UnlerhaltungsMatt des Horwärts Nr. 144._ Sonntag, den 26. Juli. 1908 (Nachdruck verboten.) � ßöle JNläcbte. Roman von Jonas L i e. „Wo bist heute nur eigentlich geblieben, Klaus" fragte Gjertrud,„wir sind schon seit einer Stunde mit dem Mittag- essen fertig. Hast Du irgendwo außer Hause gegessen?" „Ach,. Gjertrud, das geht uns ja doch nichts an," meinte der Direktor liberal,„er hat wohl mit den Freunden bei Madame Michelscn gesessen, wie?— Man muß ihn ruhig seiner Wege gehen lassen." „Vater Pflegt ja zu sagen, daß ich die Speisezeit niemals vergessen kann. Aber dann habe ich es heute doch einmal gethan, ganz zufälligerweise," sagte Klaus und reichte ihm ein Telegramm über den Kaffeetisch.„Nun, nimm und lies� was da steht! Ja, die Eisenbahn ist vom Reichstag be- willigt.— Große Feststimmung und Zusammenrottung oben bei Madame Michelsen natürlich.-- Wir folgten dem Schluß der Verhandlung per Telegramm, und als die Ab- stimmung kam, brüllten wir ein neunmaliges Hurra!" „Das muß Dir doch eine große Freude sein, Bratt!" rief die Mutter aus.„Da hast Du doch etwas ausgerichtet!" „Ja, Vater, das hast Du wirklich!" „Ja, weißt Du, Jette," sagte der Direktor, still bewegt durch die Nachricht,„den Ausfall konnte man ja nicht so sicher voraussehen, aber ein wenig Verdienst bei der Sache kann ich mir wohl zuschreiben.— Es ist so sonderbar. Du," fuhr er nach einer kleinen Pause fort, während er dasaß und grübelte,„vor nur wenigen Jahren war es mir, als müsse es der stolzeste Augenblick meines Lebens sein, wenn ich dies Ziel jemals erreichen könnte, und nun, da wir so weit sind! Es sind jetzt so viele, die dabei Gevatter gestanden und gleich- sam daran gerüttelt und gerührt haben. Es war mein Vor- schlag, und die Leute schüttelten damals den Kopf über mich deswegen.— Es schien so unmöglich, so undenkbar.— Und dann auf einmal wurde es ganz denkbar!" „Da kann ich Dir denn doch so ganz im Vertrauen mit- teilen, Vater, daß schon lange in der Stadt der Plan angeregt ist. Dich als Vater,— nicht allein Deiner drei Kinder,— sondern auch der Eisenbahn hier im Distrikt zu feiern. Die Frage wurde mich heute oben bei Madame Michelsen erörtert. Man will den Tag benutzen, wo die Bestätigung von feiten der Regierung offiziell hier eintrifft, um in Form einer Deputation aus dem Vorstand der Stadt und den verschiedenen Kreisen, Dir,-- ach ja, es bleibt doch kein Geheimnis,— und Hab' ich erst einmal?l gesagt, muß ich auch B sagen,— Dir ein silbernes Trinkhorn mit getriebenen Figuren zu über- reichen." „Mir? Mein Junge, mir?" „Nein, nein, sieh doch einmal den Vater an, Mutter! Er ist weiß Gott zur Veränderung einmal bescheiden." „Klaus kommt heute wirklich ordentlich mit Nachrichten beladen nach Hause, Du, Jette," lachte der Direktor. „Der Vater glaubt wahrhaftig, daß ich ihm schon alles mitgeteilt habe, Mutter, und nicht die Hauptsache verborgen habe. Und doch habe ich das nun schon eine ganze Zeit mit mir herumgetragen— vom Februar bis zum Mai, ohne daß jemand von Euch es mir hat anmerken können, sollt' ich meinen!— Dein scharfer Blick hat mich natürlich durchschaut, Gjertrud?— Ich bin fest überzeugt, daß sie es hinterher sagen wird,— sie sieht ja alles, Mutter.-- Aber die beste Rosine habe ich denn doch im Sack behalten, und darüber wurde ebenfalls heute verhandelt, während wir in der größten Spannung auf die Telegramme warteten.-- Es ist nämlich nichts Geringeres, als daß Vaters Bild im Direktoren- zimmer der Sparbank aufgehängt werden soll, als Stifter der Bank." „Was sagt Du dazu, Bratt?" fragte die Mutter. „Wer nur ein wenig schön wäre!" scherzte der Direktor; er ging im Zimmer auf und nieder. „Nein, eitel ist der Vater wirklich nicht, Mutter, er will nur für sein Leben gern in der Sparbank aufgehängt werden!" „Du Schlingel!" murmelte der Direktor, er war in rosigster Laune. „Da war nur eine Stimme über die Sache, oder viel- mehr ein Geheul, als Deine Mitdirektoren, der Kämmerer und Mulwad den Vorschlag machten, daß auch sie und einige Repräsentanten der Sparbank sich in Prozession bei Dir einfinden und Dich um Erlaubnis bitten wollten, Abraham Johnston eine Kopie von seinem vorzüglichen Bilde von Dir anfertigen und im Direktionszimmer aufhängen zu lassen. So,— nun könnt Ihr vielleicht verstehen, daß ich guten Grund gehabt habe, das Mittagessen zu versäumen!" „So, so,— ja.— dahinaus also wollte sie,— mir soll die Ehre zu teil werden,— daß ein Sohn von Herrn Johnston."-- Dann blieb er am Fenster stehen und schaute hinaus. „War Johnston auch da?" wandte er sich plötzlich an Klans. „Ja, und wir grawlierten ihm natürlich auch, als Potentaten, dessen Wälder jetzt an der Eisenbahn liegen." „Ich, ich allein, habe diesem Manne Gold und Macht in die Taschen geschüttet," murmelte er, finster vor sich hin- schauend, es klang beinahe wie ein schwerer Seufzer.„Herrn Johnstons Sohn,-- das Kunstwerl des jungen Erben,— ha ha,— ha.— danke bestens für die Ehre!—— Und man will gar als Deputation kommen und mir die große Ehrenbezeugung anbieten für eine zwanzigjährige Arbeit und dafür, daß die Sparbank nun ein Vermögen von hundert- undfünfzig Tausend besitzt? Ach nein!" er wandte sich voller Empörung um,—„ich danke ganz verbindlichst, ich werde doch wohl im stände sein, die Wand in der Sparbank davor zu bewahren!" Er griff nach der Mütze und eilte in das Sägewerk hinunter. „Hier geht es ja zu wie im Tollhaus," rief Klaus aus, ganz ratlos vor sich hinstarrend.„Sie wollen ihn bis in die Wolken erheben, und er schlägt mit den Beinen um sich! Ich will eine Prämie für den aussetzen, der das zu begreifen ver- mag. Ja,— wenn alles kopfüber gehen soll,— jedenfalls sammelt man Welterfahrung!"— bitter wandte er sich um und setzte sich an den gedeckten Eßtisch. „Wclterfahrung, das!" sagte Gjertrud leise hinter ihm her. „Der arme Klaus, er hat wirklich gute Anlagen, wenn nur die Welt ein wenig besser wäre!" seufzte Frau Bratt aus tiefstem Herzensgrunde. Sie sah so sonderbar aus, es lag etwas beinahe Schreckerstarrtes in ihrer Miene. Plötz» liMsfaßte sie die Tochter beim Arm.— „Gjertrud, nein, hier könnte jemand kommen, Gjertrud, folge mir!" Sie eilte hinaus, durch den Garten, von der besorgten Tochter gefolgt, ganz bis an die äußerste Laube. „Gjertrud," sie überzeugte sich noch einmal wie in panischem Schrecken, ob jemand sie hören könne.„Es muß heraus, ich muß es Dir zuflüstern, ganz leise zuflüstern, ich wage es nicht, Gjertrud! Der Vater fängt an, sich so ganz und gar zu verändern, ich habe es längst gesehen, habe es aber erst in allerletzter Zeit verstanden, eigentlich erst heute! Wir können ihm nicht helfen, können ihm nicht helfen, er ist, wie soll ich es nennen, laß es mich nur gerade heraus sagen!" seufzte sie.„die Beute einer abscheulichen, elenden Mißgunst gegen Johnston." „Aber, beste Mutter!" unterbrach Gjertrud sie,—„Du weißt, der Vater ist stets so gewesen, daß er niemanden neben sich geduldet hat.— Es ist nicht Johnston allein!" „Ach nein, ach nein,— es ist, als würde er mit einem glühenden Eisen berührt, sobald nur Johnstons Name genannt wird!— Es brennt und sengt in ihm.-- Eine ganz zu» fällige Aeußernng kann ihn von Sinn und Verstand bringen, — kann zu der größten Kränkung für ihn werden!— Er verbirgt es,— beißt sich in die Finger,— hast Du das nicht gesehen? Ja, ja, seine Laune ist förmlich vergiftet, er hat keine Macht mehr über sich. Und das Schlimmste bei der Sache ist, er zwingt seine starke, offene Natur zur Heuchelei,—> leidet daninter, quält sich,— wenn dies keine Seelenhölle ist» so weiß ich wirklich nicht, was man darunter verstehen soll!— Ts ist mir oft, als bekäme er so ein abscheuliches, ab- scheuliches Doppelgesicht. Ach,— er thut mir so unsagbar leid," stöhnte Frau Bratt. „Er liebt und haßt Johnston gleichzeitig. Es ist etwas Wahnsinniges darin.— Und— dann fürchte ich," flüsterte sie geheimnisvoll,„daß etwas zwischen ihn und Johnston getreten ist, etwas Unbegreifliches, woran der Vater die Schuld trägt.— Ich fühle, wir sind in etwas Böses hineingeraten, Gjertrud, in etwas, was die Welt nicht sieht.— Ja, der Vater ist krank, krank, unzurechnungsfähig, besessen," sie schluchzte, „von einem verzehrenden Neid besessen." Sie vergrub ihr Gesicht in dem Schoß der Tochter. „Das ist ja genau so wie mit mir und Abraham," platzte Gjertrud plötzlich heraus. Sie saß ganz versunken da und starrte mit den dunklen Augen in eine ganze Welt hinein. Sie kannte es nur zu gut. Es war, als griffe Plötzlich eine eiserne Faust in ihre Brust, so daß man wie mit einem Schlage ein ganz andrer Mensch wurde, verschlossen, steif, fremd. Mit einem prophetischen Auge schaute sie aus der Tiefe ihres.Herzens in das des Vaters hinüber, wie durch eine Fensterscheibe.— Eifersucht— Neid— nur zwei verschiedene Bratroste— dieselben wahnsinnigen dualen! Hatte sie nicht schon ihre eigne Liebe getötet? schrie es in ihr. Sie streichelte leise den Kopf der Mutter, als habe sie einen kleinen Vogel vor sich. Ach, wie entsetzlich traurig das doch war! Die Mutter war aufgestanden und wanderte in der Laube hin und her. „Ich habe daran gedacht, Gjertrud, ob mau nicht au Abraham schreiben müßte? Johnston ist in der letzten Zeit so schwach geworden und sieht so bedrückt aus. Wenn ich ihm schriebe, oder—" sie sah die Tochter still forschend au,„was meinst Du, Gjertrud, glaubst Du, daß es anginge, wenn Du ihm schriebest? Was hältst Du für das beste? Er sollte gewiß nach Hause kommen. Ich finde wirklich, daß es ganz notwendig ist', ihm einen kleinen Wink zu geben, wie sehr sein Vater seiner Gegenwart bedarf. Wenn Tu schreiben wolltest, Gjertrud, so—" „Ich, Mutter? Ich sollte schreiben— jetzt?"— Es lag vor ihrem Blick wie ein langer eingeschrumpfter, zerrissener Faden— zwei, drei Jahre für ihn in einem wogenden, buntbcwegten Leben, voller Spannung und jEbr- geiz zwischen heute und jenem Tage auf der Landstraße. Sie, dabeim in der kleinen Stadt, war seinem Gedankenkreis cnt- wachsen, ein längst abgestreiftes Ideal. (Fortsetzung folgt.)j (Nachdruck verboten.) Sonntagmorgen. Von Emil Rosenow. Herr Kreher, der Rentier und Hausbesitzer, saß in der Wohn- fhibe, ihm gegenüber in der Sofaecke strickte seine Frau an einem Strumpf. Herr Kreher war in Hemdsärmeln, ohne Kragen. Er hatte schon seine Sonntagshose an. und am Haken hing bereits der sauber gebürstete Sonntagsrock. Denn Herr Kreher war fromm und wollte in die Kirche gehen. Die Haare brauchte er nicht mehr zu bürsten, dicweil er keine mehr hatte, und sein Kopf so kahl war wie ein Porzellanteller. Aber um Kinn. Backen und um den Mund, mit den dünnen geizigen Lippen, hatten sich die Stoppeln der Woche angesammelt. In regelmäßigen Abständen fuhr Herr Kreher mit der Hand über Kinn und Backen, zog eine Grimasse und warf dann einen mißvergnügten Blick auf den Tisch, wo Kragen und Krawatte sauber neben einander lagen. Tja, tja," machte Kreher und tätschelte ungeduldig scineKnie. Dann reckte er den Hals und blickte durch das niedrige Fenster auf die Straße, über die bereits die ersten Kirchgänger zum Marktplatz und zur Kirche hinunter gingen. „Er kommt noch immer nich'," sagte er. Frau Kreher legte den Strumpf in den Schoß, schob die Brille auf die Stirne zurück und meinte: „Wceste... wenn de nu emal so gingst..." Aber. ihr Mann warf ihr einen strafenden Blick zu. Am Sonntag und in der Kirche unrasiert erscheinen— die Gevatterschaft würde ja eine ganze Woche Stoff zum Klatschen haben I Dann sagte Herr Kreher:„Ich thät ja ieberhaupt nich' geh'n, aber m'r hat doch emal seinen Platz in der Kerche bezahlt, da »uecht m'r'n ooch ausnutzen." Seine Frau schlug ärgerlich auf den Tisch..Js' das ieber- Haupt e' Balbier... he? Er wohnt bei uns zur Miete, da sollt'r doch tent Ehre drlnne seh'K, seinen Hauswirt zu bakbieren. Aber er hat gar kee' Schenie, er is' e' ganz bmirru liger Määrsack. Derweg'n kommt'r ooch uff kernen grienen Zweig." „Nu," machte Herr Kreher.„'s wird sinn,'s sein itze viele Fremde im Ort. Sc woll'n uff die Bastei, un' in de Schweden- löcher oder mit'n Schiff die Elbe nuff. Da möcht'r uff den Dienst spannen." „Wie das itze bei uns is'," sagte die Frau,„da thät sich t' richt'ges Balbiergeschäft Verl anen." „Hm... hm. Wcnn's Sommer is', da sprech' ich: ja. Aber im Winter, da thät so e' Gcsci istsmann nich' de Miete verdienen. Die Hiesigen, die lassen wack.jui, was wächst. Wenn wir besseren Leite," Herr Kreher reckte sich hierbei,„nich' e' bill' großstädt'sch dächten un' uff den äußer'n Menschen hielten, da wär'sch gleich gar nischt. Da muß m'r denn zefrieden sein, wenn d'r Zigorr'lmacher sich mit'n Balbieren uff'n Sonntag eene kleene Ncbenbcschäst'gung ntach�." Frau Kreher strickte wieder. Nach einer Weile entschied sie: „Was d'r Körner is' mit seine fünf Kinner... brauchen kann'rs." „Na freilich, brauchen kann'rs. Iln' fier das bill' Stube un' Küche bezahlt er mir doch eene schcene Miete. Da soll'n m'r ihm nur seinen Verdienst lassen. Een and'rer Mieter giebt m'r nich' die Hälfte, was m'r d'r Körner an Miete giebt." Die Frau wollte etwas erwidern, da sie aber gleichzeitig einen Blick auf die Straße warf, stockte sie und rief:„Itze kommt'rl" „Gott sei Dank," seufzte Herr Kreher. setzte seinen Stuhl mitten in die Stube und hockte sich drauf. Derweilen polterte jemand die Trppe herauf, es klopfte, und ein schmächtiger Mensch trat ein. Er war der Cigarrenmacher Kömer. der zugleich das Barbiergeschäft im Ort versorgte, indem er Sonntags von Stube zu Stube lief und seine Kundschaft suchte. Sein Gerät trug er in einen» Wachstuchpäcklei» in der Hand. Sein dürftiger Rock war voller Seifen- und Oclflccke. „Tag ooch, Herr Kreher, Tag, Frau Kreher," sagte er be- scheiden, und dann ging er auf den Tisch zu, um sein Gerät hin- zulegen. Frau Kreher schob an einer Ecke die Plüschdecke zur Seite, damit sie ja keinen Fleck bekomme, und meinte verdrießlich:„M'r woll'n in die Kerche un' dad'rbei kann m'r uff Ihnen lauern."' Der Barbier holte eine Serviette aus der Tasche und packte sein Messer aus.„Ja, Se mechten cntschuld'gcn, Frau Kreher un' Herr Kreher, aber wie das itze is'... m'r ha'm de Fremden- saison. Im Gasthof sein'ne Masse Durchgangsgäste un' da mecht' m'r doch's Geschäft mitnemm'n. Na, un' aus'm Warten darf m'r sich ooch nischt machen, säh'n Se... Spricht der Oberkellner: der Herr is noch uff seinen Zimmer, er wird glci' kommen... na, da mutz m'r ä'm warten, bis's'n wird passen." Er band Hcrm Kreher die Serviette um.„Denn, säh'n Se, mci' lieber Herr Kreher, bei so'ncm feinen Hcrre da setzt's leicht 'ncn Neigroschen Drinkgcld." Er sagte das mit besonderer Betonung. Aber Herr Kreher machte dazu ein Schafsgesicht, während seine Frau ärgerlich sagte: „M'r zahl'n, wat's kost'... Fertig, Feucrbachl" „Nu freilich, nu was denn, Frau Kreher," lenkte der Barbier ein,„ich sag' ooch nur eso." Und er begann seinen Hauswirt energisch einzuseifen. Als er damit fertig war, begann er sein Rasiermesser am Leder abzuschleifen. Dabei schweiften seine trockenen Augen träum- verloren in die Ferne, über seinem bekümmerten Gesicht lag ein sehnsüchtiger Zug. Er hielt plötzlich inne und sagte: Wissen Se. Herr Kreher un' Frau Kreher, wenn m'r sc die reichen Leite sitt, die de so zu ihr'n Vcrgnicgen reisen, da merkt m'r doch erscht, was m'r fier e' armer Mensch is'. Eene Dame war im Gasthof, mit euer Bluse ganz aus Seide un' französ'sche Spitzen... un' eenen Gürtel mit eenen schweren goldenen Schloß, un' dazu eenen weißen Rock, eso eenen feinen Stoff ho''ch ieberhaupr noch nich' gesah'n. Un' dadr'zu weiße Schucke... se spricht: wenn se se dreimal angezog'n hätt, nachh'r schmeißt se se weg... Nee, necl Un' die andern Damen...1 Hüte mit echte Straußen- federn, un' Diamantohrringe. Un' wenn se die Rechnung bezahlen. eegal Goldstücke un' eegal Goldstücke." Herr Kreher machte ein paar lüsterne Augen, die Frau aber meinte mit giftigem Neide:„Wer Ivccs, wo se's herha'm... die Menscherl Da thun se sich dabei dicke. Aber wie die sich in d'r Großstadt ihre Klunker verdienen, das is' manchmal nich' fein." Der Barbier faßte Herrn Kreher mit Daumen und Zeige- finger an der Nase und zog so seinen Kopf zurecht. Dann be- gann er seine linke Wange mit dem Rasiermesser zu kratzen. Plötz- lich hielt er wieder inne und ohne Herrn Krchers Nase loszulassen. sprach er wieder zu der Frau: „Wissen Sie, Frau Kreher. m'r staunt richtig ieber die Leite. Der Reichtum, nee der Reichwml Die Leute ha'm's ja eso, gut uff d'r Welt. E' Armer kann's im Himmel nich' besser ha'm wie die's uff d'r Welt ha'm. Das is' ja e' Vergniegen un' e' Ver- gniegen, das is' e' Amusemang un' e' Amusemang. Da giebt's gar kee' Gefitze bei die Leite." „Ja. ja," sagte Frau Kreher und prüfte mit schlecht ver« hehltem Aerger die Strickmaschen ihrer Strümpfe. Der Barbier aber redete weiter: »Ta is' e' Herre aus Berlin dagewäseA. Der �at eenen ganz lveihen Schakettanzug an... ganz weiß. Un' graue Schucks hat er dazu. Un' wo mir die Weste ha'm, da hat er eene breite rot- seidene Binde ieber'n Bauch un' oben druff ecn goldgesticktes Mono- gramm. Uff eemal springt'r uff un' macht Spektcöel... er hat seine Kravattennadel verloren... eene Nadel fier dreihundert Mark. Un' da sprechen se doch icber ihn. er soll's bei der Poll'zei melden. Aber er spricht:.Ach wasl Futsch is' futsch!"... Denken Se sich emal, Herr Kreher, eene Nadel fier dreihundert Mark, un' er spricht: Futsch is' futsch." Herr Kreher begann plößlich zu pusten und stotterte durch die Nase:.Sag' emal, mei' lieber Kerner, Du meenst wohl, ich war' e' Uchse, weil de mich cegal am Nasenring hältst?. Der Barbier ließ des Rentiers Nase los.„Entschuld'gen Se gictigst, Herr Kreher, entschuld'gen Se. Das is e' so e' Kunstgriff von mir. Jtze sein m'r fert'g." Er kratzte ihm das Kinn frei. Dann holte er Wasser herzu und begann ihm sein Geficht abzu- spülen. Plötzlich stockte er wieder. „Die Leite, nee die Leite! Unsereens hat gar keenen richt'gen Begriff, wie viel Geld's in der Welt giebt. Da sitzt m'r nu mit seiner Frau un' finf Kinner. Finf Kinner, Herr Kreher. Sie ha'm keens, Sie wissen nich', was es sier'ne Miche kost'... aber se uffzeziehen, das is' erscht'ne Michel Ei du lieber Gott!..." Herr Kreher löste die Serviette und rieb sich Wangen und Kinn.„Ja, ja, mei' lieber Kerner, dafor ha'm mir nu Widder and're Sorgen." „Mir, Herr Kreher... jawoll, mir... Aber die Leite, Herr Kreher... die Leite!" Er strich den abgekratzten Seifenschaum vom Finger in eine Blechbüchse und klappte sie zu. Tann legte er seufzend seine Serviette zusammen.„Da is' eener," erzählte er, „der war zwee Monate in Karlsbad. Jtze macht er zur Nachkur durch die sächs'sche Schweiz. Uff'm Prebischthor un' dem Winter- berg is'r schon gewäsen. Nu macht'r ze Schiffe nach Kecnigsteen. Denn will'r nach Loschwitz'nunter, da hat'r im Hotel uff sechs Wochen'ne vierzimni'rigc Sommerfrische gemitt! Was das'e Geld kost'! Un' wenn m'r so zuheert, da geht's eegal: Norderney... Hcringsdorf... Brenner.., Italien... Steiermark... Was die Leite sich bieten können... nee, nee!" Von dem reichen Kreher sprach er gar nicht mehr. Vor dem märchenhaften Glänze des fremden Reichtums sanken die Rentiers- leute förmlich zu Bettlern herab. Auch die Krehcrs empfanden das. Er guckte verdrießlich dem Barbier zu, sie aber erhob sich würdevoll und sagte langsam: „Mei' lieber Keiner, ich will Sie mal was sagen: mir ha'm ooch unser Geld... mir ha'm mehr, wie mancher gloobt, wenn die. Frau Kreher ooch nich' in Seide leeft un' der Herr Kreher keene Diamantringe hat. Mir ha'm unser Geld nich' in der Großstadt erworben, mir ha'ms ehrlich im Ort verdient un' im Ort laben m'r d'rvon un' schmeißcn's nich' uff Vergnügungsreisen'rum. Das halt ich vor'ue Gottlosigkeet un' for'ne Sinde. Sei' Geld soll m'r bcisammcnhalten un' hat m'r was übrig, da soll m'rsch an die Bc- dürst'gen geben. Jawoll, mei' lieber Kerner. Wohlzuthun und mitzuteilen vergesset nicht... eso steht's geschrieben, un' eso denken die Krehcrs, weil se noch Christen sein. Un' nu wär' ich mich emal anzich'n un' in die Kerche geh'n." Würdevoll ging sie hinaus. Herr Kreher aber sagte:„Das war «mal e' Wort. Das unterschrcib''ch Satz for Satz." Er suchte in der Westentasche.„Was kost' denn's Balbieren? Noch immer'nen Neugroschen?" Er reichte das Groschenstück hin.„Da hier, mei' lieber Kcrner." „Ich dank' scheene, Herr Kreher, ich dank' scheene." sagte der Barbier und wickelte seine Sachen zusammen.„Nee... Ihre Frau ... also Ihre Frau... nee, das is' eene Frau!" „Ja, ja," sagte Herr Kreher. Er stand vor dem Spiegel und machte seinen Kragen vor. Der armselige Mann am Tische druckste eine Weile. Dann nahm er sich ein Herz und sprach: „Wissen Se, was Ihre Frau da gesagt hat... das war mir grade wie eene Predigt, Herr Kreher,'ne richt'ge Erquickung war'sch." „Ja, ja." Herr Kreher band die Krawatte vor. „Un' das gibt m'r ooch Mut, Herr Kreher, denn säh'n Se.,. ich ho' schon mit Sie sprechen ivollen." „Was hat's denn, mei' lieber Kerncr?" „Nu... da doch morgen d'r Erschte is'... un' ich bring' den Mietszins nich' zcsamm'n un' bring''s nich'. Mit meiner Frau un' meinen fünf Wirmern kann ich's eemal nich' erwürgen. Un' da wollt' ich recht scheene bitten, Se mochten'n Einsäh'n ha'm un' geduld'gen sich den Monat." Herr Kreher hatte den Rock angezogen. Sein Gesicht lag in steifen Falten.„Un' am nächsten Erschien da wird Sie's noch schwerer, zwee Monat Mietzins uff eemal zc bezahlen un' ich guck' in den Mond. Nee, mei' Lieber, das gibt's e' fier allemal nich'." „Herr Kreher, ich bitt' Ihnen recht,*. wenn Se denken, was jJhre Frau gesprochen hat..." Der Rentier wehrte energisch ab.„Was meine Frau gesprochen hat. das meent se ganz im allgemeenen un' das geht uns hie pischt an." Frau� Kreher war wieder eingetreten, im Sonntagsstaat, das Kirchengesangbuch in der Hand.„Was is' denn?" frug sie. „D'r Kerncr will den Mietzins gestund't ha'm." Die Frau rang nach Worten.„Was is' das? D'r Kerner hat ftjoll'nen Affen? Tie scheene Stube un' Küche ha'm mir Sie fier den Mietzins halb geschenkt, un' den tvoll'n Se ooch noch gepumpt ha'm? Un' dabei läßt sich mei' Mann bei Sie balbier'n un' gibt Sie ewas ze verdienen?" Sie schlug auf den Tisch.„Wenn er nich' pünktlich dehie liegt, nachh'r fliegen Sie'naus! Fertig, Feuerbach!" Die Krehers schritten hinaus. Die Kirchenglocken läuteten feierlich. Sie gingen langsam nebeneinander die Straße entlang über den Markt und in die Kirche. Der Barbier stand demütig im Hausflur und sah ihnen nach. Droben hörte er seine Kinder schreien, und er mußte sich die Augen wischen.— Kleines feiiUleton» Ik. Grunewaldflora. Das hohe Ansehen, dessen der Grüne- wald sich bei den Botanikern zu erfreuen hat, beruht auf der reichen Vegetation der Moore, die sich an und zwischen seinen Seen lagern; es giebt viel des Eigentümlichen darin. Im Gegensatze hierzu ist der Pflanzenwuchs des eigentlichen Grunewaldbodens recht arm an Arten, so daß man schon eine ziemliche Strecke wandern muß. ehe man einen Strauß beisammen hat, in dem wenigstens drei Farben vertreten sind. Dafür ist die Zahl der Individuen einzelner Arten um so größer. Zunächst müssen wir uns erst etwas aus dem Revier der Butter- stullenpapiere entfernen. Wo viele Fußtritte den sonst so festen Waldpfad in nachgiebigen Mulm verwandelt haben, flieht die Vege- tation zurück. Aber schon ein paar Meter ab vom Wege wogt ein Meer von zierlichen, zwei Fuß hohen rötlichen Halmen der Wald- schmiele unter den Kiefern, so weit das Auge reicht. Die zierlichen Rispen, aus deren Achrchen kurze Grannen hervorragen, sinh charakteristisch für die Kiefernwälder der Mark. Die Waldschmiele stellt den Hauptanteil der Grasvegetation des Grunewaldes, während andre Gräser, wie das Wiesenruchgras, das im Walde sonst eigentlich nichts zu suchen hat und einige andre Gräser, die fast nur aus lateinische Namen hören, nur ab und zu in Menge auftreten. Zwischen den Halmen schimmern hier blaue Glockenblumen, dort kleine rote Nelken und die gelben Blütenwölkchen des Labkrautes; die rötlichen Blüten des Quendels oder wilden Thymians pressen sich dem Boden an. Ab und zu tritt ein Bestand des Adlcrfarrns auf, der— weil er hier der einzige seiner Gattung ist— nicht leicht mit einem andren Farrn verwechselt werden kann. Die Versuche, einen solchen Farrn mit den Wurzeln auszuziehen, mißlingen stets, die Wurzeln gehen erstaunlich tief. Dicht unter dem Ende des Stengels bricht der Wurzelstock ab. Ein Querschnitt mit dem Messer zeigt die eigentümliche, wohlbekannte Anordnung der Gefäßbündel, deren Figur man mit einem Doppeladler zu vergleichen beliebt. Unter den starken Eichen, die als trübseliger Rest einstiger Laubwaldpracht des Grunewaldes zwischen den Kiefern zerstreut herumstehen, lieht die Vegetation etwas anders aus. Der kleine Sauerampfer bildet hier Kolonien und die große Brennessel stattliche Gebüsche. Beides sind nicht gerade Waldpflanzen und besonders die Nesseln gedeihen sonst nur auf Standorten in der Nähe menschlicher Niederlassungen, weil sie eines Bodens bedürfen, der mehr oder weniger durch tierische Ausscheidungsprodukte gedüngt sein muß. Das Auftreten im Walde unter hohen Eichen erklärt sich daraus, daß unter den schutzgewährenden Laubdächcrn die Tiere des Waldes lagern und es daher an den angedeuteten erforderlichen Bedingungen zum Gedeihen der Brennessel nicht fehlt. Der Grunewald soll Volkspark werden, das Wild wird nach andren Orten übergeführt, und mit seinem Verschwinden werden auch die Brennesseln unter den Eichen des Grunewaldes eingehen. So hängen oft Dinge zusammen, die bei oberflächlicher Betrachtung nicht die mindeste Verbindung mit einander zu haben scheinen.— gc. Besuch eines altrömischen BadeS. In seinem soeben er- schienencn Werke:„Die Geschichte des Badcwescns" schildert der Berliner Arzt Dr. Bäumer sehr anschaulich den Besuch eines alt- römischen Bades. Diese, die Thermen, sind nicht Badeanstalten in unserm Sinne, sondern eine Stätte für geistige und körperliche Aus- bildung und Erholung. Sie enthielten nicht nur Baderäumc, sondern auch Bibliotheken, Kunstsammlungen und Plätze für Leibesübungen, Die Wasserflächen der Schwimmbassins in den römischen Thermen erreichten eine Größe, mit der verglichen auch unsre größten Bade- anstalten nur winzig klein erschienen. Einige Zahlenangaben mögen dies verdeutlichen: Die Thermen des Diokletian bedeckten eine Grundfläche von 12S 000 Quadratmeter, die Wasserfläche des Schwimmbassins 1700 Quadratmeter. Die entsprechenden Zahlen für die Thermen des Caracalla sind 124 000 Quadratmeter und 1300 Quadratmeter. Vergleichen wir damit eine der größten Schwimmanstalten Deutschlands, die in Dortmund, so bedeckt dieselbe ein Areal von 1100 Quadratmeter und die Fläche ihres Schwimm- bassins 200 Quadratmeter. Nachdem wir das Eintrittsgeld, einen Quadrans, etwa 5 Pfennige, entrichtet haben, legen lvir in dem Ankleideraum, Apodyterium, unsre Kleider ab. Wir betreten nun das Tepidarium. Eine laue, wohlthuende Luft umweht uns hier. An den Wänden entlang stehen bequeme Bänke von Meisterhand aus Marmor oder Bronze gebildet. Wir lassen uns behaglich nieder, um mit Freunden und Bekannten, die wir zahlreich hier antreffen, die Zeit zu verplaudern. Der ganze Raum hat etwas außerordentlich Behagliches, Wände und Decken sind reich mit Skulptur und Malerei geschmückt, ein groheS, mit einer matten Glasplatte geschloffencs Fenster erhellt das Tepidariunr In der Mitte strahlt ein Kohlen- decken seine Wärme aus, die Behaglichkeit des Raumes noch ver- mehrend. Es hat sich nun in der lauen Wärme ein gelinder Schweiß- ausbruch eingestellt. Wir winken einen der bereitstehenden Frictores heran und lassen uns von ihm mit Tüchern abreiben, ehe wir den nächsten Raum, das Caldarium, betreten. Wir treffen hier eine erheblich höhere Temperatur an. da das Caldarium dem Heizraum näher liegt. Kleinere Wannen, mit warmem Wasser gefüllt, stehen hier für uns bereit, auch größere Wannen, welche mehreren Per- sonen Raum.bieten, finden sich hier. Das Caldarium ist um die Hälfte länger als breit, an der einen Schmalseite stehen die Wannen. Der Wanne entstiegen, gehen wir nach der entgegengesetzten Schmal- feite des Raumes, wo wir in einer halbrunden Nische das Labrum finden. Von oben her wird es durch ein Glasfenster erhellt, da es von Badenden stets dicht umlagert ist. Das Labrum ist ein flaches, mit kaltem Wasser gefülltes Becken. Die Badediener begießen uns hier mit kaltem Wasser, das sie mit Schöpfkellen dem Labrum cnt- nehmen. So vorbereitet, können wir nun den Raum für das kalte Bad, das Frigidarium, betreten. Wir gehen in das kalte Schwimm- bassin und erfreuen uns an der harmonischen, erfrischenden Körper- bewegung. Sollte uns das Wasser hier zu kalt sein, so dürfen wir auch die Piscina der Palästra benutzen, welche unter freiem Himmel liegt und daher von den Sonnenstrahlen erwärmt wird. Nach dem kalten Schwimmbade lassen wir uns von den Destrictores mit Tüchern gründlich abreiben. Ein Sklave hat uns inzwischen unser Badcgcrät, Striegel und Salbfläschchen, gebracht, und wir lassen uns zum Ueberfluß auch noch die Haut mit den Strigiles bearbeiten. Nun übernehmen uns die Unctores, welche unsren Körper mit wohl- riechendem Oel einreiben. Erfrischt und neubelebt kleiden wir uns an, und machen noch einen Rundgang durch die Thermen. In der Palästra schauen wir den gymnastischen Ucchungen zu, oder wir gesellen uns zu einer andächtigen Schar, welche ein soeben aus Griechenland eingetroffenes Kunstwerk betrachtet und kritisiert. Dort hören wir einen Dichter seine neuesten Gedichte vorlesen, wir treten heran, um auch mitzugenicßen, doch die Verse sind so schlecht, daß wir es vorziehen, schleunigst die Thermen zu verlassen.— Völkerkunde. — lieber die B ak o ss i in Kamerun berichtet RegicrungS- assessor Steinhaufen im„D. Kol.-Bl.":„Die Bakofsi sind ein groß gewachsener intelligenter Menschenschlag und anscheinend sehr friedliebend. Die Dörfer machen einen sehr sauberen und freundlichen Eindruck, die Straßen sind gerade, regelmäßig und sehr sauber gehalten. In der Mitte der Dörfer befindet sich die meist als Palaverhaus benutzte Fetischhütte mit einem Baum davor. Die Hütten sind für Männer viereckig, für Weiber rund mit einem spitzen Dach, gefällig aus Raphiapalmen erbaut und mit Matten bedeckt. Die Bakossi bauen außer Plantanen noch Koko, Bohnen und etwas Mais. Ihren Haupterwerbszweig bildet die Viehzucht. Man sieht sehr schönes, verhältnismäßig großes, gut genährtes Rindvieh. daneben viel Schafe. Ziegen und Schweine. Für das Kleinvieh befinden sich hinter den Hütten kleine auf Pfählen gebaute Ställe. Das Rindvieh zieht sich gewöhnlich des Nachts an die Dörfer heran und übernachtet im Schutze der Hütten; tagsüber geht es auf die Weide. In gewissem Sinne findet Fruchtwechsel statt, indem das zu Farmen benutzte Land im nächsten Jahre zur Viehweide liegen bleibt und die Farmen nun im vorjährigen Weidelande angelegt werden. Der Bakossi bewahrt über die Zahl des ihm gehörigen Viehes das größte Stillschweigen. Zu diesem Zwecke hat er auch nie sein eignes Vieh bei sich, sondern verstellt es in andre Dörfer, während er selbst fremdes Vieh dafür in Verwahrung nimmt. So ist es selbst im eignen Dorfe nicht bekannt, ob und wie viel Vieh, namentlich Rind- vieh, ein jeder hat. Als Entgelt für die Aufsicht über das eingestellte Vieh wird je das vierte Junge gewährt. Die männlichen Tiere werden im allgemeinen nach V, bis 0/, Jahren verkauft oder ge- schlachtet. Jedes Dorf hält sich nur einen Zuchtbullen. Weibliches Vieh wird nur im größten Notfalle verkauft. Die Rinder werden zu unverhältnismäßig hohen Preisen von den Balungleuten aufgekauft, die es als Heiratsgut brauchen. Die Bakossi bezahlen ihre Frauen nicht mit Vieh, sondern mit Ware im Werte von 40 bis 50 Mban= 200 bis 250 Mark.— Aus dem Tierleben. — Die Städte der kurzschwänzigen Sturm- t a u ch e r. Im vorigen Jahre, so erzählt der„Revue Scientifique" folgend der„Prometheus", begegnete ein Dampfer, der von Tasmanien nach Australien ging, einem Schwärm kurzschwänziger Sturmtaucher, der 20 Kilometer lang war. Sie bedeckten in weiter Fläche die Oberfläche des Meeres, um ihre Nahrung zu suchen, und so weit der Blick reichte, sah man nichts als diese Sturmtaucher. Sie begeben sich in solchen Schloärmen, trotz der eifrigen Jagd, die man nach ihren Eiern und Dunen- federn macht— wobei 25 Vöyel ihr Leben lassen müssen, um ein Pftmd Dunen zu liefern—, m bestimmter Jahreszeit regelmäßig nach gewissen Inseln, wo sie ihre Nester graben, und es scheint, als ob sie meist ihren vorjährigen Nestbau wieder aussuchen. Der englische Reisende, dem wir diese Beobachtungen verdanken, berichtet, daß sie dort schon einige Wochen vor der eigent- Verantwortl. Redakteur- Julius Kaliski in Berlin. lichen Nistzeit einen Besuch machen, um das alte HauS auszubessern oder, wenn nötig, ein neues anzulegen. Das Nest ist nämlich ein gangartiger Erdbau, und die einander sehr genäherten Nisthöhlen gleichen in ihrer Gesamtheit unterirdischen Städten. Auf dem Kap Wollemai der Phillip-Jnsel an der Südkiiste von Victoria findet man eine sehr schöne Sturmtaucher-Stadt, die mehrere tausend Wohnungen umfaßt. Der ganze Boden von mehreren Hektaren Sandfläche ist von den Erdröhren wie ein Sieb durch- löchert, er macht den Eindruck eines riesigen Schwammes. Aber diese Städte sind viel länger als breit, denn die Erdgänge finden sich nur am Ufer und nur selten wagt der Swrmtaucher, 150 bis 200 Meter landeinwärts zu bauen. Die Städte bilden dem- nach Streifen, die den Einbuchtungen und Ausbuchtungen der Küste folgen. Natürlich können die Vögel nicht wahllos jeden Boden zur An- siedlung brauchen. Derselbe muß locker genug sein, damit sie darin graben können, und fest genug, um nicht während der Benutzung ein- zustürzen. Die Erdgänge bilden Löcher von 0,3 bis 3 Meter Tiefe, Röhren von schräger Richtung, aber ohne Bogen oder Windungen, so daß es leicht ist, das Ei mit einer Krücke herauszuholen. Im Grunde des Loches bilden ein wenig trockenes Gras, Algen, Blätter und Federn eine kleine, dürftige Unterlage, auf welche das Weibchen sein einziges, längliches, weißes Ei von der Größe eines Enteneies legt. Die Sturmtaucher leben in pflichtgetreuer Mono- gamie; das Weibchen bebrütet sein Ei zunächst eine Woche lang, dann tritt das Männchen für einen ebenso langen Zeit- räum an seine Stelle, und so cjeht es abwechselnd während der sechs Wochen der Briitezeit. Am Tage fliegt der Gatte, welcher zur Zeit keinen Nestdicnst hat, zum Meere; er verläßt die gemeinsame Wohnung schon vor Sonnenaufgang, ver- bringt den ganzen Tag Nahrung suchend auf dem Meere und kehrt erst zur Stacht zurück, um die Nachtruhe iin Nest zu genießen. Es scheint nicht, als ob er Nahrung mitbringt, der diensthabende Gatte muß vielmehr eine Woche fasten, bis wieder die Reihe zur Jagd auf dem Meere an ihn kommt... Humoristisches. — Sparsam. Kunstmalers- Gattin:„Aber Fritz, streich' doch die Butter nicht so dick aufs Brot— das ist doch keine Leinwandl'— — Bescheiden. Sie:„Hier will ich Dir ewige Liebe und Treue schwören I"— E r:„Weißt Du, Else, das kann ich nicht verlangen bei der un- sicheren Zukunft, der ich entgegengehe.... Schwöre mal vorläufig auf drei Jahre I"— — Sehr wahrscheinlich. Stimme aus dem Publikum:„Sie, Ihre Wilden sind aber zahm, die können doch unmöglich echt sein I" Budenbesitzer:„So— da kommen Sie'mal morgen in der Früh, wenn die Kerls einen Vorschuß haben woll'n!"—(„FliegcndeBlätter.") Notizen. — Im Theater des Westens findet im Laufe der nächsten Spielzeit die Uraufführung einer Oper des Italieners S a l v a t o r i statt, die den Titel„Die Eumeniden" trägt. Die Uebersetzung des Textes rührt von Ludwig Hartmann her.— „Fräulein Julie", Strindbergs von der pre-ißischen Censur verbotenes naturalistisches Trauerspiel, wurde im H a m- burger Carl Schnltze-Theater mit geringem Erfolg zum erstenmal gegeben.— — Ein neue? Schlierseer Bauern-Ensemble. das vorzugsweise Stücke von A n z e n g r u b e r aufführen will, ist in der Bildung begriffen. Die Gründer sind Michael und Anna Dengg.— — Detlev v. Liliencron wird demnächst einen neuen Cyklus seines Poggfred-Gedichtes erscheinen lassen.— — Im Rainer-Museum zu Wien fand man ein Bruch- stück eines griechischen Geschichtsschreibers aus dem vierten Jahrhundert v. Chr., das den kleinasiatischen Feldzug des Chares schildert; in Oxford wurden Reste einer Biographie des Alcibiades entdeckt.— — Die botanischen Sammlungen der Sverdrup- schen Expedition von 1893—1902 umfassen nach eincin vor- läufigen Bericht von H. G. S i m m o n s, dem Botaniker der Expedition, ungefähr 50 000 Exemplare, die einen vollständigen Ueberblick über die Flora der von Sverdrup besuchten Gebiete gestatten werden.— — In den griechischen Gewässern ist bisher nie nach Korallen gefischt worden. ES giebt dort Korallenbänke an den Küsten von Kerkyra und Jthaka in einer Tiefe von 30— 45 Metern, von Kephellonia und Rheion in ähnlicher Tiefe, bei Kythera von 60— 140 Metern und bei Kreta von 50 Metern. Die Tiefen bei Spetzae, Andros, Euböa, Skiathos, Skyros, Tinos und Mykenos zeigen die Zahlen von 45— 100 Metern. Die griechische Regierung will nun die Korallcnfischerei einführen und hat zu diesem Zwecke italienische Korallenfischer nach Griechenland kommen lassen.— — Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW