Ilnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 143. Freitag, den 24. Juli. 1903 28] (Nachdruck verboten.) ßofc JVIächte. Noman von Jonas L i e. „Johnston ist, was Sie ebenso gut wissen wie ich, Madame," Bratt blinzelte Frau Michelsen zu,„in öffentlichen Angelegen- heilen ein reines Kind, ohne die geringste Ahnung, in wessen Hände er fällt.-- Diese Diligencegeschichte hat mir viel Widerwärtigkeiten geschaffen, wenn es mir nun auch schliefe- lich gelungen ist, die Kräfte soweit zu vereinen, dafe die Eisenbahn als gesichert angesehen werden kann. Und damit— ich bin überzeugt, Sie durchschauen das ebenso klar wie ich— damit sind Sie, Madame Michelsen, und Ihr Hotel mir wieder ebenso lieb geworden wie in alten Zeiten. Ich glaube, ich irre nichts wenn ich Sie für verniinftig genug halte, um meine Handlungsweise einzusehen:— selbst der Teufel hätte das an Ihrer Stelle nicht so ruhig hingenommen,— ich verlange nichts Unmögliches.—— Sic werden reich, Madaine Michelsen, steinreich, wenn nun auch die Eisenbahn kommt und Sie mit Reisenden über- schwemmt. Mit den Abzahlungen auf der Bank hat es keine Eile, rechnen Sie nur auf mich! Und nach und nach, denke ich, kommen wir wieder in das alte Geleise. Wir haben es mit Enoksen versucht— zweiten Ranges, will ich Ihnen sagen! Er ist gut genug als Reserve, wenn man im Sommer Ihre Lokale nicht bekommen kann!— Mein Sohn Klaus klagt über die schlechte Akustik im Saal. Sie müssen den Gesangverein unter Ihre Fittiche nehmen, Madame Michelsen: — machen Sie es den jungen Leuten nur recht gemütlich." „Ja der Herr Sohn ist nicht so hart gewesen wie der Herr Direktor," scherzte sie,—„ich habe doch hin und wieder die Ehre seines Besuches gehabt." „Hm!" Der Direktor erhob sich. „Ich reiche Ihnen meine Hand, Madame Michelsen," sagte er überredend. Madame Michelsen kämpfte mit den Thränen, es wogte und brauste in ihr.„Der Herr Direktor sind über mich ge- kommen wie ein schlimmes Unwetter,—— hätten wir nicht diese inhaltreichen Sommer gehabt mit allen den unbezahl- baren Touristen, so würde der alte„Werder-Hof" die letzten beiden Jähre im Schatten gearbeitet haben.-- Aber nun hat sich ja alles zum besten gewendet!" „Es geht nicht mit rechten Dingen zu." erklärte Madame Michelsen später,„wenn der Direktor so die Hand ausstreckt. War es nicht, als seien die beiden schweren Jahre wie weg- geschmolzen und zu nichts geworden? Wenn man das Brennen nicht noch fühlte!" XXIII. Johnston blieb heute bei Frau Bratt im Zimmer sitzen und unterhielt sich mit ihr. Er war so todmiide hereingekommen: er stürzte förmlich auf das Sofa zu, um sich auszuruhen. So unruhig, gleichsam ängstlich, hatte sich nach der Stirn gegriffen und mußte nun um ein Glas kalten Wassers bitten. Jetzt sei es vorüber, sagte er, und er wurde, so erschien es Frau Bratt, so unnatürlich überreizt boshaft, dafe sie sich förmlich beklommen dadurch fühlte. Es stand durchaus nicht gut mit seiner Gesundheit. Er sprang in der Unterhaltung so unruhig von einem Thema auf das andre über, vergaß, was er zuletzt gesagt hatte. Jetzt sprach er von Erbstücken und Antiquitäten. „Dafe Sie sich auf für solche alte silberne Uhren inter- essieren können, Johnston!" scherzte Frau Bratt. „Ja, es ist vielleicht ein wenig kindisch, und. aber hören Sie, liebe Frau Bratt, sagen Sie Ihrem Manne nichts davon!" Er blickte scheu, beinahe ängstlich auf.„Sie wissen, er macht sich über dergleichen lustig, es ist ja, wie Sie selber sagen, ein wenig sonderbar,— ein wenig kindisch," kam es halb geniert heraus.„Aber die Uhr Ihres Mannes ist wirklich eigentümlich.— Er hat mir einmal davon erzählt. Sein Urgroßvater hat sie in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Kopenhagen gekauft,— es war eine der ersten Uhren, die bei Urban Jürgensen verfertigt wurde, bei dem berühmten Uhrmacher, der nun eine weltbekannte Fabrik in der Schweiz hat.-- Ein Sohn von diesem Jürgensen wurde König in Island.-- Können Sie sich nicht etwas von ihm darüber erzählen lassen,— so bei Gelegenheit?" warf er vorsichtig hin.— --„Es war durchaus kein Chronometer mehr, Bratt mußte die Uhr fortwährend stellen und beobachten." Er saß da und besann sich und schluckte so nervös.„So eine Uhr, die geht und geht und zählt, und die Wirklichkeit mißt, es kann gleichsam ein Urteil darin liegen. Ich möchte so gern Klarheit darüber haben," nahm er sich plötzlich zu- sammen,„aber Sie dürfen mich nicht auslachen, nämlich ob die Uhr in den letzten Jahren,— nachdem das Räderwerk abgebraucht war,— zu schnell oder zu langsam gegangen ist?— Uhren, die alt werden, haben wohl im Grunde die Neigung, vor zu gehen?-- Ich glaube, das ist bei den meisten alten Taschenuhren der Fall.-- Ich entsinne mich so deutlich, wie er damals darüber klagte, daß sie verkehrt ging," murmelte er. „Sagen Sie mir doch,— wissen Sie nicht, ob er sie vor oder zurück zu stellen pflegte?" fragte er Plötzlich so eifrig, daß sie ihn ansehen mußte: er war ganz heiß, und der helle Schweife stand ihm auf der Stirn. „Sie liegt jetzt in einer Schublade. Johnston, dort hat sie die letzten Jahre gelegen, seit sie eines Tages zu Boden fiel. Bratt sagt, er will sie nach Kopenhagen schicken, um sie wieder in Ordnung bringen zu lassen." „Nun ja— entzwei— seit mehreren Jahren."— Er schien ganz enttäuscht und griff sich wieder nach dem Kopf. „Gott weife, wie wir dazu kamen, über die Uhr zu reden?" sprang er plötzlich wieder von dem Thema ab.— „Ach ja,— es war Ihre kleine goldene Kette, in der ich hängen blieb.— Ich kann Sie mir gar nicht vorstellen ohne die feine, goldene Schnur, wie sie über der gelbbraunen Seide herunterhängt,— und dann der kleine Messingschlüssel daran, der so gar nicht dazu paßt!— So fein und ein wenig,— ein wenig vergeßlich,— ganz wie Frau Bratt selber.-- Ach wie weit entfernt ist das von Unordnung oder dergleichen,— es ist, als sei der Uhrschlüssel plötzlich zu einem goldenen Schlüssel erhöht." „Sie geben es mir durch die Blume zu verstehen, Johnston." lachte Frau Bratt,—„dieser Mangel an Ordnungssinn bei mir ist mir von Jugend an ein Stein des. Anstoßes gewesen." „Hm,— ich gestehe gern, daß Ihre großen, braunen Augen mich gefangen nehmen,— sie sind klug, und es thut so gut, wenn sie auf einem ruhen,-- Sie fühlen es gewiß selber, daß Sie mir gut thun, wie?— Es ist eine Art Ge» ständnis,— ich kann es nicht leugnen.— Ich gehe oft hierher, nur damit Ihre Augen ein wenig auf mir ruhen."-- Es kam so tieftraurig heraus. „Ich denke, wir nennen das eine gute Freundschaft. Johnston,—— Sie haben vielleicht ein wenig Vertrauen zu mir?" „Ein wenig?" „Nun ja, dann sagen Sie viel:— Sie können sich denken, daß es mir schmeichelt.— Und dann soll ich alles, was ich hier herausbringen kann, über die alte Uhr meines Mannes ausspionieren?— Wie mein Gewissen dadurch be- lastet wird!" suchte sie das Ganze ins Scherzhafte zu ziehen« „Nein, lachen Sie nicht, lachen Sie nicht,— nun ja* ich sehe es Ihnen an,— lachen Sie nur aus Herzenslust« wenn ich gegangen bin." „Sagen Sie mir einmal ganz offen, Johnston. hätten Sie nicht Lust, die Uhr zum Geschenk zu haben? Ich weiß zwar nicht, ob ich das über Bratt vermag, es ist ja ßin Erb, stück. Aber wenn Ihnen nun wirklich darum zu thun wäre, und besonders, wenn ich Bratt sagen dürfte, daß es eine Art Spleen ist,— daß Sie ihn im stillen um die Uhr beneiden?" «Nein, um keinen Preis der Welt, Frau Bratt! Hören Sie!" fuhr er ganz entsetzt auf.„Es würde mir ganz außer- ordentlich unangenehm sein— ja, ich kann Ihnen sagen, es würde mir förmlich weh thun, wenn Sie es thäten! Es ist etwas Eigenartiges mit so einer alten Freundschaft, wie sie zwischen ihm und mir besteht,— die kann ihre sehr empfind- lichen Punkte haben, da, wo kein andrer es zu verstehe« vermag."— . „Ere ftrgra ekwoZ, Johnston,— Sie sagen etwas."—— „Wie?" wo Sie das sagen, fällt mir so allerlei ein. Da W so etwas, was ich nicht begreife." „Aber Sie versprechen es mir, Frau Bratt, geben Sie mir die Hand darauf, keine Silbe zu ihm von meinen Uhr- macherpassionen zu sagen. Ich müßte mich ja genieren. Das liegt nun einmal so in meiner Natur. Die einzige in der ganzen Welt, der ich auch so eine Narrheit anvertrauen kann. das sind und bleiben Sie! Es ist etwas in Ihrem Gesicht. wovor ich eine offene Beichte ablegen könnte— ja, ja— ich werde so offen, daß es wohl an der Zeit ist, wenn ich mich entferne— das merke ich." Er nahm hastig und ein wenig zerstreut Abschied und wanderte leicht vornübergebeugt die Allee hinunter. Lag der Fehler darin, daß sie vorging? fragte es wieder und wieder in ihm. Die ganzen Nächte lag er wach und dachte nur an diese Uhr. an diese blanke, feine, altmodische silberne Uhr. Er sah sie vor sich, so feingeformt, ganz dazu gemacht, in die Tasche zu gleiten und wieder hervorgezogen zu werden, genau so. wie der Direktor sie am Kartentisch im Klub herausholte, ehe die Assekuranz danach notiert wurde— zwanzig Minuten über elf. Ging sie damals vor? Verkehrt ging sie ja immer. War es in Wirklichkeit sogar noch früher gewesen, als die Uhr des Direktors angab,— zum Beispiel nur zehn oder gar nur fünf Minuten über elf?— Dann unterlag es keinem Zweifel, daß das Telegramm, das die Strandung meldete, bei ihm so kurz vor dem Zeitpunkt abgeliefert worden war, an dem die Versicherung im Klub notiert wurde, daß er es unmöglich vorgefunden haben würde, falls er wirklich erst zu Hause vor- gefahren wäre, um die Sache zu untersuchen. Die Empfangs- bescheinigung lautete nach der Uhr der Telegraphenstation auf ein Viertel vor elf. Dazwischen— und zwanzig Minuten über elf! Dann waren alle diese seine möglichen Gedanken und Motive, nach denen zu forschen er nicht lassen konnte, ohne Wirkung, sie würden nicht den geringsten Einfluß gehabt haben! Die Vorahnung, die gehabt zu haben er sich zuweilen mehr und mehr zu erinnern meinte,— die er vielleicht nur mit seiner Furcht vor dem Unwetter und vor den Strandungen im allgemeinen an jenem Abend verwechselte?— die würde dann ohne jegliche Bedeutung gewesen sein.— Der Gedanke, daß ein etwaiger vorsichtiger Instinkt bei ihm doch am Ende dasjenige gewesen war, das ihn damals veranlaßt hatte, nicht erst zu Hanse vorzufahren, nahm in seiner Einbildungskraft größere und größere Dimensionen an. wurde immer bedrückender in den schlaflosen Nächten, während er dalag und den Zeiger der alten silbernen Uhr so deutlich vor sich sah. Seine Seele hing schließlich an dem feinen, Pfeil- förmigen großen Zeiger aus Gold. Ging der so schnell, dann war er frei, es war, als werde die Luft um ihn her plötzlich so hoch und frei, als könne er fliegen. Aber dann wieder kamen lange, bange Stunden, in denen der Zeiger langsam ging, in denen alle alten silbernen Uhren zu verlieren pflegten! Der große Zeiger wurde zu einem schwarzen Strich vor dem andren kleinen, goldenen; die Versicherungsstunde wurde halb zwölf, ja, darüber hinaus, und das Telegramm, das die Strandung meldete, lag daheim. Der goldene Zeiger blitzte schmerzhast in sein Gehirn hinein,— pochte wie eine Nadel in einem Geschwür,-- er wurde langsamer,-- schneller.-- Heute hatte er zum erstenmal in seiner Seelenangst ge- wagt, Frau Bratt gegenüber die Uhr zu erwähnen, obwohl er schon oft darüber gegrübelt und gesonnen hatte und kurz davor gewesen war, es zu thun. Stets aber hatte er zurück- gezuckt, wenn ihm das Wort schon auf der Lippe schwebte. Diese verzehrenden Zweifel türmten sich mehr und mehr auf und drehten sich wie ein unaufhaltsames Angstrad in ihm. XXIV. Klaus kam auf seinem neuen Fahrrad aus der Stadt nach Hause, vornübergebeugt, in Jockeymütze, die dichten. kurzen, schwarzen Wollbüschel von Schnurrbart unter der Nase in die Höhe gezogen, während die muskulösen Beine in voller Thättgkeit waren. Er pfiff und klingelte, rief den Vorübergehenden zu, acht zu geben, und sauste wie der Wind an Leuten und Fuhrwerken auf der Landstraße vorüber.-- Er hrehte und wendete sein Zweirad bald nach der einen, bald nach der andren Seite,— machte Schlangenwindungm.-- Es gehörten keine Llräfte dazu,— ein Mnd konnte es lernen. Er brauchte nur siebzehn Minuten, um aufs Comptoir in der Stadt zu gelangen,— und hatte den Weg bis Heje in drei und einer viertel Stunde zurückgelegt! Er kam ganz aufgeregt und mit einem gewissen Gepolter ins Zimmer, wo sie bereits beim Nachmittagkaffee saßen. (Fortsetzung folgt.)j (Nachdruck verboten) Der Staateanwalt Duncker. Von Stephan Großmann- Wien. Am Stammtisch im Hotel Kontinental fehlte heute ein alter Stammgast, der Staatsanwalt Tuncker. Er fehlte, aber sein Geist ging um, schlüpfte in alle Gespräche, beschattete jede nachdenkliche Pause in der vielstimmigen zwanglosen Diskussion, lebte in den kleinen banalen Stoßseufzern, wie:»Ja. ja, das Leben ist nicht so einfach.. oder:„Na ja. einmal packt's jeden..." Er fehlte heute, der Staatsanwalt Duncker, aber niemals, hatte er seinen Freundeskreis so beherrscht wie gerade heute... „Eigentlich wissen wir alle miteinander." sagte schon gegen Mitternacht der Apotheker Zwölfinger,„nicht, was für ein Mensch er war. Hier bei uns war er das Gemütlichste, das man sich denken kann! Nicht? Nichts hat's gegeben, was er nicht menschlich Der- standen hätte I Und dabei hat er doch in der ganzen Stadt als ein eisigkaltcr Mensch, sozusagen als Bluthund gegolten." Stürmisch unterbrachen einige den Apotheker. „Ich möchte bitten," erklärte der Hotelier decidiert,„daß vom Tuncker überhaupt nicht in so einem Tone geredet wirdl Ich weiß es, ich Hab' ihn gekannt, ich bin jahrelang Wend für Abend an seiner Seite gesessen, ich Hab' ihn täglich um ein Uhr nach Hause gebracht. Da war er ganz aufrichtig; wenn wir so nachts durch die stillen Gassen zu seinem Hause geschlendert sind, da hat er nicht Komödie gespielt. Und was war er da für ein einsamer, armer Teufel. der für einen herzlichen Gutenachtgruß dankbar war! Wie oft ist er da plötzlich nachts mitten aus dem Ringplatz stehen geblieben, hat sich emporgercckt, so daß seine lange, magere Gestalt fast einen riesenhaften Zug bekommen, und hat gesagt:„Na, ich dank' schön. wie muß dem Kerl heut in der ersten Nacht nach seiner Ver- urteilung zu Mute sein!" Wißt Ihr, daß es vorgekommen ist, daß er einmal nachts den Rappel bekommen hat, sich das Gerichts- thor auffperren zu lassen, daß er mit einer kleinen Handlaterne über die finsteren Gerichtskorridore ging, durch die Höfe des Ge- richtsgebäudes, vorbei an den fürchterlichen vier Stock hohen schwarzen Mauern, bis er in einen Hof kam, wo„seine" Fälle waren! Und da ist dieser— wie sagtest Du?—, dieser eisigkalte Mensch, dieser— es ist zu dumm—, dieser Bluthund ein paar Minuten lang lauschend still gestanden und hat gehorcht, ob er nicht aus einer Zelle, an die er gerade dachte, einen Laut vernimmt, vielleicht ein Stöhnen, vielleicht einen Seufzer, vielleicht die Ge- räusche eines armen Teufels, der nicht schlafen kann und unruhig auf und ab durch die Zelle trabt!" Einen Moment schwiegen alle... „Weißt Du. Pühringer," begann der Arzt des Stammtisches vorsichtig,„das beweist vielleicht nur, wie leidenschaftlich er sein Amt ausgefüllt hat. Er trank förmlich mit Gier seine Fälle! Sie ließen ihn nicht los! Glaubst Du nicht, daß wenn er so in der Nacht zufällig ein Geständnis erlauscht hätte, ihn das am glück- lichstcn gemacht hätte? Wie hätte er das mit der unheimlichen Ge- berde des Allwissenden dem Angeklagten tags darauf vorgehalten!" „Nein! Nein!" schrie der Hotelier ganz aufgeregt,„da sieht man, wie wenig Ihr alle ihn gekannt habt. Nicht eine Silbe hätte er davon verraten! Vor allem hätte er nie eingestanden, daß er in seiner freien Zeit an„seine Fälle" denkt, und fakttsch hat er da gar nicht als Staatsanwalt an sie gedacht! Nicht ein Wort hätte er je verlauten lassen! Das war sein größter Ehrgeiz, daß niemand im privaten Leben ihm je den Staatsanwalt anmertt. Deshalb hat er immer den Feschen gespielt, deshalb hat er sich gekleidet wie ein Fiaker, deshalb ist er gegen Mädeln immer gar so galant gewesen, deshalb ist er jeden Abend bei uns hier gesessen, deshalb war er ja so riesig gemüllich. Nein, mein lieber Doktor, Du hast ihn eben nicht gekannt..." „Sag' einmal Pühringer." erwiderte der Arzt ganz ruhig, „hast Du ihn einmal bei Gericht gesehen?" „Nein! Ich glaub', er hat es nicht gern gehabt, wenn jemand als Zuschauer wie ins Theater zu Gericht gegangen ist." „Schön! Dann kannst Du über ihn auch nicht mitsprechen, Denn ich Hab' ihn dort gesehen, ich Hab' ihn dort gehört, und ich sag' Dir, er war bei Gericht ein ganz andrer als hier! Es war, als entstünde dadurch, daß er die Amtskappe auffetzt, plötzlich ein andrer Mensch aus ihm!' Man hat seinen Augen nicht getraut! Das ist so weit gegangen, daß er seine besten Freunde, wenn er ihnen im Gerichtskorridor zufällig begegnet ist, ansah, als kenne er sie nicht. Wie er da nur gegrüßt hat, wie steif, wie amtlich, zwei Finger flüchtig an der Kappe. Ueber einen hinweggesehen hat er da. Seine besten Freunde, in den Räumen des k. k. Kreis- gerechtes waren sie Luft für ihn, LuftI Telbstverständlich hat er zu mir, wenn ich bei Verhandlungen als Sachverständiger war, »Sie" gesagt, aber wie ausgesucht und formell, höflich hat er mit mir verkehrt. Wirst Du s glauben, daß er in den Pausen so einer Verhandlung, während der Gerichtshof beraten, während sonst Ver- teidiger, Journalisten, Sachverständige plaudernd bei einander stehen, j>atz er da niemals mit irgendwem auch nur ein Wort geredet hat? Da hat er sich vor ein Fenster gestellt, die Hände in die Hofen- taschen gesteckt und gedankenlos in den Hof geschaut. Erst wenn nach einer Stunde die Thür, aus der die Nichter kamen, knarrte, hat er sich wieder umgedreht. Und wie hat er in den Verhand- lungen gefragt, geredet, dazwischen gerufen! Kein Elend, das ihn gerührt, keine Jugend, die ihn ergriffen hätte, keine Ergriffenheit, die er nicht durch ein eiskaltes Witzwort zur Komödie gestempelt hätte! Nein, wenn man ihn dort gesehen hat, bei der Arbeit, da begreift man die Worte schon, die Zwölsinger früher erwähnt hat! Da war er fürchterlich."-- Lange wurde hin- und hergcstrittcn. So laut und lcidenschaft- lich wurde der Streit geführt, daß mancher von der Tischrunde trotz aller Anstrengungen nicht zu Worte kommen konnte. Es war schon über halb zwei Uhr nachts, als plötzlich der alte weihhaarige Real- schuldirektor Kupka mit seiner leisen, langsamen, vielleicht deshalb so achtunggebietenden Stimme das Wort nahm: »Ich habe ihn einmal in einer Stunde gesehen, wo die zwei Menschen in ihm rauften, der Mensch mit der Amtskappe und der Mensch ohne Amtskappe. Es ist lange her, von Euch weih es keiner, und dieser Tag hätte ihn leicht ganz aus seiner Bahn werfen können... Ich war damals Geschworner in dem berühmten Mord- Prozeh Easani. Dieser Casani war ein junger, bildschöner Mensch, ein Thunichtgut, der einmal Geld besessen und seine weihen Hände für zu wohlgepflegt hielt, um sie durch Arbeit zu beschmutzen. Wegen seiner Schönheit, mehr noch wegen seines sanften, weibischen Wesens hatte er grohe Erfolge bei den Weibern, so daß ihm immer fünf oder sechs gleichzeitig nachrannten. Er nahm sie alle— die hübschen nämlich—, er machte sie schwanger, nahm von ihnen Geld, und wenn kein Geld mehr herauszulocken und die Stunde der Niederkunft oder unangenehme Eifersuchtssccnen herannahten, schüttete er ihnen ein wenig Cyankali in den Morgenkaffee, und die Sache war erledigt. Ich habe trotzdem für Freisprechung gestimmt, weil mir der junge Kerl trotz aller Greuel, die er begangen, wie ein uncrwachsener, blind handelnder Knabe vorkam. Es kam mir vor, als wühte er gar nicht, was das bedeutet: Mord! Eine so kuriose Gleigültigkeit für die Frage: Tod oder Leben? beseelte ihn. Deshalb leugnete er auch nichts, deshalb schien es ihn gar nicht zu interessieren, ob er gehenkt wird oder nicht. Er verstand nicht, was er begangen hatte. Für ihn lag die Sache so: Die Weiber waren„unangenehm", das Unangenehme war er gewohnt, aus seinem Lebe» selbstverständlich zu beseitigen. Tod? Was ist das? Mord? Was ist das?„Es hat den Mädeln nicht so weh gethan als mir die drei Stunden Leibring in der Dunkelzelle," sagte er in der Verhandlung gleichmütig. Duncker ist in der Ver- Handlung nur so losgegangen. O, er wollte die Regungen des Ge- Wissens in diesem Burschen schon hervorkitzeln l Je harmloser Casani sich geberdete, um so dräuender, donnernder ging Duncker los. Mit einer leidenschaftlichen Ergriffenheit sondergleichen nagelte er den schamlosen Cynismus dieses— Knaben an! Er hatte Erfolg, mit zehn gegen zwei Stimmen wurde Casani zum Tode verurteilt. Als man's ihm mitteilte, nahm er es höflich zur Kenntnis, verbeugte sich einmal tief bor den Richtern, einmal noch tiefer vor den Ge- schworncn und lieh sich lautlos in die Zelle geleiten. Im Saale begann damals manche ehemalige Geliebte des schönen Jünglings laut zu schluchzen... Zur Hinrichtung bin ich gegangen. Ich habe auch alle meine Kollegen gezwungen, hinzukommen, denn ich finde nichts erbärm- licher, als seinen Namen unter ein Todesurteil zu schreiben und dann nicht die Courage zu haben, die Exekution mit anzusehen. Vielleicht sollten die Richter auch selbst die Henker sein, denn aus dieser bloh schriftlichen Courage zum Verurteilen, aus dieser elenden „Arbeitsteilung", wonach schliehlich der Richter den Henker und der Henker den Richter verachten darf, erwächst alles Unheil. Also ich zwang mich, hinzugehen. In einem kleinen Hof sollte die Hin- richtung stattfinden. Fürchterlich hohe schwarze Mauern ragen in die Luft, so daß kaum ein Stück Himmel hier sichtbar ist. Der Hof ist dreieckig. In einer Ecke stand der Galgen, der übrigens ganz anders aussieht, als man gemeinhin glaubt. Er ist kaum mannshoch gewesen, nicht aus Holz, sondern aus gebogenem Eisen... Die Armesünderglocke begann zu läuten. Namenlos bange Sekunden vergingen. Da trat Casani, vom Geistlichen und von den Henkers- knechten gefolgt, aus seiner Zelle. Vier Schritte hatte er bis zum Galgen zu gehen. Und hier, in diesem Moment, schien es, als sei der Knabe plötzlich erst zum Bewußtsein seiner Lage und seiner Thaten erwacht. Er sah den Galgen und wurde kreideweih. Die Augen traten ihm aus den Höhlen, er klapperte. Beben kann mm, das nicht mehr nennen. In dieser Minute— ich könnte es heute noch beschwören!— erwachte Casani erst aus seinem Traumdasein. Und da sah er eine Sekunde lang um sich, mit einem Blick, in dem eine uncrniehlich tiefe, dringende Bitte lag, mit einem Blick, der eine namenlos heihc Bitte:„Laht mich leben!" vortrug. Diesen Blick fing der Nächststehende— Duncker— auf. Eine Sekunde darauf stürzte Casani blitzschnell an Dunckers Brust und alle Schuld, die ganze Vergangenheit, seine ganze gräßliche Todesangst und seine ganze Lebenssehnsucht lösten sich in«wem unbeschreiblichen Schluchzen an Dunckers Brust auf. Duncker hatte ihn aufgefangen. Die Henker wollten Casani wegziehen, aber da geschah das Merkwürdige: Mit einer wütenden Geberde, mit einem durchbohrenden Blick, wie er ihn sonst nur in den leidenschaftlichsten Staatsanwaltsmomenten hatte, wies Duncker sie von sich. Und er legte seine Arme über den schönen, dem Tode verfallenen Körper des Jünglings, und er flüsterte dem tief Schluchzenden Worte der reinsten Liebe ins Ohr. und er hielt ihn fest und treu in den Armen wie ein Vater seinen teuersten Sohn Alle waren starr vor Staunen. Die Henker wagten sich nicht mehr in die Nähe. Die Kreisgerichtsräte warteten eine, warteten zwei Minuten. Endlich ging der Gerichtspräsident, ein Kerl, dem jede Ehrfurcht abging, auf Duncker zu und flüsterte ihm halblaut ins Ohr:„Wissen Sie, dah Sie momentan einen Dreihundert- vierzchncr, eine Einmengung in eine Amtshandlung, begehen?" Duncker verstand die Worte nicht, aber er lieh die Hände von dem Jüngling. Ein Wink des Präsidenten genügte, und die Henker traten vor... Schaudernd wendeten wir uns ab... Duncker ist am selben Tage noch auf Urlaub gegangen.„Er- holung von der anstrengenden Thätigkcit der letzten Monate", hieh es in den Zeitungen. Er hat ein halbes Jahr gebraucht, um diese eine Minute in sich selbst in den Hintergrund zu drängen. Aber ich sage Euch: Ein friedloser Mann ist er sein Lebtag ge- blieben.. kleines fciriUcton. k. Arnold Böcklin und Gottfried Keller. Fesselnde Erinnenmgen an Arnold Böcklin und Gottfried Keller veröffentlicht Adolf Frey in dem Julibeft der„Rheinlande"(Diisseldorfl, das der Kunst der deutschen Schweiz gewidmet ist. Keller hatte anfänglich nur eine bedingte Würdigung für die Kunst SBötklinS; als er im Sommer 1877 in der Unterhaltting mit Frey auf Böcklin zu sprechen kam, sagte er nur:„Allegorien und Gcoankenbilder. wie er sie malt, haben andre auch schon gemalt. Aber er malt sie mit mehr Farbe und mit mehr Kraft. Z. B. auf einem Bilde in München reitet der Tod auf einem kräftigen Hagelshengst daher". Um so größer war die Bewunderung, die Böcklin für die Kunst Kellers hegte, dessen Schöpfergaben er so hoch einschätzte, dah er öfter behauptete, Keller wiirde ebenso groß als Maler wie als Dichter geworden sein, wenn ihm die äußeren Umstände die Erlernung des Technischen gestattet hätten. Als der Jüngere und besonders als der stärker nach persönlicher Berührung Verlangende unternahm Böcklin auch den ersten Schritt und stellte sich an einem Sommerabend 1883 auf der„Meise" ein, wo er ziemlich sicher war, den Gesuchten zu finden. Beide gefielen einander sofort, und einige weitere Begegnungen und Besuche im Atelier öffneten dem Dichter die Augen über den Maler, dessen Werke ihn jetzt mit Bewunderung erfüllten. Dankbar pries er die Fügung, die ihm den lange gehegten Wunsch nach dem Umgang mit einem wahrhaft schöpferischen Künstler erfüllte und ihm dadurch den Lebens- abend erhellte. Böcklin, der liebenswürdiger, koncilianter, weniger spröde war, beguemte sich und schmiegte sich an und handelte wie ein Sohn oder jüngerer Bruder gegen den älteren Freund. Er war für seine Gesundhett besorgt und holte ihn häufig zu Spaziergängen ab, die freilich lvegen des Dichters Schwerfälligkeit nur die be- scheidenste Ausdehnung erreichten, im gemächlichsten Tempo ab- geschritten wurden und fast ausnahmslos in ein Wirtshaus mündeten, wo er es ihm mit allen möglichen kleinen Gefälligkeiten bequem zu machen suchte. Er war dabei ängstlich bedacht, den Dichter bei fchlechter Laune nicht in seiner Selbstherrlichkeit zu reizen: mancher verdroh ihn, der ihm fiir die eben abgeschnittene Cigarre das bereits in Brand gesetzte Streichholz bereit hielt. Sahen die beiden am Tische, so schwiegen sie sich meistens behaglich an, nur dah sie dazu mächtig rauchten. Jemand, der häufig dabei war, äußerte:„Der eine zog an seiner Cigarre, und der andre zog an seiner, aber eine Viertelstunde lang that keiner von ihnen den Mund auf." Das Erlesenste haben die beiden gewiß unter vier Augen ausgetauscht. Als ein Bekannter Böcklin vor der ersten Begegnung mit dem Dichter fragte, wie er sich diesem gegenüber' wohl verhalten solle, erhielt er die Antwort:„Das beste ist. Sie reden ihn garnicht an." Es war eine ausgemachte Sache, dah Böcklin seinen Freund, der von früh an sehr schwach auf den Beinen war, nach Hause brachte: er faßte ihn unter den Arm und steuerte mit ihm langsam und mit manchem Halt, je nach dem Be- dürfnis des dichterlichen Gangwerkes, den menschenleeren„Zeltweg" zu seiner Wohnung hinaus. Einmal ereignete es sich auch, dah dem überreizten kranken Dichter der Dämon in den Nacken fuhr und ihn verleitete, seinem Freunde völlig ungerechtfertigte Grobheiten zu sagen. Böcklin entfernte sich wortlos und sagte nachher zu einem Bekannten:„Eigentlich sollte ich mich mit ihm duellieren. Aber er ist ja so klein I Ich kann mich doch nicht mit ihm schlagen I Aber natürlich kann ich nicht mehr mit ihm verkehren." Zwei Tage darauf sahen sie wieder beisammen. Sie konnten nicht mehr ohne einander sein... — Die Tretmühle, dieses barbarische Strafverschärfungsmittel, ist in englischen Gefängnissen immer noch im Gebrauch. Ich hatte. so erzählt ein Mitarbeiter der„Deutschen Roman-Zeitung". stet» geglaubt, diese Einrichtung existiere nicht mehr; aber ein Artikel in einer englischen Zeitung und eine Nachfrage bei Freunden belehrte mich eines- andren- Die„tread-mill" ist noch heutigen Tages„in .ull vigour"(in vollem Nachdruck), wie sich einer der danach� ge- .ragten Herren ironisch ausdrückte; das heißt in allen englischen Gefängnissen für schwere Verbrecher wird sie noch angewendet, teils zum Heraufpumpen von Wasser, teils zu mancherler Fabrikbetrieb, oder auch nur als Strafmittel und um den Gefangenen Bewegung zu verschaffen. Der Verfasser des kleinen Artikels machte kürzlich einen Versuch an der Tretmühle, als er ein englisches Gefängnis besichtigte— es war das von Portland—, aber es ist sein erster und letzter Versuch gewesen, und er rät jedem, der nicht mit außerordentlicher Körperkraft sowie mit kerngesunden Lungen und eben solchem Herzen von Mutter Natur bedacht ist, ernstlich, seinem Beispiel nicht zu folgen, wenn ihm etwa Gelegenheit geboten würde, ein Gefängnis in England zu besichtigen. Es wird eine spaßhafte Geschichte von einem Richter erzählt, der, als er das Gefängnis in einer Provinzial- Hauptstadt zu besichtigen hatte, die Tretmühle probieren wollte, um zu sehen,«wie das Ding eigentlich sei". Sein Wunsch war natürlich Befehl, und der Ober- richter, eine gewichtige Persönlichkeit und wenig an körperliche Hebung gewöhnt, fand sich bald an einer eisernen Stange mit den Händen hängend und gezwungen, seine Beine in ziemlich schnellem Tempo hoch- zuheben, wollte er den Grund, den ihm die stets unter den Füßen sckiwin- dende Treppe bot, nicht verlieren; im Anfang war das ganz lustig, aber schon nach zwei Minuten TretenS schrie er atemlos, mau solle halten, er hielte eS nicht aus. Ihm war nicht zu helfen, er mußte zehn Minuten aus- haten; die Mühle kann, wenn sie im Gange ist, nicht unter dieser Zeit angehalten werden. Ein boshaftes Geschick fügte es auch noch, daß der Nebenmann des Oberrichters ein Einbrecher war, der von ihm den Tag vorher zu achtzehn Monaten Zwangsarbeit verurteilt worden war und der den sich abquälenden, wütenden Richter mit höhnischem Lächeln und impertinenten Blicken betrachtete.— Diese Geschichte fiel dem Schreiber dieser Zeilen ein, als er sich, Wohl zu verstehen als Gast, in dem Gefängnis sah, und nachdem er durch düstere, lange Gänge, mit verschlossenen Thüren rechts und links, ge- schritten war, endlich in den Raum trat, wo sich die Tretmühle be- fand. Es war da nichts zu sehen, was unheimlich hätte scheinen können. Ein langes, bis auf einige rohe Holzbänke leeres Zimmer, in dem eine Anzahl Sträflinge und einige Wärter waren. An der einen Langseite des Zimmers waren einige Nischen in der Mauer, in denen man Teile der Tretmühle sah, die sich, von den Füßen der Sträflinge bewegt, von oben nach unten ohne Ende abzurollen schien. Jede Nische ist von zwei Mann besetzt, ein dritter steht dabei; er hat fünf Minuten Ruhe, während die zwei andern treten; nach genau fünf Minuten tritt der eine Sträfling ab, und der ausgeruhte geht an seine Stelle; nur das Kommando der Wärter zum Wechseln und ein leicht knatterndes Geräusch der Maschine unterbrechen die Stille, und den ganzen Tag geht es so fort. Stunde auf Stunde, nur mit kurzer Mittagsrast, bis man denken möchte, die Sträflinge, die mit Nummern angerufen werden, seien nicht mehr Menschen, sqndern Teile der Maschine. Nur wer zusieht, dem scheint die Sache gar nicht fo schwer oder ermüdend, für kurze Zeit nämlich, den ganzen Tag dürste es doch geisttötend sein. So dachte auch der Berichterstatter, er ivolle es versuchen, als er etwa eine Viertelstunde lang zugesehen hatte und sich genügend instruiert glaubte, um das Antreten und Abspringen wagen zu können. Er wurde in eine für den Augenblick leere Nstche geführt, und hier erwartete er das Kommando für Nummer eins— das war er— aufzusteigen. Er hatte beobachtet, daß zwei Stufen in jeder Nische waren, die eine für den rechten Fuß, zwei Fuß über dem Boden, die für den linken Fuß höher, und von da zu der horizontalen Sprosse des Rades war etwa ein Fuß höher zu steigen. Das ist höchst einfach, dachte er, als er hinanstieg und die eiserne Ouerstange ergriff, die den Händen als Halt dient, während die Füße sich bewegen müssen, um immer wieder einen Halt zu finden. Es war aber gar nicht so einfach; die Sprosse wich unter dem Fuß, und er fand sich in der Luft, an seinen Händen hängend und ver- gebens einen Halt für seine Füße suchend, was nach längerem Zappeln und Tappen auch gelang. Es geht prächtig, dachte er, als sein rechter und linker Fuß abwechselnd das Gefühl hatten, als drückten sie die Sprossen hinab; es ist ausgezeichnet für die Leber, dachte er weiter, und in seinem Vergnügen darüber fing er an, die Tritte zu zählen; die Zahl wuchs überraschend schnell, fünfzig, siebzig, hundert, zweihundert.„Die Uebung ist ausgezeichnet, nur ein wenig ermüdend," dachte er; die Beine singen an schwer zu werden und der Atem kurz. Es kann nicht mehr viel zu zehn Minuten fehlen, war sein Trost, und um sich zu vergewissern, stagte er, wie viel Minuten er noch habe. Der Bescheid war niederschlagend: „Drei Minuten sind Sie gerade am Rad." Noch sieben Minuten! Aber vor der Zeit abzutreten, dünkte ihm Feigheit, zudem ist auch das Abspringen gefährlich für den, der darin keine Uebung hat; noch fünf Minuten, die eine halbe Stunde zu währen schienen I Der Schweiß rann in Strömen über sein Gesicht, die Beine waren wie Blei, und wenn er sie auf die nächste Sprosse hob, war es ihm, als zögen an jedem sechs Mann, und zwar nach unten. Endlich, die Maschine verlangsamt ihren Gang und steht, die Füße sind so schwach, daß er die Stufen verfehlt und hinfällt.— Aus dem Tierleben. — Die Jungenzahl der Fledermäuse. In den meisten naturgeschichtlichen Werken findet man die Angabe, daß die Fledermäuse immer nur zwei Junge, meist sogar nur eins auf- «erantwortl. Redakteur! Julius Kaliski in Berlin.- Druck und Verlag: ziehen, da sie dieselben im Fluge umhertragen müssen und niest. nur zwei Brustwarzen haben, an denen die Jungen hängen. Man wußte indessen, daß einige Arten vier Brustwarzen haben,' wie zum Beispiel die bei New Jork lebende.Alalapha novaboracensis oder Lasiurus borealis. Bei solchen Arten ist die Frage jedenfalls be» rechttgt, ob sie nicht auch drei bis vier Junge zugleich säugen. Nun ist es dem amerikanischen Zoologen W. Lyon in der That gelungen, bei der obengenannten New I orker Fledermaus das Vorkommen von drei bis vier Jungen festzustellen. Er hatte schon bei der Sektton dieser und einer andren Art derselben Gattung jedesmal drei Junge gefunden, und kürzlich wurde dem New Dorker American Museum aus Columbien ein lebendes Exemplar der obengenannten Art gesandt, das an jeder seiner vier Brustwarzen ein Junges ttng, wobei Haarbüschel der Mutter, welche die Jungen mit dem Maule mit ergriffen hatten, anscheinend das Festhalten er- leichterten. Lyon wog die Jungen und fand sie zusammen 12,7 Gramm schwer, während der Körper der Mutter 11 Gramm wog. Sie trug also in ihrer Nachkommenschast eine Last, die ihr eignes Körpergewicht übertraf.—(„Prometheus".) Humoristisches. — In der Sonntagsschule. Der Lehrer warnt die Kinder vor Tierquälerei und fährt fort:„Denkt Euch nur, Kinder, icki kannte einen Jungen, der hatte einem armen Kälbchen den Schweif mit einem Messer abgeschnitten. Ist das nicht grausam und abscheulich? Kann mir einer von Euch eine Stelle in der Bibel nennen, die den grausamen Jungen gewarnt hätte, das arme Tier zu verstümmeln?" Lange Pause und plötzliche Erleuchtung einer Schülerin:„WaS Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden."— — U eberirdische Liebe.„Und liebst Du ihn denn wirklich?" „Ob ich ihn liebe? Sieh Dir mal mein Kleid an," „Ja. und?" „Hat es die geringste Aehnlichkeit mit der jetzigen Mode?" „Offengestanden, es hat--" „Es hat feine?" „Nein 1" »Siehst Du, und ich ttag's doch, weil es ihm gefällt."-- („I u g e n b".) — O, dieser Dialekt! Aus P ö ch l a r n wird der Wiener „Zeit" geschrieben: Folgende nette Episode hat sich vor dem Schalter einer Sekundärbahnstation jüngst ereignet: Da„Rarapointer-Loisl" is sei' Lebta' no nia nit mit da Bahn g'fahrn. Heunt aba muß er auffi af Melk, va durtn aftn mit da Post weiter, denn a seiniga Beda drunt in Weirlbachgrabn hat dö diamanterne Hoza't. AlSdann steht a ban Schalter und klopft mit sein Stecka aufs Fenster. Da Kassier macht brummi' auf und stagt'u Loisl nach sein' Begehr. „A dritte Karin af Melk 1" sagt da Loisl und reicht stolz a Fufzig- kronennote dem Kassier hm, dö er scho a guate Stund in da Hand g'haltn hat.„Haben Sie vielleicht Kupfer?" fragt ihn der Be- amte.„Na," sagt da Loisl,„dö Kupfer(Koffer) hau in z'hauS laffn, aber fürcht' Di net, a Trinkgeld kriagst do I"— Notizen. — Im Dresdener Residenz-Theater wird am 25. Juli die vierakttge Komödie„Der Uebermensch" von Karl Müller- Rastatt und Johannes David zum erstenmal aufgeführt.— — Oskar Blumenthal hat einen Lustspiel-Einatter in Versen:„Wann wir alt werden" geschrieben. Das Stück wird im Wiener Burgtheater zum erstenmal gegeben werden.— — Detlev von Liliencron ist eine königliche Gnadengabe von jährlich 2000 M. zugewandt worden. Die Hamburger„Pfeffersäcke" haben„ihrem" Dichter, Gustav Falle, be- kanntlich 1000 M. mehr bewilligt.— c. Wie die„Mcnesttet" berichtet, hat der russische Pianist Wassili Sapellnikoff soeben eine Oper mit dem Titel „Der Khan und sein Sohn" beendet, deren Text von Maxim Gorki stammt.— — D a n z e r s Orpheum in Wien soll in ein„I n t i m e S Theater" umgewandelt werden, das neben deutschen und französischen Stticken leichteren Genres auch ernstere Dichtungen bringen wird.— — In Tongern in Belgien wurde ein gut erhaltenes römisches Hypokaustum(Dampfbad) aus der Zeit Konstantins steigelegt. Die Anlage ist fast neun Meter lang und sieben Meter breit.— — Die Johannisburger Heide in Ostpreußen ist mit einer zusammenhängenden Fläche von 06 445 Hektar, die von zwanzig Oberforstereien bewirtschastet wird, der größte Wald im preußischen Staate. Vorwiegend ist es Kiefernwald; auf dem mit Lehm vermischten Sandboden ist auch die Fichte heimisch, und in der Nähe von Bruchstellen finden sich größere Erlen- und Birkenbestände.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 26. Juli. Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin