Wnlerhaltungsblalt des Horivarts Nr. 131. Mittwochs den 8. Juli. 1903 (Nachdruck vcrbvteil.) ivi Köle jVläcbte. Roman von I o n a s L i e. „Ja. das kannst Du von vornherein thun." entschied Klaus.—„sowohl Gjertrud als auch Jonathe waren mit, als Stibolt lind ich ini vorigen Jahre, während sie zu Besuch bei uns waren, auf die Dohlenjagd gingen. Wir machten glänzende Geschäfte!" „Ja, beschuldigt mich aber nicht, wenn Ihr diesmal schlechte Geschäfte macht," klang es plötzlich ausgelassen. „Wir werden eine herrliche Fahrt haben!" triumphierte er. Die Thür öffnete sich und auf der Schwelle stand der Direktor, vergnügt mit den Augen zwinkernd. Wie? Abraham, der Patriarch? Unser heimgekehrter Künstler, wollt' ich sagen, �-- hörte ich nicht vorhin, während ich mich rasierte, einige Kunstproduktionen draußen auf dem Gang. Sie sind auch berühmter im Auslande geworden als fett!——Run, ist der Vater glücklich?—— Run sollen Sie den Ehrgeiz in Paris lassen und ordent- lich auf die Weide gehen und fich tüchtig amüsieren," ineinte er, die lederne Mappe neben sich auf den Tisch legend. Er nahm wie gewöhnlich der Zeitersparnis wegen Kaffee und Frühstück im Stehen ein.—— „Run brauch' ich ja in der nächsten Zeit Johnston die monatlichen Bankanweisungen auf Paris nicht zu geben."-- Er redete, indem er gleichzeitig aß nnd in die Mappe gllcktö. „Ganz sonderbar, Abraham, Ihr Vater wollte durchaus keine Kreditanweisnng für das ganze Jahr haben, lieber zwölf einzelne Operationen.-- Ich verstand es anfangs nicht, daß er das that, um sich Ihre Briefe einigermaßen regelmäßig zu sichern. Künstler sind ein leichtlebiges Volk,— wissen Sie.-- Seither bin ich dann an jedem letzten Posttag im Monat regelmäßig mit dem Wechsel zu ihm gegangen,— und habe eine kleine Unterhaltung mit Fräulein Rönncberg gehabt, die mich immer über Gjertrud ausforschen mußte. ehe sie schrieb."— Er zwinkerte schelmisch mit den Augen. Gjertrud zuckte plötzlich zusammen. Der Varer hatte also die Hand mit im Spiel gehabt und das Verhältnis aufrecht erhalten,— von den Bällen berichtet und sie mit einem Glorienschein umgeben. Nun schickte er sich an, die Be- arbeitung fortzusetzen.— Ter Direktor blätterte so nebenbei in einigen Doku- menten. „Sie haben sie also schon mit auf die Dohlenjagd ge- lockt, Abraham?" Hub er nach einer Weile wieder an.„Sie will ihr junges Leben den Wellen anvertrauen.— Erinnere mich, Klaus, daß ich zum Bootsmann Torgensen schicke,— ich will das Segelboot doch nachsehen lassen.— und dann kann er mitfahren.— Diese Künstler sind oft so zerstreut," lachte er, während er die Mappe unter den Arm nahm und sich anschickte, zu gehen. „Du, Jette," winkte er bedeutungsvoll,—„willst Du einen Augenblick herauskommen, ich möchte Dir doch etwas sagen,, ehe ich gehe." „Du darfst auf keinen Fall zugeben, daß der Vater meinetwegen einen Bootsmann bestellt, Klaus," rief Gjertrud. „Ich berge mein Leben am liebsten auf dem Lande,— das ist sicherer," kam es ein wenig scharf heraus, nachdem sich die Thür geschlossen hatte. „Wie?"— brauste Abraham auf.„Jetzt wollen Sie auf einmal nicht mit?" „Es war nur so eine Idee!— Man kann sich ja amüsieren, indem man sich etwas ausmalt," sagte sie in gleichgültigem Tone. „Was für Launen haben Sie nur plötzlich. Gjertrud! Habe ich etwas verbrochen, wofür Sie mich strafen wollen?" „Mir war eingefallen, daß ich Thora Löberg versprochen habe, sie am Sonntag zu besuchen." „Ausredend" unterbrach er sie.„Da taucht etwas in meiner Erinnerung auf,— sollten Sie wohl noch den alten Hang haben,— wie soll ich mich ausdrücken?— angenehme Ueberraschungen zu bereiten?" Er fing einen Blick auf, wie er ihn aus alten Zeiten kannte.—„Ausreden,-- glauben Sie, daß das nötig ist?" kam es langsam� höhnisch. „So, so,— ich fange wirklich an, Ihren Charakter zu studieren, gnädiges Fräulein!— Der scheint mir eine recht verwickelte Maschinerie zu sein.-- Sollte sich irgendwo in Ihrem Innern ein kleiner, pikanter, unberechenbarer Kobold versteckt haben?" „Ja, man sollte wohl am liebsten so ein seidener Faden sein, der sich um den Finger wickeln ließe," klang es sehr liebenswürdig zurück. „Hm, gewifsermaßen der rote Faden in meinem Leben,— wohl der, au dem ich hänge," murmelte er. „Ich merke, man findet, daß ich mich bei meiner An- kunft in meinem Vaterlande ziemlich närrisch aufgeführt babe.-- Run ja, ich danke für die Belehrung, Fräulein Gjertrud! Dann müssen wir uns in die Verhältnisse finden, Klaus! — Gehen wir zusammen?" fragte er und suchte nach seinem Hut. XIII. Der Wsgc-Jnspektor Finkenhagen hatte mancherlei kleine Nebengeschäfte und Besorgungen unterwegs� manch einen Aufenthalt und häufige Verzögerungen, während sein Schwarzbrauner mit den weißen Socken in der Schmorhitze die Hügel erklomm und wieder hinabzuckelte, eine graue Staubwolke zwischen den Beinen. Das kluge Tier blieb von selber stehen, wenn sie jemand auf der Landstraße begegneten, das heißt nur, falls es ein Mensch war, mit dem es sich ver- lohnte, eine Unterhaltung anzuknüpfen. Und in der Beziehung hatte der Braune einen durch jahrelange Uebung entwickelten Takt. Es konnte ihm nie in den Sinn kommen, vor irgend einer gar zu ärmlich gekleideten Persönlichkeit Halt zu machen. Der Betreffende rnußte mindestens einen Eimer oder ein Bündel in der Hand halten. Und heuerlose Matrosen und dergleichen Volk, die wohl durch ein raffiniertes Aeußere zu täuschen vermochten, durchschaute er, ohne deswegen auch nur den Schritt zu mäßigen. Mit seinem weithin leuchtenden, weißen Haar unter der Mütze,— im Sommer trug er eine grüne runde, mit großem Lederfchirm,— und seinem wohlwollenden, runden, groben Gesicht war der alte Wege-Jnspektor heimisch in seinem Ge- fährt und ein beständiger Schiffer auf der Landstraße. Diese war für ihn sozufagen das Fahrwasser, auf dem er mit seinem Kreuzer lag und preite. Er mußte ja Bescheid haben, wie es auf dem Hofe stand und ging,— ob sie ganz bis zur Stadt hinunter wollten, und zu wem,— und das alles, während er gemütlich die Mütze lüftete und den Schweiß mit dem blauen Tuch abtrocknete, das er aus der flachen Seitentasche seines Neiserockes zog. ---„Kalbsgekröse?— laß einmal sehen, und Beeren und Eier.-- Wieviel kostet die Stiege?-- Sieh, sieh, Lachsforellen,— die sind ja verdammt lecker,— hör', geh' damit zu Frau Vratt auf das Sägewerk und sag', daß ich Dich geschickt habe,-— dann wirst Du sie los. Hm,— zum Rechtsanwalt,— das ist ein schlimmer Gang, Marit,— traurig mit Deinem Mann. Wenn ich in den nächsten Tagen einmal vorbei komme, könnte ich es viel- leicht verfuchen, ein vernünftiges Wort mit Euch beiden zu reden/— verstehst Du?" „Gott segne den Herrn Wege-Jnspektor,— wenn Sie das thun wollten!" „Denke, ich komme Ende nächster Woche in die Gegend." „Es soll auch nicht an einer kleinen Sendung Ziegen» käse und Butter fehlen, die der Herr Wege-Jnspektor ja nicht verschmähen wird.— Ach, wenn das doch nützen könnte!" Es ging weiter im ebenen Zuckeltrab Meile auf Meile bergauf. Der Wege-Jnsvektor Fiukenhagen kam von seiner mit Fuhrwerk und Diäten gelohnten Jnspektionstour für das öffentliche Wohl heim und machte dabei einen kleinen Abstecher zu Bratts nach dem Sägewerk hinauf. —„Darf ich fragen, wie Frau Bratt sich befindet?-- Ich nahm mir die Freiheit, einen Mann mit Lachsforellen M» Ihnen zu senden.— Hoffe, Sie haben Sie bekommen?— Freut mich außerordentlich,-- ich war schon ganz be- sorgt! Und frischgelegte Eier bekommen Sie morgen;.— ich war so frei, sie in Ihrem Namen mit Beschlag zu belegen, -- ich weiß, es ist ein rarer Artikel gerade in dieser Zeit." „Kommen Sie herein, Finkenhagen, und setzen Sie sich ein wenig,-- Selterswasser,— Milch,— Wein,— was Ihr Herz begehrt, lind einen Bissen dazu," ertönte die Stimme des Direktors aus dem Hause. „Sie sind ganz oben bei Fosscbro gewesen und über Heje gekommen,— höre ich!" „Ja, ich habe das Vergnügen, Ihnen einen Gruß von Ihrer Frau Tochter, dem Herrn Schwiegersohn und den Kleinen bringen zu können. Es steht dort alles vorzüglich, Gottlob.-- Wie Sie wohl aus dem kleinen Brief ersehen werden, den ich Ihrer Frau Gemahlin mitgebracht habe." „Nun,— und ist sonst etwas von da oben zu berichten?" „Nichts weiter, als daß der Herr Rechtsanwalt in diesen Tagen ein schönes Stück Geld verdient;— aber davon weiß der Herr Direktor natürlich weit besser Bescheid als ich,— hi, hi-- Nim hat er wieder eine von den alten Malcolm- scheu Waldungen für Herrn Johnston angekauft." «Ja, Johnston fängt an, sich da oben mächtig aus- zubreiten," lachte der Direktor,—«er hat das nötige Geld dazu, wissen Sie!" „Wahrhaftig ein weitblickender Geschäftsmann," sagte der Wege-Jnspektor bewundernd,—„sicherte sich beizeiten die zwei, drei einzigen Grundstücke, die sich zu einem Stein- kohlenlager eigneten, und riß dadurch den ganzen Kohlen- Handel an sich." „Ja und noch dazu all den alten merkantilen Genies der Stadt gerade vor der Nase." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Sin I�ump. Von Max Nentwich. Die langen Korridore des Arbeitshauses zu Friedbcrg lagen still und verödet. Juliglut zitterte durch die Luft. Die Mittags- sonne schien mit sengenden Strahlen durch die Fenster und zeichnete die großen Quadern mit blendender Helle. Schon am frühen Morgen war der größte Teil der Inhaftierten in ihren blaugrauen Uniformen nach de» Arbeitsstätten, die außer- halb des„Hauses" lagen, gegangen und nur das notwendigste Per- sonal war zurückgeblieben. In der Küche hantierten einige Blaujacken, schälten Kartoffeln, lasen Erbsen aus und reinigten Küchen- geschirr. Das Klappern der Blcchschüsseln drang bis hinauf ins Arbeitszinuner des Direktors, der. einen Hornkneifcr auf der Nase, einige Aftenstücke durchlas. Sein Zimmer war sehr einfach ein- gerichtet: die eine Wand, außer einigen Kaiserbildern, vollkommen kahl; die Decke nur mit flüchtigen bunten Linien gemalt; und an der rechten, hellerleuchteten Wand ein hohes Aktenregal, vollgepfropft bis unter die Decke; lange Aktenschwänzc aus gelbem Papier mit Ziffern und Buchstaben hingen heraus. Eben schlug die Hausuhr elf. Im Korridor klirrt ein Bund Schlüssel und kurze Zeit darauf konnte man die schweren Tritte zweier Männer hören, welche sich dem Direktorzimmer näherten. Leises Anklopfen. „Herein!" rief es von innen; durch die geöffnete Thür trat ein Korrigende. an seiner Seite der Wärter mit dem Schlüsselbund. „Herr Direktor haben befohlen!" Auf dem Gesicht des Gefangenen lag ein erstauntes Fragen, was man nun von ihm wollte? Heut' ist seine Zeit herum; er soll der Freiheit wiedergegeben werden. Was mochte der Direktor noch von ihm wollen? Ueber den Hornzwicker hinweg sandten zwei lebhafte Augen scharfe Blicke zu dem Gefangenen. „Wie heißen Sie?" frug der Direktor. „Friedrich Schwindt, Herr Direktor," antwortete jener. „Sie sind Buchdrucker?" „Jawohl, Herr Direktor."' „Wie alt sind Sie?" „24 Jahre, Herr Direktor." „Hm—" Der Hornkneifer wurde abgenommen und die Augen nebst den angrenzenden Gcsichtspartien mit der weichen Hand abgewischt. Als dann der Zwicker nach mehrmaligem Aufprobieren wieder seine frühere Lage innchatte, senkte sich der Blick einige Sekunden auf die Akten, um dann die Blaujacke wiederum scharf zu mustern. „Sie sind schon einmal in der Anstalt gewesen?" „Leider, Herr Direktor, ich weiß..." „Daran sind Sie aber selber schuld!" „Verzeihung, Herr Direktor, ich habe keine Stellung finden können." Ein Achselzucken begleitete diese Worte. Und wie im Traum durchflog er die Zeit, in der er, hilflos von einem zum andren laufend, doch keinen Erwerb finden konnte, bis er der Obrigkeit in die Hände fiel und wegen Landstreichcns ins Korrettionshaus geschickt wurde. „Das ist eine wenig stichhaltige Entschuldigung; aber,.." — der Direktor zögerte noch ein wenig—,„aber— ja— Sie haben meine Bureauarbeiten zur Zufriedenheit erledigt und ich darf Sie doch nicht für ganz unfähig halten. Sie sagen, Sie hatten keine Arbeit gefunden! Gut! Wenn Sie nun arbeiten wollten?" Der Gefangene sah bei diesen Worten mit wehmütigem Gesicht hinüber. Seine Blicke verrieten die Sorge, die ihn draußen wieder beschleichen wird; er hatte ja doch immer arbeiten wollen. Wozu die Frage. Da plötzlich kam ihm ein Gedanke; sollte es möglich sein, daß man sich etwa seiner angenommen hätte, um ihm den Weg hinaus ins neue Leben zu erleichtern? Das Gesicht des Gefangenen verklärte sich bei diesem Gedanken. „Es liegt durchaus außerhalb meines Amtes; aber ich mache eine Ausnahme mit Ihnen. Sie finden Arbeit beim Buchdruckerei- besitzer Niedcrlein, hier. Ich habe selbst Rücksprache mit dem Herrn genommen. Nun liegt es an Ihnen, zu zeigen, ob Sie verlumpen wollen oder nicht." Kurz und bündig schössen diese Worte heraus. Dann wandte sich der Direktor ab von dem Gefangenen, der sprachlos dastand, mit feuchten Augen, weiteres erwartete, und in seiner freudigen Bestürzung nicht wußte, ob er noch bleiben solle oder ob er zu gehen habe. Was er monatelang gesucht und doch nicht finden konnte; was er in den wenigen hofinungsvollen Stunden seines Lebens ersehnt— regelmäßige Arbeit, regelmäßiges, wenn auch kleines Einkommen und ein bescheidenes aber ehrenhaftes Dasein, das alles war ihm jetzt mit den knappen Worten des gcfürchtctcn Mannes eröffnet worden. So war ihm doch noch einmal Gelegenheit geboten, ein neues Leben zu beginnen. Ein neues Leben! Und das alte mit seiner Mühsal und Kümmernis sollte vergessen werden; manchmal nur würde ihn dann die Erinnerung an schwere Zeiten mahnen, an schlimme Tage, die nun weit, weit hinter ihm liegen. Die Thränen standen ihm in den Augen und als der Wärter ihn an den Arm stieß:„Kommen Siel", da ging er hinaus und vermochte sich nicht recht zu erinnern, ob er sich für diese Freuden- botschaft bedankt oder ob er es in seiner Ucbcrraschung vcr- säumt habe. Es war an einem Sonnabendnachmittag. Um diese Zeit pflegt es im Setzersaal einer Zciiungsdruckerei gewöhnlich etwas lebhafter zuzugehen. Die Herstellung der Zeitung, die Sonntags immer in stärkcrem Umfange erscheint, läßt an den Sonnabenden alle Kräfte auf das angestrengteste thätig sein. Aber auch noch ein andrer allgemeiner Umstand läßt den Sonn- abend als einen Tag mit besondrer Physiognomie erscheinen. War auch die Buchdruckerei Nicderlein nicht als eine von denjenigen Firmen bekannt, die von den andren durch bessere Bezahlung ihres Personals sonderlich abstechen, so ist der Sonnabend doch immerhin der Zahl- tag; in dem unzweifelhaften Besitz klingender Dtünze— ist es auch manchmal nur sehr wenig— leistet man sich doch die Erfüllung dieses oder jenes Wunsches. Geldtag ist Geldtag.„Heute geht» ums Geld!" Und hurtig eilt alles weiter dem Ziel entgegen, welches dem Sonnabend sein eigenartiges Ansehen giebt. Endlich war jener„feierliche Augenblick" gekommen. Mit einem Zahlbrett in der Hand, auf welchem die Gold- und Silbermünzen wohlgeordnet standen, erfchien der Chef des Hauses im Setzersaal. Er ließ es sich nicht nehmen, das Auszahlen des Wochenlohnes per- sönlich zu erledigen, obgleich nach der Aussage der Eingeweihten gerade diese Beschäftigung Anlaß zu mancher Falte in dem blassen, aber sonst behaglich-runden Gesicht gegeben haben soll. Der goldene Kneifer auf der stark gebogenen Nase mochte wohl seinen Zweck nicht mehr recht erfüllen, denn Herr Nicderlein mußte sich tief aufs Lohnbuch bücken, um die Aufzeichnungen der vergangenen Woche zu suchen. Alphabetisch waren die Namen geordnet und während er nun den ersten Namen„Adler" laut ausrief— welcher Name übrigens bedeutungsvoll die„Fanfare" genannt wurde—> suchte er ebenso emsig, das Gesicht tief auf dem Zahlbrett, nach einem Häufchen Silbermünzen. Goldmünzen kamen selten vor; nur hin und wieder eine und vielleicht ein paar kleine Silbcrmünzen dazu. Beim Nennen seines Namens eilte ein jeder geschäftig hin, um nicht zu viel Zeit zu versäumen. Die Mehrzahl mochte wohl schon Geld erhalten haben, als es laut von den Lippen des Auszahlenden erscholl:„Schwindt!" Das war ein bisher unbekannter Name; neugierig hoben sich die Köpfe und wandten sich dem Gerufenen zu. der erwartungsvoll seinem neuen Chef zuschritt. In vertraulichem Gespräch machte ihm dieser die Mitteilung, daß er in der achttägigen Zeit seiner hiesigen Thätigkeit sich als ein brauchbarer Schriftsetzer gezeigt habe. Er möge weiter bei ihm in Thätigkeit bleiben. Hocherfreut brachte der Angeredete nur einige Redensarten hervor, aus denen wohl zu entnehmen war, daß er es für ein Glück schätze, so schnell und so günstig untergebracht zu sein, und daß er bestrebt sein werde, sich dieses Glück wohl zu wahren. Wohlgefällig, mit dem Gesicht auf dem Zahlbrctt, suchte Herr Nicderlein in den Silbermünzen herum, um sich bald wieder zu er- heben und, mit einigen Thalern klappernd, sein Gespräch fortzusetzen: „Wir zahlen also 16 Mark pro Woche und werden im geeigneten Augenblick nicht versäumen, Zulage zu bewilligen." Wiederum als Antwort nur einige zusammenhanglose Worte, welche wohl vollste Zufriedenheit ausdrücken sollten. „Ja, und." begann jener wieder,„auf Ihren Anzug, den wir mit 30 Mark Vorschutz bezahlt haben, zahlen Sie— je nach dem, wie viel Ihnen möglich ist— wöchentlich zwei bis drei Mark ab; ich habe diese Woche drei Mark in Abzug gebracht, 35 Pfg. Krankenkasse und 15 Jnvalidenkasse, macht zusammen 3,5V Mark, bleibt also 12 Mark und 50 Pfennige. Dann klirrten einige Silbermünzen auf dem Zahlbrett, die mit einer gewissen Pietät heruntergenommen und eingesteckt wurden. Eine Wonne überlief den ehemaligen Sträfling, als er jetzt. nach langer Zeit, wieder einmal Geld in Empfang genommen, das er sich ehrlich erarbeitet. Er hielt es in der Hosentasche noch in der Hand. Ob es viel Geld war oder wenig, daran schien er im Augenblick gar nicht zu denken; aber es war Geld, richtige harte Schaler, die ihm niemand fortnehmen konnte; er hatte sie redlich verdient. Was heute noch zu arbeiten war, tvurde mit fliegender Hast erledigt und eine gewisse stimmungsvolle Vorahnung bemächtigte sich der Gemüter. Dort wurde in einer flüchtigen Pause schnell noch eine Partie zu morgen verabredet und dort besprach man sich über die Einzelheiten einer längst verabredeten. Auch der neue Kollege wurde von seinem Nebenmanne, mit dem er im Laufe der Woche schon einige Worte gewechselt haben mochte, zur Beteiligung an einem Ausflug aufgefordert; doch wurde dies freundliche Anerbieten unter Hinweis auf die gegenwärtig noch allzu geringe Bekanntschaft mit bestem Dank abgelehnt. Die Motivierung dieser Ablehnung erschien dem einladenden Kollegen sehr wenig mahgcbcnd, doch er mutzte sie eben gelten lassen; der andre aber lietz die linke Hand in die Hosentasche gleiten, um eine kleine Prüfung vorzunehmen, ob noch alles in der Tasche war— die schönen harten Thaler... Es war ihm, als verdoppelte sich die Freude, wenn man sie zwei- mal gemustert. lind wieder hielt er die Hand in der Hosentasche. In seinem kleinen möblierten Zimmer Ivar Schwindt eben an- gekommen. Er griff in seine linke Hosentasche und legte mit einem Griff sämtliche Silberstücke auf den Tisch. Es waren 3 Thaler, 1 Zweimarkstück, 1 Markstück und 1 Fünfzigpfennigstück. Die Thaler legte er extra. Die gehäkelte Decke auf dem Tisch wurde ein wenig beiseite ge- schoben, weil es den schönen, feinen Klang des Silbers zu sehr be- einträchtigte. Dann wurde jeder Thaler auf seinen Klang probiert; sie klangen alle drei rein und klar wie Mädchenstimmen. Und während der glückliche Besitzer des Geldes die Jahreszahlen der ein- zelneu Münzen nachsah, durchzogen die verschiedensten Gedanken sein Gehirn, was man wohl alles für einen einzigen Thaler kaufen könnte. Vor allen Dingen könnte man sich einmal eine Pfeife und Tabak leisten. Das mützte ein wirklicher Genutz werden. Herrgott I Wie lange schon hatte er nicht geraucht. Die Pfeife wird vielleicht 1,50 M bis 2 M. kosten und für 1 M. Tabak— ach, das reicht ja auf Monate, braucht ja kein ganz guter zu sein. Das ist also eine einmalige Ausgabe und dann ist man für lange Zeit versorgt. Für den zweiten Thaler— was könnte man da kaufen?,.. Doch die Beantwortung dieser Frage war noch weit im Felde, als sich nach kurzem Anklopfen die Thür aufthat und Frau Müller, die Zimmervermieterin, erschien. Silber klingt nämlich sehr laut: wenn man harte, klangvolle Thaler auf das Holz des Tisches auffallen läht, so klingt das durch die Stubcnthür hindurch, ja sogar durch die nächste Thür, bis ins Zimmer der Frau Miller, die. einen schwarzen Strick- strumpf bearbeitend, am Fenster sah und beim Klimpern des Geldes mit der Erfahrung einer älteren Zimmervermieterin kalkulierte: „Haben ist besser, als kriegen. Sonnabends reicht's gewöhnlich noch zur Miete, Sonntags sind die Herren nicht zu sprechen und— Montags— ach ja, Montags... Dann woll'n wir's lieber Sonnabends holen." So stand sie nun da. halb dreist und halb verlegen.„Es ist schönes Wetter heute drautzen." Schwindt hatte aber ivohl erkannt, was das bedeutet. Ohne Phrase ging er sofort zur Sache:„Ach ja, Frau Müller, wir hatten ja ausgemacht, datz ich wöchentlich bezahle; also, was bekommen Sie, kommen Sie nur Herl" Das Wetter war nun plötzlich voll- kommene Nebensache geworden und mit dem wehmütigsten Gesicht, mit dem sie unmöglich hätte über Regen oder Sonnenschein weiter- plaudern können, erklärte sie, datz sie wirklich nicht billiger könne. Die andren Frauen verlangen alle 11 Mark; aber sie wird mit 10,50 Mark zufrieden sein. „Ja, ich glaube, so war's auch veranschlagt; volle Pension IE Mark und 50 Pfennige." «Jawohl, Herr Schwindt, ohne Wäsche; denn daS Waschen— wirklich, Herr Schwindt, wenn man alt wird, es wird einem alles zu viel; die Wäsche kann ich nicht mitbesorgen." „Nun ja, ich glaub's schon." Dann nahm er die drei schönen harten Thaler, das Markstück und das 50 Pfennigstück, legte es bedachtsam beiseite und meinte:„So, Frau Müller, 10 Mark und 50 Pfennige." Der Ton der Stimme hatte etwa» an sich, was sich r.icht recht definieren lietz. Es klang wie ein tiesinneres Seufzen. Während Frau Müller durch die Brille hindurch die Geldstücke musterte und eines nach dem andern klappernd verschwinden lietz. schien sie die Erfüllung vieler Wünsche mit den harte,: Thalern ein- zustreichen. Sie wünschte für den heutigen Sonnabendabend noch ein bitzchen Amüsement und als sie sich nach freundlichem Abschied entfernt hatte, war fast der ganze klingende Lohn für diese Arbeits- Woche verschwunden; auf dem Tisch blieb nur noch das Zweimark- stück liegen. „Ach ja, die Wäsche." murmelte Schwindt.„Ich werde wohl etwas kaufen müssen, erst wenigstens noch ein Hemd; mit diesem einen geht es doch nicht an. Was wird so ein Hemd kosten? 1.50 Mark, mehr darf es nicht kosten; sonst bleibt ja gar zu wenig übrig. Na, und heute ist es ja doch schon zu spät zum Einkaufen." Wenn auch die Geschäfte noch stundenlang geöffnet waren, so suchte er doch nach einem Grund für sein Versäumnis und redete sich selbst daS Nächstliegende ein:„Heute ist's wohl schon zu spät." Er ging in seinem Zimmer auf und ab und suchte nach einer Beschäftigung, die ihn von seinen Gedanken abbrachte.„Wenn ich eine lange Pfeife hätte, würde ich jetzt Pfeife rauchen." Er setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und während er hinausblickte, zählte er die Monate aus, seit denen er keinen Tabak geraucht hatte. Es kommen wohl an die 0 Monate zusammen. Drei Monate dort..., dann sechs Wochen die herrliche Walze, mitten im Winter. und vorher wieder vier Wochen das ruhige, unheimliche Haus mit den hohen Mauern. „Aber jetzt wird alles anders. Jetzt haben wir wieder Arbeit, jetzt kann ich Tabak rauchen in meiner freien Zeit." Doch er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende geführt, als ihm die Wäsche wieder einfiel. Er griff wehmütig auf den Tisch nach dem übriggebliebenen Silberstück, betrachtete es mit fragender Miene und steckte es in die Hosentasche. (Fortsetzung folgt.) kleines Feuilleton. — Sprachliche Eigentümlichkeiten in Nassau. Der„Frankfurter Zeitung" wird geschrieben: Die hervortretendsteu Eigentümlichkeiten des nassauischen Dialekts bestehen einmal in der starken Angleichuug der Konsonanten, zum andern in der Brechung und Trübung der Grundvokale. Infolge der starken Angleichung der Konsonanten werden einzelne Wörter so verstümmelt, datz ihre Herkunft kaum zu erkennen ist. Aus Hennethal wird Hchnel, aus Holzhausen— Holtew, aus Adolfseck— Rolseck, aus Hohenstein sogar Huchstaa. Elisabeth heiht kurz Lisbeth oder Lis. Margarete— Grete oder Grit. Anna Margarete heiht Annegrit. Bemerkenswerter noch ist die Trübung der Vokale, wie sie schon das Wort Hohenstein— Huchstaa zeigte. Eu lautet au(heute— haut, Scheune= Schauer) oder auch ei (Heu— Hei), o— u(hoch— huch), ei— aa(Weizen— Waas), ei— a oder ä(Fleisch— Flasch oder Fläsch), i— ei (ich— eich), ü— oi(Kühe— Koi), ebenso äu— oi(Sau— Soi), u— o(Hund— Hoird), eh— ih(Reh— Rih), a— o(Wachs= Wochs) je. Wie sehr der Vokal ein und desselben Wortes oft inner- halb kleiner Bezirke wechselt, sehen Ivir an den beiden Wörtern „Lahn" und„regnen". Hier heitzt der nassauische Hauptflutz Lahn, da Leh, dort Loh oder Lüh. Hier regnet es. dort aber rihrt's, rahnt's oder rehnt's. In manchen Gegenden Nassaus wird ei nur e! gesprochen, waS besonders beim Gesang geradezu widerlich klingt. Ebenso ist's mit dem„g", das in manchen Bezirken auch in der Vorsilbe„ge" als sch gesungen wird, z. B. geliebt— scheliebt. Charakteristisch ist die Steigerung des Eigenschaftswortes„weih" und die des unbestimmten Zahlwortes„nichts".„Weih" hat nicht drei, sondern vier Steigerungsstufen und steigert: loeitz, schnee- oder auch schneiweih, schneehogelwcih, schneehitzehogel- weih. Nichts wird im nassauischen Dialakt mit„kaa Keit" aus- gedrückt und steigert kaa Keit, kaa kottse Keit. kaa kittse, kottse Keit. Noch finden wir überall das mittelalterliche heint(Nacht) und als Slnredcwort nicht das aus dem Englischen genommene„Sie", sondern die altdeutsche Form„Ihr". Mit„Ihr" redet nicht nur der Einheimische den Fremden, sondern auch das Kind seine Eltern, Paten zc. an. Die dritte Person männlichen Geschlechts des persön- lichen Fürwortes„ich" heitzt nicht„er", sondern„he", die des weib- lichen und sächlichen nicht„sie" und„eS", sondern„ihS". Vater und Mutter heitzen Vodder und Modder, Grotzvater und Grotzmutter aber Abbe und Ahle. Gehen lvir aber etwas weiter nach Norden in den Kreis Biedenkopf, so wird hier der Vater Knan, Knenne oder kurz Enne, der Grotzvater der Gmtzenne, die Mutter aber Moirer oder Moitcr, die Grotzmutter Ahlmoirer oder Altmoiter genannt. Jedes Dorf hat neben seiner amtlichen Benennung auch noch eine Volks- mundliche, ebenso jedes einzelne HauS; ja jedes einzelne Familien- glied hat neben seinem Vor- und Zunamen einen oft sehr treffenden. meist aber wenig schönen Unnamen. Bloofeutz— Blaufütze(nach den dort getragenen blauen Strümpfen benannt), Ritzkrämer, Speck- mäuler, Hinckelsbächer, Schmierkasmäuler jc. sind Ortsbenennungen, die in charakteristischen Eigentümlichkeiten der Dorfbewohner oder in mehr oder weniger humorvollen Vorgängen ihren Ursprung haben. Wer in einem Kreisstädtchen an dem Oberlauf der Lahn nach dem Hasen mit den: langen Schwanz, in dem Taunusdörfchen Hennethal nach dem Bar(Bär) oder in der Wisper nach dem Schlüssel fragen würde, um die hier mit Brettern zu- genagelte Welt aufznschlietzen, der würde sicher keine freund- ttchen, vielleicht gar schlagende Antworten bekommen. Zahlreich sind die charakteristischen Schimpfnamen Nassaus. Neben dem im ganzen Westen allgemein gebräuchlichen„Schubiak" oder„Schuwiak" hat jeder einzelne Bezirk seine besonderen„Kosenamen". Das Dillthal hat seinen„Alpg", der Westerwald seinen„Schnull", das Aarthal seinen„Hodg", der hohe Taunus seinen„Schrekel", das Lahnthal sein„Kompier" oder„Kumpier" und den„Olbert" oder„Olwert", der sich in den höheren Potenzen sogar zum„Quadrat"- und„Kubik- Olwert" steigert. Hinsichtlich der„Flüche" nimmt Laufenselden im VolkSmunde, wohl niit Unrecht, eine hervorragende Stelle ein, und wenn einer seinem übervollen Herzen mit einem kräftigen„Dlmnerax- schwerlaad" Luft macht, dann heißt es gewiß:„M'r mannt, der wär vo Lafeselle".— gc. Andre Länder— andre Sitten. In der Bretagne besteht ein seltsamer Hochzeitsbrauch. Der junge Ehemann hat nämlich nach vollzogener Trauung seiner Frau Liebsten eine gehörige Ohr- feige zu versetzen mit den Worten:„So geschieht Dir, wenn Du mich erzürnst!" Darauf küßt er seine junge Gattin zärtlich und spricht:„Und so thu ich Dir, wenn Du mich gut hältst!" Geschah es da eines Tages, daß sich ein junger Bauer aus der Bretagne eine Tochter des Schwabenlandes als sein eheliches Gespons hatte antrauen lassen. Sie bekommt natürlich ihre pflichtgemäße Ohrfeige. Auf den Kuß aber wartete das resolute Schwabcnkiiid nicht, sondern quitsierte den Empfang der Ohrfeige, indem sie ihrem Mann mit wuchtiger Hand eine gleiche Zärtlichkeit erwies, die Worte hin- zufügend:„Dees kann mer aber scho gar net gsialle, woischt?" Sie hat keine Ohrfeige mehr wieder bekommen von ihrem Mann, auch wenn sie ihn wirklich mal erzürnt hatte.— Kulturgeschichtliches. y. Tabakspolitiker von ehedem. Heute beschäftigt der Tabak die politische Welt vornehmlich, insofern erfindungsreiche Finanzkünstler darauf aus sind, ihn immer von neuem zu Steuer- zwecken nutzbar zu machen, lvas ja nun gerade wieder Deutschlands Fall ist. Diese Sorte Tabakspolitik ist vorläufig zu bedrohlich, um von der komischen Seite genommen werden zu können. Dagegen begegnen tabakspolitische Kuriositäten, die als abgethan mit heiterem Gleichimit genossen werden können, recht zahlreich in vergangeneu Zeiten. An einer Stelle ragt fteilich auch auf diesem Gebiete die Ver- gangenheit in die Gegenwart hinein. Das ist in England, auf dessen Boden bis zum heutigen Tage der Anbau von Tabak bei einer Strafe von 16 Pfund oder 32 00(1 Mark pro tabaktragendcn Acker untersagt ist. Dies horrende Gesetz wird gegenwärtig mit finanz- technischen Gründen verteidigt, weil es leichter und billiger sei, von importiertem Tabak an der Handelsgrenze Zoll als von einheimischem Tabak im Lande Steuer zu erheben. Als aber das Anbauverbot vor zweieinhalb Jahrhunderten— 1652— erlassen wurde, war das Motiv ein ganz andres. Da bezweckte das Gesetz Hochbringen des Tabakbaus und-Handels der englischen Koloninr in Amerika, aus denen nun längst die Vereinigten Staaten geworden sind. Die Tabakpflanzer aus Virgimen und Maryland waren nicht faul, ihrer- seits das Glück noch zu verbessern. Sie erließen nämlich,»ni die Preise hochzuhalten, ein Gesetz, das den Tabakbau pro beschäftigten Negerskaven auf 6000 Pflanzen beschränkte.' In besonders ertrag- reichen Jahren wurde gelegentlich noch»achgeholfen, indem eine bestimmte Menge Tabak einfach verbrannt wurde, wie es ja auch die Holländer ähnlich auf den Molukken mit Gewürzen gemacht haben, um einen Preissturz zu verhindern. Ein paar Jahrzehnte nach dem englischen Anbauverbot von 1652 versuchten die Tabakspolitiker eines andern Landes es mit dem entgegengesetzten Extrem, mit vollständiger Ausschließung des Koloniallabaks zu Gunsten des einheimischen. Am 7. April 1637 erging für Schweden eine königliche Verordnung, wonach niemand fremden Tabak bei Strafe der Konfiskation und 15 Oere Geldstrafe pro Pfund über die Grenze importieren durfte: dadurch sollte der Tabaksbau in Schweden hochgebracht werden. Dies schwedische Ein- fuhr- und jenes englische Anbauverbot nahmen immerhin schon den Genuß des Tabaks als eine unabänderliche Thatsache hin, mit der die Politik rechnen müsse. Zur gleichen Zeit gab es aber schon in zahlreichen andern Ländern Tabakspolitiker, die sich berufen glaubten, die ihrem Schutz befohlenen Mitmenschen vor dem Tabaksrauchen als vor einem verderblichen Laster liebend zu behüten. Diese Sisyphusthätigkeit hat kuriose Blüten gezeitigt. Dahin gehört zunächst eine Bulle des Papstes Urban VIII., der 1624 das Tabakrauchen und-Schnupfen mit Bann und Interdikt belegte. Diese Bulle ist 1693 erneuert worden, und erst nach einem vollen Jahrhundert— 1724— gestand der damalige Papst durch Auf- Hebung des Interdikts zu, daß er zum Unterdrücken der„trockenen Trunkenheit", wie man damals in Deutschland das Rauchen nannte, nicht mächtig genug sei. Die nämliche Erfahrung mußte auch der europäische Antipode des Papsttumes, der Großtürke, machen. Der Sultan Amurath IV. war der Meinung, das Tabakrauchen mache unftuchtbar. Um seinen Unterthanen das Laster auszutreiben, verfügte er, daß er- tappten Rauchern die Pfeife durch die Nase zu treiben sei. Mit ahn- lichen Radikalmitteln bekämpfte gleichzeitig auch das russische Zaren- tum die Tabaksseuche. Der Haupttabakspolitiker im Kreml war Zar Michael Feodorowitsch(1613— 1645), der 1634 ein ganz detailliertes Verantwortlicher Redakteur: Carl Leid in Berlin.— Rauchverbot mft schlagenden Gründen losließ. Außer dem„Trinken" des Tabaks ward auch der Handel damit unter Todesstrafe und Vermögenskonfiskation gestellt. Verbessert ward der Ukas durch de» nächsten Zaren, Alexei Michailowitsch. Darin lvaren für die ver- schiedenen Grade der Schuld verschiedene Strafstufen vorgesehen, Knute, Folter, Nasenschlitzen und Nasenabschneiden sollten dazu dienen, die Tabakssünder zur Einsicht zu bringen. Mt so rabiaten Mitteln, wie sie im Moskowiterreiche Brauch waren, gingen die Staatsweiscn der dcutschsprechenden Länder nicht gegen den Tabak vor. An vollständigen Rauchverboten aber fehlte eS auch auf deutschein Boden nicht. Für Kursachsen z. B. erging 1653 ein„Tabaksverbot", das bei 10 Thaler Strafe das Rauchen gänzlich untersagte. Darauf zielte noch im 18. Jahrhundert eine sachsen-gothaische Landesverordnung ab, in der folgender Satz kulturgeschichtlich besonders interessant ist:„Und dieweil auch durch das unzeisige und übermäßige Tabackstrincken viele Leute ihnen unvorsichtiglich großen Schaden zuziehen: als soll dessen gleichfalls männiglich müßig gehen, und nicht allein Hausväter die ihrigen davon abhalten, und ihnen dieSfals selbst keine Aergernisse geben, sondern auch, lvenn jemand angemercket wird, der dieser Unordnung allzusehr nachhänget, er deswegen, gleich anderen Trunckenboldcn gerüget, oder bey der Obrigkeit angezeiget und ernstlich bestraffet werden. So soll auch Taback auf gedachte Weise zum Verbrauchen nicht verborget, noch auf die dahero gemachte Schulden vcrholffen, sondern wer solchen verborget, vielmehr ernstlich darum gestraffet werden." Anderswo hat man zwar ans den aussichtslosen Versuch gänzlicher Unterdrückung des Rauchens aus gesundhcitspolizeilichen Griinden verzichtet, dagegen unter Vorschiebung sicherheitspolizeilicher Erwägungen es an möglichst vielen Stellen als feuergefährlich unter- sagt. In Kursachsen zum Beispiel war es durch eine General- Verordnung von 1719 nicht nur auf den Höfen, sondern auch in den Dorfgassen bei zwei neuen Schock Strafe verboten. Auch auf den Postwagen war es hier weder Poftillonen noch Passagieren gestattet. Noch Iveiter gingen darin die preußischen Tabakspolitiker; der Titel des Edikts von 1723:„Wider das unvorsichtige und gefährliche Tabaksrauchen zu Berlin" sagt schon genug. Bekanntlich ist in Berlin bis zur März-Revolution das Rauchen auf offener Straße verboten gc- Ivesen. Derartige Maßnahmen waren natürlich sehr unpopulär und führten zu vielem Krakehl. In einem außerdeutschen Lande sogar einmal zu einem förmlichen Aufstand. Das war 1690 in der holländischen Stadt Haarlem, deren Obrigkeit es zweckmäßig bc- funden hatte, das Rauchen auf den Straßen und sogar an feuer- gefährlichen Orten in den Häusern zu verbieten. Darüber ging ein heftiger Aufftand los, der durch 700 Mann Militär gedämpft wurde. So schlimm ist es in Berlin nie geworden. Raufereien mit der Polizei wegen des Rauchens waren aber auch im vormärzlichen Berlin häufig. Mit der März-Revolution ist dann auch in Preußen die altmodische Tabakspolitik zu Grabe getragen worden. Auch die Reaktion hat sie nicht wieder ins Leben zu rufen versucht, so daß wohl mal ein witziger Berliner die Rauchfreiheit als einzige dauernde Märzerrungenschaft bezeichnet hat.— Humoristisches. — Verdächtige Angst. Gattin(zu ihrem ganz verstört erwachenden Gatten, der Baumeister ist):„Ja, was hast Du denn, liebes Männchen?" Gatte:„Gott, mir träumte, ich müßte in einem von mir ge- bauten Hause wohnen."— — Galgenhumor. Der Dicke(vor der Abreise nach Marienbad zu seiner Braut):„Sei guten Muts, entweder komme ich diesmal gar nicht zurück oder nur... teilweise!"— — D i e zerstreute Hausfrau.„Ach Gott, jetzt wollte ich die Eier mit Zwiebelschalen kochen, damit sie etwas Farbe be- kämen, und nun habe ich Zwiebeln gekocht mit Eierschalen!"— („Meggendorfer Blätter".) Notizen. � Hartleben als Ueber setze r. Otto Erich Hartlcbcn und Ottomar Piltz haben zusammen ein Drama„ L u c i f e r" von E. A. B u t t i ins Deutsche übertragen.— — Arne Garborgs„Paulus" und B j ö r n s o n s „König" werden in der kommenden Saison iin Berliner Theater in Sccne gehen.— — Eine chinesische Schauspielertrnppe lvird dem- nächst nach Berlin kommen. Das 45 Mitglieder starke Ensemble wird hauptsächlich Kriminal- und Jntriguenstücke aufsiihrcn.— — Intendant P r a s ch eröffnet seine Direktion am Theater des Westens mit S m e t a n a s Oper„ D a l i b o r".— — Eine F a ch a u s st e l I n n g für Dekorationsmalerei (einbegriffen alle hierzu gehörigen Materialien, Hilfsmittel, Maschinen ze.) findet voni 23. bis 27. August in Chemnitz statt.— — Als die älteste mit einer Jahreszahl ver- sehene Glocke in Deutschland gilt die von Iggelbach i n Bayern, die aus dem Jahre 1144 stammt. Aus Eisenblech zusammengenietete Glocken sind drei bekannt: der„Saufang" aus St. Cäcilien im Museum zu Köln, das Columbansglöckchen im Schatz von St. Galleu und ein Glöckchen zu Ramsach in Ober- bayern.—__ Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und VerlagSanjtalt Paul Singer& Co., Berti« SW.