erkennen. Auch die Schlange scheint nur eine sehr mittelmäßige Sehkraft zu besitzen. Eine Loa oonstriotor z. B. kann Gegenstände nur etwa auf ein Viertel oder ein Drittel ihrer Körperlänge unterscheiden, einige Arten sehen sogar nicht weiter als em Fünftel oder gar ein Achtel ihrer Länge. Die Frösche sind etwas bester gestellt, da sie ihre Augen noch auf die 15— 20fache Länge ihres Körpers gebrauchen können, wie auch die Froschjäger wissen dürsten. Uebrigens sind auch die Fische gewöhnlich kurzsichtig, indem rhr Auge nur auf Abstände von einem Meter oder gar nur ein Zehntel Meter eingerichtet ist. Die Linse des Auges ist bei ihnen mcht biconvex wie bei den höheren Wirbeltteren, sondern fast kugel- Verantwortlicher Redakteur: fönnig und somit in ihrer Anpassungsfähigkeit sehr beschränkt. Wegen ihres dauernden Aufenthalts in den; nur selten durch» sichtigen Wasser, in das auch das Licht nur bis zu einer geringen Tiefe eindringt, würden diese Tiere allerdings von einem weitsichtigen Auge wenig Vorteil haben. Die Kurzfichtigkeit der Fische erklärt übrigens ihre Unfähigkeit zur Wahrnehmung der Netze und Angelschnüre, Wahrscheinlich unterscheiden sie die meisten Gegenstände nicht deutlich, sondern sehen sie wie in einen Nebel gehüllt. Während bei andern Tieren die mangelhafte Begabung des Auges durch ein um so schärferes Gehör ausgeglichen wird, ist dies bei den niederen Wirbeltieren nicht der Fall. Die meisten Repttlien, nur mit Ausnahme der Krokodile, hören recht schlecht, und eine Boa scheint völlig taub zu sein.— Technisches. — H e r st e l l u n g von Schlackenwolle. Schlackenwolle wird zu Port Morris, N, I., wie„Stahl und Eisen" nach„American Machinist" mitteilt, aus altci»Schlackcn in folgender Weise hergestellt: Die schlacke wird in Stücke von 2 bis 4 Kilogramm gebrochen und mit 12 Proz. Kalkstein und 8 Proz. Sandstein in drei.Kupolöfen von 1,2 Meter lichtem Durchmesser und 3,7 bis 5,5 Meter Höhe ge- schmolzen. Der Kalk wird zugesetzt, um der Wolle eine weiße Farbe zu geben, der Sandstein, um sie leicht und flockig zu machen. Wenn die Beschickung geschmolzen ist, wird in der Nähe des Kupol- osenbodens ein Loch gemacht und die flüssige Masse in dünnem Strahl abgelassen. Ungefähr 300 Millimeter unter dem Boden deS Kupolofens wird ein Dampfstrom von etwa 6'/z Kilogramm Pressung eingeblaseu, welcher den Schlackenstrom erfaßt und die Schlacke in Kammern von 6 bis 9 Meter Weite, 12 bis 18 Meter Länge und 6 Meter Höhe hineinwirbelt. Die Kraft des DainpfftromcS ist so bedeutend, daß die feinere Wolle bis an das äußerste Ende der Kammer getragen wird, während die schwereren und gröberen Teile sich näher dem Eingang absetzen. Die so aufbereitete Wolle wird in Säcke gepackt oder zu Ballen von 75 bis 90 Kilogramm Gewicht gepreßt. Die Leistung der Anlage bettägt etwa 10 Tonnen in 13- bis 20stündiger Doppelschicht.—(„Technische Rundschau.") Humoristisches. — Umschlag. Lehrling:„Herr Prinzipal, ich Habe diesen Morgen ein falsches Zwanzigmarkstück eingenommen." Chef:„Sie sind ein Esel— ein Kamel..." Lehrling:„Ich hab's aber schon wieder ausgegeben..." Chef(besänftigt):„Sie sind ein tüchtiger Mensch, Meiert"— — BoshafterZweifel. Ueber-Jüngling:„Glaube, ich muß, um wieder ordentlich ins Geleise zu kommen, zu kaltem Wasser Zuflucht nehmen." Der andre:„Meinen Sie, daß es s o kalte? Wasser giebt?"— — Nach der Schlägerei.(Bericht des OrtS-Gendarmen an die vorgesetzte Behörde.)„Besonders an der Rauferei beteiligt hat sich der Bauer mit einem Maßkrug und seinem eignen Kopfe. Sein Zustand ist hoffnungslos, da er sich in der Behandlung des hiesigen Kreis-Chirurgus befindet."—(„Lustige Blätter.") Notizen. — Der Schweizer Ständerat stimmte einem Antrag zu, daß künftig auch Musik und Dichtkunst aus Bundes« Mitteln unterstützt werden sollen. Doch wurde gewünscht, daß dabei in weniger einseitiger und in unparteiischerer Weise vor« gegangen werde, als bei der Subventionierung der Kunst. Bisher sei in auffälliger Weise die„Secession" begünstigt worden.— — Grillparzers Trauerspiel„Ein Bruderzwist im ause Habsburg" wird in der nächsten Saison im Berliner h e a t e r gegeben werden.— — Die Waldspiele der Finkenschaft, in denen Dramen von Peter Hille aufgeführt werden sollen, finden am 11. Juli in Schlachtensee(Reue Gemeinschaft) statt.— — Der Wiener Komponist Max Bruch hat ein neues Werk für Chor. Orchester und Sopransolo„Nal und Damayanti" vollendet.— c. Eine Aufführung von PonchielliS Oper„Giaconda" im Hofe des D o g e n p a l a st e s plant der Mailänder Musikvcrleger Sonzogno, Die Handlung des ersten Aktes der Oper spielt im Dogenpalast.— — Einen schiffbaren Weg zwischen dem Tschad» ee und dem Atlantischen Ocean soll eine französische Expedition erforschen. Man beabsichtigt, den Niger und Bonue bis Zola hinaufzugehen, und dann dem Maho-Kebi durch die Tubori» 'ünipfe zum Longue, einem Nebenflusse des Schart, zu folgen. Falls ich diese Verbindung als schiffbar erweist, so würde die Fracht für ne Tonne Waren vom Atlantischen Weltmeer bis zum Tschadsee sich auf etwa 400 M. stellen und die Ueberführung der Lasten nur zwei Monate erfordern, während jetzt über den Kongoweg sechs Monate erforderlich sind und der Frachtsatz 1600 M. für die Toime erreicht.— Carl Lei» in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer sie Co., Berlin SW