Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 123. Freitag, den 3. Juli. 1903 (Nachdruck verboten.) i3] Böte JVracbte» Roman von Jonas L i e. Langsam knirschend bewegte sich das Hofthor, die Stille unterbrechend. „Spute Dich, Anne, und laß die Säue hinein,— und schließ die Pforte," rief Gjertrud. Sie lief hinab und er- griff den Hund beim Nackenfell, der bellte und sich los- zumachen suchte.--„Es gießt heut keinen Sausport, Tyras, merkst Du wohl?" „Diese Bestie!— Leg' ihn an die Kette." Der Direktor wandte ihr unwillig den Rücken zu. Im selben Augenblick rasselte es auf der Landstraße, und in voller Fahrt sauste ein in eine Staubwolke gehüllter Wagen vorüber, der Stadt zu. Der Direktor erhob sich und brummte dem dahineilenden Gefährt einige unverständliche Worte über die grünen Spitzen des Geländers nach. Er hatte eine überlegene Haltung an- genommen, während er gleichzeitig Front machte, falls man möglicherweise grüßen sollte. „Der Landrat!" rief Klaus, der die Treppe hinauf- gesprungen kam. Der Direktor sah hastig nach der Uhr, was Klaus nicht entging. „Wenn eine Einladung von Johnston kommen sollte, muß sie innerhalb einer halben Stunde hier sein," erklärte der Sohn und ging pfeifend den Weg hinab, als wolle er Ausguck halten. Der Direktor setzte sich und sah andächtig auf seinen einen Stiefel hinab, den er auf die Bank gestellt hatte. Er strich sich nachdenklich über das Kinn, die Bartstoppeln wieder und wieder befühlend,— suchte dann plötzlich die Post zu- sammen und begab sich in das Schlafzimmer.—„Warmes Wasser!" hörte man ihn rufen. Der Schatten des Kirschbaumes fiel bereits schräg über den Gartensteig, und Frau Bratt fing an, die Nelken rings- umher auf dem Rasen zu begießen. *** ' Es war gegen Abend, als Klaus in heller Empörung zurückkam. „Ist das nicht wirklich sonderbar, gelinde gesagt, höchst eigentümlich, findest Du das nicht auch, Vater— so wie Du ihn bestjeder Gelegenheit einlädst!" „Der Mann muß doch thun können, wozu er Lust hat," entgegnete der Direktor kurz. „Ach," wandte Frau Bratt ein,„wir wissen ja, wie Johnston ist. Er ist so zerstreut, und wenn man schließlich der Sache auf den Grund geht, hat er gar nicht einmal daran gedacht, jemand einzuladen. Johnston vernachlässigt den Vater nicht!" „Diese Zerstreutheit, ja, die mag ganz liebenswürdig sein: aber ich habe doch noch nie erlebt, daß er dadurch irgendwie im Nachteil gewesen wäre!" Klaus stutzte. Der Vater hatte sich gründlich geärgert. Und sogar frisch rasiert hatte er sich! „Die Sache ist natürlich ganz einfach, daß Johnsion es vorzieht, sich der Stadt gegenüber allein mit seiner vornehmen Verbindung zu brüsten, ohne den Vater dazuzuziehen!" schluß- folgerte er. „Du mit Deinem„natürlich ganz einfach"," fuhr ihn Gjertrud heftig an,„der Vater braucht nur mit dem Finger irgendwo hinzuzeigen, so bellst Du hinterdrein, gerade so wie .Tyras!" „Nein, nein, Klaus, was denkst Tu nur?" verwies ihn die Mutter beruhigend,„Johnston ist nicht kleinlich, das liegt seiner ganzen Natur viel zu fern." „Klaus hat recht, es ist höchst sonderbar!" schnitt der Direktor alles fernere Gerede über die toache ab.„Johnston hat seine schwachen Seiten, seine schr schwachen Seiten." Hastig öffnete er die Thür und ging hinein, IX Der folgende Tag war der„heiße Tag", wie der Direktor ihn getauft hatte. Das Comptoir in der Stadt war am Sonnabend ge- wöhnlich von Leuten belagert, die ihn abfassen wollten, ehe er in irgend eine Versammlung entschlüpfte und schließlich in der Sparbank verschwand.— um etwas von ihn: zu er- reichen,, ein Versprechen oder die Zusage, daß er sich für ihre Sache interessieren wolle. An einem solchen Tage atmete er förmlich auf, wenn er erst glücklich durch den Thorweg und über die Diele ge- kommen war und die paar dringendsten Bittsteller, die mit aufs Comptoir genommen werden mußten, abgefertigt hatte. Mit allen Anzeichen der Hast stand er da, die Papiere unter dem Arm, bereit, von dannen zu stürzen. Er antwortete ruhig, kurz und offen, weil er dadurch am meisten Zeit sparte, und steuerte dann die Straße hinauf, hie und da zur Seite schielend, wenn er Leute zu erblicken nieinte, die ihm möglicher- weise auflauerten. Er lächelte,— ihm begegnete ein solider Schiffsreeder, der von der gemütlichen Seite genomnien werden mußte. Von Mittagessen konnte keine Rede sein, höchstens konnte er aufs Comptoir hinüberspringen und ein paar zusammen- gelegte Butterbrote mit Fleisch oder Schinken hinunter- schlingen, die er von Hause in Papier gewickelt mitgebracht hatte, und eine Flasche Bier dazu trinken,— oder er stahl sich des Vormittags einen Augenblick ab, lief zu Johnston hinüber und ließ sich ein Glas Portwein von Fräulein Rönne- berg geben. Slber das fiel ihm heute nicht ein,— bewahre.— Unter der Last und Mühe des Tages war er bis zum Nachmittag gelangt und hatte schon ein gutes Stück der Spar- banksitzung hinter sich, als der Kassierer den Kopf hastig in das Direktionszimmer steckte und meldete, daß Herr Johnston ihn zu sprechen wünsche. „Sind es Bankangelegenheiten, so stehe ich zur Ver- fiigung,— aber er kann ja selber sehen, wieviel Leute noch da draußen bei Ihnen warten." „Herr Johnston will draußen sitzen bleiben, bis es dem Herrn Direktor paßt," lautete die Antwort. „Hm, ein feiner Herr," murmelte der Direktor:„wir müssen die Ehre zu würdigen wissen, Gaarder, und uns be- eilen! Lesen Sie die Bewilligungen vor, Kämmerer, dann unterschreiben wir das Protokoll."— „Bitte, Johnston," rief er daraus zur Thür hinaus,„die Sitzung ist geschlossen." Ein wenig formell bot er ihm einen Stuhl. Der silberweiße Kopf und die sanften Züge des Wege- Inspektors zeigten sich vorsichtig hinter Johnston in der Thür: „Darf ich— kann ich— so frei sein?" „Hier sind ja drei vom Vorstand zugegen," begann Johnston,„und da ich selber der vierte bin. kann man hier vielleicht eine Sache zur Sprache bringen. Wir haben ja bei- nahe die Stimmenmehrheit," lächelte er. „Ich meinerseits bin ganz Ohr," versicherte der Direktor. „Die Sache ist die, daß der Landrat, wie Du wohl weißt, gestern abend bei mir gewesen ist." „Kann nicht gerade behmipten, daß ich es weiß: aber das ist ja einerlei. Nun, wir warten voller Spannung." „Ich habe ihm mit Hand und Mund versprochen, daß ich mich einer Sache annehmen will, die ihm sehr am Herzen liegt, und die auch meiner Ansicht nach von großer Bedeutung für die Stadt ist. Es handelt sich nämlich um eine Regelung des Touristenverkehrs, der hier zu Lande ja einen so un- geheuren Aufschwung genommen hat. Peter Enoksens Post- halterei ist ja eine förmliche Institution geworden, die mit den Dampfschiffen in Verbindung steht und inseriert und Reklame macht. Der Landrat hat durch den Wege-Jnspektor Finkenhagen eine Zählung der Reisenden veranstalten lassen; diese weist eine Nummer auf, die fast das Doppelte von dem beträgt, was erforderlich ist, um eine regelmäßige Diligence- fahrt hier von der Stadt ans einzurichten. Darf ich Sie bitten, meine Herren, das Verzeichnis der Reisenden von diesem Sommer in Augenschein zu nehmen?" Er reichte Bratt das Papier: dieser warf einen flüchtigen Blick darauf und reichte es dann dem Kämmerer Vaage. Das milde, zuvorkommende Gesicht i}es Wege-JnspektorS bekam einen noch sanfteren Ausdruck bei dieser glatten Ex- ffebttfon der„Grundlage der Sache". Der Direktor war selbst- redend auf Johnstons Seite. „Ich muß gestehen," begann er mit vorsichtiger Wärme, >ich habe mich bereits zwei Jahre für diese Idee interessiert,— in aller Stille, aus leicht begreiflichen Rücksichten, he, he."— „Aus leicht begreiflichen Rücksichten." höhnte der Direktor und sah zu ihm hinüber mit einem Ausdruck, als schiene ihm die Sonne in die Augen.„Das heißt, Sie wünschten nicht, daß Ihnen Peter Enoksen auf den Nacken käme. Nein, mit dem ist nicht gut Kirschen essen; er fragt nichts danach, daß seine Posthalterei zu Grunde gerichtet wird." „Die Idee ist sozusagen mein Lieblingskind geworden, Herr Direktor,— und wenn meine geringe Einsicht und meine bald siebenundzwanzigjährige Erfahrung in Bezug auf den Landstraßenverkehr hier im Distrikt in die Wagschale fallen kann, so soll es mir eine Freude sein, die Sache zu stützen." „Ja stützen Sie nur,— ich halte dagegen,— und ich will hier, gleich meine Gründe anführen. All dergleichen Lappcnkram und provisorische Geschichten mit Deligenren usw. hindern und verzögern nur das, was für die Stadt uiid Umgegend die Hauptsache sein muß,— nämlich das Streben, eine Eisenbahnlinie hierher zu legen.—— Es thut mir leid. Johnston," sagte der Direktor,„daß ich in dieser Angelegenheit Deinem Landrat nicht dienen kann, grüße ib.n nur von mir und sag' ihm das. Wir behalten unsre Posthalterei, bis wir eine Eisenbahn bekommen. Das ist ein klarer Bescheid, und fo sicher wie irgend ein Programm!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Puttkamerun. Von Emil Nosenow. Der kleine, von zwei flinken Juckern gezogene Korbwagen fuhr in flottem Tempo über die schmale Straße auf das Gut zu. Einsam lag es da. Der Besitzer war ein reicher Magnat und zog es vor, unter mehreren Gütern, die er sein Eigentum nannte, einen alten schlcsischen Herrensitz zum Aufenthalt zu wählen. Ein Inspektor ver- waltete dieses weltentlegene pommersche Gut. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Die beiden Herren im Wagen reckten die Hälse. Der eine war der Oberförster, der andre der Rittergutsbesitzer Baron v. Kösteritz. Als der Wagen mit einem Hinterrade in die tiefe Lehmfurche der Straße geriet, fluchte der Baron. Der Oberförster aber lachte. „Ja, Herr Baron, wir sind schon tüchtig geschüttelt worden. Man fühlt seine Knochen. Dat sind nu so die Leiden und Freuden «ines ReichStags-Kandidaten. Haha l" „Verdammt, ich wollte, die Geschichte wäre vorüber," brummte Herr v. Kösteritz.„Man kommt kaum mehr nach Hause. Und dann dieses Schönthun mit den Tagelöhnern, Hofgängern o tutti quanti. Paßt mir schon lange nich' mehr. Da ist's bei der Landtagswahl schöner, da redet man mit Seinesgleichen." „Aber wir ha'ni die Leute doch'mal nötig." versetzte der Ober- förster.„Wenn wir nicht freundlich zu ihnen sind, dann wählen sie rot, sehen Sie... also." Herr V Kösteritz erwiderte nichts, so verdrießlich war er. Ueber- dies fuhr jetzt der Wagen in den Gutshof, die Herren sprangen ab. Eine Magd trappste über den menschenleeren Hof. „Hei, Stine", rief der Oberförster,„wo is der Entspekt'r?" Die Magd wischte sich mit dem Arm über den Mund und ant- Vortete mit einer tiefen Stimme: „Hei is' in de Lütstuw." Die beiden gingen ins Haus. Der Oberförster voran. Er stieß die Thür zur Leutestube auf, emem niedrigen Räume, schmutzig, verräuchert, mit zerbrochenen Fensterscheiben. Inmitten der Stube stand der Gutsinspektor, die Pfeife im Munde. „Tag, Tantow", sagte der Oberförster,„hier stelle ich Ihnen den Reichstags-Kandidaten der konservativen Partei vor, Herrn Ritter- autsbesitzer Baron v. Kösteritz. Herr Baron möchte sich mit'n paar Gutsleuten bekannt machen... wissen Sie, von wegen der Wahl." Er zwinkerte mit den Augen. Der Inspektor nahm die Pfeife aus dem Munde, zog die Mütze. „Dat hat bei uns all' keine Not, Herr Baron", sprach er. „Wenn Wahl is', dat is' bei uns man so: hei, neben de Lütstuw, is' för't Gut dat Wahllokal. Nu, un' dann ruf ich die Tagelöhners hei in de Stuw tosammen, halt ihnen'ne Rede, dann giebt's man'» Butterbrot un''nen Schnaps. Jeder kriegt'nett konservativen Stimm- zettel, dann geht's heiuebcn ins Wahllokal, da stecken wir se in de Eigarrcnkistc un' denn is't man goot." Der Oberförster lachte aus vollem Halse, der Kandidat aber meinte würdig: „Nun, ich möchte wenigstens mit Ted oder jenen:'mal'n paar Worte sprechen, daß die Leute auch bemerken: die konservative Partei hat'was übrig fürs Volk." Der Inspektor nickte. Er wies durchs Fenster auf die längs der ausgefahrenen Straße liegenden etwa zwölf Lehmhäuser und sagte: „Da is' dat Dorf, Herr Baron. ES werden woll einige zu Hause sein. Sie sind alle gut, unsre Leute. Bloß die Hofegänger, da sind manchmal verdammtige Kerls drunter. Da möt man sich fürsähn." Der Baron nickte kurz und empfahl sich. Er ging mit dem Oberförster über den Gutshof und die Straße hinunter. Der Ober- förster erzählte gut gelaunt allerlei Wahlstücklein. Wie sie die social- demokratiichen Flugblattverbreiter mit Hunden aus dem Gutsbezirk 'rausgehetzt hatteü, wie sie in der„Preußischen Krone" einen Socialdemokraten, der in einer konservativen Wählersammlung„zur Geschäftsordnung" das Wort verlangt, die Treppe hinuntergeschmissen hatten, wie sie einen fremden Hofegänger, der bei der Arbeit die Marseillaise gesungen, durch den Gendarmen in Polizeigewahrsam hatten bringen lassen und überdies beim Gericht fünf Mark Strafe durchgesetzt hatten wegen Singens aufrührerischer Lieder. Der Baron hörte das alles mit an und lächelte oder nickte beifällig dazu. Derweilen kamen sie ins Dorf. In den paar Lehmhäusern wohnten je drei oder vier Familien, und aus den niedrigen Fenstern blickten die Köpfe von Frauen und Kindern heraus, die, als sie die noblen Herren, in grünen Jägerröcken und Hütchen, mit blankgewichsten Kanonenstiefeln erblickten, sich scheu zurückzogen. „Se sünd man'n bisken blöde", lachte der Oberförster, da wer'n Sie nichts'rausbringen, Herr Baron." Vor einem Haitze saß ein alter Mann, die bloßen Füße in Holz- Pantoffeln, hemdärmelig. Er hatte ein Stück grobes Brot neben sich liegen. Zwischen den Beinen hielt er eine Forke und kratzte mit dem Taschenmesser bedächtig hartgewordenen Kuhdünger ab. „Guten Tag," sagte der Baron freundlich. Da der Mann sich nicht rührte, gab ihm der Oberförster einen Puff.„Heda...1 Paß upp. Der Herr will mit Di spreken." Der Alte ließ erschreckt die Forke sollen, fuhr auf und starrte die Fremden mit aufgerissenem Munde an. „Er is' ein Altersrcntner," erläuterte der Oberförster,„er kriegt Rente aus der Altersversicherung. Solche Leute nehmen die Tage- löhners gem.'s sünd man immer den Monat'n paar Mark Bar- geld." „Aha, aha," machte der Baron wohlwollend. Dann ftug er: „Was machen Sie denn da?" Der Alte guckte seine Forke an.„Utmest hew ick." «Hm... so. Also arbeiten können Sie noch? Da erweist Ihnen der Staat doch eine große Wohlthat. wenn er Ihnen trotzdem eine solche Rente zuwendet. Nicht wahr?" Der Alte sah ihn mit großen Augen an. Offenbar hatte er gar nichts verstanden. „Ju. ju." sagte er. „Nun, dann will ich hoffen, lieber Mann, daß Sie sich am Wahltage dem Staate dankbar erweisen und den Sttnnnzettel der konservativen Partei in die Urne stecken werden." „Ju, ju," sagte der Mann. Der Baron lüftete den Hut und ging mit seinem Begleiter weiter. „Ich denke, so war's gut. Kurz und bündig" Er sah sich nochmals nach dem Alten um, tvohl um den Ein- druck seiner Worte zu studieren. Der Mann saß bereits wieder auf einer Bank und schnitt mit dem Messer bedächtig sein Brot. Die Herren traten in eine der niedrigen Lehmhütten. „Wer wohnt denn hier?" fragte der Baron. Der Oberförster zögerte.„Es wohnen hier vier Tagelöhner," sagte er.„Na, gehen wir'mal hier unten'rein." Er stieß eine niedrige Thllre auf, und sie traten in einen unwohnlichen schmutzigen Raum, in dessen Mitte um den viereckigen wackligen Holzttsch die Tagelöhnersfamilie saß, der Mann, die Frau, ein alter Mann und zwei Kinder. Sie löffelten aus einer großen Schüssel. Als unter der Thüre die beiden Herren auftauchten, standen sie sämtlich, förmlich erschreckt vom Tische auf. Wenn die zu ihnen kamen, wollten sie sicher nichts Gutes I Aber der Oberförster winkte leutselig, sie sollten sitzen bleiben. «Wir wollten Sei man bloß besöken, Müller", sagte er freundlich. „Der Herr Baron v. Kösteritz hier is unser Reichstags-Kandidat. Er wull Ihre Sttmme hebben für die Reichstagswahl." Der Tagelöhner guckte seine Frau an und den alten Mann. Verlegen strich er seine Hemdärmel herunter. Er wußte offenbar nicht, was er in solcher Siwation zu sagen habe. „Ist das Ihre Familie?" frug der Baron. Der Tagelöhner sah die vier Personen um den Tisch an und nickte dann zögernd und furchtsam. Herr v. Kösteritz seinerseits trat freundlich an den Tisch. „WaS hat Mutter denn da gekocht?" frug er eines der Kinder. „Mangeten l" war die Antwort. Er betrachtete das Gemengsel in der Schüssel: Kartoffeln, Borrec, Sellerie, Petersilie, Mohrrüben, Erbsen und Saubohnen. «Habt Ihr auch gutes Brot... wie?" „Nu, Grovbrot," gab die Frau zögernd zur Antwort. „Aha... aha... und Fleisch habt Ihr auch genug... wat?" „Nu... wenn wir tröck' Tüffcl(trockene Kartoffeln) eten, dann hevv'ck Speck." „Speck... hm l Ja, ja, ganz recht." v. Kösteritz frug nicht iveiter und wandte sich wieder an den Tagelöhner: „Sie haben Wohl schon oft zum Reichstag gewählt, wie?" »Ju.{«," erwid-rte der Mann. »Und reichstreu haben Sie auch gewählt, tote?* Der Oberförster kicherte.„Nu, toat bat is', Herr Baron, dafor leg' ich miene Hand in't Füer." «Nun, dann hoffe ich, daß Sie auch dieses mal wieder unter den Männern der Ordnung stehen werden. Adieu. Ihr Leute." Der Baron wandte sich zum Gehen. Der Oberförster aber schrie dem Tagelöhner ins Ohr, als ob er schwerhörig wäre:„Patz tipp, Müller, dat kannst du di Annern liehren. Der Entspekt'r hat sagt: wenn die Lüt nich' wählen, wie wir wöll'n, denn giebt es för's Besen- binden keine fufzig Penning mehr. Un die Hofearbeit wird schlechter un allens wird schlechter. Dat kaitnst du die Lüüt sagen, ich, der Oberförster, hät's sagt. Tag." Er kam hinter dem Baron her, der rasch voraufging, um nichts zu hören. Als er einen Blick seitwärts warf, standen die Leute wie von einem Alp befreit. Aber die Frau hatte ihr Gesicht gegen die schmutzigen Scheiben gepretzt und Ivarf ihnen finstere Blicke nach. „Ist es nicht bald genug?" fnig Herr v. Kösteritz den Ober- förster. „Jawohl, Herr Baron, aber wir wollen doch noch zur Heu- scheune herübergehen. Da wird jetzt eingefahren. Da können Sie mit die Utlänners(nicht-pommersche Hofgänger) sprechen." Der Baron erwiderte nichts. Mitzvergmigt ging er neben seinem Führer her. Vor der Scheune stand ein hochbeladeuer Heuwagen. Aus der Scheune tönte Durcheinanderreden und Fluchen. Ein halb abgeladener Heuwagen stand inmitten der Scheune, während rechts und links das aufgeschichtete Heu zu hohen Wällen emporwuchs. Eine solche drückende Hitze entwickelte das warme Heu, datz der Baron schon vom Sttllstehen schwitzte. Auf dem Wagen standen zwei„Manns", nur mit Hemd und Hose bekleidet, und richteten mit den Forken das Heu hoch. Es wurde stufenweise aufgeschichtet, und auf jeder Sttise oder„Futz" standen zwei MannS und reichten mit Forken das Heu weiter, bis es von den letzten hoch oben hin- gelagert wurde. Die Knie zitterten den Leuten und der Schweitz tropfte ins Heu. Beim Emporheben des Heues fiel ihnen der Heu- samen in den Nacken und verursachte auf der schwitzenden Haut ein schreckliches Jucken und Brennen. Konnte es mal einer nicht mehr aushalten und kratzte sich, so fiel den unteren beim Zureichen das Heu von der Forke. Dann fluchten sie und schlugen oder stachen mit den Forken nach dem Manne, der sich laut schreiend verteidigte. „Die Frechsäcke das sünd die Utlänner," erklärte der Oberförster dem Baron.„Dat sünd meist Handwerksburschen, Arbeitslose aus den Grotzstädten. Aus Not verdingen sie sich, und wir nehmen se von wegen den Leutemangel... Wat Gutes sünd die nich!... Lauter Sozjaldemokraten." „Ganz recht, ganz recht," nickte der Baron. „Halloh, Ihr Lüt II" schrie der Oberförster.»Halt man upp, kommt man runner!" Augenblicks entstand Totenstille. Die Leute starrten die beiden noblen Herren an. Dann erklärte der„Statthalter", der die Arbeit beaufsichtigte, die Leute könnten nicht herabkommen: sie würden sonst die Stufen eintteten und der Heustotz käme ins Rutschen. „Na, dann bliebt man oben," sagte der Oberförster jovial. „Aber kiekt Euch den Herrn mal an. Kennt Ii den? Hä? Dat is der Herr Baron v. Kösteritz, unser ReichstagSkandidat, der Euch in'n Reichstag vertreten soll." Die Tagelöhner starrten den Mann an wie ein Meerwunder, die„ausländischen" Hofgänger aber kicherten. Dem Baron war's peinlich. Er setzte eine Offiziersmiene auf, trat sttamm vor und schnarrte: „Leute, seid Ihr gediente Soldaten?" „Ju, ju," sagten einige. „Seid Ihr im Kriegerverein?" Ja, das waren sie. „So latzt uns unsre gemeinsamen Gefühle zusammenfassen in den Ruf: Das deutsche Vaterland... Hurra 1 1" „Hurra I" riefen die Leute. Das waren sie so vom Krieger- verein her gewöhnt. Herr v. Kösteritz lächelte wohlwollend, lüftete den Hut und wandte sich zum Gehen. Im selben Augenblick steckte ganz oben ein„Utlänner" den Kopf aus den, Heu und krähte wie ein Hahn: „Die Socjahldemokratte lebe ho— o— och I" Wie von der Tarantel gestochen, fuhren die beiden Wahl- agitatoren herum. Der Oberförster sprang dicht vor den Heuhaufen und schrie krebsrot vor Wut: „Langt ihn runner, den Hundt Langt ihn runner I" Der Statthalter und die Tagelöhner kletterten die Heustufen empor, um den Unhold zu erwischen. Die Hofegänger aber ergriffen seine Partei und setzten sich zur Wehr. Es entstand ei» Hin- und Herstotzen.„Die Fütz', die Fütz' I" schrie der Statthalter. Aber es war zu spät. Ein paar„Heu-Fiitze" waren abgetreten, die Tage- löhner rutschten herab und suchten sich am Heu zu halten. Plötzlich gab's einen allgemeinen Auffchrei. Der Heuwall bog sich vornüber, die Leute purzelten herab und lagen unter einem Berg von Heu begraben in der Scheune. Einen Augenblick sah man nichts als Heu. Dann krochen allmählich die Leute hervor: schlietzltch pellten sie den Oberförster und den konservativen Reichstags-Kandidaten heraus. Sie mutzten den Herren das Heu vom Leibe raffen, ehe sie wieder menschenähnlich wurden. Der Anblick war so ungeheuer komisch, daß dl« Leute w lautes Gelächter ausbrachen. „Wo is der Demokrat? I" schrie der Oberförster. Aber der hatte sich längst davon gemacht. „Kommen Sie, kommen Sie," sagte der Baron ganz bestürzt und zog seinen Begleiter aus der Scheune. Als sie drmitzen in der Sonne standen, sah einer den andern mit wutfunkelnden Blicken an. Einer wollte den andern mit Vor-- würfen überschütten. Aber dann bezwangen sie sich und suchten einen gemeinsamen Ableitungspunkt für ihre Wut. „Da sieht man's wieder'mal," schnaubte der Baron,„das all« gemeine Wahlrecht.. „Ja," sagte der Forstmeister und seufzte tief,»ja, wenn wir das Dreiklassen-Wahlrecht hätten..1"— Kleines feuilleton. oe. Die Maus. Es saß eine Maus in der Falle, ein aller- liebstes kleines Ding. Im grauen Sammetrock saß es da, hob dis Vorderpfötchen, drehte den Kopf nach rechts und links, und lugta mit den kleinen Funkeläuglein dumm-pfiffig in die Welt. Die Müller schrie auf, als sie den Fang erblickte:„Eine MauS, huh, eine Maus!" Ihr Helles Gekreisch klang durch die ganze Wohnung. Es klang auch nach vorn, wo die Familie noch beim Morgenkaffee saß. Die Familie will sagen: Mama, Adele, die Aeltcste und Willy, der Quartaner. Papa war schon in das Bureau gefahren. Mama ließ das Morgenblatt sinken und horchte aus: „Was hat denn die Müllern?" „Sie quietscht!" sagte Willy. „Red' nicht so ordinär I" schalt Adele. „Sie quietscht aber doch," beharrte Willy und brach zugleich in ein wahres Jndianergeheul aus:„Eine Maus— sie schreit eine Maus! Hurrah, es hat sich eine Maus gefangen." Er warf die Buttersemmel auf den Kaffeetisch und stürzte nach der Küche. Sein Schrei wirkte wie ein Stichwort, Mama und Adels sprangen gleichfalls auf und stürmten ihm nach. Im Halbkreis standen alle um das Küchenspind, darin das Mäuschen in der Falle saß. „Endlich," sagte Mama,„eS wurde Zeit! Und seht mal bloß solch eine große." „Da wundert man sich, wenn immer allens beknabbert is."" sagte die Müller,„na nu wer'n wir Ruhe haben. Jetzt geht's Dftl an den Kragen, Du Racker." Sie drohte dem Mäuschen mit ihre« schwieligen abgearbeiteten Faust. „Aber eigentlich ist sie sützl" sagte Adele schwärmerisch.„AH, seht mal, es macht Männchen, das liebe Tier." „Liebes Tier is gut," meinte die Müller,„liebes Tier, daS allens anknabbert, danket" „Aber hübsch ist sie doch" „Entzückend!" nickte Mama und nahm das Stillorgnon:„Wls sie die Ohrchen spitzt." „Richtige Schweinsohren," behauptete Willy. „Und solch niedliches Tier soll nun sterben." Adele jammerte ordentlich. „Willst sie Dir vielleicht ins Glasspind setzen?" fragte Mamc» spöttisch. Willy schrie auf:„Au ja, Mama, ins Doppelfenster und dann kaufen wir'ne weiße dazu, und wenn sie dann Kleine kriegen.." „Du bist wohl verdreht," schnitt Mama seinen Erguß ab. Die Aufwartefrau lachte hell auf:„Na ja, ins Doppelfenster. Se haben woll noch nich genug von dett Ungeziefer? Huh, se kommt rausl"' Sie nahm ihre Röcke zusammen und sprang zurück. Die beiden Damen schrieen gleichfalls. Die Maus ratterte in der Falle umhev und drehte sich wie ein Quirl um sich selber. „Sie kommt rausl Sie kommt rausl" Mama flüchtete nach der Thür. Adele stieg auf den Küchen- schemel. Willy schrie:„Wer seid Ihr denn verdreht? Sic turnt ja bloß. Mama, wenn sie Kleine haben, kann man sie doch vcr- kaufen. Der Vogelhändlcr giebt'n Sechser für's Stück. Mama« ich setze sie ins Doppelfenster." „Auf keinen Fall! Ich schlafe keine Nacht, wenn das schrecklich« Vieh im Hause bleibt" rief Adele. „Ich werde die Maus im Hause behalten," sagte Mama cnt, rüstet.„Die Maus kommt fort! Was machen wir denn bloß mit ihr?" „Der Katze geben," riet die Müller. „Ja, ja, der Katze geben." „Das giebt noch'n Heidenspaß, wenn die nach ihr rennt," juchzte Willy,„ich seh' zu."_. „Aber gleich mutz sie weg." trotzte Adele.„Nehmen S:e dtS Falle. Frau Müller, und tragen Sie sie'runter." „Wer? Ich?" Die Müller drehte sich um. sie war wahrend dcS ganzen Tumults schon wieder an ihre Abwaschwanne getreten und hatte zu arbeiten begonnen. Jetzt zog sie die nackten Arme aus dem Waffer und stemmte die Hände in die Seiten.„Ich soll die Maus wegbringen? Nee, ich faß' ihr nich an.." „Na, haben Sie sich nur nicht," sagte Mama,„wer soll szK denn wegbringen? Ich etlva?" „Ich sah' ihr nich an," beharrte die Müller,„denn kommt einen der Schwanz an die Finger.. Nee!" Sie schüttelte sich vor Entsetzcin „Gott, das ist ja aber einfach albern." rief Adele. Sie stand Noch immer ans dem Schemel:„Thun Sie doch nicht so etepetete, das haben Sie doch wirklich nicht nötig." „Das sollte ich auch meinen," entrüstete sich Mama.„Spielen Sie sich doch nicht auf, nehmen Sie die Falle und fort mit dem Jux. „Nee, ich kanu aber nich; dann kann's ja der Willy machen, jammerte die Müller.„Ich kann det nich anfassen, jnädige Frau— mir schuddert so." „Ich werde das Kind die Maus fortbringen lassen." Mama tvurde ernstlich empört: in ihr Gesicht stieg eine zornige Röte: „Ich will Ihnen mal was sagen, Müllern, entweder Sie thun die Arbeit, die man Ihnen aufträgt, oder Sie lassen das Arbeiten bei mir überhaupt sein. Ich kriege alle Tage Arbeitsfrauen, das lassen Sie sich gesagt sein." Sie erhob ihre Stimme. „Na eben," stimmte Adele bei,„so viel Geschrei um eine Maus, das ist ja lachhaft. Dann nimmt man sich'ne andre Aufwärterin. Die Portierfrau hat mich schon gefragt, ob sie nicht die Stelle be- kommen kann." „Nu ja, ich mach's ja schon." Die Müller knickte ordentlich zusammen.„Dann>ver' ich das Vieh ersäufen." Sie trocknete sich die Hände an der Schürze ab, fahte die Mausefalle mit dem Feuer- haken und warf sie in den Aufwischeimcr.„So, nu is se dot, aber Sie fassen ja so was auch nich an, jnädige Frau, Sie nich und's Fräulein auch nich." Sie sagte das Letzte nicht laut, sie brummelte es nur vor sich hin, die Mama hatte es aber doch gehört, sie drehte sich in der Thür noch einmal um:„Wollen Sie was? Was Ivollen Sie? Hören Sie mal, Müllern, werden Sie nicht frech I Wollen S i e sich etwa mit meiner Tochter und mir vergleichen? Wir sind Damen, aber solcher Arbeiterfrau, wie Ihnen, kommt es wirklich absolut nicht zu, so furchtbar albern zu sein."— Kunst. — D i e Allein- Seligmachende. In einem Feuilleton- Artikel„Münchener Eindrücke" schreibt Richard u t h e r in dem Wiener Tageblatt„Die Zeit": Max Lieber- mann spielt bekanntlich in der„freien" Berliner K�nst ein wenig die Rolle wie in der offiziellen der Kaiser. Er dirigiert den Ge- schmack. Er hat es, gciswoll und anregend, dahin gebracht, dah die Leiter der Kunstsammlungen seinen Worten ebenso viel Gewicht wie die Kritiker und die Besitzer der KunstsalonS beilegen. Nu», ich ver- ohre Max Liebermann. Ich erkenne Cassirer an. Ich halte auch Manct und Monet, Cezannc und Dcgas für sehr grohe klassische Meister. Aber muß deshalb die alte Wahrheit vergessen werden, daß viele Wege nach Rom führen? Ist das Reich der Kunst nicht so Iveit, daß auch mancher, der nicht Impressionist ist, darin Platz findet? Die Entwickelung der neuesten Kunst vollzog sich, wie ich glaube, sehr logisch. Wir danken den Impressionisten, daß sie einer akademisch erstarkten Kunst eine neue, auf selbständige Natur- anschauung begründete entgegensetzten. Wir danken es ihnen, daß ■ftc durch ihr Studium der Tonwerte unser Auge für ganz neue Har- monien, für ganz neue 5tlänge empfänglich machten. Doch da es im Wesen jeder Kunstrichtung liegt, daß sie, das Eine betonend, anderes außer acht läßt, war das Programm des Impressionismus zu modi- fizieren und zu erweitern. Man sollte Freiluftszenen im Freien malen. Schön. Doch die Bilder kamen in Jnnenräume, und da wirkt Frcilicht oft brutal. Man sollte dem Lichtleben bis in seine feinsten Nuancen folgen. Schön. Doch was half es, wenn die Bilder nur wie ein undeutliches Chaos wirkten? Man sollte„nicht abgehen von der Natur in dem Gutdünken, daß man solches aus sich fclbst heraus besser machen könnte". Schön. Doch was wurde -daraus, seit das ewige Kopieren einer langweiligen Natur die Künstler ebenso sehr wie das Publikum anödete? Ein Bild soll kein Störenfried, kein„Loch in der Wand" sein. Nein, es soll angenehm wirken, es soll schmücken, erfieucn. nicht nur durch das, was es dar- stellt, auch durch den Rhythmus seiner Linien, durch den Wohlklang der Farbe. In dieser Richtung hat sich, auf den Errungenschaften des Impressionismus weiter bauend, die Malerei ganz Europas bewegt. Die Pariser, die Schotten und Dänen, die Münchener und Wiener sind einig. Da kommt es im Grunde doch post kestum, kvenn man in Berlin jetzt Manet entdeckt, die Specialität eines Kunsthändlers zur allein seligmachenden Kunst stempelt.— Völkerkunde. ge. Eine chinesische Hochzeit. Kürzlich wurde in der vornehmen Gesellschaft Shanghais eine Hochzeit gefeiert, von der ein als Gast anwesender französischer Arzt eine anschauliche Schilderung entwirft. Der Sohn eines Mandarinen heiratete die Tochter eines reichen Großkaufmanns. Umfassende Vorkehrungen waren für dieses außerordentliche Ereignis getroffen worden. Der Vater des Bräutigams sandte der Braut Geschenke im Werte von 2— 3000 Dollar. Die Aussteuer der Braut bestand aus kostbaren goldenen Armbändern, goldenem Kopfpntz mit den blauen Federn des Königfischers, vielen Koffern mit kostbaren Seiden- und Satingewändern, mit schönen Stickereien, und einer Sklavin zur Bedienung der Brant. Am festgesetzten Tage gegen 10 Uhr begann die Ankunft der geladenen Gäste. Bald verkündete eine chinesische Musikbande das Nahen der roten Brautsänste. Sobald diese am Hause anlangte, erfolgte das übliche Abbrennen von Raketen. Die Sänfte wurde in das Empfangszimmer gewogen und hier aufgestellt, worauf man rote Tcppiche von der Thür der Sänfte bis zum Zimmer der Braut legte. Eine ältere vornehm aussehende chinesische Dame wat nun an die Sänfte und sprach einige beglückwünschende Worte. Hierauf wurde die Sänfte von Frauen geöffnet und die Braut heransgefiihrt. Ihr Kopf war in einen dichten roten Schleier gehüllt. Die Dienerinnen führten sie nach dem Brautgemach, wo sie sich neben den Bräutigam auf eine Kante der Bettstelle setzte. Einige Minuten später begab sich der Bräutigam lvieder in das Empfangszimmer und stellte sich vor einen Tisch; auf diesem brannten zwei ungeheuer große rote Kerzen, ferner lagen dort zwei kleine Hähne aus weißem Zucker, ein Paket Gabeln, ein Spiegel, eine Schere, ein Fußmaß, eine Kapsel mit einer Geldwage und zwei durch eine rote Schnur miteinander verbundene Becher. Nun wurde die Braut hereingeführt: sie nahm zur Rechten des Bräutigams Platz. Beide fielen jetzt viermal gegen den freien Himmel hin auf die Knie, wechselten die Platze und knieten abermals viermal nieder. Dann wurden sie einander gegenüber gestellt und wiederholten von neuem das viermalige Niederknien. Eine der Zofen nahm nun die mit der roten Schnur verbundenen Becher, goß eine Mischung von Wein und Honig mehrere Male von einem Becher in den andren und brachte dieselben abwechselnd an den Mund des Bräutigams und der Braut, ohne daß diese jedoch wirklich daraus tranken. Auch die Zuckerhähne_ wurden beiden hingehalten und dabei Glückwünsche ausgesprochen. In gleicher Weise wurde mit Gabeln, Spiegel, Wage usw. verfahren. Hierauf führte man das Brautpaar unter Voranwagen der roten Kerzen nach dem Brautgcmach, worauf der Bräutigam nach dem Empfangs- zimmer zurückkehrte. Jetzt wurden die Gäste eingeladen, die Braut in Augenschein zu nehmen. Schwere goldene Armbänder umschlossen ihre Handgelenke, ihre Fingernägel lvaren mit langen goldenen Blättchen bedeckt, ihr Kopf Ivar mit Gold und Perlen geputzt, ihre Kleider waren elegant und kostbar. Den Gästen zu Ehren hoben die Zofen ihr sogar die Füße empor, die von reich gestickten Schuhen umschlossen waren. Die Sohlen waren genau zwei Zoll lang. Die Damen behaupteten, die Brant sehe recht gut ans. Der Bräutigam und sein Vater machten inzwischen den Freunden des Hauses die üblichen Bücklinge. Am Abend wurden die Gäste zu einem Feste eingeladen, an welchem über zlveihundert Freunde der Fannlie teilnahmen.— Humoristisches. — Wahres Geschichtchen. Im Vorortzug nach Pasing springt lustig und neugierig ein zehnjähriger Junge von Fenster zu Fenster; die Mutter ermahnt ihn sehr oft und eindringlich in fran- zösischer Sprache, bis der Sprößling zur Antwort giebt I„Red' deutsch, i versteh' Di' net."— — Aus Gendarmerie-Anzeigen. Er stand in einer Ecke des Saales, umgeben von niemand.— Der Beschuldigte gab auf Vorhalt der Unwahrheit die Ehre.— — Seine Deutung. Rentier Samotschiner hört, wie sich seine beiden Söhne, die von Posen zu Ferien daheim sind, über Fragen der Metrik streiten. „Hast De gesehen", sagt er zu seiner Fran,„machen die Jungs Geschrei, ob die Trochän sennen lang oder korz, wie a Wichtigkeit l Wie wir sennen gewesen klain, hat me viel auf solche Narischkeiten gegeben!"„Aber Vater", sagt Moritz,„man muß doch ganz genau wissen, was Trochäen sind".„Wie a Schwierigkeit", erwidert der Vater, und indem er sich erhebt, sagt er. jedes_ Wort mit einem Schlag auf den Tisch bewäftigend:„Trochän is, wie meim Schwein findet."— („Jugend.") Notizen. — Volksfe st spiele sollen im nächsten Sommer am Fuße der Weibertreu bei Weinsberg stattfinden. Das Spiel, das die bekannte Sage von den treuen Weinsberger Weibern be- handelt, Ivird auf einer in die Landschaft eingebauten Bühne mit der Burgruine im Hintergrund stattfinden. Verfasser des Stticks ist Redakteur H. Streich in Heilbronn.— —„Die Mörickes", ein drciakttges Drama von Paul A p e l. erlebt Mitte Juli im BreslauerLobe-Theater die Erstaufführung.— � — Die B a y r e u t h e r Festspiele 1004 bringen:„Tann- Häuser",„Parsifal" und den„Ring des Nibelungen".— — Die Wiener Hofoper plant für die kommende Safton Neueinstudierungen der Opern„Templer und Jüdin" und „Der Vanipyr".— — Eine ungewöhnlich große Feuerkugel �wurde am Sonntagabend, kurz vor Mitternacht, auf der Königstuhl-Steru- warte(Heidelberg) beobachtet. Sie hinterließ einen etwa 20" langen Lichtstreif von Vollmondbreite, der langsam nach Süden zog. Erst nach etwa fünf Minuten war der letzte Lichtschein ver- schwunden.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 5. Juli. Verantworllicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Vcrlagsanjlalt Paul Singer& Co., Berlin SW