Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 133. Freitag, den 10. Juli 1903 (Nachdvuck verboten.) isi Böh JVIächte, Roman von Jonas L i e. Harrestad richtete sich hoch im Sofa auf und ließ sich dann unschlüssig wieder fallen: „Darf ich mir die Frage erlauben, ob das der auf- richtige Ernst des Herrn Direktors ist, oder—" „Sie sind ja gewandt in Geldangelegenheiten. Das ist immerhin ein Anfang.-- Daß ich so von meinen Person- lichen Gefühlen absehen kann, das vermögen Sie wohl nicht zu fassen, Harrestad?" „Nein,— das vermag ich wirklich nicht,— in diesem Fall. Aber,— es steckt vielleicht etwas dahinter, was-- Und wenn ich es mit meiner Ueberzeugung vereinigen kann.— und ohne Verpflichtung von meiner Seite, so— man darf einen Zufall nicht vorübergehen lassen,— es ist der Finger- zeig einer höheren Macht." „Pu— uh!" stöhnte der Direktor. „Nun, Sie wissen wohl, daß hier in der Stadt für das Zustandekommen einer Diligencefahrt gewirkt wird?" Harrestad schielte hastig interessiert in die Höhe. Er drehte dm Nacken und sah zu Boden, so daß seine Glatze sichtbar wurde. „Meinen der Herr Direktor, daß—" „Ja,— das meine ich,"--- der Direktor strich sich spöttisch über das Kinn, und Harrestad fühlte seine Augen auf sich ruhen niit einem triumphierenden Blick, daß er ihn so durchschauen konnte. „Ich muß offen gestehen, daß das alte Argument des Direktors,— daß nämlich die Diligence für das Zustande- kommen der Eisenbahn hinderlich sein sollte,— mir noch im wesentlichen nngeschwächt vor der Seele steht. Das ist so einfach und so klar dabei,— zutreffend wie alles, was von denk Herrn Direktor kommt." „Sieh, sieh, sieh!-- Ja, das wollte ich ja gerade gern von Ihnen hören, Harrestad. Das ist wirklich ein gutes Argument." „Ein felsenfestes, Herr Direktor!— Und es freut mich unsagbar, daß ich diesmal,— in diesem Fall,— mich mit gutem Gewissen auf die Seite des Herr Direktors stellen kann. Die Aussicht auf das Zustandekommen der Eisenbahn zu retten, ist wahrlich ein städtisches Interesse, das alle Parteien versammeln sollte,— und da der Herr Direktor wie immer—" „Ja, ja," unterbrach ihn der Direktor ungeduldig,„mein Wagen ist angespannt. Sie müssen mich entschuldigen.-- Freut mich, daß wir uns darüber einig sind.— Adieu, adieu!-- Gerade nicht die feinste Alliance!" murmelte er, als er sich in den Wagen setzte. Er trieb das Pferd an, und im Trab ging es heimwärts. Bei der grüngestrichenen Pforte, die zu Tröans Garten und Buchdruckern führte, machte er Halt und fragte nach dem Redakteur.--„So?— nicht zu Hause?— Wollen Sie Tröan bitten, die Güte zu haben und morgen zu mir aufs Comptoir zu kommen,— vor zehn Uhr, sagen Sie nur!" Zu Hause auf dem Hofplatz warf er dem Jungen die Zügel hin und ging direkt ins Wohnzimmer. Im Wohn- Zimmer Bratts wartete Abraham aus den Direktor, obwohl es bereits sechs Uhr war, um mit dem Malen seines Porträts fortzufahren. Er nahm kurz und schweigend die Stellung ein, in der er nun bereits zwei Dienstage und Freitage gesessen hatte. Er bestrebte sich redlich, sein Antlitz brauchbar für das Porträt zu machen, und brachte zu Abrahams Verzweiflung ein wunderbar süßliches Gesicht zu stände,— von einer glatten, nichtssagenden Art, mit der man sich für einen Gesellschafts- saal wappnet. Abraham traf seine verschiedenen Anordnungen unter allerlei Gesumme und Gepfeife und gab Bruchstücke des Liedes von„Vendäla und Peller" zum besten, in der Hoffnung, dadurch den Ausdruck zu beleben: „Du bist so sinnig und so hold, Bendela, meines Herzens Gold."— Er erzielte nicht die gewöhnliche Anerkennung und fuhr fort: „Gar fröhlich er sein Liedchen pfiff. Doch als er in die Tasche griff,—, O weh, o weh, o jemine l Vermißte er sein Portemonnaie!"—- Er versuchte sich in einem neuen Genre: „Haben Sie wohl beachtet, wie verschieden die Leuke ihr Portemonnaie aus der Tasche holen, Herr Direktor?—- Das ist wirklich ganz charakteristisch." „Das hängt wohl davon ab, wie es gespickt ist." „Vater zum Beispiel gräbt in allen Taschen nach Geld,— er hat es selten im Portemonnaie!" Der Direktor blmzelte etwas wohlwollender, doch schien ihn das Thema nicht so recht zu fesseln. „Gjertrud, Gjcrtrud," rief Abraham ins Nebenzimmer hinein,„können Sie nicht herein kommen und Ihren Vater ein wenig ärgern?— Der Direktor des Sägewerks der- schwindet mehr und mehr. Es liegt mir ja gerade daran, den Charakter herauszubringen." Sie hörte es nur allzudeutlich durch die Munterkeit hin« durch. Es klang, als verzagte er an dem Gemälde. Sein Pinsel schwebte nur in der Luft hin und her, während er den Direktor anstarrte. „Was ist's denn nur? Ich weiß, daß ich richtig sitze," sagte der Direktor und legte die Hand mit einer sicheren Be- wegung auf die Stuhllehne. „Da ist etwas so ganz Fremdes beim Kinn heute." „So? Ich sollte sonst meinen, das säße immer fest!" „Es ist ganz außerordentlich korrekt,— wenn es sich zum Beispiel darum handelte, daß Sie rasiert werden sollten." „Ach so!" Der Direktor faßte den Witz einigermaßen auf, Abraham stimmte in sentimentalem Ton an: „Pelle Iverd' ich nie vergessen, Selbst wenn ich im Grabe liege—" Es wollte ihm heute nicht gelingen, das begriff Gjertrud. Wenn er anfing, sich so halb aufgelöst mit der Hand durchs Haar zu fahren.-- Er übertrieb sowohl die Pockennarben als auch die Warze, um die Aehnlichkeit herauszubringen.--- Der Direktor war in Gedanken versunken, die Zlugen waren starr auf die Wand gerichtet, und das Gesicht lehnte sich gleichsam forschend hintenüber.-- Abraham wurde plötzlich Feuer und Flamme, der Pinsel fuhr blitzschnell über die Leinwand. „Liebe Gjertrud, verschaffen Sie mir doch einen Lappen, zum Abtrocknen."--- Sie huschte hinaus ins Schrankzimmer und kam wieder herein, wurde aber nur mit einem zerstreuten:«Legen Sie ihn nur dahin!" empfangen. Sie blieb hinter dem Stuhl des Vaters stehen, die Hand in die Seite gestemmt.-- Jetzt ging ihm die Arbeit von den Händen!--- Abrahams Augen wurden gleichsam eine Vision für sie!— Eine solche großartige Kraft in dem scharf- geschnittenen Gesicht. Und dabei dieser eigentümlich weiche, leidende Ansdruck, während er mit einer angewöhnten Ge- berde den Kopf ans die Seite legte, als lausche er ange- strengt.-- Er war ganz vertieft in seine Beschäftigung.— Ein Schimmer der Abendsonne erlosch an der Wand. Draußen schlug die Uhr. „Endlich!"— Der Direktor erhob sich und brummte vor sich hin, was wohl seiner Befriedigung Ausdruck verleihen sollte, daß heute doch etwas geschafft war. „Gjertrud,— nun, was meinen Sie?" fragte Abraham, als sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte; er stand noch da und prüfte und betrachtete seine Arbeit. «Ja,— jetzt ist es der Vater,— dieser Blick,"—— rief sie aus.—„Und dann der Mund.-- Ja, wenn er auch nicht gerade schön ist, so weiß er doch, was er will." �-- „Das beabsichtigte ich jedenfalls auszudrücken," erwiderte er bescheiden. „Sie haben etwas von Ihrem Vater, Gjertrud." fuhr er fort. „Sehr schmeichelhaft." „Es ist weder das Zwinkern mit den Augen noch die Warze an der Nase,-- aber die Kraft, die bei Ihnen zur Schönheit geworden ist,-- Sie haben zum Beispiel einen so schonen Zug von warmer Energie um Ken Mund. dort liegt Ihr bester Ausdruck.-- Außer der schwarzen Macht in den Augen, die, Gott weiß, was für unbekannte Tiefen birgt."— „Danke schön!" ---„Und das Haar,— es war eine kolossale Flechte, an der mein Herz einstmals hing. Ich erinnerte mich Ihrer stets mit dieser Flechte;— ich konnte an der Bewegung der- selben sehen, wie Sie gelaunt waren,-- nun ist sie in der- uünftiger Herrlichkeit aufgesteckt worden wie ein eingedämmter Fluß.— Wenn ich daran denke� wie er dahinbrausen kann,---" „Ich glaubte, wir sprächen über das Bild des Vaters," Küch sie scherzend aus. „Nein, Gjertrud, über das Ihre,— das Ihre;— ich meine stets, was ich sage.-- Jetzt muß ich es wagen,— ich bekomme wirklich Mut.-- Dies Finstre, Schwarze bei Ihnen, das mich stets in Verwunderung versetzt;— das ist ebenso unmöglich wiederzugeben wie es ist, den richtigen Sonnenschein zu malen.—— Ihr Mienenspiel spricht gleichsam stets aus einer Finsternis heraus, auf die ich neu- gierig bin.— Aber Sie müssen es mich einmal versuchen lassen, Gjertrud!— Wie,— Sie wollen nicht?— Gleich, wenn ich mit dem Bilde Ihres Vaters fertig bin-- Ich bin so glücklich, so glücklich,"— rief er aus und streckte die beiden Arme zum Himmel empor;—„ich Hab' lhn doch endlich getroffen!" Gjertruds Augen und Antlitz strahlten.-- Abraham sitzen---- Sie wollte eben antworten, als Klaus in die Thür trat. „Nun, meinst Du, daß es ähnlich wird?" fragte Abraham. Er war eben im Begriff, das Bild an die Wand zu stellen, wandte es aber wieder um. «Ja,— ja-- ich,— ha. ha, ha,— ich zittere ordentlich, als wenn auf dem Comptoir irgend etwas nicht so ist, wie es soll!-- Wenn Du es so bekommst,--- Es wird ganz einfach vorzüglich,— brillant!" (Fortsetzung folgt.)J (Nachdruck verboten.) Sin lUimp. Von Max N e n t w i ch. (Schluß.) Es ist nun einmal Thatsache, daß es Sonnabends lustiger zugeht in den Restaurationen, wie an andren Tagen. Zu einem einzigen Jeierabend-Schoppen waren sie in die„Goldene Kugel" gegangen und nach zwei Stunden saßen sie noch um den runden Tisch in der behaglichen Ecke. Lieder wurden schon gesungen und aus dem Abenteuer-Erzählen entwickelten sich ganz solide Reden; damit schien die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht zu haben; wenn nicht voir der Küche her der eigentümliche, salzige Eisbeingeruch um die Nasen der fröhlichen Gäste geweht hätte. Dazu noch Absingung eines Solo- Lantus— auf das sehr beliebte Schwarzvieh mit den wohl- schmeckenden Vorder- und Hinterfüßen—, welcher mit der höchst trivialen Zeile abschloß:„Vivat hoch, die Schweinerei"— und der Appetit war nicht mehr zu besiegen. Nur muß erst einer den Anfang machen. Es giebt ein gewisses jugendliches Alter, von welchem es heißt, „in der Zeit sind die Menschen gar nicht satt zu kriegen". Einer aus diesem Jahrgang machte den Anfang.„Mutter wartet zwar mit dem Abendbrot, aber— das essen wir mich noch", damit meinte er. über seinen Appetit etwa entstandene unrichtige Meinungen korrigiert zu haben..Etwas ander» als der junge Appetitgesegnete dachten diejenigen, welche mit„Mutter" ihre beflere Ehehälfte zu bezeichnen Pflegen. Der Appetit hat da nur so viel zu sagen, als die pekuniäre Lage gestattet. Ein fragliches„Ach was" will in solchen Fällen nicht recht angebracht sein. Doch hatte für diese Fälle der Wirt auf die genialste Weise Rat geschafft: es gab Eisbeine von sehr verschiedener JSröße und sehr verschiedenem Preise, von 30 Pf. aufwärts. Unter solch überaus günstigen Umständen war es ganz selbst- verständlich, daß alsbald jeder einen dampfenden Teller vor sich stehen hatte; man bestellte eben ein kleineres oder ein größeres; aber ganz ausschließen— nein, das ging nicht. Auf dieses Mahl noch einen kleinen Schnaps, dann noch ein Blas Bier. So gegen V«10 Uhr gingen sie auseinander. *** „Ja, also, wie gesagt, Frau Müller, ich beköstige mich von jetzt ab allein." „Bitte, bitte," antwortete sie spitz,„bitte, Herr Schwindt, ganz wie's beliebt; es ist Ihnen wohl zu teuer, 10.50 Mark? Gehen Sie doch mal'rüber zu Schulze», da müssen Sie 11 Mark bezahlen." „Aber, liebe Frau Müller, es ist mir nicht zu teuer und hätte Wien) für sein Werk„Der Kampf um die Vorherrschast in Deutsch- land 1859—1806" und Dr. Albert Hauck(Leipzig) für seine „Kirchengcschichte Deutschlands" zuerkannt worden. Den Preis haben stüher erhalten: Adolf Menzel, Anzengruber, Heyse, Reinhold Begas und Weyerstraß.— — Die Waldspiele der Berliner Finkenschaft, in denen„Hirtenliebe" und„Walther von der Vogelweide" von Peter Hille zur Aufführung gelangen sollen, sind auf den 29. Juli v e r- schoben worden.— — Ernst Wachlers Festspiel„Walpurais", mit dem das Bergtheater am Hexentanzplatz eröffnet wurde, fand keine rechte Auftiahme.— — Im WienerJubiläumstheater(Stadttheater) ist eine neue Direktion ans Ruder gekommen. Der neue Mann ist Rainer Simons. Der bisherige Direttor Müller-Guttenbrunn wird, so lange sein Pachtverttag noch läuft, weder an der künstleri- schen noch administrativen Leitung beteiligt sein. Das(anttsemitische) Parteithcater ist also geivesen.— — Die französische Maeterlinck-Truppe(mit Frau Leblanc-Maeterlinck und Albert Darmont) wird im November die Maeterlinckschen Drcunen„Johzelle",„L'Jnttuse" und„Le Miracle de St. Antoine" an mehreren deutschen Bühnen aufführen.— — In den„Wiirttcmbergischen Vierteljahrsheften für Landes- gefchichte" veröffentlicht Dr. W e l l e r eine Studie, in der er auf Grund einer genauen Untersuchung der verschiedenen alten Berichte die Glaubhaftigkeit der von der historischen Kritik abgelehnten oder doch angezweifelten Heldenthat der Weiber von Weinsberg anstecht erhält.— o. Einen Preis von 5000 M. für die Komposition einer Oper zu einem englischen Text hatte die M o o d y- Ma nn e rs-Op e rn- G e se l l sch a ft ausgeschrieben. Der Preis wurde dem Komponisten Colin Mac Alpin aus Leicester für seine Oper„König Arthur" zuerkannt. Das Werk wird noch in diesem Herbst im Covent Garden zur Aufführung gelangen.— Die nächste Stummer des UnterhaltungSblatteS erscheint am Sonntag, den 12. Juli._ Vorwärts Vuchdruckerei und Verlagsanslalt Paul Singer& Co., Berlin 3\fr