Unttthaltuttgsblatt des Horwärls Nr. 139. Sonntag, den 19. Juli. 1903 (Nachdruck verboten.) 24,* Böte jvräcbte* Roman von Jonas L i e. Im selben Augenblick, als Bratt zu der Schlußfolgerung gekommen war, daß er eigentlich erst hatte nach Hause fahren wollen, war gleichsam etwas in ihm wach gerufen, was ihm damals durch den Kopf gefahren war. Dies alles brach so unvorhergesehen auf ihn ein wie das jiingste Gericht, so daß er voller Angst wieder von vorne zu denken anfangen mußte. Ach, Unsinn, das kommt aus dem Magen,— was Hab' ich denn nur eigentlich heute gegessen,— ich vergaß, Galoschen anzuziehen.— Dieser Abraham!— sagt, er will diesen Sommer nicht nach Hause kommen, falls er nicht irgend eine ehrenvolle Anerkennung im„Salon" bekommt,— will nach Spanien, Italien.— Er mag übrigens recht darin haben, daß man die große Kunst erst dort bei den Meistern kennen lernt. Nein, ich finde keine Ruhe, ehe ich die Sache gründlich durchdacht habe.-- Wenn ich nun direkt nach Hause gefahren wäre? Treiben wir die Sache auf die Spitze,— der Umweg hätte das. Ganze ins Reine gebracht.— Hätte ich dann wirklich das Telegramm schon vorgefunden?-- Die Quittung für den Empfang lag zwischen den Ge- richtsakten, und da stand, daß das Telegramm bei mir um— um— ich möchte wissen, ob es nicht zehn oder fünfzehn Minuten vor elf gewesen ist, als es zu Hause bei mir in Empfang genommen wurde. Und die Versicherung oben im Klub die war zwanzig Minuten über elf datiert, das weiß ich ganz genau. Das muß ich doch gleich einmal untersuchen! Hm, dieser Bratt hat keine Ahnung davon, daß ein Mensch auch Nerven haben kann. Schweigend nahm er das Licht, das auf der Diele stand, und ging in sein Schlafzimmer. XIX. Es erregte ein nicht geringes Aufsehen, als es verlautete, daß der Eiscnbahndirektor und einige Ingenieure in dem Distrikt auf der Reise begriffen seien, um die Projektierten Linien bis zur Stadt hinab zu befahren. Der städtische Vor- stand, der Reichstags-Abgeordnete und einzelne, an der Sache interessierte Persönlichkeiten versammelten sich im Gebirge bei Brenna- Sundsted, wo heute das Frühstück eingenommen werden sollte. Johnston war bereits dort; er wollte noch heute weiter, zu seinen Waldungen hinauf. Und nun rollte Direktor BrattS Wagen mit zwei Pferden auf den Hof. „Darf ich den mächtigsten Mann der Stadt und des Distrikts, den Herrn Direktor Anders Bratt, vorstellen?" sagte Johnston zu dem Eisenbahndircktor gewandt.„Den Namen kennen Sie wohl: und hier sehen Sie nun den Mann, die eigentliche Triebfeder für das ganze Eisenbahnprojekt, wie Sie wissen. Wenn Sie klaren und vernünftigen Bescheid haben wolle«, so wenden Sie sich nur an ihn! Und wollen Sie einen Rat haben, der nicht von Kleinigkeiten und Neben- interessen beeinflußt ist. so holen Sie ihn sich von ihm,— und sollte es Ihnen einfallen, diesen Rat zu befolgen, so werden Sie vielleicht auch fühlen, was er ist!" Der Direktor lächelte und sah sich stolz um: „Ich bin auf alle Fälle Direktor Anders Bratt, und es soll mir eine Freude sein, wenn ich Ihnen dienlich sein kann." „Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich großen Wert darauf lege, mich gelegentlich auf Ihre Erfahrung stützen zu können, Herr Direktor." „Ich versichere Sie,"— erzählte der Eisenbahndirektor während des animierten Frühstücks.—„wir werden förmlich belagert mit allen möglichen Vorschlägen in Bezug auf Stationen und Abstecher von der geraden Linie;— da ist kaum eine Seitenschlucht im Thal, in der es nicht von Forderungen und Wünschen und Berechnungen von allen möglichen Zu» kunftstransporten wimmelt:— völlig ins Blaue hinein,— von Holzschnitzereien bis zu Schlächter- und Vuttereimern."— „Dacht' mir's schon, daß Sie einen ganzen Sack davon bekommen würden," lachte Anders Bratt:—«jeder Bauer will die Eisenbahn vor seiner Thür haben. Aber es handelt sich nur darum, das ganz von oben herab zu nehmen,— das. Lineal von dem Sund hier und bis zur Stadt hinab, am Strom entlang zu legen.— Da oben muß man dann zwischen den verschiedenen Linien wählen." Männlich und bestimmt saß er da, mit dem klugen, scharfen Blick tief in die verschiedenen Abmachungen schauend, mit dem sicheren, selbstbewußten Gefühl, daß er jetzt im Grunde das Steuer in der Hand hielt. Er war hier neben den Eisenbahndirektor gesetzt, der seine Ratschläge einholte, ihn um seine Berechnungen und Ueberschläge bat und sich seiner Hilfe und seines Einflusses auf alle mögliche Weise ver- sicherte. Es war ein ungewöhnlich verständiger Mann, nicht einer von diesen Kleinigkeitskrämern, die sich unablässig auf Nebenwegen verirren: das hatte Anders Bratt befürchtet,— nein, da war Zug in ihm! Er schritt frisch vorwärts wie ein echter Mann, ob anch ein ganzer Heuhaufen von Petitionen und kleinlichen Rücksichten am Wege lag. Der Direktor war von dem erhebenden Gefühl beseelt, an seinem Platz zu sein, er fühlte sich als Kraft und Willen, auf die man Rücksicht nahm. Die Eisenbahn hier im Distrikt, das war und blieb doch Anders Bratts Werk! Da? kleine einfache Frühstück, das aus den mitgebrachten Vorräten und dem wenigen bestand, das die Posthaltestelle zu liefern vermochte, und bei dem eine Bank die fehlenden Stühle ersetzen mußte, war eine stolze Mahlzeit in seinem Leben. Es waren der Eisenbahndirektor und er, oder eigent- lich war er es allein. „Sie können sich denken, Herr Bratt, wie glücklich ich gewesen bin," sagte der Eisenbahndirettor, er schenkte ihm ein Glas Madeira extra drp aus seiner Reiseflasche ein.„Ich habe gleich von Anfang an das Glück gehabt, daß mir Herr Johnston die Männer aufgab, die ich hier im Distrikt zu er- warten hatte,— ein kluger Kopf,— und Gentlemen durch und durch,— frei von allen persönlichen Rücksichten und zu- verlässig wie Gold," nickte er leise zutraulich.—„Und wohlbekannt aus alten Zeiten in unsren Kreisen.-- Es ist diese unerschütterliche, humane Denkweise, die der ganzen Familie ihren Glanz verleiht!— Vertrauen, Herr Direktor, Ver- trauen.-- Und Sie, Herr Direktor, erfreuen sich so voll und ganz seines Vertrauens— darf ich Ihnen dazu gratulieren!" Der Direktor führte das Glas mehrmals an den Mund, als stutze er oder besinne sich:— dann trank er langsam. „Ich danke für die Ehre," erwiderte er sehr formell, während! seine Mundwinkel unwillkürlich zuckten. „Nicht gut?" „Nein, das heißt, ich pflege vormittags keinen Wein zu trinken." Eine Weile später stand Anders Bratt mit zusammen- gekniffenem Munde an dem kleinen Fenster im Zimmer und sah, wie der Eisenbahndirektor da draußen auf dem Hofe stand, den einen Fuß auf dem Trittbrett, und mit Johnston redete, der in seinem Wagen saß, den Zügel in der Hand, bereit, abzufahren. Das scheint ein ganz intimes Gespräch zu sein! Der Eisenbahndirektor hat sich vielleicht zum Beispiel nur ein wenig näher erkundigt, wem er hier im Distrikt trauen kann und wem nicht? llnd Johnston saß so ruhig da und that nichts.— wie gewöhnlich,— setzte nur eine ganz neue Eisenbahn-Kom-. Mission ein.-- Und er selber. Anders Bratt— fraß es mit verbissenem Hohn in ihm—- er war ja als erster Mann von ihm angestellt worden. Er mußte sich die Ehre ruhig anthun lassen! Sein langer, gelenkiger Körper warf sich hintenüber vor Widerwillen. Er, er da im Wagen, saß da und führte die Zügel und lenkte das Ganze. Dieser alte bankrotte Glanz vom Eisenwerk! kochte es in ihm herauf. „Merkwürdig vergeßlich und zerstreut, Ihr Freund Johnston,"— kam der Eisenbahndirektor herein,„reisig ohne daran zu denken, einen Regenmantel mitzunehmen. — 554 Ich mußte hinein und ihm meinen holen�— er hat ja einen langen Weg berauf."— „Der Mann, müssen Sie wissen, erntet stets Glück von seiner Zerstreutheit," lächelte der Direktor mit einer Kraft anstrengung von Wohlwollen, während die Augen so eigenartig leuchteten.—„Dieser Eigenschaft hat er sogar sein ganzes Vermögen zu verdanken! Vergaß er doch, zu Hause vor zufahren und nach seinen Telegrammen zu sehen,— und versicherte dann sein Fahrzeug im Klub, ehe er nach Hause kam und las, daß es bereits zu Grunde gegangen war.— Und daß er in gutem Glauben gewesen wäre, darauf konnte er nachher seinen Eid abzulegen,-- hat ein sonderbares Glück, der Mensch," lachte er feindselig. Der Eisenbahndirektor sah Bratt Plötzlich erstaunt au und da er nichts weiter in diesem Gesicht lesen konnte, ließ er den Blick zu den übrigen Anwesenden hinüberschweifen, um zu sehen, ob etwas dahinter steckte. Er wandte sich plötzlich von ihm ab. „Johnston ist auf alle Fälle durch und durch Ehrenmann," sagte er kurz. „Unbedingt, unbedingt!"— bestätigte Gaarder mit warmer Ueberzeugung. Jetzt, wo er nach dem Frühstück in angeregter Stimmung war, machte er seiner Indignation über die häßlichen Aeuße- rungen des Direktors im Klub Luft. „Man muß an Direktor Bratts Scherze gewöhnt sein," lachte er ein wenig scharf. „Es steht Ihnen frei, so viel zu lachen, wie Sie wollen," sagte der Direktor in einem Ton, der amüsant sein sollte.— „Das Faktum bestreiten Sie deswegen doch nicht." XX. Klaus hatte heute schon zweimal gebadet: er hatte erst unten in der Stadt ein Seebad genommen, und dann ein Sturzbad beim Sägewerk. Es war eine Wärme, daß man in Versuchlmg geriet, sich während des Tages wie ein Indianer zu kleiden,— und dabei ein Durst,— wenn man sich nur entschließen könnte, so weit zu gehen. Nun lag er zurückgelehnt, den Mützenschirm über die Augen gezogen und stellte eine Berechnung über die Bretter an. Und dann diese Rauchluft. Der Wärmenebel lag regungslos da und breitete sich weithin aus wie ein Schleier, so daß man den Hügel da droben kaum erkennen konnte. In der Stadt war das Gerücht verbreitet, daß irgendwo ganz oben im Distrikt große Waldbrände stattgefunden hätten. Er lag da und schnüffelte. „Das ist ein tüchtiger Rauch, Mutter!" rief er ins Fenster hinein,„da drüben über dem Hügel spinnt er sich zu feinen Wollflocken zusammen." „Ich finde, es ist eine so unheimlich drückende Strlle." Sic kam auf die Treppe hinaus und sah sich um,�„etwas so Beängstigendes liegt über dem Ganzen. Alle diese Wald- brände im Sommer, wenn die Hitze kommt, und alles so trocken, so ausgedörrt ist." Aber war das nicht— ja freilich war das Johnston, der dort in der Allee stand. (Fortsetzung folgt. � lNachdrnck verboten.) Sommersonntag im Kols de Boulogne* Paris, Mitte Juli. Der Sommer ist gekommen. Dreierlei dient zum Beweise. Erstens: man schwitzt. Zweitens: die Pferde haben ihre Hüte auf. Drittens: das Bois wird sommerlich bevölkert. Sommerlich be- völkert, sage ich, denn eigentlich ist es immer bevölkert. Aber zu andrer Zeit gehört es vorwiegend der vornehmen Welt, lieber die großen Avenuen, die zu den Lacs und nach Longchamps und Auteuil führen, rasen die feinen Herrschaftswagen. Die Avenue de Boulogne >— ach,'s ist eine wunderbare Avenue— ist schwarz wie von großen, glänzenden Ameisen, die sich begegnen, die an einander vorbeihasten, die zusammen ausziehen. Man steht auf Napoleons Triumphbogen und blickt die Straße hinunter, die im Baumgrün sich verliert. Man sieht die Straße selbst nicht, man sieht nur die glänzenden, lackierten Coupedächer und die Verschlüge der Viktorias und Landauer, und der rasend hinsausenden Automobile und man denkt, alle Augenblicke müsse ein Zusammenstoß stattfinden. Aber der Korso bringt nie einen Unglücksfall. Ich Hab' wenigstens noch von keiner Kokotte Dehört, daß sie auf der Avenue de Koulogn-- umgekommen wäre, und i es sind doch nicht wenig Kokotten, die zu dieser Nachmittägsstunde ins 'Bois fahren. O, es ist ein Anblick! Für die verärgertste Seele ist'S ein Anblick. Wenn Berlin so was hätte l Es kostete mindestens eilt paar Dutzend Schutzleuten das Leben! Und die Denkmäler de« Siegcsallee würden nicht nur erstaunen, sie würden erzittern bis iy ihre tiesite weiße Marmorseelc. ?lber der Sommersonntag im Bois! Der Korso ist wie im Frühling und Herbst— vielleicht ein paar Mietswagcn mehr. Noch ist die vornehmste Welt da. Aber nun wird das Bois erst recht genossen. Der Proletarier zieht hinaus. Mit Kind und Kegel—. mit Butterbrot und Weinflasche, mit einer ganzen Hauswirtschaft Das ist ein buntes Leben! In Hemdsärmeln die Männer— und auch die Frauen haben sich's leicht gemacht— und die Kinder, denen sonst immer die Sonntagskleidchen, auf die gestrenge Mütter mit Argusaugen achtgeben, den Sonntag verderben, die werden aus- gezogen bis aufs Hemd. Gelbe Schuhe, gelbe Strümpfe, bloße Knies und ein buntes Band im Haar— denken Sie sich!— und nun zwischen! Hecken und Büschen hin— ausgestreckt auf dem grünen Rasen.. Ja, der grüne Rasen ist nicht zum Angucken da. Nicht alle drer Schritte steht eine Warnungstafel, und ein grimmiger Schutzmann mit blinkenden Chinakriegsabzeichen zieht seinen Säbel— man findet da und dort die höfliche Bitte, den jungen Rasen zu schonen, aber sonst gehört das alles dem— Bürger.„Freiheit" steht auf den katho- lischen Kirchen und auf den Gefängnissen in Frankreich geschrieben, und das Wort wird oft zum Spott— aber so einen Sonntagnach- mittag, im Bois de Boulogne, da fühlt und kostet mans doch einmal! Freiheit! Freisein und Bürger. Auch wenn man als guter Teutscher d'rin herumbummelt. Das Leben wird einem auf ein paar Stunden leichter— und wenn man auch sein Elend nicht ganz ver- gißt, auf ein paar Stunden ist man doch Mensch! Ein paar Bilder: Hier vor uns ein wahres Zigeunerlager, Zwischen zwei Bäumen ein großes buntes Tuch gespannt— ach. gespannt!— nein, genial aufgehängt. Auf einem Klappstuhl eine Frau, das Jüngste an der Brust. Ins Gras hingestreckt der Mann» die Pfeife im Munde und seinen Rotwein— den leichten, französischen, sehr gefälschten Rotwein, im Glase. Zeitung lesend. Seine zwei älteren Kinder, ein Bube und ein Mädchen spielen um die Eltern herum, laufen, balgen sich, jauchzen, schlagen hin und kommen dann zurück, um sich einen raschen Bissen in den Mund stopfen zu lassen. Ein andres: Ein Tisch ist gedeckt. Ein sehr niederer Tisch, nur grashochl Grashalme als Beine. Eine schöne weiße— oder auch eine garstige— Serviette drüber. Und drum lagern drei Männer; der eine mit einer leuchtenden Glatze in Heindsänneln, der andre in langem schwarzen Künstler- haar, die Jacke hoch zugeknöpft, der dritte, ohne besondre Merk- zeichen, denn man sieht nichts als seinen Rücken und seinen Panama- Hut— der mit der Glatze raucht Cigarette, der im Künstlerhaar hat die lange Kalkpfcife zwischen den Zähnen, und auch unter dem Hute des dritten dampft es. Den dreien ist wohl— die Karten fallen auf den grashalmhohcn Spieltisch aus— einer reckt sich und macht eine wilde Geberdc, der andre bleibt überlegen und gelassen, wie der geriebenste Börscnbaron und der dritte— spielt seinen Trumpf aus, — Unzählig sind die Bilder der allcinliegendcn und sitzenden Zeitungsleser. Der eine liegt auf dem Bauche und hat das bedruckte Papier vor sich ausgebreitet. Er hat eine Bulle neben sich, und Cigarettcnpapier und Cigarettentabak liegen parat. Der andre liegt auf der Seite in ziemlich unbequemer Stellung, der andre liegt auf dem Rücken,— die Beine breit ausgestreckt da, und die Zeitung gegen die Sonne gehoben,— der andre die Kuiee angezogen und als Lese- pult benutzend, den Hut bis auf die Nase gerückt— ein ganz famoses Bild— und schließlich die, die sich Bäume als Rückenlehne aus- gesucht haben— der eine ganz eingezogen hockend, der andre mit gestreckten Beinen, der eine liest zwischen den Kniecn durch, der andre hat das Blatt auf den Knieen, kurz, alle Variationen und Möglich- leiten des Sitzcns, Liegens und Lesens.— Ein weiteres Bild: Unter einem Kastanienbaum— oder ist's ein Erlenbaum— oder ist's ein Platanenbaum— oder gar, o wunderliebliche lyrische Romantik!— ist's eine Linde!— minniglich und sinniglich zwei ältere Mädchen—> sinni glich und minniglich in ihre Stickerei vertieft— das Haar goldblond gefärbt, die Wangen rosa geschminkt, das Gesicht blaß gepudert und die Lippen kirschcnrot angestrichen— sinniglich und minniglich, nicht deutsch, aber französisch, unter einer Linde. Oder einem« Kastanienbaum oder einem Platanenbaum l— Mit jüngeren und noch älteren wiederholt sich's, und vielen, die so züchtig dasitzen und andächtiglich in der Miniaturausgabe lesen, die wie ein Gebetbuch! aussieht, dürfte man nicht über die Schulter gucken— es steht nichts Züchtiglichev in dem Buch. Man braucht nicht seinen Klappstuhl mit ins Bois zu bringen', die Avenuen längs, auf beiden Seiten, stehen eiserne Stühle, die zrr verleihen sind, und nun sind sie allerenden ins Gehölz verstreut, dahin in ein Versteck geschleppt, da auf dem Rasen herumliegend, dort sogar von bösen Buben ins Wasser geworfen, daß nur Sitz und Lehne noch herausgucken. Ja, die Stühle sind notwendig. Es kommen auch„bessere" Leute. Die legen sich nicht so ohne weiteres dem lieben Gott auf den Erdboden. Und einige bringen ihr Kindermädchen mit: Bretoninnen und Provencalinnen in Nationaltracht. Das ist dann ein Reiz mehr. Auch Negerinnen sieht man, die sind aber nicht in Nationaltracht, nicht ganz. Sie haben nur ein knallbuntes Tuch um den schwarzen Wollenkopf geschlungen. Bunte Bilder! Knaben. die durchs Wasser waten, andre die angeln, andre die auch über das Geländer der zahlreichen kleinen Brücken lehnen und hinabspuckcn und den Ringen nachsehen, die fich dadurch im Wasser bilden. Ja, und schliesslich die Liebespaare— die vielen, die immer unruhevoll einherwandelu, andre, die auf den Bänken an den Wegen sitzen, andre, die sich ins Gebüsch gestohlen haben und so hübsch auseinander- fahren, wenn man sich nähert, andre, die es schon geschickter machen, das Sich-Loslassen, und thun, als wäre nichts gewesen— andre, die verhalten disputieren, andre, die sich überreden, andre, die im Grase liegen, und andre, die beieinander schlafen. So haben dann im Bois wohl manche Zwei beieinander geschlafen, die doch nicht beieinander geschlafen haben. Ach ja, das Schlafen im Bois, im grünen Gras, im Baum- schatten, im gebrochenen Sonnenflimmcr, der durch's Laubwerk träufelt, das ist eine Hauptsache für Gross und Klein. Wie die Zigeuner und Kesselflicker und Sicbmacher daheim bei uns am Wege liegen, so liegen die Menschen hier im Bois zerstreut. Und niemand stört, niemand geniert sie, und vor niemand genieren sie sich. Eden? Hab' ich ein Eden gezeichnet? O, es giebt noch manches Paradiesische in Frankreich. Wenn's das wo giebt, so doch noch am ehesten hier! Vielleicht noch in Italien. Ich will die Verhältnisse nicht über Gebühr loben— es ist vieles nicht zu loben I— und auch hier hat das Leben die Härte im Antlitz und Krallen an den Händen, und auch hier ist die Polizei Polizei, und ein Pfafs und ein Schutz- mann, das ist„ganz Koriander", wie man daheim bei uns sagt,— aber Paris ist Paris— und wenn ich. auch die Dankbarkeit gegen mein geliebtes Vaterland stets pflege in mir— Paris verdanke ich doch einen wunderschönen Sonntagsnachmittagsschlaf in seinem Bois de Boulogne und einen herrlichen Traum von einem ganz, ganz grossen Weltwurschtigkeitsgefühl l— Wilhelm Holzamer. Kleines Feuilleton. sg. Am Goldfischtcich. Seitdem die kleine Frieda und ihr Bruder Willi etwas von einem grossen Teich gehört hatten, in welchem es von lauter Goldfischen nur so funkeln sollte, licssen sie der Mutter keine Ruhe mehr. Ein einziger dieser rötlichen Schwimmer nur war ihnen bisher zu Gesicht gekommen: bei einer Nachbarin, die den Fisch sich in einem kleinen runden GlaSbassin tummeln lieh. Aber es war doch nur ein winziges Ding, das sich in dem engen Raum kauni bewegen konnte. Eines Tages holte Frieda sich stillschweigend ihren Sonntagshut aus der Schublade, setzte Willi die Mütze auf und nahm ihn bei der Hand. So traten sie vor die Mutter und erklärten ihr allen Ernstes, sie würden nach dem Goldfischteich wandern. Mutter war nicht wenig erstaunt; sie verweigerte es lachend, denn es war über eine Stunde Weges hier vom hohen Norden aus. Das gab ein grosses Quälen, bis die Mutter schliesslich versprach, die Kleinen am Nach- mittag hinführen zu wollen. Nach dem Kasfeetrinken machten sie sich auf den Weg. Mutter hatte erst an die Elektrische gedacht, war aber aus Sparsamkeits- gründen davon abgekonimen. Schliesslich war so ein Spaziergang durch die Stadt auch'mal eine Abwechselung. Aber alle die Läden eriveckten nur ein schnell vorübergehendes Interesse bei den Kindern. Sie plapperten immerzu von den„goldenen Fischen". Willi erblickte, als sie eben am Teich angekommen waren, den ersten.„Au Mutter I" schrie er und klatschte in die Hände,„die find ja grösser als'n Hering I" Und er eilte am Rande entlang, mit Händen und Beinen zappelnd. Frieda hinter ihm her. Da steuerten sie in Scharen durchs Wasser mit ihren rötlichen Rücken. Kleine und grosse, dünne und dicke— in allen Breiten und Längen. Auch einige Fische mit silberglänzenden Schuppen waren darunter. Die Mutter liess sich in einer Nische, die mehrere Bänke ent- hielt, nieder. Der lange Weg auf dem Steinpflaster hatte sie er- müdet. Die Kinder schienen nichts zu spüren; sie tummelten sich in einem fort am Rande des Teiches herum, fortwährend neue Wunder meldend. Schliesslich aber kamen sie:«Mutter, Hunger." Mutter hatte wohl daran gedacht und ihre schwarze Lcdertasche mit Proviant versorgt. Auf einer gegenüberliegenden Bank fassen zwei Danren. Wohl Mutter und Tochter. Das Kind der letzteren, ein Mädchen von ungefähr sechs Jahren, spielte am Teich. Die i ältere der beiden Damen warf einen missbilligenden Blick auf Willi und Frieda, welche heisshungrig über ihr Butterbrot hergefallen waren:„Wie gierig diese Rangen sind!" „Entsetzlich I" hauchte ihre bleichwangige Tochter und verdrehte die Augen.„Als ob sie acht Tage gefastet hätten." Willis Mutter stieg die Röte ins Gesicht:„Js denn das'n Wunder?" stiess sie heraus.„Von'n Jesundbrunnen bis hier sind se jetapert. Da soll'n se keenen Hunger haben?" „Wie?" Die Alte riss die Augen auf.„Aber Fraul Vom Gesundbrunnen bis hier? Wie können Sie denn das diesen zarten Kinderchen zumuten?" „Ja." Die also Angeredete lachte.„So zart sind die nich. Und Sie seh'n ja: es bekömmt ihnen janz jut. Bei unsereins sitzen die Jroschens auch nich so lose." Die Alte suchte vergebens nach einer Antwort. Schliesslich be» merkte sie:„Immerhin, gute Frau, sollten sie den Kindern Massig- keit angewöhnen, wenn Sie sie gesund erhalten wollen." „Na, wie jenudelte Jänse seh'n se ja sowieso noch nich aus. Massigkeit! Dafor is schon jesorgt, daß unsereins nich an de Fett- sucht stirbt. Man is zuftieden, wenn man alle seine Müuler noch eben satt inachen kann." „Trotzdemi" beharrte eigensinnig ihre Widerpartnerin.„Auch mit den bescheidensten Mitteln—" „Lah doch die Frau," fiel ihre Tochter ein,„bei solchen Leuten sind Deine Lehren ja doch in den Wind gesprochen.— Käthe!" wandte sie sich zu dem schmalgesichtigen Kinde,„geh nicht zu nahe an das Wasser, mein Liebling." Die Kleine knabberte Cakes und Chokolade und warf jetzt auch den Fischen davon vor. „Au Mutter!" Willi geriet in helle Begeisterung.„Wir füttern ooch!" Er zerbröckelte einen Teil seines Brotes und lief mit Frieda an das Wasser. Käthe liess sich das Futter zeigen, dann erklärte sie:„Brot fressen die Goldfische nicht. Chokolade ist ihnen lieber." Willi blickte sie mit grossen fragenden Augen an und sah betrübt auf seine Krumen. Käthe that sehr wichtig:„Mit Brot verderben sie sich den Magen." „Is ja nich wahr!" lachte Frieda. „Doch." Käthe machte ein sehr ernstes Gesicht.„Wenn ich mal 'ne grosse Stulle esse, krieg' ich auch Schmerzen im Leib. Cakes schmeckt auch viel schöner. Da, kostet mal." Sie hielt den Beiden ein rundes Täfelchen hin. „Au ja I Woll'n tauschen!" Willi brach ein Stück von seinem Brot und bot es der Kleinen an. „Käthe, wirst Du mal!" Scharf kam's von der Bank her. „Ich darf nicht," sagte Käthe.„Mama erlaubt es nicht." Willi, der seine Krumen noch immer in der geschlossenen Hand hielt, schleuderte sie plötzlich ins Wasser. Von allen Seiten ruderten die Fische heran; ein lustiges Schnappen begann. „Und sie fressen es doch!" jubelte Willi. „Jewiss fressen sie!" lachte Frieda. Beide opferten alles Brot, das noch in ihrem und im Besitz der Mutter war. Letztere war herangetreten und freute sich mit den Kindern an dem lebhasten Spiel der glänzenden Fische. Als der letzte Bissen in den gefräßigen Nachen verschwunden war, nahm sie die Kinder bei der Hand:„Jetzt müssen wir aber nach Hause, Kinder. Um sieben kommt Vater von Arbeit." Sie gingen. Die alte Dame sah ihnen kopfschüttelnd nach. Dann loandte sie sich zu ihrer Tochter, welche steif und stumm da- sass:«So sind diese Art Leute. Ich begreife es nicht. Keine Lebens- art und immer klagen, als ob sie nahe am Verhungern wären. Dabei werfen sie buchstäblich das Brot fort und füttern die Gold- fische damit I"— ie. Japanische Gemüse. Die Japaner sind in jeder möglichen Hinsicht bemüht, sich die Vorteile der europäischen Kultur und Pro- duktion anzueignen. So haben sie auch ihre Küche zum Teil europäisiert und z. B. Pflanzen aus den europäischen Gemüsegärten, namentlich aus Frankreich, eingeführt und im eignen Land an-, zubauen versucht. Ausserdem haben sie aber eine große Vorliebe für heimische Gemüse-Arten bewahrt, die in großer Mannigfaltigkeit in den ländlichen Bezirken wachsen und gewöhnlich örtliche Speciali- täten bilden. Kohlsorten haben die Japaner nur wenige, nämlich den Chinakohl, den Mitsuna und den Takana. Der chinesische Kohl ist weltbekannt und wird unter dem Namen Pctsin schon in einigen Gegenden Europas angepflanzt. In Frankreich sind Versuche ge- macht worden, durch Kreuzungen mit heimischen Arten einige seiner Eigenschaften zu gewinnen, und die Ergebnisse sollen vielversprechend sein. Die Zahl der in China und Japan gezogenen Spielarten ist recht groß, fast jeder Bezirk hat seine bevorzugte Kohlrasse. Die Gärten in Nagasaki z. B. ziehen fast ausschließlich Tona, einen frühreifen chinesischen Kohl, und außerdem noch eine späte Art, Osona. Die Blätter kräuseln sich beim Nahen des Winters bezw. während des Januar und Februar; sie sind dann bei der ersten Sorte gelblichgrün, bei der andren dunkelgrün. Die Köpfe sind etwas länglich, aber offen und nicht fest. Der Mitsuna ist ganz anders, kommt nur auf sumpfigem Boden fort und hat schmale Blätter. Er wird gleich der Cichoric im Herbst in Reihen gesät. Die Blätter werden im Frühjahr abgeschnitten wie die des Spinat. Der Takana- Kohl(Kleinkohl) hat sehr viel lange und schmale Blätter, die ein- gesalzen werden, eine Art von japanischem Sauerkraut. Auch den Senf haben die Japaner mit den Chinesen gemeinsam. Der chinesische Senf ist dem in Rußland wachsenden weißen Senf ähn- lich und wird in Japan sowohl als Gewürz wie als Gemüse ver- wandt. Sehr wichtig für den japanischen Koch ist ferner das Soja, ein hauptsächlich aus der Sojabohne gewonnener Stoff. Man be- reitet aus dem Samen der Soja einen sehr nahrhaften Gelee und durch Zuthat von Gerstenmalz und Salz auch ein geschätztes Ein- gemachtes. Mit dem Anbau der Soja sind in der Rheinprovinz Versuche gemacht worden, indem die Pflanze erst in Gemüsebeeten gesät und dann aufs freie Feld verpflanzt wurde. Die bisherigen Erfolge sind/befriedigend gewesen, ebenso diejenigen mit der eßbaren Aralia, deren Wurzeln in Japan als das beste Gemüse gelten. An Stelle der Sckiwarzwurzel haben die Japaner die Dappa edulis, eine dem Anissamenbusch ähnliche Pflanze mit etzbaren Wurzeln; ihre Blätter erreichen in manchen Gegenden eine Länge von 70 und eine Breite von 20 Centimetcr. Sogar für den Spargel fehlt es den Japanern nicht an einem Ersatz, jedoch bemühen sie sich um den Anbau des köstlichen Spargels von Argenteuil. Endlich müssen noch als beliebtes japanisches Nationalgericht die Knollen einer Aracee erwähnt werden, deren Stengel und Blüten giftig sind. Aus den Knollen wird eine Stärke ausgezogen und zur Bereitung emer sehr nahrhaften Gelee benutzt, die den für unsre Ohren der- traut klingenden Namen Konjak führt.— Kulturgeschichtliches. — Der Bildzauber ist jedenfalls eine der ältesten und sonderlichsten Erscheinungen auf dem Gebiete der vermeintlichen Kunst, durch übernatürliche Mittel wunderbare Wirkungen hervor- zubringen. Schon die indischen, chaldäischen, griechischen und römi- scheu Magier glaubten oder erweckten den Glauben, daß man durch ein gemaltes oder aus Ton, Wachs usw. geformtes Bild einer Person auf diese aus der Ferne wirken könne. Besonders im Mittelalter spielte der Bildzauber eine große Rolle. Man schrieb gewissen Menschen die Kraft zu, im Bunde mit bösen Geistern, d. h. mittels der sogenannten schwarzen Magie die einem solchen Bilde bereiteten Qualen auf die Person, die man sich unter ihm dachte, zu über- tragen und dieser sogar den Tod anzuhexen. Zu dem gedachten Zivecke bediente man sich kleiner Wachsbilder, die in Deutschland Atzmann, in Frankreich voult hießen. Ein jüngst von Dr. Cabanes und Dr. Lucien Naß herausgegebenes Werk beschäftigt sich mit den Prozessen, die anläßlich des Bildzaubers seiner Zeit in Paris statt- .fanden, und giebt über diesen selbst auf Grund von Aktenstücken genauere Auskunft. Die„Kölnische Zeitung" berichtet darüber: Wer sich des Bildzaubers bedienen wollte, gab zunächst einer klemen Wachsfigur die Gestalt und die Kleidung der aus der Welt zu .schaffenden männlichen oder weiblichen Person. Außerdem wurde Äer Puppe, soweit wie möglich, ein Kopfputz aus echten Haaren des Opfers angelegt. War der voult soweit fertig, so mußte er feierlich auf den Namen seines Vorbildes getauft werden, worauf unter umständlichen Beschwörungen das Teufelswerk begann. Wurde das Bild nach und nach durch Nadelstiche gepeinigt, so ward sein lebendes Gegenstück von einem langsamen Siechtum befallen; ver- fetzte man dem voult Messerstiche, so stand dem Opfer der Tod bevor, und schmolz man die Puppe, so trocknete es zur Mumie ein. Ilebrigens konnte statt der Wachsfigur auch irgend ein Tier zu der Zauberet benutzt werden: namentlich stand in dieser Hinsicht die Kröte in Ruf. Der Glaube an den Bildzauber war in Men Schichten der Be- völkerimg weit verbreitet, doch richteten sich die auf chm fußenden gerichtlichen Verfolgungen ausschließlich gegen hohe Persönlichkeiten, die dem Königtum verdächtig schienen und deren sich dieses jeden- falls auch auf andre Weise entledigt haben würde, wenn es nicht in dem allmächtigen Aberglauben eine bequemere Waffe gegen sie ge- funden hätte. Der noch nicht völlig aufgeklärte Prozeß gegen die Tempelherren, der mit Ausrottung des Ordens und dem Tode von 64 Rittern auf dem Scheiterhaufen endete, hatte die schwarze Magie als Unterlage und bildete den Anfang zu weiteren Verfolgungen, die sich über mehrere Jahrhunderte erstteckte». So wurde der Wischof Guichard von Trohes auf Befehl seines Vorgesetzten, des Erz- bischofs von Scns, plötzlich unter der Beschuldigung verhaftet und «ingekerkert, die Königin durch Stiche in das Herz ihres Wachsbildes zunächst krank gemacht und dann durch Schmelzen dieses Bildes im Jeuer getötet zu haben. Die zahlreichen Feinde des Bischofs häuften die Beweise gegen ihn. Durch Zufall gelang ihm der Beiveis seiner 'Unschuld, aber die Aufregungen hatten ihn so angegriffen, daß er bald darauf starb. Es geschah dies im Jahre 1303. Höflinge Ludwigs des Zänkers(1305— 1316) hatten diesem eingeredet, daß fein Ober-Jntendant Enguerrand de Marigny ihm durch Bildzauber nach dem Leben strebe. Als Beweis brachten sie dem König ihm gleichende hermelingeschmückte Puppen, deren Herzgegend mit einem Messer durchstochen war. Außer sich hierüber, überwies Ludwig den Intendanten dem Gericht, das seine Hinrichtung beschloß. Zu der- felben Zeit wurde eine gleiche Anschuldigung gegen den Kardinal 'Eajetano erhoben. Etwas später klagte man Robert d'Artois des Mldzaubers gegen den König Johann und dessen Familie an. Um der Verfolgung zu entgehen, floh der Beschuldigte nach England. Unter der Regierung der Valois gewann der Glaube an den Bild- zauber noch an Ausdehnung. Katharina von Medici trieb bekanntlich alle möglichen Zauberkünste. Heinrich III. wurde täglich von den Mitglieder» der Liga zu Tode gehext, und Heinrich lV. ließ Ruggieri in den Kerker werfen, weil er einer kleinen Ktfnigsfigur einen Messerstich versetzt hatte.— Medizinisches. — Ein guter Magen. Aus Paris wird der„Frank- furter Zeitung" geschrieben: In der letzten Sitzung der Akademie der Medizin wurde ein junger Bauer vorgestellt, der sich rühmen kann, einen ganz außergewöhnlichen Magen zu besitzen. Er war im Mai in ein Pariser Hospital eingetreten und hatte sich dort über heftige Schmerzen in der Magengcgcnd beklagt. Der Dr. Leroux, der ihn behandelte, könnt' sich lange Zeit keine Rechenschaft über den Zustand des Patienten ablegen und fand erst 14 Tage später beim Tasten in der Magengegcnd etwas Hartes, einen offenbar länglichen Gegenstand. Am 25. Juni, über vier Wochen nach dem Eintritt des jungen Bauern in das Hospital, mußte schließlich die Oeffnung des Magens vorgenommen werden. Beim ersten Ein- schnitt stieß der Chirurg auf zwei ganz schwarz angelaufene Kaffee- löffel. Aber er erkann'«- sofort, daß damit noch lang« nicht alles beendet sei; eine Art Aufschwellung in der großen Achse des Magens schien eine bedeutende metallische Masse zu enthalten. Er schnitt also weiter und holte hintereinander heraus: Mit einem Zuge drei Kaffeelöffel, dann einen nach dem andren wieder drei(macht zu- sammen acht Kaffeelöffel, von denen drei 14 bis 15 Centimeter lang waren), ferner den hinteren Teil einer Gabel mit drei Zähnen. den zerbrochenen Griff dieser Gabel, einen andren Gabclgriff, den vierten Zahn der oben erwähnten Gabel, einen Schlüsselring, einen 14 Centimeter langen, sehr spitzen Nagel, einen zweiten, sieben Centimeter langen Nagel, eine Nähnadel, ein Messerheft, eine Messerklinge von fünf Ccntimetcrn, einen Schlüssel von fünf Centi- meiern, einen Kammzahn aus sehr spitzem und hartem Horn und noch einige kleine Eisenfragmente. Das macht im ganzen 25 ver- schicdene Gegenstände, die zusammen 230 Gramm wogen. Dem Operierten geht es ganz vorzüglich. Er erklärte auf die Fragen, was ihn eigentlich zu dieser intensiven Eiscnmastkur veranlaßt hätte. er sei von seiner Stiefmutter schlecht behandelt worden und habe sich deshalb das Leben nehmen wollen. Er habe erst einen Kaffee- löffel verschluckt und dann in längeren oder kürzeren Zwischen- räumen die andren Gegenstände. Was den Aerzten aber am außerordentlichsten erscheint und den erstaunlichsten Beweis für die ungeheure Widerstandskraft dieses Bauernmagens liefert, ist der riesige spitze Eisennagel, mit dem man ein mehrzölliges Brett vor der Versammlung durchschlug.— Humoristisches. — Schön gesagt.„Na, der alte Förster wird sich nicht wenig freuen. Dir mit seiner Jagdgeschichte einen Bären aufgebunden zu haben I"— „Ach geh' doch— ich glaube gar, Du glaub st, er glaubt, ich glaub's!"— — Gemütlich.„... Meine abschlägige Antwort scheint Sie ja gar nicht zu betrüben, mein Herr?" „Auftichtig gesagt, nein! Ich Hab' nämlich um e' Kistel Cigarren gewettet, daß Sie mich nicht nehmen!"— — Macht der Gewohnheit.„No, Du willst wohl Dein' Kuh verkaafe?" „Nan 1 Ich Hab' mein' Knittel nit g'funne, un' da Hab' ich de Kuh mitg'numme— daß ich was in derHand Hab'!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Das im vorigen Winter gegründete Oberhessische Städtebund-Theater beginnt Ende September seine erste Spielzeit. Der Vereinigung der Städte Gießen, Marburg und Bad Nauheim hat sich auch daS Städtchen Friedberg angeschlosien.— — Reinhardts Operette„Der liebe Schatz" geht in der ersten Hälfte des August im Neuen Königlichen Operntheatcr (Kroll) zum erstenmal in Scene. — Die Hofopernsängcrin Emilie W e l t i- H e r z o g ist als erste Gesangsmeisterin an dieAkademischeHochschule für Musik in Berlin berufen worden. — Der bekannte amerikanische Maler I a m e S W h i st l e r ist in London gestorben.— — Der Direktor der städtischenJrrenheilanstalt in Frankfurt a. M. Dr. Sioli richtet einen Fortbil- dungskursus für Aerzte an Irrenanstalten ein. der am 2. November beginnen und drei Wochen dauern soll. Der llnter- richt soll sich auch auf andere als psvchiatrische Disciplnien erstrecken, soweit sie fiir den Irrenarzt von Jnreresse sind. — Hexenglauben in der Schweiz. In der„Schwyzer Zeitung" vom 27. Juni ist folgende Erklärung zu lesen:„Der llnter- zeichnete ist in letzter Zeit wiederholt verdächtigt worden, als ob er dein Balz Fäßler, Plangg Unteriberg(Wang-Balz) durch geheime Künste(Hexerei) am Vieh Schaden zugefügt habe. Unterzeichneter erklärt alle diese Aussagen als elende gemeine Verleumdung und ist bereit, 50 Frank Belohnung zu verabfolgen demjenigen, der ihm den Urheber dieser Gerüchte so anzeigt, daß er gerichtlich belangt werden kann.— Unteriberg. den 25. Juni 1903.— Dominik Äufdennauer."— — In Littausdorf(Kreis Fischhausen, Ostpreußen) ist ein Depot vorgeschichtlicher Kriegs- und Hausgeräte aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. ausgegraben worden: darunter circa 70 Bronzesicheln, eine Menge von Bronze-Armbändern, verschiedene Bronzelampen, einige Bronzehohlketten mit Ohr und ein großer Klumpen Bronze. Die Funde sind dem Prussia-Museum in Königs« berg überwiesen worden.— — Die höchsten Bäume der Welt besitzt Australien. Es sind zwei neuholländische Eukalypten, von denen„Onkel Samuel", der erstere, 122 Meter Höhe und 12,50 Meter Umfang hat und„Big Ben", der zweite, eine Höhe von 128 Meter und einen Umfang von 17 Meter aufweist. Beide Riesen stehen im Walde von Fenishaw, der sich zwischen Melbourne und Sidney hinzieht.— („RerthuS".) Verantwortl. Redakteur: Julius Kaliöki in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Berkagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW