Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 140. Dienstag, den 21. Juli. LSI Böte Rächte. (Ncichdruck verboten.) Roman von Jonas L i e. Johnston blieb müde stehen und trocknete sich mit dem Taschentuch, das er in der Hand hielt, den Schweiß von der Stirn. „Geh' zur Mamsell hinein, Klaus, und besorg' etwas Kühlendes fiir ihn zri trinken ins Gartenzimmer, etwas Saft und Eiswasser, vielleicht Selterswasser, ich glaube, er macht sich nichts aus Wein." Er sieht so einsam«nd verlassen aus, ohne seinen Abraham! dachte Frau Bratt im stillen, während sie dastand und ihn herankommen sah. „Ja, es ist heiß heute." rief Johnston aus,„schivül, eS liegt schwer wie Blei iiber der Welt. Bratt ist also unten im Sägewerk?— Ich wollte ihn bitten, meine Zahlungen in der nächsten Woche zu übernehmen, wenn ich einen kleinen Ausflug in meine Waldungen mache. Mau muß sich ja um seinen Grundbesitz bekümmern." „Man muß versichern, Herr Johnston! Wälder lassen sich ja versichern. Dann ist man doch auf alle Fälle geschützt," eiferte Klans,„mag es immerhin ein wenig teuer sein." Johnston zuckte zusammen, als habe ihn ein Wurm ge- stochen. „llebrigenS brennt es ja nur ganz oben im Thal," be- eilte Klaus sich zu trösten, betroffen von Johnstons auf- geschrecktem, gnalvollcm Ausdruck und Blick. Ach, ich hätte beinahe gesagt, wenn es doch nur alles ver- brennen wollte>" erwiderte er nervös: es lag etwas so empfind- lich Gedankcnmiides iiber seinen Augenlidern. Klaus dachte bei sich, daß er doch wirklich Unglück gehabt, Johnston in schlechte Laune versetzt habe! Er wollte nur lieber ins Sägewerk hinabgehen und den Vater holen. Johnston saß eine Weile da und sah vor sich hin, ohne das Saftglas zu berühren. „Eine sonderbare Welt, in der wir hier unter dem Mond leben, Frau Bratt," entfuhr es ihm; es lag eine tiefe Miß- stimmnng in diese» Worten. „Lieber Johnston, Sie sind gewiß ein wenig zu viel und zu schnell in dieser Hitze gegangen. Sie sollten vorsichtiger mit Ihrer Gesundheit umgehen." „Ach, nein, bemühen Sie sich doch meinetwegen nicht mit dem Feilster, liebe Frau Bratt." „Dann darf ich Ihnen doch wohl wenigstens eine Cigarre holen,— die wird Ihnen jetzt gewiß schmecken." „Ach nein,— ich danke, sehr. Ich muß an die Quäker denken," fügte er m leichtem Ton hinzu,—„die sich weigern, einen Eid abzulegen.— Das ist gar nicht so dumm von den Quäkern." „Das habe ich auch oft gedacht," stimmte Frau Bratt bei,„Hab' mich wirklich darüber gewundert. Einen Menschen in solche Versuchung zu sichren!— Und so abscheulich roh, daß man mit seiner Seligkeit dafür haften soll. Das stammt aus den barbarischen Zeiten." „Aber,"— er zögerte, als werde es ihm ein wenig schwer, mit der Sprache herauszurücken,—„da wir doch einmal davon reden,— so— muß ich sagen, daß,— falls man wirklich glauben könnte, daß ein solcher Eid für alle Ewigkeit bindet, ich mir keine schlimmere Folterkammer für die Seele denken kann,— keine entsetzlichere Hölle." Er trank und schenkte sich in heftiger Erregung in sein Saftglas ein. � „Mau müßte ganz klar auf den Grund der eignen Seele sehen können,— bis zu dem innersten, letzten Keim eines Ge- dankcns,— um im stände sein zu können, eine solche Ver- antwortung für alle Ewigkeit aus freien Stücken auf sich zu nehmen.-- Bist du sicher,— ganz sicher?—— Und es werdeil Zweifel und Skrupel über die Beweggründe und Gedankeil aus unserm dunklen, unbewußten Leben auftauchen. Wer weiß wohl mit Bestimmtheit, was auf dem Grunde des Meeres kreucht?— Je länger und feiner und gewissenhafter man in sich selber hineinstarrt, desto mehr Angst uild Zweifel werden aufsteigen. Kein Mensch mit seinen schwachen, morscheil Knochen kann das auf die Dauer ertragen.— Es erdrückt, es überwältigt uns."-- „Lieber Johnston," wandte Frau Bratt ein,„Sie haben gewiß recht,— ich glaube, Sie haben recht: aber—" „Ich bin fest überzeugt," versicherte er ablehne,. d,— »daß viele, viele Unglückliche,— weit mehr, als man denkt!— an solchen Skrupeln zu Grunde gegangen sind."-- „Sollte nicht der gesunde Verstand den Menschen bald sagen, daß ein endliches Wesen nicht mit unendlichen Werten handeln kann?" sagte Frau Bratt sinnend. „Unendliche Werte,"-- Johnston starrte vor sich hin und schüttelte den Kopf,—„was wissen wir?— Hier gehe ich, und jeder meiner Schritte,— alles, was ich thue, die geringste Bewegung, alles,— selbst ein halbklarer Gedanke,— zieht ewige Schlußfolgerungen nach sich,— Ursachen und Wirkungen in einer Kette bis ins Unendliche hinein.-- Ich kann mir keinen Spazierstock schneiden, ohne vielleicht einen Baum zu fällen, der zum Balken in einem Tempel hätte werden können." „Und," meinte Frau Bratt,—„große Reiche, die das Menschengeschlecht in Moral wie in Kultur gefördert haben, sind wahrlich häufig durch Mord und Blutvergießen errichtet worden." „Ja. was wissen wir."— er sprach wie im Fieber,— „von den Gesetzen, die draußen in der Naturordnung des großen Daseins leben?— Und dann soll eS alles doch umgestürzt werden, zusammenstürzen wie ein Abgrund von schwarzer Verantwortung über einen einzelnen blinden, ver- hältnismäßig total unwissenden Menschen.-- Bis in alle Ewigkeit sollst du an den Folgen tragen." Er trank bebend. „Man ist so human, daß man sich von dem Teufel mit der Ofengabel losgemacht hat.— Aber ob man ewig in einem Kessel gekocht oder ewig in den Konsequenzen seiner eignen Handlungen gebraten wird,— ich bin nicht im stände, den humanen Unterschied zu begreifen." „Sie sprechen so kraß, Johnston!— Gestehen Sie eS nur, Sie sind heute ein wenig schlechter Laune." „Ich habe so wenige, denen gegenüber ich mich einmal aussprechen kann;— man geht und trägt so viel Gärstoff mit sich herum. Ich versichere Sic, es ist mir wie ein er- leichternder, frischer Lufthauch, hier bei Ihnen zu sitzen. Sie haben Ihre eigne besondere Art und Weise, Frau Bratt." „Glauben Sie nicht, Johnston, daß es Ihnen gut thun würde, wenn Abraham wieder nach Hause käme, um Sie etwas in Bewegung zu bringen und das ganze Haus mit seinem Interesse zu erfüllen? Er würde Ihnen keine Zeit lassen zum Grübeln und Trauern über den Ursprung der Welt und—" Er saß eine Weile schtveigend da, und es war, als wern� der Gedanke ihn mehr und mehr in Mißstimmung versetzte. „Ja, verzeihen Sie!" sagte er.„Sie sehen ja, wie ich Sie heute mit meiner schlechten Lärme gequält habe!" XXI. Anders Bratt ging unten im Sägewerk herum, biß von seinem Priem ab und spuckte ihn wieder aus. „So, Johnston ist da?" sagte er zu Klaus.„Sag' ihm nur, rch würde alles für ihn besorgen, ich wäre aber zu be- schäftigt, um hinauf zu kommen, ich muß eine Ladrmg Bretter verschiffen." Klaus sah ihn ein wenig erstaunt an bei der Ladung Bretter. „Sag' das nur!" trieb er ihn ungeduldig fort. „Dairn wird er hoffentlich gehen," murmelte der Direktor: er war wirklich nicht in der Laune, Johnston zu sehen. „Ja, ja— ja, ja,"— er ging hastig an dem Sägcstock auf und nieder, der an der Kehrradkctte donnernd in die vier- doppelte Zirkelsägc hineinging.—„Das Sägewerk kann noch einnial wieder zu der Ehre gelangen, Holz für die Eiseilwerk- Waldungen zu schneiden, wenn Johnston die Fliisse mit seinen Baumstämmen füllt,— und die Eisenbahn durch meine guten Dienste zur Thatsache wird." Der Strom war niedrig und floß schläfrig dahin in der letzten Zeit: durch die Bodenöffnung am Treibrad drang kaum ein kühler Luftzug, und hin und wieder kam ein schwarz» verkohltes Stück Holz oder ein versengter Tannenzweig heran» getrieben, Botschaft von da oben bringend, wo es. jetzt bei d« 'Hitze in den Wäldern brannte,—vielleicht nicht nur allein da oben an den Nebenflüssen. Die Kohlenstücke versetzten ihn jedesmal in tiefes Sinnen. Oben von der Landstraße her kam ein Wagen gerollt. Der Staub ließ das Gefährt kaum erkennen. Ter Wege-Inspektor, und in solcher Eile? Es war, als fiele sein Erscheinen gerade mit den Ge- danken zusammen, mit denen er sich getragen. Es war etwas vorgefallen. Ganz recht! Ter Wege-Jnspektor hielt an dem Thor still, das zu ihm führte. Der. Direktor winkte und war mit einem Sprung da. „Wie, Finkenhagen, brennt es?" Ter Schwarzbraune stand keuchend und jämmerlich da, mit gespreizten Beinen und ein wenig zähem Schaum in den Mundwinkeln. „Ja, und zwar gründlich, Herr Direktor, um Törris- vandet herum. Herr Direktor entschuldigen, daß ich—" „Ach was, zum Teufel! Ist hier Zeit, zu entschuldigen?" „Daß ich nicht hinauffahre, sondern mir erlaube, in aller Kürze hier meinen Bericht abzustatten, und Ihre ge- ehrte Ansicht und Ihren Rat mit in die Stadt nehme, wohin wir nämlich Mannschaften senden sollen. Es ist ein Bote an den Lehnsmann geschickt mit der Bitte um Hilfe, und es muß wohl nach Militär telegraphiert werden. Oder was meinen der Herr Direktor? Darf ich mir in aller Eile Ihre Ansicht ausbitten?" Der Wege-Jnspektor trocknete sich den Schweiß von der Stirn. „Ilm Törrisvandet herum? Zu beiden Seiten?" forschte der Direktor eifrig,„Und dann ins Lia-Thal hinein, in die trockenen Moore?" „Ja, und oben an dem Bergabhang. Sie wissen, wir haben Johnstons Wälder gerade gegenüber auf der andren Seite." „So? ganz weit hinauf auf den Bergabhang, sagen Sie?" fragte er in erregter Spannung: es fuhr ihm wie ein Wetterleuchten über das Gesicht.„Und knochentrocken ist die ganze Geschichte." sagte er langsam. Er stand sinnend da und bohrte mit dem Stock in die Erde.„Na, es nützt ja nichts, sich verblüffen zu lassen." raffte er sich plötzlich auf:«es gehört viel, außerordentlich viel dazu, ehe das Feuer über den Bergkamm springt und in das Johnstonsche Gebiet hinüberschlägt,— ziemlich unmöglich." Er warf dem Wege-Jnspektor einen hastig forschenden Blick zu:„Es handelt sich natürlich in erster Linie darum, die großen Elveberg-Waldungen hinter dem Lia-Thal zu sichern: dort muß eine Kette gebildet und eine breite, freie Oeffnung ausgehauen werden, sonst haben Sie den dichten Laub- und Weidenwald als beste Nahrung für das Feuer. Dahin! Mit aller Mannschaft, die nur aufzutreiben ist!" „Aber Johnstons Waldungen hart an der andren Seite des Liathalberges, man meinte doch, daß—" „Die muß der Berg beschützen: Steine brennen nicht." *„Man meinte wirlich, daß Gefahr für die Waldungen vorhanden wäre, und—" „Dies ist mein Nat!" entgegnete Bratt kurz.„Machen Sie damit, was Sie wollen! Ich bin in meiner Jugend mehrere Jahre hintereinander mit meinem Vater dort oben gewesen, um Holz in Empfang zu nehmen. Ich sollte meinen, ich besäße eine genügende Lokalkenntnis." „Wer zweifelt denn daran, Herr Direktor? Ich kam ja gerade, um Ihren sachkundigen Rat mit in die Stadt zum Magistrat zu nehmen, und—" „Die Elveberg-Waldungen, sage ich. d a liegt die Ge- fahr! Und nun beeilen Sie sich und treiben Sie Ihr .Pferd an!" Er schrie es ihm mit einem so häßlich erregten Gesicht zu, daß der Wege-Jnspektor in unwillkürlicher Panik die Peitsche einmal über das andre auf den Rücken seines Schwarz- braunen hinabsansen ließ und der Stadt zujagte. Der Direktor stand einen Augenblick da und sah ihm nach mit einem unbeschreiblich höhnischen, schadenfroh ver- zerrten Ausdruck.-- Man hätte natürlich höflich und freundschaftlich den andren Weg raten sollen,— das wurde gewiß erwartet:—— und die ganze Mannschaft an dem Bergesabhang Wache halten lassen für unsren Johnston!— für sein Interesse!— Ja, der Zweck seines Kommens war, daß ich in gefälliger Weise für den Freund raten sollte!— Und mit diesem guten Rat in der Tasche sollte dann an das Amt und an den Lehnsmann und das Militär telegraphiert werden. (Fortsetzung folgt.).' (Nachdruck verboten.) Vor dem Husnabmegefetz/) Von Fr. I. E h r h a r t. Die Wahlschlacht Anno 1874 war geschlagen, der so heiß ersehnte 10. Januar war verstrichen, er hatte uns Mannheimer eine Enttäuschung gebracht.... Es waren vier Tage verstrichen. Wie die Freunde, so hatte auch ich mich wieder erholt, als sich morgens, es mochte um die fünfte Stunde sein, im vierten Stockwerk des Hinterhauses, in dem ich mit einem Kollegen in einer kleinen Schlafstelle meine Residenz aufgeschlagen hatte, ein eigenartiges Geräusch bemerkbar machte. Es war so ungewöhnlich, daß wir beide plötzlich aus dem gesundesten Hamsterschlaf geweckt wurden. Um in unsre Klause zu gelangen, mutzten wir das einzige Wohn-, Arbeits- und Schlafgcmach unsres Logisvaters passieren. Er war ein ehrlicher, braver Schneider- incister, der zwar recht arm an irdischem Mammon, dafür aber um so reicher an„Segen von oben" war, denn er nannte sieben Rangen sein eigen. Alle kampierten in dem einen engen Raum. Auf den Zehen schlichen wir, mein Kollege und ich, meist in später Abend- stunde durch dieses Wohnungsparadies zu unsrcm Taubenschlag. Stießen wir beim Durchkreuzen desselben, was stets bei ägyptischer Finsterins geschah, an eines der fönnlich aufgestapelte» Möbelstücke an, so wurde regelmäßig das herrliche neunstnnmige Schnarchkonzert unterbrochen, in die Töne der verkrüppelten Vokale mischte sich das Gequickse der gestörten lieben Jugend, aber da wir alle kerngesund waren, so sägten wir schon nach einer halben Stunde elfstimmig weiter. Das bereits angedeutete Gepolter mußte begreiflicherweise den in den beiden Räumen ruhenden Ameisenhaufen zum Wimmeln bringen. Auch ich spitzte noch schlaftrunken die Ohren und hörte in schnarrendem Tone meinen Namen nennen. Es war kein Zweifel, die Polizei war da, sie suchte mich. Von plötzlichem Angstgefühl ergriffen, wollte ich, keiner Schuld bewußt, entrinnen, aber wohin? Schnell entschlossen kroch ich zu meinem Kollegen ins Nest und ver- schwand unter der Decke. Durch eine kleine Oeffnung konnte ich beobachten, was um uns her vorging. Kaum war ich gedeckt, so erschienen auch schon die nächtlichen Ruhestörer, drei Mann hoch. Der Schneidermeister folgte als Bcleuchtungsrat mit der Petroleum- funzel; er war nur mit dem Hemde bekleidet, weshalb sein Zittern an Armen und Beinen erkenntlich war, seine nicht durch das Hemd bedeckten Blößen waren mit einem dichten schwarzen Esaufell bedeckt, aber die Schreckcnsfarbc drang unbarmherzig durch dasselbe. Mein Bett fanden sie leer, aber es war noch warm, der Vogel konnte also nicht weit geflogen sei», sie stürzten ans Fenster, er hing nicht draußen, lvar auch wahrscheinlich nicht abgesprungen, er mußte noch im Zimmer sein. Mit affenartiger Geschwindigkeit lag ein dicker Wachtmeister auf dem schwappeligen Bauche, mit dem Sabul unter den Betten herumfuchtelnd, er zerschlug etwas, was er jetzt gerade nicht suchte, das Nachtgeschirr. Das Trio steckte die Köpfe zusammen, ich bemerkte es, gleich werden sie mich aus der Fuchshöhle zerren. Mein Kollege lag in Angstschweiß gebadet neben mir, der Schreck hatte ihm längst die Glieder gelähmt. Ich hatte die Ruhe wieder- gefunden, mit einem Satze stand ich vor den Häschern. Ich ward beschuldigt, mich durch die Presse gegen den 8 131 des Strafgesetz- buches vergangen zu haben und sollte, weil fluchtvcrdächtig, in Sicherheit gebracht werden. Schneller als sonst war unter Polizei- licher Assistenz Toilette gemacht, wir marschierten ab. Im Zimmer des Schneiders harrten weitere zwei Mann: die arme Frau und ihre sieben Sprößlinge reckten die Hälse wie halbflügge Spatzen nach Futter aus ihren Nestern. Als wir die Treppen herabgepoltcrt kamen, trafen wir vor dem Hause postiert noch drei Mann, unter achtköpfiger Begleitung tippelten wir los. Es war ein für mich höchst eindrucksvoller Marfch; eine Hundekälte, der von Mondschein beleuchtete Schnee glitzerte und krachte unter unsren Füßen, kein Mensch begegnete uns, der Transport ging direkt zum Gefängnis, das damals wie heute noch im Großherzoglichen Schlosse unter- gebracht war. Zu was allem doch dieser Steinriese, der früher den verschwenderischen Hof mit all' seinen Schranzen ünd schönen Weibs- bildern beherbergte, heute Verwendung findet. Der rechte Flügel, die sogenannten Kvsakenställe, war mit einer Abteilung Artillerie belegt. Der Mitteltrakt war immer noch die Residenz des Groß- Herzogs, der aber mit seinen vielgeliebten„Maneminern" immer noch schmollte und sie boykottierte, weil sie Anno 43 dem Herrscher von Gottcsgnaden gar zu arg mitspielten, erst in jüngster Zeit wurde dem revoluzzernden Mannheim seine schwere Entgleifnng verziehen. Im linken Flügel des Schlosses seufzten die Verbrecher, sie sollten durch mich um eine Nummer vermehrt werden. Meine Einlieferung vollzog sich glatt. Der wenigen Habseligkeiten in hochnotpeinlicher Leibcsdurchsuchung entblößt, wurde ich meinem neuen Quartier, eS trug die Nr. 22, zugeführt, es war in demselben noch stockfinster; knarrend patschte die schwere eisenbeschlagene Thür hinter mir ins Schloß, ich war allein. Allmählich nur begann der Tag zu grauen, in unbestimmten Umrissen konnte ich den Raum mustern. Es wurde unruhig in den Gängen, die Schlüssel rasselten, ein geschäftiges Hin- und Herrennen war zu vernehmen, gemessene, wortkarg erteilte *) AuS dem soeben erschienenen„NeueWelt- Kalender" für 1V04. Der Artikel ist gekürzt. Befehle schlugen an mein Ohr, eine Thür um die andre ächzte in den Angeln, die meine blieb verschloffen. Dafür that sich in ihr ei» Loch auf. ein weibliches Wesen schob mit der Bezeichnung„Frühstück" leinen Blcchnapf durch die Oeffnung. Rasch war meine Antwort: „Ich verzichte". Patsch, schloß sich die Oeffnung und ich war un- gestört; es war jetzt auch hell genug,' um eine Zelleninspektion vor- zunehmen. In raffinierter Weise war das Mobiliar in dem fünfzehn- auabratmetrigen Räume angebracht. Das Fenster, wenn das mit armdicken Eisenstäben vergitterte Loch so benannt werden darf, sah auf einer hohen glatten Steinplatte. Ein Brett, das den Tisch und ein kleineres, welches die Bank bildete, waren in der Mitte des Raumes fest an der Wand angebracht, so datz beide nicht zur Er- reichung des Fensters benutzt werden konnten. Auf der andren Längsseite befand sich die Pritsche, die während der Tagesstunden, um Raum zu gelvinnen und allzugrohe Bequemlichkeit hintan zu halten, an der Wand aufgeschnallt war; der Zuchthaustechniker hatte ganz recht, die langen Nächte boten ja Zeit genug zur horizon- talen Ruhe. In der Ecke stand ein in mächtigen Eisenstäben ge- feffelter eiserner Ofen, auf welchem eine blecherne Schüssel nebst einem Steingutkrug plaziert waren. In einem kleinen Eckkästchen lag ein blecherner Löffel, damit war der Hausrat erschöpft. Erst beim genauen Studium entdeckte ich an der unteren Wandeckc ein quadratisches Abzeichen, es deutete den Standort des„Daniel" an, die der Ecke entströmenden Dünste verrieten in zwar stiller aber um so deutlicherer Sprache den Zweck dieses Jnventarstückes. Am oberen Ende der Thür eine kleine runde mit ganz kleinen Löchern durch- stanzte Scheibe, kein Zweifel, es war ein Guckloch, das dem Kerker- meister jederzeit ermöglichte, den arnren Insassen zu beobachten. Keinerlei Beschäftigung, kein Fetzen bedruckten Papiers, tödliche Langeweile, wer sollte sich da nicht sofort in das Studium der In- schriften an den Wänden vertiefen? Wohl war es in der Haus- ordnung strengstens verboten. Wände oder Jnventarstücke zu be- kritzeln, aber die Not, vielleicht auch der Trotz pfeifen ungeachtet der angedrohten kanibalischen Strafen, Hungerkost und Dunkelarrest, selbst auf die Hausordnung. Schon manche Zelle habe ich gesehen, aber stets interessierten mich diese Inschriften. Lyrik und Prosa, ordinäre Gassenhauer in schlecht zu entziffernden Hieroglyphen, daneben steincrweichende Stoßseufzer unschuldiger, anscheinend intelligenter Seelen. Auch der Galgenhumor knauserte nicht mit seiner Gabe. Nach all' den Studien überkam mich so eine Art Missionsberuf, kein Zweifel, auch hier konnte agitiert werden. Ein in der Westentasche geretteter Nagel diente als Griffel, mit dem ich in die gelb getünchten Wände einen Aufruf an die Spitzbuben kratzte, sie auffordernd, ehrliche Menschen und Socialdemokraten zu werden. Der Appell war herzlich gut gemeint, aber ich mußte diese In- subordination doch büßen. Reinlichkeit wurde den Zellenbewohnern zur ersten Pflicht gemacht; wie sehr aber auch nach dieser Richtung die Hausordnung mit Füßen getreten wurde, dafür legte mein Mobiliar das sprechendste Zeugnis ab. Diese Waschschüssel, dieser Löffel, oh, ich behalte sie in ewiger Erinnerung. Mein Zellen- Vorgänger war ein wegen schweren Wuchers zu langjährigem Zucht- haus verurteilter Blutegel, seine Opfer hat er arg gerupft, mir aber seinen Schmutz hinterlassen; wer sollte für solchen Hammel noch Sympathie empfinden I Das„Fenster" gestattete nur den Ausblick nach oben, eine schneeglitzernde Baumkrone tänzelte vor demselben. Schleick end zog das furchtbare Leiden der Langeweile bei mir ein; wie lange soll es dauern, war eine selbstverständliche Frage. Jeden Glockcnschlag erwartete ich mit Sehnsucht, hundertmal durchlief ich den 5 Meter langen Käfig; unter mir ächzten und stöhnten die Säge- böcke, daneben knatterten die Holzspalter ihr monotones Lied. Auf der nahen Jesuitcnkirche hämmerte es die elfte Stunde; mit dem ersten Glockenschlage wurde es stumm— es war Mittagspause I Wiederum begann das Rennen in den Gängen, das Getöse von Blcchgeschirr; das bekannte Loch öffnete sich auch in meiner Zelle. Wieder ertönte die weibliche Stimme:„ Mittagessen l" Fast ebenso schnell wie des Morgens war meine Antwort:„Ich verzichte", und die Klappe war geschloffen. Schreckliche sechs Stunden folgten. Mein Zellcnnachbar machte ständig Versuche, drahtlose Telephon- Verbindungen mit mir anzuknüpfen. Ich reagierte nicht; es war weniger die Hausordnung, als das Gefühl, mit einem Unwürdigen in Verbindung zu kommen, was mich veranlaßte, ausgeschaltet zu bleiben. Es war Nacht geworden. Das schauerliche Sägegestöhn war wiederum beendet; die Blechmusik, die ich, um wenigstens einen Moment der Abwechslung in diesem Jammcrleben zu genießen, schon längst ersehnte, begann wieder in den Gängen zu ertönen. Das Ohr war schon so mit dem Geräusche vertraut, daß ich abzählen konnte, wann mein Futterkasten, der der letzte auf dem langen Gange war, sich öffnen werde. Schon seit Stunden machte ich technische Versuche, den kurzen Moment am besten auszunützen, um den weiblichen Futtermeistcr etwas näher zu fixieren. Die Finsternis begünstigte mein Vorhaben außerordentlich. In dem Rahmen er- schien ein Mädchenkopf, der von der Ganglampen zwar spärlich be- leuchtet war, aber doch hübsch zu sein schien. Das weich gesprochene „Bitte Abendsuppe" rührte mein Herz, aber es war zu unschuldig, der Haß gegen die Gesellschaft in allen ihren Organen war ein zu tief sitzender, als daß mich zarte Worte rühren konnten, trotzdem klang diesmal auch mein„Verzichte" etwas sanfter. Gutmütig meinte sie:„Aber Sie verhungern ja." Sie hatte mich fast ent- waffnet.„Das wird Sie wenig interessieren", hatte ich heraus� gepreßt. Freundlich sprach sie weiter:„Nehmen Sie's wenigsten?; wenn's nicht schmeckt, hol' ich's wieder". Nach meinem kategorischen abermaligen„Ich verzichte", schloß sich langsam, fast geräuschlos der Kasten. Eine lange Nacht gähnte mir entgegen. Der Magen begann sich selbständig zu machen und gegen meine Obstruktion zu revolutionieren. Es drängten sich mir Betrachtungen auf, was ich eigentlich mit dieser Abstinenz erreichen wollte. Hungers sterben? Warum? Noch war ich in diese Gedanken versunken, da öffnete sich die Thür. Unter Assistenz eines lamvetragenden Kalfaktors erschien mein weiblicher Kerkermeister, setzte�den Napf auf den sogenannten Tisch, und bat mich liebenswürdig, zu essen. Aber nochnials kollerte es hart und energisch heraus:„Ich verzichte". Sie ging mit freund- lichem„Gute Nacht". Viele Dutzend Male mag ich in der ägyptischen Finsternis herumgerannt sein, bald an Bank und Tisch, bald an das eiserne Lager stoßend. Schwere Schritte durcheilten den langen Gang, die Niegel meiner Thür knarrten, der Verwalter selbst erschien auf der Schwelle. Es war ein kleiner stämmiger Mann, seine pfiffigen Aeuglein musterten mich wohlwollend. Das umfangreiche Schlüsselbund in seiner Rechten war das Wahrzeichen seiner Herr- schaft in diesem Eldorado. Kurz und gemessen, keine Silbe zu viel, erging sein Befehl:„Anziehen, Sie werden vorgeführt I" Da ich noch angezogen lvar, so konnte ich stehenden Fußes Folge leisten; ich that es um so lieber, als ich hoffen konnte, freigelassen zu werden, denn ich fühlte mich absolut nicht fluchtvcrdächtig. Wir wanderten durch weite Gänge, über zwei Höfe, durch frische, kalte, wohlthuende Luft zum Untersuchungsrichter. Dieser war ein ruhiges nettes Männlein. Schnell war mein Lebensläufle abgeleiert und zu Protokoll gebracht, 19 Jahre hatte ich hinter mir und war noch engelrein. Nun erst sollte ich vernehmen, welch' scheußlichen Ver- brechens man mich beschuldigte. Am Tage vor der Wahl klebten wir einen Maueranschlag folgenden Inhalts an: „Bürger, Wählerl Die socialdcmokratische Partei(Eise- nachcr Programm) schlägt Euch für den nächsten deutschen Reichstag den bewährten Volksvertreter Aug. Bebel, wegen Ver- tretung der Volksinteressen zur Zeit auf Hubertusburg, zum Kandidaten vor. Wir ersuchen alle Wähler, dem genannten Kandidaten, der schon seit Jahren für die Rechte des Volkes kämpft, ihre Stimme zu geben. Die socialdemokratifche Partei." Ich bekannte mich als Verfasser und Verbreiter.„Wußten Sie nicht," bemerkte der Mann des Gesetzes,„daß Sie eine Unwahrheit gesagt haben? Ist Ihnen nicht bekannt, daß Bebel nicht wegen Vertretung der Volksinteressen, sondern wegen Vorbereitung zum Hochverrat auf Hubertusburg sitzt?" „So mögen"— war meine Antwort—„die Ankläger behaupten, aber der Prozeß war ein schändlicher Tendenzprozetz und meine Behauptung entspricht der Wahrheit." Ich protestierte gegen meine Verhaftung, aber es war für die Katz'.„Die Anklage gegen Sie," meinte der Untersuchungsrichter fast boshaft,„ist eine Baga- telle, Sie werden abe� leider vor das Schwurgericht zur Aburteilung verwiesen werden und bis dahin in Haft bleiben; das dürfte etwa acht bis zehn Wochen dauern. Sie haben diese Verschleppung einer Schrulle aus dem Jahre 1843 zu verdanken." Er nannte mir einen Paragraphen, nach welchem, wenn ich selbst den Antrag stellte, ich statt vor das Schwurgericht vor den Berufsrichter verwiesen werden könnte, wodurch meine Haft sich abkürzen liege: wofür ich selbst- verständlich nicht zu haben war, denn wir forderten in unsrem Programm die Geschworenengerichte, ich hatte auch zu den bürgcr- lichen Geschworenen, trotzdem Bebel und Liebknecht von solchen ver« urteilt wurden, immer noch mehr Vertrauen als zu den Berufs« richtern. Damit war er mit mir fertig, sein Schlußwort lautete: „Abführen I" Nach wenigen Minuten saß ich wieder in der Finsternis. Müde, erschöpft sank ich auf die Pritsche; also acht Wochen, das sind S6 Tage, gleich 1344 Stunden hier sitzen! Entsetzlich I Zur rechten Stunde entsann ich mich der freundlichen An- leitung meines Freundes Joh. Most, als er mich in die Agitation einführte.„Willst Du." sagte er.„der Partei dienen, so mutzt Du auch brummen und zwar vier Wochen auf einem Hinterbacken." Er hatte ja recht, er mußte brummen, Bebel, Liebknecht und so viele andre desgleichen, warum sollte mir. dem Schüler, eine Extrawurst gebraten werden? Das bedingt der Kampf gegen den Klasscnstaat, der uns zu vernichten strebt. Damit hatte ich die Ruhe gefunden und kroch unter die wollene Decke; für diese Nacht drang der Glockenschlag nicht zu meinem Trommelfell. Aber im Traume sah ich das Bild mit dem Blechnapf am Futterloch. Erst das Geräusch der Thüröffnungen jagte mich aus dem Schlafe. Geschäftige Kalfakter reklamierten den„Daniel". Zehn Minuten blieben die Zellen zum Lüften geöffnet, währenddem huschten die fragwürdigen Gestalten nach allen Richtungen und raunten einander Neuigkeiten in die Ohren. Kaum waren sie alle wieder in die Käfige getrieben, so begann die Fütterung. Noch war ich bemüht, ein Uebergangsstadium zur Aufgabe meiner Abstinenz zu finden, als mein Schutzengel mit der bekannten Schussel in der Zelle erschien, sie mit den Worten:„Heute wird nicht verzichtet" mir vorsetzte und verschwand. Verblüfft schnupperte ich an dem Fraß, ein leises Geräusch an der Thür erregte meine Aufmerksam- kcit, auf den Zehen schlich ich nach dem Guckloch, vier Augen be- gegneten einander, aber nur ein winziger Moment war's, und ich sah in tiefe Finsternis. Die Situation war nunmehr eine veränderte, Mt Heißhunger verschlang ich das Gemengsel; eS schmeckte vor- »üglich, denn der Hunger ist ja stets der dankbarste Kritiker für die Küchenfee. Als sich das Futterloch wieder öffnete, lispelte mein Schutzengel:„Bitte, Geschirr!" Wortlos wurde es abgeliefert. (Schluß folgt.) kleines Feuilleton. k. Ein« Nacht im Sturm auf dem Nconcagua. Wenige Berg- steiger werden sich rühmen können, eine so abenteuerliche Hochtour vollendet zu haben, wie Major Rankin, der bei einem Aufstieg auf den Aconcagua, den Bergriesen der Anden, in einer Höhe von 22 000 Fuß eine Sturmnacht zu überstehen hatte. Er schildert sein Erlebnis in einem Artikel, der in„Longmans Magazine" vcröffent- licht wird. Als er die letzten 3