Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 138. Freitag, den 17. Juli. 1903 (Nachdruck verboten.) 231 ßöfc JVIacbte, Roman von Jonas L i e. Jetzt kam Thesen und nahm mit seiner gewöhnlichen trockenen Miene Platz am Spieltisch des Direktors. Er wurde dort mir mit einem kurzen, kühlen Kopfnicken empfangen. „Und dann habe ich besonders dafür gesorgt."— bemerkte der Direktor, während er die Karten abhob,„daß wir hier andre Waren zu unserm Grog bekommen als die, mit denen man da oben im Hotel reguliert wird. Ich sehe wirklich nicht ein, weshalb man dahin gehen und sich vergiften will!" Thesens welke Lederlappen von Augenlidern schlössen sich und er zwinkerte ein ivenig. Er fühlte, daß dieser Stich ihm galt,— woher zum kkuckuck hatte der Direktor nur den Riecher, daß er im Hotel gewesen war und ein Viertelstündchen am Schenktisch bei Madame Michelsen verplaudert hatte. ..Ja— ja!" sagte er und probierte sein Glas gravitätisch, —„das muß man einräumen, für sogenannten Cognac ist dies Getränk nicht ohne seine Vorzüge." „Den Saal da drinnen kann man nun wohl ungefähr als bereit zum Empfang des Weihnachtsballes betrachten?" bemerkte Gaarder vom Zeitungstisch her während einer Pause. „Alles elegant und in Ordnung; der Fußboden feinstens abgehobelt," erwiderte der Direktor.„Mit der Tribüne muß man aber bis später warten. Tie Musik erhält ihren Platz diesmal unten im Saal." „Ja,— ob das praktisch ist?" bemerkte Thesen zögernd; —„ich Hab es bezweifeln hören." „Kommt Zeit, kommt Rat," bemerkte der Direktor. „Ich hörte gerade Johnstons Nichte,"— „So? Fräulein Bornemann von Ordinggaard?" fragte Gaarder voll Interesse. „Ja, ich begleitete sie und Fräulein Rönneberg hierher,— sie wollten den Saal besehen. Sie meinten beide ganz be- stimmt, daß die Musik von da unten in dem langen, schmalen Raum nicht zu hören sein werde. Es müsse mindestens eine Erhöhung errichtet werden. Und die beiden Damen dürften kompetent sein," lächelte Thesen, stillbewußt mit den Augen zwinkernd. „Der höchste Gerichtshof, natürlich!" stimmte Gaarder ein.„Die sind ja sozusagen in dergleichen geboren und er- zogen, da oben auf dem alten Eisenwerk und auf Ording- gaard.— Dergleichen sehen sie bei Johnstons auf den ersten Blick.-- Und das ist doch auch sehr einleuchtend.-- Also Fräulein Marie Bornemann von Ordinggaard kommt zum Ball?" fuhr er neugierig fort. „Ja, sie bleibt das Weihnachtsfest über zu Besuch bei Johnstons," erklärte Thesen. „Dann kommt ja gleichsam ein wenig Glanz über Peter Enoksens ersten Ball, der Saal erhält seine Weihe," meinte Gaarder. „Das heißt, wenn man sich selber für gar nichts rechnet, Herr Gaarder," sagte der Direktor spöttisch.„Dieses ewige Jagen nach Vornehmheit,— seit der Zeit her, als die Stadt hier wie ein Elsternnest lag und von den Fuhren vom Eisen- werk lebte.— Da kommt ein armes, kleines Fräulein mit einer altvornehmen Pfeife,-— und sofort tanzt die ganze Stadt danach! Man bezahlt den Ball,— und hat die Ehre," — er verneigte sich und grüßte unterthänigst tief von seinem Stuhl herab, eine Bewegung mit der Hand machend, in der er die Karten hielt,—„daß ihm die Weihe zu teil wird."-- „Nun, Herr Direktor, ich meine ja natürlich nur, daß der Geschmack sein Recht hat." „Ich will morgen mit meiner Tochter in den Saal gehen und hören, was die darüber sagt,— sie hat wahrhaftig auch Geschmack:— und Klaus, der im Vorstand des Gesang- Vereins ist, hat möglicherweise auch eine Ansicht darüber, wie die Musik im Saale klingen wird.— Es mag ja sein, daß die junge Dame bei Johnstons recht hat; aber,— es ist des SatanS, ja, des Satans, wie sich die Leute jedesmal bücken und biegen, wenn irgend etwas nur ein kleines Aroma von Autorität an sich hat!" „Alte Bildung bleibt nun einmal alte Bildung!" ver- setzte Gaarder. Den Hieb konnte er dem Direktor denn doch nicht schenken. „Freilich, als Johnston hierher kam, so arm wie eine Kirchenmaus, nachdem das Eisenwerk verkauft war, da war hier niemand, der auf den Gedanken gekommen wäre, daß er einem Dinge die Weihe verliehe!" sagte der Direktor in etwas verletzendem Tone.„Dieses alte Gekrieche vor dem Eisen- werk, das nun wieder seinen Anfang zu nehmen scheint, war doch so griindlich beseitigt.-- Wenn wir jetzt jemand den Hof machen wollen, muß es doch wohl wenigstens der Johnston hier aus der Stadt sein! Und der ist ein ganz neuer Mann! Ich habe ihm sogar selber geholfen, in die Höhe zu kommen." „Ja, ja, dann sind der Herr Direktor ihm eine tüchtige Hilfe gewesen," bemerkte der Wege-Jnspektor fein. „Er selber war natürlich der tüchtige, und merkwürdig glücklich dabei, nicht zu vergessen," entgegnete der Direktor. „Grundrechtschaffen. Ein Wort von ihm hat jetzt etwas zu bedeuten!"-- Konsul Mulwad schüttelte leise den dicht- behaarten Kopf, und die kleinen, blauen Augen glänzten. „Mischt sich in nichts hinein, und dabei doch," lächelte Thesen mit tiefer kleberzeugung,„er ist gleichsam eine ge- Heime Kraft." „Nein, er gehört nicht zu den Leuten, die im Regen ohne Schirm ausgehen," murmelte der Direktor, wie es schien, ziemlich giftig; erhitzt und mit starren Zügen saß er da.— „Dieses unverschämte Glück, das seine ganze Existenz be- gründete, als er die„Konkordia" am Spieltisch oben im Klub versicherte— Sie entsinnen sich dessen wohl noch, Thesen, Sie mußten ja die siebenundzwanzig Tausend ausbezahlen, da Johnston so ruhig einen Eid darauf ablegen konnte, daß er in gutem Glauben versichert habe, während das Telegramm, das den Schiffbruch meldete, schon daheim bei ihm auf dem Comptoir lag." „Ich erlaube mir die Bemerkung," sagte Thesen,„daß alles in bester Ordnung befunden wurde." „Das sag' ich ja gerade, das ist das merkwürdige bei der Sache. So etwa? kann nur Johnston passieren!— Ein Mann wie ich wäre natürlich sofort nach Hause gefahren, auf alles mögliche Unheil vorbereitet. Johnston dagegen wußte ganz genau, daß das Telegramm nur von seinem Odessa-Noggen handeln könne, erinnern Sie sich wohl noch, Konsul Mulwad? Und ebenso ruhig legte er hinterher den Eid ab. Die Art Menschen ist glücklich.— die sind danach ein- gerichtet!" Es entstand eine Stille ringsum im Zimmer. „Und dann diese Telegraphenstation da oben im Hotel," — fuhr der Direktor in demselben höhnischen, Aufsehen er- regenden Ton fort,—„wo sie sitzen und schwatzen und sich einen Grog nach dem andren herunterbringen lassen,— daß sie an dem Abend mit den Telegramms trödelten, kostete Ihrer Gesellschaft siebenundzwanzigtauscnd Kronen, Thesen. Johnston müßte sie wirklich mal zum Diner einladen." Man tauschte eigentümliche Blicke rings umher im Zimmer. Sollte er das wirklich meinen?—---- „Ja, es war, weiß Gott, eine sonderbare Geschichte," sagte Harestad gedehnt,„wenn man nicht wüßte.." „Ja, Sie und Johnston stehen nun in dieser Beziehung jeder auf seiner Seite des Oceans,— und zwar befinden Sie sich in Amerika!" fiel der Bauern-B?rg indigniert und mit lauter Grogstimme ein.—„Wäre es Harrestad gewesen, so,— ich würde mich hüten und Ihnen siebenundzwanzig Tausend auf Ihr ehrliches Gesicht ausliefern, und wenn Sie bei der Bibel und beim Koran schwören wollten." „Ihre geistlosen Bestrebungen, witzig zu sein."— fing Harrestad an zu zischen, er hielt aber plötzlich inne, denn draußen im Restaurationszimmer ertönten Johnstons und des Oberlehrers Stimme. Der Direktor machte mit einer gewissen hahnenmäßigen Geberde Front nach der Thür zu. Sie traten in lebhaftem Gespräch ein. „Guten Abend," grüßte Johnston; er schüttelte den feuchten Schnee ab und sah sich um. „Ach, Bratt, Du,— ich weiß nicht recht, was ich von diesem Lokal sagen soll? Es sieht aus. als� wenn sie nicht Zeit gehabt hätten, die Oelfarbe an den Wänden ordentlich trocknen zu lassen, iveil Du solche'Hast hattest, mit Deinen Möbeln einzuziehen.-- In zehn, fünfzehn Iahren, lvenn der Klub sich ordentlich eingelebt hat, kann es hier vielleicht ebenso gemütlich werden wie da oben bei Madame Michelsen. -- Kann man von Deiner Partie sein?" Thesen nickte humoristisch und nahm einen tüchtigen Schluck von seinem Grog, und es entging dem Direktor nicht, wie sich die verschiedenen Physiognomien aufklärten. Sein lebhaftes Vogelauge warf dem Wege-Jnspektor einen Blick zu, der über das ganze Gesicht von Wohlwollen strahlend dastand und Johnstou durchaus beim Aufhängen seines Rockes behilf- lich sein wollte, und schaute dann zu Bauern-Berg hinüber, der da hinten in der Ecke halblaut etwas vor sich hinmurmelte. „Wir sprachen gerade von Dir, Johnston," sagte Bratt ein wenig forciert, als Johnston an den Spieltisch trat,„über Dein schweinemäßiges Glück, als Du die„Konkordia" ver- sichertest." Er zwinkerte ein wenig boshaft mit den Augen und lehnte sich hintenüber.„Ich erklärte nur, wie es auf einer sonderbaren Eigenschaft bei Dir beruhe, daß Dir das Glück so übermäßig hold ist. Du zweifeltest ja keinen Augen- blick au dem Odessa-Roggen." „Nein, das war ja gerade mein Glück!" „Ja, sieh, sieh! Ist es nicht genau so, wie ich sage? Du hättest Deine Seligkeit im besten Glauben zum Pfand setzen können, wenn auch das Telegramm uneröffnet in Deiner Rocktasche gesteckt hätte. Dich kann man wirklich den Liebling des Glücks nennen!" Johnston starrte einen Augenblick vor sich hin.„Es kann etwas Wahres darin sein. Du." „Wissen Sie wohl noch, Thesen, er kam ganz bekümmert hinauf? Es stürmte, und überall wurden Schiffbrüche ge- meldet, ja, so verschieden ist die menschliche Natur. Das erste, woran ich gedacht hätte, wäre doch natürlich gewesen, ob auch wohl mein Schiff verunglückt sein könne." „Es hängt ja gar nicht davon ah, was Johnston vermutet oder gedacht, sondern nur davon, ob er die Nachricht erhalten hatte," entschied Rechtsanwalt Gaarder. »Ja. ja, natürlich," sagte der Direktor verdrießlich und mit einem stechenden Blick,„und darin besteht ja gerade das Glück. Statt daß mein Geist mich veranlaßt haben würde, nach Hause zu fahren und nachzusehen, ob irgend eine Nach- richt eingegangen sei, trieb Johnstons Geist ihn erst zu Thesen hinauf. Seine Seele hegte keinen Verdacht!" „Ich habe selbstverständlich keine Ahnung davon gehabt," sagte Johnston ziemlich kurz. Er riß sich förmlich von seinen inneren Betrachtungen los, und die Unterhaltung ging in ein allgemeines Kartenspielen über. Es lag etwas eigenartig Schwüles über den lauten, leb- haften Ausrufen rings umher an den Spieltischen. Der Wege-Jnspektor saß mit seinem wohlwollenden Ge- ficht da, mit der Zunge unablässig einen schmerzenden Seiten- zahn befühlend nnd in Grübeleien versunken. Es war ihm, als läge ein häßlicher Pulvergeruch in der Luft. Er griff mit der Hand nach der Backe, als wollte er sich entschuldigen, wickelte sein seidenes Tuch vorsichtig um den Hals und begab sich nach Hause. XVIII. Die Uhr war über zwölf, als der Klub sich trennte, und ein jeder durch Sturm und Schneetreiben seiner Hausthür zustrebte. Johnston empfand es wie eine wahre Erlösung. Erst hier draußen im Dunkeln konnte er ruhig zum Nachdenken kommen. Er war heute abend gar nicht so recht beim Spiel gewesen; die ganze Zeit hindurch war da etwas, was er zu ergründen bemüht war. Das war der Augenblick, als er an jenem Winterabend vom Eise und von dem Dampfschiff heraufgefahren war. Er sah es alles so deutlich vor sich, als säße er noch im Schlitten,— den holperigen übereisten Hügel bei der Brücke.— und die einsame Laterne und den Dampfschiffspediteur, der vor ihm herfuhr und von jemand aufgehalten wurde, der nach Briefen und Paketen fragte,— und,— ja danach forschte er mit dem brennenden Wunsch, die geringste Kleinigkeit von einem Um- stand zu beleuchten,— etwas, was geschah,— oder jemand, der sprach oder sich erkundigte?--- Er erinnerte sich ganz genau, daß er seinen Schlitten hinter dem andern anhielt,— wie sein Pferd plötzlich mit den Vorderbeinen gegen den Schlitten vor ihm gestoßen war,— und daß er überlegt hatte, ob er noch, trotzdem es so spät war, den Versuch machen sollte, den Assekuranz-Agenten zu finden, oder ob er lieber direkt nach Hause fahren sollte. Es war ein Lichtschimmer oben im Fenster bei Madame Michelsen, der ihn bestimmte.-- Ja.—-- das hatte er nie vergessen.-- Daran konnte er nicht zweifeln.—— Er hatte doch nicht ganz einfach das Pferd dahin gelenkt und war von dem Gedanken ausgegangen, daß ein Unglücks- telegramm zu Hause liegen müsse!— Das konnte er doch wenigstens annehmen.-- Nun, in Gottes Namen.—— eine ehrliche Sache war doch ehrlich.— Aber es war, als ob seine Gedanken ihr Gleichgewicht doch nicht wiederfinden konnten. (Fortsetzung folgt. � JHaturwilTeiircbaftUcbc Qebcr ficht. Von Curt Grottewitz. Jetzt in der Saison der Pilze, zumal der in den norddeutschen Kiefernwäldern so verbreiteten Pfefferlinge, mag es angebracht sein, die Aufmerksamkeit einmal wieder auf die Forschung über diese Pflanzenabteilung zu lenken, die in ihrem Aeutzern so wenig pflanzen- ähnliches besitzt. Die eigentlichen Pilze, von denen man in neuerer Zeit Spaltpilze und andre niedere Organismen abgetrennt hat, bilden doch auch jetzt noch eine sehr vielgestaltige Gruppe von Lebewesen. Das Princip ihres Baues ist jedoch im großen und ganzen ziemlich einheitlich zu nennen. Nehmen wir einen Pilz wie den Champignon, Fliegenpilz oder Pfefferling an. Ein unter der Erde dahinkriechendes Geriisi von langen Zellfäden, die sich ver- ästeln und vielfach verschlingen, bildet den eigentlichen Vegetations- körpcr der Pflanze. Er ist, Mhcel genannt, das, was an einem Kraut Wurzel, Stengel und Blätter sind. Das Mycel nimmt die Nahrung auf und wächst. Von dem Mycel aber heben sich! nun Fruchtkörper ab. Was man von einem� Pfefferling oder Fliegen- Pilz über die Erde hervorragen sieht, der Stiel und der Hut, das ist eben der Fruchtkürper. Bei vielen Pilzen haben freilich die Fruchtkörper nicht diese bekannte„Pilz- form". Es herrscht hier vielmehr eine große Mannigfaltigkeit ebenso wie in der Gestalt des Mycels. Die eigentliche Pilzform haben nur einige Vertreter der Hutpilze, sie sind es auch, die im gewöhnlichen Leben Pilze genannt werden und zu denen alle die be- kannten Speise- und Giftpilze gehören. Ist der Hut der Fruchtkörper, so befindet sich an der Unterseite desselben eine weiche Schicht, das Hymenium, in dem die eigentlichen Früchte ausgebildet werden. Die Hutpilze entwickeln in, Hymenium sogenannte Basidien, das sind ineist langgestreckte Zellen, die kleine Zweige aus sich heraus- treiben und an den Spitzen dieser Zweige schnüren sich die Sporen ab. Die meisten Pilze besitzen ja nicht männliche und weibliche Organe, sondern sie erzeugen ungeschlechtliche Fortpflanzungskörper, eben die Sporen. Neuerdings glauben freilich mehrere Forscher, daß auch der Bildung der Sporen ein geschlechtlicher Akt vorhergehe. Nach- dem Dangeard schon im Jahre 1901 eine Verschmelzung von Zell- kernen in den Basidien beobachtet hatte, tritt nun auch Robert A. Harper in der„Botanical Gazette"(vol. XXXUl p. 1) dafür ein, daß in der Kernverschmelzung ein sexueller Vorgang zu sehen sei. Die Basidie ist ursprünglich eine einfache Zelle, die aber zwei Kerne besitzt. Diese beiden Kerne verschmelzen mit einander genau in der Weise, wie sonst Eizelle und Samenzelle mit einander ver- schmelzen. Es konnten die strahlenförmig angeordneten Plasma- strömungen in der Zelle bemerktwerden sowie das Centrosoma, jenersonst von der Samenzelle herbeigebrachte Körper, von welchem die in Kraftlinien sich äußernde Wirkung auf die verschmelzenden Kerne ausgeht. Diese letzteren beiden sind aus Kernteilungen in der tynienialschicht hervorgegangen, bei denen ebenfalls bereits vorher ernverschmelzungen stattgefunden haben. Man begreift hier zwar noch nicht recht, welchen Nutzen die sexuelle Mschung haben kann, da ja beide Kernarten von demselben Individuum herrühren. Immerhin ist es möglich, daß sich die Kerne bereits seit der Keimung der Spore differenziert haben, daß sie sich also während des Wachstums des Pilzes verschieden ausbilden, um dann be: der Verschmelzung ihre verschiedenen Eigenarten zu mischen. So wäre denn auch die Spore der höheren Pilze aus einem ge- schlechtlichen Akte hervorgegangen. Zu den Hutpilzen gehört auch der Hausschwanun, einer der verderblichsten und gefurchtetsten Vertreter dieser Pflanzen- abteilung. Hufform besitzt dieser Pilz allerdings nicht. Seinen Fruchtkörper bildet ein dünnes, bisweilen über meterbreites bräun- liches oder gelbliches Polster, das am Rande zu einer weißen filzigen Masse anschwillt. Das Verderbliche ist aber sein Mycel, das das Holz der Dielen, Schwellen und des Gebälkes durchzieht und selbst die feinsten Mauerritzen durchdringt. Er zerftißt das Holz und das Mauerwerk ganz und gar und wo einmal ein Haus vom Schwamm ergriffen ist, da giebt es gewöhnlich nicht viel mehr zu retten. Wie alle Pilze, so ist eben auch der Hausschwamm ein Ver- zehrer organischer Substanz. Diese eigenartigen Pflanzen, die kein Chlorophyll besitzen und deshalb nicht_ assimilieren können, sind auf die fertige organische Substanz angewiesen, wie sie sich in lebenden oder toten Organismen vorfindet. So sind die Pilze entweder Parasiten oder Fäulnisbewohner. Der Hausschwamm nun nährt sich haichtsächlich von der Substanz des Holzes. Er ge- deiht zumal im Finstern, Feuchten und bei Abschluß der Lust. Es ist noch nicht bekannt, wie der Pilz zuerst in das Holz gelangt. Man hat versucht, künstliche Kulturen des Haus- ichwammes zu erzeugen und das bewährte Buch K. Hartwigs, das jüngst in der Bearbeitung des berühmten Pilzforschcrs K. v. Tubeus in zweiter Auflage(Berlin 1903. Jul. Springer) erschienen ist, er- wähnt solche Versuche. Aber die Kultur, ivie ja überhaupt die der meisten höheren Pilze, bietet sehr gros;e Schwierigkeiten, während sie in der Natur an geeigneten Plätzen oft sehr üppig gedeihen. Jeden- falls scheint der Hausschwamm, wie der erwähnte K. v. Tubeus in der„Naturw. Zeitschrist für Land- und Forstwissenschast(1903, S. 89 bis 104)" ausführt, im Walde äusterst selten aufzutreten. Wahrscheinlich überträgt sich daher nie der Pilz im Walde bereits auf das Bauholz. Im Stamm lebender Bäume aber wächst der Pilz über- Haupt nicht. Die Uebertragung der Spore auf das Holz der Häuser findet daher entweder vom bereits infizierten alten Holze oder von Schutt und Erde statt, welche ebenfalls vom Hausschwan, m verseucht find. Bei der Errichtung eines neuen Gebäudes wird daher neuer- dings sehr sorgfältig darauf Rücksicht genommen, alle Bedingungen zu vermeiden, welche der Lebensfähigkeit des gefürchteten Pilzes günstig sind. Die Häuser werden unterkellert, die Unterlagen der Dielen werden mit Karbolineum bestrichen, vor allem aber wird der Raum unter den Dielen durch Ventile mit der Autzenlust oder dem Schornstein in Verbindung gesetzt. So wird stische Luft und Trockenheit erzeugt, Verhältnisse, die dem Pilz durchaus zu- wider sind. Die größte Gefahr für das Aufkommen des Haus- schwammes besteht in einen, feuchten Untergrund. Auf dem Lande werden die Häuser häufig direkt auf den, Acker- boden errichtet. In solcher gedüngten Erde gedeiht der Hausschwamm sehr üppig. wenn er sich einmal ein- genistet hat. Er wächst sehr schnell? wenn er einmal ein ge- Wistes Stadium erreicht hat, dann wird im Nu das Holz morsch und die Dielen brechen durch, wenn man auf sie tritt. In einem vom Hausschwamm befallenen Gebäude herrscht ein unangenehmer Moderduft, der auch der Gesundheit sehr nachteilig ist. Die Hutpilze schnüren, wie bereits erwähnt, bei der Ver- mchrung Zellen ab, Basidien, an denen die Sporen hervorkommen. Sie gehören daher nebst noch andren Abteilungen zu der Unterklasse der Basidienpilze. Bei einer andren Unterklasse— es giebt von den Pilzen außerdem noch zwei und zwar weit tiefer stehende Unter- klasten— bilden sich die Sporen ,n Schläuchen aus. Man nennt diese Gruppe daher Schlauchpilze. Auch ihr Vegetationskörper ist ein Mycel, das in der Nährmaste dahinkriecht. Vom Mycel aus geht der Fruchtkörper hervor. An ihm entwickeln sich die Schläuche, die häufig ebenso wie bei den Basidien- Pilzen in einer zusammenhängenden Haustchicht, einem Hy- menium vereint find. Jeder Schlauch ist nun ein rings- um geschlossener Behälter, in dem eine größere Anzahl von Sporen enthalten sind und aus dem sie bei der Reife ausgespritzt werden. Bei den meisten Schlauchpilzen sind die Schläuche selbst zunächst von einer festen Hülle umgeben. Der Fruchtkörper ist dann meist eine Art Kapsel mit dicker Wandung und weichem Füllgewebe, in dessen Inneren die sporenbcrgenden Schläuche enthalten sind. Bei einer Abteilung der Schlauchpilze indes, bei den sogenannten Nacktschläuchen. entwickeln sich die Schläuche einzeln im Mycel. Diese kleinen, mikroskopischen Pilze sind deshalb merkwürdig, weil sie sehr auffallende Mißbildungen an manchen Pflanzen hervor- rufen. Die sogenannten Taschen an Pflaumenbäumen, wuchernde Austreibungen der Zwetschenfrüchte, ferner die blasenartigen Beulen an Pfirsichblättern(Kräuselkrankheit der Pfirsiche), die Hexenbesen des Kirschbaumes und der Birken rühren alle von den Nacktschlauchspitzen her. Die kleinen Pilze durchziehen Früchte und Blätter mit ihrem Mycel und bringen dadurch krankhafte Wucherungen in dem Gewebe ihrer Wirtspflanzen hervor. Die Schläuche erscheinen gewöhnlich dicht gedrängt auf der Epidermis (Oberhaut) der von den Pilzen befallenen Pflanzenteile. Man kennt von dieser Pilzabteilung etwa ein halbes Hundert Arten, die man früher auf eine Anzahl von Gattungen verteilte. Nach den neueren Untersuchungen K. Gicsenhagens und S. Jkenos, die ihre Arbeiten in verschiedenen Zeitschristen veröffentlichten, ähneln sich die Arten aber so sehr, daß eine Einteilung in zwei Gattungen genügt. Die neue Einteilung gründet sich auf Geschlechts- verhältniste, die ja bei der Einteilung fast aller Pflanzen von aus- schlaggebender Bedeutung sind. Für die entwickelungsgeschichtliche Richtigkeit dieser Einteilung spricht auch der Umstand, daß durch sie Pilze, die verwandte Pflanzenarten bewohnen, einander nahe gerückt werden. Jkeno hat an den Sporen der Nacktschlauchpilze sehr merkwürdige Vorgänge beobachtet, die als sexuelle Akte gedeutet werden können. Die GeschlechtSverhältnisse der niederen Pflanzen, zumal der Pilze, sind überhaupt noch in sehr großes Dunkel gehüllt. Es scheinen hier andre Principien zu herrschen als bei der Sexualität der Tiere. Immerhin könnte uns eine Aufklärung dieser Verhältnisse auch einen besseren Auffchluß darüber geben, welche Bedeutung in der ganzen Natur die Trennung der Geschlechter haben mag.— kleines feuilleton. lk. Waldmoor. Eine Senkung im Nadelwald, darin ein kleines, meist rundliches Gewässer, umgeben von moorigen Randstreifen, in denen der Fuß versinst, das ist ein Bild, dem man in märstschen Landen nicht selten und dem man gern begegnet. Diese„Augen des Waldes" können nicht das bieten, was ihre großen Schwestern, die Havel- und Spree-Seen g? s�ren; keine Schiffe schaukeln sich auf ihnen, und auch ein stärkerer Wind bringt nicht leicht Schaumkanime auf ihnen hervor, aber deshalb sind sie nicht weniger reizvoll. Fast schwärzlich erscheint der Wasserspiegel, in dem die dunklen Kiefernwipfel sich spiegeln, und nur wo Fische nach einem Jnsette auf der Oberfläche schnappen oder Sumpfgasblasen auffteigen, kräuseln leichte Ringe die glatte Fläche. Hohe Binsen säumeii stellenweise mit dem Kolbenrohr das Ufer, das wir auf der Suche nach schönen Pflanzen zu erreichen suchen, ivenn die unter unsren Füßen bedenklich schwankende grüne Decke uns nicht schließlich doch wenige Schritte vom Wasser gebannt hält. Wir wenden uns nach einer andren Seite, wo ein längerer Moorstreifen, ein sogenanntes Fenn, vom Ufer ausläuft. Bleichgrüne, rötliche bis braune Rasen des Torfmooses bilden die Hauptmasse der Pflanzenwelt zwischen de» zahllosen Binsen und Seggen. Nach unten gehen die Stämmchen der Moose in eine un- definierbare braune Masse und zuletzt in wirklichen Torf über, nach oben zu wachsen sie weiter und die einzelne Pflanze mag ein ziem- lich hohes Alter erreichen, ehe sie von jüngeren Exemplaren abgelöst und überwuchert wird. Die zierlichen Ranken der Moosbeere über- spinnen die Rasen des Torfmooses? die zur Zeit erbsengroßen und noch unreifen rötlichen Früchte der Moosbeere liegen zu vielen Hunderten den: Boden aus. Plötzlich unterbricht ein Torfsfich das Fenn. Senkrecht fallen die ausgestochenen Wände ab, auf denen der Uebergang in Torf leicht zu verfolgen ist, während den Grund schwärzliches Wasser erfüllt, hier und da von dem grünen Rücken eines Teichfrosches über- ragt. In dem Wasser wachsen Torfmoosrasen, die sich in dem feuchten Elemente zu großen lockeren Flockenwolken aufgelöst haben, in denen die überaus zierliche Bauart des zarten Mooses kenntlich wird. Heben wir eine solche Wolke heraus, so haben wir eine fast formlose Masse in der Hand, fast, wie wenn wir eine Algenmasse herausgefischt hätten. Wir werfen den Klumpen in das Wasser zurück und sehen ihn sich wieder zierlich ausbreiten und die alte Form annehmen. Solche Pflanzen sammelt derBotaniker ein, indem er einen Bogen Papier in das Wasser unter die betreffende Pflanze bringt! beim vorsichttgen Herausziehen bleibt die Pflanze in ihrer charakteristischen Gestalt auf dem Papiere liegen. Stundenlang kann man mit wasserdichten Stiefeln oder auch barfuß auf einem solchen Moor herumwandeln, denn so- wohl die Pflanzen- wie die Tierwelt darauf fesseln beständig. Auch die einsame Lage dieser Augen des Waldes reizt den, der die breiten Heerstraßen flieht.— gc. Heimgeleuchtet. Unter der Regierung Gustavs HI. von Schweden bestand noch keine Sttaßenbeleuchtung in Stralsund. Der Mangel wurde allgemein empstinden, und die Anführung wäre leicht gewesen. Ivenn mcht der damalige Generalgouverneur, ein Prinz von Holstein-Gottorp, die Sache in die Hand genommen hätte. Der Prinz erfreute sich einer großen Unbeliebtheit, die er sich durch sein abstoßendes Willkürregiment zugezogen hatte. So lautete die Verord- nung betreffs der dunklen Straßen: Jeder, der nach Sonnenunter- gang ohne Laterne bettoffen werde, solle arrettert werden und auf der Wache fünf Hiebe erhalten. Die Stralsunder erschienen nun mit einer Laterne, aber keine Laterne besaß die nötige Kerze. Jetzt verordnete der Prinz, in jeder Laterne sollte eine Kerze stecken. Das geschah, aber die Sttalsunder zündeten die Kerze nicht an. Der Prinz schäumte vor Wut. Ein neuer Befehl verordnete das Anzünden der Kerze. Die Sttalsunder gehorchten, trugen aber die Laternen unter den Mänteln. Eine neue Verordnung befahl das Offenttagen der Laternen. Jetzt erschienen sie mit lächerlich großen Laternen und winzigen Kerzen. Der Prinz stagte nun bei dem Könige an, was er thun solle. „Aus dem Lande gehen und die Bürgerschaft sich überlassen", war die Antwort.— Aus dem Tierleben. — Ueber das Rotkehlchen in derGefangenschaft plaudert Ed. Neubauer in der Wochenschrift„Nerthus" (Altona-Ottensen. Chr. Adolff.):„... Um den Vogel bei guter Gesundheit zu erhalten, gebe man ihm vor allen Dingen einen großen Käfig mit weicher Decke aus Wachstuch oder grüner Leinwand, wie sie unter den, Namen Nachtigallenbauer in jeder größeren Vogel- Handlung erhältlich sind. Die Sitzstangen müssen so stark sein, daß sie der Vogel nicht ganz umklammern kann. Um Fußkrankheitcn vorzubeugen, überziehe ich die Stangen mit einem Gummischlauch. Der Boden des Käfigs ist dick mit Sand, am besten Aquariunstand, zu bestteuen. In der Anfangszeit bedecke man den Käfig mit einem Tuche. Wird der Vogel nicht gleich zahm, so schadet das nichts. Die Hauptsache ist die, daß er sei» dumm- scheues Wesen ablegt und sich nicht an den Sprossen verletzt. Sehr wichttg, vielleicht die Haupstache, ist die zweckmäßige Fütterung des Rotkehlchens. Vor allen Dingen hüte nian sich, dem Vogel in der ersten Zeit zu viel Nahrung zu bieten. Namentlich bei Frühjahrs« sängen denke man daran, daß die Kost da draußen eine recht kärg- liche war. Am besten lassen sich Herbstfänge eingewöhnen, da man dann noch stische Ameisenpuppen zur Verfügung hat. Den, Beispiel des Vogelpflegers M. Rausch folgend, bot ich meinen Rotkehlchen in der ersten Zeit ihres Gefangenlebens einz,g und allein Ameisen- puppen. Erst mit der vierten bis sechsten Woche gab ich ein Misch- futter, bestehend aus Amcisenpuppen, Käseguark, Bisquit und ge- riebenem Hanf zu gleichen Teilen. Angefeuchtet wird das Ganze mit geriebener Mohrrübe, doch so, daß es krümelig- feucht und mcht etwa naß erscheint. Der Bequemlichkeit halber Wasser zum Anfeuchten zu benutzen, ist ganz und gar verkehrt. Außer dem Mischstltter reiche man täglich 4-6 Mehlwürmer, denen die Köpfe vorher eingedrückt wurden. Recht bekömmlich sind den Rotkehlchen täglich einige Kellerasseln und lebende Fliegen und Spinnen. Im Herbste thut man gut, seinen Pfleglingen einige Holunderbeeren zu reichen. Im Winter genügt einmalige Fütterung: im Sommer mutz man schon deshalb mehrmals flittern, weil die Mischung dann zu schnell eintrocknet. Besondere Aufmerksamkeit ist dem Rotkehlchen während der Mauser, die in die Monate Juli und August fällt, zu widmen. Jetzt kann die Zahl der Mehlwürmer bis auf zehn erhöht werden. Noch besser ist es aber, man lätzt alles andre fort und füttert nur mit frischen Ameisenpuppen. Datz man täglich frisches Wasser reicht, ob der Vogel davon trinkt oder nicht, ist selbst- verständlich. So behandelte Rotkehlchen dauern viele Jahre aus und vergelten die kleine Mühe durch den herrlichen Gesang. Durch das Herunter- hängen der Flügel lasse man sich nicht beängstigen; dies gehört zur Eigentümlichkeit des Rotkehlchens. Es zeigt sich in seiner Haltung überhaupt etwas nachlässig. Singt der Vogel nicht, so gedulde man sich. Ich pflegte einmal zu gleicher Zeit vier Rotkehlchen über ein Jahr lang. Aber auch nicht eins lieh in dieser Zeit etwas von sich hören. Schon wollte ich sie alle zusammen hinauslassen, als plötzlich ein Tierchen ganz leise zu dichten begann. Das Flüstern wurde lauter und lauter und gestaltete sich in wenigen Wochen zum herrlichsten Gesänge. Dem ersten Vogel folgte bald ein zweiter. Die beiden andern blieben aber stumm und wurden deshalb frei- gelassen. Jeder Vogel bringt eS allerdings nicht zum vollendeten Künstler. Doch ist der Gesang, wenn das Rotkehlchen eben anfängt, selbst Gefallen daran zu finden, stets schön zu nennen. Viele Liebhaber preisen mit Begeisterung die Gebirgs- Rotkehlchen. Warum? habe ich nicht ergründen können: vielleicht, weil sie selbst aus einer bergigen Gegend stammen. Jedenfalls findet man unter den im Flachlande lebenden Rotkehlchen auch sehr gute Sänger. So brachte ich mir vor mehreren Jahren ein solches aus Ostpreutzen nach Berlin mit, das mich hier lange Zeit mit seinen melodischen, wohlklingenden, flötenden und trillernden Tönen geradezu erbaut hat. Wtir ivar es immer zu Mute, als vernahm ich Grütze aus der Heimat. Wer weniger auf den Gesang achtet, wird bei der Pflege des Rotkehlchens aber auch in andrer Hinsicht entschädigt. Am besten ist es dann wohl, wenn man den Vogel frei im Zimmer umherfliegen lätzt. Da er sehr zahm wird und vermöge seiner Klugheit den Pfleger bald kennen lernt, nimmt er diesem die Leckerbissen stets aus der Hand. Ich besatz ein Rotkehlchen, das bei meiner Ankunft stets auf den Tisch flog und durch taktmätziges Wippen mit dem Schwänze seine Freude zum Ausdruck brachte. Dabei sah mich das Tierchen mit den grotzen, klaren Augen so verständnisvoll an, datz ich immer be- dauerte, datz ihm die meuschliche Sprache versagt war. Sobald wir uns an den Tisch setzten, Ivar es selbstverständlich, datz das Rot- kehlchcn auf einer Stuhllehne Platz nahm, um sich einen bereit gehaltenen Mehlwurm zu erbetteln. Uebrigenö zeigte es sich auch durch Wegfangen von Spinnen. Fliegen und sonstigem Ungeziefer nützlich. Es durchsuchte dabei so emsig alle Ritzen und Winkel, als wäre es eigens zu diesem Zwecke angestellt... Astronomisches. — Entfernung einesDoppelsterns von derErde. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: Im Sternbilde des Füllen steht ein Stern vierter Grötze, der also dem klotzen Auge sichtbar ist und auf den Sternkarten als nähere Bezeichnung den griechischen Buch- staben Delta trägt. Dieser Stern wurde im Jahre 1781 von Wilhelm Herschel als Doppelstern erkannt, indem er ein Sternchen zehnter Grötze in 30" Distanz neben demselben fand. Man kann dieses Sternchen schon mit einem mätzig grotzen Fernrohre sehen: die neueren Beobachtungen haben gezeigt, datz es zu dem Stern Delta in keiner Beziehung, sondern nur schein- bar, d. h. für den Anblick von der Erde aus. in seiner Nähe steht. Dagegen entdeckte am lg. August 1852 Otto Struve mit dem grotzen Fernrohre der russischen Haupt- Sternwarte zu Polkowo, datz der Stern Delta ftir sich doppelt ist, indem er aus zwei Sternen 4,5. und 5. Grötze besteht, die so eng beieinander stehen, datz sie nur unter den günstigsten Umständen ge- trennt gesehen werden. Später gelang dies überhaupt während vieler Jahre nicht mehr, selbst in dem grotzen Fernrohre der Lick- Sternwarte bei den stärksten Vergrötzerungen. Zu gewissen Zeiten aber war der schwächere Stern in diesem Instrumente sichtbar, und es stellte sich heraus, datz er den Hauptstern in dem kurzen Zeit- räume von 5—7 Jahren umkreist. Die Bahn, die er um diesen be- schreibt, ist eine langgestreckte Ellipse, mit einem grötzten Durch- messer von nur 0,56" von der Erde aus gesehen. Nun hat man in den letzten Jahren auf der Lick- Sternwarte auch das Spektrum dieses Doppelsterues photographisch aufgenommen und daraus erkannt, datz die in demselben sichtbaren dunkeln Linien geringe Verschiebungen gegeneinander zeigen, die durch die Bewegung der beiden Sterne entstehen, da sie eine Periode von 5—7 Jahren umfassen. Aus der Grötze dieser Linienverschiebuugen kann man die absolute Geschivindigkeit, mit der die beiden Sterne sich umeinander bewegen, berechnen. Diese Berechnung wurde auf der Lick-Sternwarte ausgeführt und ergab als relative Geschwindig- keit für den Zeitpunkt der grötzten Annäherung des Begleiters an den Hauptstern 20,5 Kilometer in der Sekunde. Mit diesen Zahlen lätzt sich nun weiter der ganze Umfang der Bahn des Be- gleiters berechnen und daraus der wahre Durchmesser der grotzen Achse derselben in Meilen: letzterer beträgt hiernach 80 Millionen Meilen, der scheinbare Durchmesser aber nur, wie oben angegeben, 0,56". Damit aber eine Strecke von 80 Millionen Meilen Länge uns unter dem steinen Winkel von 0,56" erscheint, mutz sie 61 Billionen Meilen entfernt sein, und dies ist folglich die Entfernung des Doppelsterns Delta im Füllen von der Erde. Um diese Ent- fernung zu durchlaufen, bedarf der Lichtswahl einer Zeitdauer von fast 50 Jahren. Das Gewicht oder die Masse beider Sterne ist 1,89 mal so grotz als die Masse unsrer Sonne und beide zeigen Spekwa, die dem Spekwum der Sonne ähnlich sind. Da sie sich in sehr ercenwischer Bahn umeinander bewegen, so ändert sich die gegenseitige Entfernung beider Sterne entsprechend, sie kann sich bis auf 40 Millionen Meilen vermindern, aber auch bis zu 120 Millionen Meilen vergrötzern. Der hier besprochene Fall ist der erste, in dem es möglich wurde, auf Grund der Messungen im Fernrohr und der spektographischen Aufnahmen die wahre Entfernung eines Doppel- stcrns von der Erde zu ermitteln.— Humoristisches. — Berliner Presseklub. Er st er Bankier:„Da haben sich ein j»ar Schriftsteller und Journalisten zum EinWitt an- gemeldet." Zweiter Bankier:„Schriftsteller, Journalisten,— was wollen d i e denn in unsrem P r e s s e k l u b?!"— — Bericht eines Gendarmen.„...Ich forderte den Betreffenden auf, mir zu folgen, worauf mir derselbe erwiderte: „Steigen Sie mir den Buckel'nauf." Nachdem dies ge- schehen, schritt ich sofort zur Verhaftung."— — Seine Aufklärung. Das„Bamberger Tagbl." vom 17. Juni enthält folgendes: Zur Aufklärung. Ein oder mehrere schäm-, gott- und ehrlose Ver- leumder und Ehrabschneider konnten ihrem Lieblings- drang nicht widerstehen, mich und meine Frau mit ihren giftigen Zungen zu besudeln— mich hiebet s e l b st v e r st ä n d l i ch des Verbrechens zu beschuldigen, datz ich ein Kirchenläufer sei. Ich thue sicherlich nur meine religiöse Pflicht und nicht mehr. danke aber den lieben Gott für diese Gnade, denn nur dadurch ist es mir möglich, aller hohnspottenden Ehrabschneidung kalt gegenüberzustehen. Ehrlichen, rechtschaffenen Menschen zur Kenntnis, datz hievon kein einziges Wort wahr ist und mit meiner Frau recht glücklich lebe. G. P., Privatier. („Jugend".) Notizen. — T o l st o j s Lustspiel„Früchte der B i l d u n g", in der Uebersetzung von August Scholz, wird eine der ersten Neuheiten des Neuen Theaters in der kommenden Spielzeit sein.— —„Die neugierigen Frauen", musikalische Komödie von Ermano Wolf-Ferrari, Text nach Goldoni, geht als erste Opernnovität der Wintersaison imMünchenerHoftheater in Scene.— — Preisverteilung in der Grotzen Berliner K u n st a u s st e l l u n g. Es erhielten die grotze goldene Medaille der Bildhauer Professor Adolf B r ü t t in Berlin. der Maler John S a r g e n t in London und der Maler Karl B a n tz e r in Dresden-Strehlen, die kleine goldene Mc« d a i l l e die Maler Fritz Burger in Basel, Edwin Slustin Abb eh in London, Karl Vinnen in Osterndorf(Kreis Lehe), die Bildhauer Hugo Lederer in Berlin, Ferdinand Lepcke in Berlin und die Architekten Franz v. Hoven und Ludwig Neher, beide in Frank- furt a. M.— — Der Wiener Hoftheater-Maler Hans Kautsky siedelt im Herbst nach Berlin über: er wird die Leitung der neuen Hoftheater- Ateliers übernehmen.— — Bei den niederländischen Ausgrabungen an der N e k r o- polis von Mykene sind drei Gräber aufgedeckt worden: das größte enthielt außer prächtig bemalten Vasen etwa fünfzig verschiedene Schmucksachen aus Gold und Elfenbein.— — Mißverständnis. Die„Kölnische Volkszeittmg" erzählt folgendes Geschichtchen: Erschien da dieser Tage in einer Gemeinde Nieder-Bayerns ein Brautpaar auf dem Standes- a m t e zum Aufgebot. Beide waren lcdigen Standes und doch trug das Familienstandszeuguis den Vermerk:„ D i e s e l b e h a t n e u n Kinder". Der Beamte, dem das sonderbar vorkam, fragte nach dem Namen dieser neun Geschöpfe, wogegen sich der Bräutigam mit dem energischen Ausruf verwahrte:„Was! nöt a mal eins hat se, viclweniger neun". Die Sache hatte sich so zugcwagen: Der Bürgermeister der Braut hatte diese gcftagt:„Haben Sie Kinder?" und auf die Antwort:„Nein" flugs„Neun" geschrieben. Bevor das Aufgebot erfolgen konnte, mutzten der Braut die neun Kinder wieder amtlich aberkannt werden.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 19. Juli. Berantwortl. Ncdakteur: Julins Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW