Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 134. Sonntag, den 12. Juli. 1903 (Nachdruck verboten) i9i ßöfc JVIäcbte. Roman von Jonas Lie. „Du, Klaus," rief Abraham aus, ganz von seinen Ge- danken in Anspruch genommen,—„erinnerst Du Dich Ottas wohl noch?— Weißt Du, wo ich sie wiedergetroffen habe?— Als Aufwärterin an Bord eines Dampfschiffes. Ich habe es nie vergessen, daß ich sie nicht treffen konnte,— diesen famosen Ausdruck!-- Ich empfinde es wie eine alte Ohr- feige, die noch immer brennt, daß meine Kunst mich damals km Stich ließ.-- Sie sieht aus wie ein verkleideter Schiffs- junge,— mit diesem verschmitzten, lauernden Blick und der niedrigen Stirn. Sie bildete damals für mich den Ueber- gang vom Tier zum Menschen. Ich muß sie doch endlich einmal kriegen! Sie will es im Laufe des Sommers so ein- richten, daß sie einmal eine Woche lang zu Hause bleibt;— das ist eine Verabredung, ein Versprechen."---- Gjertrud stand da und hörte mit einem Lächeln zu, das interessiert sein sollte. Dann verließ sie das Zimmer. Als- Abraham durch die Thür guckte, um ihr Adieu zu sagen, war sie in die Speisekammer gegangen. XIV. In der Ecke des Klubzimmers bei Madame Michelsen saßen ihre drei bevorzugten Stammgäste,— Agent Thesen, der Apotheker und Kämmerer Vaage, die nach beendetem Mittagsessen Whist mit dem Strohmann spielten. Es war trübes Wetter, und der Herbstregen trieb und spülte an den Fenstern herab. Die Stille wurde hin und wieder durch eine Ansage unterbrochen und durch ein knatterndes Geräusch von der Telegraphenstation, die sich im Erdgeschoß in einem Eck- zimmer des Hotels befand. Madame Michelsen ließ sich heute ungewöhnlich oft blicken. Sie stand sinnend am Spieltisch still. „Sagen Sie nur gleich ja, Madame Michelsen,"— meinte der Apotheker.—„Hat sich wieder ein Freier ge- meldet?" „Ja, das könnte sein,—" „Sie können die Verlobung später ja immer noch auf- heben." „Ach, Madame Michelsen hat heute andre Dinge zu be- denken," fiel Bauern-Berg in die Rede. Er kam aus dem Regen herein und sah sich nach einem Platz um, wo er seinen durchnäßten Regenschirm ablaufen lassen könne.——— „Freilich hat Madame Michelsen jetzt an etwas andres zu denken als an Liebesfragen, hier soll heute nachmittag eine Versammlung abgehalten werden, die die endgültige Ent- scheidung über die Diligencefahrt zu treffen hat." Er stellte den Regenschirm in den Spucknapf.-- „Mamsell, haben Sie einen Bittern?" rief er in die Restauration hinaus und setzte sich an den Zeitungstisch. „Ja, das geht nicht.— Es ist im Interesse der Stadt, eine Eisenbahn zu bekommen," versetzte Vaage. „Nun, Madame Michelsen," lachte Bauern-Berg,—„Sie sehen nicht so aus, als wenn Sie es mit dem rechtgültigen Katechismus hielten. Sie sollten sich doch wohl nicht erkühnen, die Unfehlbarkeit des Direktors zu bezweifeln?" „Ich darf mir keine Ansicht über so hohe Dinge wie kommunale Angelegenheiten erlauben, Herr Berg. Man sollte ja stets das wünschen, was der Herr Direktor bei seiner Ein- sicht für das beste hält." „Ach, machen Sie keine Mördergrube aus Ihrem Herzen, Madame Michelsen. Sie würden etwas dafür geben, daß er heute nachmittag seine Sache verlöre, und Sie die Posthalterei hier unten bekämen? Ganz im Vertrauen? Wie?" blinzelte er. „Ich will es ja nicht leugncn, daß ich mit verschiedenen feinen Leuten gesprochen habe, die der Ansicht sind, daß die Stadt keinen Schaden davon haben würde." „Sieh,— sieh!" Er prüfte den Mttern schmatzend,„das wußte ich ja;— die Uncigennützigkeit hat auch ihre Grenzen im Menschenherzen." „Ich verstehe es wirklich nicht, Herr Agent," wandte sie sich an ihn,—„daß die Leute nicht lieber auf weichgepolsterten Kissen in einer hübschen, feinen Postrutsche mit drei Pferden und einem Kutscher sitzen wollen, als auf Epoksens elendem Rumpelkasten über die Landstraße hinzuhumpeln." „Sie lassen aber die Hauptrücksicht aus dem Auge," bemerkte der Agent,„nämlich daß die Touristen im Sommer hauptsächlich der Gesundheit wegen reisen,— sie wollen ordentlich durchgeschüttelt werden, Madame Michelsen." Die�Wirtin warf ihm einen vorsichtig forschenden Blick zu:—„Ja, das sind nette Sachen, die man von der Diligence zu hören bekommt,— sowohl Doktor als Polizei sind da- gegen.— Und wenn man nicht mehr Verstand hat, als man zu seinem eignen umfangreichen Geschäft gebraucht, um das in Balance zu halten, so muß man sich ja auf diejenigen ver- lassen, die besser damit versehen sind.-- Ich sage deswegen, wir sotten nicht allein das Gute von dem Direktor an- nehmen." „Sie sind eiiw fromme Frau, Madame Michelsen," unterbrach Bauern-Berg sie, die kleinen, runden Augen zum Himmel gewendet. Sie sah ihn an, den Liebling der Restauration,— offenbar in der größten Versuchung, ihm ihr Herz auszuschütten.— „Wenn Sie den großen Hof hier im Hotel zum Halteplatz bekommen mit dem Thorweg zur Ein- und Ausfahrt,— den ganzen alten Werderhof,>— und das habe ich Ihnen an- geboten!" rief Madame Michelsen aus,—„so daß die Reisenden nur den Fuß in den Wagen zu setzen brauchen, sowohl vom Hotel als von der Brücke aus.-- Nein, ich verstehe es wirklich nicht, daß eine so gerechte Sache auf so vielen Widerstand stoßen kann.— Und Hab' ich nicht meine viertausend Kronen aus der Sparbank genommen, so daß der Herr Direktor eS selber gesehen hat, um mein Hotel zu er- weitern,— und nachgewiesen Hab' ich ihm, welch' einen guten Sommer wir in Bezug auf Reisende gehabt haben.--- Aber unter dieser Eisenbahn müssen wir alle leiden! Wer kein Hotel hat, kann die Sache ja ruhig ansehen, das Hab' ich ihm auch gesagt!" „Da haben Sie Ihre Weisheit wahrhaftig am rechten Ort angebracht, Madame Michelsen," bemerkte Bauern-Berg. „Nein, nein, das geht nicht, das geht nicht!" wiederholte der Kämmerer vom Spieltisch her. »Ja, heute nachmittag wird nun wohl die Entscheidung getroffen," seufzte die Wirtin,—„aber es ist eine ganz un- ergründliche Sache; alle sind sie im Grunde für die Diligence, — fragt man sie aber, ob sie glauben, daß es gehen wird, so sagen sie nein." „Fragen Sie Kämmerer Vaage, Madame Michelsen,— er versteht sich auf die Rechenkünste," meinte Bauern-Berg.— „Er kann so etwas ausrechnen wie: wenn der Direktor in der einen Wagschale liegt und der Rest der Stadt in der andren, so wippt,— ja, was wippt in die Höhe?—" „Ich glaube nicht, daß die Sache gehen wird," sagte der Kämmerer sich räuspernd. „Ja, wenn der Direktor diesmal recht bekommt, dann könnt Ihr mich,— ja, wie könnt Ihr mich gleich nennen?"— „Zum Beispiel ganz einfach Berg," schlug Thesen vor. „Sie scheinen mir auch ein Abtrünniger zu sein, Thesen! — Die Stadt will auf die Diligence hinauf und sie klug deichseln,— es ist nicht schwer, das zu prophezeien!" „Ja, diesmal hat sich der Direktor denn doch wohl ver- rechnet. Der Freund Johnston will nicht so recht mit ihm im Geschirr gehen," meinte der Apotheker, von den Karten aufschauend. „Jegliche Machtvollkommenheit geht vom Volke aus," travestierte Äauern-Berg.„Und wenn Sie hier sitzen und' Kaffeewhist mit einem Blinden spielen und vor der Versamm- lung ihre Ansichten austauschen, so sollte er auf das Zeichen der Zeit achten,— dies bedeutet Revolution hinterm Rücken! Diese Diligence, das ist der Apfel der Zwietracht." „Bei meiner Seligkeit, ich glaube doch, die Sache geht durch!" kam Harrestad hereingestürzt. „Haben Sie auch eine Seligkeit zu verlieren?" murmelte Berg ärgerlich. „Die Leute auf dem Lande,"— eiferte Harrestad,„und alle die unzufriedenen Seelen hier in der Stadt.--- Es sieht wirklich so aus, als wenn die Diligence zu stände kommen sollte,— und nur um eine augenblickliche, oberflächliche Eitel» teit zu befriedigen!-- Als wenn es ein größeres Jnter- esse für diese Stadt geben könne, als das Znstandekommen der Eisenbahn, die neue Zufuhr und Wohlstand vor die Thür eines jeden Mannes bringen soll.---- Es sollte mich wirk- lich nicht wundern,"— er hielt plöhlich inne und starrte in Gedanken versunken vor sich hin,„wenn dieser Herr Wege- Inspektor ein doppeltes Spiel spielte;— man kann ja nicht Gott dienen und dem Mammon."— Vauern-Bcrgs rundes, rotwangiges Gesicht mit den kurzen, schwarzen Bartbnscheln zu beiden Seiten sah ihn höhnisch an:— „Es sieht aus, als wenn Sie desertieren wollen, Harrestad!"— Er griff nach Mätze und Regenschirm.„Musz mal hinunter und den Gang der Ereignisse kontrollieren."— Es war dunkel, und jenseits der Brücke brannten die Laternen, als der Direktor in scharfem Trabe nach Hause fuhr. Das letzte einsame Licht in der Vorstadtstraste lag eine ziemliche Strecke hinter ihni, als er Plötzlich Halt machte und sich eine ganze Weile besann.— Daheim wahrend der Abendmahlzeit war er wortkarg; — es war heute abend nicht angebracht, viel zu plaudern. „Schmied Ellingsen hat wohl Bescheid erhalten wegen der Kette für das Sägewerk, Klaus?" unterbrach der Direktor 'das Schweigen. „Ich bin noch nicht dagewesen,— ich wurde heute den ganzen Tag so überlaufen mit Gesuchen, weißt Du." „Nicht dagewesen?— Du bist nicht zu ihm gegangen?" „Ach, ich laufe morgen friih hinüber." „So,"— sagte der Direktor langsam, unheimlich,— „morgen früh?-- Und heute vormittag gab ich Dir den Austrag und sagte Dir, daß es sehr dringlich sei." „Kommt ganz auf dasselbe heraus, Vater;— er hätte fn doch nicht vor morgen früh herauskommen und Maß nehmen können." „Willst Tu damit sagen, daß es ganz auf dasselbe herauskommt, ob ich Dir dm Auftrag heute erteilt habe oder nicht?" „Das habe ich nicht gesagt," lautete die kurze Antwort. „So, und Du klügeltest Dir in Deiner faulen Bequem- lichkeit heraus, daß es ebensogut morgen geschehen könne?" „Bcquernlichkeit!-- Ich Hab' mich doch weiß Gott den ganzen Tag, vom frühen Morgen an, im Geschäft ab- gemüht.— Aber ich kann ja jetzt zur Stadt gehe» und ihn wecken," mtgegnete Klaus ironisch,—„dann Hab' ich Deinen Auftrag ja doch hmte noch ausgeführt." „Und Du wagst es, mir diese Unverschämtheit gerade ins Gesicht hinein Zu werfen?" Ter Direktor rückte seinen Stuhl zurück. „Aber, lieber Bratt," suchte die Mutter ihn zu beruhigen. Resigniert schöpfte der Direktor tief Atem. „Ja,— jetzt begreife ich es, warum man mich in der Versammlung im Stiche ließ. Ich hatte ganz sicher auf Ellingsen und seine Handwerker gezählt,— aber dann klügelt sich mein Herr Sohn in seiner Bequemlichkeit aus, daß es einerlei ist, ob er heute oder morgen zu ihm hingeht. Das ist ihm so. völlig gleichgültig!—— Er muß Zeit haben, sich seine Pfeife zu stopfen und zu rauchen, wenn er um elf Uhr sein Frühstück eingenommen hat,— und eine dito Muße- stunde nach Tische. Es war natürlich unmöglich, die zu unter- brechen."---(Fortsetzung folgt.) Sonntagsplaudereu Wenn Ihr in den nächsten ftinf Wochen nichts von mir hört, so liegt das nicht etwa daran, daß ich faul auf dem Rücken am Meere liege und Sonne schlucke, oder über Abgründen schwindle, oder in der Trösteinsamkeit des Waldes träume— ich werde vielmehr schweigen, weil alle meine Zeit einem Unternehmen gewidmet ist, das endlich die klaffendste Lücke der Gegenwart plombiert: I ch bereite eine Gründung vor! In Gemeinschaft mit einem in fünfzigjähriger Dienstzeit enthaarten, nunmehr aber pensionierten Staatsanwalt, der während seiner Aktivität ungezählte Jahrtausende an Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verhängt hat, werde ich die Aktien-Gesellschaft, M o a b i t i a" ins Leben rufen:„Versiche- rungsanstalt gegen Justiz-Unfälle�. Indem ich alle meine Leser bitte, das Unternehmen in ihren Bekanntenkreisen gütigst zu empfehlen, unterbreite ich hiermit statt aller überflüssigen Aufklärungen das Cirlular, das demnächst zur Ver- breitnng gelangen soll. *.* „Moabitia", Versicher ungsan st alt gegen Justiz« Unfälle. A.-G. Ew. Hochwohlgeboren gestattet sich der Unterzeichnete auf ein Unternehmen aufmerksam zu machen, das sicherlich Ihr höchstes Interesse sinden dürste. Längst hat fich bei allen einsichtigen und ernstdcnkenden Staats- bürgern die Ueberzeugung durchgerungen, daß die tollste»„Errungcn» ichnst" der demokratischen Pestilenz die sogenannte Rechtsgleichheit ist. Wie immer sich auch, wie anerkannt werden mutz, die Gerichte bemühen, durch die Weisheit der Praxis den Wahnsinn der Theorie zu mildern, wie sehr auch insbesondere unser hochverehrter Justiz» minister der Oeffentlichkeit immer wieder den Rechtsgrundsatz ein» geprägt hat, datz es nicht dasselbe ist. wenn zwei dasselbe thun, so lassen sich doch die grundsätzlichen Irrtümer einer revolutionären Gesetzgebung nicht völlig beseitigen, die schließlich dahin geführt hat. datz der Erbe eines alten Namens, der den pedantischen Regeln eines formalistischen Rechts nicht völlig entsprechende Wechsel in Umlauf ge- bracht hat, fast so hart bestraft wird wie ein streikender Arbeiter. der sich nicht entblödet hat, die Ehre eines Arbeitswilligen dadurch zu verletzen, datz er ihm„Schäme Dich!" zurief. Es gießt überhaupt keine strafbaren Thaten, sondern nur strafbare Thäter. Niemals aber kann ein Thäter strafbar sein, dessen Familie, Steuerzettel, Orden und Titel belveise», datz er berufen ist, Staat und Gesellschaft zu erhalten. Leider ist unter der Herrschast des wahrhaft viehischen �allge- meinen Wahlrechts einstweilen keine Aussicht vorhanden, das Straf» gesetzbuch nnsrcr echt konservativen Anschauung gemäß umzuge- stalten, und so müssen wir versuchen, die schweren Schäden des Systems durch private Selbsthilfe soviel wie möglich zu korrigieren. Diesem Zwecke gilt nnsre Aktiengesellschaft„Moabitia— Versicherungsanstalt gegen Justizunfälle". Ew. Hochwohlgeboren wird es nicht entgangen sein, wohin unsre geltende Rechtsgleichheit bereits gcftihrt hat. Man entblödet sich nicht, königliche Kausleute ins Gefängnis zu sperren, bloß weil sie im Fitteresie ihres Jnstitilts Aktien doppelt ausgegeben habxn. Junge, hochherzige und tapfere Offiziere Iverden Monate lang auf die Festung geschickt, weil sie verbrecherische Untergebene, die ihnen die schuldige Ehrerbietung versagten, mit dem Tode bestrasten. Ja, es ist schon vorgekommen, datz Studenten, die stechen Nachtwächtern mit Stöcken den Schädel zerbeulte», zu 10 und tW Rtark verurteilt wurden. Und haben wir es neulich nicht selbst erlebt, datz gute katholische Bauern, die einem stechen atheistischen Leichcuredncr auf dem Kirchhof mit Worten, gestorenen Erdschollen und geschwungenem Kreuz ihre gerechte Empörung bekundeten, vier Wochen Gefängnis zudikliert erhielten! Auf der andern Seite mutz man sehen, wie streikende Arbeiter, die blitzende Polizeisäbel abzuwehren wagen, mit kaum fünf oder zehn Jahren Zuchthaus unschädlich gemacht werden. Kommen sie dann aus dein Zuchthaus heraus, so werden sie natürlich wieder streiken und die Grundtagcn des Staates erschüttern. Zu solchen unerträgliche» Zuständen hat das Idol der Rechts- gleichheit geführt. Fast hat man vergessen, datz die Justiz uicht dazu da ist, die Geicllschaft zu schädigen, sondern zu schützen. In diesem Sinne will nun unser Unternehmen regelnd und mildernd eingreifen, indem es 1. vorzubeugen sucht, datz überhaupt Augchörtge der be- fitzenden und gebildeten Stände vor ein Civil- oder Militär- gericht gelangen, 2. die Folgen abschwächt, wem, die Prozessierung nicht verhindert werden kann. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die, V e r s i ch e ru n g s» an st alt gegen In st iz nnfälle" den bei ihr Versicherten folgende Borteile gewähren: »ck I. Wer sich von einem Prozeßverfahren bedroht glaubt, wende sich so rasch wie möglich vertrauensvoll an die Versicherungsanstalt. Hat z.B. ein Bankdireltor Depots in seinem eignen Interesse verwendet, so werden wir, dank unsrer guten Beziehungen zur Presse. durch aufklärende Artikel zeigen, ivie glänzend das Unternehmen sich entivickelt hat. Dadurch wird es in der Mehrzahl der Fälle gelingen, den Zusammeirbruch hintanzuhalten. Uebcrhaupt wird es unser Be- mühen sein, durch zioeckentsprechende Bearbeitung der Presse stets und ständig dahin zn wirken, datz Vergehen, die nach nnsren mißleiteten Gesetzen formell noch strafbar sind, sofern sie von einem bei uns Versicherten begangen werden, im Interesse der Ordnung des Staates, dex Disciplin, der Religion, des Besitzes nicht nur notwendig, sondern auch hervorragend verdienstvoll erscheinen. Insbesondere werden wir auch dahin streben, unsreu Versicherten, in kritischen Zu- ständen, so rasch wie möglich Orden und Titel zu verschaffen, wodurch fie dann ziemlich gesichert sind. ad n. Konnte die Versicherungsanstalt die Eröffnung eines Hauptverfahrcns nicht verhindern, so wird sie alles thun, um das Los der Versicherten zu erleichtern. Sie übernimmt die Beschaffung von Rechtsmiwalten, mfonnier:— alles auf ihre Kosten— Zeugen, sorgt dafür, datz nichts in die Presse kommt oder doch nur vorsichtig redigierte Berichte. Sie bezahlt serner die Geldstrafen, Gerichtskosten, Selbstbeköstigung und Selbstbcschästigung. Sie gewährt_ während der Hast der Familie eine dem bisherigen Einkommen entsprechende Unterstützmigssumme, besorgt Wiederaufnahme-Verfahren, vorzeitige Entlaffungci, und Begnadigmigen. Vor allem ist es dank einem von uns entdeckten und bereits patentamtlich geschützten System unmöglich gemacht, datz ein bei uns Versicherter zu einer schwereren Strafe verurteilt werden lann. Statutengemäß dürfen nämlich nur Richter und Staatsanwälte unsre Aktien erwerben. Daraus folgt, datz die rechtsprechendeu Aktionäre schon in ihrem eignen Interesse dafür sorgen, datz die Strafen mcht allzuhoch sind, weil ja mit der Höhe der Strafe auch die Belastung der Versicherungsanstalt wächst und damit der Rcingelvinn und die Dividende sinkt. Durch dieses ebenso einfache wie durchgreifende System hoffen wir es mit der Zeit dahin zu bringen, daß Angeklagte der besitzenden und gebildeten Stände stets freigesprochen und die Kosten der Staats- lasse auferlegt werden. Die Versicherungsprämien find nach dem Gefährdungsgrad ab- gestuft. Jeder kann' schon bei seiner Geburt versichert werden und kann auf diese Weise mit wenigen Pfennigen für alle Zeit gegen Justizunfälle in der obengedachlcn Weise Sicherung erzielen. Der niedrigste Satz gilt für Kadetten. Mit dem Avancement zum Oberlicutenant wird die Prämienzahlung völlig erlassen. Nicht viel höher ist der Satz für Mitglieder des Uradels, hohe Beamte, Millionäre, Geistliche und deren Kinder. Auch hier wird die Prämie imnicr mehr herabgesetzt, je höher der Versicherte im Rang steigt. Wird der Versicherte Bankdirektor, so wird allerdings in der Regel eine kleine Zuschutzprämie erhoben werden. Der Tarif steigt dann progressiv mit der Senkung des Ein- kommens und Vermögens. Besonders günstige Ausnahmebedingungen gewähren wir jedoch— aus Patriotismus— Gendarmen, Schutzleuten, Unteroffizieren undCentrumsbauern; diehöchste Prämie hat entsprechend seiner höchsten kruninellen Gefährdung der Jndustrie-Arbeiter zu zahlen. Auch diese Klasse wird nicht principiell von der Versicherung aus- geschlossen. Da aber für diese Leute, wie wir mathematisch fest- gestellt haben, die Prämie höher sein muß als das Jahreseinkommen der bestgestellten Arbeiter, so ist die Eindrüngung proletarischer Elemente so gut wie ausgeschlossen, und es ist. nicht zu erwarten, daß dadurch der ideale Zweck unsres Unternehmens vereitelt wird: Freiheit für die höheren Stände, Bändigung der rohen Masse. Außerdem erlöschen in Fällen von Streiks und Aussperrungen, Wahl- unruhen, Landfriedensbrüchen die Verpflichtungen der Versichenmgs-„ anstalt den etwa vorhandenen proletarischen Mitgliedern gegenüber. Diese kurzen Andeutungen dursten genügen, um sofort Ew. Hochwohlgeboren selbst wie auch deren Gemahlin, Söhne und Töchter — Kindesmord höherer Stände besonders günstige Bedingungen!— gegen Justizinsulte zu versichern. Elv. Hochwohlgeboren dient damit nicht nur dem eignen Interesse, sondern auch dem Vaterland. Wir werden uns erlauben, Elv. Hochwohlgeboren demnächst unsren Vertreter zu schicken. Hochachtungsvoll „Moabitia", Versicherungsgesellschaft gegen Justizunfälle A.-G. Joe, Direktor. Kleines feuilleton» tp. Die Rentner. Auf den frischen, eben besprengten Rasen- flächen des Parkes glitzerte die Vormittagssonne. In einem vcr- steckten Winkel, unter einem breitästigen Ahornbaume stand eine von Gebüschen verdeckte Bank. Tarauf steuerte Vater Klandt zu, so schnell es seine steifen Beine erlaubten. Ja, die Beine I Sic wollten durchaus nicht mehr so wie der Kopf. Darum hatte Vater Klandt seit langem einen derben Stock zu Hilfe genommen, den er scharf auf den Boden stieß, so daß der Kies knirschte. Als der Alte näher kam und bemerkte, daß die Bank noch unbesetzt war, mäßigte er den ungeduldigen Schritt und atmete auf. Das war seine Sorge Tag für Tag: daß ihm sein prächtiger Platz freiblicb, den er nach vielen Gängen ausgekundschaftet hatte. Befriedigt murmelte der Alte vor sich hin; heute also konnte man wieder einmal ganz ungeniert frühstücken. Aus der Tasche seines Rockes zog er ein paar in Zestungspapier gewickelte Stullen und legte sie auf die Bank, um sie in kleine, ganz kleine Stückchen zu zerschneiden. Denn auch die wenigen Zähne, die ihm geblieben waren, forderten eine Erleichterung. Langsam, ganz langsam be- wegten sich die Kinnladen. Dabei blickte er interessiert vor sich hin auf die Rasenfläche, wo zwei Sperlinge sich schreiend um einen Regenwurm balgten. Der Alte war so vertieft, daß er die scharfen, gewichtigen Schrite nicht hörte, welche sich'jmf dem Kies näherten. Ein großer Herr mit roten Wangen und selbstzufriedenem Aeußern, im leichten, hellen Sommeranzug, einen feinen Stock in der Hand, kam daher und setzte sich mit einem kurzen Gruß auf die Bank, in die äußerste Ecke. Klandt brummte nur, kante weiter und sah den Sperlingen zu. „Das schmeckt wohl so— hier im Freien 1" meldete sich der Angekommene nach einer kleinen Pause. „Muß." Der Alte rührte sich weiter nicht. „Herrjehl" Der andre rutschte plötzlich näher zu ihm heran. »Wenn das nicht mein alter Klandt ist, laß ich mich fressen." Klandt sah ihn groß an. Dann sagte er gleichgültig:„Sie find's, Herr Reimer." „Na, das nennt man'n Wiedcrseh'nl" Er reichte ihm die Hand und schüttelte sie kräftig.„Das freut mich aber wirklich ganz kolossal. So ein alter Mstarbeiterl Ich dachte wahrhaftig, Sie wären mittlerweile abgeschrammt. Seit Sie aus meinem Geschäft fort sind, Hab' ich Sie ja mit keinem Auge gesehen. Daß ich mein Geschäft aufgegeben habe, wiffcn Sie wohl. Ja. Famos verkauft. Ein feines Stück Geld'rausgeschlagen. Na, und Sie? Auch Rentier jetzt, wie? Das läßt man sich gefallen. Freut mich wirklich, Klandt." Der sah ihn forschend von der Seite an, als befürchte er, daß man sich über ihn lustig mache. Tann meinte er so im Kauen: „Hml Rentier. Na, ja. Wie man's nehmen thut." .Hab' ich'S Ihnen nicht damals gesagt: Setzen Sie sich zur Ruhe. Klandt! Seien Sie vernünftig I Sind alt genug. Damals wollten Sie nicht und waren mir sehr böse. Ich glaube, heute sind Sie mir dankbar, daß ich der Sache ein Ende machte." Der Alle sah in die Ferne, als suche er etwas in seinem Ge- dächtnis. Tann sagte er:„Richtig. Sie haben mir damals'raus- geschmissen, als es anfing, klapprig zu werden mit mir." „'rausgeschmiffcnl" Der andre schüttelte entrüstet den Kopf. „Ich habe in Liebe und Güte zu Ihnen geredet. Wie ein Freund Hab' ich zu Ihnen gesprochen. Warum?.. Weil ich ein Barbar hätte sein müssen, wollte ich die Quälerei länger mitansehen I So ein alter Mann! Hatten die Ruhe wirklich verdient. Was Hab' ich gesagt? Sie werden viel älter, wenn Sie die Arbeit aufgeben. Na? Sie leben heute nochl" „Ja. Das is schon richtig. Ich leb' noch." Er machte eine Pause und sah vor sich nieder. Plötzlich hob er den jtopf und blickte den andren mit großen Augen an:„Aber wie!" „Wie? Nun. Wollen Sie auf Gummirädern fahren? Es muß doch auszuhalten sein, wenn Sie heute, nach fünf Jahren, noch gemütlich auf dieser Bank sitzen und präpeln können." „Präpcln?" Klandt reichte ihm ein Stück Brot..Schmalz- stulle." „Naajaa. Die Delikatessen machen's auch nicht, Klandt. Ich wollte, ich wäre an eine einfachere Lebensweise gewöhnt. Tann hätte ich nicht die ewigen Sorgen mit meinem Magen. Mein Arzt hat mir erst gestern wieder sechs Wochen Karlsbad verordnet. Aber ich beklage mich nicht! Gott soll mich behüten. Man muß sich in alles schicken. Jeder hat zu klagen. Der eine dies, der andre das. Schließlich haben's alle Menschen so ziemlich gleich. Wir beide auch. Ich lebe von meinen eignen Renten. Na, und Sie? Sie sind Alters- rentner, was?" «Ich Hab' alles in allem achtzehn Mark und dreißig Pfennige auf'n Monat. Sechs Mark kost't meine Schlafstelle. Und das andre Hab' ich for's— Präpeln." Reimer spielte verlegen mit dem Silbergriff seines Stockes: „Gott, na ja.'n Vermögen ist's ja nicht. Etwas mehr Hab' ich ja." Er lachte.„Aber ich kann auch nicht so, wie ich mitunter möchte. Meine Töchter quälen mich schon wer weiß wie lange: ich soll ihnen ein Automobil verehren! Wie finden Sic das? Nee, sage ich, zu solchem Wahnsinn langt's denn doch nicht. Der Schmerz ist natürlich groß. Aber ich werde doch das Kapital nicht angreifen, wie?" „Nee." Klandt sagte es merkwürdig.„Das macht man nich." Reimer sah ihn ärgerlich von der Seite an:„Die Hauptsache ist doch, daß man lebt, ohne gerade zu hungern. Ob ich mir den Leib mit Beefsteaks oder Kartoffeln vollstopfe, das kommt doch schließlich auf eins heraus. Na, und die Sonne zum Beispiel— gehört sie Ihnen nicht gerade so gut wie mir?" „Man müßt' sie bloß für den Winter einfangen können," seufzte Klandt. Ter andre schien es nicht zu hören. Er erhob sich und zupfte die Weste zurecht:„Man muß sich nur einzurichten verstehen, Klandtl Das ist das ganze Geheimnis. Die Zufriedenheit behalten, und die Freude an dem, was man hat. Keinen Neid aufkommen lasten l" Er reichte die Hand zum Abschied.„Seh'n Sie bloß mal hier um sich: der herrliche Park! Das ist doch, als ob er Ihnen gehört I Ihr Reich I Ja, Mensch, da müssen Sie sich doch wie ein Gutsbesitzer Vorkommeiii" Er lachte aufmunternd und ging. Der alle Klandt sah wieder in die Ferne und nickte vor sich hin:„Ja, ja. Wie'n Gutsbesitzerl"— Aus dem Tierleben. — Professor Dr. Erich von Drygalski erstattet im „Rcichs-Anzeiger" einen Bericht über dieDentscheSüdpolar». Expedition. Was er über das Tierleben im Gebiete des südlichen Eismeeres erzählt, mag heute hier Platz finden: Von Pinguinen hatten wir es mit zwei Arten zu thun. � den kleinen Adeliepinguinen und den großen Kaiserpinguinen. Die' erstcren hatten wir bei der Fahrt durch daS Schollene is und an der Station imHerbst(Febmar-März) gesehen, kurze Zeit, ehe dasEis dort ganz zur Ruhe gekommen, sowie wieder von November an, als es sich in der Umgebung zu lösen begann. Die Kaiscrpinguine waren im Scholleneis seltener, mehrten sick? nach Süden gegen das festliegende Eis hin und waren an der Station das ganze Jahr hindurch unsre Gefährten. Beide zeigten den Menschen und Hunden gegenüber die gleiche Ahnungslosigkeit, nur bei der Rückfahrt durch das Schollen- eis wollten sie uns etwas scheuer erscheinen. Beide waren aber wesentlich von einander verschieden durch ihr Temperament. Während die kleinen voller Leben und Bewegung auf uns zueilten, krähend. fast wie böse Hunde knurrend den Weg verrannten, daß wie ein Angriff aussehen konnte, was doch nur Ahnungslosigkeit war, und mancher sein Leben lasten mußte, weil er dabei unter die Hunde geriet, wandelten die großen in philosophischer Ruhe langsam dahin. Sie hielten vor den ihnen fremden Objekten, durch förmliche Trom- petentöne oder lautes Krähen ihre Nähe verkündend, und suchtet» sich, wenn überhaupt, erst dann zu entfernen, wenn man bei ihnen stand, indem sie sich niederlegten und behende über das ßti schwammen, die Füße zum Abstoßen und die Flügel zum Steuern benutzend. Die Adeliepinguine fanden wir nur in lleinen Trupps. während die großen, namentlich im Herbst und Frühjahr, in Scharen bis zu 200 am Schiffe vorüberzogen. Besondere Freude pflegten sie uns an Wakcn zu machen, aus denen sie sich behende und in weitem Schwünge mit den Flügeln auf da? Eis emporschnellen, um dann ihren Weg zunächst schwimmend fortzusetzen. Es konnte hierbei aber geraten sein, sich vorzusehen, damit die großen bis zu 35 Mo- gramm schweren Vögel den Beschauer nicht beim Herausspringen trafen. Besonders die großen Pinguine sind uns sehr nützlich ge- Wesen. Wir hatten an ihnen eine brauchbare Nahrung und vor allem genügend Futter für die Hunde. Für den letzteren Zweck wurden eine Zeitlang drei Pinguine pro Tag verbraucht. Ihre Felle und ihr Speck wurde gebrannt und so zur Aushilfe auch bei der Kesselfeuerung verwandt. Der Konsum der Expedition an solchen Tieren mag sich auf über 500 Stück belaufen haben. Mehr noch Fanden, aber ungewollt, durch die Hunde ihr Ende, welche, wenn in Freiheit, die ahnungslosen Tiere anfielen und bellend so lange umkreisten, bis sie umfielen und dann liegend oder schwimmend eine leichte Beute wurden. Die jungen Hunde konnte man gelegentlich noch unter einer Pinguinschar munter spielen sehen, doch wandelte sich dieses Spiel für die letzteren bald genug zu tragischem Ernst. Robben— und zwar die Weddelrobbe— r hatten wir von Oktober 1902 an auch in größerer Zahl, nachdem wir bei der Fahrt durch das Schollcneis am meisten außen an der Kante den See- Leoparden und dann bis zu dem innen festliegenden Scholleneis den Krabbenfresser getroffen hatten, eine Verteilung, die wir in gleicher Weise bei der Rückfahrt feststellen konnten. Im Winter sind die Robben bei der Station selten gewesen. Auch sie waren mühelos gn erbeuten, wenn sie auf dem Eise ruhten und nur den Kopf er- ihoben, um den nahenden Feind mit ihren großen Augen anzuglotzen und sich dann wieder beruhigt niederzulegen. Im Oktober begannen sie Junge zu werfen und befanden sich von da an mit den Kleinen auch vergesellschaftet auf dem Eise, wenn auch nirgends in so großen Scharen, als es von den Robben des Nordens berichtet wird. Auch diese Robben sind uns sehr nützlich gewesen. Das Fleisch und be- sonders die Leber der jungen Tiere wurde allgemein gern gegessen,� lieber als Pinguine, so daß sie von Oktober an diese bei unsren Mahlzeiten fast ganz verdrängten. Ihr Speck lieferte einen guten Thran zur Beleuchtung, ihre Felle wurden vielfach zur Bekleidung verwandt. Wir mögen in der Antarktis wohl an 159 Robben kon- sumiert haben. Die kecken und unfriedlichen Raubmöven gehörten im Herbst und Frühjahr ständig zu unsrer Umgebung: die gefräßigen Riesen st urmvögel mit Hunden zu jagen, wenn sie zu voll waren, um sich zu erheben und nur im Laufe eilend sich entfernten. war im Januar ein beliebter Sport. Von den charakteristischen Sturmvögeln des südlichen Eismeeres hat uns Pogodromo nivea besonders an ihrem Nistplatz, dem Gaußberg, mit ihrem schnellen, behenden Fluge scharenweise umkreist, während der andre, •Thalassöka antarctica, dort wie beim Schiff meist in Streifzügen kleiner Scharen erschien. Sonst wurde der kleine Petersvogel in den Sommermonaten häufig und die Kaptaube vereinzelt gesehen. Von den Bewohnern des Meeres erregte außer den Robben unter den Fischen eine Art Nototenia allgemeine Teilnahme, weil sie im Januar und Dezember so reichlich auftrat und in Reusen gefangen wurde, daß wir daher mehrfach sehr wohlschmeckende Mahlzeiten hatten, während eine andre Fischart, l�eodes, nur einmal in einem Probegericht dargereicht werden konnte, obgleich ihr fetter, an Aal erinnernder Geschmack die Mitglieder der Erpedition auch für weitere Genüsse empfänglich gefunden hätte.— Aus dem Pflanzenleben. — Das Niedertreten der Zwiebeln. Die „Schweizer landwirtschästlichc Zeitschrift" schreibt: Der Brauch, die Zwiebelröhren vor der Ernte niederzutreten, ist uralt. Man ist der Ansicht, daß die Zwiebeln dadurch größer werden. Seit man aber die Lebensverrichtung der Blätter kennt, ist diese Ansicht mit Recht ins Wanken gekommen. In den Blättern, d. h. hier in den Zwiebel- röhren, werden die zum Wachstum? der Zwiebeln nötigen Stoffe hergestellt. Was durch die Wurzeln aus dem Boden aufgenommen , wird, sind nur Rohstoffe, die erst in Nahrung umgewandelt werden. -Der hauptsächlichste dieser Rohstoffe ist das Wasier. Werden nun die Röhren geknickt, so erleidet die Wasserzufuhr zu denselben eine Störung: das hauptsächlichste Rohprodukt ist in den Blättern in -u geringer Menge vorhanden und die Herstellung der Nährstoffe muß aufhören. Die aufgenommenen Wassermengen gelangen bis zur Biegungsstelle der Röhre, dort stauen sie sich an und füllen die Zellen der Zwiebel und dehnen diese aus. Das ganze Größer- der Zwiebel ist infolgedessen dem Wasierdrucke zu verdanken und nichts als eine Selbsttäuschung. Auf natürliche Weise abgestorbene Lder bester in den Ruhezustand getretene Zwiebeln sind stets gchalt- reicher und ebenso groß wie niedergetretene. Das Niedertreten ist nur dann von Wert, wenn die Zwiebeln an einem bestimmten Markt- tage fertig sein sollen: dann betrügt man aber, wenn auch unbewußt, sich selbst und andre.— Geologisches. — Erdbebenmesser im Pribramer Bergwerk. Die wichtige Frage, wie sich bei Erderschütterungen die Bewegungen in der Tiefe zu jenen an der Oberfläche verhalten, konnte bisher wegen Mangels an zuverlässigen Beobachtungen nicht mit genügender Sicherheit beantwortet werden. Auf Veranlastung der Wiener Akademie der Wissenschaften sind nun. wie die„Kölnische Zeitung" berichtet, in dem Pribramer Bergwerk in Böhmen zwei Pendel- seismographen aufgestellt worden, der eine an der Erdoberfläche� Berantivortlichcr Redakteur: Carl Leid in Berlin.— der andre fast senkrecht unter ihm in 1115 Meter Tiefe. Beide Apparate sind von größter Empfindlichkeit und so aufgestellt, daß fremde Störungen völlig ausgeschlossen erscheinen; der in der Tiefe stehende Seismograph ist jedoch etwas weniger empfindlich als der obere. Beide Apparate registrieren erst seit dem vergangenen Februar, haben aber schon in den ersten vierzehn Tagen höchst inter- essante Ergebnisse geliefert. Es fand sich zunächst, daß während dieser Zeit die Erde in fortwährender Pulsation begriffen war. dock) sind diese Bewegungen so gering, daß sie nur an diesen höchst empfindlichen Seismographen nachweisbar erschienen. An einigen Tagen waren diese Pulsationen etwas stärker als an andren, stets aber zeigte der untere Apparat dieselben etwas weniger ausgeprägt. Auch eine Reihe entfernter Erdbeben machte sich an den Seis- mographen bemerkbar, so besonders am 26. Februar ein solches aus 4000 Kilometer Entfernung. Die Wellenlinien der Bewegung, welche beide Apparate aufzeichneten, sind genau übereinstimmend, aber bei dem unteren etwas kleiner. Auch andre, weit entfernte Erdbeben wurden registriert, aber merkwürdigerweise verhielten sich die In- strumente gegenüber den im nördlichen Böhmen, also ganz in der Nähe, aufgetretenen Erdbeben fast völlig teilnahmlos. Nur mit der Lupe konnte man einige Verbreiterungen der kurvcnlinien, welche die Apparate aufzeichneten, wahrnehmen, die diesen nahen Erb- erschüttcrungcn entsprechen. An andren Orten hat man gefunden. daß starke Windstöße mikroskopisch kleine Bodenerschütterungen der- Ursachen: die beiden Pribramer Seismographen ließen jedoch solche nicht erkennen. Man darf von den weiteren Aufzeichnungen dieser Instrumente wichtige Ergebniste erwarten.— Humoristisches. — Modern.„Sie haben mich in Ihrem Lustspiel als Idioten verwertet; ich beanspruche 50 Proz. Tantiemen I"— — Naiv.„Hast Du Geschwister, Kleiner? „Ja— zwei!" „Lebt Dein Vater und Deine Mutter noch?" „Ja— und'n Großvater hab'n wir auch!" „Wie alt ist denn Dein Großvater?" „Das weiß i net— aber hab'n thun wir'n schon lang I— Empfindlich. Arzt(zu dem von ihm untersuchten Patienten):„Hm, hm, Sie gefallen mir gar nicht!" Bauer(höhnisch):„Geh? I Nacha such' Dir halt a n' schön er'n Patienten!"—(„Fliegende Blätter.") Notizen. — Für das große ägyptische Wörterbuch der Berliner Akademie sind bis jetzt 280 000 Zettel ausgeschrieben und eingeordnet worden. Damit ist weitaus der größte Teil des ägyptischen Sprach- schatzes verarbeitet, doch ist man noch nicht so weit, um an die An- sertigung des Textes zu gehen. Die Arbeiten werden zur Zeit von Professor Erman geleitet.— — Eine„Zeitschrift für Krebsforschung" wird dem- nächst im Berlage von Gustav Fischer in Jena herauskommen. Redakteure sind Prof. Dr. D. v. Hansemann und Prof. Dr. George Meyer.— — In Antwerpen ist man daran, ein großes v l ä m i- sches Opernhaus zu erbauen. Das neue Theater wird 1600 Plätze erhalten.— — Einen Preis von 1000 Kronen schreibt die Oestreichische Gesellschaft zur Förderung für Mcdaillenkunst und Kleinplastik für das Modell einer Prägeplaq nette aus. Außerdem er- halten die Einsender der fünf besten Arbeiten eine Entschädigung von je 100 Kronen. Letzter Einlieferungstermin ist der 15. September. Alles Nähere durch Ingenieur B. Kriser, Wien XIII., Hauptstr. 88.— — Ein zweiter Kunsterziehungstag wird am 9., 10. und 11. Oktober in Weimar stattfinden. Diesmal will man sich mit der k ii n st l e r i s ch e n E r z i e h u n g d e r I u g e n d i n Hinblick ans deutsche Sprache und Dichtung beschäf- tigen. Der Weimarer Tag wird von einem freien Komitee ein- berufen, dem u. a. angehören: Ernst v. Wildenbruch, Caesar Flaischlen, Otto Ernst, Gerhart Hauptmann.— — Ein Kirchspiel ohne Einwohner. Aus London wird der„Frankfurter Zeitung" geschrieben: Immer mehr vollzieht sich in London die Räumung der City von Wohnhäusern, so daß es jetzt thatsächlich ein Kirchspiel in der City von London giebt, das nur aus Geschäftshäusern besteht und nicht einen einzigen Einwohner aufzuweisen hat. Diesem Kirchspiel am nächsten kommt eines mit fünf Einwohnern, nämlich Barnards' Inn, während Lt. Benets Paul's Wharf auch nur zwölf Einwohner aufzuweisen hat. Daneben nehmen sich die beiden Gemeinden Lt. Marv Magdalena und St. Alphege London Wall mit zusammen fünfzig Einwohnern ganz stattlich ans. Auch diese kleinen Gemeinden haben zumeist den ganzen Verwaltungsapparat eines Kirchspiels: so z. B. wählen die fünf Einwohner von Lt. Barnard's Inn ihre eigenen Vertreter zur City-Union, Lt. Benet mit seinen zwölf Einwohnern wählt seine eignen Waisenräte usw. Es ist festgestellt worden, daß in 16 Kirchen im Umkreise der Bank von England die Ausgaben so groß sind im Verhältnis zur Zahl derer, die dem Gottesdienst beiwohnen, daß jeder Anwesende im Durchschnitt 12,10,0 Pfd. Sterl.(250 Mark) kostet.—___ Druck und Verlag: Vorwärts Vuchdruckerei und Verlagsanstall Paul Singer& Co., Verlin SW