NnterhaltungMatt des Horwärts Nr. 132. Donnerstag, den 9. Juli. 1903 (Nachdruck verboten.) 17Z ßöfe JVIächtc* Roman von Jonas L i e. "„Der Herr Direktor haben doch wohl eine kleine Ahnung davon gehabt?" meinte der Wege-Jnspektor in stiller Be- wunderung. „Ich?— Zum Teufel auch,— ich hatte nicht die geringste Ahnung davon,— glaubte, er wolle bauen." „Ja, er weiß, was er thut, dieser Herr Johnstoni— aber der Herr Direktor steht ihm in der Hinsicht wahrlich nicht nach, hi, hi, hi." „Ach, er hat ein Schweinegliick gehabt! Ein Quentchen Glück wiegt mehr als zehn Pfund Verstand, wissen Sie wohl." „Hm, hm,---- Es ist gewissermaßen unangenehm, wenn einem ein Amt übertragen wird, das einem nicht gefällt: aber jetzt, Herr Direktor! verlangt man von mir eine abermalige Aufzählung der Reifenden.--- Und ich muß gestehen, seit der Herr Direktor im vorigen Jahr die guten, tristigen Gründe gegen die Diligcnccfahrt anführte,— das Geringere, das dem Größeren hinderlich sein würde,— ist mir die Sache durchaus nicht mehr angenehm,— sehe ich sie nicht mehr in demselben enthusiastischen Licht,— und,— aber man wird ja dazu gezwungen,— von Amts wegen." „So?— Ter Landrat hat sich also den Unsinn noch nicht aus dem Kopfe geschlagen?— Es muß die reine fixe Idee bei ihm sein." „Vielleicht weiß der Herr Direktor nicht, daß ein paar von den Vorstandsnutgliedern, die im vorigen Jahr gegen den Plan waren, jetzt den Mantel auf die andre Seite ge- hängt haben.---- Gaarder,— der Kämmerer,— hm,— wenn es schließlich so weit kommen sollte:— aber ich bitte, meine Vermutungen mit Diskretion zli behandeln.— Daß Harrcstad sich glühend fiir die Sache interessiert, hat ja be- kanntlich seine guten Gründe,— so lange der Herr Direktor sich auf der andren Seite befindet.--- Und daß ein Mann wie Herr Johnston nach wie vor für die Diligencefahrt ist, das fällt allerdings schwer in die Wagschale, Herr Direktor,— er ist ja gewissermaßen jetzt eine Macht,— und dabei so ganz unparteiisch und uninteressiert." „Johnston!" Ter Direktor sprang vom Stuhl auf. „Johnston,-- nun ja,— sein Interesse kommt dabei nicht in Frage."— Beruhigt setzte er sich wieder. „Ich weiß, daß er sehr für den Plan eingenommen ist und sich sogar teilweise in warmen Worten darüber äußert,— folglich muß man seine Stimme wohl mitzählen,— sintemal er im Vorstand ist."—— „Johnston!"--- Der Direktor fing an, im Zimmer auf und nieder zu gehen, als sei der Wege-Jnspektor nur Luft für ihn--„Johnston!"--- Er ging auf die Eß- stubenthür zu, wandte sich aber hastig um, indem er sie öffnete.— „Die Aufzählung, die Sie im vorigen Jahre machten, Finkenhagen, die war ziemlich flott! Die Sache wurde wohl auf höheren Wunsch ein wenig rosig beleuchtet.-- Du, Jette,— ah,— Gjertrud," sagte er ins Eßzimmer hinein,—„eine von Euch muß jetzt kommen und den Wege- Inspektor unterhalten,— ich habe nicht länger Zeit." Durch das Dielcnfcnster gab er einem Knecht Befehl, an- zuspannen, während er einen andren Rock anzog, und wenige Minuten später rasselte sein Wagen donnernd der Stadt zu. ---- Diese Sache war wirklich reichlich weit gediehen! — Beabsichtigte man eine Ueberrunwelung ins Werk zu setzen?— Nun, wer i h n überruinpeln wollte, der inußte denn doch ein wenig früher aufstehen als der Landrat und Gaarder! Der Wagen hielt vor Johnstons Gartenzaun.— Da ging er im Strohhut umher und pusselte zwischen seinen Beeten.-- „Ah, Johnston!" „Was,— Bratt?— Guten AbcnM Willst Du nicht ein wenig hereinkommen?" „Habe keine Zeit.-- Zum Teufel auch, was sind das für Sachen, die hier jetzt in Scene gesetzt werden sollen,— dies mit der Diligence?" „So?— Davon habe ich nichts gehört! Aber es sollte mich freuen, wenn wieder etwas Leben in die Angelegenheit käme!" „Du, Freundchen,— man rechnet stark auf Dich! Der Vorstand,— und dann sollen wir nun in Zukunft thalaufwärts mit der Diligence rollen, und mit der Eisenbahn wird es natürlich fürs erste nichts." Johnston schüttelte den Kopf. „Aber, lieber Bratt! Bist Du denn noch immer so auf die Idee versessen? Ich dachte,—" „Weiß Gott, ich bin das,— und nun soll der Wege- Inspektor wieder ans Zählen."— Johnston stand da, ein Gartenmesser und ein Bund frisch- gestochener Spargel» in der Hand. Er legte das Ganze nieder und stützte sich auf das Gartengitter: „Ich bin ja sehr dafür interessiert� daß wir die Eisen- bahn bekommen,— jetzt, da ich die Waldungen da oben ge- kauft habe, wo die Bahn vorüber muß." „Siehst Tu!"— unterbrach ihn der Direktor trium- phierend,—„nun gehen uns die Augen auf, jetzt, wo wir selber dafür ein wenig Verwendung haben,— freilich bist Du interessiert,— und zwar ganz gründlich!— Das ist klar.-- Wir machen ohne weiteres diese Diligence uu- möglich. Du. Ich bin fest überzeugt, der Landrat hat sie sich so fein und modern gedacht mit weichen Polstern und blank- lackiert und großen Spiegelscheiben, so daß sie den funkelnagel- neuesten, zeitgemäßen Ansprüchen genügte.-- Und dafür bekommt dann der Laudrat den Olafsorden!— und damit hat die Diligence ihren eigentlichen Zweck erfüllt."— Der Direktor lehnte sich in rosigster Laune in seinen Wagen zurück. „Ja,— nein,— siehst Tu,— ich wollte sagen, daß wenn i ch, der ich so an dem Zustandekommen der Eisenbahn interessiert bin, der Ansicht bin, daß die Diligencefrage keinen Einfluß darauf hat, so könntest Du doch sicher auch so weit kommen, die Sache im selben Licht zu betrachten wie ich." „Wie,— Du meinst, ich sollte-- Nein," kam es in verbissenem Ton heraus, indem er am Zügel ruckte, so daß das Pferd ganz unruhig wurde.--„Und folglich stimmst Du also im Vorstand dafür?" „Wenn es erst soweit kommt, so weißt Du ja, daß ich es thue." „Hm."--- Das Pferd trippelte unruhig vor dem Wagen, von einer starken Hand gehalten.„Ich sage nur, � und Du kennst meine Ansicht von früher,— Deine grenzenlose Naivetät, wo es sich um öffentliche Angelegenheiten handelt, thut mehr Schaden, als—— Nun, nun, ninnns. nicht übel.-- Aber,— ich bin doch neugierig auf den Tag, wo Dein Landrat die Diligence zu seinen Verdiensten zählen kann.—— Guten Abend, Johnston!" Er ließ dem Pferde die Zügel schießen. In rasender Fahrt jagte es den Hügel hinauf und bog in den Thorweg, der zum Comptoir führte, ein. Eine halbe Stunde später zeigte sich Harrestads schmächtige Erscheinung ganz erhitzt in der Thür. „Herr Direktor haben nach mir geschickt.— Ich weiß wirklich nicht recht, welchem Umstände ich diese Ehre zu ver- danken habe--" „Ach, zum Teufel auch, danken, Harrestad, ehe einem was geboten ist! Nehmen Sie gefälligst Platz." Das war ein höchst sonderbarer Empfang. Harrestad schaute um sich und ließ sich dann auf dem Ledersofa nieder. „Sie haben nun schon ziemlich lange hier in der Stadt gelegen und gekrabbelt und sich bemüht, in das öffentliche Leben hinein zu gelangen. Harrestad;— aber sonderlich glatt ist es wohl nicht gerade gegangen, wie?" wandte sich der Direktor mit einem gewissen Humor ihm zu. „Nein,— daran sind der Herr Direktor schuld!" „Ja, ich glaube es fast selber." Sie tauschten einen Blick aus. „Diese Beschäftigung, bei Konkursen als Kläger auf- zutreten und dergleichen,— und die Sparkasse für die Hand- werker, in die niemand Geld einschießt.-- Und dann nun dieser letzte Versuch,— wie nennen Sie es doch noch,—„Hilfs- kasse für Seeleute zur Anschaffung nützlicher Schriften",— zu dec Sie selber die Bücher liefern."-- Der Direktor stand an dem Pult, den Arm stützend und «in Schlüsselbund leise hin und her schwingend.— „Die Leute durchschauen das alles viel zu sehr.— Und das ist Ihnen stets bei den Wahlen hinderlich,— weit mehr als der Direktor,— wie schlau und klug Sie auch Ihre Dohnen aufstellen." Harrestad saß da, von Minute zu Minute wurde er wütender. Er erhob den Arm und war gerade im Begriff, aufzuspringen, als ihn ein Ton und ein Blick seines Gegners in den Schranken hielt. „Ja, ja,— weit mehr als der Direktor.—-- Was meinen Sie, Harrestad," kam es nach einer drückenden Pause,—„wenn Sie all den Blödsinn über Bord würfen, und ich Ihnen etwas verschaffte, was Ihnen wirklich dazu verhülfe, festen Fuß im öffentlichen Leben zu fassen. Den Revisorposten am Krankenhause zum Beispiel, der zu Neujahr frei wird?" (Fortsetzung folgt.) ("W'dnKl atvSulcn.) Bin Lump. Von Max N e n t w i ch. (Fortsetzung.) Montagmorgen Kar das gesamte Personal der Buchdruckerei Niederlein pünktlich angetreten. Gerade der Montag Kar jener verpönte Tag, an welchem der Geist der Arbeit aus seiner sonntäg- lichen Feierstimmung unmittelbar in die richtigen Geleise gelenkt werden muhte. An jedem andren Morgen gönnte sich der ruhe- bedürftige dicke Herr mit dem goldenen jweifer einige Stunden des fühen NachschlummerS. um ein etwaiges Manko der Nachtruhe nach- zuholen; aber Montags sah er mit dem Schlage 7 auf seinem Dreh- stuhl und musterte etwa noch später Eintretende auf das schärfste. Und wer gar die 5 Minuten Laufzeit überschritt, der bekam, wie es in Kollegenkreisen hieh,„ein Gesicht zu sehen". Derartige Demon- strationen vom Stapel zu lassen, hatte er allerdings sehr wenig Gelegenheit, denn das Personal wußte, durch die Erfahrung belehrt, Wie es sich Montagmorgen zu verhalten hatte. Ein jeder stand an seinem Platze und suchte sich mit der Montag- Morgen-Arbeit zurechtzufinden, so gut es eben ging. Man plauderte nebenhin ein bißchen mehr als sonst, denn es gab ja vom Sonntag her zu erzählen. Eine neue Eroberung, die einer beinahe gemacht, ein verunglückter Angriff, ein belauschtes Dcte-ä-tete und dergleichen schöne Sonntags- Erlebnisse. Nur einer von den jüngeren Leuten sagte kein Wort, lächelte still für sich hin. Auf seinem Gesicht war es klar zu lesen, daß seine Gedanken ganz wo anders weilten, als bei seiner Arbeit. Er dachte an den Sonnabend, wo er seinen Nebenmann, den neuen Kollegen, einlud, an einer Partie teilzunehmen; dieser hatte es abgelehnt; und wie schön war's, daß er abgelehnt hatte. Denn der neue Kollege mit dem essigsauren Gesicht hätte ihn, ja doch bloß im Wege gestanden. „Nanu, Kleiner," wurde er plötzlich angelacht,«Sie sagen ja heute gar nichts?" Der Angeredete wachte aus seinen Träumereien auf; er besann sich plötzlich, daß er ja unter seinen Kollegen stand und nicht an der Seite jener herzigen, rosafarbigen Tüllwolke durch den Stadtwald schwebte, wie gestern. Die Antivort auf diese Anzapfung war wieder nur ein Lächeln. Doch die Sticheleien nahmen kein Ende, bis er fragend von seinen Lippen schlich— aber sehr leise, daß es kaum die Nächststehenden hören konnten:„Ach, Kinder, Ihr versteht's ja nicht, von Euch hat sich ja noch keiner richtig satt geküßt." Wie die Kollegen darüber dachten, ließ sich aus dem Gelächter entnehmen, welches den schüchternen, aber glühenden Worten folgte. An Bemerkungen zweideutigster und unzweideutigster Art fehlte es nicht, bis der lächelnde junge Mann sich wieder in vollkomnienes Schweigen gehüllt hatte und alle Redensarten im Vollbewußtsein seines Glückes ruhig über sich ergehen ließ. „Frühstück! Soll ich was mitbringen?" frug ein Laufbursche laut herum. Unter dem Arm hatte er eine Kiste geklemmt, deren Deckel abgenommen war; einige leere Bierflaschen guckten heraus. Bestellungen wurden gemacht; und wer vom Sonntag noch einige disponible Groschen übrig hatte, verstieg sich sogar zu einer kleinen Delikatesse: das konnte auch nur Montags' sein. Der neue Kollege, an dessen Anwesenheit man sich in den ver- flossenen acht Tagen gewöhnt hatte, bestellte auch etwas. „Eine Flasche Bier und für 10 Pf. Zwiebelleberwurst." „Ja, für 10 Pf. giebt es nicht," erwiderte der kleine Kerl. „So— na, dann bring' mir für 15 Pf., macht 25 Pf." Er griff in die Hosentasche und brachte diverse Nickel- und Kupfer- münzen hervor, zählte 25 Pf. ab und gab sie dem Kleinen. Dieser ging gleich weiter, er hatte es eilig. Doch der Besteller konnte nicht umhin, seinen ganzen Barbestand flüchtig durchzuzählen; es kam ihm zu wenig vor. Er suchte alle Kleinigkeiten in seiner Hosentasche zusammen «ch konnte nicht mehr als 30 Pf. zusammenbringen, und er hatte doch weder Hemd noch Tabakspfeife gekaust. Lange Zeit gingen ihm diese Gedanken im Kopf herum; rnn allen Zweifeln ein Ende zu machen, nahm er ein Stückchen Papier und begann zu notteren: Sonnabend nichts, nur Wasser getrunken, Sonntag früh auf Ersuchen seiner Wirtin ein Taschentuch gekauft: 40 Pf.; ein Papierkragen 10 Pf., ein Paar Papiermanschetten 15 Pf., ein Papierchemisette 10 Pf., Entree zum Volksgarten 10 Pf., Äachmittag-Kaffee 25 Pf., 2 Glas Bier mit Trinkgeld 35 Pf. Er zählte alles zusammen und richtig, es stimmt: 1,45 Mark und heute Frühstück 25 Pf., in Summa 1,70 Mark, bleibt Rest 30 Pf. Es stimmt— wirklich, es stimmt. Dmm giebt es von morgen ab wieder Wasser zum Frühstück, wie in der vergangenen Woche. .' Wenn nur abends nicht dieser ganz eigentümliche Appetit auf Tabak gewesen wäre. Wenigstens einmal eine Cigarre rauchen. Man könnte sich ja doch einmal zwei Cigarren für 10 Pf. leisten, dann bleiben ja immer noch 20 Pf. übrig. In dieser Woche sind ja keine Ausgaben mehr» Bier wird nicht getrunken, Wurst giebt es nicht mehr! Es mußte doch also gehen I Jedoch er rechnete und überlegte, ob nicht noch un- erwartete Ausgaben kommen könnten, für die doch ein paar Pfennige reserviert bleiben müßten. Zwei Abende vermochte er sein Verlangen noch zu unterdrücken; am dritten aber fiel es ihm gar zu schwer, bei dem einladenden Cigarrcngeschäft vorüber zu gehen, durch dessen geöffnete Thür ein prickelnder, würziger Geruch in den schwülen Sommertag strömte. Und als er dann abends am Fenster saß und wirklich eine Cigarre rauchte, empfand er eine so recht tiesinnere Befriedigung seines Wunsche?. Nur störte ihn im friedlichen Genüsse ein gewisses Mißbehagen. Seine Gedanken schweiften ab. Fortwährend dachte er daran, wie er heute morgen seinem Kollegen den verwünschten Bescheid geben mußte. Ein älterer, sehr ruhig und bedacht redender Kollege frug ihn so recht im Vertrauen, ob er organisiert sei, oder wie er darüber denke, dem Verbände beizutreten? Die Antwort war, daß er in die Hosen- tasche griff und die übriggebliebenen 30 Pf. zeigte. Es wurde dann Wer die Lohnverhältnisse gesprochen. Der Kollege konnte seine Ver- wunderung über diesen allzu geringen Lohnsatz nicht unterdrücken; es sei ja im Geschäft hier schon so manches passiert, aber 16 Mark. das hätte„er" doch noch keinem geboten.„Je nun," meinte der ältere Kollege leutselig,„wenn einem die Not treibt, nimmt man schließlich mal eine schlecht bezahlte Kondition an. Wer..." Den Nachsatz ließ er fallen. Daß ihn die Not getrieben, das war also als berechtigt an- erkannt worden; von welcher Art diese Not war, hatte man glücklicher« weise zu berühren unterlassen, vielleicht vergessen— vielleicht aber wußten auch die Kollegen, wie alles gekommen war. Denn der ältere hatte in sehr vernünftiger Weise ein paar Wochen Wartezeit empfohlen: es ließe sich dann ja immer noch darüber reden; wenn erst einmal die Anfangs-Ausgaben gedeckt wären.— An dieses alles dachte er jetzt, während er den Rauch der Cigarre durch das Fenster blies. Eine andre Beschäftigung hatte er nicht; er hätte gern gelesen, Bücher besaß er leider nicht und eine Zeitung — die kostet monatlich 75 Pf. bis 1 Mark, und die Wirtin, die so wie so scheel sah, hätte es für unverantwortlichen Luxus halten müssen, wenn ein Buchdrucker, der den ganzen Tag liest, abends noch eine Zeitung extra liest. Und im Lokal lesen— da muhte er Bier trinken und das kostet Geld. Es blieb also nichts Wrig, als vorläufig abends nichts zu unternehmen, an jedem zweiten oder dritten Tage vielleicht eine Cigarre zu rauchen. Spazierengehen— das konnte er noch. Aber dWei war ihm gestern abend etwas recht Unangenehmes passiert. Er hatte einen Kollegen getroffen und dieser frug ihn, ob er auch ein Glas Bier trinken gehe? Solch eine Frage, die er gestern unter irgend einem Vorwand verneinend beantwortet hatte, würde ihn heute geradezu verlegen gemacht hWen. Bis heute waren noch 30 Pf. Barbestand, jetzt aber gar nur 20 Pf. Und heut war erst Donnerstag; in dieser Woche war also nicht mehr an vieles Spazierengehen zu denken. Er fühlte auch, daß er müde und abgespannt war, es war gewiß das beste, sich zu Hause auszuruhen. Die Woche war glücklich zu Ende. Donnerstag war keine Cigarre geraucht, auch kein Bier ge- trunken worden; Freitagabend zogen wieder lichtblaue TWaks- Wolken durch das Fenster, und heute war es nun gekommen, da andre AusgWen gar nicht entstanden waren, daß immer noch 20 Pf. in der Hosentasche steckten, als der Wochenlohn, nach den Wlichen Abzügen in Höhe von 12,50 Mark hineingeschoben wurde. Das war ja wieder eine Unmasse Geld. Zu Hause angekommen, wurde der Etat sofort festgestellt. Alle Ausgaben acceptiert. Nur wurde bei dem Posten Hemd oder Tabaks- pfeife etwas Definitives nicht beschlossen. Da war es Frau Müller, die hier das entscheidende Wort sprach, und zwar für Anschaffung eines Hemdes. Sie mußte mit nicht recht sauber abgewogenen Worten gesprochen haben, denn die Art, wie sie den Zweifel, ob Hemd, ob Tabakspfeife, beurteilte, machte den jungen Mann verlegen. Der Erfolg war: sofortige Anschaffung eine» Hemde» zum Preise von t.v0 Mark. Unterwegs wurden ohne Besinnen noch zwei Stück Cigarren gekauft. Tiefe sollten wieder, wie das letzte Mal, für die ganze Woche reichen. Und dann wurde zu Hause nochmals große Abrechnung gehalten. Rechnen und Groschenzählen schienen mit Nebereifer betrieben zu werden, und auch öfter als es notwendig war. Aber heute war ja Sonnabend, da mutzte jeder ordnungsliebende Mensch abrechnen. Miete 10,50. Hemd 1,50 Mark. Papierkragen 10 Pf., dito Chemisette 15 Pf.(die Manschetten gingen noch eine Woche zu ge- brauchen), 2 Stück Cigarren 10 Pf.; macht Summa 12,35 Mark. Bleibt Rest, zusammen mit den aus der vorigen Woche erübrigten 20 Pf.: 35 Pf. Auf dem Papier übte die Rechnung mit dem erschrecklichen Resultat noch keine so rechte Wirkung aus; es wurde zwar vorsichts- halber sofort noch einmal durchgerechnet, um die Richtigkeit fest- zustellen. Als aber die Posten alle mit den schönen harten Edel- metallplatten bezahlt waren und der ganze verbleibende Rest in Höhe von 35 Pf. in die Hosentasche gesteckt war. da fuhr sich der unglückliche junge Mann in einer gewissen Verwirrung mit der flachen Hand über die Stirn. 35 Pf. ist sehr wenig. Da mußte irgend ein unnötiger Posten verzeichnet sein, der bequem gestrichen werden konnte. Nach wiederholter Durchsicht des Papierstreifens, auf dem die Rechnung stand, schüttelte er mit dem Kopfe:„Es ging nicht, ich hätte höchstens das Chemisette noch acht Tage umbinden können; ganz scrub« war's ja nicht mehr, aber vielleicht wär's gegangen; dann wären 50 Pf. übrig geblieben; 50 Pf., das wäre doch schon etwas mehr gewesen."— An diesem Sonntag mutzte der Volksgarten allerdings gestrichen werden; denn 10 Pf. Entree— nein, das ging nicht. Und man konnte doch nicht hineingehen, ohne etwas zu verzehren. Schlietzlich war es draußen auch ganz hübsch. Es konnte doch auch jedermann gleichgültig sein, ob jemand im Garten saß oder drauhen spazieren ging. Wenn sich nur einmal in Erfahrung bringen ließe, ob die Leute wohl ahnen, wie viel Geld der einzelne in der Tasche haben mag. Ob jemand mir ansieht, daß ich nur 35 Pf. habe. Was würden die Leute für Gesichter machen, wenn sie es wissen könnten?— Lachen, lachen, verächtlich lachen; ebenso verächtlich lachen über mich, wie über den Korrigenden, der mit der Blechschüssel unter dem Arm und dem Löffel im Knopfloch hinauszieht zum Steinekarren. „Ach, Unsinn, die Leute sehen es ja nicht." Und doch— er ging allen aus dem Wege. Sie sollten ihn nicht ansehen. Hätte es jemand gethan, er hätte gefühlt, wie ihm das Blut in die Wangen geschossen wäre. Weit drautzen auf freier Wiese ließ er sich nieder. In dem hohen Grase lag er, fern von den Menschen. Sommer-Abendschwüle lag über den Feldern; die Zirpe lietz ihre eintönige Weise erklingen, sonst alles still. Nur hoch oben an den Wolken, ein einziger, belocglicher, dunkler Punkt, flog eine Lerche und sang ihr Lied, daß es weit über die Thäler scholl; sie stieg immer höher, immer höher, bis sie kaum mehr zu sehen war. Dort unten im hohen Grase lag ein junger Mann und sah ihr nach und hörte ihr zu, wie sie sang und plauderte. Und dann flüsterte er ihr zu, wie wenn sie es verstehen sollte:„Latz' Dich nicht fangen, kleiner lustiger Vogel, wenn Du einmal im Gebauer eingesperrt ge- Wesen bist, verlernst Du das Singen und steigst geWitz nie wieder so hoch; laß' Dich nicht fangen, komm' den Menschen nicht zu nahe." Doch sie sang ungestört fort, trillerte und jubUierte, bis die Sonne, wie ein Goldklumpen, hinter den waldigen Bergen versank. Dann lietz sie sich hernieder, immer noch singend; dann eine kurze Pause, und Wied« Gesang. Weit hinten mif der Wiese verschwand sie im hohen Grase, wo das Weibchen im Neste saß. Spaziergänger kehrten mis dem Stadtwalde heim. Einige von ihnen sangen:„Wer hat dich du schöner Wald"—„Morgen marschieren wir"—„Weh', daß wir scheiden müssen". Schon von ferne hörte man sie. Rudelweise kamen sie unter Gesang, Lachen und Scherzen. Es war dunkel geworden. Doch in den schwülen Sommer- nachten herrscht nie wirkliche Finsternis: die weißen Lichtgestalten heben sich immer noch scharf ab. Vater und Mutter gehen vorn; sie sind schon längst vorbei. Dann kommen die Kleinen: Botanisiertrommel, Schmettorlingsnetz, Ballnetz, Hängematte. Dann, etwas sehr weit von den vorderen ab, eine Mädchengestalt in blendendem Weiß, ein junger Mann an ihr« Seite; sein rechter Arm ist um ihre Taille gelegt. „Clly, bist Du mir wirklich sehr gut, Elly?" „Ach ja, Hans." Sie blieben beide stehen und dann sah eS in der Dämmerung aus, als ob beide nur einen Kopf hätten. „Ach, Elly, wenn ich mich nur noch ein einziges Mal so recht satt küssen dürfte, Elly." „Ab« Du darfst es ja, Hans—" Lautes Rufen. „Elly, Elly, kommt doch; wo bleibt Ihr denn?" klang es von ganz vorne. „Ach Gott, die Mutter., Und beide gingen eilig weiter. Im hohen Grase lag ein junger Mann. Den Kopf in die Hände gestützt, blickte er dem zärtlichen jungen Paare nach. Auf seinem Antlitz lag bittere Wehmut. Sein Herz schlug laut. Die Lippen waren geschlossen, die Zähne fest aufeinander gebissen und üb« seine fahlen Wangen rannen ein paar heiße Thränen. Auch diese Woche war w gewohnter Weise vergangen, und bis nächste fast zu Ende. In der Hosentasche befand sich seit vier Tagen nicht ein rote« Pfennig und die linke Hand, die sonst die Vermittelung zwischen innen und außen übernommen, ging leer hinein und kam leer heraus. Doch es stand fest, daß nun bald eine Aenderung eintreten werde. Es gab nicht nur bald Geld, sondern eL würde von jetzt ab mehr Gell» geben, so viel, daß die linke Hosentasche nicht immer ganz leer werden soll. _ Es hatte tagelanges Ueberlegen gekostet und manche wachs Stunde im Bett, ehe der Entschluß gereift war, einmal um eine Zu- läge vorstellig zu werden. Alles„für" und„wider" war in Er- wägung gezogen, alle möglichen Folgen eines solchen Schrittes aus- geklügelt worden und nun stand es fest, daß dieser Schritt nicht nuv gewagt werden dürfe, sondern daß er auch Erfolg haben müsse. Auf einem Zettel standen die Ausgaben und die Einnahmen einander gegenüber. Wenn er den Zettel abgab, so dürfte er doch selbst vom unvernünftigsten Menschen ein Einsehen erwarten. Der Erfolg war doch dann eben eine Zulage. Es konnte gar nicht fehlgehen. Also bewaffnet, erwartete er die Zeit, wo sein Chef den Wochen» lohn auszahlte. Als sein Name gerufen war, ging er hin zu dem dicken Herrn mit dem goldenen Kneifer und legte, nachdem er seine 12,50 Mark eingestrichen, in kurzen, nicht ganz glatten Worten sein Anliegen vor:„Ich kann wirklich nicht auskommen, Herr Niederleint" „Herr Schwindt, ich mutz mich allerdings wundern, daß Sie schon nach den ersten vier Wochen um eine Zulage vorstellig werden; aber ich kann Ihnen zu Ihrer Gcnugthuung mitteilen, daß Sie auf der Liste derjenigen Herren stehen, welche für eine Zulage in Aussicht genommen sind. Ich habe mich von Ihrem Fleiß überzeugt und, wie gesagt, Sie stehen auf der Liste. Zu Neujahr pflege ich zuzulegen." „Zu Neujahr?" „Ja, zu Neujahr. Es ist in meinem Geschäft von jeher so ge- Wesen, daß Zulagen nur zu Neujahr bewilligt werden." Schwindt beschied sich damit und ging auf seinen Platz; erst später, als er sich immer und immer wieder diesen Augenblick vor- führte, und sich vorwarf, daß er das hätte so sagen müssen und jenes so, kam er auch darauf, daß er ganz vergessen hatte, den Zettel zu zeigen. Es mutzte also, ivcnn vor Neujahr eine Zulage nicht zu erwarten war, entschieden sparsamer gewirtschaftet werden. In Aussicht ge- nommen lourde zu diesem Zweck Aufkündigung, der Kost bei Frau Müller;„wenn ich dort nur wohne, zahle ich vielleicht 2,50 bis 3 Mark; dann bleiben mir immer noch 9 Mark zur Beköstigung, damit kann ich mich einrichten." Während ihm diese Zahlen im Kopfe herumgingen, klopfte ihn? der alte Kollege auf die Schulter. Schwindt wandte sich um und als er das bekannte Gesicht sah, erwartete er wieder eine kleine Epistel über die Verbands-Angelegenheit. Aber nichts davon; in vertrautest« Weise wurde er gefragt, wie er wohl heute über die Teilnahme an dem Sonnabendabend-Schoppen denke.„Sie sind nun schon vier Wochen hier und verhalten sich so exklusive wie nur möglich." 9 Mark in einer Woche Ueberschuß. So viel Inhalt hatte die Hosentasche noch nie gehabt. „Nun ja, meine Herren, wenn's Ihnen recht ist, will ich mich gern beteiligen." kleines faiülcton. th. In der Sommerfrische. Am Nachmittag schwoll Maries Backe an. Ihr ganzes Gesicht war schmerzhaft verzogen und mit glühender Rote Übergossen. Die Köchin machte bedenkliche Mienen: „Na, Sie sollten man auch sonst lvas thun, als mit de Kinder an den Strand jehn, wo heute der Wind so übers Wasser pfeift. DaS Jeficht I Das is doch nich blotz von Zahnschmerzen." Marie schüttelte den Kops und preßte das Tuch fester auf daS schmerzende Gesicht:„Nein, nein l Es ging schon so I" Die gnädige Frau würde böse werden, die gnädige Frau war inS Seebad ge- kommen, um ihre Ruhe zu haben, man durfte sie nicht stören." Marie nahm die Strandkleider, die sie eben gebügelt, und ging Hinaus, um die Kinder anzuziehen. Die Kinder lachten hell auf:„Wie Marie aussieht!" „Als Hütt' sie'ne Knallschote bekommen I" sagte Käthe in ihrer naseweisen Manier. „Aujust mit de jeschwollene Backe," lachte der neunjährige Max, und das dreijährige Lieschen wiederholte es:„seswoll'ne Packe". Marie war es durchaus nicht zum Lachen. Es bohrte und stach in der Backe, sie komrte sich kaum auftecht halten� vor Schmerzen. Rein mechanisch zog sie Käthe und Lieschen die blauleinenen Matrosen- Uttel an. Lieschen schrie und strampelte. Sie wollte das weiße Spitzenkleid anziehen, das blaue paßte ihr durchaus nicht. Marie redete gut zu. Sie versuchte ihr den LeinenUttel überzuziehen, allem Lreschen wehrte sich. Sie schlug Marie ins Gesicht gerade auf die geschwollene Backe. Die beiden Großen fingen auch an, zu rumoren:„Marie, haken Sie mir das Kleid zu."„Marie, Ivo ist mein Shlips?" Marie hier, Marie da... Sie hätte vi« Hände haben können, und dabei wurden die Schmerzen immer ärger. Als die drei Kind« endlich geputzt dastanden, sank das Mädchen auf einen Stuhl und wimmerte;„Ich halt* nicht mehr aus, ich kann nicht mitgehen." Die Kinder standen sprachlos, dann wandte sich Käthe Plötzlich um und lief nach vorn auf die Veranda:„Mama, Tante Ida, Marie ist krank. Marie will nicht nut unS an den Strand gehen." Die beiden Damen horchten auf, sie lagen in bequemen Triumphstühlen und lasen oder träumten vielmehr über die Bücher fort in den hellen Sommertag hinein. Käthes Mama fuhr nervös in die Höhe:„Aber, Kind, solch' Spektakel, was ist denn los?" „Marie hat'ne dicke Backe; sie schreit, sie will nicht mit- gehen." „Um eine dicke Backe?" Tante Idas Stimme klang spöttisch: „Ruf sie doch einmal her." Das Mädchen kam, sie hatte Lieschen auf dem Arm, Max stünnte hinterher. „Was soll denn das heißen, Marie?" fragte Käthes Mama, „Sie wollen nicht mit den Kindern an den Strand? Die Backe ist ja doch dick, da kann sie ja gar nicht mehr weh thun." „Sie brennt aber wie Feuer," schluchzte Marie,„und die Köchin hat auch schon gesagt, wenn das man nicht was andres ist, wie bloß von Zahnschmerzen." „Ach was soll es denn sein? Sie haben am Wasser Zug be- kommen, weiter ist's gar nichts. Darum niacht man doch nicht solche Scene. Nehmen Sie die Kinder und gehen Sie an den Strand. Die Kinder müssen ihren Spaziergang haben. Wenn Sie ruhig sitzen, wird's schon nicht so weh thun." „Es brennt nur so!" Das Mädchen wimmerte, sie knickte fast zusammen. „Wenn Marie aber in dem Zustand ist. kann sie doch nicht auf die Kinder aufpassen," sagte Tante Ida.„Sie kann sich ja nicht be- herrschen, da läßt sie womöglich die Kinder Schaden leiden! Da... ich sag's ja, sie läßt noch Lieschen fallen." Sie sprang auf und griff nach der kleinen Nichte. „Es fuhr mir so durchs Gesicht," schluchzte Marie. Sie weinte ietzt wirklich vor Schmerzen. „Gott, das ist ja aber gräßlich." Die gnädige Frau richtete sich auf.„Und gerade jetzt in der Sommerfrische, wo man seine Ruhe haben will! Jetzt lassen Sie mal die Kinder hier und gehen Sie hinüber zu Doktor Müller, er soll Ihnen sagen, was es ist. Ich will wissen, ob es so schlimm ist, wie Sie es machen." „Sagen Sie aber, daß Sie von uns kommen," rief Tante Ida ihr nach,„damit Sie nicht so lange lvarten müssen." Als Marie gegangen war, sahen sich die beiden Damen ratlos an:„Ja, was soll denn nun werden?" „Es wird ja schon nicht so schlimm sein." „Die Backe sah aber doch gefährlich aus," meinte Tante Ida nachdenklich. „?ta ja, fang nur noch so an, das könnte einen, gerade passen: das Kindermädchen krank und keiner da, der auf die Kinder auf- passen kann. Womöglich kann man's noch selber thun. Dazu ist man in's Bad gereist! Mar, Käthe, macht nicht solchen Spektakel, wenn man Euch eine Stunde um sich hat, kann man ja verdreht werden." Sie ließ ihren Zorn an den Kindern aus, die im Zimmer umherzutollen begannen. Max und Lieschen standen wie auf Kommando still, aber Käthe rief:„Mama, da kommt Marie schon wieder,— ach, und die Backe ist noch röter." Wirklich, Marie kam. Sie hielt ein Tuch an die Backe und schluchzte:„Der Doktor sagt, gefährlich ist es nicht, aber ich soll mich ruhen und keinen Zug rankommen lassen; es ist Rose. Aber wenn ich sie warin halte, ivird's in zwei Tagen vorüber sein." „Na also," sagte Käthes Mama.„Dann binden Sie sich ein wollnes Tuch uin den Kopf und gehen Sie mit den Kindern an den Strand; wenn Sie in den Dünen sitzen, habe» Sie ja auch Ihre Ruhe. Na, nun eilen Sie sich, damit die Kinder raus kommen." „Ja, ja." Marie nahm Lieschen auf den Arm und alle verließen das Zimmer." Es herrschte wieder Stille in der Veranda. Auf einmal aber sagte Tante Ida:„Du, hör' mal, glaubst Du nicht, daß Rose an- steckend ist?" „Ach nein I Denkst Du I" „Ich Hab es mal gelesen, ich weiß es ganz gewiß." „Aber das wär' ja gräßlich und sie hat die Kinder bei sich." „Ich kann es Dir sogar in unsrem Hausdoktorbuch zeigen. Sieh mal, hier steht's". Tante Ida war aufgestanden und hatte ein Buch aus dem Schrank genominen. „Das ist aber empörend, und das sagt der Doktor uns nicht 'mal?" „Er wird es schon gesagt haben, und sie hat's vergessen zu be- stellen." „Dumm genug ist sie dazu, statt an die Kinder zu denken. Ja, was machen wir denn nun?" Sie sahen sich beide ratlos an. Käthes Mama erhob sich seufzend:„Ja dann wollen wir nur gehen und selber bei den Kindern bleiben, dann kann sie ja in ihrem Zimmer bleiben, bis sie wieder heil ist. Ach jal Und das soll nun Erholung für uns sein l" „Ja, es hilft nichts," meinte Tante Ida.„Die Gesundheit der Kinder geht doch vor. Aber weißt Du, sage Marie. Du schicktest sie nach Haus um ihretwillen, das macht doch einen besseren Eindruck."—__ Berantwortlicher Redalteur: Carl Leid in Berlin.— — Die RcgenverhSltnisse Palästinas. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: Das wichtigste klimatische Element ist in Palästina der Niederschlag, denn von seiner Menge und Verteilung hängt die Fruchtbarkeit des Landes in erster Linie ab. Eine von H. Hilderscheid unlängst veröffentlichte Untersuchung aller bisher vorhandenen Regen- beobachtungen in Palästina giebt darüber interessante Aufschlüsse. Hiernach hat der südliche Küstenbezirk und das tiefer als der Meeres- spiegel liegende Gebiet am Toten Meer und im Jordanthal eine durchschnittliche jährliche Regenhöhe von etwas unter 500 Millimeter, der höhere westliche Teil des Verglandes eine solche von 700 bis 750 Millimeter, das übrige Bergland 000— 700 Millimeter, die Ebene 500—000 Millimeter. Zum Vergleich sei beigefügt, daß die durchschnittliche jährliche Nicderschlngshöhe in Köln 038 Millimeter beträgt. Der Monat Juli ist in Palästina so gut wie völlig regenlos, auch Juni, August und September sind fast völlig trocken, dagegen sind März und November die eigentlichen Rcgenmonate, in denen fast O.S aller Niederschläge fallen. Die Monate Mai bis September haben durchschnittlich nur 1 Proz. der jährlichen Regenmenge. In Jerusalem beginnt die Regenzeit ungefähr im letzten Drittel des Ottober und schließt anfangs Mai; an etwa 102 Tagen wird daselbst Regen beobachtet, die Trockenheit umfaßt dagegen 173 Tage. Der Frühregen der Bibel fällt im Oktober und Noveniber, der Spätregen im April und Mai. Ersterer ist fiir die Saaten der wichtigste, ist er spärlich oder bleibt er einmal aus, so kann auch ein reichlicher Spätregen den Feldern nicht viel nutz«:. Fast alle Regen treten in Jerusalem mit westlichen Winden ein und bringen Abkühlung. Von 1800 bis 82, also in 22 Jahren, brachten 14 Winter zu Jerusalem Schnee, der aber rasch schmolz; der bedeutendste Schneefall trat am 28. und 20. Dezember 1307 ein und verursachte eine Schneehöhe von 43 Centimeter. Hilderscheid hat auch untersucht, ob sich das Klima Palästinas in geschicht- licher Zeit verändert habe. Er findet, daß die Bewaldung des Landes im Altertum nicht wesentlich größer gewesen sein könne als heut- zutage, auch deuten die Angaben der Bibel wie des Talmuds nicht darauf, daß früher die Regenverhälttrisse anders waren. Daraus schließt er, daß der heutige armselige Zustand und die dünne Be- völkerung des Landes nicht eine Folge klimatischer Veränderungen seien, sondern durch die geschichtliche Entwicklung bedingt würden, so daß bei einem gründlichen Wandel der durch die türkische Un- kultur hervorgerufenen Verhältnisse das heute verödete Land wieder in einen Zustand der Blüte und des Wohlstandes gebracht werden könnte. Humoristisches. — Aus der Gesellschaft.„Gefällt Dir denn Dein Gemahl, liebe Oiosa?" «Bah, was geht es mich an, was für einen Schwiegersohn sich mein Papa für sein Geld gekauft hatl"— — Aus gesorgt. In einer Stadt der Niederlansitz, die besonders durch ihre reichen Tuch- und Hutfabrikanten bekannt ist, sitzen am Stammtisch eine Anzahl der angesehensten Bürger. Das Gespräch dreht sich unter andrem auch um die Fortschritte der jungen Herren auf dem Gymnasium. Dabei fragt denn auch der alte Sanitätsrat Dr. N. den neben ihm sitzenden reichen Fabrikanten W., dessen ältester Sprößling trotz Nachhilfestunden und des respektablen Alters von beinahe 10 Jahren noch immer die Bänke der Quarta drückt:„Sagen Sie mal, lieber W., Sie wollen Ihren Sohn, den Adolf, aus der Schule nehmen? Wollen Sie ihn denn nicht wenigstens bis zum Einjährigen gehen lassen?" Er erhält darauf zur Antwort:„Ach was I Des fällt mir jar nich ein. Meine Jungs, die brauchen keen Latein, meine Jungs ha'n W u l l e. Wenn meine Jungs nach L a t e i n i e n kommen, denn nahm'» se sich een T u l m a t s ch �Dolmetsch) I"—(„Luftige Blätter.") Notizen. —„Lueiker" heißt eine neue Zeitschrift, die die wissen- schaftlichcn mit oen religiös-idealisttschen Bedürfnissen der Zeit vcr- söhnen will. Herausgeber ist Dr. Rudolf Steiner.— — Das Berliner Theater brinat in der nächsten Saison zwei M o l i 5 r e sche Stücke„Der Zwist der Verliebten' und„Georges Dan bin", zur Aufführung; die deutsche Be- arbeittmg stammt von Ludwig Fulda.— — Telegraphische Wetterprognosen werden in der Zeit vom 11. Juli bis 20. Oktober in allen Telegraphen- ämtern Oberöstreichs und Salzburgs öffentlich aus- gehängt werden. Das Prognosentelegramm, das sich aus die Witte- rung des nächsten Tages bezieht, ist ein chiffriertes Wort von fünf Buchstaben. Der Schlüssel zn den einzelnen Buchstaben hängt gleich- falls aus. Bewährt sich die telegraphische Wetterprognose, so soll sie später durch die ganze östreichisch-ungarische Monarchie öffentlich ver- breitet werden.— — Palmenrasen. In den Villengärten von Nizza und Cannes sieht man jetzt häufig einen großblättrigen Nasen, der nicht von Gräsern, sondern von jungen Dattelpalmen gebildet wird. Es sind junge Pflanzen der canarischen Dattelpalme. Die Gärtner hatten bemerkt, daß die kleinen Dattelfrüchte dieser Art, die ungcerntet auf den Boden fallen, in diesem warmen Klima leicht keimen und Pflanzen von großer Gleichmäßig- keit des Wuchses ergeben; sie machte« deshalb den Versuch, die Datteln im März in engen Reihen zu pflanzen, und sie erzielten so einen schönen hohen, lebhaft grünen Rasen, welcher einen zwar etwas fremdartigen, aber außerordentlich angcnehnien Anblick ge° währt.—__(„Prometheus.") Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei und Verlagsanstait Paul Singer& Co., Berti» SW